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Vom Rechtsstaat und vom Volk

Offenkundig hat „Volk“ einen Doppelsinn

Der Süddeutschen Zeitung, dem Autor Andreas Zielcke,  verdanke ich eine klärende Analyse der Situation in Polen, wo kürzlich unter großem Beifall erklärt wurde: „Das Recht ist eine wichtige Sache, aber es ist kein Heiligtum. Über dem Recht steht das Wohl des Volkes. Wenn das Recht dieses Wohl stört, dann dürfen wir es nicht als etwas ansehen, das wir nicht verletzen und ändern können.“ – Für den Rechtsstaat „furchterregende Worte“ (Zielcke).

ZITAT

Das Volk, das die Verfassungstexte unterstellen, meint die Gesamtheit der Bürger als Souverän, der sich selbst seine Gesetze gibt. In diesem demokratischen Sinn ist ein Volk eine Rechtsgemeinschaft – eine Gemeinschaft von Freien, die sich ihre Freiheit und Würde gegenseitig unwiderruflich anerkennen. „Volk“ versteht sich hier, bei all seiner respektierten kulturellen und historischen Besonderheit, als rechtlich verfasstes Gebilde, nicht als bloß naturwüchsig zusammengewürfeltes oder auch zusammengewachsenes Kollektiv.

Das so als Rechtsgemeinschaft verstandene Volk kann sich nie über Recht und Freiheit erheben. Keiner lieferte das Veständnis der rechtlichen Selbsterzeugung und Selbstbindung von Volk und Nation so früh wie Charles de Montesquieu mit seiner Verknüpfung von Gesellschaftsvertrag und Gesetzesherrschaft. Keiner aber gab sie so früh dem Missverständnis preis wie Jean-Jacques Rousseau mit seiner Verabsolutierung der volonté générale – wenn man dieses „Gemeinwohl“, das nach Rousseau bedingungslose Unterwerfung verlangt, als „Volkswohl“ interpretiert.

Genau das tut jede autoritäre Herrschaft. Unter einer solchen Herrschaft entfaltet der Begriff „Volk“ seinen zweiten Sinn, jetzt verstanden als historisch gewachsene – ethnische, sprachliche – Einheit, die alle Partikularwillen zu einem schicksalhaften Ganzen vereint. Von Bolivien über Russland bis Singapur beruft sich jedes autokratische Regime auf ein so begründetes Gesamtwohl des Volkes, gegen das kein Widerspruch legitim ist. mit der Maxime, „über dem Recht steht das Wohl des Volkes“, hat der Redner im polnischen Parlament die absolutistische volonté générale treffend benannt.

Quelle Süddeutsche Zeitung 23. Dezember 2015 Seite 11 Der missbrauchte Souverän Über dem Recht steht das Volk, tönt Polens Regierungspartei. Nationalisten in ganz Europa sehen das genauso. Warum die „Volksherrschaft“ der grösste Feind der Demokratie ist. Von Andreas Zielcke.

Wir sind das Volk? – Wer ist das Volk?

Einen Ansatzpunkt zum Nachdenken geben die folgenden Ausführungen im Wikipedia-Artikel:

Seit Beginn der Neuzeit wird gemeinhin auch eine Gesellschaft oder Großgruppe von Menschen mit gleicher Sprache und Kultur ein Volk genannt. Dieser Volksbegriff ist emotional und politikideologisch hoch aufgeladen: Die Zugehörigkeit zu einem Volk hat dabei neben objektiven Faktoren (wie kulturelle Verwandtschaft, gleiche Sprache und politische Schicksalsgemeinschaft) auch eine subjektive Komponente im „Sich-Bekennen“ zu einem Volk. […] So haben sich viele in Deutschland lebende Juden vor ihrer Verfolgung als Deutsche gefühlt. Dieser herkömmliche Begriff des Volkes bezeichnet nicht exakt eine bestimmte Kombination der genannten Merkmale, sondern hat einen Bedeutungsspielraum, innerhalb dessen keiner der objektiven Faktoren allein ausschlaggebend und keiner unter allen Umständen unentbehrlich ist. In diesem Sinne wird Volk als populäres Synonym zum Fachbegriff der Ethnie verwendet.

In der Soziologie und Ethnologie wird die Bezeichnung Volk (im Singular) hingegen seit Mitte des 20. Jahrhunderts entweder komplett durch Ethnie ersetzt oder als klassifizierender Überbegriff für mehrere Ethnien verwendet, die sich als Gesamtgesellschaft verstehen. Ansonsten wird in der Fachliteratur nur noch von Völkern (im Plural) gesprochen, wenn spezielle Gruppierungen benannt werden (etwa Hirtenvölker, indigene Völker, sibirische Völker u. ä.).

Ein Volk im Sinne von Staatsvolk besteht hingegen aus der Gesamtmenge der Staatsbürger und ihnen staatsrechtlich gleichgestellter Personen, es bildet dessen Demos (griechisch δῆμος ‚Gemeinde, Volk‘) als Grundlage der Demokratiee. Die ethnische Herkunft von Bürgern eines Staates ist dabei rechtlich unerheblich, während ein Volk im ethnischen Sinn nicht unbedingt einen eigenen Staat haben muss, in dem es die Mehrheit der Bevölkerung bildet (Vielvölkerstaat). Diese Definition war seinerzeit maßgeblich für die Entstehung von Nationalstaaten mit ihrem Anspruch, dass jeder Bewohner des Staatsterritoriums mit Bürgerrecht seiner „Nation“ angehören müsse.

Quelle Wikipedia-Artikel „Volk“  HIER   (Im Zitat wurden Anmerkungen und Verlinkungen zugunsten besserer Lesbarkeit weggelassen.)

Der folgende Satz stammt aus dem Wikipedia-Artikel „Staatsvolk„:

Entscheidend für die Zugehörigkeit zum „Deutschen Volk im Sinne des bundesdeutschen Grundgesetzes“ ist also primär der rechtliche Status als Staatsbürger und nicht die Zugehörigkeit zu einem Volk oder Volksstamm, etwa im ethnischen oder soziologischen Sinne. Eingebürgerte Migranten nichtdeutscher Ethnie gehören somit zur bundesdeutschen Bevölkerung und können sich daher unter anderem an Wahlen beteiligen, ohne dass dadurch ein Widerspruch zum Grundgesetz bestehen würde.

Vom Dilemma der Demokratie

Biologie oder Philosophie?

Es ist kein Zufall, dass das scheinbar natürliche menschliche Zusammenleben nur dank künstlichster Konstruktionen katastrophenfrei funktioniert. Wenn überhaupt … (die Grundgedanken lassen sich genauso in einer alten Solinger Hofschaft wie in einem Berliner Plattenbau, in einem Dorf auf Sri Lanka oder einer Metropole der Antike nachvollziehen. Ich denke zum Beispiel an die Gruppe der Häuser 6 bis 34 unmittelbar neben oder vor mir, die durch eine eigene Verwaltung zusammengefasst sind).

Ich erlaube mir, etwas weiter auszuholen: einmal bei unseren Vorfahren vor drei Millionen Jahren, dann bei Immanuel Kant im Jahre 1795. (Siehe auch hier). Beides beruht nicht auf meinen eigenen Recherchen, der eine Punkt auf dem neuen Buch des Evolutionsforschers E.O. Wilson, der andere auf dem großen ZEIT-Artikel von Thomas Assheuer (vor zwei Wochen). Mein Eigenanteil besteht nur darin, diese beiden Punkte gegen- oder miteinander abzuwägen. keinesfalls will ich behaupten, dass mir das Problem seit 60 Jahren sonnenklar ist. Es dämmert erst.

Huxley 1955  Kant Vom ewigen Frieden

ZITAT (2015)

Bis vor drei Millionen Jahren waren die Vorfahren des Homo sapiens überwiegend Pflanzenfresser; wahrscheinlich zogen sie in Gruppen von Ort zu Ort, wo sie Früchte, Wurzeln und andere pflanzliche Nahrung sammeln konnten. Ihre Gehirne waren unwesentlich größer als die des modernen Schimpansen. Erst vor einer halben Million Jahre unterhielten Gruppen der vormenschlichen Art Homo erectus Lagerstätten mit kontrolliertem Feuer – also einen „Nistplatz“ -, von denen aus sie auf Futtersuche auszogen und mit Nahrung zurückkamen, darunter ein erheblicher Fleischanteil. Ihr Gehirn war auf eine mittlere Größe zwischen dem des Schimpansen und dem des modernen Homo sapiens angewachsen. Begonnen hatte dieser Trend wohl ein oder zwei Millionen Jahre zuvor, als der frühe vormenschliche Vorfahre Homo habilis in seiner Ernährung mehr und mehr auf Fleisch setzte. Als sich dann Gruppen auf einer gemeinsamen Lagerstätte zusammenfanden und ein zusätzlicher Vorteil aus kooperativem Nestbau und gemeinsamer Jagd entstand, nahm die soziale Intelligenz zu, und zugleich wuchsen die Zentren für Gedächtnis und logisches Denken im präfrontalen Cortex an.

Wahrscheinlich kam es zu diesem Zeitpunkt in der Ära des Homo habilis zu einem Konflikt zwischen der Selektion auf individueller Ebene, bei der Individuen mit anderen Individuen derselben Gruppe konkurrieren, und der Selektion auf Gruppenebene, bei der verschiedene Gruppen miteinander konkurrieren. Die Gruppenselektion förderte Altruismus und Kooperation unter den Mitgliedern derselben Gruppe; es entwickelte sich ein in der gesamten Gruppe angeborenes Moralempfinden, ein Sinn für Gewissen und Ehre. Der Wettstreit zwischen diesen beiden Selektionskräften lässt sich in etwa so darstellen: Innerhalb der Gruppe gewinnen Egoisten gegen Altruisten, aber Gruppen von Altruisten gewinnen gegen Gruppen von Egoisten. Oder sehr stark vereinfacht: Die Individualselektion förderte die Sünde, die Gruppenselektion dagegen die Tugend.

Das führte schließlich zu dem ewigen Konflikt des Menschen, eine Folge aus der vorgeschichtlichen Multilevel-Selektion. Wir schwanken in wenig stabilen, sich ständig verändernden Positionen zwischen beiden Extremkräften, die uns erschaffen haben. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir uns einer davon ganz unterstellen und damit die Ideallösung für unseren politisch-sozialen Grabenkampf finden. Würden wir ganz den instinktiven Bedürfnissen nachgeben, die sich aus der Individualselektion ergeben, so hätte das die Auflösung der Gesellschaft zur Folge. Überlassen wir uns dagegen der Gruppenselektion, so würden wir zu engelsgleichen Robotern – einer Art übergroßer Ameisen.

Der ewige Konflikt ist keine Versuchung, mit der Gott die Menschheit auf die Probe stellt, und genauso wenig das Machwerk des Teufels. Es ist einfach nur eine Entwicklung, die sich so ergeben hat. Vielleicht war es nur mit diesem Konflikt möglich, dass sich im Universum Intelligenz auf der Höhe des menschlichen Verstands und spziale Gefüge überhaupt herausbilden konnten. Irgendwann werden wir einen weg finden, mit unserem angeborenen Konflikt zu leben, und vielleicht erfreuen wir uns sogar daran, weil wir ihn als Urquell unserer Kreativität erkennen.

Quelle E.O. Wilson: Der Sinn des menschlichen Lebens / Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke / Verlag C.H. Beck München 2015 / ISBN 978 3 406 681707 (Zitat Seite 31 ff)

Und nun – nach dem Naturwissenschaftler und (nicht zu vergessen:) Ameisenforscher Wilson – der Philosoph Immanuel Kant, in der Darstellung von Thomas Assheuer:

Kant war Aufkärer, aber kein Träumer. Schwärmer mochte er nicht. „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Torheit, Eitelkeit, Herrschsucht und Zerstörungslust gehörten zum Menschen dazu, dieser habe nun einmal einen „hang zum Bösen“, später sprach Kant gar vom „radikal Bösen“. Eine tiefe „Unvertragsamkeit“ präge den Menschen, eine „ungesellige Geselligkeit“.

Diese „ungesellige Geselligkeit“ bedeutete: Die Menschen können einander nicht leiden und mögen doch nicht voneinander lassen. Sie ziehen sich in die „Vereinzelung“ zurück – und spüren zugleich ein Ungenügen an ihr. Deshalb suchen sie Gesellschaft und geben sich eine gemeinsame Ordnung, genauer: eine Rechtsordnung, in der alle Mitglieder ihre schöpferischen Anlagen in Freiheit entfalten können. Die dialektische Pointe lautete also: Es ist die soziale „Unvertragsamkeit“, die die Menschen dazu bringt, sich eine republikanische Verfassung zu geben. Dabei sind die Bürger der Kantschen Republik zugleich Urheber wie auch Adressaten ihrer Gesetze, einen König von Gottes Gnaden brauchte es nun nicht mehr. Der König konnte gehen, die Bürger machten das jetzt selbst.

„Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür der anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit vereinigt werden kann.“

Das war Kants berühmte republikanische Verfassung, seine genial einfach demokratische Idee. 1795 schießt ihm dann dieser atemberaubende Gedanke durch den Kopf: Wenn sich die einzelnen Bürger durch den freine Gebrauch ihrer Vernunft eine rechtliche Ordnung geben können – warum soll das den „unvertragsamen“ Nationen untereinander nicht auch gelingen? Gewiss, noch befinden sich die Völker im wilden Naturzustand und führen Krieg gegeneinander, doch das dürfe nicht das letzte Wort der Geschichte sein.

Eines Tages, so prophezeit er in seiner Altersschrift unter dem ironisch gemeinten Titel Zum ewigen Frieden , würden die Völker ihres Leides überdrüssig, gäben „ihre wilde (gesetzlose) Freiheit auf“ und fänden weltweit zu einem „Föderalismus freier Staaten“ zusammen. Und wieder befördert der Antagonismus der Menschen den Frieden des Rechts: „Die Natur hat also die Unvertragsamkeit des Menschen, selbst der großen Gesellschaften und Staatskörper (…), wieder zu einem Mittel gebraucht, um in dem unvermeidlichen Antagonismus derselben einen Zustand der Ruhe und Sicherheit auszufinden (…): aus dem gesetzlosen Zustande der Wilden hinaus zu gehen, und in einen Völkerbund zu treten: wo jeder, auch der kleinste, Staat seine Sicherheit und Rechte (…) erwarten könnte.“

Quelle DIE ZEIT 3. Dezember 2015 Seite 49 f Was nun Herr Kant? Er war der Philosoph der Vernunft und des Friedens. Warum er gerade in Kriegszeiten aktuell ist. Von Thomas Assheuer.

(Fortsetzung folgt)

Hinzuzufügen wäre, dass heute offenbar in Paris der Durchbruch eines ersten weltweiten Konsenses – also unter Beteiligung aller Völker – gefeiert werden darf. Man kann es kaum glauben, aber es wäre ein historischer Tag. Nicht den Frieden betreffend, aber immerhin eine gemeinsame Zukunft: das Weltklima.

Nachtrag 15.12.2015

Und dem wiederum wäre heute z.B. hinzuzufügen, was ich soeben in der SZ las:

Eigenwillig erscheint, dass Schellnhuber gerade die wachstumsbegeisterte Angela Merkel von seiner ständigen Politikerschelte ausnimmt. Schließlich ist Deutschland von den Pro-Kopf-Emissionen her alles andere als ein Klimavorreiter. Und auch die angeblichen Emissionsreduktionen seit 1990 sind in Wahrheit Emissionsverlagerungen, weil unsere Konsumgüter eben zunehmend aus den Schwellenländern stammen. Trotz aller technischen Alternativen zu Kohle und Öl könnte darum außer Technik auch ein genügsamerer Lebensstil nötig sein.

Quelle Süddeutsche Zeitung 15.12.2015 Seite 15 Die Klima-Welt aus Forschersicht Hans Joachim Schellnhubers Buch zum Pakt von Paris. / Von Felix Ekardt

Falls Sie diesem letzten Link nachgegangen sind und Ihnen ein Wikipedia-Banner aufgedrängt wurde: auch dazu gibt es heute einen SZ-Artikel (Seite 20), dessen Überschrift schon einiges aussagt:

Wikipedia erzürnt die Basis Ein Banner auf der Webseite wirbt jährlich mit immer höheren Spendenzielen – dabei hat das Online-Lexikon keine Geldsorgen. Im Grundsatz geht es um die Frage, wie viel Geld eine Freiwilligen-Organisation einnehmen darf. Von Angela Gruber.

Kein Krieg, – nur Terrorismus

Was man „tun“ kann: Bei sich bleiben, Normalität bewahren.

ZITAT

Der Terror des IS gedeiht dort, wo alles andere Wüste ist. Nachdem autokratische Systeme wie Ägypten oder zerfallene Staaten wie der Irak und Syrien ihre Wirtschaft sterben ließen, waren Millionen junger Männer immer noch da. Und wütend. Und ohnmächtig. Diese Ohnmacht ist heute das dominierende Gefühl der arabischen Welt. Die Ohnmächtigen wollen es den Mächtigen heimzahlen.

Der Terrorismus des IS soll überraschen, Angst erzeugen, schockieren, und all das tut er. Aber er ist, jedenfalls außerhalb Syriens und des Iraks, kein Krieg, schon gar kein Dritter Weltkrieg, sondern immer noch lediglich Terrorismus. Der IS ist nicht in der Lage, unsere Staaten zu gefährden. Er kann auch nicht, so wie der Klimawandel, langfristig die Menschheit bedrohen. Das Handwerk des Terrorismus allerdings beherrscht er, und das ist bedrohlich genug. Wenn wir verstanden haben, wer der Gegner ist, können wir handeln.

Quelle DER SPIEGEL  48/2015 19. November 2015 Seite 8 Leitartikel „Die wehrhafte Demokratie. Terrorismus führt nicht in den Weltkrieg, ist aber eine Gefahr. Was wir tun können.“ Von Klaus Brinkbäumer.

ZITAT Eva Illouz:

Die Attentate zielen auf Zivilisten als Symbole des Westens, nicht als Angehörige einer bestimmten Nation. Einen Franzosen anzugreifen ist so gut, wie einen Amerikaner anzugreifen: Beide symbolisieren Unreinheit (in einer offiziellen Erklärung des „Islamischen Staats“ hieß es, es hätten „acht Brüder […] Hunderte von Götzendienern […] auf einer Party der Perversität angegriffen – in ihren Worten verwandelte sich Paris in „die Stadt der Perversion und Obszönität“). Rockmusik im Bataclan, ein Fußballspiel zwischen den friedlich zusammenarbeitenden und sich austauschenden Nationen Deutschland und Frankreich, Meinungsfreiheit, die von einer Satirezeitung symbolisiert wird, vergnügliche Stunden mit Freunden in einem Restaurant, all dies sind die zentralen heiligen Werte des Westens (Genuss, Konsum, Individualismus, Freiheit). Und genau als solche, als die sakrosankten Werte einer ganzen Kultur, wurden sie auch ins Visier genommen.

Darüber hinaus sehen sich die IS-Kämpfer in einem täglichen Krieg mit dem Westen. Für Europäer aber, die mit ihrem guten Leben beschäftigt sind, ist der IS nicht mehr als ein Nachrichtenereignis.

Quelle DIE ZEIT 19. November 2015 Seite 51 Lasst sie nicht gewinnen Wer wissen will, wie mit einem feindlichen Umfeld zu verfahren ist, schaue nach Israel. Von Eva Illouz.

ZITAT Herfried Münkler

Der Kampf gegen den Terrorismus muss im Modus der politischen und gesellschaftlichen Normalität geführt werden, wenn der selbst zugefügte Schaden mittelfristig nicht größer ausfallen soll als der durch terroristische Anschläge.

Damit kommt ein weiteres Problem ins Spiel, dass es sich nämlich bei den jetzt angegriffenen Gesellschaften Europas – wenn wir die Pariser Anschläge als exemplarische Attacke auf den (west-)lichen Lebensstil begreifen – um postheroische Gesellschaften handelt, Gesellschaften also, in denen die Überwindung des Opfermotivs als gesellschaftlich-politischer Lernerfolg begriffen wird. Dass wir die innergesellschaftlichen wie innerstaatlichen Verhältnisse im Modus des Tauschs und nicht in dem des sakrifiziellen Opfers organisieren, wird von uns als zivilisatorischer Fortschritt begriffen, den wir nicht rückgängig machen wollen und vermutlich auch nicht können. Die in diesem Fall weniger strategische als symbolische Herausforderung durch den Terrorismus besteht in der demonstrativen Bereitschaft der Attentäter zum Selbstopfer. Neben den eigenen Opfern ist es diese Form der Selbstsakrifizierung, die uns erschüttert und das Gefühl von Wehrlosigkeit auskommen lässt. Die erste Linie des Gegenhandelns angesichts der terroristischen Herausforderung besteht also darin, dass wir das Empfinden der Wehrlosigkeit und die damit verbundenen Affekte in uns niederringen, uns nicht ducken, sondern aufstehen und uns zeigen, von Kundgebungen der Trauer bis zur Fortführung des alltäglichen Lebens, so, als hätte es die furchtbaren Anschläge nicht gegeben.

Quelle DIE ZEIT 19. November 2015 Seite 49-50  Wie wir kämpfen müssen Der Terror richtet sich gegen Europa, nicht nur gegen Frankreich. Sind wir reif für eine gefahrvolle Solidarität? Von Herfried Münkler.

Nachtrag 26.11.2015

Es gibt kaum eine überzeugende Geschichte, zu der man keine überzeugende Gegendarstellung findet. Das gilt noch radikaler für Einzelsätze, so auch für die in diesem Artikel zitierten, oder für die von Bert Brecht und Philipp Ruch des Artikels In finsteren Zeiten. Dennoch ist nicht alles gleichermaßen wahr (oder gleichermaßen egal). Gestern in der Süddeutschen Zeitung:

… man wundert sich dann doch, dass die, die nun für die Pariser Opfer zu sprechen glauben, so inständig betonen, dass die Ermordeten doch nur ein wenig Spaß haben und feiern wollten, einfach ein bisschen das Leben genießen, fast als wollten sie ihnen noch ins Jenseits nachrufen, sie seien im Schlaf ermordet worden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Nicht die Lebensart, die vermeintlich attackiert wurde, nicht der Spaß, nicht das Feiern sind das Problem. Das Problem ist auch nicht das recht exklusive „Wir“, das hier seine Lebensart einklagt und das vermutlich mehr von „Freiheit“ als von „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ versteht. Das Problem ist das unglaubliche Staunen, das Nicht-wahrhaben-Wollen, dass auch wir, die doch nur das Leben im Diesseits genießen wollen, in dieser Welt leben, und dass diese Welt eine einzige Welt geworden ist, unteilbar, ohne Grenzen, globalisiert eben auch in Sachen Gewalt, Unterdrückung, Verfolgung.

Quelle Süddeutsche Zeitung 25. November 2015 Seite 12 Europa hat genug geschlafen Über die unerträgliche Illusion, man solle bitte lieber nicht vom Krieg sprechen / Von Stefan Weidner.

Wir kennen durchaus die Mahnung, die Zeiten seien zu ernst um Späße zu machen. Und man kann genug Fälle aufzählen, bei denen einem das Lachen vergeht. Sagt der eine: Vorsicht mit dem Wort Krieg, sagt der andere: man soll den Terror nicht verniedlichen. Sagt der erste: das habe ich nicht gesagt. Und der andere: dann nimm doch das Wort „relativieren“. Du weißt was gemeint ist.

Es sind halt Worte. Man vergesse nicht, dass die Leute, die angeblich nur gefeiert haben, vom Ernst der Kriege in aller Welt einen Begriff haben können und im Café sogar mit Sorge über die Millionen frustrierter junger Männer hier oder dort gesprochen haben.

ZITAT

Herfried Münkler etwa, der sich mit Kriegen auskennt, lobte letzte Woche in der SZ das schnelle Vergessen sogar als Haltung „heroischer Gelassenheit“. Die Menschen schlafen. Und wenn sie sterben, erwachen sie immer noch nicht.

Quelle wie zuvor

Es ist der prophetische Ton, der misstrauisch macht. Meine Oma sagte zuweilen in den ausgelassensten Momenten: Ja ja, Kinder, euch wird das Lachen noch vergehen. Ich fand das damals irgendwie unpassend. Und heute zuweilen anmaßend.

***

ZITAT

Wenn Ruch schreibt, es gelte, die gegenwärtige „Trockenphase der Weltgeschichte […] mit Schönheit zu tränken“, wird aber auch klar, dass seine Gedanken mehr um seinen Nachruhm als um das Schicksal von Flüchtlingen kreisen. Die „wirklich wichtigen Fragen“ lauten für ihn, so ehrlich ist er immerhin: „Wofür will ich einmal stehen? Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?“ Dieses Verlangen nach eigener historischer Bedeutung ist aber nur die Kehrseite der Kränkung, die Ruch allseits empfindet. In seinem Antimodernismus kommt jene „Größensucht“, ja ein unersättlicher Geltungsdrang zum Ausdruck.

Das wird noch deutlicher, wenn man sein Manifest mit anderen modernekritischen Texten vergleicht. Günther Anders etwa beklagt zwar ganz ähnlich die „Antiqiertheit des Menschen“, reagiert darauf aber nicht als Gekränkter, sondern mit der genauen Beschreibung dessen, was er „prometheische Scham“ nennt: Da die Menschen von immer leistungsfähigerer Technik umgeben seien und sich im Vergleich dazu minderwertig vorkämen, fühlten sie sich beschämt. Und so entwickelt Anders, statt sich Selbstmitleid und Dünkel hinzugeben, aus dem Schambegriff heraus eine Deutung verschiedener Phänomene des menschlichen Umgangs mit Maschinen, Medien und Massenprodukten. Das mag kontrovers sein, wirkt aber auch nach 60 Jahren ungleich lebendiger und aktueller als Ruchs Manifest.

Quelle DIE ZEIT 26. November 2015 Seite 53 Das Erdbeben der Schönheit Mit radikalen Aktionen ist Philipp Ruch zum bekanntesten deutschen Politikkünstler aufgestiegen. Jetzt legt er ein Manifest vor, das mit seinem Antimodernismus Sympathisanten verstören wird / Von Wolfgang Ullrich.

Was tun? – Vor allem dies zur neuen Lektüre bereitlegen:

Anders Antiquiertheit

Nachtrag 26.12.2016 Umgang mit Terror Interview mit dem früheren Bundesinnenminister Gerhart Baum im Deutschlandfunk, nachzulesen HIER.

In finsteren Zeiten

Baum 1 150213 x

Mit diesen Zeilen beginnt ein Gedicht, das Bertolt Brecht im Jahre 1939 „An die Nachgeborenen“ geschrieben hat:

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind!

Es lohnt sich, das Gedicht einmal wieder von Anfang bis Ende nachzulesen: „Der Neue Conrady“ Patmos Verlag, Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich 2000 (Seite 704 ff). Siehe auch bei Wikipedia hier.

Im Spiegel-Gespräch sagt der Berliner Künstler Philipp Ruch, es gehöre zu den toxischen Ideen zu behaupten, die Welt sei so groß und unübersichtlich, dass der Einzelne sowieso nichts tun könne.

SPIEGEL: Aber die Menschen tun was, sie helfen.
Ruch: Eine Minderheit. In Deutschland leben 80 Millionen Menschen. Die allermeisten stehen dem Horror an den Grenzen gleichgültig gegenüber – wie auch die politischen Eliten. Die SPIEGEL-Bestsellerliste wird angeführt von einem Buch mit dem Titel „Das geheime Leben der Bäume“. Diese Form des politischen Eskapismus ist gerade in meiner Generation leider weit verbreitet.

Quelle Der SPIEGEL 48/2015 Seite 144 f „Wir kommen aus der Apokalypse“ Die Politik habe den Sinn für das Schöne verloren, sagt der Berliner Künstler Philipp Ruch und fordert einen aggressiven Humanismus. Aber was soll das sein?

Philipp Ruch zitiert etwas später Elie Wiesel, der gesagt habe: das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

Und noch einmal sei hier Bertolt Brechts Gedicht angeführt, die letzten Zeilen:

Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

Baum 2 150213 x

Nachtrag 29.11.2015 (zur Aufhellung)

Wohlleben antwortete, sprach von „knallharter Wissenschaft“, zitierte Studien. Für die Nachrichtenverbreitung sorgten Pilze. Pilze agierten wie die Glasfaserleitungen des Internets. „Sie durchziehen den ganzen Waldboden und leiten teilweise auch elektrische Signale weiter. Sie verteilen gleichzeitig auch Zuckerlösungen. Ein Teelöffel Walderde enthält mehrere Kilometer dieser hauchdünnen Fäden.“ „Wood Wide Web“ heißt diese Vernetzungsstruktur, ein Begriff aus der Wissenschaft, nicht von Wohlleben. Bäume, sagt er, könnten sogar zählen. Im März gebe es ja schon einige sehr warme Tage, aber die Bäume würden mit dem Austreiben trotzdem warten. Weshalb? Möglicher Spätfrost. „Die Technische Universität München hat festgestellt, dass die Bäume die Anzahl der Tage über zwanzig Grad zählen. Erst wenn eine bestimmte Anzahl überschritten ist, treiben sie aus.“

Quelle Frankfurter Allgemeine online 29. November 2015 Bäume sind so tolle Lebewesen
Peter Wohlleben ist Deutschlands berühmtester Förster, sein Buch über „Das geheime Leben der Bäume“ steht seit Monaten auf der Bestsellerliste. Der Hype findet kein Ende. Wohlleben sei ein Baumflüsterer, heißt es. Aber stimmt das? / Von MELANIE MÜHL

Anlässlich der Han-Lektüre

„Topologie der Gewalt“

Es gibt Schwierigkeiten, die eine philosophische Lektüre behindern, nur weil man die Möglichkeiten des Internets nicht nutzt. Manch einem erscheint es vielleicht anachronistisch, sich mit einem Buch vor den Computer zu setzen, mir durchaus nicht.

Wie soll ich denn das Wissen kompensieren, das Byung-Chul Han offenbar voraussetzt? Vielleicht auch nur, weil es ihm durch die Arbeit an seinem Thema derartig geläufig geworden ist. Und es finden sich zwar allerhand Anmerkungen, die dem wissenschaftlichen Anspruch genügen, aber keine Ermunterungen, die der unorthodoxen Selbsthilfe bei gedanklicher Arbeit zugute kämen. Das Gegenteil durchaus:

Auch die neuen Medien und Kommunikationstechniken verdünnen das Sein zum Anderen. Die virtuelle Welt ist arm an Andersheit und deren Widerständlichkeit. In den virtuellen Räumen kann sich das Ich praktisch ohne das ‚Realitätsprinzip‘ bewegen, das ein Prinzip des Anderen und des Widerstandes wäre. In den imaginären Räumen der Virtualität begegnet das narzisstische Ich vor allem sich selbst. Die Virtualisierung und die Digitalisierung bringen das Reale immer mehr zum Verschwinden, das sich vor allem durch seine Widerständlichkeit bemerkbar macht. Das Reale ist ein Halt in seiner doppelten Bedeutung. Es bewirkt nicht nur Unterbrechung oder Widerstand, sondern auch Halt und Rückhalt.

Quelle Byung-Chul Han: Topologie der Gewalt / Verlag Matthes und Seitz Berlin 2011 (Seite 45f)

Das ist schön und belehrend, verstärkt mich allerdings in einem Widerstand, der mir bei der Lektüre des Buches hinderlich ist, so reizvoll widerständig und wenig zielführend er sich auch anfühlt. Ich muss einen schnellen Begriff finden für bestimmte Grundgedanken und deren Urheber, die für Hans Gedankengänge eine wesentliche Rolle spielen. (Daher die schrittweise nachgetragenen Klicks, die eine Information ermöglichen, wie oberflächlich auch immer.)

Das wären im ersten Teil, Kapitel 2 René Girard, Kapitel 3 Sigmund Freud, Richard Sennett und Alain Ehrenberg, Kapitel 4 Carl Schmitt, Walter Benjamin und Giorgio Agamben.

Im zweiten Teil, Kapitel 1 Galtung, Bourdieu und Žižek, deren Vornamen – wie auch sonst – wir nicht erfahren, Kapitel 2 Foucault und wiederum Agamben. Kapitel 3 Baudrillard, Kapitel 5 Lévinas und Serres, Kapitel 6 Deleuze und Hegel, Kapitel 7 Hardt und Negri, Kapitel 8 Agamben und sein „Homo sacer“ mit einer ausführlichen, kleingedruckten Erläuterung.

Schon Seite 14 begegne ich dem „Muselmann“, mit dem ich nichts anfangen kann, es sei denn in Erinnerung an einen blöden Kanon oder ich schaue ins Internet. Oder ich springe zufällig in den Schluss des Buches (Seite 167), wo zu lesen ist:

Die Muselmänner sind die total entkräfteten, ausgemergelten und apathisch gewordenen Lagerhäftlinge.

Allerdings habe ich mich gerade kundig gemacht, nämlich unter dem Stichwort https://de.wikipedia.org/wiki/Muselmann_%28KZ%29, also hier. Wie auch zu all den Namen, sofern sie mir nicht ganz geläufig waren, und genau das werde ich jetzt oben nachtragen. Mir scheint unterdessen, dass Han weitestgehend Agamben folgt, insbesondere dessen Homo – sacer – Projekt, in dem auch die meisten von jenem genannten Namen auftauchen. (Dazu siehe auch hier – homo sacer – sowie hier – Zwölftafelgesetz der Römer – und schließlich, noch einmal auf Agamben bezogen, hier.)

Und was die islamistische Gewalt betrifft, die uns gerade in Paris erschüttert hat, sollte man sie nicht mit der verwechseln, die den „Muselmännern“ angetan worden ist.

Gewalt in der Gestalt des Terrors, der uns vor allem sinnlos erscheint, weil er nicht unmittelbar zu einer Ausweitung von Macht auf der einen Seite führt, sondern nur zu einem Bewusstsein der Ohnmacht auf der anderen Seite, ist offenbar nicht Gegenstand dieses Buches. Ein einziges Mal wird das Thema berührt, das im Augenblick zur gründlicheren Erarbeitung des Phänomens führen könnte, auf Seite 155 f:

Nach dem Untergang des Kommunismus hat der Kapitalismus kein Außen mehr, das ihn ernsthaft gefährden würde. Selbst der islamische Terrorismus ist keine Manifestation eines ebenbürtigen Machtlagers, das das kapitalistische System wirklich bedrohen würde. Es kann ihn sogar absorbieren und in systemische Energien umwandeln, die es stabilisieren. Denkbar wäre allein eine Implosion des Systems durch dessen Überhitzung und Übersteuerung.

Wie konservativ bin ich?

Zweifel an der alten Philosophie

Habe ich etwas nicht mitbekommen? Die neue ZEIT, wie immer am Donnerstagmorgen, lässt mich stutzen, – nach der Lektüre zur Mann-Familie:

Golo (…). Der Hutzelzwerg, der hölzerne, hat Charakter. Er ist der Einzige, der ein eigenständiges Werk schaffen wird, abgerungen einer immer wieder aufflackernden Depression. Und er ist die einzige Stimme der Vernunft in Fragen der politischen Wirklichkeit. Sein Vater liegt verlässlich daneben und schafft es, wie Lahme nebenbei bemerkt, sich bei einer Prophezeiung über den Russlandfeldzug in zwei Sätzen gleich viermal zu vertun.

Jawohl, es mag sein, dass Konservative sich furchtbar irren. Unwillkürlich stelle ich mir heimlich die Frage, die als Titel über diesem Blog-Eintrag steht. Genügt nicht schon die Tatsache, dass ich heute abend das Streichquartett in der Philharmonie so wichtig finde, – und wie ich zufrieden zur Kenntnis nahm, dass ihnen die Moderne so am Herzen liegt. Kurtág und Jörg Widmann, ist es das? Und dann stutze ich bei dem Schluss einer Kolumne von Thomas E. Schmidt über das „Kulturgutschutzgesetz“:

Das Ganze wirkt so bizarr, weil der Zustrom von Flüchtlingen derzeit die Nabelschau „Was ist deutsch, und woran zeigt sich das?“ ziemlich überflüssig macht. Selbst die CDU-Kanzlerin signalisiert, dass solche Debatten obsolet geworden sind. So gelangt die Bundeskulturbeauftrage mit ihrem Gesetz ganz langsam in die Nähe der kulturell Verängstigten wie Botho Strauss oder Rüdiger Safranski. Irgendwann berühren sich die politischen Stränge wieder.

Dass Strauss genannt wird, wundert mich nicht, aber was ist mit Safranski, dessen Buch über „Das Böse“ – neben allen anderen – mir eine Weile zum Leitfaden des Denkens wurde? Ich lese den größeren Artikel über „Unsere Willkommenskultur“.

Die Moderne, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman, verflüssigt sich, und in dieser liquid modernity entstehen unregierbare chaotische Räume. Ausgerechnet dort, wo der amerikanische Hegemon seine größte Niederlage erlitt, im Irak, der Wiege der Menschheit, kehrt etwas Anfängliches zurück, eine Gewalt in mythischer Dimension. Und auch die Flüchtlinge erscheinen als apokalyptische Metapher. Wie sie mit ihren Habseligkeiten durch die Wildnis der Zivilisation irren, sehen sie aus wie die ersten Menschen, wie Gestalten der Frühe in der späten Moderne. Der Flüchtling ist das, was nach dem Zerfall politischer Räume übrig bleibt, er ist das nackte Leben auf der Flucht.

Und irgendwo im weiteren Text kommt der Hinweis, auf den ich warte:

So erscheinen die Flüchtlinge als Vorboten des Ungewissen, und selbst kluge Menschen sagen über sie Verächtliches, darunter katholisierende Schriftsteller und kleine Philosophenkönige, alle Retter des deutschen Geistes.

Jetzt erst fällt der Groschen, und ich gebe bei Google ein: „Safranski über Flüchtlinge“. Und kann mich kaum noch retten… Muss ich jetzt meinen Tag von Grund auf anders gestalten? Sogar das Stichwort „Musik“ erscheint weiter unten… Wollte ich nicht etwas über „Innerlichkeit“ schreiben? Wie deutsch geht es eigentlich noch, verdammt noch mal! Aber es war doch wenigstens kritisch gedacht, oder? (Ja, aber schon wieder mit Bezug auf Religion, also Pietismus und so.)

Safranski Screenshot 2015-10-29 09.03.48

Ich werde mir vorläufig mit den Quellenangaben helfen, denn der Ablauf des heutigen Tages ist doch vorgegeben. Z.B. hier. Mit Matthias Matussek, ausgerechnet dem Vatikan-Sympathisanten.

Quelle der Zitate: DIE ZEIT 29. Oktober 2015 Seite 45f und Seite 51 Unsere Willkommenskultur Klar schaffen wir das, aber vielleicht anders als gedacht: Die rechten Protestbewegungen und die konservativen Eliten könnten sich in der Flüchtlingskrise verbünden und über den Ausnahmezustand befinden. Ein Szenario von Thomas Assheuer / Wer wir sind, soll uns die Kunst sagen Das Kulturschutzgesetz sichert das Nationale – überflüssigerweise. Von Thomas E. Schmidt / Ein öffentliches Unglück Tilman Lahme durchleuchtet in „Die Manns. Geschichte einer Famili“ die schwierigen Verhältnisse in diesem Künstler-Clan. Wer sich ein idealisiertes Bild vom „Zauberer“ Thomas bewahren will, mache einen Bogen um diese großartige Chronik. Von Michael Maar.

P.S.

Offenbar ist mit dem „katholisierenden Schriftsteller“ im ZEIT-Zitat derselbe gemeint, den ich als Vatikan-Sympathisanten bezeichnet habe, und ich neige zu der Ansicht, dass das einzige, was man nun Safranski anlastet, die besorgte Tendenz des Eisenbahn-Gesprächs ist, das Matussek – vielleicht nur wichtigtuerisch, aber jedenfalls mit Prominentenklatsch-Tendenz – in der WELT kolportiert hat. Eine Indiskretion. Der Philosoph hat möglicherweise „ins Unreine“ geplaudert, mich interessiert aber nur, was er nach reiflicher Überlegung selbst veröffentlicht. – Jedenfalls würde ich es keineswegs als peinlich konservativ empfinden, wenn sich z.B. jemand weigerte, über Kopftücher zu diskutieren statt über Freiheit. Mir wird unwohl, wenn ich Kermani lese, nicht weil ich so konservativ bin und die Aushöhlung der abendländischen Werte befürchte, sondern weil ich es schrecklich konservativ finde, zwischen Christentum und Islam vermitteln zu sollen.

Wenn Safranski wirklich zu Matussek gesagt hat, „dass unsere Verfassung über der Scharia stehen muss. Dass Grundsätze und Werte wie Gleichberechtigung unantastbar sind.“  Was ist daran verwunderlich, außer der Tatsache, dass es durchaus aufs neue gesagt werden muss, wenn viele Einwanderer das nicht wissen? Es klingt vielleicht hart und konservativ: „Die Verfassung steht über dem Koran.“ Aber was wäre denn dann unkonventionell oder sogar revolutionär?

Westliche Werte

Natürlich gibt es in jeder Kultur, in jeder Gesellschaft bedeutende Menschen, kluge Philosophen, große Künstler, menschenfreundliche Lebensbedingungen. Aber was macht die besondere Bedeutung des Westens aus, die man beschreiben kann, ohne sich der Überheblichkeit verdächtig zu machen? Ist es die Idee der Freiheit? Der Zweifel an der Allgemeingültigkeit von Ideen?

Ich hätte über kurz oder lang von der Französischen Revolution gesprochen, über die Aufklärung und über eines meiner Lieblingsthemen: das Prinzip der Gewaltenteilung. Ist sie eigentlich gegen die Freiheit des Einzelnen gerichtet? In der Diskussion z.B.: die Fähigkeit, das Argument des Gegners (zu seiner Zufriedenheit) zu wiederholen, bevor man ihm andere Argumente entgegenstellt. (So schon bei Abälard um 1100 in der Universität zu Paris.) Besteht aber nicht die Freiheit des Einzelnen auch darin, den anderen in Frage zu stellen?

Mein erster Schritt wäre, detaillierter zu begründen, warum es in diesem Sinne gar keinen Einzelnen gibt. Wie isoliert er auch in Einzelfällen dastehen mag, er ist ein politisches Wesen, sein Gedankennetz ist von 1000 anderen Menschen mitgesponnen. So folge ich immer wieder gern dem klaren Gedankengang eines Anderen, mag er Udo Di Fabio heißen oder Heinrich August Winkler. Der letztere gibt z.B. den Gedankengang des ersteren wieder:

Es sei das normative Programm, das der Westen seit einem halben Jahrtausend zu verwirklichen versuche. Er wendet sich damit gegen die weitverbreitete Meinung, dass die moderne Gesellschaft erst durch die Französische Revolution entstanden sei. Auch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist aus seiner Sicht nur ein „Epiphänomen“ jenes umfassenden Emanzipationsprozesses, der mit dem Renaissance-Humanismus begonnen habe.

(Fortsetzung folgt im Laufe des Tages: nämlich die Entfaltung des Gedankens, dass diese Sicht plausibel abgeleitet werden kann.)

Nun spricht alles dafür, die Aufklärung nicht als ideengeschichtlichen Urknall zu betrachten. Zu ihrer Vorgeschichte gehören aber nicht nur Humanismus und Renaissance, sondern bereits die vom Verfasser nur ganz beiläufig (in einer Anmerkung) erwähnte ansatzweise Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt im Investiturstreit des späten 11. und frühen 12. Jahrhunderts sowie die Trennung von fürstlicher und ständischer Gewalt, wofür die englische Magna Charta von 1215 das große symbolische Datum ist. Ohne diese beiden mittelalterlichen Gewaltenteilungen ist der Weg zur modernen Gewaltenteilung, der Trennung von gesetzgebender, vollziehender und rechtsprechender Gewalt, gar nicht erklärbar – Gewaltenteilungen, die es nur im Bereich der Westkirche, nicht aber im ostkirchlich geprägten Teil Europas gegeben hat.

Dass ein belesener Autor wie Di Fabio darauf mit keinem Wort eingeht, überrascht ebenso wie das Fehlen jeden Hinweises auf eine noch sehr viel ältere Ausdifferenzierung von Gewalten: die strikte Trennung der Sphären von Gott und Kaiser, von göttlichen und irdischen Gesetzen durch Jesus („Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“). Wenn es eine Keimzelle der westlichen Freiheitstradition, der Emanzipation des Menschen und der Säkularisierung der Welt gibt, ist es diese Unterscheidung – eine Unterscheidung, die der Islam so nicht kennt.

Der tiefe Einschnitt, den die ersten Menschenrechtserklärungen – von der Virginia Declaration of Rights vom 12. Juni 1776 bis zur Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die französische Nationalversammlung vom 26. August 1789 – bedeuten, kommt in Di Fabios historischer Herleitung der westlichen Werte entschieden zu kurz. Es wird bei ihm auch nicht hinreichend klar, dass die Menschenrechte ein transatlantisches Projekt waren und die französische Menschenrechtserklärung in hohem Maße von ihren amerikanischen Vorläufern beeinflusst worden ist.

Die Konzentration auf Europa erweist sich gerade hier als Blickverengung. Es waren die beiden atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts – die amerikanische von 1776 und die französische von 1789 -, die das normative Projekt in Gestalt der unveräußerlichen Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie schufen. An diesem Programm arbeitet sich der Westen mit wechselndem Erfolg noch heute ab: Es ist der Maßstab, an dem sich westliche Demokratien messen lassen müssen und de, sie nur selten gerecht geworden sind.

Quelle DIE ZEIT 1. Oktober 2015 Seite 53 Scheitert Europa an sich selbst? Der Jurist Udo Di Fabio sieht Europa in einer tiefen Sinnkrise. Von Heinrich August Winkler. (Hervorhebung durch rote Schrift: JR).

Haiti Hegel

ZITAT

Der Essay hat aber auch eine Kontroverse ausgelöst. Den akademischen Kritikern des Eurozentrismus hat er gefallen, wenngleich mit Abstrichen. Zwar gab ich den exclusiven Fokus auf das Erbe der westlichen Moderne auf (was Beifall gab), an seine Stelle setzte ich jedoch nicht den Ruf nach einer Berücksichtigung pluraler oder alternativer Modernen, sondern das weit weniger populäre Ziel, die universelle Bedeutung der Moderne wiederzubeleben. Für einige Beobachter kam die Idee, das Projekt der Universalgeschichte aus der Asche der modernen Metaphysik wiederauferstehen lassen zu wollen, einer Komplizenschaft mit dem Imperialismus des Westens oder genauer der Vereinigten Staaten gleich, einer – wie manche glauben – weit abstrakteren und heimtückischeren Spielart der Dominanz.

Susan Buck-Morss: Hegel und Haiti / Für eine neue Universalgeschichte / Suhrkamp 2011 (S.7)

Arabische Zukunft 

Der syrische Dichter Adonis, der in Paris lebt, weist den Vorwurf zurück, er verteidige das Regime Baschar Al-Assads und setzt dagegen:

Ich schlage diesen Leuten, die mich kritisieren, vor, einen Appell für eine neue syrische Gesellschaft zu formulieren. Dieser Appell sollte folgende Prinzipien enthalten: Laizismus, die Trennung von Religion, Politik, Kultur und Gesellschaft, die vollständige Befreiung der Frau von den Geboten der Scharia, die Gründung einer Demokratie, die auf den Menschenrechten beruht und Minderheiten achtet, die Einhaltung der Bürgerrechte, ohne Rücksicht auf ethnische oder religiöse Herkunft, die Unabhängigkeit von ausländischen Mächten und eine Revolution, die nicht gewaltsam ist. Wenn meine Herren Kritiker einen derartigen Appell für eine laizistische Gesellschaft formulieren, unterschreibe ich ihn sofort. (…)

Es geht nicht um Assad, es geht um sein Regime, das auf einen politischen und kulturellen Monotheismus hinausläuft, der nichts als eine Verlängerung des religiösen Monotheismus ist. Und ich bin ein Gegner jeder institutionalisierten Religion.

Quelle DIE ZEIT 8. Oktober 2015 (Seite 50) „Das Volk muss Nein sagen!“ Der Remarque-Friedenspreisträger Adonis wird von syrischen Intellektuellen als Assad-Anhänger geschmäht. Jetzt ergreift der berühmte arabische Dichter selbst das Wort. (Gespräch: Iris Radisch)

Regional – global – fatal

Wie sich „das Ganze“ vom Geist ins Geld begab

ZITAT Rüdiger Safranski:

Man muß sich den epochalen Politisierungsschub um 1800 als eine Vorform des heutigen Globalismus vergegenwärtigen. Damals wurde das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen neu konfiguriert. Die Sinnfragen, für die einst die Religion zuständig war, werden jetzt an die Politik gerichtet: ein Säkularisierungsschub, der die sogenannten ‚letzten Fragen‘ in gesellschaftlich-politische verwandelt: Robespierre inszeniert einen Gottesdienst der politischen Vernunft, und im Preußen der Befreiungskriege von 1813 zirkulieren zum erstenmal die Gebetsbücher des Patriotismus, der sich anschickt, zum Nationalismus zu werden.

Die Politisierung war die erste dramatische Einengung in der Wahrnehmung des Ganzen. Mitte des 19. Jahrhunderts vollzieht sich die zweite: die Ökonomisierung. Den Anspruch auf Schicksals- und Deutungsmacht erhebt jetzt der Ökonomismus, für den das Gelten von Werten zum Geld und die Wahrheit der Welt zur Ware wird. Tatsächlich verbinden ja das Geld und der Warentausch alles mit allem und dringen in die verborgensten Winkel der Gesellschaft und der Individuen ein. Wenn das Geld für so verschiedene Dinge wie Bibel, Schnaps und Sexualverkehr einen gemeinsamen Wertausdruck schafft, dann kann man darin eine Verbindung zum Gottesbegriff des Nikolaus von Kues entdecken, für den Gott die coincidentia oppositorum, den Einheitspunkt aller Gegensätze bedeutet. Indem das Geld zum Äquivalent aller Werte wird, erhebt es sich, wie einst Gott, über die Mannigfaltigkeit der erscheinenden Welt. Es wird zu einem Zentrum, wo das Unterschiedene und Entgegengesetzte ihr Gemeinsames finden. Die Zirkulationsmacht des Geldes hat den Geist überflügelt, dem man einst nachsagte, er wehe, wo er will…

Quelle Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Frankfurt am Main 2004 (S. 66f)

[Nachzutragen: die private Globalisierung meiner Musikwelt]

Global brutal  Global brutal Covertext Frankfurt am Main 2002

Aus einer Besprechung von Hans Martin Lohmann am 22.7.2002 im Deutschlandfunk:

Man zerschlage eine lokale Selbstversorgungsökonomie im Namen des „freien Marktes“, degradiere den Staat zum Empfänger von Weltbankkrediten (die natürlich an strenge Auflagen im Sinne eines globalen Marktliberalismus gebunden sind), zwinge den Staat zu einem permanenten Schuldendienst, der nur mit immer neuen Krediten, also neuer Verschuldung, aufrecht erhalten werden kann, zwinge ihn weiterhin zur Deregulierung staatlicher Daseinsvorsorge und zu deren Privatisierung – und nenne das Ganze „Marktreform“, Demokratisierung und good governance. Chossudovsky spricht angemessenerweise von „Marktkolonialismus“ und „ökonomischem Völkermord“, der nebenbei von enormen Umweltzerstörungen begleitet und im Bedarfsfall – die Ereignisse des 11. September 2001 lieferten den geeigneten Anlass – um den Modus des Krieges ergänzt wird.

Inzwischen gibt es ein neues Referenzdatum, wie man weiß, oder mehrere, seit 2008. Aber schon in diesem Buch von 2002 (engl. Version 1997 !) gab es in Teil VI („Die Neue Weltordnung“) das Kapitel „Die globale Finanzkrise“. Und heute verkleidet sich das Problem als „Handelsabkommen“ oder TTIP. ZITAT:

In der Tat: Regionalität ist für den Welthandel kein Ziel, man will ja gerade mehr Austausch zwischen den Kontinenten. Davon hat der kleine Milchbauer aus dem Schwarzwald nichts – seine Produktion in die Vereinigten Staaten zu liefern rentiert sich nicht. Umgekehrt lohnt es sich hingegen für amerikanische Großfarmen durchaus, Rind- und Schweinefleisch nach Europa zu schicken, weil sie eben billig genug produzieren können, billiger als jeder Kleinbauer irgendwo in Europa.

Die neue Form des Freihandels wird also zwangsläufig auch unsere Ernährung verändern. Das Höfesterben wird weitergehen, weil die Kleinen dann noch weniger konkurrenzfähig sind. Alle Welt redet zwar davon, wie wichtig regional erzeugte Lebensmittel sind, weil sie Mensch, Tier und Umwelt gleichermaßen nützen – aber mit dem Freihandelsabkommen wird genau diese regionale Produktion bekämpft. Denn an ihr haben jene Konzerne von Nestlé und Danone über Bayer und Pfizer, die besonders eifrig Lobbyarbeit zu TTIP betrieben haben, einfach kein Interesse. Im Gegenteil: Vielfalt an Lebensmitteln und Geschmäckern ist ja geradezu Gift für sie. Sie leben davon, Massenware in großem Stil herzustellen, die sich überall verkaufen lässt.

Quelle Süddeutsche Zeitung 1./2. August 2015: Das große Misstrauen Handelsabkommen schaffen es selten in den öffentlichen Diskurs. Dafür sind sie zu kompliziert. Das ist beim TTIP anders. Der Plan, mit Europa und Nordamerika den größten Freihandelsraum zu schaffen, versetzt viele Menschen in Alarmstimmung. Warum? Vielleicht weil dem freien Markt zu viel geopfert wird. Von Franz Kotteder.

Das ist natürlich dramatischer als das Schwinden der Vielfalt in der Musik, in den Medien, in den Kulturprogrammen. Fatal genug, dass kein Unglück allein kommt. Aber selten so klar angekündigt und offenbar von so vielen gewollt oder hingenommen. Ich erinnere mich an die Zeit vor 10 Jahren, was hat sich an der Besorgnis geändert? War ich vielleicht noch zu naiv? Siehe hier: Was wird von der Vielfalt bleiben? Ein Vortrag über Globalisierung und musikalisches Bewusstsein.

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Warum Staaten scheitern

… und auch linkeste Positionen keinen Trost spenden

Es ist ganz nützlich, sich die einfachsten Erkenntnisse (die auf komplizierten Sichtungsverfahren beruhen) vorexerzieren zu lassen, wie es Marc Beise in der Süddeutschen Zeitung tut: er erinnert an ein Buch, das vor drei Jahren von den amerikanischen Ökonomen Daron Acemoglu und James A. Robinson veröffentlicht wurde: „Why Nations Fail“. Griechenland komme allerdings darin nicht vor.

Die Autoren relativieren in ihrem Werk die üblichen Erklärungen für den Aufstieg und Fall der Nationen. Entscheidend sind eben weniger Faktoren wie die geografische Lage, Klima, Kultur oder Religion, sondern maßgeblich ist der Zustand der wirtschaftlichen und staatlichen Institutionen. Nur ein funktionierender demokratischer, pluralistischer und regelgebundener Staat vermag die in jeder Bevölkerung vorhandenen Ideen und Talente voll und für das Gemeinwohl nutzbringend auszuschöpfen. Wie passend ist diese Erkenntnis für Griechenland mit seinen institutionellen Schwächen. Es gibt keinen ausreichend funktionierenden Verwaltungsapparat, kein gerechtes, effizientes Steuerrecht, keine allgemeine Missbilligung von Vetternwirtschaft und Korruption, keine gelebte Ordnung.

Griechenland schon deshalb als failed state zu bezeichnen, wäre übertrieben. Von failed states spricht man eigentlich, wenn die Herrschaftsstrukturen mehr oder weniger komplett zusammengebrochen sind, wenn Chaos und Anarchie herrschen. Der bekannte failed-states-Index der privaten Denkfabrik Fund for Peace, der Länder nach ihrem Risiko für Staatszerfall sortiert, listet auf den ersten Plätzen derzeit den Südsudan und Somalia auf. Afghanistan kommt auf Platz 8. Deutschland rangiert auf dem 165. von 177 Plätzen (den letzten und besten Rang hat Schweden). Griechenland rückt seit Jahren vor und liegt nun schon auf Platz 134. Das bedeutet nicht Chaos, aber es ist eine Zeitbombe nicht nur für die Griechen, sondern für alle Europäer, gerade für die Deutschen, die als international verflochtene Nation an friedlichen Zuständen auf ihrem Kontinent interessiert sein müssen.

Quelle Süddeutsche Zeitung 11./12. Juli 2015 Seite 4 MEINUNG Einen Staat bauen von Marc Beise.

Wer etwa auf der Grundlage dieser Lektüre sein politisches Know How absichern und nicht allein diesem einen Journalisten Dank wissen will, hat es heute bekanntlich einfacher als je in seinem Leben. Man schaut, was es mit der privaten Denkfabrik „Fund of Peace“ auf sich hat, ob die genannte Liste der failed states irgendwo nachzulesen ist. Und man findet beides unter dem Stichwort „Gescheiterter Staat“ bei Wikipedia HIER.

Auf einem ähnlichen Wege findet man eine Inhaltsangabe des von Marc Beise hervorgehobenen Buches (inclusive einer vorsichtigen Relativierung), nämlich unter dem Titel „Warum Nationen scheitern“, ebenfalls bei Wikipedia HIER.

Und damit hätten wir für heute schon mal eine grundlegende staatsbürgerliche Pfichtübung absolviert. Empfehlenswert vielleicht noch, Marc Beises Nutzanwendung auf Griechenland direkt in seinem Artikel nachzulesen. Und dieses hier zu seiner Person.

Die Überschrift dieses Blog-Artikels bezieht sich auf eigene (angelesene) Versuche, die Positionen des griechischen Regierungschefs mit Sympathie nachzuvollziehen. Und was dort gesagt ist, soll hiermit durchaus nicht annulliert werden. Natürlich geht es nicht um billigen „Trost“.

KAMASUTRA als Kopf-Problem

INDIEN-Filme auf arte – noch bis 14. Juli !!!

Man sollte diese Filme nicht versäumen, wenn man sich für die heutige Situation in der indischen Gesellschaft interessiert. Es reicht nicht, irgendwie davon gehört zu haben, dass einzelne Vergewaltigungen spektakulär diskutiert wurden und dass die Lage der Frauen in dieser höchst differenzierten Kultur, der angeblich größten Demokratie der Welt, offenbar desolat ist. Nach einem früheren Beitrag habe ich mir die Notwendigkeit einer indischen Aufklärung, eine Aufklärung in und über Indien – anlässlich des BBC-Films India’s Daughter – zum Thema gemacht, nämlich hier. Es ist unverändert akut geblieben und geht nicht nur Indien an, zumal wenn man der festen Überzeugung ist, dass gerade die indische Kultur (nicht nur die klassische indische Musik oder die neue Literatur der Inder im Ausland) eine große Bedeutung für den Rest der Welt hat. Sie ist paradigmatisch.

Der Film „Sex: Tabu im Lande des Kamasutra“ war gestern abend auf ARTE zu sehen und kann jetzt noch bis nächsten Dienstag übers Internet abgerufen werden. Hier folgt ein Pressetext, in dem das Wort „Tollereien“ befremdet, die französische Version sagt es eindeutig: Récemment, un des plus célèbres éditorialistes indien débutait son article ainsi : „Comment nous avons tué le Kamasoutra“. Effectivement, le pays qui, le premier, a répertorié nos positions sexuelles, se trouve aujourd’hui en panne d’imagination. Der Originaltitel des Filmes lautet: „Sexe, mensonges et frustrations“. Ein Film von David Muntaner und Damien Pasinetti.

ZITAT (Pressetext arte)

Vor kurzem eröffnete einer der berühmtesten indischen Journalisten einen Artikel mit dem Satz: „Wie wir das Kamasutra zu Grabe trugen.“ Es stimmt: Ausgerechnet dem Land, das seine Tollereien als erstes zu Papier brachte, mangelt es heute beträchtlich an Fantasie. Vieles, was mit Sex zu tun hat, ist inzwischen sogar tabu. Während Indien wächst, sich entwickelt und modernisiert, bleibt es auf diesem Gebiet erschreckend altmodisch. Und die konservative Welt, in der die jungen Inder aufwachsen, kontrastiert lebhaft mit den Bildern, die ihnen über Internet, Kino und Werbeindustrie vermittelt werden. Besonders schlimm steht es um das Frauenbild: Westliche Frauen gelten seit langem als freizügig und frivol, doch auch die indische Frau ist in neueren Bollywoodstreifen und indischen Medien meist kaum mehr als ein reines Sexobjekt.

Die Diskrepanz zwischen einer fast mittelalterlich anmutenden Realität und den Frauenfantasien der Medien sorgt bei indischen Männern für große Frustration. In der Dokumentation beleuchten Ärzte, Journalisten und Soziologen sowie Vertreter der indischen Sexbranche die schwierige Beziehung der indischen Männer zu den Frauen.

Hinweis im Vorfeld: Dieser Film ist nicht für Jugendliche unter 18 geeignet.

http://www.arte.tv/guide/de/051049-000/sex-tabu-im-land-des-kamasutra#arte-header HIER 

Was gab es bisher? Einer der neuen Aufklärer Indiens schien Sudhir Kakar mit Frau Katharina zu sein; dies ist die erste Hälfte der Inhaltsangabe des gemeinsamen Buches, das vor fast 10 Jahren erschien:

Kakar Inhalt

Sudhir & Katharina Kakar: DIE INDER Porträt einer Gesellschaft / Verlag C.H.Beck München 2006

Zu Ergänzung lese man das Interview mit Katharina Kakar im Deutschlandfunk hier.

Schon vor 30 oder 40  Jahren gab es einzelne Hinweise auf den problematischen und widersprüchlichen Hintergrund, z.B. in  dem schönen Indien-Buch von Gisela Bonn, – aber es ist auch typisch, dass der eigentlich alarmierende Satz doch spirituell so eingehüllt ist, dass man ihn kaum zur Kenntnis nahm:

Gisela Bonn Khajuraho

Eine Seite vorher ist von der tantrischen Lehre die Rede: demnach wohne das höchste Wissen, die erhabenste Weisheit – Pradschna – im weiblichen Organ, das männliche Prinzip aber sitze im Kopf, im Verstand. Erst beides vereint ergebe das Ganze, die Harmonie. Merkwürdig, wie es nun weitergeht:

Die Yab-Yum-Vorstellung beruht auf dem Glauben, die Frau sei das aktive Prinzip, die Lebenskraft, die sie dem schlafenden männlichen Prinzip, durch ihre Umarmung einflößt. Das Yab-Yum, das Bild der Umarmung, kann man auch verstehen, wenn man den Mann als Prinzip des Weges sieht, auf dem das weibliche als ein transzendentes Ziel einherzieht.

(Fortsetzung siehe oben im abgebildeten Text, und da steht seltsam erratisch ein Satz, als sei die Humanisierung des Geschlechterverhälnisses im Prinzip schon verwirklicht: )

Das Yab-Yum (…) humanisiert eine Religion, die für ihre Verachtung der Frau, für die vollkommene Negierung der Welt bekannt war.

Quelle  Gisela Bonn / Giselher Wirsing: INDIEN und der Subkontinent / Reiseführer / Horst Erdmann Verlag Tübingen Basel 1973 ISBN 3 7711 0160 3 (Seite 63)

Man erinnere sich an diesen Satz, wenn man in dem oben annoncierten Film die indischen „Touristen“ sieht, die ihre gewagten Tempel-Skulpturen fotografieren, als kämen sie aus einer anderen Welt. Ihre eigene (moralische) Welt aber ist die des britischen Puritanismus geblieben, die ihnen als koloniales Erbe hinterlassen wurde. Die Konfrontation mit der westlichen Welt ist zweifach: zeitgenössisch und anachronistisch.

Weitere Filme zum Thema Indien auf ARTE:

Indien – Gewalt im Lande Gandhis

Ein Land voller Pracht. Ein Land voller Ungerechtigkeit. Weltweit das unmenschlichste aller Systeme: Kasten, wie im Mittelalter. Ein Land der Moderne: Atommacht, Global Player, Hightec Jongleur, Raumfahrtprogramm zum Mars. „Den Mars zu erreichen ist eine Sache, 500 Millionen Menschen ohne Toiletten eine andere. Außer man schießt diese 500 Millionen hoch zum Mars.“ (Villoo Patell, Managerin)

ab 9:00 über „Dorfgerichte“ (die jenseits der offiziellen Rechtsordnung wirken)

bei 15:25 der Satz: „Die Kaste  ist das Zentrum der indischen Demokratie, zusammengehalten von viel Gewalt.“ (Arundhati Roy)

 HIER http://www.arte.tv/guide/de/050500-000/indien-gewalt-im-lande-gandhis / Ein Film von Lourdes Picareta (2015) / Länge 53 Minuten

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INDIEN – Land mit Zukunft (zugleich ein fabelhafter Streifzug durch die Geschichte seit 1947)

HIER http://www.arte.tv/guide/de/045935-000/indien-land-mit-zukunft / Ein Film von Laurent Jaoui (2012) / Länge 95 Minuten

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Ich rufe mir einige Sätze in Erinnerung, die ich mir Anfang der 90er Jahre aus einem fesselnden Indien-Roman des FAZ-Korrespondenten Thomas Ross notiert habe; da heißt es über den Protagonisten:

In Indien sah er eine Metapher unserer Welt, das war es, was ihn vor allem hinzog. „Indien ist noch Magma, noch nicht erkaltet und erstarrt wie Europa“, sagte er, „Indien ist ein brodelnder, blasenwerfender Kessel, und niemand weiß, ob er eines Tages überkochen wird. Steht die Menschheit heute nicht vor der Notwendigkeit, auf einem geschrumpften Erdball miteinander auszukommen? Und nirgendwo auf Erden haben verschiedene Religionen, Sprachgemeinschaften, Rassen und Kulturen in einem Land solcher Größenordnung und durch so lange Zeitläufe hindurch miteinander zu leben versucht wie in Indien. Indien ist ein einzigartiges Experiment der Menschheit“, sagte er, „und wenn dieses Experiment des Miteinanderlebens scheitert, dann scheitert die Menschheit.“

Quelle Thomas Ross: Der Tod des heiligen Baumes. Bericht aus dem innersten Indien. Carl Hanser Verlag München Wien 1991 / ISBN 3-446-16186-4

Ich bin mir nicht sicher, was ich heute – fast 25 Jahre danach – und einen Tag nach dem Resümee dieser Indien-Filme über das einzigartige Experiment der Menschheit denken soll. Hätte ich im Augenblick die Ruhe, würde ich eine der großen Raga-Interpretationen von Kala Ramnath hören, vielleicht den Frühlings-Raga, den sie in Bielefeld mit Abhijit Banerjee gespielt hat…

Und alles wäre gut.