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Bemerkung zur Evolution

Soll man Rémy Chauvin vertrauen?

Ehrlich gesagt: ich glaube nicht! Andererseits kommt es gar nicht darauf an, ihm Glauben zu schenken oder nicht; ich habe keinerlei Mittel, ihn wirklich zu überprüfen, weder sprachlich noch wissenschaftlich. Ich bin nur ziemlich sicher, dass er etwas ganz anderes sagt als die heutigen Vertreter der Darwinschen Evolutionstheorie. Und denen „glaube“ ich, wobei es sich meiner Meinung nach um mehr als „Glauben“ handelt, zumal ich vor 10 Jahren mit stetig wachsender Überzeugung die „Geschichten vom Ursprung des Lebens – Eine Zeitreise auf Darwins Spuren“ von Richard Dawkins gelesen habe. Während die Lektüre des allerersten Buches, das ich zu diesem Thema durchgearbeitet habe, schon 60 Jahre zurückliegt: „Die Entfaltung des Lebens“ von Julian Huxley. Also ein bisschen Erfahrung habe ich in dieser Thematik durchaus gesammelt. Es hat mich allerdings noch längere Zeit unter Schock gesetzt, als ich begriff, dass diese neue Biologie nicht mehr in Einklang zu bringen war mit der schönen, anschaulichen Naturforschung Goethes, die sich in bestimmten alternativen Büchern zu spiegeln und fortzusetzen schien, – vor allem solchen der Anthroposophie.

Ich komme auf Remy Chauvin durch den Booklettext zu Georges Aperghis (hier), demgemäß die Autoren Gilles Deleuze und Félix Guattari sich auf ein Beispiel eben dieses französischen Biologen beziehen, nämlich auf das Phänomen der eigenartigen Verbindung zwischen Wespe und Orchidee (wobei mich bereits stört, dass weder „Wespe“ noch „Orchidee“ wissenschaftlich präzise bezeichnet sind, vermutlich handelt es sich zumindest um eine Schwebfliege). Mir scheint die Sache ähnlich obskur aufgefasst, wie ich es aus einer Schrift anthroposophischer Provenienz kenne:

Das Insekt, welches sich auf die Blüte zubewegt, scheint etwas von seiner Tierhaftigkeit zu verlieren und dafür Charaktereigenschaften der Blumenwelt in sich aufzunehmen; die Pflanze andererseits steigert sich über sich selbst hinaus und klingt in vieler Hinsicht an Tierverwandtes an, wenn sie auch das Tierhafte stets nur äußerlich wie im Bilde nachzuahmen vermag. Wäre wohl ein Schmetterling denkbar, wenn es keine Blumen gäbe? Nicht etwa nur, weil er vom Nektar lebt, sondern weil er – selbst blumenhaft – seinem ganzen Wesen nach ein Gegenbild fordert, könnte es ihn allein niemals geben. Umgekehrt aber muß von der Blüte Entsprechendes gesagt werden. Auch sie ist Spiegelbild – dasjenige des Schmetterlings nämlich -, und so empfinden wir das Hin und Her wie ein wechselseitiges Ineinanderweben.

Quelle Gerbert Grohmann: Die Pflanze – Ein Weg zum Verständnis ihres Wesens. Band 1 Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 1981 ISBN 3-7725-0503-1 (Seite 43)

Im oben erwähnten Booklettext wird dann (mit Bezug auf die genannten Autoren) gesagt: „Dieses Bild erinnert entsprechend der Terminologie von Chauvin an eine Evolution von ‚zwei Wesen‘, wovon das eine mit dem anderen absolut nichts zu tun hat.“

In der „echten“, wissenschaftlich abgesicherten Evolutionslehre dagegen haben die „zwei Wesen“ sehr wohl miteinander zu tun, die Evolution hat sie wechselseitig aufeinander abgestimmt.

Diese Bemerkung unterminiert nicht die Wahrheit dessen, was der Booklettext über die Relation des Komponisten Aperghis zu dem Poeten Wölfli zum Ausdruck bringen will, aber der Umgang des Autorengespanns Deleuze/Guattari mit der Wissenschaft verliert durchaus an Vertrauenswürdigkeit. Und diesen Stachel (der gedachten Wespe) wollte ich aus meiner Haut entfernen (ohne selbst – auch nur im übertragensten Sinn des Bildes – einer Orchidee zu gleichen, die natürlich nicht gestochen, sondern nur ausgesaugt würde).

Einen Verdacht werde ich jedoch nicht ganz los: dass es in der Neuen Musik eine Tendenz zu mystisch verdrehten Theoremen gibt (wie man an Anton Weberns Naturbild studieren kann, von Messiaen und Stockhausen zu schweigen); sie sagen nichts gegen die Qualität der Musik, halten aber in sich einer kritischen Prüfung kaum stand.

Zudem erinnere ich mich – nicht ohne ein gewisses Vergnügen – an die berühmte Affäre „Eleganter Unsinn“.

Heute geht es mir so, dass ich glücklicher bin mit jeder naturwissenschaftlichen Erklärung, die dem aktuellen Konsens der Wissenschaft entspricht, egal, ob mir das „sympathisch“, im Gegenteil, wenn es „gefühlsmäßig“ etwas schmerzt, bin ich dankbar für den Hinweis, da ich mich nicht gleich einer heimlichen Voreingenommenheit verdächtigen muss. (Bitte keinen Umkehrschluss! Es gilt so, wie ich es sage.) Ich lese z.B. folgendes – mit welchem Gefühl?

Aber die Zoologie hat noch viel vor sich. Bisher lässt sich aus dem Körper einer neu entdeckten Spezies nur so viel „ablesen“, dass wir ein grobes, qualitatives Urteil über ihre vermeintliche Umwelt und Lebensweise abgeben können. (…)

In seltenen Fällen ist der Körper eines Tieres sogar eine Beschreibung der Welt im buchstäblichen Sinn einer bildlichen Darstellung. Ein Insekt, das wie ein Zweig aussieht, lebt in einer Welt aus Zweigen, und sein Körper ist das Abbild eines Zweiges mit den Ansatzstellen abgefallener Blätter, Knospen und so weiter. Ein Rehkitz trägt auf seinem gefleckten Fell das Muster der Sonnenstrahlen, die zwischen den Blättern auf den Waldboden fallen. Ein Birkenspanner ist das Abbild der Flechten auf der Baumrinde. Aber wie Kunst, die nicht naturalistisch abbilden muss, so geben auch Tiere ihre Welt häufig auf andere Weise wieder, beispielsweise impressionistisch oder mit Symbolen. Ein Künstler, der dem schnellen Fliegen dramatischen Ausdruck verleihen will, schafft das kaum besser als ein Mauersegler mit seinem charakteristischen Körperbau. Vielleicht ist das der Grund, warum wir die Stromlinienform intuitiv begreifen; vielleicht haben wir uns deshalb an die pfeilförmige Schönheit moderner Düsenflugzeuge gewöhnt; vielleicht besitzen wir aus diesem Grund Kenntnisse über die Physik von Turbulenzen und die Reynolds-Zahlen, sodass wir sagen können, die Form des Mauerseglers enthalte verschlüsselte Aussagen über die Viskosität der Luft, in der seine Vorfahren unterwegs waren.

Quelle Richard Dawkins: Der entzauberte Regenbogen. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie. Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2000 (2007) ISBN 978 3 499 61337 1 ( Seite 311 f.)

Mit einem dankbaren Gefühl. Insbesondere auch für das dreimalige „vielleicht“ in den letzten Sätzen.

Nachtrag 28. Juli 2015

ZITAT

Da die Produktion von Nektar für Pflanzen sehr aufwändig ist, gingen im Lauf der Evolution viele Blumen dazu über, ihren Nektar zu verbergen, damit nur diejenigen Insekten ihn erreichen konnten, die sie am zuverlässigsten mit Pollen belieferten. Viele Bienen entwickelten immer längere Rüssel, um besser an den in der Blüte verborgenen Nektar zu gelangen; inzwischen haben manche Bienen Saugrüssel, die länger sind als ihre Körper.*

*Die diesbezügliche Rekordhalterin ist allerdings keine Biene, sondern ein Nachtfalter, Xanthopan morganii, der einen Saugrüssel von etwa 30 cm Länge hat (der Falter selbst misst nur 6 cm). Dieser Falter ernährt sich von der Sternorchidee Augraecum sesquipedale, deren Nektar am Grund 30 cm tiefer Röhren verborgen liegt, und ist ein sehr schönes Beispiel für Koevolution. Als man Charles Darwin im Jahr 1862 einige Exemplare dieser Orchideenart zusandte, prophezeite er, dass es einen Falter geben müsse, dessen Rüssel lang genug sei, sich von ihrem Nektar zu ernähren. Doch erst 1903 wurde dieser Falter dann endlich entdeckt.

Quelle Dave Goulson: Und sie fliegt doch / Eine kurze Geschichte der Hummel / Carl Hanser Verlag München 2014 (Seite 74 f) ISBN 978-3-446-44039-5

Hummeln Cover

Auf einer weiblichen Blume landen

Ein altmodisches Kapitel

Es ist mal wieder typisch: habe ich doch ein für die Enkel gekauftes Buch nicht verschenkt, sondern für mich selbst behalten. Ich habe mittendrin angefangen zu lesen und konnte nicht wieder aufhören; ich schwöre, es war nicht an dieser Stelle, und diese Stelle habe ich auch nicht bewusst ausgewählt, um diesen Blog besser zu verkaufen (sex sells!), der kostet ja nichts. Ich erinnerte mich, dass ich mir schon einmal einen ähnlichen Text in den 90er Jahren  im Botanischen Garten Bielefeld von einer Schautafel abgeschrieben habe. Ich vergesse einfach immer wieder, was die Evolution eigentlich mit uns vorhatte, als sie ganz neue Methoden einführte, die jedem Menschen irgendwann man mal das Leben erschweren. Völlig absurd ist es, entsprechende Fragen ausgerechnet dann hochzuspielen, wenn es um Hummeln geht. Dabei haben sie mich immer schon interessiert, also: die Fragen und die Hummeln, aber als ich 14 war und noch in Bielefeld lebte, hätte ich niemals eine Belehrung dieser Art abgeschrieben. Zudem hätte sie auch niemand zu jener Zeit auf eine Schautafel gebracht. Man wusste damals noch, was sich schickte, und ich kann fast den Tag nennen, als mein Vater zum erstenmal das Wort „sex appeal“ benutzte, ich aber glaubte, er habe etwas Unanständiges gesagt. O.k., wir kommen also zu den Hummeln.

Sex war für Pflanzen schon immer problematisch, weil sie festgewachsen sind. Das stellt ein gewisses Hindernis dar, wenn man passende Partner finden und Geschlechtszellen mit ihnen austauschen möchte. Bei der Pflanze entspricht dem Sperma der Blütenstaub, und die Herausforderung für die Pflanze besteht darin, diesen Blütenstaub auf die weiblichen Fortpflanzungsorgane einer anderen Pflanze zu übertragen; nicht ganz einfach, wenn man im Boden verwurzelt ist. Die ersten  Pflanzen bedienten sich zur Lösung dieses Problems des Winds, und für manchen Pflanzen gilt dies bis heute. Vor 135 Millionen Jahren verstreuten fast alle Pflanzen ihre Pollen mit dem Wind und hofften gegen alle Wahrscheinlichkeit, dass ein winziger Teil davon zufällig auf einer weibliche Blume landen würde. Man kann sich vorstellen, dass dies ein sehr ineffizientes und unwirtschaftliches System war, bei dem circa 99,99 % Pollen verloren gingen -indem sie zu Boden fielen oder aufs Meer hinausgeweht wurden. Folglich mussten die Pflanzen Unmengen von Blütenstaub produzieren.

Die Natur verabscheut Verschwendung, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die blinf herumexperimentierende Evolution zu einer besseren Lösung in Gestalt der Insekten gelangte. Pollen ist sehr nahrhaft. Einige geflügelte Insekten begannen sich nun davon zu ernähren, und nach kurzer Zeit spezialisierten sie sich auf Pollen als Nahrung. Während sie auf der Suche nach Nahrung von Pflanze zu Pflanze flogen, transportierten sie unabsichtlich Blütenstaub, der in ihrem Pelz oder in den Gelenken zwischen den Segmenten haften blieb. Fiel gelegentlich ein Pollenkorn vom Insekt auf die weiblichen Teile einer Blume, war diese Blume bestäubt, und so wurden Insekten zu den ersten Bestäubern und Sexassistentinnen für Pflanzen. Damit hatte eine Wechselbeziehung begonnen, die das Erscheinungsbild der Erde verändern sollte. Obwohl ein großer Teil des Blütenstaubs von den Insekten verzehrt wurde, bedeutete dies im Vergleich zu früher, wo der Pollen durch den Wind verteilt wurde, doch einen enormen Fortschritt.

Das ist wohl alles irgendwie bekannt. Klingt aber neu, wenn wir nochmal so darüber gesprochen haben. Manche Menschen hören es lieber als ein Kapitel aus der frühmittelalterlichen Musikgeschichte, das ebenfalls nach Realität verlangt!

Quelle Dave Goulson: Und sie fliegt doch Eine kurze Geschichte der Hummel / Carl Hanser Verlag München 2014 (Seite 70f) ISBN 978-3-446-44039-5

Hummeln Cover Hummeln Covertext

A propos Musikgeschichte: Mir fällt auf, dass die Musik oft genug solche Themen evoziert, nicht nur dank Schopenhauer und Wagner, es muss seit je eine gewisse Affinität bestanden haben:

30.01.2002 WDR 3 Musikpassagen 15.05-17.00 Uhr  Körper, Trieb, Gewalt und Geist Was die Musik zusammenhält… Skript Hier.

24.04.2002 – WDR 3 Musikpassagen 15.05 – 17.00 Uhr Gespaltene Gefühle: Von Lug und Trug (und ewiger Liebe) Skript Hier.

04.10.2007 Heidelberg Vortrag Die Nachtigall hinter der Stirn… Was bewegt uns in Liebesliedern: Trieb, Symbolik oder reine Empfindung? Skript Hier.