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Westliche Werte

Natürlich gibt es in jeder Kultur, in jeder Gesellschaft bedeutende Menschen, kluge Philosophen, große Künstler, menschenfreundliche Lebensbedingungen. Aber was macht die besondere Bedeutung des Westens aus, die man beschreiben kann, ohne sich der Überheblichkeit verdächtig zu machen? Ist es die Idee der Freiheit? Der Zweifel an der Allgemeingültigkeit von Ideen?

Ich hätte über kurz oder lang von der Französischen Revolution gesprochen, über die Aufklärung und über eines meiner Lieblingsthemen: das Prinzip der Gewaltenteilung. Ist sie eigentlich gegen die Freiheit des Einzelnen gerichtet? In der Diskussion z.B.: die Fähigkeit, das Argument des Gegners (zu seiner Zufriedenheit) zu wiederholen, bevor man ihm andere Argumente entgegenstellt. (So schon bei Abälard um 1100 in der Universität zu Paris.) Besteht aber nicht die Freiheit des Einzelnen auch darin, den anderen in Frage zu stellen?

Mein erster Schritt wäre, detaillierter zu begründen, warum es in diesem Sinne gar keinen Einzelnen gibt. Wie isoliert er auch in Einzelfällen dastehen mag, er ist ein politisches Wesen, sein Gedankennetz ist von 1000 anderen Menschen mitgesponnen. So folge ich immer wieder gern dem klaren Gedankengang eines Anderen, mag er Udo Di Fabio heißen oder Heinrich August Winkler. Der letztere gibt z.B. den Gedankengang des ersteren wieder:

Es sei das normative Programm, das der Westen seit einem halben Jahrtausend zu verwirklichen versuche. Er wendet sich damit gegen die weitverbreitete Meinung, dass die moderne Gesellschaft erst durch die Französische Revolution entstanden sei. Auch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist aus seiner Sicht nur ein „Epiphänomen“ jenes umfassenden Emanzipationsprozesses, der mit dem Renaissance-Humanismus begonnen habe.

(Fortsetzung folgt im Laufe des Tages: nämlich die Entfaltung des Gedankens, dass diese Sicht plausibel abgeleitet werden kann.)

Nun spricht alles dafür, die Aufklärung nicht als ideengeschichtlichen Urknall zu betrachten. Zu ihrer Vorgeschichte gehören aber nicht nur Humanismus und Renaissance, sondern bereits die vom Verfasser nur ganz beiläufig (in einer Anmerkung) erwähnte ansatzweise Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt im Investiturstreit des späten 11. und frühen 12. Jahrhunderts sowie die Trennung von fürstlicher und ständischer Gewalt, wofür die englische Magna Charta von 1215 das große symbolische Datum ist. Ohne diese beiden mittelalterlichen Gewaltenteilungen ist der Weg zur modernen Gewaltenteilung, der Trennung von gesetzgebender, vollziehender und rechtsprechender Gewalt, gar nicht erklärbar – Gewaltenteilungen, die es nur im Bereich der Westkirche, nicht aber im ostkirchlich geprägten Teil Europas gegeben hat.

Dass ein belesener Autor wie Di Fabio darauf mit keinem Wort eingeht, überrascht ebenso wie das Fehlen jeden Hinweises auf eine noch sehr viel ältere Ausdifferenzierung von Gewalten: die strikte Trennung der Sphären von Gott und Kaiser, von göttlichen und irdischen Gesetzen durch Jesus („Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“). Wenn es eine Keimzelle der westlichen Freiheitstradition, der Emanzipation des Menschen und der Säkularisierung der Welt gibt, ist es diese Unterscheidung – eine Unterscheidung, die der Islam so nicht kennt.

Der tiefe Einschnitt, den die ersten Menschenrechtserklärungen – von der Virginia Declaration of Rights vom 12. Juni 1776 bis zur Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die französische Nationalversammlung vom 26. August 1789 – bedeuten, kommt in Di Fabios historischer Herleitung der westlichen Werte entschieden zu kurz. Es wird bei ihm auch nicht hinreichend klar, dass die Menschenrechte ein transatlantisches Projekt waren und die französische Menschenrechtserklärung in hohem Maße von ihren amerikanischen Vorläufern beeinflusst worden ist.

Die Konzentration auf Europa erweist sich gerade hier als Blickverengung. Es waren die beiden atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts – die amerikanische von 1776 und die französische von 1789 -, die das normative Projekt in Gestalt der unveräußerlichen Menschenrechte, der Herrschaft des Rechts, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der repräsentativen Demokratie schufen. An diesem Programm arbeitet sich der Westen mit wechselndem Erfolg noch heute ab: Es ist der Maßstab, an dem sich westliche Demokratien messen lassen müssen und de, sie nur selten gerecht geworden sind.

Quelle DIE ZEIT 1. Oktober 2015 Seite 53 Scheitert Europa an sich selbst? Der Jurist Udo Di Fabio sieht Europa in einer tiefen Sinnkrise. Von Heinrich August Winkler. (Hervorhebung durch rote Schrift: JR).

Haiti Hegel

ZITAT

Der Essay hat aber auch eine Kontroverse ausgelöst. Den akademischen Kritikern des Eurozentrismus hat er gefallen, wenngleich mit Abstrichen. Zwar gab ich den exclusiven Fokus auf das Erbe der westlichen Moderne auf (was Beifall gab), an seine Stelle setzte ich jedoch nicht den Ruf nach einer Berücksichtigung pluraler oder alternativer Modernen, sondern das weit weniger populäre Ziel, die universelle Bedeutung der Moderne wiederzubeleben. Für einige Beobachter kam die Idee, das Projekt der Universalgeschichte aus der Asche der modernen Metaphysik wiederauferstehen lassen zu wollen, einer Komplizenschaft mit dem Imperialismus des Westens oder genauer der Vereinigten Staaten gleich, einer – wie manche glauben – weit abstrakteren und heimtückischeren Spielart der Dominanz.

Susan Buck-Morss: Hegel und Haiti / Für eine neue Universalgeschichte / Suhrkamp 2011 (S.7)

Arabische Zukunft 

Der syrische Dichter Adonis, der in Paris lebt, weist den Vorwurf zurück, er verteidige das Regime Baschar Al-Assads und setzt dagegen:

Ich schlage diesen Leuten, die mich kritisieren, vor, einen Appell für eine neue syrische Gesellschaft zu formulieren. Dieser Appell sollte folgende Prinzipien enthalten: Laizismus, die Trennung von Religion, Politik, Kultur und Gesellschaft, die vollständige Befreiung der Frau von den Geboten der Scharia, die Gründung einer Demokratie, die auf den Menschenrechten beruht und Minderheiten achtet, die Einhaltung der Bürgerrechte, ohne Rücksicht auf ethnische oder religiöse Herkunft, die Unabhängigkeit von ausländischen Mächten und eine Revolution, die nicht gewaltsam ist. Wenn meine Herren Kritiker einen derartigen Appell für eine laizistische Gesellschaft formulieren, unterschreibe ich ihn sofort. (…)

Es geht nicht um Assad, es geht um sein Regime, das auf einen politischen und kulturellen Monotheismus hinausläuft, der nichts als eine Verlängerung des religiösen Monotheismus ist. Und ich bin ein Gegner jeder institutionalisierten Religion.

Quelle DIE ZEIT 8. Oktober 2015 (Seite 50) „Das Volk muss Nein sagen!“ Der Remarque-Friedenspreisträger Adonis wird von syrischen Intellektuellen als Assad-Anhänger geschmäht. Jetzt ergreift der berühmte arabische Dichter selbst das Wort. (Gespräch: Iris Radisch)

Intellektuelle Selbstverleugnung

Die Angst, „koloniale Denkmuster “ zu reproduzieren

Ein bedenkenswerter Artikel in der ZEIT (9. April), Überschrift: „Dröhnendes Schweigen“. Und weiter: „Früher war Religionskritik die vornehmste aller marxistischen Tugenden. Doch zum Glaubensterror des islamischen Fundamentalismus hat die westliche Linke nichts zu sagen“ (Autor: Volker Weiss). Ich springe mitten hinein in den Text, den verblüffenden Einstieg zunächst beiseite lassend:

Vor lauter Angst, „koloniale Denkmuster“ zu produzieren, findet eine Kritik des Islamismus kaum statt.

Es ist kaum möglich, über diesen blinden Fleck der heutigen Linken zu schreiben, ohne den Autor zu nennen, der ihren Diskurs in dieser Frage wesentlich geprägt hat: der 2003 verstorbene palästinensische Literaturtheoretiker Edward W. Said. Dessen Buch Orientalismus erlangte nach seinem Erscheinen 1978 mindestens die gleiche Bedeutung wie Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde für die Generation der Achtundsechziger.

Wer Saids Buch aufschlägt, heute noch wie damals, wird nicht aufhören können zu lesen. Ich greife, einer westlichen Manie folgend, Zeilen über Flaubert und das Thema Sex heraus. Ehrenwort: es besteht nicht nur daraus…

Flaubert assoziiert den Orient in allen seinen Romanen mit eskapistischen Sexualphantasien. Wenn Emma Bovary und Frédéric Moreau sich nach etwas sehnen, das ihr eintöniges (oder bedrängtes) bürgerliches Leben nicht hergibt, so erfüllen sich ihre Wünsche mit Tagträumen voller orientalischer Klischees: Harems, Prinzessinnen, Prinzen, Sklaven, Schleier, Tänzerinnen und Tänzer, Balsame, Öle, Salben und so fort, das Repertoire ist durch die Verbindung von Orient und zügellosem Sex hinlänglich bekannt. Dabei sollten wir aber auch bedenken, dass die Sexualität im Europa des 19. Jahrhunderts durch eine zunehmende Verbürgerlichung in hohem Maße institutionalisiert wurde. Wie man sexuelle ‚Freiheit‘ noch nicht kannte, so ging Sexualität gesellschaftlich mit einer Reihe von peniblen rechtlichen, moralischen, ja sogar politischen und wirtschaftlichen Verpflichtungen einher. Wie die Kolonien – abgesehen von ihrem Ertrag – häufig dazu dienten, missratene Söhne, Delinquenten, Arme oder sonst unerwünschte Bevölkerungsteile fortzuschicken, so eignete sich der Orient auch als Ort für daheim unerreichbare sexuelle Erlebnisse. Fast kein europäischer Schriftsteller, der nach 1800 in den Orient reiste, nahm sich da aus, allen voran Flaubert, Nerval, ‚Dirty Dick‘ Burton und Lane. Im 20. Jahrhundert folgten Gide, Conrad, Maugham und andere mehr. Oft suchten sie – vermutlich zu Recht – nach einer freieren, weniger schuldbeladenen Art der Sexualität, doch sogar diese konnte bei zu vielen Nachahmern ebenso gleichförmig geordnet werden wie die akademische Forschung (was auch geschah). Bald näherte sich der ‚orientalische Sex‘ den anderen Standardwaren einer Massenkultur an, so dass Leser und Schriftsteller ihn auf Wunsch haben konnten, ohne eigens in den Orient reisen zu müssen.

Quelle Edward W. Said: Orientalismus S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 2009 ISBN 978-3-10-071008-6 (Seite 220)

SAID Titelseite   SAID Inhalt

Volker Weiss erwähnt in dem zitierten ZEIT-Artikel, vieles von dem, was Said beschreibt, lese sich heute „wie aus einer anderen Zeit“, – und nicht nur wenn es sich, wie hier von mir herausgegriffen, explizit auf vergangene Jahrhunderte bezieht.

Heute sind es nicht mehr die Reiseberichte und geostrategischen Dossiers aus den Außenministerien, die der Welt jene „stereotypen Orientdarstellungen“ und „standardisierten Schablonen“ aufdrängen, unter denen Said so gelitten hat. Es sind die Islamisten selbst, die sich stolz eine Identität aus den Albträumen des Humanismus gewählt haben.

Wie Said vielfach beklagte, wurde seine Orientalismus-These „in der arabischen Welt als eine systematische Rechtfertigung des Islams und der Araber aufgefasst“. Der Autor hat sich zwar gegen solche Vereinnahmungen gesträubt, war aber selbst zu sehr dem arabischen, vor allem dem palästinensischen Narrativ verhaftet, um sie effektiv zurückzuweisen. Seine Herkunft aus einer christlichen Familie feite ihn nicht vor einer Gleichsetzung von Orient und Islam.

Der frappierende Grundgedanke von Volker Weiss ist der, dass heute „das allgegenwärtige Argument von den verletzten religiösen Gefühlen selbst ein Produkt des Orientalismus“ sei. Said lasse sich heute sogar subversiv lesen:

Seine Formel, dass „der Orientalismus ein konstitutiver und nicht nur beiläufiger Bestandteil der modernen politisch-intellektuellen Kultur ist – und als solcher weniger mit dem Orient selbst als mit ‚unserer‘ Welt zu tun hat“ -, lädt umgekehrt ein zur Frage, auf welche inneren Defizite eigentlich der Hass der Islamisten gegen „den Westen“ deutet. Niemand kam auf den Gedanken, sich mit der Methodik Saids dem grassierenden muslimischen Antisemitismus oder der verschwörungstheoretischen Rhetorik der mittelöstlichen Regime zu nähern (in die Said stellenweise selbst verfällt). [….]

Angesichts des wachsenden Einflusses fundamentalistischer Islam-Interpretationen (und übrigens auch einer eigenen islamischen Kolonisierungstradition) wären diese längst auf Selbst- und Fremdbilder zu untersuchen gewesen. Was sagen eigentlich die rigide und durchökonomisierte Sexualmoral und das Verschleierungsgebot des Islamismus über seine Verfechter? Wovon zeugen seine autoritäre Ordnung und die grotesken Verzerrungen in seiner Darstellung der westlichen Gesellschaften?

Quelle  DIE ZEIT 9. April 2015 (Seite 54) Dröhnendes Schweigen. Von Volker Weiss.

Volker Weiss war ausgegangen von den Ergebnissen eines provokativen Versuchs auf dem Campus einer amerikanischen Universität: der Filmemacher Ami Horowitz hatte dort zunächst die IS-Flagge geschwungen und gerufen, der IS wolle den Frieden und verteidige sich nur gegen die Aggression des Westens. Er vermerkte positive Reaktionen, – während der gleiche Versuch mit einer israelischen Flagge Proteste erntete.

Am Ende seines Artikels kommt Weiss auf die menschenverachtenden Aktionen des IS: sie seien vom Willen getragen, „sich selbst als diejenigen zu stilisieren, die mit den Konventionen der Zivilisation brechen.“ Vor diesem Hintergrund wirke der Gedanke, ein paar Zeichnungen könnten diese Leute verletzen, naiv.

Diese Druckmittel bedienen das orientalische Klischee, Muslime funktionierten jenseits politischer Interessenkonstellationen und bedürften besonderer Schonung. Dieses Rollenspiel hat den ursprünglich kritischen Anspruch der Postcolonial Studies  [nach Said] und ihrer linken Verehrer längst ad absurdum geführt. Dabei war Religionskritik einst die vornehmste der linken Tugenden. (a.a.O.)

Ich wende mich – wieder einmal – an Rüdiger Safranski. ZITAT:

Aufgeklärte Religionskritik, wie die Kants, richtet sich gegen solche menschenverachtende Gottesliebe. Sie bleibt aktuell. Denn während im Westen Nihilismus und Dekadenz zunehmen, wächst andernorts wieder eine Religiosität des verfeindenden Typs. (…) Aber (…) mit Berufung auf Gott hat man sich schon alles erlaubt. Es gibt Götter, die zum Schlimmsten anstiften.

Es spricht einiges dafür, daß es gerade diese Götter sind, die bei wachsender Zahl der Globalisierungsverlierer ihren Anhang finden werden. Traditionsverlust, Entwurzelung und der praktizierte Nihilismus der Konsumkultur bilden den Nährboden für die absichtsvolle und militante Wiedervezauberung durch eine pervertierte Religion. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten die totalitären Ideologien des Sozialismus und des Faschismus die Rolle der pervertierten Religion im Aufstand gegen die Zumutungen einer säkularisierten, pluralistischen Moderne. Der islamische Fundamentalismus heute setzt diese totalitäre Tradition fort. Man muß übrigens nicht genau angeben können, was eine authentische Religion ist, um eine pervertierte Religion als solche erkennen zu können, denn Bestialität und Dummheit sind von schlagender Evidenz.

Die Weltbilder der pervertierten Religion beanspruchen, das wahre Wesen von Natur und Geschichte zu kennen. Sie geben vor zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie wollen das Ganze begreifen und greifen nach dem ganzen Menschen. Sie geben ihm die Geborgenheit einer Festung mit Sehschlitz und Schießscharte. Sie kalkulieren mit der Angst  vor dem offenen Lebensgelände, vor dem Risiko der menschlichen Freiheit, die stets auch bedeutet: Ungeborgenheit, Alleinstehen, Ungewißheit. (…)

Die pervertierte Religion entlastet von der Freiheit, die immer auch das Gefühl der Entfremdung und der Einsamkeit einschließt.

Quelle Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Fischer Verlag Frankfurt am Main 2004 (Seite 57f)