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Bach cis-moll – vorläufiges Fazit

BWV 873 (zur Analyse und zum Vortrag)

Ich bin mehrfach zu diesem Werk zurückgekehrt und möchte mich nicht allzusehr wiederholen, jedoch die Beiträge, die mir wichtig sind, schnell zur Hand haben, bevor ich weitermache. Daher die folgenden Links:

Hier 7. Juni 2016 Musikanalyse fürchten? (betr. Fuge, ansonsten Chopin)

Hier 25. April 2020 Der Schwarze Tod (betr. im letzten Teil die Fuge u. „Wer Sünde thut“)

Hier 26. April 2020 Bach am Cembalo und am Flügel (betr. die Fuge und das Präludium)

Hier 29. Juli 2018 Bachs Kontinuität (betr. ein anderes Werk BWV 888, passt analytisch)

Hier 2. Juni 2018 Ermutigung mit Bach (betr. anderes Werk BWV 890, Fugen-Form)

Heute geht es mir um das Praeludium cis-moll BWV 873, einerseits um Überlegungen zum Vortrag (nach Badura-Skoda), andererseits um die formale Gliederung (nach Alfred Dürr und Christoph Bergner)

 S.211   S.318

 S.375

Quelle Paul Badura-Skoda: Bach Interpretation / Laaber Verlag 1990

Badura-Skoda – sein Buch ist nach 30 Jahren noch ebenso empfehlenswert wie damals, zumal es nicht mechanisch verfährt, sondern zum Denken verführt – gibt kurz vorher, nachdem er ausführlich über die schwierige Frage nachgedacht hat, „ob Vorschläge lang oder kurz ausgeführt werden sollten“, den entwaffnend einfachen, aber auch gefährlichen Ratschlag:

Auf die Musik übertragen, führt diese Beobachtung zu einer einfachen Faustregel: Wenn eine Melodie auch ohne Ornamente als schön empfunden wird, dann sollen die Vorschläge, Doppelschläge, Triller etc. möglichst leicht und kurz ausgeführt werden. Nur dort, wo ein Ornament die Expressivität  steigert und sein Fehlen einen Leerraum entstehen läßt, soll es „bedeutend“, das heißt lang und betont wiedergegeben werden.

Man sollte aber keineswegs glauben, dass mit Hilfe eines solchen Buches oder gar eines Nachschlagwerkes mit einem Schlag alle Zweifel beseitigt seien. Und selbst wenn die Lösungsvorschläge von Bachs eigener Hand vorliegen, wie hier auf Seite 428, das andere cis-moll-Praeludium, das ich wirklich „seit Menschengedenken“ mit Vergnügen und Verzierungen spiele, – was tue ich denn am Anfang des zweiten Takte?

Die Imitation der linken Hand sollte durchaus pünktlich kommen, aber der Vorhalt in der rechten Hand – gleichzeitig, vor der Zeit oder sehr schnell? Nicht wahr? Ich will rechts die Töne a-gis nicht als Achtel spielen, um die falsche Parallele zur den Tönen gis-fis der linken Hand zu vermeiden. Das löst mir auch Badura-Skoda nicht, jedenfalls nicht an dieser Stelle. Und wenig weiter folgen in seinem Buch die verschiedenen Bach-Notierungen für meine dreistimmige Lieblingssinfonia BWV 791, und ich finde (vielleicht) nebenbei am Anfang von Takt 2 eine Lösung für meine Frage: ich spiele 1 Sechzehntel (!) Vorhalt vor dem Ton d, damit er schon angeschlagen ist, bevor der gleiche Ton im Bass kommt, und zwar genau zu dessen b nach der Sechzehntelpause.

Formale Gliederung des Praeludiums cis-moll (nach Dürr S.275f)

   

Formale Gliederung des Praeludiums cis-moll (nach Bergner S.124)

Zugegeben: solche Schemata sehen nicht verlockend aus. Es reizt einen nur, wenn man das Stück schon sehr gründlich geübt hat. Es wird ja immer schöner dabei, aber auch immer rätselhafter: warum diese inständige Wiederkehr des Gleichen, warum diese Unberechenbarkeit in der Wiederkehr bei gleichzeitiger Abwandlung des Gleichen, warum die Veränderung der Proportionen?

Ich greife immer wieder gern auf dieses Buch aus dem Jahr 1986 zurück, weil es ideenreich zu neuen Gedanken über Bachs Formdenken anregt, von einem Autor, der die Laufbahn des Musikwissenschaftlers letztlich vermieden hat, – um Pastor zu werden:

Quelle Christoph Bergner: Studien zur Form der Präludien des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach / Tübinger Beiträge zur Musikwissenschaft Hgg. Georg von Dadelsen / Hänssler-Verlag Neuhausen-Stuttgart 1986

Insbesondere das Phänomen der Abweichungen (?) von einer symmetrischen Gliederung und der Begriff der Dehnung  waren für mich besonders aufschlussreich. Ich zitiere einige Sätze aus dem Kapitel über das Praeludium B-dur, das dem über unser cis-moll-Praeludium vorausgeht (Bergner Seite 117f) .

Für den 3. und 4. Abschnitt gilt: 4 + 4 + 8. Wenngleich manche Formvorstellungen an die Wiener Klassik erinnern, denkt Bach offenbar nicht in diesen Bahnen.

Auch bei Jacobus Kloppers (1966) findet man schon solche Hinweise, die einen vor voreiligen Analogien bewahren.

Die Gliederung nach Dürr scheint auf dem Papier sehr übersichtlich und klar:  A – B – A – B – A.  Aber wenn man es spielt und mitdenken will, drängen sich andere Schwerpunkte in den Vordergrund. So kommt Bergner zu dem Schluss:

Das Stück scheint in seiner Anlage nicht proportioniert. Die Gliederung zeigt 3 Teile von 16 + 16 + 29 (+1 Schlußtakt).

Jedoch wird durch die Wiederholungen nach T. 32 eine bestimmte Struktur sichtbar.

Es tauchen Motive auf (kehren wieder), die eine andere Struktur ahnen lassen als die, die offen zutage zu liegen schien.

(Fortsetzung folgt)

Geheimnisse des Gambenspiels

CD Le Secret de Monsieur Marais (reinhören hier)

Luca Pianca / Il Suonar Parlante Orchestra / Vittorio Ghielmi

DLF-Sendung Hier

Fotos: D.R. und Z.Hanakova, Cover Foto Plainpicture/Nordic Life/Terje Rakke

Die Werk-Kommentare des Booklets, die im Original kaum leserlich sind, wurden in der folgenden Kopie vergrößert (bitte anklicken):

  

Blick in ein altes Lehrwerk, herausgegeben von Albert Erhard (München-Salzburg 1980):

    

Das letzte farbige Bild gibt die Seite des CD-Booklets wieder, auf der Beispiele der neu entdeckten und entschlüsselten Einzeichnungen zu sehen sind. Als Nr. 2 erkennt man das Thema des schnellen Teils aus dem Prélude Tr. 17, dieser Teil beginnt bei 2:24, die dritte abgebildete Zeile hört man ab 3:07; dort sollen also die folgenden Techniken realisiert sein: tapé, jetté, enflé, élevé, appuyé, mordant, was in der DLF-Sendung folgendermaßen verstanden wird:

Die Kürzel, die jetzt entziffert werden konnten, bedeuten „tapé“, „jeté“, „enflé“ und „élevé“, übersetzt „geklopft“, „geworfen“, „lauter werdend“ und „erhöht“. Jeder Ton soll also seine eigene Charakteristik bekommen.

An manchen Stellen übertreibt Marais regelrecht und notiert sechs Kürzel über einem einzigen Ton. Demnach soll er gleichzeitig „springend“, „gezogen“, „anschwellend“, „unterdrückt“, „abgeschnitten“ und „still“ gespielt werden. Wie das gehen soll, erklärt Vittorio Ghielmi im Begleitheft: Die Kürzel seien keine statischen Anweisungen, sondern Marais habe versucht, das Gambenspiel in Aktion zu beschreiben. Er meine nicht den Klang, sondern die Gesten – die dann den richtigen Ton automatisch erzeugen.

Leider kann ich Ihnen jetzt kein Video zeigen – aber man kann sich gut vorstellen, wie der Spieler den Bogen aufsetzt, ihn zieht oder springen lässt, wenn man diese Klänge hört.

Man sollte niemanden am Staunen hindern, welches ja die Mutter aller Weisheit sein soll. Aber ich kann keinen grundsätzlichen Unterschied erkennen zwischen dem, was Ghielmi an neuen Hinweisen entdeckt hat, und dem, was 1980 schon bekannt war. Beziehungsweise dem, was Marin Marais schon in den Vorworten seiner gedruckten Werke seit 1686 offengelegt hat. Es ist ja nicht unmöglich, dass in einer Musikertradition Werkstattgeheimnisse gehütet werden, die den eigenen wirtschaftlichen Erfolg sichern. Warum jedoch sollte ein Komponist technische Tricks verbergen, wenn sie zum sinnvollen Vortrag seiner Werke gehören, die er in die Welt hinausschickt? Und dass dies wiederum erst ans Licht kommt, als er längst gestorben war (1728) und die Gambe als Träger ästhetischer  Ideen mühsam verteidigt werden musste (1740). Nebenbei: diese Rolle übernahm ein Jurist (Hubert le Blanc), kein Musiker, geschweige denn einer der Söhne des alten Marin Marais.

Ich liebe den Ton der Viola da Gamba, denke allerdings als erstes an Bach, an die ergreifende Aria „Es ist vollbracht“, die an schmerzlichem Ausdruck nicht zu überbieten ist, nein, auch an einziges anderes Werk, das Konzert von Telemann, mit einem bestimmten Interpreten, ein bestimmtes Datum, Wieland Kuijken mit dem Collegium aureum im Gürzenich zu Köln, 70er Jahre, ich kannte ihn flüchtig, aber ich hatte noch nie ein solch gequältes  Mienenspiel bei einem Barocksolisten erlebt, es gab ungläubiges heimliches Kichern, bis wir begriffen, dass da ein Virtuose und Meister des Espressivo-Spiels am Werk war. Bei Telemann! In Kirchheim (Bayrisch-Schwaben) bedeutete das Alarius-Ensemble mit den Kuijken-Brüdern für mich ein kleines Damaskus-Erlebnis: so also kann Alte Musik interpretiert werden, – eine neue Welt, ein im wahrsten Sinne unerhörter Ausdruck ohne die gängigen romantischen Hilfsmittel wie Bogendruck und Vibrato. – Es wundert mich nicht, dass jemand solche Wendepunkte der Perspektive auch heute noch auferstehen lassen will, aber er dürfte verbal nicht allzu starke Worte wählen, schon die Überschrift lässt Schlimmes ahnen: EIN „STEIN VON ROSETTA“ DER FRANZÖSISCHEN MUSIK. (Zum Stein ohne Anführungsstriche hier. Was für ein Fehlgriff als Anspielung!) Und wenn dann im Text die Anführungsstriche sich mehren, frage ich mich, ob der Schreiber der Zeilen den alten Wieland Kuijken überhaupt nicht kennt? Oder ob er gar bei ihm – studiert hat… (ja, er hat).

Viele Untersuchungen zur Interpretation „Alter“ Musik, die in letzter Zeit veröffenlicht wurden, zeigen, dass die von den „Pionieren“ in dern 1970-er Jahren entwickelten Aufführungsformeln, die heute universell eingesetzt werden, den alten Notentexten nicht gerecht werden. Leider erscheint die Distanz zwischen der Musikwissenschaft und der Welt der Interpreten inzwischen unüberbrückbar zu sein. Die Klangvorstellungen ersten Musikergeneration, die sich in den 1970-er Jahren der Wiederentdeckung der europäischen Musik aus der Zeit vor dem 19. Jahrhundert widmeten, war nicht ausreichend, um diese Musik expressiv umzusetzen, obwohl sie heute zum Mainstream geworden ist. Im Booklet zu einer früheren, Marais gewidmeten Einspielung schrieb ich ich ich einmal: „Da es sich um eine lang zurück liegende musikalische Rhetorik handelt, die mit der modernen unvereinbar ist, können wir annehmen, dass eine von Marin Marais selbst à la Marais eingespielte CD heutzutage wohl kaum einen Kritikerpreis erhalten oder höchstens in einer Reihe musikalischer Völkerkunde Platz finden würde.“

Wie bitte? Hat das Wort „Rhetorik“ in der Musik nicht gerade damals, „in den 1970-er Jahren“ seine Renaissance erlebt? Die „Pioniere“ lasen als erstes das folgende Buch, – das seit wann existierte? Seit 1941 !

Quelle: Hans-Heinrich Unger: Die Beziehungen zwischen Musik und Rhetorik im 16.-18. Jahrhundert / Würzburg 1941 / Nachdruck Georg Olms Verlag 1985

Man las natürlich auch Quintilian im Original. Aber auch etwa ein solches Buch:

Quelle: Jacobus Kloppers: Die Interpretation und Wiedergabe der Orgelwerke Bachs / Frankfurt am Main 1966

Und nun kommt jemand und erklärt, dass die Rhetorik der Schlüssel jeglicher Marais-Interpretation sei… Hervorzuheben wäre in jedem Fall, dass mit „Rhetorik“ im Fall Marais etwas ganz Spezielles gemeint ist, was bei uns in die Rubrik „Deklamation und Vortrag“ fällt, also mit dem Verzierungswesen und der Artikulation zu tun hat. Neu ist allenfalls die Hervorhebung eines Teilaspekts, der Gestik, die dem Charakter der melodischen Formel (Figur) oder des Einzeltones zugute kommen soll. Andererseits auch gerade nicht neu: normalerweise gehört das zu den Themen, die im Instrumental- oder Gesangsunterricht der Hochschulen geradezu omnipräsent sind. Mit einem Fremdwort: MIMESIS. Ein Sänger z.B. müsse also nicht nur „über eine schöne Stimme und gute Intonation sowie über expressiven Ausdruck verfügen, sondern seinen Gesang auch mit Gesten und Bewegungen unterstützen (…), um die Affekte noch besser darzustellen.“ (So schon E. de Cavalieri in Rappresentatione di anima et di corpo, Rom 1600.)

Wunderbar, wenn nun gewisse Vortragshinweise des Interpreten Marais ans Licht kommen, die sich detailliert auf einzelne Töne beziehen, ja, das ist zweifellos interessant, aber auch nicht sensationell; wenn sie sich dort nun sogar doppelt einfinden und einander widersprechen, so muss man das nicht mystifizieren, als gebe es einen Trick, den Bogen zugleich springen und nicht springen zu lassen.

Sobald ich diese CD auflege, erscheint mir doch alles – trotz manchen Effekts – im Bereich des interpretatorisch Möglichen, ja – Gewohnten. Allerdings sehr, sehr gut gemacht. Trotzdem werde ich die CD beim nächsten Mal erst mit Tr. 9 (Gigue) beginnen lassen, ich finde auch die kompositorische Substanz manchmal etwas schwach. Aber das liegt an Bach, bzw. an meiner Einseitigkeit, nicht an mangelnder Kunst der Interpreten.

Ein Gutes hat die ganze Übung mir gebracht: ich habe Lust, Couperins „L’art de toucher le Clavecin“ mal ganz gründlich am Klavier durchzugehen und anhand der Bachschen h-moll-Partita zu überlegen, welche ungewöhnlichen Bogentechniken ich mal in den Doubles ausprobieren könnte.

Rückblick: Mein vielleicht allzu überhöhtes „Damaskus-Erlebnis“ 1976 im Cedernsaal von Schloss Kirchheim, wo alternierend zu den Aufnahmen des Collegium Aureum die Aufnahmen des Alarius-Ensembles stattfanden. Und dort – in dem provisorischen Technik-Abhörraum hinter der schweren Türe – haben einige von uns (Helmut Hucke, Klaus Giersch und ich) die ersten Fassungen der neuartigen „Musica Instrumentalis“ kennengelernt. Die Begeisterung war groß.

(Foto: Daniela Maria Brandt für harmonia mundi)

Und eines Tages werde ich noch einmal zu dieser neuen CD, zu „Le Secret de Monsieur Marais“ und auch der dort erwähnten Dokumenten-Forschung des Gambisten Dr. Christoph Urbanetz zurückkehren. Denn es ist nicht das Projekt „Vatermord“, welches ich witterte. Die Urheber denken bescheidener als manche Journalisten, die nun mal Schlagzeilen brauchen:

Von: „Vittorio GHIELMI“ <Vittorio.GHIELMI@xxx>
Betreff: R: Fwd: Ghielmi
Datum: 17. Juni 2020 um 12:01:15 MESZ
An: <goebel-musik@xxx>

 

My dear,

I never diminish the pioneers, on the contrary, I always say we are dwarf on their big shoulders. But I try to wake up my and next generation to go on with the same spirit of research and intelligent innovation, as these venerable musicians made in their period.

The manuscripts we are studying, with a sign on EACH note, made by Marais and his school, is a real Rosetta stone; we do not have any other example so detailed in the history of music, or not in this form, as far as I know.

I hope not to be misunderstood and hope you can explain it to your friend, to whom I send my deepest respect, as, you know, is in my style.

Abbraccio
Vittorio

Gedanken zu Janáček, Tolstoi, Smetana

Booklettext JR 1995

  

In diesem Booklet der Erstausgabe (bei Intercord 1995) wurden Seiten vertauscht, die richtige Reihenfolge habe ich mit blauer Tinte eingetragen. In der Neuausgabe bei TACET 1999 wurde diese Reihenfolge wiederhergestellt.

Diese CD ist noch erhältlich, siehe bei TACET hier. Neues Impressum:

Signum – einzigartig

 .    .    .    .    .    .    . 

Programmhefttext von Verena Großkreutz. Die schöne Kurz-Charakteristik des Schubertwerkes D 703 aus der Feder derselben Autorin sei hier noch zitiert:

(…) Schuberts einzeln gebliebener Quartettsatz c-Moll beginnt ausgesprochen rau. Geisterhaftes, kaltes, wildes Moll-Tremolo und auffahrende Gesten stehen auf der einen Seite, auf der anderen ein verträumtes, sehnendes Lied in Dur. Beide artikulieren sich nicht als festumrissene Themen, sondern eher als Klanggestalten, die zunächst relativ unvermittelt miteinander konfrontiert werden – ein interessantes Experiment mit der Sonatenform. Erst in der Durchführung durchdringen sich beide gegenseitig, mit dem Ergebnis, dass ihre Reihenfolge in der Reprise vertauscht wird. Weshalb der Satz mit dem wüsten Tremolo-Gedanken schließt.

Dies war das Quartett in der früheren Besetzung (über den Wechsel 2016 hier).

Das zu erwartende Programm hatte ursprünglich etwas (bzw. grundlegend) anders ausgesehen, mit dem großen G-dur-Quartett von Schubert im zweiten Teil, und genau dies war ausschlaggebend für mich, als mir mein Freund von heute auf morgen ermöglichte, das Konzert an seiner Stelle wahrzunehmen. Als zweites kam der Punkt Janáček, – dessen Quartett „Kreutzersonate“ ich auswendig zu kennen glaubte, seit der ersten LP mit dem Smetana-Quartett, dann mit dem Kreuzberger Quartett (in dem ein ehemaliger Solinger Spielfreund als Cellist mitwirkte), schließlich die Nonplusultra-Aufnahme mit dem Belcea-Quartett. Außerdem hatte ich in den 90er Jahren mit der Substanz dieses Streichquartetts viel Zeit verbracht, als ich den Booklettext für das Abeggtrio schrieb, das eine rekonstruierte Klaviertrio-Fassung des Werkes eingespielt hatte. Ach, und das Bonbon des Tolstoi-Walzers. Kurz: nachdem ich telefonisch erfuhr, dass es nicht möglich war, eine zweite Karte für das unter Corona-Bedingungen veränderte Konzert hinzuzukaufen (meine Frau hat im selben Semester wie York Höller Musik studiert, als ich sie 1964 kennenlernte), wollte ich den ganzen Plan fallen lassen. Die nagende Aussicht auf Janáček war letztlich ausschlaggebend, um 18 Uhr doch ins Auto zu steigen und allein nach Köln zu fahren. Zusätzliche Motive: der Quartettsatz in c-moll von Schubert, dem ich seit der Gymnasialzeit (im Laienquartett 1957) immer wieder begegnet bin, und Schulhoff ist immer interessant – und die Schubert-Lieder… der Streichquartettklang überhaupt … und und und …

Übrigens: die Realität von Kammermusik im Konzertsaal ist eine völlig andere Sache als in einer youtube-Aufnahme, die einer letzten Probe gleicht (s.u.). Der ferne Klang – real – aber völlig anders fern als auf dem nahen PC-Bildschirm, kaum zu beschreiben, wie man da in einem coronabedingt weit auseinandergezogenen Publikum sitzt, das sich mucksmäuschenstill verhält, – was für eine beklommene Intimität da zwischen Saal und Bühne entsteht, in der fahlen rosa-beigen Beleuchtung. Ein seltsamer, fast magischer Zauber. (Das vielfach bemühte Wort „magisch“ beruht meist auf Sprachnot; bitte: an dieser Stelle nicht.)

Tatsächlich glaubte ich, das Janáček-Quartett noch nie im Leben so gehört zu haben, das wilde Mosaik der Motive so disparat in den Raum gesplittet und doch so eng aneinander gekettet wahrzunehmen, eine hinreißende Polyphonie, so bohrend repetitiv sie sich auch gibt. Es ist eine Kombination der verschiedenen Ebenen, wie man sie von keinem andern Komponisten jener Zeit kennt. Adorno bezeichnete seine Kunst mit großem Respekt als exterritorial, und sie ist uns heute so nahe gerückt wie wenig anderes. Und dies gerade in einer solchen, wahrhaft kongenialen Interpretation, bei der mir auch die einzelnen Instrumente – ähnlich wie die Menschen im Publikum – weiter als sonst voneinander entfernt schienen, was den gelegentlichen Zusammenprall der Klänge um so kompakter wirken ließ.

Es waren diese Tugenden, die auch das neue Werk von York Höller zu so hervorragender Wirkung brachten. Es ist im Programmheft sehr treffend charakterisiert, frappierend, wie die Beethoven-Zitate, auch das schiere Dreiklangsthema der Zweiten, auftauchten und verschwanden, ohne den geistreichen, funkelnden Zusammenhang zu stören. Ich kenne kein einziges anderes Werk dieses Komponisten, würde mir jetzt aber für jedes andere Gelegenheit und Zeit nehmen. Aber schauen Sie hier, – ich glaube, ich schaffe das nicht mehr. Mehr zum Signum-Quartett HIER.

Bewegend, wie dieses kaum 200köpfige, im weiten Rund verteilte Publikum begeisterten Applaus spendete, buchstäblich nicht enden wollend, als das Quartett zuletzt noch einmal auf die Bühne zurückkam und die erhaltenen Blumen auf den Boden legte: jeder wusste, warum, und der Primgeiger Florian Donderer blieb vorne stehen, sichtlich gerührt, um seinen Dank auszusprechen: dass sie heute zum ersten Mal wieder nach drei Monaten ein Konzert geben dürfen, unter veränderten Umständen, so dass das große Werk, das ursprünglich am Ende des Programms stehen sollte, Schuberts letztes gewaltiges Streichquartett in G-dur, nicht in die vorgeschriebene Zeit von anderthalb Stunden passte. So hatten sie den Musikablauf grundlegend umgestaltet. Natürlich sei klar, dass sie die Wochen und Monate eisern geübt haben, ohne zu wissen, was folgen wird. Und viel nachgedacht, auch gezweifelt haben an der Rolle, die ihnen künftig noch offensteht. Dass sie rausmüssen, Musik ist alles, was sie haben und dazu gehören Menschen, die es miterleben wollen. Ich bin nicht sicher, ob ich alles akustisch korrekt verstanden habe, aber er schloss etwa folgendermaßen:

„…vielleicht ist auch die Musik, die wir machen und die Konzerte, die wir spielen, sehr in eine Routine eingebettet. Natürlich versuchen wir immer Besonderes herauszufiltern, aber dadurch, dass es nun ein so sonderbares und besonderes Konzert wurde, hat es mir, nein, ich glaube: uns allen besonders viel bedeutet. Und weil Sie so viel geklatscht haben, und weil Sie dies alles so durchhalten, – ich weiß, in welcher künstlichen Situation Sie hier sitzen und es so annehmen wie es ist -, deshalb spielen wir nach dem C-moll-Satz in diesem wunderschönen Raum, der – dieser Zugabe angemessen – so groß und schön klingt, ein letztes Schubert-Lied: „Du bist die Ruh“.

Und so geschah es. Dieses Streichquartett versteht es wirklich, und gewiss  in jedem Saal, ein Schubertlied, ohne jeden Espressivo-Druck, auf unvorstellbar eindringliche Art zu singen. So dass es keines Textes mehr bedarf.

Du bist die Ruh,
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du,
Und was sie stillt.

Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz
Zur Wohnung hier
Mein Aug' und Herz.

Kehr' ein bei mir,
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu.

Treib andern Schmerz
Aus dieser Brust.
Voll sey dies Herz
Von deiner Lust.

Dies Augenzelt
Von deinem Glanz
Allein erhellt,
O füll' es ganz.

Dank an den Kammermusik-Freund Hanns-Heinz für Überlassung der Abonnementskarte!!!

Ein Denkmal auch dem Singdrosselherrn, der mich von der Gartenseite her bei geöffnetem Fenster während der Schreibarbeit begleitet; hier sein Stellvertreter:

Fragen über Fragen

Die wichtigste: Warum singen wir?

Fangen wir doch ganz von vorn an, wenn wir Fragen haben. Bei den alten Griechen? Nein, oder vielmehr: Ja. Wo denn sonst? In der Schule! Wie bitte? Du hattest gar kein entsprechendes Fach? Schau mal ins Internet, Schulfach Philosophie. Was steht am Ende des Griechenkapitels? 2 Erkundige dich im Internet, wie Sokrates gestorben ist. Ansonsten Fragen über Fragen. Es ist nie zu spät. (Quelle: hier.)

The central idea of this book is very simple yet very complex at the
same time. The author suggests that human singing had a tremendously
important role in our evolutionary past. It was singing that provided
our ancestors with defence against predators, provided our ancestors
with food, gave rise to human intelligence, morality, religion, formed
the human body and facial morphology, gave birth to human arts and
the mystery of artistic transformation.

We will also discuss some very important questions connected to
our brain activities associated with singing or listening to music:
• Why does singing activate such deep structures in our brains,
structures that are connected to the critical factors of our physical
survival?
• Why is listening to rhythmic music one of the best known ways to
induce hypnoses and trance in humans?
• How can a person with brain damage, who does not remember
anything from his past, still remember musical compositions he
learned decades ago?
• How can a person with a horrible head injury, who can not even
clearly pronounce his own name, sing well and clearly pronounce
all the words of a song?
• Why do people whistle when they are afraid?
• Why do people hum when they feel good?
We will also discuss some questions that are barely, if at all, connected
to human singing:
• Why do birds stop singing when they sit on the ground?
• Why is it safer to sing if you live in trees or in the water?
• Why do soldiers in Iraq listen to loud rock music before going on
combat missions?
• Why do some humans like having a radio or TV on when they are
not paying attention to it?
• Why do some people like talking to themselves?
And finally, the reader will also find in this book, plenty of questions
that might seem totally unrelated to the topic of singing:
• Why do humans have long hair on their head?
• Why do humans have long legs?
• Why do humans have eyebrows?
• Why do humans walk on two legs?
• Why do humans sweat and smell?
• Why did human ancestors practice cannibalism?
• Why are the evolutionary histories of humans and lions so close
to each other?
• Why do humans stutter and have dyslexia?
• Why are there more stutterers among Africans than among American
Indians?
• Why are there no professional speech pathologists in China?
• What was the evolutionary function of human clothes?
• Why do humans like decorating their bodies and faces?
• Why do male lions have manes?
• Why does the peacock has such an amazingly beautiful tail?
• Why are humans the only species who can ask questions?
• How can someone be intelligent enough to answer complex questions,
and still be unable to ask questions?
• Why did Jacqueline Kennedy not remember climbing out of the
moving car following the fatal shooting of President J.F. Kennedy?
• Why did Sigmund Freud not like listening to music?
• Why are masks so universally popular in human cultures?
• Why do some humans have two identities?
• What is the evolutionary function of our unconscious mind?

Questions, questions, questions. Hundreds of questions.

Zusatzfrage: Woher könnten alle diese Fragen stammen? Wo kann ich sie gefunden haben? In einem Buch (gewiss, siehe oben: „central idea of this book“) oder im Internet?

(Mir genügt es für heute, sie gestellt bzw. weitergeleitet zu haben.)

Sinnenleben oder: Die Entdeckung des Spiegels

Wie wieder eins zum andern kam: das Buch, das Bild, der Film, die Musik, der Belting …

Aber wieso auch die Musik?

Noch einmal: die Musik? Wir werden es sehen und hören (Video extern hier) :

Und die Entdeckung des Spiegels? Siehe im folgenden Film ab 38:12 oder ab 47:05 „… durch Beobachtungen mit einer Spiegellinse … wie sollte das ohne optische Hilfsmittel gehen?“

Alhasen im Film schon ab 43:01: „im Bereich der Optik beschäftigte sich Jan van Eyck wissenschaftlich und technisch mit den Theorien Al-Hasins und allgemein mit den arabischen Lehren der Optik, die im 11. Jahrhundert in Kairo entstanden waren; im 15. Jahrhundert waren diese Texte vermutlich schon so weit verbreitet, dass Jan van Eyck sie kannte. Zugang zu ihnen hatte er möglicherweise in seiner Heimat Flandern oder auch auf seinen Reisen nach England, Portugal und Spanien erhalten.“ Das folgende Bild stammt aus dem Buch von Hans Belting:

 Wer ist Alhazen? Siehe Wikipedia HIER

DER FILM

Der Genter Altar

Dokumentation Frankreich / Belgien 2019 | arteMEDIATHEK

Nach achtjähriger Restaurierung hat die „Anbetung des Lammes“, ein Meisterwerk der Malereigeschichte, seinen ursprünglichen Glanz wiedergewonnen. Das 1432 eingeweihte Monumentalgemälde der Gebrüder Hubert und Jan van Eyck fesselt den Betrachter bis heute durch seinen erschütternden Realismus. Mit einer spektakulären Inszenierung, ergänzt durch Beiträge renommierter Kunsthistoriker und angesehener Maler wie David Hockney, deckt der Film die Hintergründe dieses revolutionären Werkes auf, das den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert.

 Abrufbar Hier

Versuche folgendes zu verstehen:

ZITAT Coccia

Ein Bild kann seine Ausmaße vergrößern oder verkleinern, es wird sie aber niemals in Einzelteile aufteilen, zerteilen, scheiden lassen. Das Sinnliche ist das Unteilbare, ein Intensivum, das sich rein akzidentell an die Extension koppelt. Eben darum, weil die Bilder die Fähigkeit besitzen, sich nicht nach dem Modus der Extension niederzulassen, sind sie überall: in der Luft, auf dem Wasser, auf Glas, auf Holz. Sie leben an der Oberfläche der Körper, ohne sich mit ihnen zu vermischen. Eine Melodie verharrt in der Luft, deckt sich in gewisser Hinsicht mit einer ihrer Eigenschaften, mit einer ihrer Vibrationen, aber darauf reduzieren lässt sie sich nicht. Die Existenz des Sinnlichen wird nicht durch das Vermögen einer spezifischen Materie determiniert, sondern durch das Vermögen der Form, außerhalb ihres natürlichen Habitats existieren zu können.

Diese Eigentümlichkeit verleiht dem Bild-sein einen weiteren paradoxen Wesenszug: Auch wenn ein Bild ut in puncto in seinem Substrat verharrt (also auf nichtextensive Weise), das heißt im Spiegel existiert, als würde es nur einen einzigen Punkt darin einnehmen, behält es die Form oder Erscheinung der Ausmaße eines natürlichen Körpers bei. Es ist weder lang noch breit noch tief, aber es behält die Erscheinung dieser Ausmaße bei, es ist deren ratio cognoscendi  oder Erkenntnisgrund. Auch deswegen kann ein Spiegel die Gestalt von Dingen in sich fassen, die viel größer sind als er selbst.

Das Leben der Spiegelbilder, argumentieren schließlich die Scholastiker, determiniert eine vollkommen substanzlose Existenzform: Der Spiegel, der Bilder aufnimmt, verändert weder seine Identität noch seine Natur noch seine Substanz. Er verwandelt sich nicht. Das Sein des Spiegels bleibt unveränderlich, stabil, identisch. Die im Spiegel reflektierte Form hingegen ist immer noch etwas. Aber welchen Seinsmodus hat sie? (…)

Quelle Emanuele Coccia: Sinnenleben Eine Philosophie Edition Akzente Hanser München 2020 (Seite 36f)  ISBN 978-3-446-26572-1

Zum Spiegel-Motiv siehe auch hier !

16 Minuten Weg zwischen den Generationen

Coccia, Plessner, Gehlen, Adorno

Es war die aufgeschriebene Vision eines alten Mannes, die mich am vergangenen Donnerstag stark berührt hat, heute die eines jungen Mannes, dessen munteres Daherreden auf youtube genau meine Themen betraf. Zum Beispiel die Linie zwischen Außen und Innen, die mich schon oft beschäftigt hat.

Zwischen David Johann Lensing (*1989) und Edgar Reitz (*1932)

Private Höhle und öffentlicher Raum

 Direkt vom Papier ins Medium:

 Quelle: DIE ZEIT

DIE ZEIT 4. Juni 2020 No.24 Seite 50 Warum wir das Kino brauchen / Die Coronakrise zeigt, dass das Kino als Ort der Zuflucht und des Rückzuges umso wichtiger wird. Aber dafür muss es sich verwandeln. Von Edgar Reitz.

Das Innen und das Außen  13:13 / Anthropologie der Sinne

 Zum Nachlesen HIER

(Fortsetzung folgt)

Zuviel Zeit für die ZEIT?

Eine Berichtigung ohne Richtigstellung

Quelle: DIE ZEIT No.24 am 4. Juni 2020 Seite 8 STREIT

Quelle: DIE ZEIT No.23 am 28. Mai 2020 Seite 10 STREIT Darf man zum Impfen zwingen? Darüber streiten Menschen nicht erst seit Corona. Seit März verpflichtet ein Gesetz Eltern, ihre Kindern gegen Masern immunisieren zu lassen. Richtig so, sagt der Präsident des Kinderschutzbundes – eine Mutter widerspricht. [Heinz Hilgers, Angelika Müller, Moderation: Charlotte Parnack und Marc Widmann]

Was also hat die Berichtigung zu bedeuten? Ist es ein bloßer Scherz? (Thema zu ernst.) Durfte die Abwertung des Wahrheitsgehaltes durch Frau Müller einfach nicht unwidersprochen bleiben? Vielleicht hat Herr Hilgers darauf bestanden? Ich könnte im Paul-Ehrlich-Institut nachfragen, – aber dafür habe ich keine ZEIT. Soviel zur wissenschaftlichen (und journalistischen) Sorgfalt. Mein Vertrauen [zur ZEIT] ist zur Zeit ganz ungebrochen. Zudem gibt es gleich neben der Kurzkorrektur auf Seite 9 einen Riesenartikel, dem ich viel Zeit widmen möchte:

Und es lohnt sich wie immer, Thea Dorn zuzuhören. Man kann den Artikel nicht ohne weiteres digital abrufen. Ich zitiere einen kleinen Abschnitt:

Im Sommer 2019 erschien im Spiegel unter der zugespitzten Überschrift „Die Menschheit verliert die Kontrolle über den Zustand der Erde“ ein Essay des renommierten Klimaforschers Stefan Rahmstorf über das Korallensterben. Dort war zu lesen: „Den Kollaps dieses Ökosystems einfach zuzulassen, wäre nicht nur völlig inakzeptabel. Es wäre der Beginn eines Kontrollverlustes, das Fallen eines ersten Dominosteines in einem eng verflochtenen lebenden Erdsystem, in dem alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist.“

Der Vorteil dieses Taschenspielertricks: Die Furcht vor einem hyperkomplexen, unkontrollierbaren System – wie es etwa unser Erdklima ist – wird in die Furcht vor dem Menschen verwandelt, der dieses System ruiniert. Dank der selbstanklägerischen Furchtverschiebung darf Kontrolle in Aussicht gestellt werden – wenn sich der Mensch nur seinerseits brav als Dominostein in einem mechanistischen System begreift, der keinesfalls wackeln, wanken oder gar aus der Reihe tanzen darf. Menschliches Handeln wird als quasi-physikalischeGröße behandelt, dessen Folgen sich dann vermeintlich ebenso präzise berechnen und zuverlässig vorhersagen lassen wie die Umlaufbahnen von Planeten.

Natürlich hat Thea Dorn recht, aber als oberflächlicher Leser kommt man leicht zu dem Schluss, dass auch die wissenschaftlichen Analysen des Korallensterbens  auf Taschenspielertricks beruhen, also: legen wir die Sache doch ad acta, – was ganz falsch wäre. Auch die Auseinandersetzung des Virologen Christian Drosten mit der Bild-Zeitung über die Rolle der Kinder in der Pandemie ist nicht kurzschlüssig gegen ihn zu wenden, obwohl Thea Dorns Folgerung sicher berechtigt ist: „Für die Wissenschaft ist dieser Zwang zum Rechthabenmüssen eine Katastrophe.“ Die breite Öffentlichkeit allerdings kann mit jeglicher vorläufigen oder von vornherein ambivalenten Differenzierung schwer umgehen. Letztlich überlässt uns die Autorin einfach unserm „Schicksal“, bzw. der Metaphysik. Denn die Wissenschaft „kann keine Antwort geben, wie der Mensch mit seiner Angst vor dem Ungewissen, seiner Angst vor dem Tod umgehen soll, wie er seinen Frieden mit der Tatsache machen kann, dass er nicht nur Herr seines Schicksals, sondern durch seine Sterblichkeit letzten Endes ein radikal Unterworfener ist.“

Aber glücklich macht uns das nicht, – was ja auch niemand verlangt hat. Die Gefahr liegt in apathischen Reaktionen. (Wenn die Sicherheit durch Wissenschaft nicht möglich ist, dann hat eben alles keinen Zweck.)

Doch zurück zum Thema. Haben Sie es bemerkt? Oder ist es Ihnen wie mir ergangen? Ehrlich gesagt habe ich den Sinn der Richtigstellung erst spät erkannt. Unmittelbar vor dem rot gekennzeichneten Satz ist von Masernimpfung die Rede, nicht von Masernerkrankung, – auf die sich die Zahl des Risikos bezöge. Und dieses Risiko würde sich also infolge einer Masernimpfung minimieren. Ist es so richtig?

*    *    *

(Forts. Th.D. betr. Lit.Qu.)

Für die Dörfer, mit Beethoven, trotz Corona

Wandelkonzert in Keyenberg

Eine Schwarzdrossel singt betörend, aber wenig ist zu spüren vom Erwachen froher Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande, manchmal bleiben nur Fetzen von der Musik hinter dem Wind, der über die Mikrofone fährt, und doch gibt es eine unbeirrbare Kraft, die das Ganze (fast) synchron weitertreibt. Auf den gelben Schildern liest man die Namen der im Kohlentagebau untergegangenen Dörfer und derer, die noch auf der Liste stehen, maskierte Zuhörer wandern in kleinen Gruppen über Feldwege, beobachten ein Fagott wie ein seltenes Insekt, auf den Wiesen sitzen einzelne Streicher, deren Begleitfiguren für kurze Zeit wie Hauptmotive hervortreten, alles steht im Zeichen einer Vorläufigkeit, einer Brüchigkeit, die auch hinter Scheunentüren bei einem Symposion über die Zukunft der Kultur verhandelt werden könnte. Und niemand von den Repräsentanten städtischer Musikkultur, die sich hier zusammengefunden haben, fühlt sich erhaben und erhoben über die rurale Landschaft, den Duft des Dorfes, den sorglos blauen Himmel, es ist alles anders als das Idealbild, das Beethoven in seiner „Pastorale“ entworfen hat, man muss sie mühsam zusammenfügen, ein fragiles Räderwerk der Gedanken. Es wird mühsam vor dem Zerfall bewahrt, und sollten wir es eines Tages wieder im Konzertsaal erleben, wird man unweigerlich an diese Realisierung auf dem Lande zurückdenken, als sich seltsame Synapsen bildeten und manch einen das Hören neu entdecken ließ.

Zitat (Pressetext)

Am 1. Juni 2020 um 13 Uhr veranstaltet das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ im bedrohten Dorf Keyenberg eines der ersten großen Klassikkonzerte nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Mehr als 50 Musizierende spielen auf einem denkmalgeschützten Hof in einem Wandelkonzert aus Beethovens 5. und 6. Symphonie („Pastorale“). Die Musiker*innen stehen auf dem Gelände des Hofes verteilt und spielen die Werke synchron. Die Besucher können den Klangpfad entlang spazieren und so die Musik Beethovens ganz neu entdecken. Die Besucherzahl ist auf 100 Menschen begrenzt und alle Tickets sind vergeben. Erlebe das Livekonzert als virtueller Besucher. Wandle mit, gleite entlang der Musiker und erlebe den Klangteppich in Stereoton. Das beste Seh- und Hörerlebnis hast du vor einem Rechner mit Kopfhörern auf. Unter http://alle-doerfer-bleiben.de gibt es regelmäßige Berichte zu den Ereignissen in den bedrohten Dörfern. Livestream Produktion: http://fb.com/goove.de

Am Dienstag nach Pfingsten lese ich in meiner Tageszeitung von der Aktion der Orchestermitglieder, und zwar auf der Seite HIER UND HEUTE. Auf der Seite KULTUR dagegen von Igor Levits Klavier-Marathon. Müßig zu fragen, wo Beethoven sich selbst lieber gesehen hätte. Vielleicht auf der Seite POLITIK, wo über Sensationen aus Frankreich berichtet wurde, nicht neben den Kleingärten, aber hier und heute findet durch Corona eben eine neue Durchmischung aller Niveaus und Sphären statt. Und es darf hervorgehoben werden, dass die „revolutionäre“ Veranstaltung in Keyenberg nicht mit der „Pastorale“ begann, sondern mit der „Fünften“, deren hammerschlagendes Kopfthema, das jeder Depp beim Namen Beethoven anstimmt, sogar um einen halben Kopf verkürzt startete. Denn das Schicksal fackelt nicht lange.

    Solinger Tageblatt

Weshalb mir die Aktion in Keyenberg so gut gefällt: man erlebt viele einzelne Menschen, ja, die Aufsplittung einer Gesellschaft, die zeigt, dass diese sich nicht zerlegen lässt, nicht durch Corona und nicht durch RWE, sondern zu Gemeinschaftsaktionen fähig bleibt, hinter denen menschliche Individuen stehen. Nichts anderes hat Beethoven gewollt. Deshalb kann mich ein stellvertretend für alle inszenierter Einzel-Marathon nicht begeistern, auch nicht ein ehrgeiziger Tenor, der in hörbarer Selbstüberschätzung aus dem Weltendrama der Bachschen Johannes-Passion ein gedehntes Kammerstück schneidert, oder ein Streichquartett, das bereit ist, ein Jazzfestival mit Beethovens Heiligem Dankgesang zu garnieren, als gelte es, in all der aufgeblasenen Symphonic mal eben dem Untergang der Klassik ein gnädiges Ohr zu leihen.

3. Juni 2020

Mir ist bewusst, dass ich fortwährend assoziiere, was mit diesem Keyenberg-Event („Event“?) zusammenhängt, und zwar mehr die coronabedingte Seite reflektiere, als die primäre, den Einsatz des Musiker-Kollektivs für die Dörfer und gegen die Garzweiler-Brutalität. Denn dieses Empörungspotential ist bereits hochentwickelt (unsere Enkel haben sich von Anfang an – auch am Ort – mit den Baumbesetzern solidarisiert).

Ich will an dieser Stelle alles notieren, was mir in den Sinn kommt, ohne zu intendieren, Bruchstücke einer angemessenen (oder überflüssigen) Theorie zu sammeln. Nicht angemessen zum Beispiel: dass es eine ideale Voraussetzung wäre, die Pastorale auswendig zu kennen und überall im Gelände („Ende Gelände“!) ergänzen zu können, wie die in der Nähe gehörten Musiker*Innen mit den aus der Ferne vernommenen zusammengehören und hörend Wandlern ständig vervollständigt werden. Das wahre Kontinuum, Beethovens Sinfonie! Die große Musik, die nicht erst durch das neue Buch von Hinrichsen (zusammen mit anderen F-dur-Werken wie dem Streichquartett op. 132) eine Sonderstellung einnimmt, sondern (für mich) schon seit 1997, als ich zufällig das – ideenreiche, aber etwas unordentliche –  Buch von Schmenner las und die Pastorale (im Zuge ihrer repetitiven Momente) in einer WDR-Sendung kombinierte mit afrikanischen Improvisationen, die (zufällig?) auf demselben Grundton F basierten.

   

Und heute im Tageblatt der Beitrag über künstlichen Applaus, der sich auch in Moers auffällig in den Vordergrund spielte. Bei früheren Festivals mit Publikum aufgenommen und hier an den entsprechenden Stellen von der Technik eingespielt, aber nicht als Fake, sondern bewusst auch in der Moderation thematisiert, also mit einem melancholischen Beiklang versehen.

 03 Juni 2020 Seite 7

Marco Krefting, Jutta Toelle, Herbert Schwaab.

Ein entscheidender Punkt der Moderne, der plötzlich auf Corona bezogen wird, ist die durch das technische Medium erzeugte Illusion der Nähe, und damit könnte ja auch ernsthaft gespielt werden, visuell und auch akustisch: ich könnte als Beobachter beim Streichquartett sozusagen von Griffbrett zu Griffbrett springen, könnte größere Abschnitte oder ganze Sätze aus der Sicht der zweiten Geigerin erleben, unter Hervorhebung auch dieser Stimme, d.h. die Technik versucht nicht sich selbst zu verleugnen, sondern zu reflektieren, zu subjektivieren. So hat es vielleicht Jan Vogler nicht gemeint, aber genau diese Interview-Reihe der NMZ  sollte man sammeln und auf zukunftsfähige Ideen abklopfen.

↑ Oben zum Lesen, unten ↓ zum Hören anklicken:

https://www.nmz.de/media/video/corona-talk-mit-jan-vogler HIER

Nachtrag zu Keyenberg 

Frankfurter Rundschau nachzulesen hier !