Archiv der Kategorie: Leben

Kantabel und virtuos – Zum Gedenken an den Violinisten Franzjosef Maier

Laufplan der WDR 3 Radiosendung am 3. Januar 2015 18:05 – 19:00 Uhr 

[siehe am Ende dieses Artikels auch Fotos und einen Nachruf von Gerhard Peters]

Abt Klassische Musik

Red Dr. Richard Lorber

Titel Vesper I

Kantabel und virtuos – Zum Gedenken an den Violinisten Franzjosef Maier

Autor: Christoph Prasser

Jingle Vesper 0’11

Moderation 1:

Guten Abend und herzlich willkommen zur Vesper auf WDR 3.

Am 16. Oktober vergangenen Jahres ist im Alter von 89 Jahren der Violinvirtuose Franzjosef Maier verstorben, der seit Beginn der 1950er Jahre einen erheblichen Anteil hatte an der Entwicklung der Kölner „Alte Musik-Szene“. Der erste Teil der Vespersendung erinnert an den einflussreichen Geiger, der nicht nur durch sein meisterhaftes Spiel zu Berühmtheit gelangt war, sondern sein Wissen auch als erster Dozent für Barockvioline an der Kölner Musikhochschule weitergeben konnte, wo Geiger wie Reinhard Goebel, Werner Ehrhardt, Manfredo Kraemer und viele andere zu seinen Schülern zählten. Diese wiederum gaben sein Wissen in berühmt gewordenen Ensembles wie „Musica Antiqua Köln“ oder „Concerto Köln“ weiter und förderten und festigten damit den Ruf der Stadt Köln als Zentrum für „Alte Musik“ und „Historische Aufführungspraxis“. Dem WDR war Maier dabei in unzähligen Produktionen und Konzerten zeit seines Lebens verbunden. Und im „Collegium musicum des WDR“ war Franzjosef Maier über Jahrzehnte als Konzertmeister tätig. Zur Erinnerung an den großen Musiker bringt die Vesper heute ausgewählte Aufnahmen, die vor allem in Produktionen Alter Musik mit dem Kölner WDR entstanden sind. Autor der Sendung ist Christoph Prasser.

Unsere erste Musik zeigt Maier als Solist und Konzertmeister an der Spitze eines Ensembles, mit dem er am meisten bekannt werden sollte, dem „Collegium aureum“. Dieses in der Regel dirigentenlose Orchester für historische Aufführungspraxis sollte er über Jahrzehnte vom Konzertmeisterpult aus leiten. Die folgende Aufnahme des Mozart-Rondos in C-dur für Violine und Orchester stammt aus dem Jahre 1977 und wurde wie so viele Aufnahmen des Ensembles im Cedernsaal des Schlosses in Kirchheim aufgenommen. (Mod.: 1’58)

Musik 1: 

K.: Wolfgang Amadeus Mozart 6029210105 7’02

Allegretto grazioso aus: Rondo C-dur KV 373

Franzjosef Maier, Violine / Collegium aureum / Ltg.: Franzjosef Maier

Moderation 2:

Das Collegium aureum mit Mozarts Allegretto-grazioso, dem Rondo in C-dur KV 373. Solist und musikalischer Leiter der Aufnahme war der Geiger Franzjosef Maier.

Maier wurde am 27. April 1925 in Memmingen im Allgäu geboren und lernte schon früh Klavier, Violine und Bratsche. Ab 1938 besuchte er das Augsburger Konservatorium, anschließend die Münchner Akademie und das musische Gymnasium in Frankfurt. Nach Kriegsende und Gefangenschaft studierte er schließlich bis 1948 an der Kölner Musikhochschule.

Als junger Geiger geriet Maier sehr schnell ins Fahrwasser des WDR, der damals noch NWDR hieß. Dort produzierte er mit dem Musikwissenschaftler Eduard Gröninger erste Werke für den Rundfunk, die sich bereits an einem historischen Klangbild orientierten, denn der NWDR war ein innovativer Pionier in Sachen Alter Musik. Schließlich wurde Maier Gründungsmitglied des „Collegium musicum des NWDR“, eines Orchesters, das sich auf historische Aufführungspraxis spezialisiert hatte und neben dem sich später das Schwesterensemble „Cappella Coloniensis“ etablieren sollte. Die Cappella wurde letztlich zum prominenten Aushängeschild für Alte Musik, allerdings ohne Franzjosef Maier. Das lag aber nur daran, dass Maier in jener Zeit im Schäfferquartett als 2. Geiger spielte und er die Quartettarbeit der Orchesterarbeit zunächst vorzog. Denn ursprünglich sollte Kurt Schäffer, der Namensgeber des Quartetts und Maiers ehemaliger Lehrer an der Kölner Musikhochschule, Konzertmeister in der neu gegründeten Cappella werden. Er verzichtete aber, nachdem Maier ihn bat, die Arbeit am Schäfferquartett fortzuführen. Vielleicht spielte dieser Verzicht auch mit eine Rolle für das spätere Zerwürfnis zwischen Maier und Schäffer, aber erst nach der Trennung vom Schäfferquartett war für Maier der Weg frei für seine spätere Karriere als Leiter des Collegium Aureum.

Unsere nächste Musik zählt zu den Höhepunkten der Violinliteratur in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zeigt einen Franzjosef Maier in Hochform. Heinrich Ignaz Bibers virtuose Sonate Nr. 1 in A-dur gehört zu den 8 Salzburger Sonaten aus dem Jahre 1681. Die Violinstimme wird von einer Basso-continuo-Gruppe unterstützt, die aus Orgel, Violone und Violoncello besteht. (Mod.: 2’22)

Musik 2:

K.: Heinrich Ignaz Biber 6029229102 13’29

Sonate Nr 1 A-dur (für Violine und Basso continuo)

Franzjosef Maier, Violine / Rudolf Mandalka, Cello / Johannes Koch, Violone / Wilhelm Krumbach, Orgel

Moderation 3:

Die Vesper auf WDR 3 mit der Sonate Nr 1 in A-dur für Violine und Basso continuo von Heinrich Ignaz Biber. Gespielt hat sie der im Oktober vergangenen Jahres verstorbene Geiger Franzjosef Maier, dem der erste Teil der heutigen Sendung gewidmet ist.

Die Anfangszeit der historischen Aufführungspraxis, die ihren stärksten Triebmotor in den 1950/60er Jahren durch Produktionen des WDR erhielt, war geprägt durch die Suche nach dem historisch authentischen Klang. Maier fühlte sich aber nicht nur der historischen Aufführungspraxis verpflichtet, sondern er blieb auch den Komponisten der neueren Musikgeschichte treu. Und so spielte er die Kompositionen der alten Meister bis in die Mitte der 1960er Jahre nicht etwa auf einer zurückgebauten oder historischen Violine alter Mensur, sondern meist auf seiner moderneren Vuillaume-Geige, die er dafür lediglich mit Darmsaiten bespannte. Auch der Kammerton blieb bei ihm meist bei 440 Hertz. Allerdings benutzte er für Produktionen Alter Musik zwingend einen alten historischen Bogen.

In der nun folgenden Aufnahme spielt er allerdings ein 1752 erbautes historisches Instrument in alter Stimmung, eine Geige von Michele Deconetti. Die hatte er 1965 als Dauerleihgabe von der Schwägerin des Harmonia-Mundi-Geschäftsführers Rudolf Ruby bekommen. Nicht ohne Hintergedanken, denn schließlich war die Harmonia-Mundi die Plattenfirma, die Maiers Collegium aureum unter Vertrag hatte.

Hören sie jetzt den Tenor James Griffett mit Joseph Haydns Bearbeitung des schottischen Volkslieds „Margret’s ghost“. Franzjosef Maier spielt Violine, Rudolf Mandalka Violoncello und Bradford Tracey sitzt am Hammerklavier. (Mod.: 1’45)

Musik 3:

K.: Joseph Haydn 6044235119 7’57

Margret’s ghost, Hob XXIa:65

(Bearbeitung eines schottischen Volksliedes für Singstimme, Violine, Violoncello und Tasteninstrument)

James Griffett, Tenor

Franzjosef Maier, Violine

Rudolf Mandalka, Violoncello

Bradford Tracey, Hammerklavier

Moderation 4:

Margret’s ghost”, die Bearbeitung eines schottischen Volksliedes von Joseph Haydn, mit dem Tenor James Griffett und dem Geiger Franzjosef Maier. Eine historische Aufnahme aus dem Jahre 1980.

Bereits ein Jahr zuvor hat Maier die nun folgende Aufnahme für den WDR produziert. Als Orchester stand hier das Collegium musicum des WDR zur Verfügung, das durch die Strahlkraft der berühmten Cappella Coloniensis des WDR zwar an Bedeutung verloren hatte, nicht aber an musikalischer Qualität. Dafür sorgte schon die Besetzung des Orchesters, in der mittlerweile bereits Geiger wie Gerhard Peters und andere saßen, die ihre Meisterkurse für Barockvioline bei Franzjosef Maier an der Kölner Musikhochschule erfolgreich hinter sich gebracht hatten. Gemeinsam spielen sie nun als „Collegium musicum des WDR“ die Sonata a cinque, op 2 Nr. 6 in g-moll von Tomaso Albinoni. (Mod.: 0’57)

Musik 4:

K.: Tomaso Albinoni 6109386103 8’29

Sonata a cinque, op 2, 6 g-moll

(für 2 Violinen, 2 Violen und Basso continuo)

  1. Adagio

  2. Allegro

  3. Grave

  4. Allegro

Collegium musicum des WDR

Moderation 5:

Die viersätzige Sonata a cinque, op 2 Nr. 6 in g-moll von Tomaso Albinoni, gespielt vom Collegium musicum des WDR. Die Leitung hatte der Geiger Franzjosef Maier, der im Oktober vergangenen Jahres im Alter von 89 verstorben ist und dem der erste Teil der heutigen Vespersendung gewidmet ist. Mit Maier ging einer der Pioniere und Schlüsselfiguren des letzten Jahrhunderts, die sich um die Rekonstruktion und Wiederbelebung Alter Musik im neuen Klanggewand verdient gemacht haben. Als Professor für Violine an der Kölner Musikhochschule konnte er seine Kenntnisse und Erfahrungen an zahlreiche Schüler weiterreichen, die heute diese Ideen selbst in weltweit erfolgreichen Orchestern vorstellen und weiter entwickelt haben.

Zum Schluss des ersten Teils der Vesper steigen wir jetzt ein in das Concerto grosso in A-dur op. 6 Nr. 11 von Georg Friedrich Händel, gespielt von der „Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik“, aufgenommen in der Aula der Kölner Musikhochschule im Juni 1981. Unter der Leitung von Franzjosef Maier spielen Geiger wie Helmut Hausberg und Werner Ehrhardt so, wie es Maier gegen Ende seiner großen Karriere gefallen hat: Vereint, im Kreise seiner Schüler. (Mod.: 1’22)

Achtung Technik: : folgende Musik 5 (Händel) bitte nur von Minute 7’11 – Ende spielen und auf Zeit fahren! Ab Min. 17’50 folgt nur noch Schlussapplaus der in der darauffolgenden Abmoderation ausgeblendet werden kann!

Diese letzte Musik dient als Zeitpuffer, Daher entsprechend unter der Moderation 5 stumm starten und gegen Ende der Moderation 5 langsam einblenden!

Musik 5:

K.: Georg Friedrich Händel 6046367102 ca. 11’00

Andante; Allegro von 7’11 – ca. 18’05

aus: Concerto grosso A-dur, op 6,11 auf Zeit fahren!

Helmut Hausberg, Violine

Werner Ehrhardt, Violine

Bruno Klepper, Violoncello

Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik

Ltg.: Franzjosef Maier

(von ca 7’12 – 18’05)

Abmoderation:

Zum Abschluss des ersten Teils der Vesper spielte die „Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik“ den Schluss des Concerto grosso in A-dur op 6 Nr. 11 von Georg Friedrich Händel. Die Leitung hatte der Geiger Franzjosef Maier, dem die Sendung gewidmet war. Der Autor der Sendung war Christoph Prasser.

(Mod.: 0’22)

————————————————————————————————————————–

47’57

Musikzeit: 47’57

Jingle: 0’11

Moderation: 8’46

———————–

total: 56’54 

Das Collegium Aureum 1971 im Fuggerschloss Kirchheim/Schwaben

Collegium 1971 Mandalka, Hucke & Kollegen

Franz Konzertmeister allein  Franzjosef Burghardt Fotos a

Prof. Franzjosef Maier, Violinist und Konzertmeister. Collegium aureum, erstes Bild, Gesichter von links nach rechts: Günter Vollmer, Franzjosef Maier, Ruth Nielen, Werner Neuhaus, Gerhard Peters, Wolfgang Neininger, Jan Reichow, Ulrich Beetz, Violinen; Heinz-Otto Graf, Viola; Horst Beckedorf, Rudolf Mandalka, Celli. Zweites Bild: (Günter Vollmer) Rudolf Mandalka, Violoncello; (Wolfgang Neininger) Helmut Hucke, Oboe.

Fotos: harmonia mundi Deutschland, Daniela-Maria Brandt

Weiteres zu Franzjosef Maier s.a. hier.

Nachruf seines Schülers und Nachfolgers in Köln, Prof. Gerhard Peters

(Quelle: Hochschulzeitung Das Journal 2015/16)

Auf einer weiblichen Blume landen

Ein altmodisches Kapitel

Es ist mal wieder typisch: habe ich doch ein für die Enkel gekauftes Buch nicht verschenkt, sondern für mich selbst behalten. Ich habe mittendrin angefangen zu lesen und konnte nicht wieder aufhören; ich schwöre, es war nicht an dieser Stelle, und diese Stelle habe ich auch nicht bewusst ausgewählt, um diesen Blog besser zu verkaufen (sex sells!), der kostet ja nichts. Ich erinnerte mich, dass ich mir schon einmal einen ähnlichen Text in den 90er Jahren  im Botanischen Garten Bielefeld von einer Schautafel abgeschrieben habe. Ich vergesse einfach immer wieder, was die Evolution eigentlich mit uns vorhatte, als sie ganz neue Methoden einführte, die jedem Menschen irgendwann man mal das Leben erschweren. Völlig absurd ist es, entsprechende Fragen ausgerechnet dann hochzuspielen, wenn es um Hummeln geht. Dabei haben sie mich immer schon interessiert, also: die Fragen und die Hummeln, aber als ich 14 war und noch in Bielefeld lebte, hätte ich niemals eine Belehrung dieser Art abgeschrieben. Zudem hätte sie auch niemand zu jener Zeit auf eine Schautafel gebracht. Man wusste damals noch, was sich schickte, und ich kann fast den Tag nennen, als mein Vater zum erstenmal das Wort „sex appeal“ benutzte, ich aber glaubte, er habe etwas Unanständiges gesagt. O.k., wir kommen also zu den Hummeln.

Sex war für Pflanzen schon immer problematisch, weil sie festgewachsen sind. Das stellt ein gewisses Hindernis dar, wenn man passende Partner finden und Geschlechtszellen mit ihnen austauschen möchte. Bei der Pflanze entspricht dem Sperma der Blütenstaub, und die Herausforderung für die Pflanze besteht darin, diesen Blütenstaub auf die weiblichen Fortpflanzungsorgane einer anderen Pflanze zu übertragen; nicht ganz einfach, wenn man im Boden verwurzelt ist. Die ersten  Pflanzen bedienten sich zur Lösung dieses Problems des Winds, und für manchen Pflanzen gilt dies bis heute. Vor 135 Millionen Jahren verstreuten fast alle Pflanzen ihre Pollen mit dem Wind und hofften gegen alle Wahrscheinlichkeit, dass ein winziger Teil davon zufällig auf einer weibliche Blume landen würde. Man kann sich vorstellen, dass dies ein sehr ineffizientes und unwirtschaftliches System war, bei dem circa 99,99 % Pollen verloren gingen -indem sie zu Boden fielen oder aufs Meer hinausgeweht wurden. Folglich mussten die Pflanzen Unmengen von Blütenstaub produzieren.

Die Natur verabscheut Verschwendung, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die blinf herumexperimentierende Evolution zu einer besseren Lösung in Gestalt der Insekten gelangte. Pollen ist sehr nahrhaft. Einige geflügelte Insekten begannen sich nun davon zu ernähren, und nach kurzer Zeit spezialisierten sie sich auf Pollen als Nahrung. Während sie auf der Suche nach Nahrung von Pflanze zu Pflanze flogen, transportierten sie unabsichtlich Blütenstaub, der in ihrem Pelz oder in den Gelenken zwischen den Segmenten haften blieb. Fiel gelegentlich ein Pollenkorn vom Insekt auf die weiblichen Teile einer Blume, war diese Blume bestäubt, und so wurden Insekten zu den ersten Bestäubern und Sexassistentinnen für Pflanzen. Damit hatte eine Wechselbeziehung begonnen, die das Erscheinungsbild der Erde verändern sollte. Obwohl ein großer Teil des Blütenstaubs von den Insekten verzehrt wurde, bedeutete dies im Vergleich zu früher, wo der Pollen durch den Wind verteilt wurde, doch einen enormen Fortschritt.

Das ist wohl alles irgendwie bekannt. Klingt aber neu, wenn wir nochmal so darüber gesprochen haben. Manche Menschen hören es lieber als ein Kapitel aus der frühmittelalterlichen Musikgeschichte, das ebenfalls nach Realität verlangt!

Quelle Dave Goulson: Und sie fliegt doch Eine kurze Geschichte der Hummel / Carl Hanser Verlag München 2014 (Seite 70f) ISBN 978-3-446-44039-5

Hummeln Cover Hummeln Covertext

A propos Musikgeschichte: Mir fällt auf, dass die Musik oft genug solche Themen evoziert, nicht nur dank Schopenhauer und Wagner, es muss seit je eine gewisse Affinität bestanden haben:

30.01.2002 WDR 3 Musikpassagen 15.05-17.00 Uhr  Körper, Trieb, Gewalt und Geist Was die Musik zusammenhält… Skript Hier.

24.04.2002 – WDR 3 Musikpassagen 15.05 – 17.00 Uhr Gespaltene Gefühle: Von Lug und Trug (und ewiger Liebe) Skript Hier.

04.10.2007 Heidelberg Vortrag Die Nachtigall hinter der Stirn… Was bewegt uns in Liebesliedern: Trieb, Symbolik oder reine Empfindung? Skript Hier.

Höchstes Glück der Erdenkinder…

… ist doch die … (nun?) … sei nun … (nein!) … sei nur …

Ja, „sei nur die Persönlichkeit“, so steht es da. Und zwar im Zeichen der Suleika. Aber wie kam ich heute nacht drauf? Heute Nacht? Weil ich vorm Einschlafen über Hamlet gelesen hatte. Und spottete noch, dass es wohl „Enkelkinder“ heißen müsste, frühmorgens vor Heiligabend, und „Persönlichkeit des Großvaters“. Erinnerte mich aber , dass ich Adornos „Glosse über Persönlichkeit“ Ende der 60er Jahre noch nach einer auf Tonband genommenen Radiosendung mit eigner Hand aufgeschrieben habe, von Anfang bis Ende, aber letztlich allein durch das Ende derart motiviert:

Wäre er ein richtiger Mensch, so wäre er nicht länger Persönlichkeit, aber auch nicht unter ihr, kein Reflexbündel sondern ein Drittes. Es blitzt auf in der Hölderlinschen Vision des Dichters: „Drum, so wandle nur wehrlos / Fort durchs Leben, und fürchte nichts!“

Shakespeare Titel  Shakespeare Text Cover gr Shakespeare Text Cover kl

Vielleicht erscheint diese geträumte Bildergeschichte im Nachhinein haltlos übertrieben, selbst mir, denn es ging vorerst nur um Hamlet (nein, zuerst über den Mohren von Venedig, nein, den „Mohren“ von Venedig). Wie kam ich in diesem Zusammenhang noch auf den Buchtitel „Wer bin ich und wenn ja wie viele“? Noch zu behandeln: Wie kam eigentlich Monteverdi in seiner Marienvesper auf „Nigra sum“? Wie schwarz ist Clorinda in seinem Combattimento? (Natürlich ist sie weiß! Aber das ist nicht selbstverständlich, sie musste von Tasso weiß gemacht werden.) Es gibt Arbeit! Lese- und Schreib-Arbeit.

Frank Günther zitiert einen Text von Jacob Burckhardt (1860) über die Renaissance, als man in Italien sämtliche Dinge dieser Welt objektiv betrachten lernt; wobei sich zugleich „mit voller Macht das Subjektive erhebt, der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“ Und fügt hinzu:

In diesem alten Text schwingt selbstbewusster Jubel über das Geleistete und Erreichte: der Glaube an die unwiderruflichen Werte des abendländischen Individualismus. Sie gehören, wie ein fernsehtauglicher Mode-Philosoph kürzlich sagte, längst in die Mülltonne der Geschichte. Die Begriffe Identität und Individualität, unsere Ich-Konstitution, sind nicht zuletzt durch Performanz-Theorien und Neurophysiologie pulverisiert – sie sind Chimären: Ich ist ein anderer. Ich bin viele. Und die numerische Mehrheit der Weltbevölkerung hat sie nie nachvollzogen; sie sind eine westliche Erfindung ohne Nachfolge.

Quelle Frank Günther: Unser Shakespeare / dtv München 2014 ISBN 978-3-423-26001-5

Ich finde, dass der Satz von der Mülltonne nicht der bedeutendste ist, den „ein  fernsehtauglicher Mode-Philosoph“ hätte sagen können, aber für seinen Namen und für seinen wirklich bekanntesten Satz wäre wohl noch Platz gewesen. Denn wer sich auf diese neue Philosophie-Mode eingelassen hat, könnte gerade dadurch auch potentieller Leser dieses von Denis Scheck bei Markus Lanz dringend empfohlenen Shakespeare-Buches geworden sein. Und sich selbst als Individuum im Hamlet-Kapitel wiedererkannt haben.

ZITAT

Denn in ihm, in seinem Selbst, meint Hamlet, lebt etwas anderes, „was Schau weit übersteigt“. Was ist das, was da in ihm lebt?

Es ist eine Frage, mit der Hamlet sich, das ganze weitere Stück über, weit mehr beschäftigen wird als mit seinem Racheauftrag. Sie beschäftigt auch uns heute mehrals die zeitgenössischen Verstehenshorizonte und die religiös-metaphysischen Implikationen eines Königsmodes und des Rache-Konzeptes. Die Figur Hamlet gilt als der erste Mensch der Neuzeit auf der Bühne. Wie der Kulturhistoriker Jakob Burckhardt aufgezeigt hat, war die Renaissance die Geburtsstunde der Individualität. Im Hamlet beobachten wir die theatralische Darstellung der Geburtswehen, mit denen jenes neue Etwas in die abendländische Welt geboren wurde, dessen letzte Nachfahren wir Heutigen sind: Hamlet steht als Archetypus am Beginn der Geschichte unseres „Ich“.

Denn der Einzelne war nicht immer ein „Individuum“: Er war im Mittelalter Teil einer paternalistischen, strikt religiös ausgerichteten Gemeinschaft, einem domestizierenden Kollektiv aus Familie, Clan oder Volk, das für ihn eine vorgegebene Rolle bereithielt und deren Einhaltung die soziale Kontrolle der Gemeinschaft überwachte. Vom Einzelnen wurde die Ausfüllung dieser Rolle verlangt, aber nicht etwa zum Wohle seines Selbst, sondern im Dienst an Gott und Gemeinschaft. Auch die christliche Einzelseele war nur in Beziehung zu Gott gesehen, war dienend ausgerichtet auf den „Herrn“. Mit Misstrauen betrachtete man Abweichungen: Ein persönlicher „Stil“, eine eigene „Handschrift“, „Selbstverwirklichung“ war kein kulturelles Ideal – im Gegenteil: Der Abweichler erschien negativ als Störelement im konformen Ganzen.

Quelle (s.o.) Frank Günther: „Unser Shakespeare“ Seite 66 (oben: Seite 76)

Zur Geschichte von weiß und schwarz, zu Monteverdi und Tasso ein andermal.

Schöner als weiße Weihnachten

Die graue Insel in der Nordsee (oder: was Prägung vermag)

Langeoog Heim ohne Pers

Langeoog JR

1954 (oben) 2014 (unten)

Langeoog Hartmann kl

(Foto: Dieter Hartmann)

Nachtrag 30.12.2014

Wenn auch die Jahre enteilen…

Bielefelder Schullandheim kl P1020533 JR Bielefeld kl P1020532

Erst-Begegnung mit Galloway „Jürn“ (und bald danach mit seinem Herrn Rumbi, von dem die Information über den NDR-Film stammt, in dem er selbst auch auftauchen wird, s.u.):

Galloway P1020524Galloway Schnüss P1020523

(Fotos: E.Reichow)

Da steht Jürn, der junge Bulle, vor zwei Minuten lag er noch da wie für die Ewigkeit, erhobenen Hauptes wiederkäuend, der tiefstehenden Sonne zugewandt. Ein Bild unendlicher Ruhe. Er beachtete uns nicht, er schaute hinaus aus dem Dickicht der Wolle, so lässt sich jedenfalls vermuten, ins Licht. Oder horchte er? Geht dann und wann ein Bild hinein? Oder vielmehr ein Ton? Plötzlich steht der mahlende Kiefer still, das Wiederkäuen hat ein Ende. Da ist ein Ton, kaum wahrnehmbar, ein fernes Flugzeug vielleicht, doch der Zweifel verfliegt: der Ton nähert sich, der Bulle steht urplötzlich auf den Beinen; möglicherweise eher ein Fahrzeug? Ein Traktor, ein Schaufelbagger, eine Art Erntefahrzeug, das Geräusch kommt auf uns zu, der Bulle setzt sich in Bewegung, er eilt, er stürmt in Richtung Zaun, vollführt dort einen Freudentanz. Dem Traktor entsteigt ein kräftiger Landwirt oder so, greift zwei Eimer, die randvoll mit Kartoffelschalen gefüllt sind, dann einen Plastiksack mit trockenen Brötchen und schüttet den Inhalt über den Zaun, wo sich inzwischen auch noch ein zweiter Zottelgeselle eingefunden hat. Die Mahlzeit beginnt, zugleich unser Gespräch. Jawoll, das sind Kartoffelschalen, die kommen aus dem „Seekrug“, Bio-Kartoffeln, genau das richtige für freilaufende Tiere. Der Mann hat offensichtlich bodenständigen Witz und ist auskunftsfreudig: „Haben Sie uns Weihnachten im Fernsehen gesehen? Seitdem fragense einen nämlich immer so aus. Klar können Sie ’n Foto machen, aber nicht fürs Facebook, da halt ich nichts von. Den NDR-Film können Sie sich immer noch ansehen. Ich sach Ihnen genau, wo.“

Heiko Arends (ohne h!) – „man nennt mich hier ‚Rumbi‘ mit Spitznamen“ -, ein freundlicher Mann von hünenhafter Statur, ist Herr über 60 Galloway-Rinder, einen Bullen und den Nachwuchs. Die meisten werden nur 3 Jahre alt, diese beiden hier sind im Frühjahr dran. Dann gehts aufs Festland und bald danach landen sie – im „Seekrug“, großes Lob an den Spiritus rector dort, der alles kann! Und die Tiere hier, die führen ein glückliches, aber begrenztes Leben.

Dies würde in die Rubrik gehören, die mir am liebsten ist (nach Musik): Tiere & Menschen. Siehe auch hier.

DER FILM

„Die zotteligen Rinder von Langeoog“ / NDR Nordseereport / 26.12.2014 / 19:00 Uhr, Ausschnitt 5 Minuten / Autorin Annicka Erdmann. Mitwirkende: Heiko Arends und Michael Recktenwald. Drehorte: Salzwiesen auf Langeoog, Küche und Restaurant „Seekrug“.

Zum Film HIERZum „Seekrug“ HIER Zum Galloway-Rind Hier

Korrektur 3. Januar 2015 14.20 Uhr

Wir haben Heiko Arends, genannt Rumbi, wiedergetroffen, draußen an den westlichen Wiesen, rund 500 m vom Hafen entfernt. Es sind keine Galloways, sagt er, sondern Highland-Rinder oder Bullen. („Galloways haben keine Hörner!“) Weder der Film noch der falsch gesetzte Wikipedia-Link konnte meinen Irrtum aufklären. Man hört kaum, was man schon zu wissen glaubt. Außer wenn Rumbi es korrigiert. Jetzt also zum Highland Cattle bei Wikipedia HIER.

Langeoog Highland Fans

Der Mann, der alles übers Highland Cattle weiß. Bitte anklicken. (Verzeihung fürs Foto im Blog! Nachklapp zum Film. Hier mit B.St. und JR, Foto ER).

Allerfrüheste Mehrstimmigkeit heute

Artikel in der heutigen Süddeutschen Zeitung (19. Dezember 2014 Seite 13):

Eine Terz früher / In London wurde wohl das früheste bekannte mehrstimmige Stück der Musikgeschichte entdeckt. Von Johan Schloemann.

Vielmehr … von Giovanni Varelli, Doktorand der Musikwissenschaft am St. John’s College der Universität Cambridge.

Der wissenschaftliche Artikel erschien offenbar schon am 27. September 2013, nämlich HIER, ist aber wie geschaffen für die Vorweihnachtszeit 2014, zumal man das stumme Notenbild-Denkmal seit 2 Tagen auf youtube ertönen hört, zum Leben erweckt von zwei engelgleichen Jünglingen („undergraduates at St John’s College, Cambridge“):

Historischer Zusammenhang (laut Wikipedia)

Die ersten Quellen aus dem 9. Jahrhundert beschreiben das Organum als eine aktive Praxis. Diese Praxis mag schon einige Hundert Jahre älter sein – ihre Ursprünge lassen sich nicht rekonstruieren. Bis heute ist nicht klar, ob das frühe Organum sich aus einem primitiven, strengen Parallelismus entwickelt hat oder aber aus einer recht freien, nur durch die Kirchentonarten gebundenen Heterophonie.

Das erste Dokument, das die Organumpraxis nachvollziehbar beschreibt, war die Musica enchiriadis (gegen 895), ein Traktat, das traditionell (und vermutlich inkorrekt) dem Mönch Hucbald (* um 840; † 930) zugeschrieben wird. Danach war die Organumpraxis gar nicht als Mehrstimmigkeit im modernen Sinn konzipiert: Die hinzutretende Stimme sollte lediglich den einstimmigen Gesang verstärken. Die Musica enchiriadis macht außerdem deutlich, dass Oktav-verdopplung[en] akzeptiert wurden, schließlich ließen sie sich bei gemeinsamem Gesang von Männer- und Knabenstimmen nicht vermeiden. Auch das Mitspielen einer Singstimme durch Instrumente war Praxis. Der Traktat Scholia enchiriadis behandelte das Thema eingehender.

Im originären Parallelgesang lag die originale Melodie in der oberen Stimme (Vox principalis). Die Vox organalis wurde ein perfektes Intervall tiefer parallel geführt, meist eine Quarte tiefer. So hörte man die Melodie als Hauptstimme, die Vox organalis als Begleitung oder Verstärkung. Diese Art des Organums wird heute üblicherweise als Parallelorganum bezeichnet, je nach Intervall beispielsweise als Quartorganum oder Quintorganum, obwohl in frühen Traktaten Begriffe wie Sinfonia gebräuchlich waren.

Da die Musica enchiriadis kurz vor der (Wieder-)Entwicklung einer standardisierten musikalischen Notation geschrieben wurde, sind die dort enthaltenen Beschreibungen des Organum rein verbal. Es ist nicht bekannt, wie genau sie befolgt wurden.

Vollständiger Wikipedia-Artikel HIER.

Ach, ihr beiden Engel, lasst mich die Noten sehen, damit ich glauben kann, was ich höre!

***

Eins darf man heute nicht vergessen: egal was damals notiert wurde und wie sehr es vielleicht in den Basiliken und Klosterkirchen an Farbe gewonnen haben mag, – wenn wir uns an dem orientieren, was man hier realiter hört, muss es armselig gewesen sein im Vergleich zu dem, was am Hofe Harun ar-Rashids von leidenschaftlichen Maqam-Interpreten geboten wurde. Oder zu der majestätischen Orchestermusik, die im fernen Kyoto zum Ruhme des japanischen Kaiserhofes erklang.

Nachtrag 5.1.2015

Zur Entstehung der Musica enchiriadis in der Abtei Essen-Werden, ca. 900

Es entstehen umfassende Schriften, die eine Entstehung der „Musica enchiriadis“ in der Abtei Essen-Werden äußerst wahrscheinlich machen. Der Traktat „Musica enchiriadis“ beinhaltet die früheste Notation für ein genaues mehrstimmiges Singen und bildet somit die Grundlage für alle spätere Mehrstimmigkeit in Europa.

Zwar ist die Urschrift verschollen, doch finden sich Teile daraus in einem Fragment der Schrift, dem Fragment K3:H3 der Düsseldorfer Universitäts- und Landesbibliothek – auch bekannt unter dem Namen „Düsseldorfer Fragment“ – welches die älteste Abschrift darstellt und in der Abtei in Essen-Werden entstanden ist. Kenntnisreichtum und Kreativität des Schreibers stellen diese Schrift in Autornähe. Als Verfasser oder Initiator der verschollenen Urschrift – der Vorlage, welche auch das Düsseldorfer Fragment beinhaltet haben muß – gilt mit höchster Wahrscheinlichkeit der Abt Hoger von Werden († 906). Neben dem „Düsseldorfer Fragment“ fand sich in Werden außerdem die umfangreichste und wichtigste Abschrift der „Musica enchiriadis“: die (in Bamberg aufbewahrte) „Bamberger Handschrift Var. 1“, um 1000 geschrieben. Diese Abschrift ist ebenso in Werden entstanden und steht in deutlicher Beziehung zum „Düsseldorfer Fragment“.

(Dazu: Dieter Torkewitz: Das älteste Dokument zur Entstehung der abendländischen Mehrstimmigkeit: eine Handschrift aus Werden an der Ruhr: das „Düsseldorfer Fragment“. In: Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft. Bd. 44. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1999)

Hinweis: Prof. Dieter Torkewitz ist am 29.1. 2015 zu Gast bei Hans Winking im Bürgermeisterhaus Essen-Werden: „Der musikalische Salon“ 19.00 Uhr. „Im Schatten des Kunstwerks“ – Musiktheorie im Zwielicht.

Über die Sprachlosigkeit der Tiere und…

… warum sie nicht Klavier spielen

Marian Dawkins:

Will ich wissen, was Ihnen etwas bedeutet, kann ich Sie fragen. Sie könnten eine leidenschaftliche Rede über all das halten, was Ihnen wichtig ist – Familie, Karriere, das Sammeln alten Silbers oder was es auch immer sein mag -, und ich würde in recht kurzer Zeit eine deutliche Vorstellung davon bekommen, was Ihnen etwas bedeutet. Natürlich ist das bei anderen Lebewesen nicht möglich. Ich kann mich hinsetzen und sie beobachten und den Lauten zuhören, die sie hervorbringen. Doch woraus sie sich – wenn überhaupt etwas machen, darüber schweigen sie sich beharrlich aus.

Aber vielleicht liegen wir ganz falsch, wenn wir denken, nur über die Sprache erfahren zu können, was wir wollen. Vielleicht versperren wir uns, indem wir uns an die Sprache klammern, den Zugang zu einer noch ergiebigeren Informationsquelle. Sicherlich läßt sich über die Sprache schnell und geschickt herausfinden, was anderen Menschen wichtig ist, aber sie ist schließlich nicht die einzige Möglichkeit hierfür – auch bei Menschen, die unsere eigene Sprache sprechen. In mancher Hinsicht erfahren wir durch das, was Menschen tun, viel mehr über ihren Gefühlszustand als durch das, was sie uns in so vielen Worten über ihre Gefühle mitteilen. Jemand, der gelegentlich sagt, „Oh, ich möchte Klavier spielen können!“, drückt sehr viel weniger überzeugend aus, was er wirklich will, als jemand, der nichts sagt, aber jeden Tag vier Stunden seines Lebens opfert, um zu üben. (…)

Quelle Marian Stamp Dawkins: Die Entdeckung des tierischen Bewußtseins. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg etc. 1994 (Seite 192 f Kapitel 5. „Fühlen wie wir“)

ZITAT SZ „Drei Wege zum Gesang“

Ausgangspunkt für das genetische Riesenprojekt war die Frage, welche Gene Vögel brauchen, um singen zu lernen. Eine der großen Überraschungen ist nun die Erkenntnis, dass sich der Gesang wohl gleich dreimal in den verschiedenen Entwicklungslinien der Singvögel, der Kolibris und der Papageien ausgebildet hat. Die dafür zuständigen Gene sorgen beim Menschen für das Sprachvermögen und könnten auch bei anderen Tieren an unterschiedlichen Lernvorgängen beteiligt sein. Bislang war bereits klar, dass sich auch die Hirnstrukturen, die für das Singen bei Vögeln und das Sprechen beim Menschen zuständig sind, stark ähneln. Eine weitere Studie zeigt zudem, dass das Singen einen steuernden Einfluss auf 10 Prozent der Vogelgene hat – und liefert damit einen Hinweis darauf, wie das Verhalten eines Tieres und seine Erbanlage sich gegenseitig beeinflussen können.

Quelle Süddeutsche Zeitung 12. Dezember 2014 Drei Wege zum Gesang. Neuer Stammbaum zeigt, wie sich Vögel entwickelten. Von Hanno Charisius

Wie dem auch sei, entscheidend ist, daß die Sprache bei weitem nicht die einzige Möglichkeit darstellt herauszufinden, was anderen Menschen etwas bedeutet. Und zumindest einige der anderen Wege – beispielsweise Handlungen, die uns überzeugen, daß jemand meint, was er sagt, oder wirklich durch starke Gefühle an etwas gebunden ist – stehen uns auch offen, wenn es um andere Arten geht. Daß es keine entsprechende Büffel-, Birkhuhn- oder Bärensprache gibt, in der wir diese Tiere in Worten fragen könnten, was wir fühlen, ist also kein so gewaltiges Hindernis, wie es zunächst vielleicht scheint. Ganz im Gegenteil: Die Tatsache, daß wir gezwungen sind, bei ihnen nach direkteren und zwingenderen Methoden zu suchen, könnte sich im Endeffekt als Vorteil erweisen. Zumindest ist es schwieriger zu lügen, wenn man keine Worte benutzen kann. (…)

Tiere haben kein Geld zu vergeben und kein Klavier, um darauf zu üben. Wollen wir also über ihr Handeln herausfinden, was sie fühlen, müssen wir etwas Einfallsreichtum zeigen und uns Situationen ausdenken, in denen sie uns das eindeutig mitteilen.

Quelle Dawkins (wie oben) Seite 193 f

Raggiana_Bird-of-Paradise_wild_5

Raggiana Paradiesvogel (Wikimedia Common markerharper1)

Vor 100 Jahren

Mein Großvater und seine Familie 1914/18

Opa 1914gr Opa Familie 1914 Opa Familie 1915

Lebenszeiten: Vater (1882-1966) Mutter (1887-1965) Kind a (1910-1944) Kind b (1913-2005)

Opa Erinnerungen Anfang

ZITAT (SZ)

Was also bleibt von diesem Jahr des Gedenkens an einen lange vergangenen Krieg? Es bleibt zum Beispiel ein überraschender (und überraschend verbissener) Streit um Schuld. Niemand hatte wohl erwartet, dass 2014 in deutschen Feuilletons noch einmal darüber gestritten würde, wer den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu verantworten hat. All die „Schlafwandler“ in Berlin und Wien, Paris, London und Sankt Petersburg gemeinsam, wie der Historiker Christopher Clark die beteiligten Politiker, Diplomaten und Generäle genannt hat? Oder doch der tumbe, weltmachthungrige deutsche Kaiser und die preußischen Militaristen? Die Heftigkeit, mit der darüber debattiert wurde, zeigt, dass selbst einhundert Jahre nach jenem verhängnisvollen Sommer 1914 nicht nur um neue Erkenntnisse geht, sondern auch immer noch um die Verteidigung alter ideologischer Dogmen.

EINSCHUB (Clark)

In einer der interessantesten jüngeren Publikationen über diesen Krieg wird die These aufgestellt, dass er nicht nur keineswegs unvermeidlich, sondern tatsächlich „unwahrscheinlich“ gewesen sei – zumindest bis zu seinem Ausbruch. Daraus würde folgen, dass der Konflikt nicht die Konsequenz einer langfristigen Verschlechterung der Beziehungen war, sondern kurzfristiger Erschütterungen des politischen Systems. Ob man diese Anschauung nun teilt oder nicht, sie hat den Vorteil, dass sie das Element des Zufalls in das Geschehen einbringt. Und es triff mit Sicherheit zu, dass manche Entwicklungen, die ich hier untersuche, zwar unmissverständlich in die Richtung der tatsächlichen Ereignisse von 1914 verweisen, dass andere Vektoren des Wandels vor dem Krieg aber auch auf Ergebnisse hindeuten, die schließlich nicht Realität wurden. Dies im Hinterkopf, möchte ich in diesem Buch zeigen, wie die einzelnen Puzzleteilchen der Kausalität zusammenkamen, die, sobald sie an Ort und Stelle lagen, den Kriegsausbruch ermöglichten. Ich habe versucht, mir stets vor Augen zu halten, dass die in diesem Buch beschriebenen Menschen, Ereignisse und Kräfte in sich den Keim für andere, vielleicht nicht ganz so schreckliche Zukünfte trugen.

Quelle Christopher Clark: Die Schlafwandler Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog DVA München 2013 ISBN: 978-3-421-04359-7 (Zitat: Ende der Einleitung Seite 18f)

Ausgelöst wurde dieser Streit durch den ungewöhnlichen Erfolg von Clarks Buch. (…) Die wenigsten Menschen, die Clarks „Schlafwandler“ gekauft und gelesen haben, taten das, weil sie Revisionisten sind. Eher war es so: Clark und die vielen anderen Autoren, die 2014 neue Bücher zum Ersten Weltkrieg vorlegten, trafen – wohl zu ihrer eigenen Verwunderung – bei einem bemerkenswert breiten Publikum schlicht auf Neugier, auf ein großes, echtes Interesse an einem Ereignis, das trotz seines apokalyptischen Schreckens fern und rätselhaft geblieben ist.

In dieser Hinsicht war 2014 ein Jahr, in dem man viel lernen konnte – über deutsche und europäische Geschichte; darüber, wie Kriege beginnen können (auch wenn der oft bemühte Vergleich zwischen Sarajewo im Jahre 1914 und der Krim im Jahre 2014 nie richtig passte); manchmal auch nur über den eigenen Großvater und dessen von Kriegen gezeichnete Generation.

Quelle Süddeutsche Zeitung 13./14. Dezember 2014 Seite 4 Weltkriegsgedenken EUROPAS GLÜCK von Hubert Wetzel.

Meisterbrief Opa 1928 kl

50er Jahre

Aussage meines Großvaters: „Ich könnte wohl gut 100 Jahre alt werden!“

Aussage meiner Großmutter: „144000 jetzt lebender Menschen werden niemals sterben!“

Lieblingsbuch meines Großvaters / Lieblingsbuch meiner Großmutter

Opas Lieblingsbuch  Oma Lieblingsbuch

Methoden des Hörens (12 und 13)

(Fortsetzung der Darstellung, die HIER nachzulesen ist)

12) Denkbar wäre auch eine Methode des Hörens, die eine physische Beeinflussung des Ohres bzw. des Kopfes voraussetzt: z.B. durch Drogen. (Schumanns Versuche mit Trunkenheit: ”Wenn ich betrunken bin oder mich gebrochen habe, so war am anderen Tage die Fantasie schwebender und erhöhter. Während der Trunkenheit kann ich nichts machen, aber nach ihr.” Arnfried Edler: Robert Schumann und seine Zeit / Laaber 1982 / S. 280

Man könnte darauf hinweisen, dass ja auch das Aufsuchen bestimmter Räume, das Ritual des Sich-ruhig-stellens, in diese Richtung geht; in Köln erfreut sich das Musikangebot der Romanischen Nacht einer besonderen Beliebtheit, Gregorianik, Bach-Messen, indische Sarangi, Solowerke von Georg Kröll, Improvisationen von Markus Stockhausen, – die Leute harren aus von ½ 8 abends bis 2 Uhr morgens: es ist nicht nur die Musik, es ist der schön beleuchtete Innenraum der Romanischen Kirche St. Maria im Kapitol und es ist die Dehnung der Zeit in den frühen Morgen.

Im ungarischen Szombately habe ich einmal im abgedunkelten Saal eine phonetisch gedehnte Lesung von Finnegan’s Wake durch John Cage erlebt („Reading through Finnegan’s Wake“); ich habe sie leider nach 3 Stunden müde und uneingeweiht verlassen.

Wieder einen anderen Aspekt hätten wir in der afrikanischen Musik zu berücksichtigen, die in einem Maße bewegungs- und körperbezogen ist, dass schon der Begriff ”Methode des Hörens” unzulässig eng wirkt.

Andererseits diskutieren wir afrikanische Musik, weil ihre Strukturen bereits interessant genug sind und auch unabhängig vom Tanz als sinnvoll erlebt werden können.

***

Letztlich müssen wir wohl die physische Situation nicht ernsthaft in unsere Überlegungen einbeziehen. Wir gehen von einem ganz prosaischen Zusammenspiel der alltäglichen individuellen geistigen Kräfte aus, und nicht von Wundern, blitzartigen Erleuchtungen, Rauschzuständen, Derwisch-Drehungen, Trancetänzen u.ä. aus.

Zwar haben wir es etwa bei der Entdeckung der Obertonklänge mit einer Art Umschlagserlebnis zu tun: Sie haben vielleicht bis eben nur die Basis gehört, die etwas nervende Repetierung des Grundtones, und plötzlich tut sich Ihnen darüber eine Obertonreihe auf, eine Skala, eine Melodie. Jahrelang hat die Esoterik von diesem Phänomen zehren können. (Am Ende fehlte es nur an wirklicher Musik.)

Aber es ist etwas anderes als die Mode der dreidimensionalen Illusionsbilder, an die Sie sich vielleicht erinnern: Sie starren ein buntes Muster an und plötzlich öffnet sich die farbige Fläche und ein plastisch wirkender Drache liegt zwischen mehrschichtig angeordneten Blumenbeeten. ”Das magische Auge”!

Tom Baccei “N.E. Thing Enterprises“ / Das Magische Auge / Dreidimensionale Illusionsbilder / ars edition / München 1994

Vielleicht erinnern Sie sich auch, dass Sie dieser visuellen Phänomene überdrüssig wurden. Sie erleben keine Kunst und kein Ritual, sondern einen Effekt in einer netten Dekoration, und der Blick in ein Aquarium ist letztlich faszinierender. (Auch der reine Pointillismus in der Malerei hatte nur kurze Lebensdauer.)

Und noch ein Beispiel: das Déjà-vu-Erlebnis. Sie treten ins Sonnenlicht vor dem Bahnhof und wissen: genau dies habe ich schon einmal genau so erlebt! (Besonders gefährlich, wenn Sie Proust gelesen haben.) Kaiser Wilhelm II. hat sich angeblich durch solche scheinbar mystischen Erlebnisse bei politischen Entscheidungen beeinflussen lassen.

In Wahrheit sind es die beiden Gehirnhälften, die uns diesen Streich spielen: Die zweifache, minimal zeitversetzte Meldung ein und desselben Ereignisses wird nicht als Verdoppelung erkannt, sondern eine von beiden scheint aus der tiefsten Vergangenheit emporzusteigen.

13) Dies wäre eine Hörmethode, die wir tagtäglich anwenden und deshalb von Grund auf zu erneuern hätten: das „unbefangene“, bloße Hören, das registrierende Wahrnehmen der puren Klangereignisse und Geräusche, ob sie nun als Musik gemeint sind oder nicht.

Es soll von unserer Entscheidung oder der Suggestion eines Künstlers abhängen, ob wir die „Klangkunst“ als Kunst- oder als Klangereignis hören: John Cage hat diese Methode angeregt, Christian Wolff hat sie definiert, Murray Schafer detailliert ausgearbeitet: „Es wird kein Unterschied zwischen den Klängen des ‚Werks’ und Tönen überhaupt gemacht – Tönen, die dem Werk vorausgehen, es begleiten oder ihm folgen. Kunst – Musik – und Natur werden nicht als getrennt gedacht.“

Christian Wolff: Über Form / in: Kommentare zur Neuen Musik / Dumont Köln bzw. Wien 1955-1960 S. 166

***

Ob unsere Liste nun vollständig ist oder nicht, – man muss sich darüber klar sein, dass die Methoden niemandem wie eine Palette zur Verfügung stehen, bisweilen schließt eine die andere aus.

Und jede Methode lässt sich symbolisch verwenden oder kann sogar nur auf symbolischer Ebene voll verstanden werden: die Töne bedeuten etwas – über ihr schieres Erklingen hinaus. Wer den 2. Satz der Eroica nicht als Trauermarsch erkennt, verfehlt einen wesentlichen Aspekt.

Wer dem Spiel der chinesischen Zither Qin lauscht, ohne in den Sinn dieser Musik eingeweiht zu sein, wird nichts Wesentliches hören.

Man könnte darüber diskutieren, ob es wirklich Universalien gibt, ob diese nicht so allgemein zu fassen wären, dass sie alles und nichts aussagen, oder ob die Zuschreibungen nur kulturbedingt funktionieren, also eingeübt werden müssen.

Deryck Cookes Buch ”The Language of Music” bezieht sich ausschließlich auf abendländische Musik; aber es wäre durchaus vorstellbar, z.B. die Lamento-Figur von Gibbons und Tschaikowsky, die den Umschlag des Buches ziert, auch im indischen Raga Bhairavi oder in zahlreichen Liedern Afghanistans wiederzuerkennen.

Deryck Cooke: The Language of Music / Oxford University Press 1959 (1964)

Allerdings kenne ich keinen Raga, der aussschließlich traurigen Charakter hat, und im Fall der iranischen und arabischen Musik müsste man den Charakter gerade der Töne berücksichtigen, die gewissermaßen zwischen unseren Klaviertasten liegen und keine unmittelbare Zuordnung zu westlichen Tonarten erlauben.

***

Hans Zender sieht – in seinem anregenden Buch ”Happy New Ears” –

Hans Zender: Happy New Ears – Das Abenteuer, Musik zu hören / Freiburg 1991

die westliche Musik seit Bach als ”Emanzipationsbewegung größten Umfangs” (S.42) und meint, dass nunmehr eine Stufe erreicht sei, ”auf welcher wir lernen müssten, mit unserer schrankenlosen Freiheit sinnvoll umzugehen. Konnte ein Komponist in früheren Jahrzehnten wenigstens noch der Empörung und dadurch der Aufmerksamkeit eines Teiles der Öffentlichkeit sicher sein, wenn er zum ersten Mal ein Tabu der überkommenen Ästhetik verletzte, so sind inzwischen keine Tabus mehr vorhanden, welche man brechen könnte: der Komponist befindet sich in einer Freiheit, die ihm einerseits jede denkbare Klangverbindung, jede vorstellbare Gestaltung erreichbar macht, andererseits ihm auch die Musik aller Zeiten und Völker als Material zur Verfügung stellt. Denn da das komponierende Subjekt die Grenzen des Kunstwerks nicht mehr definieren kann, fällt auch die Vorstellung eines Personal- oder Zeitstils in sich zusammen; alle Stile aller Zeitalter können zitiert, verarbeitet, miteinander gemischt werden, wenn das Konzept des Autors es verlangt.” (S.42)

Ich finde diese Bemerkungen problematisch.

Zender selbst kann unmöglich daran glauben, dass eine fortschreitende Auflösung von Tabus eine immer höhere Emanzipation gewährleiste, – genau solche längst mechanisierten Vorstellungen richten Schaden an, jeder Tölpel könnte sich drauf berufen. Ob der Bruch eines Tabus bereits ein kreativer Schritt sei, muss ja erst durch das Werk erwiesen sein. Das Wort ”Freiheit” darf nicht als Fetisch dienen: für Palestrina hätte ein Bruch mit den Regeln der Satzkunst keineswegs ”Freiheit” bedeutet, sie bestand vielmehr in der eleganten Handhabung der scheinbar strengen Regeln. Mozart ist durchaus nicht dort am größten, wo er die Gesetze der überkommenen Harmonik aufs äußerste strapaziert, wie in den Durchführungen der G-moll-Sinfonie, sondern auch überall dort, wo er ”ganz normale” Werke schreibt (sich scheinbar in den Grenzen der Konvention bewegt).

Und was hat es zu bedeuten, wenn die heutige Freiheit dem Komponisten ”die Musik aller Zeiten und Völker als Material zur Verfügung stellt”???

Ist sie denn damit auch wirklich verfügbar? Sie existiert ja überhaupt nicht ”als Material”? Dieser Begriff stammt aus einer Schrift- und Werkkultur.

Wie aber wollen Sie den Geist eines Ragas oder die inspiriertesten Augenblicke einer Interpretation von Vilayat Khan ”zitieren”?

Wer aber diese Augenblicke an sich erfahren hat (durch vorhergehendes gründliches Studium der indischen Musik und ihres gesamten Umfeldes), der wird nicht mehr an die Zitierbarkeit glauben.

In der Tat steht der Pluralismus, der an solchen Stellen anklingt, durchaus nicht auf so sicheren Füßen.

Wenn Zender über ”Geistliche Musik und Liturgie” spricht, klingt es ganz anders:

”Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in der es keine gemeinsame Sprache gibt. Deswegen haben die überlieferten folkloristischen Formen auf die Dauer keine Chance; sie können allenfalls noch als Sprachen von Minderheiten betrachtet werden.” (a.a.O. S. 100) Etwas später: ”Die Suche nach Strukturen, welche unabhängig von allen Traditionen einer rassischen, nationalen oder sonstwie geprägten Folklore ist, gehört (…) zu den großen Themen der modernen Kunst.” Und dann kommt das Wort von der ”Universalsprache” (in Anführungszeichen gesetzt), die allerdings weiterhin ”Zitate” erlaube von der Folklore bis zum großen Kunstwerk der Vergangenheit.

Vielleicht klingt das alles an dieser Stelle etwas anders, weil es ja um Musik für die Kirche geht, die sich bekanntermaßen als ”universal” versteht.

Abschließend weist Zender auf das für ihn größte Werk geistlicher Musik des Jahrhunderts: Zimmermanns ”Antiphonen”. (a.a.O. S.102)

Dabei zeigt es sich, dass die verwendeten Sprachen, Texte und Autoren, schließlich auch die zeichenhaft eingesetzte Choralmelodie ”Christ ist erstanden”, für Zender entscheidende Bedeutung haben, – symbolische Bedeutung -, der Musik an sich gelten nur diese wenigen Worte: ”…mitten in der seriellen Perfektion der Struktur…”

Ich sage dies nicht, um Zender zu kritisieren. Es ist symptomatisch, dass wir uns an die vertonten Texte halten, wenn es an Hinweisen, wie wir die Musik adäquat wahrnehmen können, fehlt.

Gehört also die genaue Kenntnis der Texte zur Methode des Hörens?

Muss ich z.B. den Text der Consolation II von Helmut Lachenmann gelesen haben, da er im Erklingen des Werks – aufgrund phonetischer Demontage nicht mehr verstehbar ist? Lachenmann selbst sagt: ”Solche ‚Unverständlichkeit’ scheint mir legitim und dort kaum vermeidlich, wo Musik und musikalische Form ihre alten sprach-analogen Gesetzmäßigkeiten mit anderen vertauscht haben, mit Gesetzmäßigkeiten nämlich, welche sich gegen die oberflächliche Koppelung mit einem semantisch orientierten und grammatikalisch gerichteten Sprachverlauf sperren.” Dennoch rechnet er damit, ”dass die semantische Bedeutung doch noch quasi ‚von fern’ signalisiert bleibt.” (Lachenmann 1969)

Jedenfalls hat Lachenmann seine Methode damit genau bezeichnet: es ist die kritische.

Helmut Lachenmann: CD Mouvement (-vor der Erstarrung) / „…zwei Gefühle…“, Musik mit Leonardo / Consolation I / Consolation II / Kairos 0012202KAI

Ich spiele jetzt das Vokalwerk eines anderen Komponisten an, das mich überhaupt nicht aufgrund des Textes interessiert hat, sondern allein aufgrund der Klänge, der Reibungen und der Glissandi, für mich eine Angelegenheit der Hörmethode Nr.3, der bulgarischen Diaphonie.

Musik 8 Nuits „Ave Maria“ Hosokawa Tr. 1 ab 1’45” bis 2’38”

CD Nuits – weiß wie Lilien / SCHOLA HEIDELBERG ensemble aisthesis Walter Nußbaum / Toshio Hosokawa „Ave Maria“ / Schott Japan Company Tokyo / BIS & SWR / BIS-CD-1090

Ein Negativschock kam erst in dem Moment, als der Text eindeutig verständlich war. Sie werden es in wenigen Sekunden hören, ziemlich genau in der Mitte des 8-Minuten-Werkes.

Musik 9 Nuits Hosokawa ab 4’25” bis (“Jesus Christus!!!”) 5’03”

Das Barrabam-Pathos dieses Aufschreies ist mir sehr unangenehm und Ihnen vermutlich auch. Ich behaupte jetzt einfach, dass es kein Bekenntnis, sondern ein Zugeständnis des Japaners Toshio Hosokawa ist, und zwar an seine christlichen Auftraggeber.

Wie wir die folgende Musik adäquat hören, ist wohl keine Frage: die Glocke mit ihrem hartnäckigen, asymmetrischen Rhythmus wirkt fast wie ein afrikanisches Zitat, im Gegensatz zu Hosokawa bewusst ohne dynamische oder klangliche Raffinesse zusammengesetzt, der Komponist drohte vor der Aufführung, dass es keine Pause geben und darüber hinaus auch noch sehr laut werden würde. ”Vielleicht zum Trost: Es gibt auch leise Stellen, aber nur wenige.” Ein bewusster Barbar natürlich, aber Feinsinnigkeit ist nun einmal nicht die Voraussetzung von Kunst…

Musik 10 Ödipus Tr. 8 Anfang bis 0’49”

Steffen Schleiermacher: Das Testament des Ödipus (2002). Deutsche Erstaufführung.

Steffen Schleiermacher – Tasteninstrumente, Stefan Stopora – Schlagzeug, Martin Losert – Saxophon / 03.07.2003 MDR-Studio am Augustusplatz / MDR Musiksommer.

Auch an anderer Stelle wirken die Ostinati wie Anklänge an eine unbekannte Volksmusik, dazu die atemlose, erregte Erzählweise, von fern an Rap erinnernd, – unmöglich, sich dazu einen seriösen Methoden-Text wie den von Lachenmann vorzustellen. Hier orientiert sich jemand an nicht-geschriebener Musik.

Musik 11 Ödipus Tr.7 ab 1’38” bis Ende (3’03”)

(wie oben) Schleiermacher: Das Testament des Ödipus (2002). Truike van de Poel, Stimme

Das waren Ausschnitte aus Steffen Schleiermachers “Das Testament des Ödipus” nach Sophokles/Heiner Müller.

Zu den ganz wichtigen Dingen des musikalischen Denkens gehört nicht nur, wie in Musik Sprache behandelt wird, sondern natürlich auch, wie über Musik gesprochen wird. Der Diskurs, wie man heute sagt. Wir wissen, was Adornos Buch über Mahler bewirkt hat: man lernte positiv über das zu reden, was vorher als Makel gegolten hatte: die Brüche, das Triviale, die angebliche Kapellmeistermusik.

Sie erinnern sich sicher auch an George Steiners leidenschaftliches Plädoyer gegen alles Sekundäre und Parasitäre: “Ein ängstliches Verlangen nach Zwischenstufen, nach erläuternd-wertender Vermittlung zwischen uns und dem Primären durchdringen unser Wesen,” schreibt er, und stellt dagegen die direkte Begegnung mit jener “realen Gegenwart”, von der sein ganzes Buch handelt. Die des Kunstwerkes. Die Kritik blieb nicht aus und bei allem Respekt vor seinen Gedankengängen möchte man sie auch zu dem notwendigen sekundären Diskurs zählen, der uns das Primäre deutlicher sehen und hören lässt.

George Steiner: Von realer Gegenwart – Hat unser Sprechen Inhalt? / München Wien 1990

Mir scheint es inzwischen verdächtig, wenn man angesichts der Diversifizierung von Stilen und musikalischen Möglichkeiten verbal immer wieder die Notwendigkeit der Stille beschwört, – womit ich nichts gegen die legitime Auskomponierung der Stille bei Feldman und anderen sage.

Die Stille hilft nicht unbedingt. Jedenfalls nicht, wenn danach ein ausgewachsenes Streichquartett von Wolfgang Rihm folgt.

Wolfgang Rihm: String Quartets Vol. 1 (Nos. 1.4) und Vol. 2 (Nos. 5-6) col legno WWE 20211/12

Mir scheint es auch zu wenig, was dieser Komponist, ein hoch beredter Mann, oder sein Produzent uns mitgibt, wenn wir seine Streichquartette hören (und vielleicht verstehen) wollen. Das fünfte heißt ”Ohne Titel”, das sechste ”Blaubuch”. Was soviel heißt wie: Schlagt ruhig im Lexikon nach, das hilft auch nicht!

Da steht: siehe Farbbücher. Und das waren amtliche Dokumentensammlungen, die die Außenministerien der Öffentlichkeit aus Anlass bestimmter außenpolitischer Ereignisse unterbreiten. Großbritannien veröffentlichte zuerst Blaubücher, das Deutsche Reich seit 1879 Weißbücher, die USA bedienten sich des Rotbuches usw.

Ein Blaubuch also.

Und dann steht da noch: Auf die Frage, was er mit seiner Musik beabsichtige, antwortete Wolfgang Rihm einmal: ”Bewegen und bewegt sein”. Der Kommentator fügt hinzu: ”Dem ist bei der Beschreibung des 5. und 6. Streichquartettes nichts hinzuzufügen.”

Es handelt sich aber immerhin um 30 plus 47 Minuten Musik.

****************************************************************

1953 erschien „Le degré zéro de l’écriture” von Roland Barthes, und diese Vorstellung vom Nullpunkt, von einer tabula rasa, bei ihm als Utopie entworfen, hat sich von ihm gelöst und geistert seither durch die Sekundärliteratur.

Roland Barthes: Le dégré zéro de l’écriture Paris 1953 / auf deutsch: Am Nullpunkt der Literatur / Frankfurt am Main 1982

Es geht um die Suggestion, dass wir überhaupt einen neuen Nullpunkt setzen können; dass aus der Stille gewissermaßen ein neues, jugendfrisches Hören komme. Ein Argument, womit sich die Jugend womöglich gern die gewaltige Hörarbeit erspart, die zum Erlebnis klassischer Musik gehört.

Und ich denke daran, dass z.B. die indische Musik diese Stille überhaupt nicht kennt: das Surren der Tanpura, der Grundtonlaute, ist ihrer Idee nach ewig. Das andächtige Schweigen und Lauschen in unseren Konzersälen hat indische Meister durchaus überrascht. Die indische Musik kommt nicht aus der Stille, sondern ganz bewusst aus deren Verletzung, Aghat, Schlagen, Verwunden. Erst wenn der indische Musiker sich veranlasst sieht, philosophisch über den Hintergrund dieses ersten Klanges zu sprechen, kommt er auf Anhad, die Stille.

Nur der Philosoph beginnt auf der anderen Seite: ”At the heart of music is silence. This silence, anhad, when made audible is nad, the primordial sound.” (Vidya Rao).

Music Appreciation Vol 1 A three part understanding of Hindustani music 1992 Script: Vidya Rao / Music Today CD-A92017

Auf dieser abstrakten Ebene bewegen sich wohl auch Rihms Worte vom Ziel seiner Musik: Bewegen und Bewegtsein. Es sagt jedenfalls nicht viel mehr als Beethoven, wenn er über seine Missa solemnis schreibt ”Von Herzen möge es zu Herzen gehen.”

Einer so vom Komponisten bezeichneten ”Hörmethode” ist schwer zu widersprechen. Wer will schon herzlos sein… und wer – unbeweglich.

Aber gerade die Missa solemnis hat ihren Text und ihre schwierige Deutungsgeschichte bis hin zum dunklen ”Verfremdeten Hauptwerk” bei Adorno.

Anderen Werken kann es widerfahren, dass sie durch wohlmeinende Willkür an dem Nullpunkt angesiedelt werden, den die Klangkunst bezeichnet.

David Rothenberg (Editor): Music from Nature / in: TERRA NOVA vol. 2 Nr. 3 Massachusetts 1997 / Kommentar zur beigegebenen Terra Nova CD / S.133

Der amerikanische Naturklangsammler und Musiker David Rothenberg hat in seine Essay- und Klang-Anthologie ”Music of Nature” den ersten Satz der Beethoven-Sonate op. 109, E-dur, einbezogen und es etwa so begründet:

”Wie kann Beethovens Musik über irgendetwas anderes gehen als über Natur? Mit dem Drängen und Wogen ihres Meeres, ihren Wasserfällen und Windböen, ihren Zusammenstößen und ihrem freien Verströmen?” (a.a.O. S. 134) (Übers. J.R.)

”Für mich hat dieser eine Satz einen erstaunlich modernen, fließenden, fast impressionistischen Klang, eher dem Lauf der Wellen folgend als seiner eigenen rigorosen Sonatenform.”

Er fügt hinzu, dass Beethoven hier mit Zeitgestaltung und irregulären rhythmischen Emanationen N a t u r evoziert, ebenso ”präzise wie fluide”; Muster, die nicht perfekt gerundet sind, die sich zubewegen auf Unerwartetes – auf etwas, das durch eine Maschine nie ersetzt werden könne. (a.a.O. S. 134)

Man schaut verblüfft in die Beethoven-Sonate, die einer solchen Vereinnahmung nicht widersprechen kann, und in die entsprechende Literatur. Beethoven selbst beruft sich ja durchaus nicht auf die Natur, sondern – in seinem Widmungsbrief zu dieser Sonate – auf den ”Geist, der edle und bessere Menschen zusammenhält und den keine Zeit zerstören kann, dieser ist es”, so schreibt er an die 19jährige Maximiliane von Brentano, ”dieser ist es, der jetzt zu Ihnen spricht…” Der Geist und das Mädchen, das wäre durchaus eine mögliche Deutungsrichtung. ”Mit aller Macht stemmen sich solche Beethoven-Stücke gegen das Vergehen der Zeit”, schrieb Jürgen Uhde unter Bezugnahme auf den letzten Satz, der das Ziel der ganzen Sonate ist. Es liegt auf der Hand, das Beethovens Spätwerk auch mit dem Erlebnis des Alterns zu tun hat.

Jürgen Uhde: Beethovens Klaviermusik Band III Stuttgart 1974 / 1991 S. 465 ff

Rothenberg aber macht gar nicht den Versuch, Beethovens Intentionen zu erfassen, das Gebilde spricht nicht zu ihm, er beobachtet es, aus seiner Sicht verhält es sich wie ein Naturvorgang.

Der Vorteil liegt auf der Hand: man hat mit Bildungsballast und Deutungsnot wenig zu schaffen hat. Peter Kivy, der Fürsprecher des Phänomens ”Music alone” hätte dennoch wenig Freude daran, da die Beschaffenheit der musikalischen Struktur letztlich gleichgültig ist:

N a t u r ist alles – und nichts.

Die Natur gibt es nicht, sagte Paul Valéry.

Ich habe auch dies als eine letzte (in der Musik sicher atavistische) Hörmethode eingegliedert: Die intendierte, assoziierte oder sorgsam eingelagerte Bedeutungsebene einer Musik auszublenden und ihr dadurch möglicherweise eine andere zu unterschieben.

Meistens beginnt man an dieser Stelle von ”Material” zu sprechen. Oder von ”klanglichen Ereignissen”. Auf die Reduzierung der Musik zur ”Klangkunst” (von dieser sicher als längst fällige Öffnung der Musik verstanden) ist Max Nyffeler in seinem Essay ”Neue Wege des Hörens” gründlich eingegangen.

Max Nyffeler: Neue Wege des Hörens? Gedankengänge zwischen Konzertsaal und Klangkunst 2002 / Web: beckmesser.de

Es habe – in der Zeit nach John Cage und der Fluxus-Bewegung – ”vereinzelt Stimmen gegeben, die nach altvertrauter Fortschrittsideologie bereits das Ende des durchkomponierten Kunstwerks diagnostizierten, an dessen Stelle nun die Klangkunst treten sollte.”

”Was heute unter dem designerhaften Titel ‚Klangkunst’ daherkommt, kann als Reflex auf eine Konzertsaal-Avantgarde gesehen werden, deren strukturbezogenes Denken immer wieder zur Selbstreferentialität tendiert und neuen Publikumsschichten den Zugang notorisch erschwert. Eine Klangskulptur im Freien oder ein begehbarer Schallraum öffnet die hermetische Kunstsphäre zum Alltag und ermöglicht die zwanglose Wahrnehmung. Der adornosche Hörertyp des Experten, an den sich komponierte Musik bei aller gewonnenen Flexibilität noch immer richtet, wird dann vom Flaneur abgelöst. Das kommt auch den veränderten Hörgewohnheiten der nachrückenden Generation entgegen. Viele junge, musikinteressierte Hörer sind mit Walkman und Computer besser vertraut als mit Klavier und Streichquartett. Bei ihnen geht Sound vor Struktur, beiläufiges Hören vor Notenlesen, Konsum vor Eigenaktivität.”

Nyffeler schließt daran die Frage, ob dies nicht ”Symptom des Niedergangs musikalischer Bildung, wenn nicht von Kultur überhaupt” sei, hütet sich allerdings vor einer allzu eiligen Verurteilung.

Könnte es nicht der Beginn von etwas Neuem sein? ”Zurück zur reinen Wahrnehmung”.

Wahrnehmung allerdings, ich zitiere weiter, “die nicht mehr auf den hörenden Nachvollzug von musikalischen Binnenstrukturen und Formverläufen ausgerichtet ist, sondern auf die durch den Klang vermittelte Eigenbefindlichkeit in Raum und Zeit. Diese Art von Wahrnehmung kann mithin Vehikel einer symbolischen Standortbestimmung des Ichs in der Welt sein.”

Ein sehr interessanter Gedanke: dass auch die von jeglicher Bedeutung losgelösten Klangstrukturen eine symbolische Bedeutung für das hörende Ich annehmen können.”

Nyffeler fährt fort: ”Doch gerade die Symbolhaftigkeit, bei der das Kunstwerk als Zeichen für etwas anderes steht, soll nach Auffassung der Klangkunst-Anhänger tunlichst vermieden werden. Das ist für sie eine Eigenschaft der ‚alten’ Konzertmusik. Sie wollen Klang als reines Wahrnehmungsphänomen behandelt wissen.”

Jeder von uns wird sagen: Nichts gegen die reine Wahrnehmung und die reale Gegenwart! Aber die reine Wahrnehmung ist weder rein noch ahistorisch, und auch real „gegenwärtige“ Kunstwerke werden durch Theorie nicht zerstört: je näher wir ihnen damit kommen, desto ferner schauen sie zurück.

Unsere Eigenbefindlichkeit kann ihr Problem nicht sein.

*** ©Reichow07/2004 ***

Tui-Übung

Der TUI ist eine Vogelart in Neuseeland. Wikipedia sagt:

Die Stimme des Tui ist recht laut und kraftvoll, der melodische Klang wird oft von abwechslungsreichen klickenden und schnarrenden Geräuschen unterbrochen. Er ist dem der südamerikanischen Glockenvögel (Procnias) zum Verwechseln ähnlich, die Stimme der Glockenvögel weist jedoch deutlich weniger Resonanz auf.

Ich möchte ihn hören und am liebsten beim Singen auch sehen; hier ist eine Möglichkeit, der Vogel wurde aufgenommen im Orana Wildlife Park, Christchurch, Newzealand:

Interessant, dass der Aufzeichner zunächst eine Version mit verlangsamtem Gesang veröffenlicht hatte, bei dem man jedes Detail in tiefer Lage überdeutlich und genau, aber eben auch verfremdet wahrnimmt. Es sei der erste Teil meiner Übung, zwischen diesen beiden Versionen zu wechseln, bis sie ganz vertraut sind.

Als nächste Stufe folgt der Vergleich mit völlig anderen Quellen des Tui-Gesangs, nämlich hier.

http://nzbirdsonline.org.nz/species/tui

Zur Erinnerung und zur besseren Orientierung kann ich mir mit Hilfe des folgenden Fotos Notizen zu den einzelnen Aufnahmen machen:

Tui Beispiele Tui 12 Beispiel Bild

Der Gesang des Tui-Vogels steht am Anfang der Komposition „Couleurs de la cité celeste“ von Olivier Messiaen. Ich lege die Aufnahme auf einem zweiten geöffneten Fenster bereit und stelle jedesmal, wenn ich den Vogel „real“ gehört habe, die von Messiaen gewählte Eröffnungsphrase dagegen, 7 Sekunden (youtube s.u. von Anfang der Aufnahme bis in die Pause nach 7 Sekunden), sofort ein zweites Mal und noch 10 weitere Male.

Es reihen sich mehrere Vogelstimmen aneinander, der Tui kommt noch einmal ab 0:32 (bis 0:40), dann – nach der kleinen Pause – erklingt zum erstenmal die Alleluia-Melodie ab 0:43 (bis 0:52).  Und damit habe ich schon ein paar wesentliche Dinge ins Gedächtnis eingegraben. Ich sollte sowohl die originalen Vogelstimmen wie auch die Umsetzung bei Messiaen imaginieren können…

(Fortsetzung folgt, wenn ich genügt oft geübt habe)

Weitere Bausteine:

Der BENTEVEO aus Argentinien (leider mit Geräuschen von Baufahrzeugen, aber instruktiv):

„Troglodyte Barré“  bzw. „Thryophylus pleurostictus“

Zu vergleichen mit den schönen Beispielen im folgenden Artikel (siehe rechts: cri & chant)

ZITAT

Chant : C’est l’un des chanteurs les plus accomplis du genre thryothorus. Son chant, qui retient fortement l’attention, est un mélange de sifflements, de glougloutements et de trilles dont certaines phrases rappellent fortement ceux du rossignol européen. Les cris comprennent de courts trilles et un ronflement rauque et nasillard ‚jerr-jerr-jerr‘.

http://www.oiseaux.net/oiseaux/troglodyte.barre.html

Neues aus Oman

Annäherung zwischen Ost und West?

Erstaunliches konnte man vor neun Jahren erleben: Eine umfangreiche und opulent ausgestattete Klang-Dokumentation vom „AL TARAB Muscat Ud Festival“, unter den Verantwortlichen im Verzeichnis (linke Seite separat anklicken) ganz oben und ganz unten: Issam El-Mallah.

Muscat Festival Issam El-Mallah Muscat Festival außen CoverMuscat Festival Inhalt

FAZ und SZ schrieben recht positiv, wenn auch mit einer gewissen Rück- und Vorsicht, über das ferne Festival (10. und 15. Dezember 2005).

Eine ausnahmslose Freundlichkeit aller Bevölkerungsschichten könnte als Zeichen gelten, daß der bekennende Humanist Qaboos [der Sultan, „His Majesty“] die Menschen ein wenig verändert hat. Kulturbewußt ist er natürlich auch. Musikgruppen gehören fest zu seinem Palast, und vor zwanzig Jahren hat er für ein Novum in der arabischen Welt gesorgt: mit der Gründung des auch heute noch einzigen nur mit Einheimischen besetzten Sinfonieorchesters. (Ulrich Olshausen FAZ 10.12.2005)

Issam El-Mallah, der in Bayern lebende ägyptische Musikwissenschaftler, ist seit langem der Leiter des Oman Centre for Traditional Music und damit Organisator des Festivals. Seine Rechtfertigung für die der arabischen Musik fremde Kombination einer Ud mit einem klassischen Orchester: „Ich finde nicht nur eine Annäherung des westlichen und arabischen Stilidioms im Orchester interessant, sondern auch eine selbstständige Entwicklung der Ud nach dem Vorbild des westlichen Violin-, Cello- oder Klavierkonzerts.“ Die Risiken dabei sind groß. Einmal entkommt man kaum der Versuchung, die oft dreisätzigen Ud-Konzerte als Versatzstücke der europäischen Musikgeschichte zu hören. Zudem finden sich absichtliche Beethoven- oder Wagnerzitate im Konzert von Ammar al-Sherei oder, unbeabsichtigt, Relikte spanischer Folklore im Konzert von Atiyya Sharara. Das zweite Risioko: die Klangbalance, die nur über die elektrische Verstärkung der Ud beherrschbar wird. Und das dritte: die Glättung oder gar Vermeidung der für die arabische Musik typischen 3/4-Töne im westlichen Orchestersatz. (Klaus Peter Richter SZ 15.12.2005)

Um so aufschlussreicher für das subkutane Ost-West-Verhältnis, was jüngst die Augenzeugin Eleonore Büning anlässlich einer Aufführung der Oper Manon Lescaut im Royal Opera House von Oman berichtete. Ein kurzer Ausschnitt aus dem langen, schönen Artikel:

Bei uns, hierzulande, würde man Issam El-Mallah einen Zensor nennen. In Maskat ist er einer der vielen Vertrauten von „His Majesty“, Sultan Qabus ibn Said al Said, und in den Augen von dessen singenden und musizierenden Untertanen ist er ein freundlich-väterlicher Berater. Lange vor der Reise, bevor wir losflogen in Deutschland, haben mir gute Freunde aus der Musikwelt von diesem guten Freund in der Hauptstadt von Oman nur Gutes berichtet. Ein kluger Mann sei er, weltläufig, gebildet. Ich habe ihn leider nicht kennengelernt. Er blieb die ganze Zeit über unsichtbar.

Dass er aber dagewesen war, wird bezeugt, zum Beispiel von den Dekolletés der Rokokoschönheiten, die von einer Probe auf die andere immer kleiner werden. Zentimeter um Zentimeter wachsen die eingelegten Brusttücher. Auch wirken die locker zockenden Studenten in der Kneipe von Amiens, im ersten Akt der Oper „Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini, mit einem Male stocknüchtern. Man muss dazu wissen: Alkoholmissbrauch von Ausländern wird in Oman mit bis zu drei Wochen Gefängnis bestraft, und in diesem Falle könnte die Scharia sogar, auch wenn sich nur gefärbtes Wasser in den Bühnenweinflaschen befindet, von einer Verführung der Omaner zum Alkoholkonsum ausgehen, das wird dann noch teurer.

Die Prostituierten, die im dritten Akt der „Manon Lescaut“ ins Auswanderer-Schiff verladen werden, drosseln ihre obszöne Gestik auf ein Minimum, sie wirken hochgeschlossen. Die allegorische Ballettszene im zweiten Akt, getanzt von zwei männlichen Tänzern, verwandelt sich in etwas Unverständliches, denn auch Homosexualität ist in Oman gesetzlich verboten. Auch der leidenschaftliche Kuss, der die Amour fou besiegelt zwischen dem stürmischen Chevalier des Grieux und seiner entzückenden Manon, bleibt in der Luft hängen. Lippen schweigen, es flüstern Geigen.

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.11.2014 Des Sultans Leidenschaft Große Oper in der Wüste von Oman Der Sultan von Oman hat seinen Untertanen ein Opernhaus geschenkt. Es ist das einzige auf der Arabischen Halbinsel. Dort Puccinis „Manon Lescaut“ zu sehen, ist ein Ereignis, auch wenn leidenschaftliche Bühnen-Küsse streng verboten sind. Von Eleonore Büning.

Nachwort

Inzwischen habe ich gelernt, was ich 2006 noch nicht wusste: dass die Aussprache des Festivals „Muscat Ud“ nicht an Muskat-Nuss erinnern darf, die Hauptstadt von Oman heißt Maskat. Der Sultan hat, so weiß man, einen Zweitwohnsitz in Garmisch-Partenkirchen, wohin ihn manchmal auch eine seiner Musikkapellen begleitet.

Bemerkenswert ist auch der Satz:

Das Sultanat ist eine absolute Monarchie und besitzt gleichzeitig eine Verfassung. Die vom Sultan ernannten Minister und die zwei nationalen Parlamente haben nur beratende Funktion.

Dies schreibe ich ohne Ironie. (Letztes Zitat: Wikipedia „Oman“ s.o.).