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Absolutes Gehör

Was ist das?

Das Wort „absolut“ wird heute inflationär gebraucht (so häufig wie „genau“ oder „definitiv“, als Antwort genau dort, wo ein schlichtes „ja“ definitiv genügen würde), daher meint man häufig, ein absolutes Gehör sei ein besonders gutes Gehör, eine hervorragende Hörfähigkeit im musikalischen Sinn. In Wahrheit bezeichnet es nur die Fähigkeit, einen Ton auf Anhieb mit dem richtigen Namen zu benennen. Oder ihn ohne Überlegung mit der richtigen Klaviertaste zu assoziieren.

Wenn ich eine Weile keine Musik gehört habe und den Ton einer Kirchenglocke benennen möchte, stell ich mir kurz vor, wie ich die Geige anspiele, höre innerlich die beiden Saiten d‘ und a‘ als Quinte. Ich könnte mir auch vorstellen, dass der Oboist den Ton a‘ angibt, also den Kammerton, mit dem das Ensemble einstimmt. Und dann kann ich sagen: die Kirchenglocke hat den Ton G oder E. Ich vergewissere mich aber gern mit einer Stimmgabel, – unfehlbar bin ich durchaus nicht. Wenn ich am Schreibtisch sitze, überprüfe ich mich, indem ich den Telefonhörer abnehme und den Freiton höre, – es ist das eingestrichene a‘.

Ich habe also ein relatives Gehör; ich bestimme also bei Bedarf  die Töne relativ zu einem mir bekannten Ton. Wenn ich weiß, dass ich Schuberts „Unvollendete“ aufgelegt habe, sehe ich natürlich die Töne im Notenbild vor meinem geistigen Auge: den Anfangston H, ich weiß ja, dass sie in h-moll steht und so beginnt. Ich weiß auch im voraus, dass der zweite Satz in E-dur steht und höre ihn so im voraus. Aber die Tonarten (die Bezugstöne) wechseln während des Ablaufs der Musik, und ich konzentriere mich keinesfalls darauf, den Wechsel fortwährend benennen zu können. Musik ist kein Quiz. Vieles geht allerdings intuitiv „von selbst“, ich weiß z.B. wie die leeren Saiten der Streichinstrumente klingen und nehme sie wahr, ohne das wichtig zu finden.

Absolutes Gehör ist anders. Ich habe in einem Interview einmal die Violaspielerin Tabea Zimmermann gefragt, was sie als erstes denkt, wenn sie sich die „Concertante“ von Mozart vorstellt. Da sang sie, ohne eine Sekunde zu überlegen, sehr bestimmt den Ton es‘, – „diesen Ton, bzw. den Es-dur-Akkord, mit dem das Orchester einsetzt“, sagte sie. Das ist absolutes Gehör.

Es kann ein Problem beim Hören und Benennen geben, wenn der Kammerton in der alten Musik einen halben Ton tiefer gesetzt ist. Oder sagen wir, man würde von einer historischen  Orgel begleitet, die einen dreiviertel Ton tiefer eingestimmt  ist: man müsste diese Stimmung natürlich genau übernehmen und hätte möglicherweise fortwährend mit einer gravierenden Irritation zu kämpfen.

In den „Wissenschaftsgesprächen“ des ZEIT-Magazins sprach Stefan Klein mit der Psychologin Diana Deutsch über das Phänomen des absoluten Gehörs, das nur ein Mensch unter 10 000 besitze. Und sie relativierte, das sei nur in unserer Kultur so:

Aber wo die Menschen eine tonale Sprache wie Mandarin sprechen, ist das anders. Ich bemerkte das zufällig, als ich versuchte, chinesische Wörter nachzusprechen. Mein Gegenüber wusste nicht, was ich meine. Da versuchte ich es in einer anderen Tonlage. Plötzlich verstand er mich. So kam ich auf die Idee, zu untersuchen, wie häufig das absolute Gehör unter chinesischen und amerikanischen Musikern ist. Zwei Jahre lang fragte ich bei Konservatorien an, ob sie an der Studie teilnehmen wollten. Aber es war zum Verzweifeln: Hier in Amerika sagte man mir, dass die Erhebung unmöglich sei, weil selbst unter hochbegabten Studenten so gut wie niemand Tonhöhen auf Anhieb erkenne. Die Chinesen fanden mein Vorhaben unsinnig: Man wisse doch, dass Musiker diese Fähigkeit hätten! Schließlich fanden sich zwei Hochschulen. Heraus kam, was die Leute an den Konservatorien mir vorausgesagt hatten: In den USA hatte fast niemand das absolute Gehör, in China hatten es sehr viele.

(Stefan Klein: Man könnte genetische Gründe vermuten.)

Wir haben uns chinesischstämmige Amerikaner angesehen. Nur diejenigen, in deren Elternhaus Chinesisch gesprochen wurde, schnitten gut ab in unserem Test.

(Stefan Klein: Dann wäre das absolute Gehör also nicht angeboren, sondern erlernt.)

Es ist auch angeboren – und zwar jedem Menschen, wie mir scheint. Nur müssen Sie rechtzeitig im Leben Gebrauch davon machen, sonst geht es verloren. Und das heißt während der Sprachentwicklung. Je früher in Ihrer Kindheit die Chinesen übrigens mit dem Musikunterricht angefangen hatten, um so genauer hörten sie auch.

Quelle ZEIT MAGAZIN Nr. 50, 10. Dezember 2015 Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche (27)  Mit der Psychologin Diana Deutsch über die Geheimnisse der Musik (Seite 20)

Sehr interessant auch der Rest des Gespräches z.B. über Links-Rechts-Vertauschung, akustische Täuschungen etc. siehe auch im 2 Zeilen höher gegebenen Link zu Wikipedia. Auch über frühe Sprachen und Gesang. Vögel, die Duett singen, siehe auch xxx, aber neu: wenn einer der beiden Vögel stirbt, kann der Überlebende sogar den Part des anderen übernehmen.

(Fortsetzung folgt)

Ums Leben lesen

Wie sich die Lektüre von selbst vereinfacht: sie geht mich an, – oder nicht; sie bildet Zweiergruppen, die sich ergänzen oder widersprechen; sie begleitet mich eine Weile, – oder verschwindet in der Warteschleife.

Leben Wilson 1Leben Wilson Klappentext Leben Wilson rück

(Texte bitte anklicken)

Hätte ich den Klappentext gelesen, hätte ich mir das Buch vielleicht nicht gekauft. Ausschlaggebend war tatsächlich der Titel mit dem Zusatz „menschlichen“, denn Bücher mit dem Titel „Der Sinn des Lebens“ habe ich schon in ausreichender Zahl (z.B. Christoph Fehige u.a., Julian Baggini, Terry Eagleton). Man könnte mich einen Spezialisten für den Sinn des Lebens halten, wenn man nicht wüsste, dass ich sowieso gleich zur Musik übergehe. In Sachen Religion, von beiden Großmüttern mehr oder weniger intensiv bearbeitet, bin ich allerdings – mit Sigmund Freud zu sprechen – ziemlich unmusikalisch, der Sinn für Bach und – sagen wir – Monteverdi ist davon völlig unbeeinträchtigt. Aber unter meinen neueren Büchern ist keins, das den Lebenssinn von biologischer Seite angeht. Das kann ja auch nicht gutgehen, meine ich, Leben will einfach leben, das ist alles. Leider. Selbst wenn es sehr komplex dabei zugeht. Siehe Ameisen. Damit gibt sich Ameisenforscher Wilson offenbar nicht zufrieden. Will der kluge, alte Mann auch noch Philosoph sein? Plötzlich sehe ich eine Verbindung zu dem, was gerade in der ZEIT von Thomas Assheuer an KANT exemplifiziert wurde. Übrigens auch einen polemischen Bezug des Neodarwinisten Wilson auf den Naturwissenschaftler Richard Dawkins, darüberhinaus sehe ich den Vorsatz, die alte Kontroverse zwischen Natur- und Geisteswissenschaften beizulegen, die ich kürzlich von Thomas Nagel so glänzend bestätigt gefunden hatte, in dem Buche:

„Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.“

Ein eher humoristisch formulierter Gedanke, aber sehr erhellend ausgeführt. Siehe auch den stellvertretenden Gegensatz in der Frage, was zur Bildung gehört: hier am Beispiel Schwanitz / Fischer.

(Fortsetzung folgt)

Paarweise die anderen derzeit (für mich) aktuellen Bücher:

Alan Rusbridger „:PLAY IT AGAIN:“ Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten / Secession Verlag für Literatur, Zürich 2015

WILLIE NELSON mit David Ritz „Mein Leben: Eine lange Geschichte“ / Wilhelm Heyne Verlag München 2015

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„Man braucht ein ganzes Leben, um jung zu werden“ Ausgewählt von Ursula Gräfe / Insel Verlag Berlin 2010 / 2013

Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend. Bibliothek der Lebenskunst. Suhrkamp Frankfurt am Main 2003

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Goethe Lieder

Krasses Denken

Kürzlich hörte ich den folgenden Spruch, der aus dem Mund einer Schülerin stammen soll:

„Denken ist wie Googeln, nur krasser!“

Wunderbar. Zum Denken gehört die Überprüfung des Wahrheitsgehaltes (durchaus naiv, also ohne Vorschaltung der relativistischen Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“). Es gibt Regeln dafür.

Ein Beispiel: beim Nachtisch – Früchte wie Pflaumen, Ananas, Apfel, Mango – erzählt man mir, es gebe einen neuen Trend: nur das zu essen, was der eigenen Blutgruppe entspricht. Wie bitte? Ein Trend? Nein, eine Theorie! Die Blutgruppe gebe Auskunft über die Herkunft der Ahnen, ob heimisch in Ackerbaukulturen, bei Nomadenvölkern, unter Waldbewohnern, Früchtesammlern, ich weiß nicht was. Und nur das dürfe man essen, was zu diesem Ursprung passt. Ich frage nach Beweisen dafür, dass es da eine reale Korrelation gebe. Wissenschaftliche Untersuchungen. Welche? Wieviele? Vertrauenswürdige? Schon überprüfte? Mein vorläufiger Einwand: ist es nicht eine Art neuer Rassismus? Hat damit nichts zu tun, ist erfolgreich, hat sich als Diät bewährt. Aha, da ist das Stichwort. Vielleicht kann ich doch – statt krass zu denken oder gar aus Prinzip zu zweifeln – erstmal googeln? Stichwort: Blutgruppen-Diät. Schon liest man in den ersten 3 Angaben dreimal den Namen Peter D’Adamo. Schon ist klar: nicht d i e Wissenschaft steht dahinter, sondern eine einzelne Person. Eine erfolgreiche zweifellos, der Mann hat immerhin für einen Trend gesorgt, der nun zum Nachtisch passt. Der erste Google-Treffer führt jedoch zu einem Artikel des Stern, – und welche Erfahrungen man auch immer mit dieser Zeitschrift gemacht hat: wenn der Wahrheitsgehalt eines verbreiteten Trends schon beim ersten prüfenden Blick in Zweifel gezogen wird, hat man ein Indiz, dass ernsthafter Widerspruch, zumindest eine Beachtung aller Gegenargumente angeraten ist. Nun fehlt auf der anderen Seite nur noch ein Appell des Glaubens, eine Anmahnung positiven Denkens, dann weiß man, was von Blutgruppen zu halten ist. Und eins ist ohnehin klar: sobald zum Beweis Einzelfälle aufgezählt werden (spektakuläre Heilungen, wunderähnliche Wirkungen, statistisch gestützte Einzel-Erfahrungen), rechnet man die Angelegenheit lieber zum allgegenwärtigen Gedankenmüll. Klar ist auch: Ich kann nicht alles widerlegen, was an Unsinn erzählt wird.

Kinder, googelt besser und denkt trotzdem nach!

Durch Googeln erfährt man z.B., wie Bernhard Hoecker kürzlich anmerkte, dass Erdbeeren keine Beeren sind, sondern zu den Nüssen gehören. Er hat recht, denn das ist nachprüfbar, wenn auch nicht mit einer Erdbeere im Mund, sondern in einem Artikel. Verschwiegen wird aber meist, dass mit ebenso gutem Grund die Banane zu den Beeren gezählt wird. Und jetzt wird ernstlich unser Denken herausgefordert. Was bedeutet solche Zuordnung, – nennen wir sie: Korrelation -, in der Wissenschaft, was im täglichen Leben?

Ohne direkten Zusammenhang lasse ich Sätze des Berliner Philosophen Byung-Chul Han folgen (nehmen wir „Big Data“ in diesem Zitat für „google“):

Big Data suggeriert ein absolutes Wissen. Alles ist messbar und quantifizierbar. Dinge verraten ihre geheimen Korrelationen, die bisher verborgen waren. Genau voraussagbar soll auch das menschliche Verhalten werden. Es wird eine neue Ära des Wissens verkündet. Korrelationen ersetzen Kausalität. Es-ist-so ersetzt Wieso. Die datengetriebene Quantifizierung der Wirklichkeit vertreibt den Geist ganz aus dem Wissen.

Hegel, diesem Philosophen des Geistes, würde das All-Wissen, das Big Data verspricht, als absolutes Un-Wissen erscheinen. Hegels Logik lässt sich als Logik des Wissens lesen. Demnach astellt die Korrelation die primitivste Stufe des Wissens dar. Eine starke Korrelation zwischen A und B besagt: Wenn A sich verändert, findet eine Veränderung auch bei B statt. Bei der Korrelation weiß man nicht, warum es sich so verhält. Es ist einfach so. Die Korrelation ist eine Beziehung der Wahrscheinlichkeit und nicht der Notwendigkeit. Sie lautet: A findet oft zusammen mit B statt. Darin unterscheidet sich die Korrelation vom Kausalverhältnis. Die Notwendigkeit zeichnet es aus: A verursacht B.

Die Kausalität ist nicht die höchste Wissenstufe. Die Wechselwirkung stellt ein komplexeres Verhältnis als das Kausal verhältnis dar. Sie besagt: A und B bedingen einander. Zwischen A und B besteht ein notwendiger Zusammenhang. Aber selbst auf der Stufe der Wechselwirkung ist der Zusammenhang zwischen A und  noch nicht begriffen: „Bleibt man dabei stehen, einen gegebenen Inhalt bloß unter dem Gesichtspunkt der Wechselwirkung zu betrachten, so ist die in der Tat ein durchaus begriffsloses Verhalten.“ [Hegel]

Erst der „Begriff“ generiert das Wissen. er ist C, das A und B in sich begreift und durch das A und B begriffen werden. Er ist der höhere Zusammenhang, der A und B umfasst und aus dem heraus sich das Verhältnis von A und B begründen lässt. So sind A und B die „Momente eines Dritten, Höheren“.

Quelle Byung-Chul Han: Psychopolitik / Neoliberalismus und die neuen Machttechniken / S. Fischer Wissenschaft Frankfurt am Main 2014 (Seite 92 f.)

Ein letzter Themenwechsel dient dazu, alles wieder unserer geliebten Realität anzunähern: vielleicht bildet sich doch ein geheimer Zusammenhang.

Im Editorial der Zeitschrift NATUR erinnert sich Chefredakteur Sebastian Jützi an sein Biologiestudium in den 80er Jahren; damals funktionierten GENE nach dem Jacob-Monod-Modell:

Demnach waren Gene aus verschiedenen Teilen der Erbsubstanz aufgebaut und besaßen vorgeschaltete Regulationselemente. Im Falle einer Aktivierung sollte dann die Erbinformation ausgelesen und über einen komplizierten Mechanismus in Proteine übertragen werden. Ein grundlegender Mechanismus in der Steuerung unseres Genoms.

Heute weiß man deutlich mehr: Unser Genom, wie das aller Lebewesen, ist ein kaum vorstellbar komplexes Geflecht. Auf zahlreichen Ebenen unterliegt es einem Gefüge aus Regulationsmechanismen, die über Wirkung und Gegenwirkung bestimmen, ob und wie stark ein Gen aktiv ist und seine Information in Eiweiße umgesetzt wird.

Es handelt sich, so Jützi, um „grundlegende Vorgänge, die jedes Lebewesen und damit letztlich auch deren Zusammenleben in einem Ökosystem prägen. Dieser Wissenszuwachs verdeutlicht uns aber auch: Absolute Wahrheiten sind selten.“ Sein Editorial zielt letztlich auf die sogenannte „Grüne Gentechnik“. ZITAT:

Die Gegner warnen unter anderem vor unkalkulierbaren Folgen dieser Technologie, wenn sie im Freiland angewendet wird, und vor Monopolstellungen weniger Konzerne, die die grüne Gentechnik entwickeln.

Wie auch immer man diese Argumente gewichtet, hinter ihnen verschwindet meist eine simple Tatsache. Komplexe Merkmale, wie der Ertrag einer Getreidesorte – also ihre Leistungsfähigkeit -, werden fast nie von nur einem einzelnen Gen bestimmt, sondern von einer Vielzahl von Genen und Regulationsmechanismen. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte haben Züchter diese Erkenntnis angewandt und immer leistungsfähigere Getreidesorten entwickelt – ganz ohne Gentechnik. Die so entwickelte Vielfalt hat uns bislang meist gut ernährt und wir könnten damit die gesamte Weltbevölkerung satt bekommen, wenn wir die Nahrungsmittel nur besser verteilen würden. Das wissen wir. Was wir (noch) nicht wissen, ist, wie sich die Grüne Gentechnik in Ökosystemen entwickelt und welche Auswirkungen sie letztlich auf uns hat. Deshalb sollten wir mit ihrer Anwendung zurückhaltend sein. Meine Genetik-Lehrbücher sind in ihrer aktuellen Fassung längst umgeschrieben. Ökosysteme lassen sich dagegen niemals umschreiben.

Quelle natur Das Magazin für Natur, Umwelt und besseres Leben. 09/15 Seite 3 Sebastian Jützi: Editorial / Mehr Wissen. (Hervorhebungen in rot: JR)

Wie fängt Rassismus an?

Gibt es an und in dem andern irgendetwas, was er nicht ändern kann und was ich (ja sicher … nur wenn ich will) gegen ihn auslegen kann? Hinsichtlich der Herkunft, Hautfarbe, der Händigkeit (links oder rechts), der Form des Halbmonds auf der Fingerkuppe, der Blutgruppe.

Einen datierbaren Anfang gab es wohl 1492 in Spanien: als man Gründe suchte, auch die getauften Juden und Moslems auszusortieren. Da genügte die Religion nicht mehr. (JR)

Wespen greifen nicht an, aber sie stechen

Was mich dort ärgert und hier freut

Wespen Meldung 150728

Heute im Tageblatt auf Seite 3 – die Meldung ist zu kurz und daher falsch und irreführend.

Der WDR hat es fast richtig gemacht, indem er meldet:

Kleiner Fehltritt mit großen Folgen: Bei einem Spaziergang war ein Kind des Monheimer Waldkindergartens am Montag (27.07.2015) in ein Wespennest am Erdboden getreten. Die aggressiven Insekten attackierten daraufhin die gesamte Gruppe.

Nur fast richtig, weil die Tiere nicht von Natur aus aggressiv sind, – sie werden aggressiv, wenn sie sich angegriffen fühlen, ganz ähnlich wie wir. Ich habe das als Kind gelernt, als ich zusammen mit meinem Bruder beobachtete, wie Wespen auf Hobergs Wiese ein Mauseloch aufsuchten, ja, dass sich dort ein lebhaftes Raus und Rein abspielte. Das wollten wir genauer untersuchen, nahmen kleine Ästchen und stocherten in diesem Loch herum. Das dauerte nicht lange: in kürzester Zeit hatte jeder von uns einen Stich, es wimmelte plötzlich von Wespen, und wir rannten so schnell wir konnten, aber der Schwarm war ebenso schnell und wir wurden übel zugerichtet. Das vergesse ich nie und erzähle es jedem Kind: mit Wespen spielt man nicht! Und trotzdem: im Ernstfall läuft es eben immer wieder anders, wie man in Monheim sehen konnte.

Ich kann nicht sagen, dass Wespen meine Lieblingstiere sind, Hummeln aber durchaus, auch Bienen, Käfer, Heuschrecken, Schmetterlinge, überhaupt alles, was kriecht und fliegt ohne mich zu stechen, und eine Wespe auf meiner Hand vertreibe ich nicht, sondern beobachte sie, fast wie damals, aber ohne Stöckchen.

Ich finde sie wunderschön, deshalb habe ich auch diese beiden Screenshots gemacht und

Wespen Screenshot 2015-07-28 12.11.02 Wespen Screenshot 2015-07-28 12.11.07

bin dem WDR dankbar, dass unter der ausführlichen Meldung über den Monheimer Wespenvorfall gleich noch ein Film zu finden ist, der zweifellos zu wachsendem Wespenwissen führt. Darf man Wespen töten? NEIN. Klicken Sie HIER.

Ich widme mich aufs neue meinem kleinen Lieblingsbuch, aus dem ich ja schon mehrfach zitiert habe, jetzt aber, um mich ab Seite 152 über „Hummelkriege“ zu informieren.

Hummeln Cover

Nachtrag 23.08.15

Weiterhin Sommerthema: Wespen, Hornissen …

Wespen SZ c x 150823 SZ 22./23.August 2015 (Seite 34)

Sehr interessanter Beitrag über die sozialen Fähigkeiten der Insekten, nachlesbar HIER.

In der Zeitschrift NATUR 09/15 (Seite 84) Beobachtungstipp Friedlicher Fleischfresser / über die Hornisse:

Hornissen haben den Ruf eines Killers. Wahlweise drei, fünf oder sieben Stiche reichten aus, um einen Menschen, ein Pferd oder einen Elefanten zu töten.

Genau! Mein Freund KG wandelte diese Mär gern ab, indem er feierlich anhub: „Wussten Sie schon, dass der Biss eines Pferdes ausreicht, um eine Hornisse zu töten?“

In dem lesenswerten Artikel von Peter Laufmann erfährt man:

Und ihr Gift ist sogar weniger gefährlich als das von Bienen oder Wespen. Sie sind eher scheu und leben im Verborgenen. Obendrein gehen sie nicht einmal an unseren Kuchen, die Limo oder den Gin and Tonic. Hornissen machen sich nichts aus Süßem. Sie sind eingefleischte Jäger. 500 Gramm Insekten vertilgt ein Volk – pro Tag.

Bemerkung zur Evolution

Soll man Rémy Chauvin vertrauen?

Ehrlich gesagt: ich glaube nicht! Andererseits kommt es gar nicht darauf an, ihm Glauben zu schenken oder nicht; ich habe keinerlei Mittel, ihn wirklich zu überprüfen, weder sprachlich noch wissenschaftlich. Ich bin nur ziemlich sicher, dass er etwas ganz anderes sagt als die heutigen Vertreter der Darwinschen Evolutionstheorie. Und denen „glaube“ ich, wobei es sich meiner Meinung nach um mehr als „Glauben“ handelt, zumal ich vor 10 Jahren mit stetig wachsender Überzeugung die „Geschichten vom Ursprung des Lebens – Eine Zeitreise auf Darwins Spuren“ von Richard Dawkins gelesen habe. Während die Lektüre des allerersten Buches, das ich zu diesem Thema durchgearbeitet habe, schon 60 Jahre zurückliegt: „Die Entfaltung des Lebens“ von Julian Huxley. Also ein bisschen Erfahrung habe ich in dieser Thematik durchaus gesammelt. Es hat mich allerdings noch längere Zeit unter Schock gesetzt, als ich begriff, dass diese neue Biologie nicht mehr in Einklang zu bringen war mit der schönen, anschaulichen Naturforschung Goethes, die sich in bestimmten alternativen Büchern zu spiegeln und fortzusetzen schien, – vor allem solchen der Anthroposophie.

Ich komme auf Remy Chauvin durch den Booklettext zu Georges Aperghis (hier), demgemäß die Autoren Gilles Deleuze und Félix Guattari sich auf ein Beispiel eben dieses französischen Biologen beziehen, nämlich auf das Phänomen der eigenartigen Verbindung zwischen Wespe und Orchidee (wobei mich bereits stört, dass weder „Wespe“ noch „Orchidee“ wissenschaftlich präzise bezeichnet sind, vermutlich handelt es sich zumindest um eine Schwebfliege). Mir scheint die Sache ähnlich obskur aufgefasst, wie ich es aus einer Schrift anthroposophischer Provenienz kenne:

Das Insekt, welches sich auf die Blüte zubewegt, scheint etwas von seiner Tierhaftigkeit zu verlieren und dafür Charaktereigenschaften der Blumenwelt in sich aufzunehmen; die Pflanze andererseits steigert sich über sich selbst hinaus und klingt in vieler Hinsicht an Tierverwandtes an, wenn sie auch das Tierhafte stets nur äußerlich wie im Bilde nachzuahmen vermag. Wäre wohl ein Schmetterling denkbar, wenn es keine Blumen gäbe? Nicht etwa nur, weil er vom Nektar lebt, sondern weil er – selbst blumenhaft – seinem ganzen Wesen nach ein Gegenbild fordert, könnte es ihn allein niemals geben. Umgekehrt aber muß von der Blüte Entsprechendes gesagt werden. Auch sie ist Spiegelbild – dasjenige des Schmetterlings nämlich -, und so empfinden wir das Hin und Her wie ein wechselseitiges Ineinanderweben.

Quelle Gerbert Grohmann: Die Pflanze – Ein Weg zum Verständnis ihres Wesens. Band 1 Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 1981 ISBN 3-7725-0503-1 (Seite 43)

Im oben erwähnten Booklettext wird dann (mit Bezug auf die genannten Autoren) gesagt: „Dieses Bild erinnert entsprechend der Terminologie von Chauvin an eine Evolution von ‚zwei Wesen‘, wovon das eine mit dem anderen absolut nichts zu tun hat.“

In der „echten“, wissenschaftlich abgesicherten Evolutionslehre dagegen haben die „zwei Wesen“ sehr wohl miteinander zu tun, die Evolution hat sie wechselseitig aufeinander abgestimmt.

Diese Bemerkung unterminiert nicht die Wahrheit dessen, was der Booklettext über die Relation des Komponisten Aperghis zu dem Poeten Wölfli zum Ausdruck bringen will, aber der Umgang des Autorengespanns Deleuze/Guattari mit der Wissenschaft verliert durchaus an Vertrauenswürdigkeit. Und diesen Stachel (der gedachten Wespe) wollte ich aus meiner Haut entfernen (ohne selbst – auch nur im übertragensten Sinn des Bildes – einer Orchidee zu gleichen, die natürlich nicht gestochen, sondern nur ausgesaugt würde).

Einen Verdacht werde ich jedoch nicht ganz los: dass es in der Neuen Musik eine Tendenz zu mystisch verdrehten Theoremen gibt (wie man an Anton Weberns Naturbild studieren kann, von Messiaen und Stockhausen zu schweigen); sie sagen nichts gegen die Qualität der Musik, halten aber in sich einer kritischen Prüfung kaum stand.

Zudem erinnere ich mich – nicht ohne ein gewisses Vergnügen – an die berühmte Affäre „Eleganter Unsinn“.

Heute geht es mir so, dass ich glücklicher bin mit jeder naturwissenschaftlichen Erklärung, die dem aktuellen Konsens der Wissenschaft entspricht, egal, ob mir das „sympathisch“, im Gegenteil, wenn es „gefühlsmäßig“ etwas schmerzt, bin ich dankbar für den Hinweis, da ich mich nicht gleich einer heimlichen Voreingenommenheit verdächtigen muss. (Bitte keinen Umkehrschluss! Es gilt so, wie ich es sage.) Ich lese z.B. folgendes – mit welchem Gefühl?

Aber die Zoologie hat noch viel vor sich. Bisher lässt sich aus dem Körper einer neu entdeckten Spezies nur so viel „ablesen“, dass wir ein grobes, qualitatives Urteil über ihre vermeintliche Umwelt und Lebensweise abgeben können. (…)

In seltenen Fällen ist der Körper eines Tieres sogar eine Beschreibung der Welt im buchstäblichen Sinn einer bildlichen Darstellung. Ein Insekt, das wie ein Zweig aussieht, lebt in einer Welt aus Zweigen, und sein Körper ist das Abbild eines Zweiges mit den Ansatzstellen abgefallener Blätter, Knospen und so weiter. Ein Rehkitz trägt auf seinem gefleckten Fell das Muster der Sonnenstrahlen, die zwischen den Blättern auf den Waldboden fallen. Ein Birkenspanner ist das Abbild der Flechten auf der Baumrinde. Aber wie Kunst, die nicht naturalistisch abbilden muss, so geben auch Tiere ihre Welt häufig auf andere Weise wieder, beispielsweise impressionistisch oder mit Symbolen. Ein Künstler, der dem schnellen Fliegen dramatischen Ausdruck verleihen will, schafft das kaum besser als ein Mauersegler mit seinem charakteristischen Körperbau. Vielleicht ist das der Grund, warum wir die Stromlinienform intuitiv begreifen; vielleicht haben wir uns deshalb an die pfeilförmige Schönheit moderner Düsenflugzeuge gewöhnt; vielleicht besitzen wir aus diesem Grund Kenntnisse über die Physik von Turbulenzen und die Reynolds-Zahlen, sodass wir sagen können, die Form des Mauerseglers enthalte verschlüsselte Aussagen über die Viskosität der Luft, in der seine Vorfahren unterwegs waren.

Quelle Richard Dawkins: Der entzauberte Regenbogen. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie. Rowohlt Reinbek bei Hamburg 2000 (2007) ISBN 978 3 499 61337 1 ( Seite 311 f.)

Mit einem dankbaren Gefühl. Insbesondere auch für das dreimalige „vielleicht“ in den letzten Sätzen.

Nachtrag 28. Juli 2015

ZITAT

Da die Produktion von Nektar für Pflanzen sehr aufwändig ist, gingen im Lauf der Evolution viele Blumen dazu über, ihren Nektar zu verbergen, damit nur diejenigen Insekten ihn erreichen konnten, die sie am zuverlässigsten mit Pollen belieferten. Viele Bienen entwickelten immer längere Rüssel, um besser an den in der Blüte verborgenen Nektar zu gelangen; inzwischen haben manche Bienen Saugrüssel, die länger sind als ihre Körper.*

*Die diesbezügliche Rekordhalterin ist allerdings keine Biene, sondern ein Nachtfalter, Xanthopan morganii, der einen Saugrüssel von etwa 30 cm Länge hat (der Falter selbst misst nur 6 cm). Dieser Falter ernährt sich von der Sternorchidee Augraecum sesquipedale, deren Nektar am Grund 30 cm tiefer Röhren verborgen liegt, und ist ein sehr schönes Beispiel für Koevolution. Als man Charles Darwin im Jahr 1862 einige Exemplare dieser Orchideenart zusandte, prophezeite er, dass es einen Falter geben müsse, dessen Rüssel lang genug sei, sich von ihrem Nektar zu ernähren. Doch erst 1903 wurde dieser Falter dann endlich entdeckt.

Quelle Dave Goulson: Und sie fliegt doch / Eine kurze Geschichte der Hummel / Carl Hanser Verlag München 2014 (Seite 74 f) ISBN 978-3-446-44039-5

Hummeln Cover

Die reine Geste

Eine Entdeckung der Süddeutschen Zeitung

Vielleicht keine wirkliche Entdeckung, oft ist es die Tatsache, dass es gelingt, die Bedeutung einer Sache ins Bewusstsein zu heben und sogar verschiedenste Saiten in Schwingung zu versetzen. In diesem Fall müsste das Lob dem Autor Lothar Müller gelten, der den Artikel überschrieb „Herrschaft der Zeigefinger“ und darunter: „Die neuesten Bedienungstechnologien haben einen sehr alten Fluchtpunkt: die Geste.“ Er wiederum könnte das Lob an die Firma Volkswagen weitergeben (wenn es denn sein muss), die „den Schritt vom physischen Minimalkontakt zur berührungslosen Kommunikation mit den Dingen angepeilt [hat], die Ablösung der Handbewegung von dem Gerät, an das sie adressiert ist.“ Bei Volkswagen geht es mit Blick auf die „mittelfristige Zukunft“  um ein Golf-Modell, „in dessen Cockpit [!!]  der Touchscreen einen Teil seiner Aufgaben an die reine Geste abgibt: das Öffnen und Schließen des Schiebedachs, die Verstellung der Sitze.“

Das Wort dafür heißt: „Gestensteuerung“ – aber was den Leser elektrisieren könnte, ist die „reine Geste“. Könnte es nicht aus einem Dinggedicht von Rilke stammen? Aber lesen Sie doch selbst, neuerdings ist dies möglich, auch in der „Süddeutschen“, leider noch nicht durch bloßen Blickkontakt auf das Wörtchen hier, ich entscheide mich an dieser Stelle für das schwierige Wort Klickkontakt, kein Doppelklick, aber immer noch der rechte Zeigefinger auf der linken Maustaste, jedenfalls, sofern Sie Rechtshänder sind. [Pause. Bitte gleich den angeklickten Artikel gelesen haben!]

Ich erinnerte mich an eine Stelle bei Adorno, die mir sinnloserweise kritisch in Erinnerung blieb: er beklagte die damals neue Verbreitung des Türknaufs anstelle der Türklinke, die es bis dahin erlaubt hatte, eine Tür behutsam zu  öffnen und zu schließen. Letztlich war das nicht besonders gravierend, wenn man z.B. heute das manische Wischen auf dem Smartphone-Display erlebt und dies – sagen wir – mit einer Flageolet-Tonreihe vergleicht, die sich beim kunstvollen (!) Gleiten über eine Geigensaite einstellt, – ganz zu schweigen von einer ähnlichen aber künstlichen Klingeltonreihe, die man der Funktion des Smartphonewischens zweifellos anheften könnte. (Kinder, verachtet mir das manuell erzielte Flageolet nicht! Das eine unterscheidet sich vom andern wie Tag und Nacht!!!)

Sehr wichtig war mir also auch Lothar Müllers Erinnerung an das Werk von Siegfried Giedion, das Adorno gewiss schon aus seiner Zeit in Amerika bekannt war („Mechanization Takes Command“ 1948), ich muss nur die erste Seite des Inhaltsverzeichnisses rekapitulieren, – unglaublich, was für ein Ansatz!

Giedion Mechanisierung Titel  Giedion Mechanisierung Inhalt

Der Verlag möge mir diese stumme Geste einer fotomechanischen Wiedergabe verzeihen. Sie wird zu unzähligen Käufen des haptischen Buchprodukts führen, mehr als zum Beispiel alle uns winkenden Fingerzeige im zukünftigen VW-Golf.

ISBN 5-610-00729-X Siegfried Giedion: Die Herrschaft der Mechanisierung – Ein Beitrag zur anony,men Geschichte. Mit einem Nachwort von Stanislaw von Moos. Herausgegeben von Henning Ritter. Athenäum Sonderausgabe Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1982 / 1987

Im SZ-Artikel heißt es:

Die Überführung des ehemaligen Knopfdrucks in die Geste, die sowohl den Knopf wie das Drücken ersetzt, ist dafür charakteristisch. Das Drücken von Knöpfen, das Ziehen von Hebeln, das Umlegen von Schaltern waren Bewegungen, die im Zuge der ersten industriellen Revolution zu Standardbewegungen sowohl im modernen Produktionsprozess wie in den modernen Haushalten wurden.

Es waren Handbewegungen, die aus der Mechanisierung und Industrialisierung der alten Handarbeit hervorgingen.

Könnte ich also verkürzend sagen: Aus der mit dem Gebrauch des Werkzeuges verbundenen Handbewegung (der Geste) wurde ein Knopfdruck (eine auf das Minimum reduzierte Geste), aus dem Knopfdruck eine symbolische Geste ohne materiellen Kontakt?

Ältere Jahrgänge mögen sich noch an den Kraftaufwand erinnern, der das journalistische Einhämmern auf Typenhebel-Schreibmaschinen zu einer für Film und Comic so attraktiven Tätigkeit machten. Die Reduzierung des Kraftaufwandes begann schon in der mechanischen Ära, zum Beispiel durch die elektrische Schreibmaschine. Diese Reduzierung des mechanischen Elementes setzte sich über die Fernbedienung und ihre Geschwister als Grundtendenz bis in die Touchscreen-Technologie des digitalen Zeitalters hinein fort. Die Fingerkuppe wurde dabei zum sensitiven Zentralorgan der Hand, die immer schon das Zentralorgan im stummen Dialog mit den Dingen gewesen war.

Mit der von ihrem dinglichen Adressaten gelösten reinen Geste rückt ein Kommunikationsmedium ins Zentrum, das seine Energie aus dem menschlichen Körper bezieht.

Da ist sie also: die „reine Geste“. Allerdings in dieser merkwürdigen Verbindung zu einem „Zentrum, das seine Energie aus dem menschlichen Körper bezieht.“ Es ist verlockend, dies am Klavier zu bedenken, das bereits einen hohen Grad an Mechanisierung darstellt. Zudem die heutigen Musikerfahrungen mit Kopfhörern oder Lautsprechern, ergänzt durch die heute ermöglichte oder sogar geforderte Loslösung vom materiellen Ballast traditioneller Instrumente, die noch mit Fingern und Händen bearbeitet werden mussten. Dank der „digitalen Revolution der Musik“, die Harry Lehmann als eine neue Musikphilosophie beschrieb (Mainz 2012). Nahe liegt auch die Erinnerung an das Primat des stummen Lesens, das an die Stelle des halblauten Vortrags oder der Übergangsform des Mitbewegens der Lippen beim Lesen. Aber diese Praxis taugt nicht zur Verallgemeinerung, keinesfalls für eine auf Musikinterpretation bezogene Analogie. So wenig ein Schauspieler sich seinen Text durch stummes Lesen aneignen wird, so wenig findet die ideale Aufführung eines musikalischen Werkes – wie gerade mancher Laie glaubt – in der Imagination des Künstlers statt. Sie ergibt sich in der Auseinandersetzung mit der Materie. Wodurch die Bedeutung der Imagination durchaus nicht entwertet ist.

Renate Wieland und Jürgen Uhde haben gemeinsam ein grundlegendes Buch zum Thema geschaffen (Quellenangabe s.u.), Untertitel: „Über den Interpreten und den Körper als Instrument der Musik“, darin ein großes, wunderbares Kapitel über  „Die gestische Spielbewegung“.

ZITAT

Erfahrbar werden musikalische Gesten in der freien dirigentischen Bewegung, in der Spielbewegung und sublimiert in der geistigen Mimesis reiner Imagination. Gleich in welcher Ebene, immer sind es Experimente im Raum. Affekte waren ursprünglich ja Handlungen, bezogen auf ein Objekt draußen, im Prozess der Verinnerlichung haben sie sich von ihrem Gegenstand gelöst, aber immer noch sind sie bestimmt von den Koordinaten des Raums. Die Sprache erinnert uns allerorts an den Zusammenhang von Affekt und Bewegung und daran, wie seine gesten sich im Raum verhalten. Sie spricht von Hochmut, von Erhebung und Neigung, von Weit- und Engherzigkeit, von rücksichtsvoll und vorlaut etc. Es gibt mithin etwas wie gestische Koordinaten; sie können helfen zu fragen, wie der gestische Impuls aus dem Inneren sich in den Raum entwerfen, wie er in ihm sich ausbreiten will, welche Richtung dominiert: Ist seine Energie eher vertikal oder horizontal aktiv? Strebt sie mehr nach vorne oder nach hinten? Hinauf oder hinab? Nach rechts oder links? Wirken die Kräfte mehr zentrisch oder exzentrisch? Zeigt die Geste eher ein „In sich hinein“, wie es bei Schumann einmal heißt, oder eher ein „Aus sich heraus“? Welche Amplitude wählt sich der Ausdruck? Wie also wölbt sich der gestische Bogen, in flachem oder in hohem Schwung? Lebt er sich in allen Dimensionen des Raumes aus, in welcher Proportion und mit welcher Intensität? (Seite 169)

Das Buch ist unauslotbar. Nur zwei Beispiele seien noch herausgestellt, Beethovens Bagatelle op. 126,2 und Bartóks „Mikrokosmos“ Band I.

Modelle des Kontrastes von extremer vertikaler und horizontaler Gestik finden sich etwa in Beethovens Bagatelle op. 126,2. Aggressiv auffahrende Initialgesten werden von flachen, beschwichtigenden Gesten beantwortet, wobei sich die Extreme im Laufe des Stücks zum Äußersten polarisieren (…). So, fort und fort fragend, wird eine Geste zuletzt plastisch. Aber sie gelingt doch nur, sofern sie eine Einheit bildet, aus einem inneren Zentralimpuls entspringt. Gesten sind das Allerempfindlichste, wo ihre Einheit gestört ist, verfällt alsbald ihr Ausdruck. (S.169)

Es liegt auf der Hand, nur der Arbeiter am Klavier nimmt es kaum mehr wahr: In den grundlegenden pianistischen Spielbewegungen sind schon Gesten angelegt. Die Parallelführung der Hände, die kontrahierende und expandierende Gegenbewegung, das alternierende Ablösen von rechter und linker Hand, das Kreuzen, dann die Anschlagsarten, allesamt sind sie nicht nur technische, sondern elementare gestische Bewegungen. Bartók hat im Mikrokosmos gezeigt, wie sich Musik aus den spieltechnischen Gesten entwickeln kann. Die Quelle seiner Inspiration liegt im Elementaren, das heißt, sie kommt aus der schrittweisen Entdeckung der pianistischen Bewegung des Körperinstrumentes auf der einen und dem elementaren Hören auf der anderen Seite. (S.187)

(Fortsetzung folgt)

Quelle Renate Wieland / Jürgen Uhde: Forschendes Üben. Wege instrumentalen Lernens. Über den Interpreten und den Körper als Instrument der Musik. Bärenreiter Verlag Kassel Basel London New York Prag 2002 ISBN 3-7618-1493-3

Tastentiefe

Durch eine Bemerkung am Ende des Artikels „Geläufigkeit“ ausgelöst, kamen mir Zweifel, ob die Idee vom bloßen Anrühren des Druckpunktes der Tasten in dieser Etüde verallgemeinerbar ist oder ob man nicht vielmehr vor der Verallgemeinerung warnen soll. Ich erinnere mich an eine Schülerin, die sich weigerte, forte oder gar fortissimo zu spielen. Offenbar hielt sie dies für unmusikalisch. Künstler sind für manche Menschen zartfühlende Wesen, was sie ja in bestimmten Grenzen wirklich sind. Sie sind aber zugleich auch kraftvolle Zusammenfasser und zuweilen sogar lebensfrohe Berserker. Es ist interessant, was Heinrich Neuhaus über sogenannte „Drescher“ schreibt, zu denen offenbar in jüngeren Jahren auch Emil Gilels gehört hatte. (Zitat?)

Ich will nicht vollständig zitieren, was Ceslaw Marek in seinem Mammutwerk von der „Lehre des Klavierspiels“ über den Anschlag der Finger schreibt, so dass man auch hier nicht verallgemeinern kann. Er analysiert 3 Phasen der Anschlagsbewegung (1 Heben 2 Fallenlassen 3 Niederdruck), und zwar ausführlich innerhalb einer Fingerübung (!), – ich beschränke mich auf die 1. Phase:

Der übende Finger wird so rasch und so hoch, als es ihm ohne forcierte Anstrengung möglich ist, gehoben und eine Zeit lang in der von ihm erreichten Hubhöhe unbeweglich gehalten. Beides erfordert kontrollierte Aktivität seiner Muskeln. Die Hub- und Halteenergie darf dabei keine synergetische Mitwirkung der Armmuskulatur zu Hilfe nehmen und auch keine Mitbewegung, kein Zucken des Armes bewirken. (Seite 259)

Für die 2. Phase betont er, dass es sich um ein passives Fallenlassen des Fingers handle, sowie um einen geräuschlosen Niederdruck des Taste, nicht um einen Schlag. Auf der nächsten Seite erläutert er, warum der Finger überhaupt so hoch, als es ihm möglich sei, gehoben werden soll, wenn der ‚Anschlag‘ doch aus einer niedrigeren Hubhöhe erfolgen soll. „Für den ‚Niederdruck‘ der Taste würde doch diese Hubhöhe genügen, welche der niederzudrückenden Tastenhöhe entspricht. Der übende Finger dürfte in diesem Fall den Kontakt mit der Taste, d.h. die Berührung ihrer Oberfläche, überhaupt nicht aufgeben.“

Antwort:

Die letzte Folgerung ist insofern durchaus berechtigt, als sie für vollendet durchtrainierte, in ihrer Kraft, Beweglichkeit, Treffsicherheit und in dynamischer Anschlagsdifferenzierung die höchste Stufe der Virtuosität beherrschende und auf alle Ausdrucksnuancen präzis reagierende Pianistenhände – aber nur für solche – absolut zutreffend ist. Von solcher Vollendung sind aber nicht nur Klavierstudierende, sondern auch die meisten Klavierlehrer weit entfernt.  (Seite 260)

Das soll genügen. Und wenn ich mich selbst zu dieser Species der „Von der Vollendung weit Entfernten“ zähle, ändert das doch nichts an der Tatsache, dass mir beim Üben des Terzentrillers in Chopins Etüde die niedrigste Hubhöhe der Finger angemessen erscheint.

Als Nächstes hätte ich vielleicht den Einwand zu gewärtigen: Was nützt ein solcher Blog-Eintrag dem Normalverbraucher? Antwort: 1. schreibe ich vielleicht gar nicht für (kunstfremde) Normalverbraucher, oder nur für solche, die mindestens die gleichen Ansprüche an sich selbst stellen wie ich. 2. gelten solche Methoden cum grano salis für jede andere Übung, ob man nun ein Handwerk betreibt oder eine diffizilere Sportart. Wir arbeiten im Vertrauen auf unsere Physis und auf die Naturgesetze, die für alle gelten, – selbst für die, die mit dem Kopf gegen die Wand rennen und sich möglichst effektiv Schaden zufügen wollen.

Kurz und gut: Ich übe auch das bewährte Material von Stoyanov an der Grenze des Hörbaren ebenso wie im Fortissimo.

Quelle Czesław Marek: Lehre des Klavierspiels / Zweite, revidierte und erweiterte Auflage, Atlantis_Musikbuchverlag Zürich und Freiburg i. Br. 1977)

Das Beispiel aus dem hervorragenden Übungsheft von Andrey Stoyanov ist so verblichen, dass ich es mit Tusche nachziehen musste; entsprechend sieht es aus, erfüllt aber wohl seinen Zweck:

Stoyanow

Endlich… (ein Selfie-Rätsel, halbgelöst)

Endlich fügt es sich, dass Freund Klaus G. mir – direkt aus der Thomaskirche in Leipzig – ein Original-Selfie mit Bachs Fugen schickt. Kein Wort zu den Blutstropfen, auf die er verwies, die aber möglicherweise nicht echt sind, während die Füße, wohlbeschuht, durchaus die des Meisters sein könnten, der die Pedale mit Füßen so schnell bediente wie andere nicht mit Fingern die Tasten!

Bachs Fugen

Dem realen Freund zu Ehren ergänze ich die Mär durch den Hinweis auf eine namenlose Pflanze, zuweilen irreführend „Unkraut“ genannt; der lateinische Name könnte vorwitzig auf das obige Foto bezogen werden (Aegopodium), deutet jedoch zugleich auf eine heilende Wirkung (podagraria), die gern der Musik zugeschrieben wird und dem heutigen Träger des Namens (und der Schuhe) durchaus zu wünschen wäre.

Namenlose Pflanze

Als psychologische Hilfe könnte ein Face Fake Selfie aus dem 20. Jahrhundert aufgefasst werden, das lange Zeit dem Thomaskantor selbst zugeschrieben wurde.

Bach Fake

Was mir aber an besonders unpassender Stelle zu denken gibt, nämlich bei der allabendlichen Lektüre in Elizabeth Kolbert’s sehr ernstem Buch „Das 6. Sterben“: ich bin in einem Kapitel angekommen, in dem sie ein berühmtes Museum meiner Heimat besucht, – ich benutze das Wort Heimat mit aller Vorsicht -,  im Neandertal (heute ohne th) bei Düsseldorf. Und sie schreibt ganz korrekt:

Unmittelbar hinter dem Museumseingang steht ein Modell eines ältlichen, freundlich lächelnden Neandertalers, der sich auf einen Stock stützt. Er ähnelt einer ungepflegten Version des Baseballspielers Yogi Berra. Gleich daneben wartet die größte Attraktion des Museums: die sogenannte Morphing-Station. Für drei Euro können Besucher sich im Profil fotografieren und die Aufnahme anschließend bearbeiten lassen. In der bearbeiteten Version haben sie ein fliehendes Kinn, eine fliehende Stirn und einen wulstig vortretenden Hinterkopf. Kinder lieben es, sich – oder noch besser ihre Geschwister – in Neandertaler verwandelt zu sehen. Das finden sie zum Schreien komisch. (Seite 239)

Neandertala_homo,_modelo_en_Neand-muzeo Foto: Wikipedia

Jahrzehnte vor dieser Rekonstruktion hatte mir ein rheinisch-grobknochiger Musiker mal ganz unbefangen erzählt, in der Schulzeit sei es ihm auf Klassenfahrten oft passiert, wenn es am Neandertal vorüberging, dass die Mitschüler ihn ermunterten: „Müller-Lüdenscheid*, aussteigen!!!“ Er lachte, aber ich fühlte mich irgendwie unwohl. Jetzt fiel es mir wieder ein, und ich kann nicht leugnen, dass ich heute sofort nachgeschaut habe, wer denn dieser Yogi Berra ist oder war. Muss ich sein Incognito wahren? Sehe ich mich nicht selbst mit anderen Augen, wenn ich heute vor den Spiegel trete, – zumal es doch wenig später heißt:

Vor etwa vierzigtausend Jahren kamen moderne Menschen nach Europa, und sobald sie in einer Region auftauchten, verschwanden die dort lebenden Neandertaler, wie archäologische Funde belegen. Vielleicht wurden sie aktiv verfolgt oder einfach nur von der Konkurrenz aus dem Feld geschlagen. Jedenfalls passt ihr Niedergang in das bekannte Muster, wenngleich mit einem wesentlichen Unterschied: Bevor die Menschen die Neandertaler verdrängten, hatten sie Sex mit ihnen. Infolge dieser Kontakte sind die meisten heute lebenden Menschen zu einem geringen Teil – bis zu vier Prozent – Neandertaler. Nicht weit von der Morphing-Station entfernt gibt es ein T-Shirt zu kaufen, das dieses Erbe so weit wie möglich ausschlachtet: „Ich bin stolz, ein Neandertaler zu sein“, verkündet es in Großbuchstaben. Da mir das T-Shirt gefiel, kaufte ich eins für meinen Mann, aber vor Kurzem fiel mir auf, dass ich es kaum je an ihm gesehen habe. (Seite 241)

Ich spiele mit dem Gedanken, mir eine Kollektion dieser T-Shirts zuzulegen und sie bei bestimmten fremdenfeindlich getönten Demonstrationen kostenlos zu verteilen.

* Der Name wurde vom Zitator geändert.

Quelle der letzten Zitate: siehe HIER.

privat lokal regional global

Ich bin nicht schuld, dass die Themen so ungeordnet auf uns einstürzen! Oder als leiser Vorwurf liegenbleiben und sich sporadisch wieder melden… Unberechenbar. Zum Beispiel der Garten. Freunde. Eine Musiklandschaft. Oder ein ganzer Kontinent. Oder… statt einer schönen Evolution ein Chaos.

Turn up Africa  Turn up Widmung WH

A Celebration of African Music / Editor: Jacqueline Cogdell Djedje / Los Angeles 1999

Prüss Waterkant  Prüss Widmung

ISBN 978-3-00-049234-1 ©Rainer Prüss 2015 Flensburg

Rainer Prüss Hardanger gr

Foto: ©Rainer Prüss 2010 Hardangerfjord

Das sechste Sterben

ISBN 978-3-518-42481-0 Elizabeth Kolbert

ZITAT (anlässlich der Höhlenzeichnungen im Tal der Dordogne)

Es wird häufig spekuliert, dass die Menschen, die diese Zeichnungen an den Wänden der Grotte des Combrelles schufen, ihren Bildern magische Kräfte zusprachen, und in gewisser Weise hatten sie damit wohl recht. Die Neandertaler lebten über hunderttausend Jahre in Europa und hatten in dieser Zeit nicht mehr Auswirkungen auf ihre Umgebung als andere große Wirbeltiere. Es besteht durchaus Grund zu der Annahme, dass die Neandertaler wie auch die Wildpferde und die Wollnashörner noch immer existieren würden, wenn die Menschen nicht auf der Bildfläche erschienen wären. Mit der Fähigkeit, die Welt in Zeichen und Symbolen darzustellen, geht die Fähigkeit einher, sie zu verändern, und somit auch die Fähigkeit, sie zu zerstören. Ein winziger Satz genetischer Variationen unterscheidet uns von den Neandertalern, aber genau das ist der entscheidende Unterschied. (Seite 259 f)

Diese Fähigkeit des Menschen ist älter als die Moderne, wenngleich sie in der Moderne ihren umfassendsten Ausdruck gefunden hat. Tatsächlich ist sie wahrscheinlich gar nicht von den Eigenschaften zu trennen, die uns erst zu Menschen gemacht haben: unsere Rastlosigkeit, unsere Kreativität, unsere Kooperationsfähigkeit bei der Lösung von Problemen und komplexen Aufgaben. Sobald Menschen anfingen, Zeichen und Symbole zur Darstellung der natürlichen Welt zu benutzen, drängten sie über die Grenzen dieser Welt hinaus. (…) Wenn man nachvollziehen will, warum Menschen für andere Spezies so gefährlich sind, kann man an einen afrikanischen Wilderer mit einer Kalaschnikow denken, an einen Holzfäller, der mit einer Axt im Amazonasgebiet unterwegs ist, oder auch an sich selbst, wie man mit einem Buch auf dem Schoß auf der Couch sitzt.  (Seite 267 f)

Quelle Elizabeth Kolbert: Das 6. Sterben / Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt / Suhrkamp Berlin 2015

Hervorhebung in Rot durch JR, in Erinnerung an die erste Lektüre des Buches „Philosophie auf neuem Wege – Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst“ von Susanne K. Langer (Fischer Wissenschaft Frankfurt am Main 1992 / 1984)

Denn die Idee, etwas mit einem Namen zu belegen, ist der fruchtbarste Gedanke aller Zeiten; sein Einfluß mag durchaus imstande gewesen sein, das gesamte Leben und Fühlen der Gattung binnen weniger Generationen zu verwandeln. (…) Kaum war der erste Funken geschlagen, so war auch das Licht der Vernunft entzündet; ein Zeitalter phänomenaler Neuerungen, Veränderungen, vielleicht sogar zerebraler Entwicklungen hatte begonnen, als aus der nichtigen Affenkreatur, die er gewesen, der Mensch hervorging. (Langer S.144)

Dies nur, um in dem Chaos wenigstens äußerlich einen roten Faden aufzuzeigen. Eine Funktion, Leben zu retten, wie im Fall der Ariadne, kann man ihm nicht zusprechen.

Schöne Stimmen 1. Mai

Zum Kuckucksruf

Dass er nicht immer eine kleine Terz (wie im Kinderlied), sondern auch eine große (wie in Beethovens Pastorale) umfasst, war leicht zu bemerken. Bei dem rumänischen Panflötenspieler Georghe Zamfir habe ich mich zum erstenmal über den Kuckucksruf als klares Quartenintervall gewundert. (In Ciocarlia, was allerdings „Lerche“ heißt: nach dem großen Lerchensolo – bei 1:27). Habe aber später auch oft in der Natur (z.B. 2013 oberhalb Villanders/Südtirol) verschiedene Intervallvarianten gehört.

WDR5 hat das im vorigen Jahr mal thematisiert:

Bekannt ist, dass der Kuckuck auch in der großen Terz und in der Quarte rufen kann. Nicht belegt ist aber, ob ein einziger Vogel unterschiedliche Intervalle abwechselnd hervorbringt oder im Laufe seines Lebens überhaupt sein Intervall ändert. Wenn, dann nicht kurzfristig, sondern höchstens von Jahr zu Jahr, glaubt Karsten Gärtner, der sich seit 45 Jahren mit dem Kuckuck befasst und sogar über ihn promoviert hat. Belegen lässt sich diese These nicht, denn um die Kuckucke eindeutig voneinander zu unterscheiden, müssten sie entsprechend markiert werden, räumt Karsten Gärtner ein. Das ist bisher noch nicht passiert.

Jetzt habe ich meine alten Notizen wiedergefunden (mein Kuckuck verschwand 1992 für immer):

Kuckuck 1988

Kuckuck 1989

Kuckuck 1992

JR Eiche 1992 JR Goldregen1992 1992

Die todgeweihte Eiche lebt immer noch, wenn auch hauptsächlich als gewaltiger Efeu-Träger: ein Vogelparadies. Der Inhalt der Voliere bestand damals wie heute nur noch aus Gartengeräten. Über den Verbleib des Goldregens siehe hier und hier.

Ein Lamento wegen des Kuckuck-Verschwindens ist offenbar unangebracht (siehe folgendes ZEIT-Detail & Quellenangabe weiter unten).

Kuckuck LBV 2015 ZEIT

ZITAT aus Wikipedia

Die Tonhöhen der beiden Silben liegen meistens eine kleine Terz auseinander, das Intervall kann aber auch eine Sekunde bis eine Quinte betragen. Die Töne liegen zwischen den Halbtönen der Tonleiter und entsprechen etwa f2 (678 Hz) und d2 (565 Hz), wie aus den Rufen von sieben Kuckucksmännchen ermittelt wurde. Der Schnabel ist bei der ersten Silbe leicht geöffnet, bei der Zweiten geschlossen. Die Pausen zwischen den Rufen hängen vom Erregungszustand des rufenden Männchens ab. Je erregter, desto kürzer die Pausen. Bei sehr hoher Erregung kann es auch zu mehrsilbigen, sich überschlagenden „kuckuckuck…“-Rufen kommen.

Das Weibchen lässt bei Erregung zur Brutzeit einen trillerartigen Laut hören, der aus einer hart betonten, schnellen Folge von Tönen besteht und etwas an den Zwergtaucher erinnert. Seltener äußert es ein lautes Kichern, das etwa wie „hach hachhach“ klingt. Jungvögel betteln ab dem vierten Tag nach dem Schlupf mit „zisisis“ oder „srisrisri…“. Mit zunehmendem Alter wird dieser Bettelruf zu einem „gigigi…“. Bei Abwesenheit der Wirtseltern wird dann auch der Distanzbettelruf „ziii ziii“ oder „sriii sriii“ abgegeben.

Vorbemerkung: ich weiß, dass ich in meiner CD-Sammlung der Vogelstimmen Jungvogelgeschrei (aus dem Nest) gehört habe, dass nach einer viel höheren Anzahl von Individuen klang als im Nest vorhanden sein konnten. (Tonbeispiel noch nicht wiedergefunden. Es war kein Beispiel zum Kuckuck.)

ZITAT aus ZEIT-Artikel von Hans Schuh über Kuckucke (s.u.)

Kopiert wird nicht nur die Eioptik, sondern auch die Akustik. Denn für die Parasiten ist die Kommunikation mit ihren Wirten lebenswichtig. Die Fütterungsaktivität von Singvögeln wird erstens durch aufgesperrte Jungschnäbel und zweitens vom typischen Tschilpen und Bettelgeschrei der Küken stimuliert. Stimmanalysen haben ergeben, dass Jungkuckis besonders intensiv lärmen: aus voller Kehle, als bettele eine gesamte Brut. Die beeindruckten Gasteltern erbringen dann Höchstleistungen. Mit fünffacher Zaunkönigration gedeiht ein massiger Jungkuckuck.

Den ultimativen Beweis, wie der Jungparasit seine Stiefeltern akustisch reinlegt, lieferten Nick Davies und Kollegen mit einem pfiffigen Experiment: Sie ersetzten die Küken im Nest von Teichrohrsängern durch ein einziges Amselküken und prüften, wie es gefüttert wurde. Doch bald stellten die Forscher fest, dass die Baby-Amsel sich gar nicht füttern lassen wollte: Sicherlich verschreckt kauerte sie im schwankenden Schilfrohrnest am Boden. Also wurde das Prüfnest mit einem dicken Bambusstock stabilisiert. Prompt verdrängte Hunger die Seekrankheit und das Amselchen begann laut zu betteln. Die Teichrohrsänger brachten ihm Futter, aber viel weniger als einem Kuckucksjungen. Erst als die Forscher zu jedem Tschilpen über einen Minilautsprecher das Bettelgeschrei eines Jungkuckucks abspielten, erhöhte sich die Fütteraktivität. Die Musik macht’s.

QUELLE DIE ZEIT 29. April 2015 Seite 37 Triumph der Schlawiner Der Kuckuck und seine Opfer liefern sich einen Wettlauf des Schreckens – voller Täuschung, Tarnung und Spionage. Von Hans Schuh.

Ein alter ZEIT-Artikel vom 26. Juni 1987 über den Kuckuck ist dankenswerterweise online abzurufen, und zwar hier.

ZITAT FAZ über akustische Täuschung

In den Regenwäldern von Sumatra wurde beobachtet, dass die Menschenaffen einen charakteristischen Warnruf ausstoßen, wenn ihnen Menschen oder Raubtiere beunruhigend nahe kommen. Seltsamerweise halten sich einige Orang-Utans eine Hand vor den zum Rufen gespitzten Mund. Dass sie dadurch die Stimmlage stattlicherer Artgenossen erreichen, belegen detaillierte Analysen von Tonaufnahmen.

Quelle HIER ( http://www.faz.net/aktuell/wissen/natur/orang-utans-die-lautspiele-der-halbstarken-13549265.html )