Orgel Pfeifen u.a.

Was mich zu Ostern bewegt

Womit es auch immer begann, ich war wieder reif für Orgel-Ästhetik (unvergessen: die Buxtehude-Aufgabe), und da stach mir trotz dunklem Untergrund der Artikel von Margareth Tumler ins Auge, hinzu kamen die letzten Begegnungen mit Christian Schneider, die Erinnerungen an seinen Vater, der Mitte der 50er Jahre die neue (mechanische) Orgel in der Bielefelder Pauluskirche einweihte, wo ich dank Kantor Eßrich mit Orgelspiel und Harmonielehre etwas vertrauter geworden war. Kirchenchor (Bach-Motetten), Konfirmation März 1955, eine nachdrückliche Phase der evangelischen Aufgeschlossenheit.

Ganz rechts im Bild mein erster Geigenlehrer Gerhard Meyer; seine Hutkrempe  befindet sich genau an meinem Fensterplatz im Erkerzimmer des Hauses, in dem wir wohnten. Von dort hatte ich einen direkten Blick hinauf zum Turm der Pauluskirche. (Das Bild weiter unten habe ich 2015 von der Straße aus aufgenommen.)

 LP etwa aus dem Jahre 1975 .    .    .    . .    .    .    .

Schöner Brauch damals, jeden Samstagabend: von den Turm-Balkons spielte ein tüchtiger Laien-Trompeter der Gemeinde in jede Himmelsrichtung eine (wöchentlich wechselnde) Choralstrophe.

  Pauluskirche heute im Netz

 Helmut Hucke & Christian Schneider 1982

Screenshot aus DVD „Die Schöpfung“ von Haydn (mit Collegium Aureum u. Schönberg-Chor)

 (Foto: Christian Schneider in Tibet 1998)

 Christians Oboenauswahl (über dem MGG)

 Tumler-Artikel in Musik & Ästhetik

Als nächstes folgt bei solchen Fokussierungen immer der Weg zum MGG-Lexikon, in dem ich immer wieder kleine Entdeckungsreisen unternehme. Auch ich könnte also ohne neuen Orgelunterricht etwas mehr über „Pfeifenwerk“ und „Dispositionen“ wissen, selbst wenn ich nur das zur Kenntnis nähme, was ich wirklich verstehe. Probieren Sie es doch auch:

   

(Dieselben Themen bei Wikipedia Pfeifenwerk und Disposition )

Wenn ich mich tatsächlich aufs neue mit der Buxtehude-Ausgabe von Harald Vogel befasse, werde ich mich sicher als erstes intensiv auf die Orgel einstellen, die er mit Hilfe der beigefügten DVD visuell und akustisch präsentiert.

Couperin Pièces

Ein Zugang mit Tilman Skowroneck

Heute kam die Information per Mail, ich greife das gern auf, um meine Kenntnis der Stücke zu vertiefen, deren EMB Study Scores ich mir 1985 in Szombathely gekauft habe, um sie dann ruhen lassen. Jetzt wäre die Gelegenheit.

Aber nicht nur dafür, sondern vor allem, die interessanten Berichte aus der Praxis des Musikers Tilman Skowroneck an Ort und Stelle aufzusuchen, etwa hier und hier. Ich bin so frei, mich zu bedienen: ich suche die passenden Noten heraus, erinnere mich, dass ich ein Stück mit dem Titel „Les Niais des Sologne“ vor längerer Zeit schon einmal mit Bach in Verbindung gebracht habe (WTC II Fuge Fis-dur) und sehe hier eine Fanfare, die mich an Bach und Mozart erinnert (aber warum soll ein erfrischendes Signal nicht auch zum Allgemeingut gehören?). O.K., man kann der Sache ja mal nachgehen…

Achtung: geirrt! es war damals nicht Couperin, sondern Rameau: hier.

Und hier meine Bach- und Mozart-Beispiele zur „Fanfare“:

  

Aber nun zur Sache:

Lesenswert vor allem der MGG-Artikel, Personenteil Bd.4 Sp.1755f, Autor Denis Herlin :

ZITAT (Tilman Skowroneck)

I spent two of the last days in March 2020 before the (comparatively moderate, but still) Swedish coronavirus-stay-at-home recommendations went live, recording a harpsichord program with music by François Couperin. The program contains the first Prélude in C-major and selections from the third Ordre in C-minor from book 1 of the Pièces de Clavecin; the second Prélude in D-major and selections from the second Ordre, and the sixth Prélude in B-minor and the entire magnificent eighth Ordre in B-minor.

The recording was made in Ödenäs church on March 4 and 5, 2020, by Erik Sikkema. The Harpsichord is a 18th-century French model (5 octaves) by Martin Skowroneck (1980).

Two sound samples are here (Second Ordre, La Terpsicore and La Garnier):

La Terpsicore :

La Garnier :

 

Zum Mitlesen (eventuell die Klangbeispiele im Extrafenster aufrufen hier)

      

Was machen denn die Musiker*innen JETZT?

Das ernste Wort eines Konzertmanagers

Ich habe es gut, ich bin nicht krank, und am zunehmenden Alter kann und will ich nichts ändern. Also nicht jammern, nur kein Leerlauf. Meinetwegen auch mit andern Leuten in der Schlange stehen, Abstand nach Vorschrift. Weil der Frühling offensichtlich aktiv ist und nicht nur Pflanzen sondern auch Tiere und Menschen aktiviert. So fuhr auch ich am frühen Nachmittag zu OBI, um Pflanzen zu kaufen und Blumenerde, hörte die Vögel singen und dann plötzlich im Autoradio DLF

 frohgestimmt

… die folgende, trotz der ganzen Corona-Misere doch etwas erfreuliche Nachricht; sie war tatsächlich dann auch zuhaus im Internet nachzulesen:

Kulturstaatsministerin Grütters ist zuversichtlich, dass Deutschland die Vielfalt und Qualität seiner Kulturlandschaft nach der Corona-Krise erhalten kann.

Sie sagte der „Süddeutschen Zeitung“, wenn überhaupt ein Milieu sich als widerstandsfähig erwiesen habe, dann sei das in Deutschland die Kultur. Sie werde als Demokratiestabilisator, als notwendiges kritisches Korrektiv vom Staat und seinen Bürgern anerkannt.

Gerade in der jetzigen Ausnahmesituation erlebe sie in der Politik eine nie da gewesene Solidarität mit der Kultur- und Kreativwirtschaft. „Ich muss oft für deren Bedürfnisse werben, aber jetzt waren die Künstler und Kreativen unter den Ersten, an die bei den Rettungspaketen gedacht wurde“, ergänzte die Ministerin. Was ihr Sorgen mache, seien die wegfallenden Einnahmen. Doch es gebe einen großen Ehrgeiz, das Kulturmilieu nicht beschädigt aus dieser Krise hervorgehen zu lassen.

Yippie!

Und dann las ich in den Mails von heute, was ein bekannter Konzertmanager in Berlin zu diesem Thema sagt. Irre ich oder stimmt da jemand mit der Wirklichkeit nicht überein? Frau Grütters könnte mit Hegel sagen: Um so schlimmer für die Wirklichkeit! Ja genau!

ZITAT Berthold

Werden die Tourneen z.B. von Patti Smith im August oder von Van der Graaf Generator im September tatsächlich stattfinden? Ich weiß es nicht. Und ganz ehrlich: Die Chancen stehen bestenfalls bei 50 Prozent. Sicher ist derzeit nur so viel: Bis Juli wird es keine Tourneen, Konzerte und Festivals geben (dass immer noch einige Juni-Festivals nicht abgesagt wurden, hängt ausschließlich mit Haftungsfragen zusammen, die Veranstalter warten auf die Absagen der Behörden).
Für uns alle, die gesamte Konzertbranche wie die Fans, wäre es sehr hilfreich, wenn die zuständigen Behörden langfristig agieren und verbindliche Aussagen treffen würden. Die Vorbereitung von Tourneen und von Festivals zieht sich über etliche Monate, und wenn wir alle einigermaßen im Voraus Bescheid wüssten, könnten wir uns einen Teil der notwendigen Investitionen (von Wo*Manpower bis Werbung) sparen. Tourneen brauchen Vorlaufzeiten (und übrigens auch Reisefreiheit). Die österreichische Regierung hat diese Woche alle Veranstaltungen bis Ende Juni, die dänische sogar bis Ende August untersagt, weswegen auch das bedeutendste europäische Festival, Roskilde, abgesagt werden musste. Die baden-württembergische Landesregierung hat immerhin bis zum 15.6. alle Veranstaltungen untersagt. Bitte: Die Konzertbranche braucht Klarheit und Planungssicherheit!
Und niemand braucht einen Flickenteppich von Entscheidungen, Föderalismus hin oder her. Verbindliche Aussagen mindestens drei Monate im Voraus!

Uns Musiker*innen, Veranstalter*innen und Kulturarbeiter*innen ist bewusst:
Konzerte waren das erste, was unter- und abgesagt wurde. Und Konzerte und andere kulturelle Veranstaltungen werden das letzte sein, was wieder möglich sein wird.
Insofern betrifft der Lockdown die Kulturszene ganz besonders. Und die Ungleichheit, die allerorten herrscht, ist aktuell auch in der Konzertszene manifest: Daß Covid-19 und Corona alle gleich machen würde, ist eben grober Unfug. Sicher, Anna Netrebko kann ebenso wenig öffentlich singen wie die kleinen Songwriter*innen in Neukölln oder Giesing. Doch die Superstars verfügen anders als junge und unbekannte Musiker*innen über einen ausreichenden ökonomischen Background, um problemlos über die Runden zu kommen.
Nochmal zur Erinnerung: das durchschnittliche Jahreseinkommen von Musiker*innen in D betrug zum 1.1.2019 laut Künstlersozialkasse gerade einmal 14.628 Euro; das der weiblichen Musikerinnen betrug sogar nur 12.222 Euro, das der Musiker*innen unter 30 Jahren 13.398 Euro und das der weiblichen Musikerinnen unter 30 nur 12.191 Euro…
Während der Vorstandsvorsitzende von CTS Eventim, Klaus Peter Schulenberg, Dollar-Milliardär ist und der CEO von Live Nation, Michael Rapino, über ein Jahreseinkommen von mehr als 70 Millionen US-$ verfügt, verdienen die zahlreichen, meist selbständigen Arbeiter*innen im Konzertbetrieb, also Stagehands, Securities, Roadies, Busfahrer usw., häufig gerade einmal Mindestlohn.
Die Ungleichheit setzt sich bei den Konzert- und Tourneeveranstaltern fort:
CTS Eventim und Live Nation sind Aktiengesellschaften und verfügen über zig Millionen Rücklagen und sind außerdem im Milliardenbereich kreditwürdig (die langfristigen Verbindlichkeiten, „long-term debts“, von Live Nation beliefen sich laut Geschäftsbericht des Konzerns zum 31.12.2019 auf 3,31 Milliarden US-$!). Die Rücklagen der unabhängigen Tournee- und Konzertveranstalter dagegen sind gering und reichen bestenfalls für ein paar Monate, wenn überhaupt. Und Clubs und Kulturzentren, die von gestern auf heute schließen mussten, können kaum ein paar Wochen überleben. Und was passiert mit den Busfirmen, deren Nightliner oder Vans jetzt monatelang herumstehen?

Eigentlich vertrete ich ja die Ansicht: Gejammert wird nicht! Wir alle, die wir das unabhängige Konzertleben am Laufen halten, sind in der Regel mit Leidenschaft bei der Sache, und selbst die vielen unter uns, die hart am Prekariat entlang schrammen, wissen es doch zu schätzen, daß sie ein gegenüber Verkäufer*innen oder Arbeiter*innen privilegiertes und selbstbestimmtes Leben führen können. Doch in der aktuellen Situation gibt es einfach keine wirtschaftlichen Lösungen mehr. Es geht in der Konzertszene, und dort vor allem den kleinen und mittleren Firmen, Musiker*innen, Kulturarbeiter*innen, schlicht um die Existenz! Seit März keine Konzerte mehr, absehbar mindestens vier, wahrscheinlich sogar noch mehr Monate mit null Einnahmen – wie soll das gehen?

In dieser Situation benötigen wir tatsächlich Hilfe. Und zwar neben den vielen ehrenwerten solidarischen Initiativen eben auch staatliche Hilfe. In keinem anderen Bundesland wurde dem unabhängigen Kulturbetrieb so entschieden und so vehement geholfen wie im Land Berlin. Was Kultursenator Klaus Lederer und die R2G-Koalition dort geleistet haben, verdient allergrößten Respekt! In wenigen Tagen wurden 1,3 Milliarden Euro Soforthilfe mobilisiert und Hunderttausenden geholfen, vor allem den Solo-Selbständigen und kleinen Firmen mit weniger als 5 Mitarbeiter*innen, die vom Land Berlin binnen 3-4 Tagen eine Soforthilfe in Höhe von € 5.000 erhielten (dagegen Hessen z.B.: „bis zu € 1.000“, und das auch nur, wenn keine anderen Liquiditätshilfen wie Kredite oder Steuerstundungen zur Verfügung stehen). Hier hat sich gezeigt, daß für den so häufig gescholtenen Berliner Senat die Förderung unabhängiger Kultur nicht bloß eine Worthülse ist (und ja, auch ich habe das erste Mal in 32 Jahren Existenz dieser Agentur ein wenig „Staatsknete“ beantragt und erhalten).

Von der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), hört man in diesen Tagen viel – kaum ein Mikrofon, an dem sie vorbeigeht, kaum ein Feuilleton, in dem nicht ein langes Interview mit ihr erscheint. Aber in der Substanz? Null. Wurden die Besonderheiten der Kulturbranche bei der Konzeption von Nothilfen aufgrund der Corona-Epidemie berücksichtigt? Natürlich nicht. Gibt es einen Kultur-Soforthilfe-Fonds der Bundesregierung? Nein. Oh, fast hätte ichs vergessen: Frau Grütters hat ja die Schirmherrschaft über den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung übernommen (und null Euro Bundesmittel dazu gegeben)…
In Zeiten der Krise erfährt man deutlich, wer handelt und auf wen man sich verlassen kann – und wer nur schöne Worte macht.

Wir werden erleben, ob wir uns im August und September schon wieder bei Konzerten sehen können. Ich hoffe es wirklich sehr. Aber sollte das nicht der Fall sein, bleibt mir neben dem Appell an die Politik, die unabhängige Konzertszene nicht untergehen zu lassen, nur, mich dem Appell von vielen Künstler*innen und Veranstalter*innen anzuschließen:
Es würde uns allen, die wir in dieser komischen, verrückten, nicht selten Piranha-haften, aber auch verdammt wunderbaren Konzertbranche tätig sind, sehr weiterhelfen, wenn Sie Ihre Tickets nicht zurückgeben würden, sofern Sie es sich leisten können, und wenn Sie stattdessen die Ersatztermine besuchen und/oder statt Erstattung der Konzertkarten Gutscheine für die künftigen Konzerte akzeptieren würden! Damit es diese Konzerte dann überhaupt noch geben wird, ob im August und September 2020, im Januar oder im Sommer 2021…

Quelle: Berthold Seliger Presserundbrief 1/2020 .  Immer empfehlenswert, auch seine Internetseiten zu besuchen: hier. Büro für Musik, Texte & Strategien.

Und morgen früh werde ich die Hortensien einpflanzen und dann täglich gießen, auf die Natur ist doch weiterhin Verlass. Vielleicht steht in der Zeitung dann auch noch eine reale Zusage von Frau Grütters.

*    *    *

Entschuldigung: da mir in diesem Moment wieder eine Mail zugeflogen ist, die einen Link enthält, den ich leicht verpflanzen kann und der eine wunderbare Wirkung ausübt, – eine reichverzierte, aber in meinen Ohren todtraurige Sarabande von Johann Sebastian Bach -, ja, so folge ich meiner Neigung und beende meine Tagesarbeit, indem ich wieder und wieder diese Musik höre. (Bitte vorweg leise einstellen, ein gutes altes Cembalo im Raum knallt nicht!)

Mehr davon und darüber? Siehe Tilman Skowroneck hier.

9. April Da wir gerade dabei sind: Cembalo! In meiner Nachbarstadt Remscheid wird heute Geburtstag gefeiert. Herzlichen Glückwunsch, Volker Platte hier.

Letzter Philosophen-Diskurs 1807

Zur allgemeinen Orientierung sei vorweg empfohlen: Wikipedia-Artikel zur „Phänomenologie des Geistes“ hier

Hegel an Schelling

Jena 3 Jan. 1807.

Bei meiner Rückkunft aus Bamberg, wo ich einige Wochen zugebracht habe, fand ich – vor etwa 14 Tagen, – Deine Schrift, das Verhältnis der Naturphilosophie zur neuverbesserten Fichte’schen betreffend, hier vor. Ich habe Dir sowohl für dieses Geschenk selbst meinen Dank anzustatten, als Dir zu sagen, daß mich die freundschaftliche und ehrenvolle Weise, mit der Du meines Aufsatzes über die Fichte’sche Philosophie im Kritischen Journal erwähnt hast, gefreut hat. Außerdem ist es mir eine angenehme Veranlassung, Dich um Nachrichten von Dir zu bitten und Dir von meinem Zustande zugleich zu geben. Daß ich deren schon mehrere vernachlässigt, darüber habe ich mich ohnehin bei Dir zu entschuldigen, besonders noch jetzt darüber, daß ich auf Deine freundschaftliche Einladung zur Teilnahme an den „Annalen der Medizin“ nicht geantwortet; der Grund lag in dem Wunsche, Dir meine Bereitwilligkeit zu Beiträgen, soweit deren von mir zu erwarten sind, zugleich durch die Tat zu beweisen, aber ich konnte nicht dazu kommen, ihn auszuführen, und so unterblieb auch das, was ich wenigstens hätte erwidern sollen.

Daß ich mich an Deiner Auseinandersetzung des neuerlichen Fichte’schen Synkretismus, „der alten Härte mit dieser neuen Liebe“, und seine steifsinnigen Originalität mit dem stillschweigenden Auflesen neuer Ideen, recht ergötzt  habe, brauche ich Dir nicht zu sagen. Ebensosehr hat es mich gefreut, daß Deine so kräftige als gemäßigte Weise seine persönlichen Anfälle zu Schanden gemacht hat. Daß er sich sonst, davon haben wir Beispiele genug, aber ich meine, dies sei das erste, wo er bis zu Niederträchtigkeiten fortgeschritten ist, welche zugleich auch platt, auch nachgeschwatzt sind. – Der Zweck der Schrift, der außer der notwendigen Erklärung über die letztere Seits sich auf das eigentliche Philosophische einschränkt, macht, daß Du dies neuerliche Auftreten Fichte’s noch schonend behandelt hast; denn wenigstens das Eine dieser Popularitäten, der Geist der Zeiten, das ich allein gesehen, enthält Lächerlichkeiten genug, die eine ebenso populäre Handhabung zulassen und fast dazu einladen. Dergleichen Zeug mit solchem Eigendünkel vorzubringen, – ohne ihn aber würde es ganz unmöglich sein, – kann allein durch sein Publikum begreiflich sein, das wie sonst aus Leuten bestand, die noch gar nicht orientiert waren, so jetzt aus solchen, die ganz desorientiert sind und alle Substanz verloren haben, wie sich auch vor kurzem auf einem andern Felde hinreichend gezeigt.

(…)

Schelling an Hegel 

München 11. Jan. 1807

(…)

Auf Dein endlich erscheinendes Werk bin ich voll gespannter Erwartung. Was muß entstehen, wenn Deine Reife sich noch Zeit nimmt, ihre Früchte zu reifen! Ich wünsche Dir nur ferner die ruhige Lage und Muße zur Ausführung so gediegener und gleichsam zeitloser Werke.

(…)

Hegel an Schelling

Bamberg, den 1 May 1807.

(…)

Meine Schrift ist endlich fertig geworden, aber auch bei der Abgabe von Exemplaren an meine Freunde tritt dieselbe unselige Verwirrung ein, die den ganzen buchhändler- und druckerischen Verlauf, so wie zum Teil die Komposition sogar selbst beherrschte. Aud diesem Grunde hast Du noch kein Exemplar von mir in Händen; ich hoffe es aber soweit doch noch bringen zu können, daß Du bald eines erhältst. Ich bin neugierig, was Du zur Idee dieses 1sten Teils, der eigentlich die Einleitung ist – denn über das Einleiten hinaus, in mediam rem, bin ich noch nicht gekommen, sagst. – Das Hineinarbeiten in das Detail hat, wie ich fühle, dem Ueberblick des Ganzen geschadet; dieses aber selbst ist, seiner Natur nach, ein so verschränktes Herüber- und Hinübergehen, daß es selbst, wenn es besser herausgehoben wäre, mich noch viele Zeit kosten würde, bis es klarer und fertiger dastünde. – Daß auch einzelne Partien noch mannigfaltiger Unterarbeitung, um sie unterzukriegen, bedürften, brauche ich nicht zu sagen, Du wirst es selbst nur zu sehr finden. – Die größere Unform der letztern Partien [betreffend] halte Deine Nachsicht auch dem zugute, daß ich die Redaktion überhaupt in der Mitternacht vor der Schlacht bei Jena geendigt habe. – In der Vorrede wirst Du nicht finden, daß ich der Plattheit, die besonders mit Deinen Formen soviel Unfug und Deine Wissenschaft zu einem kahlen Formalismus herabtreibt, zu viel getan habe. – Uebrigens brauche ich Dir nicht zu sagen, daß, wenn Du einige Seiten des Ganzen billigst, dies mir mehr gilt, als wenn andre mit dem Ganzen zufrieden oder unzufrieden sind. So wie ich auch niemand wüßte, von dem ich diese Schrift lieber ins Publikum eingeführt und mir selbst ein Urteil darüber gegeben werden wünschen könnte.

(…)

Schelling an Hegel 

München, den 2. Nov. 1807

Ich schicke Dir hier eine Rede, die vor einiger Zeit von mir gehalten worden. Du wirst sie beurteilen, wie solche Gelegenheitsreden, die für ein größeres Publikum berechnet sind, beurteilt sein wollen.

Du hast lange keinen Brief von mir erhalten. In Deinem letzten versprachst Du mir Dein Buch. Nachdem ich dieses erhalten, wollt‘ ich es lesen, eh ich Dir wiederschriebe. Allein die mancherlei Abhaltungen und Zerstreuungen dieses Sommers ließen mir weder die Zeit noch die Ruhe, die zum Studium eines solchen Werkes erforderlich sind. Ich habe also bis jetzt nur die Vorrede gelesen. Inwiefern Du selbst des polemischen Teils derselben erwähnst, so müßte ich, bei dem gerechten Maß der eignen Meinung von mir selbst, doch zu gering von mir denken, um diese Polemik auf mich selbst zu beziehen. Sie mag also, wie Du in dem Briefe an mich geäußert, nur immer auf den Mißbrauch und die Nachschwätzer fallen, obgleich in dieser Schrift selbst dieser Unterschied nicht gemacht ist. Du kannst leicht denken, wie froh ich wäre, diese einmal vom Hals zu bekommen. – Das, worin wir wirklich verschiedner Ueberzeugung oder Ansicht sein mögen, würde sich zwischen uns ohne Aussöhnung kurz und klar ausfindig machen und entscheiden lassen; denn versöhnen läßt sich freilich Alles, Eines ausgenommen. So bekenne ich, bis jetzt Deinen Sinn nicht zu begreifen, indem Du den Begriff der Anschauung opponierst. Du kannst unter jenem doch nichts anderes meinen, als was Du und ich Idee genannt haben, deren Natur es eben ist, eine Seite zu haben, von der sie Begriff, und eine, von der sie Anschauung ist.²

(…)

*    *    *

JR : Ich habe in meiner Wiedergabe kleine Korrekturen des Herausgebers, die auf der Hand liegen, nicht vermerkt, und aus den erläuternden Anmerkungen zitiere ich jetzt nur die nach dem letzten Satz (s.o.):

²)  Von einigem Interesse ist Schellings Bemerkung an Windischmann (30. VII. 1808), den späteren Rezensenten der „Phänomenologie des Geistes“ in der J.A.L.Z. (….) über Hegels Werk: „Ich bin neugierig, was Sie mit H e g e l anfangen. Mich verlangt zu sehen, wie Sie den Weichselzopf entwirrt haben; hoffentlich haben Sie diesen nicht von der gottesfürchtigen Seite genommen, so unrecht es wäre, ihm andernteils die Art hingehen zu lassen, womit er, was seiner individuellen Natur gemäß und vergönnt ist, zum allgemeinen Maß aufrichten will.“

*    *    *

Quelle Briefe von und an Hegel Band I: 1785-1812 / Herausgegeben von Johannes Hoffmeister / Philosophische Bibliothek Band 225 Dritte, durchgesehene Auflage 1969 / Felix Meiner Hamburg 1952 / Lizenzausgabe Franz A. Taubert Bad Harzburg 1991

Näheres zum Hintergrund bei Klaus Vieweg (Hegel C.H.Beck München 2019) Seite 248 ff „Die Wege von Hegel und Schelling trennen sich“.

ZITAT

Die Differenz zwischen dem Schellingschen und dem Hegelschen Idealismus treten allmählich hervor, Risse sind entstanden. Der mit der Phänomenologie des Geistes vollzogene ‚immerwährende Abschied von der philosophischen Denkweise Schellings‘ (Eduard Gans) kündigt sich an. Schelling hatte den Ausbau eines zusammenhängenden Systems auf logischer Grundlage nicht konsequent verfolgt; er verharrt beim intellektuellen Anschauen und verwirft die Erkenntnis des Absoluten auf logischem Wege, obschon er durch Hegel Bausteine einer anderen als der traditionellen, formalen Logik kennengelernt hatte. Hegel strebt eine logisch gestützte Architektur seiner Philosophie an. Die Zeit verlangt eine neue Logik als Metaphysik, das Absolute kann allein in der Philosophie, im begreifenden Denken ausgesprochen und zureichend dargestellt werden (GW 5, 370 ff.).

*    *    *

ZITAT aus dem zu Anfang angegebenen Wikipedia-Artikel, damit ein geheimer Zusammenhang mit unserem nächsten Beitrag gewahrt sei:

Die Vorrede beginnt mit Hegels manchen Leser sicher überraschenden Enttäuschung der üblichen Erwartung an eine Vorrede, dass sie nämlich Absichten und Ergebnisse der Forschungsarbeit des Autors skizziere und sich von allen früheren falschen Darstellungen anderer abgrenze und distanziere. Seine darüber hinausgehende Vorstellung von philosophischer Wissenschaft macht Hegel zunächst bildlich durch den Vergleich mit dem Wachstum einer Pflanze deutlich und lässt damit zugleich erfahren, was er in seiner Vorrede beabsichtigt, nämlich die schrittweise Hinführung des Lesers zu seiner ungewohnten dialektischen Denkweise, ohne die seine Wissenschaft nicht verstanden werden kann:

„Die Knospe verschwindet in dem Hervorbrechen der Blüte, und man könnte sagen, daß jene von dieser widerlegt wird, ebenso wird durch die Frucht die Blüte für ein falsches Dasein der Pflanze erklärt, und als ihre Wahrheit tritt jene an die Stelle von dieser. Diese Formen unterscheiden sich nicht nur, sondern verdrängen sich auch als unverträglich miteinander. Aber ihre flüssige Natur macht sie zugleich zu Momenten der organischen Einheit, worin sie sich nicht nur nicht widerstreiten, sondern eins so notwendig als das andere ist, und diese gleiche Notwendigkeit macht erst das Leben des Ganzen aus.“

Im ORIGINAL:

Samenkorn-Meditation

Ein Versuch

 Wiki „Keimung“ s.u.

Beispiele der Deutung

1) Anthroposophisch (Zitat:)

Man lege ein kleines Samenkorn einer Pflanze vor sich hin. Es kommt darauf an, sich vor diesem unscheinbaren Ding die rechten Gedanken intensiv zu machen und durch diese Gedanken gewisse Gefühle zu entwickeln. Zuerst mache man sich klar, was man wirklich mit Augen sieht. Man beschreibe für sich Form, Farbe und alle sonstigen Eigenschaften des Samens. Dann überlege man folgendes. Aus diesem Samenkorn wird eine vielgestaltige Pflanze entstehen, wenn es in die Erde gepflanzt wird. Man vergegenwärtige sich diese Pflanze. Man baue sie sich in der Phantasie auf. Und dann denke man: Was ich mir jetzt in meiner Phantasie vorstelle, das werden die Kräfte der Erde und des Lichtes später wirklich aus dem Samenkorn hervorlocken. Wenn ich ein künstlich geformtes Ding vor mir hätte, das ganz täuschend dem Samenkorn nachgeahmt wäre, so daß es meine Augen nicht von einem wahren unterscheiden könnten, so würde keine Kraft der Erde und des Lichtes aus diesem eine Pflanze hervorlocken. Wer sich diesen Gedanken ganz klar macht, wer ihn innerlich erlebt, der wird sich auch den folgenden mit dem richtigen Gefühle bilden können. Er wird sich sagen: in dem Samenkorn ruht schon auf verborgene Art – als Kraft der ganzen Pflanze – das, was später aus ihm herauswächst. In der künstlichen Nachahmung ruht diese Kraft nicht. Und doch sind für meine Augen beide gleich. In dem wirklichen Samenkorn ist also etwas unsichtbar enthalten, was in der Nachahmung nicht ist. Auf dieses Unsichtbare lenke man nun Gefühl und Gedanken. [Wer da einwenden wollte, daß bei einer genaueren mikroskopischen Untersuchung sich ja doch die Nachahmung von dem wirklichen Samenkorn unterscheide, der zeigte nur, daß er nicht erfaßt hat, worauf es ankommt. Es handelt sich nicht darum, was man genau wirklich in sinnenfälliger Weise vor sich hat, sondern darum, daß man daran seelisch-geistige Kräfte entwickle.] Man stelle sich vor: dieses Unsichtbare wird sich später in die sichtbare Pflanze verwandeln, die ich in Gestalt und Farbe vor mir haben werde. Man hänge dem Gedanken nach: das Unsichtbare wird sichtbar werden. Könnte ich nicht denken, so könnte sich mir auch nicht schon jetzt ankündigen, was erst später sichtbar werden wird.

Besonders deutlich sei es betont: Was man da denkt, muß man auch intensiv fühlen. Man muß in Ruhe, ohne alle störenden Beimischungen anderer Gedanken, den einen oben angedeuteten in sich erleben. Und man muß sich Zeit lassen, so daß sich der Gedanke und das Gefühl, die sich an ihn knüpfen, gleichsam in die Seele einbohren. – Bringt man das in der rechten Weise zustande, dann wird man nach einiger Zeit – vielleicht erst nach vielen Versuchen – eine Kraft in sich verspüren. Und diese Kraft wird eine neue Anschauung erschaffen. Das Samenkorn wird wie in einer kleinen Lichtwolke eingeschlossen erscheinen. Es wird auf sinnlich–geistige Weise als eine Art Flamme empfunden werden. Gegenüber der Mitte dieser Flamme empfindet man so, wie man beim Eindruck der Farbe Lila empfindet; gegenüber dem Rande, wie man der Farbe Bläulich gegenüber empfindet. – Da erscheint das, was man vorher nicht gesehen hat und was die Kraft des Gedankens und der Gefühle geschaffen hat, die man in sich erregt hat. Was sinnlich unsichtbar war, die Pflanze, die erst später sichtbar werden wird, das offenbart sich da auf geistig sichtbare Art.

Quelle hier Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Gesamtausgabe Bd. 10 (1904/05), Kapitel Kontrolle der Gedanken und Gefühle / Rudolf-Steiner-Verlag Dornach/Schweiz

2) Marxistisch (Zitat:)

Nehmen wir ein Gerstenkorn. Billionen solcher Gerstenkörner werden vermählen, verkocht und verbraut, und dann verzehrt. Aber findet solch ein Gerstenkorn die für es normalen Bedingungen vor, fällt es auf günstigen Boden, so geht unter dem Einfluß der Wärme und der Feuchtigkeit eine eigne Veränderung mit ihm vor, es keimt; das Korn vergeht als solches, wird negiert, an seine Stelle tritt die aus ihm entstandne Pflanze, die Negation des Korns. Aber was ist der normale Lebenslauf dieser Pflanze? Sie wächst, blüht, wird befruchtet und produziert schließlich wieder Gerstenkörner, und sobald diese gereift, stirbt der Halm ab, wird seinerseits negiert. Als Resultat dieser Negation der Negation haben wir wieder das anfängliche Gerstenkorn, aber nicht einfach, sondern in zehn-, zwanzig-, dreißigfacher Anzahl. Getreidearten verändern sich äußerst langsam, und so bleibt sich die Gerste von heute ziemlich gleich mit der von vor hundert Jahren. Nehmen wir aber eine bildsame Zierpflanze, z. B. eine Dahlia oder Orchidee; behandeln wir den Samen und die aus ihm entstehende Pflanze nach der Kunst des Gärtners, so erhalten wir als Ergebnis dieser Negation der Negation nicht nur mehr Samen, sondern auch qualitativ verbesserten Samen, der schönere Blumen erzeugt, und jede Wiederholung dieses Prozesses, jede neue Negation der Negation steigert diese Vervollkommnung. – Ähnlich wie beim Gerstenkorn vollzieht sich dieser Prozeß bei den meisten Insekten, z. B. Schmetterlingen. Sie ent-stehn aus dem Ei durch Negation des Ei’s, machen ihre Verwandlungen durch bis zur Geschlechtsreife, begatten sich und werden wieder negiert, indem sie sterben, sobald der Gattungsprozeß vollendet und das Weibchen seine zahlreichen Eier gelegt hat. Daß bei andern Pflanzen und Tieren der Vorgang nicht in dieser Einfachheit sich erledigt, daß sie nicht nur einmal, sondern mehrmal Samen, Eier oder Junge produzieren, ehe sie absterben, geht uns hier noch nichts an; wir haben hier nur nachzuweisen, daß die Negation der Negation in den beiden Reichen der organischen Welt wirklich vorkommt.

Quelle  hier (Marx/Engels 20, 126f) Der Text wurde entnommen aus: Manfred Buhr, Georg Klaus Philosophisches Wörterbuch Band 2, Berlin 1970, S.775ff

3) Biologisch

siehe Wikipedia unter Same und unter Keim(ung)

Den folgenden Film (ohne Ton) – mit Geduld anschauen!

Wie kam ich zu diesem Thema? Ich erinnerte mich bei der Lektüre des Hegel-Buchs von Vieweg und nach verschiedenen youtube-Videos über Dialektik an eine Steiner-Lektüre Anfang der 60er Jahre und daran, dass mich diese Samenkorn-Passage beeindruckt hat („hat er das von Goethe?“). Später eine Diskussion mit Freund Henning Bützow über eine Stelle bei Adolf Portmann: Regenwurm, der nach Abtrennung des Kopfes, alle Körperteile incl. des Gehirns (?) neu bildet – wie ist das möglich? Für ihn (als Mediziner!) war das aber ein eindeutig aus Genetik erklärbarer Vorgang, in jeder Zelle steckt die gesamte Information. Für mich ein ähnlicher Schock wie bei dem Hobom-Buch betr. organisches Denken (gegen molekulares) hier.

Es war kein Regenwurm. Das Buch, Geschenk meiner Mutter (?) vom 24. XII.1963, ist immer noch greifbar, Adolf Portmann: Neue Wege der Biologie / Deutsche Buch-Gemeinschaft Berlin Darmstadt Wien 1962 / Es ging um das Kapitel „Innerlichkeit“, für mich damals sensationell, – und dann, nach 20 oder 30 Jahren: nichts mehr wert?

Missverständnis, – durchaus noch was wert: Siehe bei Wikipedia hier, insbesondere auch zur Innerlichkeit, Zitat:

Portmanns Überlegungen auf diesem Gebiet haben unter anderem Hannah Arendt beeinflusst. Sie empfand die Kritik Portmanns an der Vorstellung, man müsse die Oberfläche eines Lebewesens nicht unbedingt auf etwas anderes, tiefer Liegendes zurückführen, sondern könne von einem Wert der Oberfläche ausgehen, als außerordentlich fruchtbar. Sie war der Auffassung, dass diese Kritik sich auch auf den Funktionalismus beziehen lasse.

Ergänzung am 21. Juni 2020

Das folgende Zitat aus dem Buch „Sinnenleben“ von Emanuele Coccia (siehe u.a. hier) erschließt sich nicht von selbst, führt aber an dieser Stelle zu sinnvollen Assoziationen, zumal Coccia in diesem Zusammenhang ebenfalls auf Portmann eingeht.

ZITAT (Emanuele Coccia)

Der Traum ist in der Kultur, was der Same in der Natur ist. Das Bild ist, wie gesagt, eine Form, die übertragbar und absolut anverwandelbar ist, und sich etwas vorstellen, bedeutet immer, etwas weiterzugeben. Deshalb muss Reproduktion sub specie imaginis stattfinden. Nur an dem Ort, an dem ein Leben zum Bild wird, kann es sich überlieferbar machen. Die Reproduktion ist eine körperliche Vorstellung. Ein Same ist die Schwelle, auf der die Bilder das Leben selbst des Lebendigen und nicht nur einen seiner Modi oder einen Ausschnitt seiner Welt weitergeben. Der Same ist ein Bild, das leben kann und Leben schenkt, und er ist ein Leben, dem nichts anderes als das Wesen eines Bildes zu eigen ist. Denn im Samen ist ein Körper nichts anderes als ein reines Bild, und das Wesen des Bildes besteht einzig darin, die Form des Körpers zu sein. Die gesamte Reflexion des Abendlandes zum Samen, angefangen mit der Theorie der Vernunft (logoi spermatikoi) der Antike bis hin zur modernen Genetik, ist eine Reflexion über die Modi und Formen dieser sonderbaren Koinzidenz. Denn was bedeutet es, sich zu reproduzieren? Reproduktion ist die Konstituierung eines Individuums durch ein Bild desjenigen, der es erzeugt hat. Das ist keine einfache Vervielfältigung, sondern erfolgt vielmehr spontan durch ein Bild, oder genauer: durch einen Körper, der nur aus Bild-sein, aus der Spezies des Individuums besteht. Die Reproduktion ist die dem Bild eigentümliche Fruchtbarkeit.

Was wir heute Vorstellungskraft oder Imagination nennen, ist vielleicht nur eine schwächere, abgeleitete Form jenes transzendentalen Vermögens der Bilder, das wir bei jeder Zeugung am Werk sehen. Jeder Same ist ein Same der Seele, der Modus, in dem die Seele sich außerhalb ihrer selbst reproduziert.

Quelle Emanuele Coccia: Sinnenleben Eine Philosophie / Edition Akzente Hanser München 2020 (Seite 108f)  ISBN 978-3-446-26572-1

In diesem Moment schossen mir Erinnerungen der 90er Jahre durch den Kopf, die bewirkten, dass ich weiter der Fährte des Philosophen Coccia folgen werde, auch wenn mir vieles noch dunkel scheint. Die wichtigsten Fragen werden bereits bei Thomas Metzinger behandelt (Bewußtsein 1995), und in diesem Buch findet sich der SZ-Zeitungsausschnitt, der das von Coccia ausgearbeitete Spiegel-Prinzip bebildert.

 Foto: E.Pawlas/plainpicture

Süddeutsche Zeitung 5. August 2003 Artikel von Markus Schulte von Drach

Auf derselben Seite ein Interview mit Thomas Metzinger (Hubertus Breuer) zum Thema „Das Ich ist eine Illusion“ mit dem hervorgehobenen Zitat:

„Wir halten unser Ich für real. Doch es ist nur ein Bild von uns selbst, das wir nicht als Bild erkennen.“

Humor und Virus

Nichts zu lachen

Ich kann es mir nicht entgehen lassen: wenn es schon nichts zu lachen gibt („in diesen Zeiten“), so möchte ich doch wissen, wie das gewesen wäre, wenn man doch gelacht hätte. („Humor ist, wenn man trotzdem …“) Jemand hat mich auf einen Artikel aufmerksam gemacht (danke, JMR), und ich habe ihn ernsthaft studiert, da ich schon seit längerer Zeit grüble, ob das Lachen nicht nützlicher ist als das Grübeln, oder ob beides noch nicht einmal durch die Beziehung der Gegensätzlichkeit miteinander verbunden ist. Ja, gewiss: Grübeln ist ein sinnloses Kreisen um eine fixe Idee, nach deren Lösung man gar nicht ernsthaft verlangt. Es ist nichts als ein Bohren in der Wunde, und während ich das formuliere, spüre ich, dass solche Sentenzen einem müßigen Zeitvertreib entspringen. Ist denn der Gegensatz des Lachens nicht vielmehr das Weinen? Wohl kaum, denn das Lachen ist kurz, das Weinen braucht Zeit. Das Lachen erschöpft sich (man kann aber auch immer aufs neue über eine komische Situation lachen, wenn es z.B. weniger mit einer verbalen Pointe zu tun hat als mit einer Filmszene) Das Weinen hat mit der Unauflösbarkeit einer Situation zu tun und erneuert sich wie von selbst, so lange man trüben Sinnes ist. Das andauernde Lachen hat eher mit Einfalt zu tun. Nein, die beiden Gemütslagen haben zumindest in ihrer Dynamik wirklich nichts miteinander gemein.

Man kann über eingebildete Krankheiten lachen, aber nicht über wirkliche Leiden.

Dies sind nur Präliminarien, und sie haben nicht unbedingt mit dem Artikel zu tun, der das Lachen mit dem Coronavirus zusammenbringt. Aber sie wecken eine gewisse Bereitschaft, Widersprüche aufzuspüren. Hoffe ich. Der/die Lesende mag anders entscheiden. („Über sowas lacht man nicht!“) Da steht sogar, dass gerade der Humor Zeit und Distanz braucht.Und ich dachte, er äußerte sich – wenn er einmal zündet – geradezu explosiv.

ZITAT aus der Süddeutschen Zeitung 

Witze in der Corona-Krise:„Humor ist das Antidot zur Moral“

Helfen Witze gegen die Panik angesichts des Coronavirus? Und ab wann können sie schaden? Ein Gespräch darüber, welche Funktion Humor jetzt hat – nämlich keine.

Der Zürcher Soziologe Jörg Räwel hat vor ein paar Jahren das Buch „Humor als Kommunikationsmedium“ geschrieben. Ein Gespräch über Witze in Zeiten der Corona-Pandemie und die grundsätzliche Funktion von Humor – nämlich keine.

SZ: Herr Räwel, was ist denn Ihr Favorit unter den Corona-Witzen?

Jörg Räwel: Nun, viele von den Scherzen, die ich im Zusammenhang mit Corona geschickt bekommen habe, sind doch recht ordinär. Was mich aber immer noch zum Schmunzeln bringt, ist ein Plakat der Satirepartei „Die Partei“. Es gab dort den Aufruf „Hand in Hand gegen das Coronavirus: Menschenkette am 30.02.“

Was macht diesen Witz für Sie so lustig?

Es ist sehr durchdachter Humor – eine Reflexion über unser instinktives Verhalten, das oft von Moral gesteuert ist. Diese Menschenkette spiegelt ja manch plötzlichen Anflug von Solidarität und „guter Moral“ wider, die die Gesellschaft in Krisen überkommt. Dieser moralische Impuls wird durch das Plakat aufs Korn genommen. Humor ist das Antidot zur Moral, die ja eher unmittelbar und unüberlegt auf ein Ereignis reagiert. Für Humor dagegen braucht man Zeit und Distanz. Humor ermöglicht Abstand.

Weiterlesen HIER.

Frühling Schwanenmühle

Ein Corona-Spaziergang

Ich nenne ihn so, weil es neu ist, dass man im Frühling zu zweit spazieren gehen darf. In früheren Jahren tat man es einfach so und freute sich auch. Aber jetzt erscheint einem die Welt  neu, wiedergeschenkt, auf Zeit. Als sei man lange krank gewesen. In Wirklichkeit hat man nur so viel über die sich ausbreitende Seuche gehört. Seuche? Und dann steht da ein Schild im Wald. Schweinepest! Damit haben wir Gottseidank nichts zu tun. Nur die Schweine. Hier ist allenthalben Frühling. Für Schwein und Mensch.

Fotos Huawei JR 27. März 2020 mittags Schwanenmühle Krüdersheide

Große Freude am Nachmittag: die Singdrossel ist wieder zurück aus dem Süden; ihr unablässiges Rufen klingt durch das Tal, wechselnde Standorte. Schöne Signale, aber es nervt auch ein bisschen: es ist so, als wenn jemand im Supermarkt ständig „Hallo!“ ruft, nebst Varianten wie „Du da!“, „Schau her!“, „Ich seh‘ dich!“ und „Bitte warten!“.

Fritz Habekuss schrieb gestern in seinem liebevollen ZEIT-Artikel:

Ein paar Meter weiter sitzt eine Singdrossel, deren Gesang mein Bestimmungsbuch mit „selbstsicher“ und „rechthaberisch“ beschreibt. Mir kommt es an diesem Morgen wegen der Pausen zwischen den Strophen etwas wehmütig vor. Dann bemerke ich, dass da ein anderes Männchen antwortet. Je mehr ich zuhöre, desto mehr erscheint mir die Stadt von einem dichten Geflecht von Gesängen und Rufen überzogen, das über den Lauten der Menschen liegt. Für uns gemacht ist der Gesang  nicht. 300 Millionen Jahre Evolution liegen zwischen uns und den Vögeln. Aber wir können entscheiden, diesen Gesprächen zuzuhören, die da Tag für Tag vor unseren Fenstern und Balkonen, in unseren Gärten und Parks geführt werden, sie können zu einer Brücke zwischen uns und diesen anderen Wesen werden.

Hier ein schönes Beispiel (nur falls Sie nicht genau wissen, was das ist, eine Singdrossel, es ist ja eher eine „Rufdrossel“, – die großartigere Sängerin ist natürlich die Schwarzdrossel, genau genommen: das männliche Tier, das Weibchen auf dem Nest, so sagt man, hört scharf zu, es hat keinen leichten Part im Spiel der Evolution).

Erst neuerdings höre ich im Garten auch wieder die Mönchsgrasmücke, die ich allerdings nicht mit Sicherheit von einer Gartengrasmücke unterscheiden kann, – außer ich sehe zugleich das schwarze Käppchen.

Hier ist es natürlich leicht:

Noch einmal Fritz Habekuss (DIE ZEIT 26. März 2020 Seite 37), – er zitiert eine wunderbare Kurzformel für den Gesang des Rotkehlchens, den ich liebe, aber leider auch gern mit einem quietschenden Gartentor vergleiche. In Zukunft nie mehr, das schwöre ich:

Wie beim Rotkehlchen, das schon im Winter sein Brutrevier markiert, damit es ihm niemand streitig macht. Seinen Gesang hat eine befreundete Ornithologin einmal als „feinen Vorhang aus herabfallenden Wasserperlen“ beschrieben – seitdem sie mir das erzählte, verwechsele ich den Gesang des Rotkehlchens nicht mehr mit dem Schluchzen und Schmettern der Nachtigall, die ab Mitte April zurückkehrt.

Nun, beim Vergleich des Rotkehlchens mit der Nachtigall kann ich ihm leider absolut nicht folgen, allein die Schwarzdrossel könnte dieser in unsern Breiten das Wasser reichen, oder – wie ich neuerdings finde – der Gelbspötter, der allerdings zu aufgeregt klingt, um die schmetternden Meditationen der Nachtigall auch nur im entferntesten zu erreichen. Schön, wie sich der Wissenschaftler Habekuss über das Werkzeug der Vögel äußert:

Das Spektakel des Vogelgesangs erzeugt ein hochkomplexer, filigraner Stimmapparat, die Syrinx. Sie ist nicth größer als eine Linse und zusammengesetzt aus einem Dutzend Knochenringen sowie einem Dutzend Muskeln. Die Stimmlippen können sich bis zu 200-mal pro Sekunde zusammenziehen. Der Gesang ist stimmliche Präzisionsarbeit im Millisekundenbereich. Beim Ausströmen der Luft werden die Stimmlippen in Schwingungen versetzt, und „der Luft wird Gesang verliehen“, wie der Biologe und Schriftsteller David Haskell schreibt.

Der Autor Fritz Habekuss, ein wissenschaftlich denkender Mensch, der mir durch ein nicht unbedingt musikalisch* durchdrungenes, aber ehrlich empfundenes Produkt besonders sympathisch geworden ist. Am Schluss gibt er noch eine Hilfe in Gestalt des  ZEIT-Links HIER, mit Quellenangaben zur erwähnten Literatur (auch einiger anderer Artikel). Nützlich ist auch der Hinweis auf die Smartphone-Apps des Berliner Naturkundemuseums hier und des Merlin Bird ID des Cornell Lab of Ornithology hier .

warum? ein Musiker hätte z.B. niemals die Amsel (die mit dem gelben Wunderschnabel) als einen schwarzen Allerweltsvogel bezeichnet. Man lese Robert Musils Erzählung „Die Amsel“: da gibt es die Metaphern, die einem Ohrenmenschen weiterhelfen.

Proust-Erinnerung

Vom Geschmack (Geruch) der Vergangenheit

Wer noch nie Marcel Proust gelesen hat, nicht einmal wenige Seiten, der hat doch zumindest vom Madeleine-Erlebnis gehört, das wie ein psychologisches Faktum weitergereicht wird: der Geschmack eines Gebäcks, von dem man kostet, nachdem man es in den Tee getaucht hat, löst eine ferne Erinnerung aus. Diesen Geschmack kennt man aus der Kindheit und damit ist eine Brücke geschlagen, die Situation von damals scheint plötzlich wieder greifbar nah und löst einen wehmütigen Schock aus.

Mir ist dazu meist etwas leicht Unpassendes eingefallen, der Stallgeruch nämlich, der mich wohlig umfing, wenn ich das Haus meiner Großeltern von der Gartenseite aus betrat; die Tür dort war fast nie verschlossen, weil niemand unbefugt das Grundstück hätte betreten und schon gar nicht von dort aus in den Kuhstall vordringen dürfen. Uns Enkelkindern war es erlaubt, hier begann unsere Zeit der Freiheit auf dem Lande. Mein erster Weg war – vorbei an den Kühen – zu dem Koben, in dem das Schaf stand, das ich mir persönlich zuordnete; es trug den Namen, den ich ausgesucht hatte: Molli. Ich kannte es aus der Zeit, als es ein Lämmchen war, aber diese Geschichte wäre jetzt zu lang, der Name stammte jedenfalls aus einem Kinderbuch, das ich bis heute aufbewahrt habe. Aber ich brauche eigentlich nur den Geruch, und er muss nicht einmal auf die Nuance genau stimmen; es genügt, wenn ich an einem Zirkus vorübergehe, der mit Pferden arbeitet: schon ist die Kindheit wieder da.

Bei Marcel Proust ging es feiner zu, aber ich glaube, der Dichter hätte meine Erinnerung genau so sorgfältig behandelt wie den Duft des Tees, den Geschmack der Madeleine bei seiner Mutter bzw. einst bei Tante Leonie. Im folgenden Artikel ist detailliert davon die Rede.

ZITAT

Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zählt zu den Klassikern gastrosophischer Literatur. Gastautorin Martina Kopf erklärt uns noch einmal warum – selbst wenn der Tee nicht schmeckt.

https://www.tartuffel.de/artikel/proust-vom-geschmack-der-vergangenheit/ HIER

Autorin: hier

Angenommen, ich wollte eine ähnliche Verbindung zur Kindheit evozieren, gäbe es viele Punkte, um anzudocken, und ich könnte sie wohl auch, wenn ich der Phantasie freien Lauf ließe, in einen quasi numinosen Rang erheben. Ich bemerke einerseits den Drang, sie realitätsgerecht zu datieren, und könnte mich dabei auf alte Briefe oder Kalendereinträge stützen, bin aber andererseits oft entsetzt, wie naiv ich in jener Zeit dachte: ich will so nicht gewesen sein, obwohl mir das was ich im „aktuellen“ Kopf aufrufe, durchaus mit dem Kopf von damals in einem engen, ernstzunehmenden Konnex zu stehen scheint. Wie merkwürdig das kleine Buch vom „Schäflein auf der Weide“ den Sprung vom Lande nach Bielefeld geschafft hat, die Aufschrift Große Kurfürstenstraße stammt wohl von meinem Vater, den Stempel Paulusstraße 30 habe ich selbst hineingedrückt, als ich mindestens schon 10 war, „mein“ Schaf Molli war längst eine Erinnerung, wir trafen uns in Misburg wieder: mein Großvater mütterlicherseits hatte es wider jede Hoffnung an die Familie der „anderen“ Großmutter verkauft, es gehörte jetzt zum wilden Paradies „Am alten Saupark“, wo ich gerne Ferien verbrachte. Das Gefühl, die Mutter zu verlieren, war mir bekannt, ein entsprechendes Bilderbuch gab es auch: „Vom Engelchen, das seine Mutter suchte“. Und im Schulbuch meines Bruders las ich die kurze Geschichte eines Kindes, das vergessen hatte, wie die Mutter aussah; weinend eilte es nach Hause, um sich zu vergewissern, ob sie noch existierte und konnte beruhigt in die Schule zurückkehren. Für mich jedoch blieb die Vorstellung ein Quell der Beunruhigung, es musste ja nicht immer so ausgehen. In diesem Bilderbuch nun war ich mal das Schäfchen, mal der wachsame Schäferhund. Letztenendes ging ich selbst verloren. In der Wirklichkeit entstand plötzlich ein dünnes Gefühlsband zwischen den beiden Familienstämmen aus Pommern und aus Westfalen…

 

Das Büchlein barg – bei scheinbarer Idylle – für das Kind eine mythische Dramatik: ein wolfsähnlicher Feind-Hund taucht auf, das Schäfchen verirrt sich in der Natur. Das einzige Bild, das ich abgepaust habe (damals große Mode unter Kindern), war das mit der Eule im nächtlichen Walde. Vielleicht um die Angst zu bannen?

 Von der Angst im Unbekannten Ein Schein von realem happy end

Mollis Übergabe in Misburg 1948, sie lernt die dort ansässige Ziege Röschen kennen.

Der Krieg und die Flucht der Familien aus Pommern (und aus dem Harz) liegen erst drei Jahre zurück. Die einzige Westfälin auf diesem Foto ist meine Mutter (die zweite von rechts) und eben – Molli.

Und wie komme ich nun auf große Literatur?

*     *     *

Schwer zu sagen, warum einige Jahre später mit neuen Sehnsüchten und Empfindungen auch  wieder diffuse Todesgedanken auftauchen, Verlustängste, und zwar deutlicher, dringlicher als in den Tagen der Kindheit, als sie mit dem Eintreffen (oder der Gegenwart) der Mutter beschwichtigt wurden. Jetzt, mit der Nähe eines anderen (ungewissen) Ichs ist man sich auch des eigenen Ichs noch weniger sicher. So erkläre ich mir, dass ein bestimmtes Gedicht mich intensiv beschäftigte, und – schwer zu deuten – doch zugleich Widerstand leistete und mich im Stich zu lassen schien. Kein Trost. Gedanken eines anderen, die mir sagten, dass es keinen Ausweg gebe. Und es ging nicht mehr um die Mutter.

Hier

Die Anfangszeilen habe ich von Anfang an geliebt, selbst als ich noch nie Atem zum Erinnern auf den Wangen gespürt hatte, nur wünschte, dass es soweit kommen möge.

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

In den nächsten Zeilen hätte ich zugestimmt, fand aber das Wort „grauenvoll“ etwas übertrieben. Dann: dass mir mein Ich von einst so fremd sein könnte „wie ein Hund“, – nein, warum gerade dieses Wort, da ich doch dazu neigte, mich jedem Hund, jeder Katze irgendwie nahe zu fühlen. Auch der Vers mit dem Totenhemd behagte mir nicht. Noch weniger der mit dem eignen Haar, das man allzuleicht verliert. Gewiss, die Ahnen und mein Ich – vor hundert Jahren, – das konnte passen, damals wie heute.

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, 
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage: 
Daß alles gleitet und vorüberrinnt.

Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, 
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.

Dann: daß ich auch vor hundert Jahren war 
Und meine Ahnen, die im Totenhemd, 
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,

So eins mit mir als wie mein eignes Haar.

Die anderen Versgruppen unter II und III habe ich mir ganz und gar nicht zueigen gemacht. Der Traum ein Leben, das Leben ein Traum, sowas war mir zu literarisch, außer bei Tschuangtse. Aber ich hätte das vielleicht nicht laut gesagt, nur darauf hingewiesen, dass es von Rilke und Trakl Gedichte gab, die für mich von der ersten bis zur letzten Zeile der Wahrheit entsprachen.

Zu Proust: Sobald Erich Köhler im Zusammenhang mit Proust auf „Zeit und Erinnerung“ kommt, spricht er über Mutter und Großmutter, die im Roman zu einer einzigen Person zusammenfließen, zugleich aber auch von einer Beschämung. Ich halte an und und versuche zu verstehen, warum ich „in eigener Sache“ zu anderen Folgerungen komme: da gibt es auch ein Schuldgefühl, das aber bei näherer Betrachtung auf einer Schuld der anderen beruht, zwei Bestrafungsaktionen, Erziehungsmaßnahmen, Demütigungen, die ich heute keineswegs billige, als Viereinhalbjähriger (Mutter) oder Achtjähriger (Vater) aber natürlich nicht im geringsten in Frage gestellt habe. Das Schuldgefühl kommt daher, dass ich, sobald ich die (unbezweifelbare) Liebe meiner Eltern in Erinnerung rufe, unweigerlich sofort um diese Szenen kreise. Dies nur zur Erklärung, wenn ich – von Prousts Schuldgefühlen lesend – ohne jede Empathie bleibe und seine Erinnerungstheorie, die ich vor 50 Jahren für bare Münze genommen habe, gleich mit kritisiere. Hier das entsprechende Zitat:

Proust hat seiner Mutter in der Recherche ein Denkmal gesetzt, an dessen Erstellung die tiefste Verehrung eines seelisch immer irgendwie ein Kind gebliebenen Mannes und das Schuldgefühl eines höchst sensiblen Erwachsenen beteiligt sind. Ihr Bild ist auf zwei Personen verteilt: Marcels Mutter und Großmutter. Immer, wenn Marcel an die letztere denkt, nimmt er mit Beschämung wahr, daß diese Erinnerung kein tiefes Gefühl in ihm wachruft, daß selbst das Ich, das die Großmutter liebte, tot ist. Als er jedoch beim zweiten Aufenthalt in Balbec im Hotelzimmer sich bückt, um sich seiner Schuhe zu entledigen, weitet sich plötzlich die Brust durch die Gegenwart des Wesens, das ihm einst im gleichen Zimmer, als er ebenso körperlich leidend war wie jetzt, beim Ausziehen behilflich war. Das zärtliche, besorgte Gesicht der Großmutter ist wieder gegenwärtig als „lebendige Wirklichkeit in einer unwillkürlichen Wieder-Erinnerung“.    „Das Ich, das ich damals war, so lange entschwunden, war mir aufs neue ganz nahe.“ Freilich, jetzt erst wird Marcel ganz bewußt, daß er die Großmutter verloren hat, jetzt erst ist ihr Tod wirklich, gemäß jenem „Anachronismus, der es so oft verhindert, daß der Kalender der Tatsachen sich mit demjenigen des Gefühls deckt“.

Quelle Erich Köhler: Marcel Proust ZITAT a.a.O. Seite 43 / und weiter hier:

Damals habe ich das so übernommen, wie ich es las: „Das Ich, das ich damals war, so lange entschwunden, war mir aufs neue ganz nahe.“ So bei Proust, und ich las es als Überbietung, nein, Korrektur der Hofmannsthal-Verse: „Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, / Herüberglitt aus einem kleinen Kind / Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.“ Und dachte auch an Rimbaud’s „Je suis un autre“. Habe ich es vielleicht nur hingenommen, weil es zur Moderne gehörte, zur Zersplitterung jedes höheren Zusammenhangs. Und genauso hätte ich es bei Erich Köhler verstanden:

Der psychische Pluralismus ist auch ein solcher der Zeit. Den Ich-Parzellen entsprechen die Zeit-Parzellen, dem vase clos des Ich der temps clos. Da bereits das Ich des nächsten Augenblicks unvorhersehbar, die Zukunft daher verschlossen ist, kann eine Gewißheit nur in der Vergangenheit aufgesucht werden. der versuch freilich, sie durch eine Anstrengung des Willens wieder lebendig werden zu lassen, scheitert, weil das evozierte einstige Ich durch die Vorstellungen des gegenwärtigen Ich verfälscht wird. Es bedarf einer spontanen Erinnerung, um das dem Vergessen anheimgefallene einstige Ich aus dem Unterbewußten wieder zu erwecken. Die Leistung der mémoire involontaires ist es, durch das „Wunder einer Analogie“ ein vergangenes mit dem gegenwärtigen Ich in eine Beziehung zu setzen, die den Inhalt beider als wahr und wirklich erweist, eben weil die Wiedererweckung über eine Sinnesempfindung und ohne Zutun des Willens erfolgt. Der Zufall ist der „Stempel ihrer Authentizität“. [s.o. Köhler Seite 44]

Ich muss mühsam den Gedanken an die Inthronierung des Zufalls bei John Cage zurückdrängen („keine likes oder dislikes“!). Warum will ich denn partout jede konstruktive Nachhilfe des menschlichen Gehirns ausschalten, als könne ich verhindern, dass der Zufall nicht sogleich wieder einer ähnlichen Prozedur unterzogen wird? Woher die manische Suche nach Erlebnissen des Eintauchens, nur um Gottes willen – ohne der Selbsttäuschung Vorschub zu leisten, allein der Zufall soll gelten!

Daß die Momente des Erinnerns und des Erinnerten analog bis zur Identität sein können, ist die Signatur ihrer Realität: Sie erschließen die „Essenz der Dinge“.  Erkennen wird nur durch Wieder-Erkennen möglich. Die wiedererinnerten Ichs und ihre Koordinaten von Zeit und Raum setzen in die Nacht der Vergangenheit Lichtpunkte, die dem rückschauenden Blick die anders immer verschlossene Wahrheit über die eigene Person und seine Erfahrungen erhellen. [a.a.O.]

Wieso kann man nicht – statt der „Essenz“ den grundlegendsten philosophischen Gedanken in Erwägung ziehen, seine Gültigkeit anerkennen, und das Leiden daran gerade nicht aufheben zu wollen, weil es zugleich unser größtes Glück beinhaltet: die Freiheit.

Ich rede von der Subjekt-Objekt-Spaltung. Hier stehe ich mit hellem Bewusstsein und dort trifft es auf einen Gegenstand, mit dem ich nicht eins werden kann. Es sei denn, ich lösche es aus, – vielleicht mit einem Liter starken Weins? Will ich das denn? Wache ich nicht morgen früh wieder auf, froh, in den Zustand der Spaltung zurückzukehren?

Ich bin zweifellos mehr auf der Seite der Philosophie als auf der des Dichters. Und Köhler selbst schreibt: Proust

verwahrte sich gegen die Auffassung, daß sein Roman eine künstlerische Illustration der Philosophie Henri Bergsons sei. In der Tat ist Prousts atomistische Zeitauffassung grundverschieden von Bergsons „Dauer“, die Diskontinuität der „inneren“ Zeit steht im Widerspruch zu Bergsons „Lebensstrom“, mit dem die Vergangenheit unaufhörlich in die Gegenwart einströmt, also nicht „verloren“ ist und keiner mémoire involontaire zu ihrer Wiedererweckung bedarf. Bergsons dynamische Lehre verhieß eine Freiheit, für welche die deterministische Psychologie Prousts keinen Raum ließ.

Eine Freiheit anderer Art, letztlich diejenige der Kunst, hat Proust durch die Entdeckung der mémoire involontaire gewonnen. Die unerwartete, plötzliche Wiederbegegnung mit dem einstigen Ich, für welche Marcel eine immer größere Bereitschaft mitbringt, setzt den großen Gegenspieler, die verfließende, unumkehrbare Zeit, außer Kraft.

Für diese subkutane Ermunterung, Prousts „Philosophie“ als die eines Dichters nicht  allzu verbindlich aufzufassen, darf man Köhler dankbar sein. Ich kehre also gestärkt zu Hegel zurück, dessen erstes „Pänomenologie“-Kapitel genau das zu klären sucht, was ich hier (nach Karl Jaspers) als Subjekt-Objekt-Spaltung bezeichnet habe. Ich vermute, dass Proust bei aller Hochschätzung seines Scharfsinns – doch näher am „populären Denken“ steht – einem „realistischen“ Prinzip – wie wir es bei Hegel gründlich beschrieben finden, und das tatsächlich für den Schriftsteller eine geradezu unvermeidbare Attraktion behalten muss. Bei Hegel aber beginnt die Schwierigkeit damit: zu begreifen, dass diese Subjekt-Objekt-Spaltung nicht etwa überwunden oder harmonisiert werden kann oder soll, sondern – dass sie gar nicht vorhanden ist, das Objekt ist im Subjekt enthalten und umgekehrt: das Objekt ist selber ein Subjekt. Ein reziprokes Verhältnis wie Herr und Knecht.

Memento: nicht das principium individuationis verwechseln mit dem Begriff der Subjekt-Objekt-Spaltung, was ja durchaus denkbar wäre, wenn man das Individuum dem Anderen gegenübergestellt sieht, als Ent-zweiung. Man bedenke diesen Satz:  „Die Frage nach dem Individuationsprinzip wird in allen Philosophien zum Problem, die nicht anerkennen, dass die objektive Realität grundsätzlich durch konkrete und individuelle Formen existiert, insofern sie das Allgemeine als das Ursprüngliche überbewerten und als den eigentlichen Seinskern im Seienden ansehen.“ Ein guter Satz!!! Siehe Wikipedia hier.

Schopenhauer dagegen: Vorstellung und Objekt, die eben eines sind…

Arthur Schopenhauer: Welt als Wille und Vorstellung Erstes Buch § 5