Archiv für den Autor: JR

Auf der Suche nach arabischen Quellen

Das rettende Archiv

Eine Meldung in der NMZ (Neue Musikzeitung) brachte mich darauf, den Hintergrund eines arabischen Musikers zu eruieren, der in Lissabon mit einem Preis ausgezeichnet worden ist:

Jeder Kandidat und jede Kandidatin hat jeweils 25 bis maximal 30 Minuten Zeit, sich zu präsentieren. Das sind sieben Stunden Musik an einem Tag. Das Rennen macht am Ende ein Außenseiter: Der 1983 geborene Ägypter Mustafa Said, ein blinder Künstler, der zugleich Oud-Spieler, Sänger, Musikwissenschaftler und Komponist ist.

Mustafa Saids vielfältige Karriere ist nicht ungewöhnlich in diesem Wettbewerb, die meisten der Teilnehmer sind auch Forscher, Musikwissenschaftler und Komponisten. Die Wahl der Jury ist dennoch nicht ganz unumstritten, da Mustafa Said sehr eigenwillig musiziert und ihm einige in der Konkurrenz in Sachen Virtuosität überlegen schienen. Technische Fähigkeiten stehen beim Aga Khan Music Award aber erklärtermaßen nicht im Vordergrund.

Quelle: NMZ Newsletter 23. 7. 2019 Gipfeltreffen der muslimischen MusikkulturIn Lissabon wurden zum ersten Mals die Aga Khan Music Awards vergeben / Autorin: Regine Müller / online hier

Wer also ist Moustafa Said?

Der beigegebene Text („Maqam World“ ist eine Webadresse, siehe hier) :

Maqam World says Maqam Bayati „starts with a Bayati tetrachord on the first note, and a Nahawand tetrachord on the 4th note (the dominant). The secondary ajnas are the Ajam trichord on the 3rd note, and another Ajam trichord on the 6th note. These are often used in modulation.“ Pretty technical, but the best way to learn to hear this Arabic „scale“ is to listen to a master improvise upon it. That is what Mustafa does in this video. It’s a real joy to watch and hear him as he works his artistry.

Bei Rodolphe d’Erlanger (La Musique Arabe V, Paris 1949, Seite 232 f) sieht die allgemeine Form des Maqams folgendermaßen aus:

Gut ist der Hinweis, dass die Darstellung des Maqams nicht unbedingt mit dem Grundton beginnt (d), sondern mit der Quarte (g), die echte Kadenz zum Grundton spielt Mustafa Said erst bei 1:27. Ob die zweite Tongruppe, die behandelt wird, „Tchahargah“ heißt (d’Erlanger) oder „Nahawand“ (Maqam World), hängt davon ab, ob man die Terz (f) oder die Quart (g) als Basis betrachtet. Das könnten wir Mustafa Said ablauschen…

Man findet auf Youtube noch eine Reihe schöner Aufnahmen mit Mustafa Said, rein musikalisch bezaubernd, aber visuell – als Film – meist unzulänglich. Einer der nächsten Schritte ergibt einen Blick auf das riesige Arbeitsfeld des Musikers und seiner Mitarbeiter; es ist geeignet, auch fremde Besucher für Stunden und Tage zu fesseln:

Was ist AMAR?

AMAR is a Lebanese foundation committed to the preservation and dissemination of traditional Arab music. AMAR owns 7,000 records, principally from the “Nahda” era (1903 – 1930s), as well as around 6,000 hours of recordings on reel. To safeguard this rare collection, AMAR has acquired a state-of-the-art studio specifically dedicated to the digitization and conservation of this music. In early 2010, AMAR built a multi-purpose hall that hosts up to eighty people.

The launch of AMAR took place on August 17th – 19th, 2009 at its premises in the Qurnet el-Hamra Village, Metn District, Lebanon. Two days of workshops addressed the foundation’s objectives, strategies and technical workflows. Workshops’ participants included musicologists and ethnomusicologists from Canada (University of Alberta), France (Universities Paris IV & X), USA (Harvard University), Lebanon (Antonine University and the Holy Spirit University of Kaslik), Tunisia and Egypt; all of whom form the foundation’s Consulting and Planning Board.

AMAR’s Objectives

  1. Conservation of recorded and printed Arab musical tradition by utilizing state-of-the-art technologies;
  2.  Support of academic research and scientific documentation;
  3. Integration of these musical traditions and their practices in educational programs;
  4. Seeking multi-media dissemination and promotion of public awareness of the Arab music tradition.

(Fortsetzung folgt bzw. sie ist Ihnen ab sofort leicht gemacht, falls Sie es sich selbst erarbeiten wollen: beginnen Sie HIER.)

Ich werde dort fortfahren, wo ich mich zuletzt wohlgefühlt habe. Zurückversetzt in die Jahre nach 1967, als ich an meiner Dissertation schrieb und mir libanesisch-syrische Volksmusik-Formen wie Qaside, ‚Ataba oder Abou-z-zouluf anhand alter Schallplatten erarbeitete. Ich gehe also auf die folgende Seite: hier. Man sieht dort in etwa das gleiche Bild wie unten, aber anklickbar. Der grüne Balken bezeichnet den Vortrag, den man hören kann, allerdings in arabischer Sprache. Der gedruckte Text jedoch präsentiert die englische Version, darin sind die Musikbeispiele mit einer Note gekennzeichnet. Ich gebe nach den folgenden Textzitaten jeweils die genaue Zeit an, bei der man auf dem grünen Balken das Musikbeispiel abrufen kann. In diesem Fall haben wir 5 Musikbeispiele, in fabelhafter Ausführlichkeit! (Wenn alles gut gegangen ist, haben Sie den Link jetzt im externen Fenster.)

1: Furthermore some of the Syriac folk melodies chanted in church can be used to dance dabkaif accompanied by a percussion instrument. This will surely not happen because they are religious: I am not referring to the lyrics, but to the melody that is very close to the folkloric heritage melodies … MUSIK bei 10:49

2: The Lebanese Heritage Musical Forms can be separated into two main categories: those who reached us from the East, and those existing in the mountain. The heritage reached the coastal areas through the migration from the plain and the mountain. ‘Atābā (folk monadic song in colloquial Arabic), dabka or dal‘ōna only reached Beirut lately with the migration to the coast … MUSIK bei 11:58

3: Here is how the Lebanese Bekaa Bedouins we talked about sing it, accompanied by the rabāba (spike fiddle whose front is covered with sheepskin) … MUSIK bei 17:57

4: There are other styles that are also sung to the maqām bayyātī or rather the jins (set of notes forming the basic pattern in Arab music) bayyātī as there is no maqām because the scale is short … MUSIK bei 18:49

5: Here is a sample of the origin of the ‘atāba performed by the Ṭayy tribe so that our listeners can have an idea of how the ‘atāba was sung originally … MUSIK bei 25:58

(Fortsetzung folgt)

MBIRA

Eine Welt für sich? Ganz gewiss: eine Welt.

Pioniergeist in Sachen Weltmusik – Vlotho 1979:

WDR-Hörer wussten es, seit Kevin Volans die ersten Sendungen für die Abteilung Volksmusik produziert hatte: z. B. am 11. April und am 6. Juni 1978 über Zulu Gitarren Musik. (Ich war seit 1976 als Leiter der Abteilung fest angestellt und hatte freie Hand, solche Themen ins rechte Licht zu setzen. Man verstehe das nicht als Eigenlob: es gab den Mitarbeiter Werner Fuhr und über Jahrzehnte eine günstige Hierarchie, ich denke an Namen wie Alfred Krings – s.a. hier -, Novottny, Jenke, mit Dankbarkeit!) Um den 20. April 1984 (Ostern) fand die große Produktion im Kleinen Sendesaal statt: mit Kevin Volans, Deborah James, Robert Hill (!), und Robin Schulkowsky. Dank der tollen Musikbeispiele und des Textes von Deborah James (und Kevin Volans) konnten wir danach eine Sendung produzieren, die mir für immer „in den Knochen“ saß. Eine entscheidende Rolle spielte auch das wunderbare Buch von Paul F. Berliner: „The Soul of Mbira / Music and Traditions of the Shona People of Zimbabwe“. Die Sendung in WDR 3 am 24. Oktober 1984 (21.00 bis 22.30 Uhr) stand folgendermaßen im Programm: „Die Seele der Mbira. Ein Weg ins Innere afrikanischer Musik mit Deborah James (Johannesburg), am Mikrofon: Jan Reichow.“ Mein Interesse für Afrika hat aber nicht erst im WDR Köln begonnen, sondern – in Berlin, und zwar schlagartig mit dem Buch „Muntu. Umrisse der neoafrikanischen Kultur“ Verlag Diederichs Düsseldorf 1958; ich hatte es mir am 1. November 1960 gekauft, während ich parallel zu dieser Lektüre einen Yoga-Kurs bei Swami Dev Murti absolvierte und hauptamtlich Schulmusik studierte (in Berlin damals mit dem Nebenfach Tanz & Rhythmik bei Taubert !) …

 Tr.10 siehe hier ganz unten

Über Jahre hinweg blieb dieses Thema bei uns virulent, auch durch Wolfgang Hamm, der Radiosendungen, eigene Aufnahmen und hier z.B. den Text zur World Network CD beisteuerte. Wie froh bin ich, dass die Mbira mich jetzt aufs neue erreicht, dank eines sehr aktiven Kenners, Stefan Franke, der dieser Musik ein neues Forum im Haus der Kulturen der Welt in Berlin eröffnete. Ich möchte in aller Kürze die letzten Stationen belegen:

Was macht das Haus der Kulturen der Welt in Berlin? hier

Die Ankündigung der Veranstaltung am 24. März 2019: hier

Ein Mitschnitt der Konzerteinführung mit Stefan Franke hier

Der Eröffnungs-Song im Konzert hier

Eine Mbira-Plattform, die Stefan Franke ins Leben gerufen hat:

https://sympathetic-resonances.org/ hier

In den Umkreis der Mbira-Musik-Forschung gehört unbedingt Klaus Peter Brenner, der sich auch mit den Musikbogen-Traditionen in Afrika beschäftigt hat. Hier folgen ein paar Informationen zu seiner Arbeit:

https://www.uni-goettingen.de/de/aor-dr-klaus-peter-brenner/71298.html hier

https://www.uni-goettingen.de/en/71298.html hier

Folgendes Video im externen Fenster: hier

Folgendes Video im externen Fenster: hier

Aus der Anleitung von Andrew Tracey: HOW TO PLAY THE MBIRA (DZA VADZIMU) International Library of African Music / Transvaal South Africa 1970

Hier folgt eine interessante Bemerkung von Stefan Franke über die Cembalo-Version des Mbira-Stücks, die von Kevin Volans stammt. (Nebenbei: Sie ist auf geheimnisvolle Weise von der Network-CD – s.o. Tr. 10 – nach Youtube „gewandert“.)

Seine Nyamaropa-Bearbeitung finde ich jedenfalls wunderbar, ebenso wie die Tatsache, dass er das Tuning der Instrumente ins Augenmerk rückt – Tunings sind mir ein besonderes und m. E. unterschätztes Anliegen.

Auch wenn das Ergebnis für mich klanglich/spektral in diesem Fall nicht wirklich aufgeht: Die Cembalo-Saite ist sehr obertonreich; eine Mbira-Lamelle hat nur einen nennenswerten, dominanten Oberton ca. 2 bis 2,5 Oktaven höher, und dieser hat, wie ich argumentieren würde, eine definierte Rolle/Funktion in der Musik: Entweder fügt er eine atonale Schicht oberhalb der tonalen Musik hinzu, wie bei der Mbira dzavadzimu mit gestimmten Grundtönen, oder die atonale Schicht entsteht im Bass, wie bei der Matepe, bei der in den unteren Registern die dominanten Obertöne gestimmt werden statt der leiseren, sehr tiefen Grundtöne.

(Aus einer Mail vom 12.7.2019)

Es ist eine unerhörte Schulung des musikalischen Gleichgewichtssinnes, man darf nur nicht nach zwei Minuten Zuhören erlahmen: man konzentriere sich still auf die Hosho-Rassel, wenn alles im Fluss ist. Man sitzt wie in einem Boot, dessen Ruder man beobachtet. Ich finde, dass es einem nach 10 Minuten deutlich besser geht (falls man dessen bedurfte). (JR)

Rhythmus üben?

Ausgerechnet bei Schumann

Wieso „ausgerechnet“, – gerade bei ihm! Die Schwerpunktverschiebung im dritten Satz seines Klavierkonzertes kennt wohl jeder musikalische Mensch, aber wer hat sie im Blut? Bitte die Melodie singen und die Taktanfänge klopfen. Und zwar ohne Noten, denn die Melodie ist wirklich leicht zu behalten. Hier – schauen Sie auf die Uhr, nach genau 60 sec. kommt’s, unmittelbar nach dem Klaviersolo!

Was man in meinem Notenbild sieht, wäre ein 6/4 Takt, vielleicht besser als 3/2 aufzufassen, das wäre jedenfalls ganz „natürlich“. In Wahrheit hat Schumann seine eigene Melodie offenbar absichtlich missverstanden. Sonst wären Sie eben nicht aus dem Takt geraten…

Anders gesagt: wir hatten bis hier einen schnellen 3/4 gezählt, 2 Takte davon (zusammengedacht) ergäben auch einen 6/4, allerdings eben als „2 mal 3“ aufgefasst; man kommt nicht auf die Idee, plötzlich „3 mal 2“ zu denken, und hört bei (weiterhin) „2 mal 3“ die Viertelanschläge plötzlich auf „falschen“ oder leeren Taktteilen.

Er muss es gewollt haben, er hat eine Irritation eingebaut, jedenfalls für uns Zuhörer, die das Werk nicht am Klavier studiert haben: es ist ein Vexierspiel, nein, es gleicht im Visuellen einer Kippfigur. Schlagen Sie ruhig noch einmal den Takt ab Anfang – einfach „ganze Takte“ – das sind hier die Betonungen, die sich „natürlicherweise“ anbieten, etwa im Sekundenabstand, und beobachten Sie, was nach ziemlich genau einer Minute mit Ihnen passiert.

 Schumann original

Sobald man es weiß, ist es leicht, und bleibt reizvoll, Brahms hat diesen Wechsel oft genutzt, allerdings nicht mit den irritierenden Pausen. Siehe Intermezzo C-dur op. 119, Nr 3. Hier eine Studie erstaunlicher Dissensen, die aber eher das Tempo betreffen. Und hier die rhythmische Verwandlung des Themas visuell:

 am Anfang

 in der Mitte

 am Ende

Ich will aber letztlich auf etwas anderes hinaus, jedenfalls auf eine nützliche rhythmische Übung, vielleicht eher für Streicher. Oder Leute, die ein sensibles Thema singen können und dazu auf den Tisch hauen wollen. Auch wenn das barbarisch ist. Das Thema beginnt im folgenden Beispiel genau bei 1:34, Sie können es also ruhig schon üben!)

Das bloße Thema sieht also folgendermaßen aus:

Auch hier hört man die Melodie anders als er dasteht, nämlich so, als fiele die Eins des Dreier-Taktes jeweils auf die Note mit Punkt. Aber das ist nur ein Teil-Problem, denn es sind die nachschlagenden Achtel der begleitenden Instrumente, die den Schwerpunkt der Melodie auf andere Weise in Frage stellen. Jedenfalls aus Sicht der armen Spieler.

Die Melodie liegt in Zeile 1 beim Cello, die drei anderen schlagen in Achteln nach. In Zeile 2 übernimmt Violino 1, die anderen drei schlagen nach. Ab Zeile 3 und 4 spielt Violine 1 die Wiederholung der Zeilen 1 und 2, das Cello spielt einen Kontrapunkt dazu in gleichmäßigen Vierteln, Violine 2 gebundene Achtelketten, die Viola durchgehend Synkopen zu den Viertelnoten, führt also die Kette der nachschlagenden Achtel auf seine Weise allein fort. Die Chromatik am Ende der Zeile 4 führt aus dieser Periodik hinaus in eine Ritardando-Passage.

Es geht jetzt darum, dieses Thema auswendig zu können, es singen zu können, um sich dabei auf die in Achteln nachschlagende Begleitung zu konzentrieren. Der rechteckige Schlüssel vorn bedeutet: auf dem Tisch, rechts (oben) die Melodiehand zum Mitsingen, links (unten) die Nachschlaghand… Zeile 1, Zeile 2 … Sie dürfen nach einer Weile des Übens auch auf die Noten oben in der 4-zeiligen Version schauen. Aber bleiben Sie locker… Es ist nur ein Spiel…

Schumann – Ende. Von hier kann man leicht nach Afrika kommen, wenn Sie wollen. Es ist gesund. Ich behaupte, in den Hirnkammern bewegt sich was, die Moleküle reiben sich freundlich aneinander. Oder so ähnlich.

Mein Lieblingsrhythmus („Omele“) wird in dem schönen Lehrbuch von Volker Schütz folgendermaßen dargestellt:

Quelle Volker Schütz: Musik in Schwarzafrika / Arbeitsbuch für den Musikunterricht in den Sekundarstufen / Institut für Didaktik populärer Musik / Oldershausen bzw. später: 21436 Marschacht 1992 / Seite 56

Ich selbst bevorzuge die integrierte Schreibweise beider Hände und beobachte einmal die gleichmäßig schlagende linke, ein andermal die rechte mit ihrer afrikanischen „Urformel“:

Schumann op. 41,2 am Dienstag 23. Juli 2019 Köln-Refrath

Es geht weiter mit den rhythmischen Finessen, die so leicht aussehen und im Flug vorübergehen:

 Scherzo ⇒Trio Geige II

Auf Youtube hier, dann gleich auf 13:00 gehen, der abgebildete Übergang vom Scherzo zum Trio erfolgt nach 14:08 (genau bei 14:20).

(Frühere Stationen Okt. 2015 mit demselben Streichquartett op.41,2 hier, hier und hier.)

Rhythmus üben? Ja, mit Händen und Füßen im Gehirn.

Herr und Knecht

Ein paar Links zu Hegels Gedankengang

Ich beginne mit dem Versuch, das bloße Thema zu  erfassen. (Nehmen wir an, ich habe noch nie etwas davon gehört, abgesehen von der Erfahrung mit alltäglichen Herrschaftsformen:  Jemand darf mir etwas sagen, ein „Chef“ etwa, bzw. irgendwo hätte auch ich „etwas zu sagen“… ein guter Anfang wäre es, einen Hund zu besitzen.)

Hegel betrachtet die Dialektik von Herr und Knecht als Quelle des Selbstbewusstseins, der Identität. Die Elemente des Selbstbewusstseins werden als „Für-sich-sein“ (Herr) und „Für-andere-sein“ (Knecht) erschlossen. Der Herr bezieht sein Selbstbewusstsein aus der Tatsache anerkannt zu werden; dafür, dass er sein Leben riskiert hat. Er arbeitet nicht. Der Knecht jedoch arbeitet für den Herrn. Er bezieht sein Selbstbewusstsein im Laufe der Zeit nicht mehr nur aus der Tatsache, für jemand anderen zu sein und zu arbeiten, sondern durch seine Arbeit gelangt er zur Herrschaft über die Natur.

https://de.wikipedia.org/wiki/Herrschaft_und_Knechtschaft HIER

In diesem Wikipedia-Artikel erfährt man, wo Hegels Gedankengang ansetzt: er hat ihn nicht aus der Luft gegriffen oder aus luftigen Einfällen zusammenphantasiert: er ging von konkreten Geschichten aus, genauer gesagt: von einem französischen Buch, das in den 1790er Jahren herauskam; der Autor war Denis Diderot. Friedrich Schiller hat vorweg ein einzelnes Kapitel übersetzt und daraus eine eigenständige Geschichte geformt, die 1785 erschien. Eine etwas komplizierte Konstruktion, – vor allem wenn man in erster Linie darauf wartet, erfassen zu können, wie sie nun mit Hegel zusammenhängen soll.

https://de.wikipedia.org/wiki/Merkw%C3%BCrdiges_Beispiel_einer_weiblichen_Rache HIER

Der nächste Schritt wäre die Lektüre des Schillerschen Originals, das über den Link am Ende des Wikipedia-Artikels erreichbar ist bzw. hier. Aber letztlich kann man sich diesen Zwischenschritt zu Schiller sparen, der jedoch vorweg zur Publicity des noch nicht veröffentlichten Diderot-Werks erheblich beitrug.

Der folgende Weg führt zu Diderots Roman „Jacques der Fatalist und sein Herr“, der in einer interessanten Ringvorlesung behandelt wurde, als Punkt 7 findet man die Überschrift „Herr und Knecht“:

Hegel entfaltete (…) die Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft in Rückbezug auf Diderots Roman und stellte die Überlegenheit des Knechts über den Herrn heraus.

https://web.archive.org/web/20131104215749/http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/veranstaltungen/ringvorlesungen/romane_antike_19jh/Diderot_Jacques.pdf HIER

*    *    *

Der Wikipedia-Artikel zur „Phänomenologie des Geistes“ zeigt, welch zentrale Stellung das Problem von Herr und Knecht in Hegels Buch einnimmt: HIER.

Und nun zu Hegels Originaltext: ab HIER  plus Kapitel 22…

Oder in meinem verstaubten Exemplar:

 1921

Und? Wie war’s?

*    *    *

Ich bin stark abgelenkt durch die Frage, ob nicht heute jeder Esel ein Arbeiter sein will. Im Urlaub trägt er sein ganzes Freizeitgerümpel mit sich, – ist denn Surfen und das ganze Selbstoptimierungsprogramm bloße Zerstreuung? Herrentätigkeit? Selbstausbeutung? Gilt als Arbeit vielleicht nur alles, was unfreiwillig getan wird; was man tun muss, um den Lebensunterhalt zu sichern? Nur die körperliche Arbeit? Hat ein adeliger Herr in feudalen Zeiten nicht immerhin Büroarbeit erledigt? Mich beschäftigt auch ein Artikel, in dem es um Sklavenarbeit ging (Zuckerherstellung auf Cuba). Als sie abgeschafft war, war man imstande, mithilfe zwischengeschalteter Maschinen die Natur direkt auszubeuten. Da wird allerdings eine absolute Grenze sichtbar; sie ist längst überschritten.

Aber im Grund geht man bereits fehl, wenn man das Verständnis des Hegel-Textes auf zwischenmenschliche Verhältnisse einengt, die Entwicklung dieses Gedankens gehört zum Kapitel „Selbstbewusstsein“ und bezieht sich gleichermaßen auf die reflexive Situation im Kopf jedes Individuums. Man könnte ansetzen bei dem Wort „Begierde“.

Nach Hegel, – so in einem anderen Werk -,

ist die Begierde diejenige Form, in welcher das Selbstbewußtsein auf der ersten Stufe seiner Entwicklung erscheint. Die Begierde hat hier, im zweiten Hauptteil der Lehre vom subjektiven Geiste, noch keine weitere Bestimmung als die des Triebes, insofern derselbe, ohne durch das Denken bestimmt zu sein, auf ein äußerliches Objekt gerichtet ist, in welchem er sich zu befriedigen sucht.
Daß aber der so bestimmte Trieb im Selbstbewußtsein existiert, davon liegt die Notwendigkeit darin, daß das Selbstbewußtsein (…)  zugleich seine ihm zunächst vorangegangene Stufe, nämlich Bewußtsein ist und von diesem inneren Widerspruche weiß. Wo ein mit sich Identisches einen Widerspruch in sich trägt und von dem Gefühl seiner an sich seienden Identität mit sich selber ebenso wie von dem entgegengesetzten Gefühl seines inneren Widerspruchs erfüllt ist, da tritt notwendig der Trieb hervor, diesen Widerspruch aufzuheben.
Das Nichtlebendige hat keinen Trieb, weil es den Widerspruch nicht zu ertragen vermag, sondern zugrunde geht, wenn das Andere seiner selbst in es eindringt. Das Beseelte hingegen und der Geist haben notwendig Trieb, da weder die Seele noch der Geist sein kann, ohne den Widerspruch in sich zu haben und ihn entweder zu fühlen oder von ihm zu wissen.

Quelle Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundriss (1817) / Zitiert nach dem Text hier. Volltext HIER.

Man kann nicht erwarten, nach diesen kurzen Hinweisen einen Text wie den eben zitierten wirklich zu verstehen, aber man ist immerhin  geschützt vor allzu schnellen Festlegungen…

*    *    *

Ich habe mich nach diesen Texten erstmal – wie schon mehrfach in den vergangenen 20 Jahren – in die Einleitung des Herausgebers Georg Lasson begeben und fand das so instruktiv wie früher (als ich trotzdem letztlich darin steckengeblieben bin). Im Vorwort zur ersten Auflage habe ich mir folgende Zeile unterstrichen:

Dem Riesengeist Hegels sich nicht gewachsen zu fühlen, ist gewiß keine falsche Bescheidenheit.

Die vorliegende zweite Auflage der „Phänomenologie des Geistes“ ist die, die auch Adorno in seinen Vorlesungen benutzt hat. Hier sind die Seiten, die ich fürs erste hilfreich fand und mir abrufbereit halten möchte:

Vom Imperiengeschäft

… nicht nur zu anheimelnden Kulissen

Editorial von Cecilia Aguirre (Folker Juli 2019)

Sommerzeit ist Lektürezeit. Gerade amüsiere ich mich mit dem durchgeknallten A&R-Manager Steven Stelfox aus John Nivens Roman Kill ’em All. Die bissige Satire ist nichts für zarte Gemüter und leuchtet das Musikbusiness mit all seinen Schattenseiten grell aus: Koks, Geldgier, Geil- und Dumpfheit. Parallel blättere ich in Nivens Erstlingswerk Music from Big Pink. Der Autor verlegt die Szenerie nach Woodstock, wo sich diverse Musiker um den in der Nähe lebenden Bob Dylan gruppieren. Es entsteht The Band! Stilistisch ist Nivens Debüt unbeholfener, aber es steckt voller Musikzitate aus den Endsechzigern und eignet sich wunderbar zum akustischen Rekapitulieren: Levon Helms handfestes Folkwerk Dirt Farmer (2007) oder Bob Dylans sprödes Album John Wesley Harding (1967) mit Textzeilen wie „I pity the poor immigrant who wishes he would’ve stayed home“.
„Jeder zieht jeden über den Tisch“, kommentiert John Niven in seiner Nachschau lapidar die Musikindustrie, und Berthold Seliger belegt dies in seinem aktuellen Buch Vom Imperiumgeschäft: Konzerte – Festivals – Streaming – Soziales. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören (Edition Tiamat, 2019). Schon Das Geschäft mit der Musik – ein Insiderbericht (Edition Tiamat, 2013) las sich wie ein Krimi, trotz der nüchternen Akkumulation von endlosen Zahlen und Fakten. Seliger schließt an, und weiter geht’s mit den Machenschaften der drei Großkonzerne, die das weltweite Live-Geschäft krakenförmig einkreisen: AEG, CTS Eventim und Live Nation. Das Imperium schlägt zu und verschlingt seine Kinder. Dabei verweist Seliger – wie Niven in seinen Romanen – auf die Parallelen zwischen der Musikindustrie und dem Drogenhandel: Bei beiden heiligt der Zweck die Mittel. Die sind auch illegal recht. Wie anheimelnd wirken da unsere Folker-Kulissen, zum Beispiel in Bremen, bei einer Irish Session (S. 56-58). Da blinkt die Gemütlichkeit durch die Butzenscheiben eines Gasthauses, während virtuos beschwingte Fiddletunes erklingen. Der Multiinstrumentalist Albin Brun begibt sich mit seinem Schwyzerörgeli ins schnuckelige Altdorf (Kanton Uri, Schweiz) zum diesjährigen Alpentöne-Festival (S. 38-40). Und die vier Jungs von Bukahara haben sowieso nur den Weltfrieden im Sinn (S. 26-29). Was sonst?
Entspannte Lektüre

Cecilia Aguirre

(Foto: Luisa Aguirre) Weiter zur Zeitschrift Folker hier.

 Hier (der erwähnte Titel)

Zum SPIEGEL-Gespräch mit John Niven hier.

Zu Berthold Seligers Buch „Vom Imperiengeschäft“ hier.

Nachtrag 27. Juli 2019 Ein Interview mit Berthold Seliger über sein Buch auf Telepolis – Statt „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“ nun „Private Equity & Hedgefonds & Brands’n’Sponsoring“ HIER

Qui saura, Ruanda?

Ein Tag wie jeder andere

Fängt an mit Zeitunglesen, und wenn das Tageblatt durch ist, dann liegt da immer noch die ZEIT seit letzter Woche, vieles ungelesen, vorgemerkt der Artikel „Wenn künstliche Intelligenz Musik macht“, Obertitel irgendwas mit Sinatra. Aber dann bleibe ich hier hängen, wegen Ruanda, höre jedoch nach ein paar Minuten auf, weil ich es nicht so extrem narrativ haben möchte und begebe mich in mein Arbeitszimmer bzw. das obere, wo der Computer steht (nicht in das untere, wo die Bratsche liegt und … die Tür in den Garten hinausführt). Aber was mir nachgeht, ist der Liedtitel, der mir nicht ganz unbekannt war. Soll ich mir das „in echt“ anhören? HIER. Gut, sogar zweimal, ich versuche den Text zu verstehen, der Leo-Sprachdienst liefert das ganze Lied auf einen Schlag, und zwar akzeptabel. Und der Ohrwurm für den Rest des Tages hat sich schon eingehakt. Wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen, wer wird es wissen? Wer wird mich dazu bringen, es zu vergessen? Sag es mir. Mein einziger Grund zu leben. Versuch es mir zu sagen. Wer wird es wissen, wer wird es wissen, ja, wer wird es wissen? Es-dur für 2 oder 3 Strophen, Rückung: F-dur, Rückung: Fis-dur, Rückung: A-dur – und dies bleibt bis Ende (mit Blende).

Dann Ruanda, Wikipedia, ein langer Artikel, ich denke an die Trommler von Burundi, soll ich mich damit noch einmal befassen? aber zunächst mal weiter: zum Kern der Sache, wie kam es zu dem Völkermord? Ein gigantischer Artikel – was für ein Inhalt, und nicht zu begreifen! Oder doch, wenigstens in den Einzelschritten? HIER.

Am Ende lese ich auch:

Der Roman Hundert Tage des Dramatikers Lukas Bärfuss befasst sich mit den Ereignissen aus der Sicht eines Schweizer Entwicklungshelfers (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) in Ruanda und der Rolle der Entwicklungshilfe; diese habe über Jahrzehnte das Regime Habyarimanas ungeachtet der Korruption und der menschenrechtlichen Defizite unterstützt und damit den Völkermord mitermöglicht.

Gestern hörte ich, dass Lukas Bärfuss den Büchner-Preis erhält. Ich kannte nicht einmal den Namen.

Die Schriftstellerin Nora Bossong erinnert sich bei dem Schlager Qui saura an einen anderen französischen Satz, der ihr immer wieder in den Sinn kommt: Dans ces pays-là, un génocide n’est pas très important. ZITAT:

Der Satz über den Genozid stammt vom damaligen Präsidenten François Mitterrand, und das Chanson wurde von Mike Brant gesungen. Dass Moshe Brand der eigentliche Name des Sängers ist und er zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges geboren wurde als Sohn einer Auschwitz-Überlebenden, lese ich am nächsten Vormittag, meinen Laptop auf den Knien, über mir läuft der Fernseher. Ruanda sei eine Familie, erklärt Präsident Paul Kagame vor den Kameras im Kongresszentrum, dessen Kuppel ich in der Ferne durch mein Fenster sehen kann. Aus dem Nachbarzimmer dringt lautes Stöhnen, Sex gegen die staatlich verordnete Pflicht des Erinnerns, ein schmaler Riss in der Trauerflagge, die über dem ganzen Land hängt. „Existieren in einem Zustand anhaltenden Gedenkens“, so nennt Kagame es in seiner Rede, und er spricht von der jungen Generation, die den Völkermord nicht mehr selber erlebt hat, von den fast 60 Prozent der Ruander, die erst nach den 100 Tagen auf die Welt kamen, in denen sich das Land in eine menschengemachte Hölle verwandelte. Die Einigkeit über alle Gräben hinweg, über das Schweigen der einen und die Verzweiflung der anderen hinweg, das ist es, was in diesen Tagen wie ein Mantra wiederholt und beschworen wird, als Grundlage dafür der Generationenwechsel nach einem Vierteljahrhundert, aber was sind schon zweieinhalb Jahrzehnte. Etwas mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Befreiung von Auschwitz, im Jahre 1972, wurde Brants Chanson zu einem großen Erfolg. Drei Jahre später sprang der Sänger aus dem sechsten Stock eines Pariser Hauses und nahm sich so das Leben.

Quelle DIE ZEIT 4. Juli 2019 Seite 39 Was sind schon 25 Jahre? Im Juli 1994 endete der Völkermord in Ruanda. Wie schaffen es Opfer und Täter, heute miteinander zu leben? Eine Reise durch ein Land, das geradezu unheimlich gut funktioniert. Von Nora Bossong.

Harald Schmidt ohne Schnitt

Warum vermisst man ihn?

Man könnte sagen: er ist entspannter (oder umgekehrt: steht mehr unter Strom) denn je, hier hat er Heimvorteil, der Vfb ist ihm egal, Nürtingen ist nicht weit, nur was Hegel angeht, hat er nicht richtig aufgepasst: der Satz über die Heimat stammt von Herder („Heimat ist das, wo man sich nicht erklären muss“), aber das weiß ich auch nur aus den (lesenswerten) angehängten Fan-Stimmen. Ich erwähne sie, weil sie den Interviewer nicht aufs Korn nehmen, sondern Geschmack zeigen und ihn auch sehr nett zitieren: „Niemand darf wegen seines schlechten Geschmacks bevorzugt werden.“

1:31 Was bedeutet denn Heimat für Sie? Hegel, Hansi Hinterseer („Heimat ist, wo dich der Nachbar grüßt.“) 2:20 Nürtingen („da kommen ja die Storys her.“) Autokennzeichen NT, LEO, Backnang BK, („niemand darf wegen seines schlechten Geschmacks…“) 4:04 ab September „Echt Schmidt“ im Schauspielhaus, 5:24 Werbung in Late-Night? 5:56 „Gibts etwas aus der Zeit, was Sie vermissen?“ Warm  up! „Mein Gast steht im Mittelpunkt?“ Ja, wo sinmer denn!? Wolln Sie mich fragen, wer mein Lieblingsgast war? 7:11 Vfb Stuttgart. Manuel Andrack, Helmut Zerlett. Kein privater Kontakt: „Es muss alles in der Show kanalisiert werden.“ 9:35 Satz vollenden… 12:00 Polizei. Karneval. 14:30 Anbiederung über Youtube. 14:40 Rezo: „Unfassbar schlecht von der Performance (her)“. Autoindustrie. Über Fernsehen. Durchschnittsalter der Zuschauer. 19:10 Böhmermanns Film mit Sahra Wagenknecht für H.Schm.-Show. „Ich wusste, dass er es als Moderator nie schaffen wird, aber als Krawallschachtel…“ 19:50 Nur ins ZDF nach Mitternacht? Late Night Deutschland oder USA 21:00 nur New York und Los Angeles. Funktioniert nur täglich! „Late Night in D ist tot!“ Sätze, die so’n Format killen. 23:00 Erfolgreichste Quote, die wir jemals hatten. Porsche mit Zerlett. Kreuzfahrtdirektor. „Wenn das E-Auto kommt, ist Schluss mit billigen Kleinwagen.“ 24:54 Parteienveränderung. „Die Grünen sind die neue CDU.“ Kerzenschein? Briefe? Vfb warum? „Game of Thrones hab ich noch komplett vor mir, da weiß ich, muss ich durchkucken. Im Winter mal nachts wird das durchgezogen.“ 30:46 Liebster Gast? Bowie, Iggy Pop, Anne-Sophie Mutter (s.u.) und 31:04 Helmut Berger! 32:25 Angela Merkel-Fan. Wäre vor der Kamera völlig uninteressant. „Ja zu deutschem Wasser.“ 37:30 Schauspielhaus. 39:37 „Der dümmste Satz! Morbus Plasberg (…) Ich freu mich auf Sie!“ 40:55 Fragen aus dem Off: Berge oder Meer? 41:30 „Only jellyfishes this year!“ (Quallen). „Die Leute haben gar nichts zu tun mit dem Klima, weil sie erstmal kucken, wie sie überleben.“ ACHTUNG beim Zuhören!! ab 42:00 Schreckensschrei! 43:20 Nochmals Rezo (= „armseliger Performer“). „Was da inhaltlich neu gewesen sein soll, erschließt sich mir nicht.“ „Nix, was man nicht in der Stuttgarter Zeitung hat lesen können.“ (Auffällig tendenziös in diesem einen Fall. Warum kommt er auf Rezo zurück, um nochmal dasselbe zu sagen?)

*    *    *

Das Rezo-Video hier. (Bis heute 15.507.276 Aufrufe!)

Harald Schmidt 2009 u.a. mit Anne-Sophie Mutter hier (ab 29:39) (übers Üben, nicht jeden Tag! sonderbar, was sie über Mendelssohn sagt: „unterschätzt, weil er im Zweiten Weltkrieg…? …getaufter Jude, der Bach wiederentdeckte…“ waas? will sie nicht Hitlerzeit sagen? Antisemitismus? War es nur der böse Krieg?)

Böhmermanns Beitrag mit Sahra Wagenknecht hier. Nicht zu fassen… Zum Ausgleich die ebenso hastige wie ausführliche Abfrage bei Schmidt: hier, ab 7:25 über Marx: „interessante, hilfreiche Analysemittel“, und: „so wollen wir ihn garantiert nicht wieder umsetzen“. Für alle Fälle gebe ich zu, dass ich gerade ihr Buch über Hegel (missverstanden vom frühen Marx) durcharbeite: ich hatte schon vorher großen Respekt!)

Gut (und richtig), was Harald Schmidt über Jan Böhmermann sagt. Eine „Krawallschachtel“. Ja, und ich füge hinzu: vor allem – dieser ist im Vergleich zu H.S. zu wenig witzig. Ähnlich wie mein Opa, der – wenn er gut aufgelegt war – eher höhnisch wurde und selbst alte Freunde in die Pfanne haute.

Und jetzt folgt Werbung! (Bei mir gratis!) In diesem Sinne:

„Ich freu mich auf Sie!“

*    *    *

Eine kritische Stellungnahme zu diesem Blog-Beitrag kam per Mail von einer Bekannten, Prof. Große-Söhnermann: 

Habe gerade Deine Verarbeitung des Schmidt-Interviews gelesen - das ich
als Württembergerin ja auch amüsant und lehrreich fand. Im Falle der
Bemerkungen über Böhmermann gehst Du aber glaube ich in die Falle des
Outsider-/Insider-Vexierspiels. M.E. ist völlig klar, dass Kollegen in
diesem Metier übereinander - geschweige denn über die Inhalte der
Profession selbst - nichts auch nur annähernd Ernsthaftes öffentlich
verbreiten. Will sagen: die Aussagekraft von "Krawallschachtel"
erschöpft sich völlig in der bizarren, unzeitgemäßen Wortwahl. (Wenn Du
Dich an die Episode mit Oliver Pocher als Sidekick oder wie das heißt
erinnerst, das war ja auch ein ständiges latentes Machtspiel, das seinen
Reiz für die Zuschauer aus sich als solchem bezog und nicht aus dem
tatsächlichen Niveauunterschied - der wäre viel schneller uninteressant
geworden.) Die Äußerungen über Böhmermann - ebenso wie, deutlich
desinteressierter, über Joko & Klaas & Co., sind einfach diskursives
Säbelrasseln, denn was er über die Qualitäten und Ansprüche von
Late-Night-Shows denkt, er (Schmidt), es ist auf der Ebene der
Medienöffentlichkeitsrivalität völlig unerheblich. Er würde sich nicht
die Blöße geben, es "im Ernst" nötig zu haben, einem Kollegen ans Bein
zu pinkeln.

Mit den - ja eigenartigerweise oder bezeichnenderweise? wiederholten -
Bemerkungen über Rezo verhält es sich auch, glaube ich (!), nicht
einfach faktisch im Sinne einer Aussage von A über B. Schmidt weiß doch,
während er es ausspricht, dass sein Urteil ebensowenig wie das von AKK
oder den anderen verschreckten Berufspolitikern die Wirkungsebene überhaupt
berührt, auf der sich "Rezo" als Phänomen abspielt.

Auch das ist Säbelrasseln, aber auf verlorenem Posten; es ist allenfalls
Teil von Schmidts Medieninstinkt zur Sympathiengewinnung durch
("bessere") Formulierung dessen, was jeden nicht
aufmerksamkeitsdefizitären Rezo-Zuschauer auch nervt. Was aber noch
lange nicht heißt, dass Schmidt hier außergewöhnliche Urteilskraft
hätte. Er hat ein Podium, aber (wie ja auch Deine Klickzahl belegt)
ein vergleichsweise kleines.

Die Stärken des Schmidt-Interviews liegen ja, da waren wir uns sowieso
einig, in anderen Punkten. (Ich wollte nur nochmal auf die
Nicht-Aussagekraft der Bemerkungen zu Böhmermann hinweisen, da sie mir
in Deiner Zusammenfassung wie echte Aussagen vorkamen.)

Danke! Zur Klickzahl: Rezo am 8. Juli 15.507.276 Aufrufe, heute (am 21. Juli) 15.605.869. Schmidt heute 183.144 Aufrufe. Dieser Blogbeitrag bis heute: 32, ein anderer („Wozu Musikwissenschaft?“ seit 3. Juli) 56. Das muss den Urheber nicht irritieren: es gibt halt Themen, Inhalte und Tonfälle, die man selbst guten Freunden im Alltagsgespräch nicht zumuten würde. Gründliche (monologische) Erklärungen mögen willkommen sein, wenn die anderen sie lesen können (nicht anhören müssen).  Eine bloße Unterhaltung jedoch sollte eigentlich immer – unterhaltend bleiben. Für beide Seiten!

Im Radio, auf Youtube (und bei Bloglesern) darf man auf Seiten der Rezipienten sowieso Freiwilligkeit voraussetzen. Und die bloße Anzahl der Klicks sagt nichts über Verweildauer und Gründlichkeit des Besuchs…

Liberalismus!?

Ein Taschenspielertrick

„Befreiung“ war ein Zauberwort, seit ich zu denken gelernt habe. Oder glaubte, es zu lernen. Und immer gab es in diesem Prozess warnende Widerworte. Oft genug erschienen sie unberechtigt, zumindest verunsichernd, noch öfter lernte man sie durchschauen als Angst vor jeglicher Veränderung. (Der private Bereich wurde politisiert, zugleich auch verdrängt, und selbst heute lasse ich diesen Part gern außer Betracht, bzw. im rein Privaten.) Ich zitiere nur, was mich heute morgen unverhofft mit Freude erfüllt hat (wo eigentlich nichts zu freuen ist):

(…) für große Teile dieser Parteien verkörpert der Liberalismus das Übel dieser Welt, vor dem es das eigene Land zu schützen gilt. Sie alle arbeiten daran, Grenzen zu verschieben, moralische wie politische.

Den Liberalismus, den sie bekämpfen wollen, zeichnen sie natürlich nicht so, wie ein genuiner Liberalismus in seinem Kern ist: mit einem starken Rechtsstaat, mit robusten Institutionen und mit Werten, zu denen die Freiheit ebenso gehört wie die Verantwortung. Stattdessen skizzieren sie den Liberalismus als groteske Karikatur, ganz im Putinschen Sinne. In diesem Liberalismus klauen Migranten und vergewaltigen, folgenlos natürlich, in diesem Liberalismus werden Kinder mit Vorstellungen von sexueller Vielfalt indoktriniert, in diesem Liberalismus werden Familie und traditionelle Werte bedroht, in diesem Liberalismus wird die Freiheit gefährdet – eine Freiheit, die ihre Verfechter gern über das Recht auf Kerosin, Diesel, Fleisch und sexistische Witze definieren.

Diese Karikatur an die Wand zu pinseln und vor ihr zu warnen ist ein alter Taschenspielertrick. Derzeit hat er Konjunktur.

Quelle DIE ZEIT 4. Juli 2019 Seite 1 Putins Brüder Russlands Präsident erklärt den Liberalismus für überholt. Aber die Gefährder der Freiheit sitzen auch im Westen / Von Alice Bota [online nachzulesen hier] Siehe auch in  Financial Times hier.

Wozu Musikwissenschaft?

Eine Infragestellung

Der unter dem folgenden Link erreichbare Essay – eine Polemik gegen den Stand der gegenwärtigen akademischen Musikwissenschaft – sollte einfach zur Kenntnis genommen und geprüft werden. Kritik ist wichtig, ebenso eine mögliche Kritik an der Kritik.

https://www.merkur-zeitschrift.de/2019/06/24/musikwissenschaftsdaemmerung-anmerkungen-zu-einem-unzeitgemaessen-fach/ HIER

Dem Essay vorausgegangen ist am 14.1.2016 eine (Vor-) Arbeit desselben Autors, die z.T. die gleichen Themen mit den entsprechenden Zitaten und Hinweisen behandelt:

https://kontrovers.musiconn.de/2016/01/14/digitale-historische-musikwissenschaft-eine-fragwuerdige-disziplin/ HIER

Interessant ist allein schon der neue Rahmen, den man auch hier studieren kann.

Einige Notizen zum Thema sollen folgen, ungeordnet und vielleicht unnütz.

*    *    *

Mich stört zunächst einmal, dass manche Namen, die hier genannt werden, zum Beispiel Laurenz Lütteken und Ulrich Konrad, zu den Vertretern einer alten, verkrusteten Musikwissenschaft gehören sollen, nebenbei gerade solchen, die mir besonders viel bedeuten, und zwar vor allem im Zusammenhang mit Mozart (siehe hier und hier). Und warum soll mich nicht auch ein gewisser Zeitgenosse namens Woelfl um Mozarts willen brennend interessieren? Hätte ich je ohne die Arbeit der altmodischen Wissenschaft um Bach und über ihn hinaus soviel aufregende Musik aus seinem älteren Verwandtenkreis zu hören bekommen? Zugegeben: auch bei diesen Entdeckungsreisen waren viele ausübende Musiker am Werk und erst in ihrem Schlepptau wurde die Wissenschaft maßgebend tätig, und niemand sollte deren Beiträge schmälern. Wo haben denn all die Praktiker, die für glänzendste Auferstehungen alter Meister sorgten, ihr Handwerk gelernt, wenn nicht in der musikwissenschaftlichen Philologie? Und zwar so, dass sie nicht nur informierter spielen, sondern auch genauer lesen. Ich denke z.B. an die inspirierende Verbindung zwischen dem Feuerkopf Reinhard Goebel und dem Bach- und Mozartforscher Christoph Wolff.

Die schriftlich fixierte Opus-Musik ist ja ein Lieblingsfeind der U-Musik-Amateure, – das muss man sich durchaus nicht zu Herzen nehmen: Man bedenke, dass jede gelungene Melodie dazu neigt, gedankenlose Varianten auszuschließen. Die südindische Kunstmusik z.B. hat früh Wert darauf gelegt, perfekte Kompositionen der Meister bis ins Detail unverändert im Gedächtnis zu halten, ohne sich schriftlicher Stützen zu bedienen. Es gab genügend Freiraum für echte Improvisationen.

Man darf nicht verkennen, dass die komponierte abendländische Musik nicht einfach nur aufgeschrieben wurde, sie wuchs in dauernder Wechselwirkung mit Geschriebenem. Auch improvisiert wurde nach geschriebenen oder – auswendig gelernten, gewussten Mustern. Erst das Studium der geschriebenen Werke erlaubte den Neutönern gezielte Abweichungen, die vom Publikum gefühlt und goutiert wurden, ohne dass es wusste, warum. Die Musikwissenschaft aber will wissen, was da geschehen ist und studiert die Texte.

Man darf skeptisch werden, wenn jemand Musik auf das Äußerste, das am offensichtlichsten außen Liegende, den Klang, festnageln will. Vieles ist ja im Gehirn, dort wo der Klang landet, schon vorgezeichnet, ein Netz von Deutungsmöglichkeiten. Vielleicht dem ähnlich, das im Gegensystem, dort wo der Klang entworfen wird, bereits ein Spiegelbild hat. Das Ohr hört, ob es will oder nicht, aber ein Organ, das immer tätig ist, ob du willst oder nicht, ist vor allem das Gehirn. Das Ohr hört, das Gehirn arbeitet.

Der Schwachpunkt der ganzen Argumentation, abgesehen von einer zuweilen unnötig hochtrabend klingenden Ausdrucksweise, liegt in der (vorsätzlich?) defizitären Beschreibung dessen, was Musik sei. Nägele:

Musik ist aber keine Sprache, kein konkretes Zeichensystem, aller musikwissenschaftlichen Versuche, dies beweisen zu wollen, zum Trotz. Sie ist der unverständlichen, aber gleichwohl affizierenden Glossolalie vergleichbar: nicht Schrift gewordenes und als solches zu deutendes Monument, sondern ein Ereignis jenseits der Sprache. Musik spricht in diesem Sinne nicht bedeutungstragend, sondern ist ein indifferenter Stimulus, der im Moment der Rezeption ein Erregungsmuster auslöst.

Abgesehen davon, dass er vielleicht als Archivar ohnehin dazu neigt, die klassische Musik auf ihre geschriebene Erscheinungsform zu reduzieren, ignoriert Nägele offenbar den Stand der ästhetischen Diskussion, vor allem die Bedeutung der Mimesis-Forschung. Eine Musikwissenschaft, die nicht auch die Geschichte der Aufführung von Musik reflektiert, würde sich kaum noch behaupten können.

Der Autor aber diskreditiert seine Absichten, wenn er statt zu argumentieren, der historischen Musikwissenschaft unterstellt, wesentlich sei ihr eine „metaphysische Dimension“, so dass der Musikforschende ein „quasi priesterliches Amt“ ausübe.

Zugegeben: es ist kein Ruhmesblatt in der neueren Geschichte der deutschen Musikwissenschaft, dass sie die Musikethnologie (früher: Vergleichende Musikwissenschaft) ausgegrenzt hat. Aber Nägele denkt keinen Augenblick daran, das zu beklagen. (Christine Tewinkel hatte schon 2007 kritische Worte in diesem Sinne gefunden, siehe hier.) Peinlich wird es, wenn am Ende herauskommt, dass Nägele vor allem mit seinem Projekt, Richard-Strauss-Bearbeitungen zu nobilitieren, zurückgewiesen wurde. Es klingt einfach zu beleidigt, als dass man es sachlich noch ernst nehmen könnte. Peinlich:

Mein damaliger Vorschlag, man möge doch das »Publikum« entscheiden lassen, was Anspruch auf Gültigkeit habe – selbstverständlich unter Berücksichtigung und gegebenenfalls Ausgleich der ökonomischen Interessen der Rechteinhaber –, und mein Argument, ein schlecht gemachtes Arrangement, eine schlecht gemachte Bearbeitung, beschädigten oder minderten den Wert des für gut, wahr und geniehaft erklärten Originals in keiner Weise, sonst wäre es ja nicht gut, wahr und von einem Genie gezeugt, dieser Gedankengang stieß auf Unverständnis. Im Plenum herrschte daraufhin für kurze Zeit Schweigen. Dann gingen die Veranstalter zum nächsten Tagesordnungspunkt über.

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Was man unter Musik verstehen kann, findet man andeutungsweise hier. Aber verstehen Sie bitte nicht zu schnell!

*    *    *

Musikwissenschaftliche Ehrenbezeugung: In meinen Augen ist es ein Widerspruch, wenn man sich über ein Zuviel im Fall Joseph Woelfl und über ein Zuwenig im Fall Harald Genzmer beklagt.

*    *    *

Wenn mir jemand persönlich seine Unzufriedenheit über die Musikwissenschaft mit eindringlicher Miene kundtäte, würde ich vielleicht zum Bücherschrank gehen, einen der 26 Lexikon-Bände MGG „MUSIK IN GESCHICHTE UND GEGENWART“ herausnehmen und an beliebiger Stelle aufschlagen: was für ein Wunderwerk des Wissens! Oder ganz gezielt im Personenteil das Stichwort MOZART, im Sachteil das Stichwort INDIEN oder AFRIKA SÜDLICH DER SAHARA – und würde erklären, weshalb mir die Zukunft der Welt doch nicht so aussichtslos erscheint, wie man bei der täglichen Zeitungslektüre glauben möchte. Und die Musikwissenschaft sowieso anders, als man dank Reiner Nägele argwöhnen könnte.

*    *    *

Gestern traf das Magazin „Musik & Ästhetik“ Heft Juli 2019 an, und mein Blick fiel als erstes auf den Beitrag „Hörtäuschung bei Johann Stamitz“ – als zweites auf die Behandlung des großen Buches über Bernd Alois Zimmermann,  eine Rezension von Markus Roth, ein Muss an Lesestoff also und überhaupt: über Keith Jarrett, über die Gegenwart der Alten Musik und so weiter… Und immer die bohrende Frage: ist das alles verzichtbare Musikwissenschaft? Fast nichts kann ich lesen, ohne es mir zu erarbeiten. Sollte man nicht das Publikum abstimmen lassen, ob die Zeitschrift weiterhin subventioniert werden soll? (Ob sie es wird, weiß ich nicht).

Lesen Sie nur dieses Beispiel:

Nimmt er nicht diesen Stamitz viel zu wichtig? Und holt er nicht zu weit aus? Und die tabellarischen Analysen sind doch reinstes Augenpulver, nicht wahr? Oder eine ganz listige Frage: warum gerade Johann, warum nicht lieber den Carl?

Muss ich extra das Internet bemühen? (Ja sicher, einfacher als heute hat man musikwissenschaftliche Unterstützung noch nie bekommen können. Siehe z.B. hier. Und dann auch noch die Noten hier. Und vielleicht ein Klangbeispiel zur Aufmunterung? Sie kennen doch Youtube? Vielleicht dies. 4 sec Werbung überspringen!)

Die Problematik der Musikwissenschaft entsteht für mich durch die Tatsache, dass jeder interessante Begriff, der auftaucht, eine Unmenge an Arbeit heraufbeschwört. Seit ich den vorigen Absatz beendet und die Warnung mit den „4 sec Werbung“ hingeschrieben habe, hat sich um mich herum eine Anzahl von Büchern versammelt, alle aufgeschlagen und quergelesen, einige Seiten auch recht gründlich, den Vorsatz motivierend, in naher Zukunft alles noch gründlicher aufzuarbeiten: da ist auch das Büchlein von Carl Dahlhaus, das Oliver Wiener zitiert, wo sich leider neben der Analyse der Stamitz-Sinfonie D-dur auch eine hochinteressante Behandlung des „Actus Tragicus“ BWV 106 findet, später auch noch die eines Streichquartettsatzes von Haydn, opus 20, 2, der Klaviersonate c-moll op. posth. von Schubert und vieles anderes, – wie soll ich mich retten? Das Stichwort Manierismus treibt einen ins Uferlose, im oben erwähnten, geliebten Lexikon MGG genügt allerdings im Sachteil der Band 5, der auf den Artikel „Manierismus“ nahezu unmittelbar die Artikel Mannheim und dann Mannheimer Schule folgen lässt. Hervorragende Artikel. Ich weiß, dass ich nicht ohne den hochverehrten Ernst Robert Curtius auskomme (Sp.1629), in der nächsten Spalte beginnt „Manierismus in der Musikgeschichtsschreibung“ und auf der wiederum nächsten Seite merke ich mir die Sätze:

Es geht nicht um außergewöhnliche Mittel und nicht um die Häufung gewöhnlicher, sondern um die ‚Verfremdung‘ und kunstreiche, paradoxe Umkehrung der traditionellen Regelsysteme, Grammatik und Rhetorik. Erst von diesen Denkformen her ergeben sich sinnvolle Fragen nach einem Manierismus in der Musik und Möglichkeiten, Entsprechungen auf kompositorischer Ebene zu finden, in den Regelsystemen der musikalischen Rhetorik, der Kontrapunktlehre und der Tonartenlehre. Ein solcher historisch fundierter, eingegrenzter und soweit möglich präziser Begriff von musikalischem Manierismus würde auch deutlich machen, daß Manierismus in der Musikgeschichte, ebenso wie in der Literaturgeschichte eine ideen- und stilgeschichtliche Tendenz neben anderen und daß er, anders als in der Literaturgeschichte, vermutlich auf eine kleine Gruppe von Komponisten beschränkt war.

Schluss! Unentbehrlich allerdings der Abschnitt Sp. 1656 ff über den Mannheimer Stil – im Blick auf die Entstehung der Sinfonie und vor allem, wieder einmal,- auf Mozart.

Und wenn Sie aufmerksam lesen und genau hinhören, entdecken Sie: es ist doch nichts überflüssig. Jedenfalls wenn Sie in Musik mehr als einen vorüberrauschenden Klang wahrnehmen wollen, der Sie irgendwie affiziert. (Sonst bleiben Sie doch getrost bei Nägele!)

Muss das sein? Es muss sein!

Zum Ausklang:

Quelle Carl Dahlhaus: Analyse und Werturteil / Musikpädagogik / Forschung und Lehre Band 8 / B.Schott’s Söhne Mainz 1970

Nebenbei: Wenn Sie bisher geglaubt haben, dass Manierismus etwas ganz anderes ist, als eben – im Zusammenhang mit Johann Stamitz – angedeutet wurde, haben Sie natürlich auch recht: Florentiner Manierismus zum Beispiel, wie hier zu sehen.

*    *    *

Ich sehe, dass manche meiner Argumente (Notenschrift) womöglich auf die Dahlhaus-Lektüre und deren Verinnerlichung in früheren Jahren zurückgehen. Zur täglichen Lektüre gehörte damals (neben Adornos „Korrepetitor“) das Büchlein zur Musikästhetik, das ich heute vielleicht mal repetieren müsste; die Sicht hat sich verändert. Zur Erinnerung hier noch ein Zitat aus der 10 Zeilen weiter oben angegebenen Quelle:

Die Meinung, daß Musik ihr ästhetisches Daseinsrecht verliert, wenn sie gelesen werden muß, ist weniger sachlich als sozial motiviert: Sie entstand nicht als Reflex der Entwicklung des Komponierens im 18. und 19. Jahrhundert, sondern zur Rechtfertigung eines musikalischen Analphabetismus, der in der banalen Tatsache begründet ist, daß die musikalische Notation, im Unterschied zur Sprachschrift, außerhalb der Kunst nutzlos ist. (…)

Das scheinbar unbefangene Hören des musikalischen Analphabeten ist in Wahrheit ein in den Schemata der Unterhaltungsindustrie befangenes; und ästhetische Freiheit, die sich „unmittelbar“, unbeengt durch Dogmen zum Gegenstand verhält, ist kaum anders als auf dem Umweg einer Emanzipation vom Eingeschliffenen zu erreichen – einer Emanzipation, zu deren Werkzeugen eine durch Schriftlichkeit vermittelte Reflexion über Musik gehört.

Quelle a.a.O. Seite 63 f

Und ein Ja zur Schriftlichkeit bedeutet natürlich auch immer ein Ja zur Philologie. Eine kleine Warnung zusätzlich: das Nachdenken ohne Schrift (ohne Notizen) geht oft genug nahtlos in (neigungsgelenkte) Kreisbewegungen über.

Ach Bach! Schon wieder ein Fall!

Nur eine Kleinigkeit?

Bei Musikern geht es nun mal so: sie unterbrechen nicht gern und lassen sich nicht gern unterbrechen. Bei mir ist es nicht anders: sobald ich ein Instrument greifbar habe, spiele ich lieber als dass ich lese. Auch die Noten vor mir spiele ich so, wie es dasteht und will mir lieber nichts erzählen lassen oder ein Vorwort lesen. Aber wenn mir ein Instrument fehlt, lese ich gern, auch Noten. Und erst recht Texte mit Noten drin. So auch den übernächsten (die hier folgende handschriftliche Eintragung am Rande der Noten stammt erst von gestern):

Andererseits kommt es eben zuweilen vor, dass ein Musiker unterbricht und ruft: „da stimmt was nicht!“, ein leises Erschrecken geht durch die Gruppe („Herr, bin ich’s“?), meist geht es um einen Ton, der zum Akkord nicht passt, Druckfehler, man sucht, bis das Problem offenliegt, und korrigiert. So kann es auch gehen, wenn man bloß hört, ein Solostück z.B., von dem man jeden Ton kennt und geübt hat. „Stopp! Das kann doch nicht wahr sein!“ So ging es mir aber erst, als ich gestern in ein altbekanntes Buch schaute und auf der folgenden Seite die letzte Bemerkung las: „Das ist doch… das kann doch nicht wahr sein!“

Quelle Erwin Grützbach: Stil- und Spielprobleme bei der Interpretation der 6 Suiten für Violoncello Solo von J.S.Bach / Verlag der Musikalienhandlung Karl Dieter Wagner Hamburg 1981

Jetzt erst schaute ich in den Anhang der Notenausgabe, aus der ich übe und der ich immer noch blind vertraut habe. (Bärenreiter, August Wenzinger 1950): Da steht hinten im Kritischen Bericht zur Suite I u.a. die Zeile:

T. 26, 3.Viertel Ms, Ke cis, h a b, BG cis, b a b 

MS bedeutet: Abschrift der Anna Magdalena Bach, Ke: Abschrift von J.P. Kellner, BG J.S.Bach, Werke, herausgegeben von der Bach-Gesellschaft, Leipzig, X X L, II.1

Das heißt wohl: Wenzinger hat in diesem Punkt einfach dem Herausgeber der Alten Bach-Gesamtausgabe vertraut, und die meisten historisch interessierten Musiker vertrauten Wenzinger und der Neuen Bach-Gesamtausgabe. Erst 31 Jahre später hätte man lesen können, dass Grützbach in seinem von Cellisten vielgelesenen Buch eine dezidiert andere Meinung propagierte:

Die Linie verläuft hier chromatisch. Das gefühlsbetonte cis‘ b a b einiger Herausgeber ist durch nichts gerechtfertigt.

Eine Kleinigkeit? Ich dachte, mich rührt der Schlag. Und genau aus diesen „gefühlsbetonten“ Gründen hing ich doch an der gedruckten Tonfolge. Beim Spiel auf der Bratsche habe ich sie sogar leicht jammernd herausgehoben. Wer weiß, ob mir da nicht die Erfahrung mit arabischer Musik einen Streich gespielt hat…

 Ms Anna Magdalena (Detail)

Das b kann in dem Takt nicht rückwirkend gelten, auch wenn man Anna Magdalena manche Flüchtigkeiten zutraut. In Kellners Abschrift ist alles undeutlicher, meint aber wohl nichts anderes:

Wieder ein anderer Abschreiber (Schober? Westphal?) schreibt wohl viel später, aber sehr deutlich:

Ich kann also nicht – mit Wenzinger – auf einem anderen Ton beharren!

Zur Sicherheit vergleiche ich einige youtube Aufnahmen: die ganz großen Cellisten spielen so wie ich bisher (haha! ein schwacher Trost), selbst der frühe Harnoncourt hat sich offenbar nicht die ältesten Skripte angeschaut. Anner Bylsma und Sigiswald Kuijken (mit V. da spalla) spielen „korrekt“, Jean-Guihen Queyras „nicht“ (siehe hier  bei 1:43), ohne an der cis-Stelle besonders „gefühlsbetont“ zu agieren. Da mir ansonsten Pieter Wispelwey in der Freiheit des Vortrags besonders zusagt, – wie hält er’s mit dem besagten „arabischen“ Intervall? Was sagen Sie? Hören Sie hier bei 1:24, er spielt alte Stimmung – für unser Ohr in diesem Zusammenhang eine Umstellung – aber: er spielt  den kritischen Ton so beiläufig, dass es nicht leicht zu entscheiden ist. (Man kann es „zurechthören“… ich vermute, er spielt b – aber so, dass es nichts weiter bedeutet.)

ABER: Pablo Casals spielt 1954 genau was dasteht! Hören Sie hier bei 2:11.

Eine Entdeckung nebenbei: Rachel Podger hat die Cello-Suiten (um eine Quinte + Oktave raufgesetzt) mit Geige eingespielt (siehe jpc hier), verständlicherweise befindet sich diese CD jetzt auf dem Weg zu mir.

Zwei kritische Bemerkungen muss ich bei dieser Gelegenheit hinzufügen:

Wenn ich Cello-Suiten höre (ich spreche jetzt nicht von Pieter Wispelwey!), habe ich oft ein mulmiges Gefühl, besonders am frühen Morgen: ich finde alles ziemlich unsauber. Und dieses Gefühl verlässt mich nicht nach – sagen wir – einer Viertelstunde (wie beim Erlebnis eines Schülervorspiels), sondern es gehört offenbar zum Obertongemisch der tiefen Töne…

Noch etwas: Man schaue bitte nochmal in den Artikel „Viola!“ (hier), – damals war mir noch nichts aufgegangen bezüglich des übermäßigen Schrittes cis-b, der mir eigentlich schon hätte „fragwürdig“ erscheinen müssen (ein Klage-Intervall so aus dem Nichts).

An dieser Stelle auch noch ein Hinweis in Sachen Bratsche: es gibt einen sehr lesenswerten Essay von Björn Gottstein über das Instrument, Titel „Tonschönheit Nebensache? Die Geburt der Bratsche aus dem Geist der Neuen Musik“, ab Seite 142 in dem Buch: Kammermusik der Gegenwart, das ich hier präsentiert habe.

A propos Rachel Podger (Nachtrag 4.7.2019 – die CD ist da!!!)

… und den fraglichen Ton spielt sie natürlich „wie es sich gehört“.

*    *    *

Die CD der Trauermusik von Johann Ludwig Bach ist eingetroffen, – wunderbar, großartig! Schöne Idee, das Cover mit dem berühmten Selbstbildnis von Albrecht Dürer zu schmücken, das wie ein Christusbild wirkt (dem nur die Dornenkrone fehlt). ABER: der Text des Oratoriums, den man ja neugierig nun auch mitlesen oder separat studieren will, dieser Text, den der Herzog zu Lebzeiten (natürlich, wann sonst? allerdings ziemlich früh) selbst verfasst hat, ist furchtbar, so farblos wie eine Sammlung von Aktennotizen. Ein Rätsel, wie man dazu eine solche Musik erfinden konnte. Mit Liebe erinnert man sich an die Picander-Texte der Matthäus-Passion, an unvergessliche Sprachgebilde: „Am Abend, da es kühle war, ward Adams Fallen offenbar, am Abend drücket ihn der Heiland nieder, am Abend kam die Taube wieder und trug ein Ölblatt in dem Munde. O schöne Zeit! O Abendstunde!“  Wie gern vermisst man das prosaisch-korrekte Wort Schnabel, wenn das Reimwort Abendstunde sich entfalten kann.

 Dürer Selbstbildnis Wikipedia

A propos Bach

Habe heute erst beim Bayrischen Rundfunk ein Skript zur Solosonate C-dur mit Christian Tetzlaff gelesen. Sicher ist seine Aufnahme der Sonaten & Partiten ein Nonplusultra, aber die Story dazu, die auf seinen Gedanken beruht, ist mehr als zweifelhaft: als sei das Ganze ein Erlebniswerk, das unter dem Eindruck des plötzlichen Todes seiner ersten Frau geschrieben wurde, quasi aus einem Guss, Reinschrift 1720. Unmöglich! (Bach war am 7. Juli 1720 von einer Dienstreise zurückgekehrt, und Maria Barbara war bereits beerdigt worden.) Zitat:

Bach sucht Trost in der Musik. So entstehen seine Sonaten und Partiten für Violine Solo, der Autograph ist auf das Jahr 1720 datiert. Der Geiger Christian Tetzlaff sieht in dieser Komposition eine Art Grabstein für Bachs Frau.

„Da kommt zum Beispiel noch das schöne Indiz hinzu, dass Bach diese Stücke bezeichnet mit ’sei solo‘, also was grob übersetzt heißt ’sechs Solo für Geige‘, oder es heißt tatsächlich ’sei solo“ – ‚du bist allein‘ – wäre damit so ein Titel für dieses Werk.“ (Christian Tetzlaff)

Bach wechselt in seinem Zyklus Sonaten und Partiten einander ab. Die Sonate in C-Dur steht im Gesamtwerk an fünfter Stelle und ist für Christian Tetzlaff im dramaturgischen Aufbau eine Art Wendepunkt. Hier beginnt Bach seinen Schmerz langsam zu überwinden, der die ersten vier Werke, die bezeichnenderweise alle in Moll stehen, überschattet.

Die Solissimo-Werke für Violine – ungeachtet der Frühformen (seit 1708) und jahrelanger Vorarbeit – jetzt als eine Mischung aus Trauerarbeit und Tagebuch seit Juli 1720 zu lesen: psychologisch und biographisch ein Absurdum. Weder die liebe Frau noch das eigene Ego standen damals für einen gläubigen Christen wie Bach im Mittelpunkt des Denkens und Schaffens. Das müssen wir ihm zugestehen.

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A propos Trauermusik

Hier ist die erste Seite des Booklettextes von Peter Wollny, damit klar ist, wovon die Rede ist. Bei den Autofahrten mit dieser Trauermusik (Rias Kammerchor) elektrisierte mich gegen Schluss des ganzen Werkes (Tr. 26) eine Motivverkettung, die mir vertraut vorkam. (Die Noten – schon für die erste Aufnahme des Werkes mit der Rheinischen Kantorei – schrieb Christoph Lehmann, sie liegen im WDR und waren mir nicht zugänglich. Daher an dieser Stelle meine unzulängliche Notation nach dem Gehör:)

 Tr.26 ab 1:02

Der Text an dieser fugierten Stelle (eigener Formteil bis 2:04): „und mit entbundner Zung“.

Die Motivik ist „barockes Allgemeingut“, der Passus duriusculus  und ebenfalls der Kontrapunkt dazu; Johann Ludwig Bach muss ihn 1724 also nicht aus der Fuga von Johann Sebastian Bach (Reinschrift 1720) entliehen haben. Aber interessant ist, dass hier von der „entbundenen Zunge“ die Rede ist, das Fugenthema der Sonata in C mit dem Pfingsthymnus in Zusammenhang gesehen wird und das „Zungenreden“ bekanntlich eine „Gnadengabe des Heiligen Geistes“ ist (siehe hier).

Der chromatische Passus bei Johann Ludwig auch in Umkehrung (in der Sonata nicht).

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Gestern habe ich einen Film über die Anden, der mich aufgrund der Naturaufnahmen interessiert hätte, ausgeschaltet, weil mich der Sound der Performance ärgerte. Die Musik vor allem, aber auch die Art wie der Text inszeniert war, der Duktus betulicher Zuwendung.

Die Musik macht mich wütend, was ist bloß los mit mir? Der Komponist meint es doch gut. Er beruft sich sogar auf Bach und lobt die Pause, die ich mir über die ganze Länge des Films ausgebreitet wünschte. Nein, ich übertreibe, und ich werde auch nie wieder eine Diskussion mit dem Sender anfangen, wie damals (siehe hier). Ein andermal war ich ganz glücklich, aber kein Filmkomponist hatte mir geholfen, sondern wer? Schauen Sie nur: hier.

Aber ich wollte ja den bzw. einen Filmkomponisten zitieren, den von gestern („Die Anden“ können Sie noch abrufen, bis Ende Juli 2019 hier) :

Es macht mich glücklich, gute Musik zu tollen Bildern zu komponieren. Das treibt mich an, dafür bin ich in Bewegung. Überhaupt Bewegung. Sie ist für mich Quelle der Inspiration. Auf dem Fahrrad und beim Laufen kommen mir häufig die besten Ideen. Oder am Klavier, mit der direkten Resonanz des Klangkörpers. Ich komme vom Instrument. Komponieren heisst spielen. Erst dann kommt der Computer, kommen die Sounds, Libraries und Effekte. Darüber hinaus inspiriert mich alles, was ich sehe und erfahre, sei es ein Bild von Caravaggio, ein Film von Almodóvar oder eine Partita von Bach. Er ist für mich die Quelle. Seine Werke sind logisch und emotional zugleich, wecken elementare Gefühle.
Musik sollte bewegen, mal vordergründig, mal subtil. Und manchmal sollte sie mit Pausen arbeiten. Denn Komposition ist auch eine Entscheidung darüber, wann ein Einsatz sich verzögert oder ein Bild keine Musik braucht – um desto stärker zu wirken. Ohne Pause ist Musik ein Irrtum. Denn es ist alles eine Frage von Timing und Rhythmus. Bewegung eben.

Quelle: Website Oliver Hess hier.