Archiv der Kategorie: Presse

Rancune auf „Welt“-Niveau

Selten habe ich einen so armseligen Artikel zuende gelesen wie diesen, der zur Verteidigung des Regietheaters viele Register zu ziehen sucht, besonders die falschen. Typisch, dass er zugleich glauben  machen will, es handle sich um ein längst überholtes Thema, das nur von irgendwelchen Ewiggestrigen künstlich wachgehalten wird. Dabei ist es der Schreiber selbst, der offenbar den größten Teil der Debatte verschlafen hat und daher nur Humbug zur Kritik der sogenannten Aufführungspraxis von sich zu geben vermag. Man erkennt den großmäuligen Raketenzeitjournalisten sofort, der etwas zur Postkutschen-Ästhetik sagen will, ohne über Vorkenntnisse zu verfügen; da ignoriert er Stradivari ebenso wie Vermeer oder die barocke Festkultur, und erledigt alles mit dem Verweis auf Kerzenschein, Darmsaiten und die schlechte Hygiene der Altvorderen.

Er beginnt mit einem Satz, der die einseitig apodiktische Absicht zunächst einmal hinter einem Wall aus Insidernamen versteckt: Hagmann, Neuenfels, Konwitschny, Wieler, Warlikowski – wer da nicht gleich Aha sagt, mag getrost weiterblättern. Wer es aber abhakt und tapfer weiterliest, wird mit einem grammatischen Ungetüm von Satzbau erschreckt: mag sein, dass es im Jounalismus üblich ist, jemandem was vor den Latz zu knallen, schwieriger jedoch, einen vor den Latz geknallt zu bekommen, – ist das nicht ein unzulässiger Übersprung vom Aktiv ins Passiv? Es kann nur noch schlimmer werden: das Klavier soll ins Spiel kommen und vor allem ein Übergang von Kritikerfreund Hagmann zu dessen Vorgesetztem (?), dem Feuilletonchef Martin Meyer, der wohl schon mal gern – zu Hagmanns und des Kommentators Missvergügen – eins austeilt gegen die progressivsten aller lebenden Regisseure. Den entsprechenden Satzteil muss man sich aber erstmal mühsam erarbeiten:

Grund genug für Hagmanns sich gelegentlich auch mit Klavierangelegenheiten beschäftigenden Feuilletonchef Martin Meyer, eine Debatte zum müden Glimmen zu bringen, die eigentlich zu den ältesten und ausgelaugtesten der Branche gehört: die über das Regietheater.

By the way, was ist ein „toter Text“? Etwa alles, was die Literaturgeschicht so hinterlassen hat? Muss demnach alles, was niedergeschrieben wurde, erst von Halbgöttern zum „neu erblühenden Leben erweckt“ werden? Würde es nicht genügen, die Texte Wort für Wort zu lesen? Und durchaus stumm, mit dem bloßen Vorsatz, sich auch stilistisch weiterzubilden, um tote Sekundärtexte zu vermeiden, die nur das müde Glimmen einer ausgelaugten Debatte widerspiegeln?

(…) Jede gute, sogar schlechte Inszenierung ist „Regietheater“, weil sie interpretiert, einen sonst toten Text oder eine nur zu hörende und damit unvollständige Opernpartitur zum theatralischen, immer wieder neu erblühenden Leben erweckt. Jetzt wird nur noch einmal alter Argumentewein in noch ältere Debattenschläuche gegossen.

Gewiss, gewiss, „Argumentewein“ etc, eine herrlich deformierte Redensart … und diese zweifellos unvollständige, weil nur zu hörende Opernpartitur kann zuweilen nur dann zum theatralischen Leben erweckt werden, wenn dieses dem, was die Musik sagen will, diametral entgegengerichtet ist, nicht wahr??? Na gut.

Jetzt kommt der Doktorvater ins Spiel, offenbar aufgrund einer fleißigen Privatrecherche des Kommentators. Neuer Anlass für schiefe Bilder: dieser Gelehrte wurde „vom Stapel gelassen“, als neues Schlachtschiff gleichsam; gemeint ist vielleicht „von der Kette gelassen“, was die Tendenz nicht besser macht. Er durfte zwei Artikel, nein, nicht schreiben, vielleicht „absondern“ oder sagen wir vorsichtshalber „ablästern“? Waren sie wirklich so einfältig, wie hier unterm Wort „Grundtenor“ zusammengefasst? Wir erfahren es nicht, weil es nur um Übermittlung von Häme geht, nicht um Inhalt.

Der Kommentator hat aber nicht nur Nachteiliges über den Doktorvater des Sohnes von Michael Meyer einbringen wollen, sondern auch darüber, dass Klavierfreund Michael Mayer den „tollen“ Pianisten András Schiff hofiert, der offenbar – jetzt geht’s zu weit – ebenfalls etwas gegen bestimmte Regisseure zu schreiben gewagt hat. Grund genug, den Namen seines Ensembles „Andrea Barca“ nicht uneitel zu finden, ihn selbst als „Hobbydirigenten“ zu bezeichnen und seinen Mozart-Stil als „plüschig-gestrig“. Da können weitere Bösartigkeiten kaum noch stören: Schiff spielt ja Beethoven sowohl auf einem nicht ganz modernen Bechstein (1921) als auch auf zwei Hammerklavieren der Zeit. Was wirklich stört, ist der wichtigtuerisch, aber linkisch  zusammengeschraubte Satzbau des Kommentators. Er kann es sich weiß Gott nicht leisten, einen bravourösen Schreiber wie Martin Geck mit einem ironischen Nebensatz zu erledigen und den „von Martin Meyer gepflegten Alfred Brendel“ auf Anmerkungen über Publikumshusten zu reduzieren.

Als WELT-Leser, der ich nicht bin, würde ich mich für den Artikel schämen. Und doch habe ich mich der Strafarbeit unterzogen, den ganzen Artikel abzuschreiben, um es nicht – wie das Elaborat selbst – bei dunklen Anspielungen bewenden zu lassen.

Quelle DIE WELT 30. Dezember 2014 Feuilleton KOMMENTAR

Erbarmen mit Regisseuren

Bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) geht bald der langjährige Klassikkritiker Peter Hagmann in Rente. Der gilt wie die meisten Vertreter seiner Zunft durchaus als Freund und Verteidiger von Opernregisseuren wie Hans Neuenfels, Peter Konwitschny, Jossi Wieler oder Krzystof Warlikowski. Regisseure, die sich nicht mit Konvention zufrieden geben, die tiefer in Libretti, Partituren und Zeitumständen bohren, als es oft im Repertoire-Schlendrian geschieht. Naturgemäß mit mal besserem, mal schwächerem Erfolg.

Im Journalismus ist es üblich, zum guten Berufsschluss gern nochmal ordentlich einen vor den Latz geknallt zu bekommen – offenbar Grund genug für Hagmanns sich gelegentlich auch mit Klavierangelegenheiten beschäftigenden Feuilletonchef Martin Meyer, eine Debatte zum müden Glimmen zu bringen, die eigentlich zu den ältesten und ausgelaugtesten der Branche gehört: die über das Regietheater.

Der Begriff ist nicht nur als Pleonasmus schief. Jede gute, sogar schlechte Inszenierung ist „Regietheater“, weil sie interpretiert, einen sonst toten Text oder eine nur zu hörende und damit unvollständige Opernpartitur zum theatralischen, immer wieder neu erblühenden Leben erweckt. Jetzt wird nur noch einmal alter Argumentewein in noch ältere Debattenschläuche gegossen. Zunächst hatte Meyer den Doktorvater seines Sohnes vom Stapel gelassen. Der Zürcher Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken durfte in der „NZZ“ über „Oper der Beliebigkeit“ und ihre „szenische Destabilisierung“ ablästern. Grundtenor: Alles ist so hässlich und rüde, wo bleibt das Schöne, Erhebende?

Abgesehen davon, dass es dies immer noch gibt und dass Auswüchse im Guten wie im Schlechten keinen Trend und keine Doktrin ausmachen, stand da wenig Neues. Das findet sich auch nicht aktuell im jüngstem Beitrag zur „Debatte“ von dem tollen, gern von Meyer hofierten Pianisten András Schiff. Der eben von der Queen zum Sir Geadelte spielt zwar selbst Bach und Beethoven auf einem modernen Bechstein-Flügel statt auf dem Cembalo oder dem Hammerklavier und pflegt zudem als Hobbydirigent mit seiner – nicht eben uneitel – nach ihm benannten Cappella Andrea Barca einen plüschig gestrigen Mozart-Stil.

Als exilierter Ungar hat sich Schiff außerdem zu Recht darüber ereifert, dass in seinem Land die von der aktuellen Rechtsregierung mit Machtbefugnis ausgestatteten regimetreuen Regisseure meist die schlechten und konservativen sind. Ihn selbst aber erfasst anhand willkürlicher Berliner Beispiele diffuses Unbehagen am angeblich Progressiven. Er wünscht sich, das Gebotene so zu sehen, wie es geschrieben steht und wie es der Autor angeblich intendiert hat. Was er selbst als Interpret nicht tut – gar nicht kann, denn wir leben nicht in Mozarts 18. Jahrhundert mit Kerzenschein, Darmsaiten und schlechter Hygiene -, sondern aus seiner (sic!) wissend subjektiven Künstlerverständnis heraus neu schafft.

In der „FAZ“ wünscht sich nun passenderweise auch der geschätzte Martin Geck , dass die gegenwärtigen Wagner-Regisseure doch bitte ein Sabbatical einlegen und noch einmal die Seminarbank zur theoretischen Kenntnisverbesserung drücken mögen. Zumindest für 2015 wünschen wir uns hingegen das Ende dieser unendlichen und völlig sinnlosen Debatte. Möge doch lieber mal wieder der ebenfalls von Meyer gepflegte Alfred Brendel gegen Huster im Konzert ätzen.

Autor des Kommentars: Manuel Brug

Autor des Kommentars zum Kommentar: Jan Reichow

Nachtrag 4. Januar 2015  (nach dem Nordsee-Urlaub, in dem ich gar nicht bloggen wollte, außer bei akutem Ärger oder besonders erfreulichen Begegnungen … )

Lohnender als jeder weitere Kommentar zum „Welt“-Kommentar wäre wohl, mit frischer Kraft einzelnen Namen und Beiträgen samt anhängender Diskussion nachzugehen, also zum Beispiel dem NZZ-Artikel von András Schiff (27.12.2014) und den durchweg erfrischenden Reaktionen darauf (Nachtkritik.de vom 27.12. bis 30.12.2014). Man muss sich durchaus nicht für 2015 ein „Ende dieser unendlichen und völlig sinnlosen Debatte“ wünschen. Im Gegenteil.

Fragwürdige Mehrheiten

Politische Diskussionen, besonders zu Wahlzeiten, kommen häufig an den Punkt, dass die Befürchtung formuliert wird, es könnten sich Mehrheiten bilden, die der Demokratie gefährlich werden und in absehbarer Zukunft auch das Prinzip freier Wahlen in Frage stellen könnten. Zuweilen folgt der Hinweis auf die angeblich freien Wahlen, die der arabische Frühling in Ägypten ermöglicht hatte, die jedoch – statt eine Demokratie zu begründen – eine mehr oder weniger radikal islamisch orientierte Masse – die Mehrheit – in die Lage versetzt habe, mit Hilfe einer neuen Regierung alle Andersdenkenden für immer aus dem politischen Prozess auszuschließen. Wie kann man diesen Widerspruch in aller Kürze auflösen?

Der SPIEGEL stellte innerhalb eines Gesprächs mit dem Historiker Heinrich August Winkler genau diese Frage, – warum die normative politische Kultur des Westens, die angeblich so attraktiv für den Rest der Welt sei, dort immer wieder durch echte oder zusammengemogelte Mehrheiten ausgeschaltet werde? Die Antwort, finde ich, so einfach sie klingt, dürfte als Grundkonsens für jede weitere Diskussion zugundegelegt werden, auch in der Auseinandersetzung mit Angehörigen anderer Kulturkreise, selbst solcher, die das irdische Recht nicht als der Weisheit letzten Schluss betrachten. Es gibt kein anderes Recht für alle, solange wir gemeinsam auf Erden leben.

Das zeigt, dass sich das westliche Projekt nicht auf das Mehrheitsprinzip und formal freie Wahlen reduzieren lässt. Ohne Menschen- und Bürgerrechte, ohne unabhängige Justiz, ohne Rechtsstaatlichkeit kann das Mehrheitsprinzip zu autoritären und totalitären Konsequenzen führen. Das hat auch Deutschland erlebt, als es in der Endphase der Weimarer Republik eine negative Mehrheit gegen die Demokratie gab. Die vulgärdemokratische Interpretation des westlichen Projekts hat immer in die Irre geführt.

Darauf wiederum die Frage: Mehrheitsprinzip und Volkssouveränität seien doch wesentliche Teile des westlichen Projekts, – mit welchem Recht man dann ein Wahlergebnis in Frage stellen könne, das einem nicht gefalle? Heinrich August Winkler:

Die Gedanken von Volkssouveränität und repräsentativer Demokratie dürfen nicht isoliert werden von der Idee der Herrschaft des Rechts und der Gewaltenteilung als Bedingungen der Zivilgesellschaft. Wo diese Bedingungen fehlen, kann man nicht von pluralistischer Demokratie sprechen. Das Mehrheitsprinzip alleine reicht nicht aus, um eine freie Gesellschaft hervorzubringen. Das wusste schon der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill vor über 150 Jahren: Tyrannei kann nicht nur von absoluten Herrschern, sondern auch von Mehrheiten ausgeübt werden.

Quelle DER SPIEGEL Nr.1 29.12.2014 Seite 26-29 „Ein neuer Sonderweg“ Spiegel-Gespräch Der Historiker Heinrich August Winkler über den Verrat westlicher Werte durch die USA, den Unterschied zwischen Irak-Krieg und Krim-Krise sowie die Ahnungslosigkeit von Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder. (Zitate Seite 29)

Kantabel und virtuos – Zum Gedenken an den Violinisten Franzjosef Maier

Laufplan der WDR 3 Radiosendung am 3. Januar 2015 18:05 – 19:00 Uhr 

[siehe am Ende dieses Artikels auch Fotos und einen Nachruf von Gerhard Peters]

Abt Klassische Musik

Red Dr. Richard Lorber

Titel Vesper I

Kantabel und virtuos – Zum Gedenken an den Violinisten Franzjosef Maier

Autor: Christoph Prasser

Jingle Vesper 0’11

Moderation 1:

Guten Abend und herzlich willkommen zur Vesper auf WDR 3.

Am 16. Oktober vergangenen Jahres ist im Alter von 89 Jahren der Violinvirtuose Franzjosef Maier verstorben, der seit Beginn der 1950er Jahre einen erheblichen Anteil hatte an der Entwicklung der Kölner „Alte Musik-Szene“. Der erste Teil der Vespersendung erinnert an den einflussreichen Geiger, der nicht nur durch sein meisterhaftes Spiel zu Berühmtheit gelangt war, sondern sein Wissen auch als erster Dozent für Barockvioline an der Kölner Musikhochschule weitergeben konnte, wo Geiger wie Reinhard Goebel, Werner Ehrhardt, Manfredo Kraemer und viele andere zu seinen Schülern zählten. Diese wiederum gaben sein Wissen in berühmt gewordenen Ensembles wie „Musica Antiqua Köln“ oder „Concerto Köln“ weiter und förderten und festigten damit den Ruf der Stadt Köln als Zentrum für „Alte Musik“ und „Historische Aufführungspraxis“. Dem WDR war Maier dabei in unzähligen Produktionen und Konzerten zeit seines Lebens verbunden. Und im „Collegium musicum des WDR“ war Franzjosef Maier über Jahrzehnte als Konzertmeister tätig. Zur Erinnerung an den großen Musiker bringt die Vesper heute ausgewählte Aufnahmen, die vor allem in Produktionen Alter Musik mit dem Kölner WDR entstanden sind. Autor der Sendung ist Christoph Prasser.

Unsere erste Musik zeigt Maier als Solist und Konzertmeister an der Spitze eines Ensembles, mit dem er am meisten bekannt werden sollte, dem „Collegium aureum“. Dieses in der Regel dirigentenlose Orchester für historische Aufführungspraxis sollte er über Jahrzehnte vom Konzertmeisterpult aus leiten. Die folgende Aufnahme des Mozart-Rondos in C-dur für Violine und Orchester stammt aus dem Jahre 1977 und wurde wie so viele Aufnahmen des Ensembles im Cedernsaal des Schlosses in Kirchheim aufgenommen. (Mod.: 1’58)

Musik 1: 

K.: Wolfgang Amadeus Mozart 6029210105 7’02

Allegretto grazioso aus: Rondo C-dur KV 373

Franzjosef Maier, Violine / Collegium aureum / Ltg.: Franzjosef Maier

Moderation 2:

Das Collegium aureum mit Mozarts Allegretto-grazioso, dem Rondo in C-dur KV 373. Solist und musikalischer Leiter der Aufnahme war der Geiger Franzjosef Maier.

Maier wurde am 27. April 1925 in Memmingen im Allgäu geboren und lernte schon früh Klavier, Violine und Bratsche. Ab 1938 besuchte er das Augsburger Konservatorium, anschließend die Münchner Akademie und das musische Gymnasium in Frankfurt. Nach Kriegsende und Gefangenschaft studierte er schließlich bis 1948 an der Kölner Musikhochschule.

Als junger Geiger geriet Maier sehr schnell ins Fahrwasser des WDR, der damals noch NWDR hieß. Dort produzierte er mit dem Musikwissenschaftler Eduard Gröninger erste Werke für den Rundfunk, die sich bereits an einem historischen Klangbild orientierten, denn der NWDR war ein innovativer Pionier in Sachen Alter Musik. Schließlich wurde Maier Gründungsmitglied des „Collegium musicum des NWDR“, eines Orchesters, das sich auf historische Aufführungspraxis spezialisiert hatte und neben dem sich später das Schwesterensemble „Cappella Coloniensis“ etablieren sollte. Die Cappella wurde letztlich zum prominenten Aushängeschild für Alte Musik, allerdings ohne Franzjosef Maier. Das lag aber nur daran, dass Maier in jener Zeit im Schäfferquartett als 2. Geiger spielte und er die Quartettarbeit der Orchesterarbeit zunächst vorzog. Denn ursprünglich sollte Kurt Schäffer, der Namensgeber des Quartetts und Maiers ehemaliger Lehrer an der Kölner Musikhochschule, Konzertmeister in der neu gegründeten Cappella werden. Er verzichtete aber, nachdem Maier ihn bat, die Arbeit am Schäfferquartett fortzuführen. Vielleicht spielte dieser Verzicht auch mit eine Rolle für das spätere Zerwürfnis zwischen Maier und Schäffer, aber erst nach der Trennung vom Schäfferquartett war für Maier der Weg frei für seine spätere Karriere als Leiter des Collegium Aureum.

Unsere nächste Musik zählt zu den Höhepunkten der Violinliteratur in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zeigt einen Franzjosef Maier in Hochform. Heinrich Ignaz Bibers virtuose Sonate Nr. 1 in A-dur gehört zu den 8 Salzburger Sonaten aus dem Jahre 1681. Die Violinstimme wird von einer Basso-continuo-Gruppe unterstützt, die aus Orgel, Violone und Violoncello besteht. (Mod.: 2’22)

Musik 2:

K.: Heinrich Ignaz Biber 6029229102 13’29

Sonate Nr 1 A-dur (für Violine und Basso continuo)

Franzjosef Maier, Violine / Rudolf Mandalka, Cello / Johannes Koch, Violone / Wilhelm Krumbach, Orgel

Moderation 3:

Die Vesper auf WDR 3 mit der Sonate Nr 1 in A-dur für Violine und Basso continuo von Heinrich Ignaz Biber. Gespielt hat sie der im Oktober vergangenen Jahres verstorbene Geiger Franzjosef Maier, dem der erste Teil der heutigen Sendung gewidmet ist.

Die Anfangszeit der historischen Aufführungspraxis, die ihren stärksten Triebmotor in den 1950/60er Jahren durch Produktionen des WDR erhielt, war geprägt durch die Suche nach dem historisch authentischen Klang. Maier fühlte sich aber nicht nur der historischen Aufführungspraxis verpflichtet, sondern er blieb auch den Komponisten der neueren Musikgeschichte treu. Und so spielte er die Kompositionen der alten Meister bis in die Mitte der 1960er Jahre nicht etwa auf einer zurückgebauten oder historischen Violine alter Mensur, sondern meist auf seiner moderneren Vuillaume-Geige, die er dafür lediglich mit Darmsaiten bespannte. Auch der Kammerton blieb bei ihm meist bei 440 Hertz. Allerdings benutzte er für Produktionen Alter Musik zwingend einen alten historischen Bogen.

In der nun folgenden Aufnahme spielt er allerdings ein 1752 erbautes historisches Instrument in alter Stimmung, eine Geige von Michele Deconetti. Die hatte er 1965 als Dauerleihgabe von der Schwägerin des Harmonia-Mundi-Geschäftsführers Rudolf Ruby bekommen. Nicht ohne Hintergedanken, denn schließlich war die Harmonia-Mundi die Plattenfirma, die Maiers Collegium aureum unter Vertrag hatte.

Hören sie jetzt den Tenor James Griffett mit Joseph Haydns Bearbeitung des schottischen Volkslieds „Margret’s ghost“. Franzjosef Maier spielt Violine, Rudolf Mandalka Violoncello und Bradford Tracey sitzt am Hammerklavier. (Mod.: 1’45)

Musik 3:

K.: Joseph Haydn 6044235119 7’57

Margret’s ghost, Hob XXIa:65

(Bearbeitung eines schottischen Volksliedes für Singstimme, Violine, Violoncello und Tasteninstrument)

James Griffett, Tenor

Franzjosef Maier, Violine

Rudolf Mandalka, Violoncello

Bradford Tracey, Hammerklavier

Moderation 4:

Margret’s ghost”, die Bearbeitung eines schottischen Volksliedes von Joseph Haydn, mit dem Tenor James Griffett und dem Geiger Franzjosef Maier. Eine historische Aufnahme aus dem Jahre 1980.

Bereits ein Jahr zuvor hat Maier die nun folgende Aufnahme für den WDR produziert. Als Orchester stand hier das Collegium musicum des WDR zur Verfügung, das durch die Strahlkraft der berühmten Cappella Coloniensis des WDR zwar an Bedeutung verloren hatte, nicht aber an musikalischer Qualität. Dafür sorgte schon die Besetzung des Orchesters, in der mittlerweile bereits Geiger wie Gerhard Peters und andere saßen, die ihre Meisterkurse für Barockvioline bei Franzjosef Maier an der Kölner Musikhochschule erfolgreich hinter sich gebracht hatten. Gemeinsam spielen sie nun als „Collegium musicum des WDR“ die Sonata a cinque, op 2 Nr. 6 in g-moll von Tomaso Albinoni. (Mod.: 0’57)

Musik 4:

K.: Tomaso Albinoni 6109386103 8’29

Sonata a cinque, op 2, 6 g-moll

(für 2 Violinen, 2 Violen und Basso continuo)

  1. Adagio

  2. Allegro

  3. Grave

  4. Allegro

Collegium musicum des WDR

Moderation 5:

Die viersätzige Sonata a cinque, op 2 Nr. 6 in g-moll von Tomaso Albinoni, gespielt vom Collegium musicum des WDR. Die Leitung hatte der Geiger Franzjosef Maier, der im Oktober vergangenen Jahres im Alter von 89 verstorben ist und dem der erste Teil der heutigen Vespersendung gewidmet ist. Mit Maier ging einer der Pioniere und Schlüsselfiguren des letzten Jahrhunderts, die sich um die Rekonstruktion und Wiederbelebung Alter Musik im neuen Klanggewand verdient gemacht haben. Als Professor für Violine an der Kölner Musikhochschule konnte er seine Kenntnisse und Erfahrungen an zahlreiche Schüler weiterreichen, die heute diese Ideen selbst in weltweit erfolgreichen Orchestern vorstellen und weiter entwickelt haben.

Zum Schluss des ersten Teils der Vesper steigen wir jetzt ein in das Concerto grosso in A-dur op. 6 Nr. 11 von Georg Friedrich Händel, gespielt von der „Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik“, aufgenommen in der Aula der Kölner Musikhochschule im Juni 1981. Unter der Leitung von Franzjosef Maier spielen Geiger wie Helmut Hausberg und Werner Ehrhardt so, wie es Maier gegen Ende seiner großen Karriere gefallen hat: Vereint, im Kreise seiner Schüler. (Mod.: 1’22)

Achtung Technik: : folgende Musik 5 (Händel) bitte nur von Minute 7’11 – Ende spielen und auf Zeit fahren! Ab Min. 17’50 folgt nur noch Schlussapplaus der in der darauffolgenden Abmoderation ausgeblendet werden kann!

Diese letzte Musik dient als Zeitpuffer, Daher entsprechend unter der Moderation 5 stumm starten und gegen Ende der Moderation 5 langsam einblenden!

Musik 5:

K.: Georg Friedrich Händel 6046367102 ca. 11’00

Andante; Allegro von 7’11 – ca. 18’05

aus: Concerto grosso A-dur, op 6,11 auf Zeit fahren!

Helmut Hausberg, Violine

Werner Ehrhardt, Violine

Bruno Klepper, Violoncello

Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik

Ltg.: Franzjosef Maier

(von ca 7’12 – 18’05)

Abmoderation:

Zum Abschluss des ersten Teils der Vesper spielte die „Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik“ den Schluss des Concerto grosso in A-dur op 6 Nr. 11 von Georg Friedrich Händel. Die Leitung hatte der Geiger Franzjosef Maier, dem die Sendung gewidmet war. Der Autor der Sendung war Christoph Prasser.

(Mod.: 0’22)

————————————————————————————————————————–

47’57

Musikzeit: 47’57

Jingle: 0’11

Moderation: 8’46

———————–

total: 56’54 

Das Collegium Aureum 1971 im Fuggerschloss Kirchheim/Schwaben

Collegium 1971 Mandalka, Hucke & Kollegen

Franz Konzertmeister allein  Franzjosef Burghardt Fotos a

Prof. Franzjosef Maier, Violinist und Konzertmeister. Collegium aureum, erstes Bild, Gesichter von links nach rechts: Günter Vollmer, Franzjosef Maier, Ruth Nielen, Werner Neuhaus, Gerhard Peters, Wolfgang Neininger, Jan Reichow, Ulrich Beetz, Violinen; Heinz-Otto Graf, Viola; Horst Beckedorf, Rudolf Mandalka, Celli. Zweites Bild: (Günter Vollmer) Rudolf Mandalka, Violoncello; (Wolfgang Neininger) Helmut Hucke, Oboe.

Fotos: harmonia mundi Deutschland, Daniela-Maria Brandt

Weiteres zu Franzjosef Maier s.a. hier.

Nachruf seines Schülers und Nachfolgers in Köln, Prof. Gerhard Peters

(Quelle: Hochschulzeitung Das Journal 2015/16)

Symphonie-Orchester

Musik und Politik

Es kommt nicht häufig vor, dass in einer politischen Kolumne ernsthaft über „ernste“ Musik gesprochen wird. Ich kann die Journalistin Carolin Emcke gar nicht genug loben. Ja, ich habe auch gelesen, was Jan Fleischhauer gegen ihren angeblichen Betroffenheitsjournalismus geschrieben hat (Spiegel online 4. November 2014), aber es hat mich „irgendwie“ kalt gelassen. Während diese Zeilen mich mit nachhaltiger Freude erfüllen:

Und doch zeigt sich mir im Angesicht der Krisen dieses Jahres auch etwas anderes, etwas, das leiser, aber gewisser daherkommt: wie kostbar Europa ist. Früher, wenn ich von den Reisen als Reporterin aus Kriegsgebieten zurück nach Berlin kam, wurde ich oft gefragt, was sich verändert hätte: ob mir der hiesige Wohlstand befremdlich geworden sei oder die hiesigen Debatten?

Früher waren es sehr konkrete, spezifische Dinge, die mir wertvoller geworden waren: eine Heizung, die aktuelle 11 Freunde und, mehr noch als alles andere, Radio-Symphonie-Orchester. Wenn mich irgendetwas rührte, jedes Mal, wenn ich zurückkehrte aus Gaza oder dem Irak, dann dies: Dass es hier nicht nur den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, nicht nur exzellente Programme, sondern das die Sender sogar eigene Orchester unterhalten. Dass eine Gesellschaft in Musik etwas erkennen kann, das eine Notwendigkeit ist. Das war (und bleibt) unfassbar schön.

Heute ließe sich das alles immer noch sagen. Aber nun, da der Krieg nichts mehr ist, zu dem ich hinreise, nun, da Tod und Zerstörung so nahe gerückt sind, ist das Bewusstsein für das eigene Glück gleichsam umfassender: (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung Samstag/Sonntag 20./21. Dezember 2014 (Seite 5) Europa, ein Glück Nicht alles ist perfekt in dieser Völkergemeinschaft, nur eines: Das Versprechen von Menschenrechten und Aufklärung gilt. Von Carolin Emcke.

Trotzdem bleibt ein winziges Defizit: hier sind nur die Rundfunk-Sinfonieorchester erwähnt und in einen großen Horizont einbezogen worden. Natürlich: der Ärger über die heimtückische Niederstreckung des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg bleibt unter Musikern im ganzen Land virulent. Aber in diese Kulturlandschaft, die niemals zerstört werden darf, gehören auch kleinere Einrichtungen, sagen wir: die Bergischen Symphoniker (Solingen / Remscheid) mit exquisitesten Programmen und starken Ensemble-Leistungen, die Angebote der Kölner Philharmonie, sagen wir: 3 Mozartsche Spitzenwerke an einem Abend (Hagen-Quartett 25. Februar 2015). Man muss die Filigranarbeit dieser Kammermusik kennen, um zu ermessen, was es bedeutet, dass an diesem Abend an die 2000 Menschen atemlos zuhören werden. Dafür gibt es gar keine Worte. Auch, dass es immer noch private Streichquartette im Lande gibt, die jetzt schon genau diese Stücke erarbeiten, um den Ernstfall eines solchen Konzertes dann auf höchstem Niveau – aktiv hörend – mitzuerleben.

Zurück zu einer Politik und einem Journalismus, die/der davon weiß:

Heute (…) ist das Glück gleichsam umfassender: als Europäerin geboren zu sein, mit Strukturen der Staatlichkeit, denen es nicht jeden Tag zu misstrauen gilt, mit stabilen Grenzen, die nicht jeden Tag aufgelöst und verschoben werden, mit einer Rechtsordnung, wonach einzelne Handlungen individuellen Tätern zugeschrieben gehören und nicht ganze Kollektive oder Landstriche in Geiselhaft genommen oder bestraft werden dürfen.

Quelle (wie oben)

***************************************************

Protest gegen diesen Blogbeitrag (erhalten am 21.12.2014)

Heute hab ich einen Blogbeitrag von Ihnen gelesen, und es ist einer der sehr seltenen Fälle, dass ich ernsthaften Widerspruch anmelde und gar nicht einverstanden bin mit dem, was Sie schreiben. Ich halte Carolin Emcke generell für eine dieser dumpfen Edelfedern, die von nichts richtig Ahnung haben, mit ihrem selbstvergewissernden Halbwissen aber die Feuilletons vollschreiben dürfen. Was sie hier begrüßt, ist doch nur die Bauchnabelschau der bürgerlichen Mittelschicht, eine Art Pegida für Fortgeschrittene, man will etwas erhalten, von dem man einerseits keine Ahnung hat, dem man andrerseits aber eine gewisse Bedeutung zuerkennt. Wenn man von den Kriegsgebieten der Welt zurück an den heimischen Herd kommt, verschafft es einem Wohlgefühle, sich der Segnungen der Bürgerlichkeit zu bedienen, Heizung, Fußball, Mozart. Schlimm genug, aber dass dies dann noch in Stellung gebracht wird, nämlich als das „kostbare Europa“, also als gegen etwas anderes gerichtete Konstruktion (gegen „das Fremde“), das ist doch ganz furchtbar und ekelhaft! Dem würde ich kein bisschen zustimmen. Da ist Frau Emcke mit ihrem Gefasel von „unfassbar schön“ und „Völkergemeinschaft“ eben nicht nur ganz nah bei Pegida, sondern auch bei all diesen Idioten, die sich wohlig in ihre Konzertsitze zurücklehnen, wenn Mozart „läuft“, weil das ja „so schön“, „so beruhigend“ sei – während es da, um Harnoncourt zu zitieren, in dem Beginn der g-Moll-Symphonie eben nicht um Wohlgefühl, sondern gewissermaßen um Leben und Tod geht. Das ist doch das große Missverständnis des ganzen klassischen Konzertbetriebs: dass die meisten diese Musik als nette Freizeitbeschäftigung, als „Ausgleich“ für ihre harten Jobs begreifen. Während es doch eben bei den großen Werken um „alles“ geht, um das pathetisch zu sagen. Ich habe oft das Gefühl, wenn ich in der Staatsoper oder der Philharmonie sitze, dass da die falschen Leute sitzen. Leute, die nichts verstehen, und die auch nicht bereit sind, etwas zu verstehen.

Das ist z.B. beim Artemis Quartet ganz anders, oder bei den meisten Klavierabenden, oder natürlich bei Konzerten oder Opern mit zeitgenössischer Musik (oder Werken der klassischen Moderne, etwa Bergs Opern), damit kann man nicht „renommieren“; da sind viel mehr Musikliebhaber, denen es um die Werke und die Interpretation geht.

Wie Sie sagen: man muss die „Filigranarbeit dieser Kammermusik kennen“, um ihre Qualität erfassen zu können. Man muss sie also gelernt (wegen mir: kennen gelernt) haben, sonst wird man nicht viel davon verstehen (und vielleicht dennoch die Schönheit der Musik sinnlich erfassen können). Also wieder: BildungBildungBildung…

**************************************************

Nachtrag 7. Mai 2016 (Nachlese)

Ich manchen Fällen kann ich mich selbst nicht mehr verstehen. Weshalb ich den einen Artikel vor anderthalb Jahren mit unzureichenden Gründen gut fand, während der andere mich „irgendwie“ kaltgelassen hat, wobei mir diese Anführungsstriche heute als Andeutung von Selbstironie besonders dürftig erscheinen. Zumindest hätte ich einen Link zum Artikel von Jan Fleischhauer setzen sollen, um eine Relativierung meiner Beurteilung leicht greifbar zu machen, auch für mich selbst. Also bitte sehr: hier!

Wenn irgendjemand sich positiv zur klassischen Musik äußert, ist das noch lange kein Grund, sich betroffen zu fühlen. Wie viele Menschen loben „die Kultur“ und „das Kulturprogramm“, fabrizieren gar selbst das „Kulturradio“  und haben keinen Begriff, wovon sie reden.

Sollen sich doch die Geister scheiden an Sätzen wie diesen:

„Poverty Porn“ heißt in den USA der Fachbegriff für einen Betroffenheitsjournalismus, der bei seinen Lesern das gute Gefühl hinterlässt, durch Lesen den Zustand der Welt verbessert zu haben. Auch für Journalisten ist diese Art der Anteilnahme relativ einträglich: Um Preise abzuräumen ist die Armutsreportage jedenfalls tausendmal geeigneter als die nüchterne Zustandsbetrachtung, die quer zu den Erwartungen des Publikums liegt.

(Jan Fleischhauer)

Warum Klavier spielen?

Oder auch: Flügel…

Flügel & Klavier

Die Amateurin spricht (Journalistin)

Nach dem Burn-out, das war 2008, als ich in der Klinik war und es danach noch gut eineinhalb Jahre dauerte, bis ich wieder einigermaßen stabil war. Ich konnte für mich Mechanismen finden und Leitplanken einziehen, die es mir erlaubt haben, damit umzugehen. Nur: die in jahrelanger Sozialisatione eingerichteten Verhaltensschemata kriegt man nicht so leicht raus. Es gibt natürlich auch Ausnahmesituationen. Als ich während der letzen US-Präsidentschaftswahl in einem Fernsehkommentatoren-Team war, habe ich die ganze Nacht im Studio gesessen. Und morgens bin ich mit dem Auto zurück nach Hause gefahren und ohne eine einzige Überlegung in einen Klavierladen rein und habe mir ein richtig schönes Klavier gekauft. Das war die beste Entscheidung der letzten Jahre, weil dieses Klavier für mich wirklich wie eine Rettung aus den festen Strukturen war, ein Raum, der alles andere wegfliegen und zurücktreten lässt. Wenn ich mich ans Klavier setze, entsteht eine schöne Ordnung in meinem Kopf, die sich einfach auf die Musik richtet, darauf, sich mit den Noten auseinanderzusetzen. Mich beruhigt das unheimlich, es entsteht auch so was wie eine Reinigung. Als ob die Musik mich emotional durchlüften würde.

(Miriam Meckel)

Quelle ZEIT MAGAZIN 18. September 2014 Seite 70 Das war meine Rettung Nach ihrem Burn-out musste Miriam Meckel lernen, ruhiger zu leben. Dabei half ihr das Klavierspielen. (Gespräch mit der Fotografin Herlinde Koelbl).

Der Fachmann spricht (ehemals Pianist)

Alfred Brendel zu der Frage, warum er gern über „dumme Virtuosen“ schimpfe:

Tue ich das? Das sind Leute, die fabelhafte Finger haben und alles, was schnell und laut ist, mühelos bewältigen können, vielleicht sogar leise – aber nicht fühlen und meistens auch nicht wissen, was in der Musik vorgeht. Bei manchen Pianisten habe ich den Eindruck, das Klavier hätte sie aufgefressen. Bei denen wird das Klavier zum Fetisch. Sie behandeln Klaviermusik so, als wäre es bloß Klaviermusik. (…)

Für mich war der Flügel, seit ich denken kann, ein Gefäß für alle möglichen musikalischen Vorstellungen. Orchestrale, vokale, instrumentale Musik. Hans von Bülow nannte den Pianisten ein zehnfingriges Orchester. Die großen Klavierkomponisten waren fast alle auch oder vorwiegend Ensemble-Komponisten. So fließen die verschiedensten musikalischen Vorstellungen in das Klavier hinein. Das war nicht erst in der Romantik so. Unter Mozarts Sonaten gibt es ausgesprochen orchestrale. Und Bachs Italienisches Konzert in seinen drei Sätzen bietet ein Beispiel für drei verschiedene Konstellationen. Für mich ist das Klavier ein Ort der Verwandlung. So spielen die einen Pianisten Klavier und die anderen Regenbogen.

(Frage: Wie finden Sie Lang Lang?)

Fragen Sie mich nicht solche direkten Sachen. Ich wünsche ihm Glück.

Quelle Süddeutsche Zeitung Magazin 12. September 2014 Seite 48 „Musik kommt aus der Stille und führt in die Stille“ Der berühmte Pianist Alfred Brendel hat nun sechs Jahrzehnte auf der Bühne erlebt. Hier erzählt er, wer besser Klavier spielte als er, welche Pflaster auf die Finger gehören – und was ihm gegen den Lärm seiner Tochter hilft. Interview: MALTE HERWIG.

Klaviatur und Noten

(Abbildungen: WIKIMEDIA Commons Hier und Hier)

Heinrich Neuhaus spricht über Ferruccio Busonis Buch „Von der Einheit der Musik“

Nachdem er auf die offensichtlichen Mängel des Flügels hingewiesen hat: die kurze Dauer des Tons und die schroffe, unerbittliche Aufteilung in Halbtöne, spricht Busoni von seinen Vorzügen: dem außerordentlichen dynamischen Diapason von äußerstem Pianissimo bis zum stärksten Fortissimo, dem riesigen Tonumfang von den niedrigsten Tönen bis zu den höchsten, von der Gleichmäßigkeit seines Timbres in allen Registern, von seiner Fähigkeit, andere Instrumente nachzuahmen (eine Trompete kann nur trompeten, die Flöte nur wie eine Flöte tönen, die Geige nur wie eine Geige spielen usw., das Klavier aber kann unter den Händen eines Meisters fast jedes Instrument darstellen); zum Schluß erinnert er an das zauberhafteste, nur dem Klavier eigene Ausdrucksmittel, das Pedal.

Als Ergänzung dieser Beschreibung sage ich oft zu den Schülern: Der Flügel ist der beste Schauspieler unter den Instrumenten, weil er die verschiedensten Rollen spielen kann. Die gewisse Abstraktheit seines Klanges im Vergleich mit dem Klang anderer Instrumente, die gefühlsmäßig viel „konkreter“ und ausdrucksvoller sind, wie vor allem die menschliche Stimme, das Waldhorn, die Posaune, die Geige, das Violoncello usw., sogar diese „Abstraktheit“, diese, wenn Sie so wollen, „Intellektualität“ macht gleichzeitig auch seine unvergleichlich hohe Qualität, sein unbestrittenes Eigentum aus. Der Flügel ist das intellektuellste aller Instrumente, und deshalb umfaßt er den weitesten Horizont, unermeßliche musikalische Weiten. Auf ihm kann man, ganz abgesehen von der ihrem Umfang nach unermeßlichen und ihrer Schönheit nach unbeschreiblichen „für ihn persönlich“ geschaffenen Musik, alles wiedergeben, was Musik heißt, von der Melodie einer Hirtenflöte bis zu gigantischen Sinfonien und Opern.

Quelle Heinrich Neuhaus: Die Kunst des Klavierspiels edition gerig Köln 1967 (4/1977) Seite 53 f.  Siehe auch über den Klang des einzelnen Tons Seite 102 und folgendes auf Seite 70:

Der Klang muß in Stille gehüllt sein, er muß in Stille ruhen wie ein Edelstein in einer Samtschatulle.

Natur global – regional

Ein Grund, nicht nur das Tageblatt zu lesen

Natürlich, es ist unentbehrlich. Ich erfahre nichts über Details aus dem Bergischen Land, meiner unmittelbaren Umgebung, wenn ich die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ lese. Andererseits: was ist die Ursache, weshalb auch Neuigkeiten aus Kunst und Wissenschaft so unterschiedlich behandelt werden: als seien in der Provinz nur Kuriositäten gefragt, in der überregionalen Zeitung aber die Details? Der globale Blick schärft den Sinn für die wesentlichen Dinge auch im Detail. Und gerade weil sie so ausführlich behandelt werden, sind sie auch interessant und bedeuten mehr. Was links den Blickfang und die Schlagzeile ergibt, ist rechts nur eine Randbemerkung wert: „Die Analyse zeigt übrigens auch, dass die Falken enger mit Papageien verwandt sind als mit Adlern.“

ST Tierisch Falken Papageien kl  SZ Falken & Papageien

Mit Recht steht unter dem ausführlichen Artikel (rechts: Süddeutsche Zeitung 12.12.2014) auch ein Autorenname: Hanno Charisius. Man findet den Text nicht im Internet, aber ich habe ihn längst abgeschrieben. So viel Zeit muss sein. (Genau wie früher in den Klöstern, wenn Bruder Charisius mal wieder Vorbildliches aufs Pergament gebracht hatte…)

Man kann aber auch den verschlungenen Weg zu den Originaltexten nachvollziehen: z.B. Hier.

Da wir heute sozusagen in der Rubrik „Vermischtes“ unterwegs sind, darf ich noch einen Video-Link mitteilen, den ich Manfred Bartmann verdanke. Mein Lieblingsinstrument Dan Bao!

Wollen Sie das Instrument womöglich lernen? Oder lernen, wie man’s lernt? Schauen Sie HIER.

Vielleicht suche ich aber gar nicht dies, also etwas was Musik betrifft, sondern die Stille? Und höre, dass jemand sagt: „Stille ist nicht die Abwesenheit von etwas, sondern die Präsenz von allem.“ Gordon Hempton hat das gesagt, und er ist es, der sich oft genug im allerstillsten Gelände der USA befindet. Hier kann man hören, wie still es dort ist. http://onesquareinch.org/

ROT! und tot!

Beim Lesen eines Artikels über Rothko

Nach wie vor ein ungutes Gefühl beim Repetieren der eigenen Kritik an Wolfgang Rihms Streichquartett-Titeln „Ohne Titel“ und „Blaubuch“. Und nun der Blick auf das rote Bild im Feuilleton der Süddeutschen. Oder ist es orange? Darunter:

„Untitled“ (1970), Mark Rothkos letztes Bild. Kurz nach der Fertigstellung nahm er sich das Leben.

Kann es da noch ein Zurück geben? Nie habe ich diesen Eindruck vergessen, der sich bei der Lektüre des Buches „Sehen“ von John Berger einprägte (das war 1974):

Berger Van Gogh

Ja, und als ich die Seite umgewendet hatte, war das gleiche Bild zu sehen und darunter stand:

Dieses Bild ist das letzte Werk Vincent van Goghs, bevor er Selbstmord verübte.

Es fällt schwer, genau zu beschreiben, wie der Text den Bildeindruck verändert hat, aber zweifellos hat er ihn verändert. Das Bild wirkt jetzt als Illustration des Textes.

Es gibt also keinen Ausweg, ich muss alles lesen, jede Zeile zwischen den Zwischenüberschriften: „Rothko ignorierte alle malerischen Regeln und folgte einzig seinem sinnlichen Impuls“ bzw. „Die Spannung zwischen Bild und Betrachter ist so groß, dass man Scheu hat dazwischenzutreten“.

Quelle Süddeutsche Zeitung 9. Dezember 2014 Seite 11: Der Mann, der die Farben befreite Das Gemeentemuseum in Den Haag feiert Mark Rothko mit einer hervorragenden Retrospektive – und stellt seine Werke denen eines anderen Großmeisters der Abstraktion gegenüber: Piet Mondrian. Von Gottfried Knapp.

Mondrian hat in „Victory Boogie Woogie“ sein Koordinatensystem so unter Strom gesetzt, dass dessen Elemente rhythmisch zu tanzen beginnen. Das zugrundeliegende Leinwandquadrat hängt mit einer Ecke unten an der Wand; die wir üblich senkrecht und waagrecht verlaufenden Linien durchqueren das auf der Spitze stehende Quadrat also diagonal. Sowohl die Linien als auch die von ihnen umschlossenen Rechteckfelder sind in kleinere rote, gelbe, blaue, schwarze oder weiße Quadrate aufgesplittert. Die durchgeklügelte Komposition entwickelt also einen pulsierenden Rhythmus. In diesem Spätwerk wird also exemplarisch vorgeführt, was mit strengen formalen Kalkulationen an animierenden Wirkungen möglich ist. Das war 1944.

26 Jahre später lässt Rothko auf einer hellrot grundierten Leinwand zwei aggressive rote Farbflächen, die sich aus der Ebene herauszuwölben scheinen, so aufeinanderprallen, dass man sich als Betrachter wie von einem Blutstrom bedrängt fühlt und unwillkürlich einen Schritt zurücktritt.

Was soll man dazu sagen? Böse Bemerkungen über zeitgenössische Ästhetik liegen auf der Hand. Dermaßen auf der Hand, dass man sie unmöglich verwenden kann. Hatte ich nicht gestern noch einen Artikel gelesen mit der Überschrift: „Am Ende bleibt die Proportion“ und weiter: „Wolfgang Rihm findet die Schönheit in der Verhältnismäßigkeit“ ? (Johan Schloemann in SZ 8.12.14 Seite 10).

Der Komponist polemisierte zwar scharf gegen die Vorstellung, Schönheit mit „Entspannung“ gleichzusetzen. Aber er beharrte eben auch auf der Bemühung, dass „die Mittel zum Dargestellten“ in Relation bleiben.

Aber vielleicht resultiert sie doch aus dem Wechsel der Mittel zwischen Spannung und Entspannung? Warum nicht noch dazu … ein Gränchen „Inhalt“??? fragt der von Natur aus weniger leidenschaftlich veranlagte Bürger?

Erfährt man dann, dass Rothko wenige Tage nach Vollendung dieses Bildes in seinem Atelier in einer riesigen Blutlache liegend aufgefunden wurde – ein inszenierter Selbstmord vor und auf der Leinwand? – , dann bekommt die Vermutung, dass sein Hantieren mit Farben immer tief im Existenziellen und Emotionalen verankert war, eine schockierende Bestätigung. Deutlicher lassen sich die fundamentalen Gegensätze, die sich zwischen den Methoden der beiden Großmeister der Abstraktion auftun, nicht vorführen als in dieser Gegenüberstellung ihrer letzten Gemälde.

Quellen s.o. SZ 9.12.14 / und: John Berger: Sehen Das Bild der Welt in der Bilderwelt Rowohlt Reinbek bei Hamburg 1974 ISBN 3 499 16868 5 (Seite 27 f)

Neues aus Oman

Annäherung zwischen Ost und West?

Erstaunliches konnte man vor neun Jahren erleben: Eine umfangreiche und opulent ausgestattete Klang-Dokumentation vom „AL TARAB Muscat Ud Festival“, unter den Verantwortlichen im Verzeichnis (linke Seite separat anklicken) ganz oben und ganz unten: Issam El-Mallah.

Muscat Festival Issam El-Mallah Muscat Festival außen CoverMuscat Festival Inhalt

FAZ und SZ schrieben recht positiv, wenn auch mit einer gewissen Rück- und Vorsicht, über das ferne Festival (10. und 15. Dezember 2005).

Eine ausnahmslose Freundlichkeit aller Bevölkerungsschichten könnte als Zeichen gelten, daß der bekennende Humanist Qaboos [der Sultan, „His Majesty“] die Menschen ein wenig verändert hat. Kulturbewußt ist er natürlich auch. Musikgruppen gehören fest zu seinem Palast, und vor zwanzig Jahren hat er für ein Novum in der arabischen Welt gesorgt: mit der Gründung des auch heute noch einzigen nur mit Einheimischen besetzten Sinfonieorchesters. (Ulrich Olshausen FAZ 10.12.2005)

Issam El-Mallah, der in Bayern lebende ägyptische Musikwissenschaftler, ist seit langem der Leiter des Oman Centre for Traditional Music und damit Organisator des Festivals. Seine Rechtfertigung für die der arabischen Musik fremde Kombination einer Ud mit einem klassischen Orchester: „Ich finde nicht nur eine Annäherung des westlichen und arabischen Stilidioms im Orchester interessant, sondern auch eine selbstständige Entwicklung der Ud nach dem Vorbild des westlichen Violin-, Cello- oder Klavierkonzerts.“ Die Risiken dabei sind groß. Einmal entkommt man kaum der Versuchung, die oft dreisätzigen Ud-Konzerte als Versatzstücke der europäischen Musikgeschichte zu hören. Zudem finden sich absichtliche Beethoven- oder Wagnerzitate im Konzert von Ammar al-Sherei oder, unbeabsichtigt, Relikte spanischer Folklore im Konzert von Atiyya Sharara. Das zweite Risioko: die Klangbalance, die nur über die elektrische Verstärkung der Ud beherrschbar wird. Und das dritte: die Glättung oder gar Vermeidung der für die arabische Musik typischen 3/4-Töne im westlichen Orchestersatz. (Klaus Peter Richter SZ 15.12.2005)

Um so aufschlussreicher für das subkutane Ost-West-Verhältnis, was jüngst die Augenzeugin Eleonore Büning anlässlich einer Aufführung der Oper Manon Lescaut im Royal Opera House von Oman berichtete. Ein kurzer Ausschnitt aus dem langen, schönen Artikel:

Bei uns, hierzulande, würde man Issam El-Mallah einen Zensor nennen. In Maskat ist er einer der vielen Vertrauten von „His Majesty“, Sultan Qabus ibn Said al Said, und in den Augen von dessen singenden und musizierenden Untertanen ist er ein freundlich-väterlicher Berater. Lange vor der Reise, bevor wir losflogen in Deutschland, haben mir gute Freunde aus der Musikwelt von diesem guten Freund in der Hauptstadt von Oman nur Gutes berichtet. Ein kluger Mann sei er, weltläufig, gebildet. Ich habe ihn leider nicht kennengelernt. Er blieb die ganze Zeit über unsichtbar.

Dass er aber dagewesen war, wird bezeugt, zum Beispiel von den Dekolletés der Rokokoschönheiten, die von einer Probe auf die andere immer kleiner werden. Zentimeter um Zentimeter wachsen die eingelegten Brusttücher. Auch wirken die locker zockenden Studenten in der Kneipe von Amiens, im ersten Akt der Oper „Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini, mit einem Male stocknüchtern. Man muss dazu wissen: Alkoholmissbrauch von Ausländern wird in Oman mit bis zu drei Wochen Gefängnis bestraft, und in diesem Falle könnte die Scharia sogar, auch wenn sich nur gefärbtes Wasser in den Bühnenweinflaschen befindet, von einer Verführung der Omaner zum Alkoholkonsum ausgehen, das wird dann noch teurer.

Die Prostituierten, die im dritten Akt der „Manon Lescaut“ ins Auswanderer-Schiff verladen werden, drosseln ihre obszöne Gestik auf ein Minimum, sie wirken hochgeschlossen. Die allegorische Ballettszene im zweiten Akt, getanzt von zwei männlichen Tänzern, verwandelt sich in etwas Unverständliches, denn auch Homosexualität ist in Oman gesetzlich verboten. Auch der leidenschaftliche Kuss, der die Amour fou besiegelt zwischen dem stürmischen Chevalier des Grieux und seiner entzückenden Manon, bleibt in der Luft hängen. Lippen schweigen, es flüstern Geigen.

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.11.2014 Des Sultans Leidenschaft Große Oper in der Wüste von Oman Der Sultan von Oman hat seinen Untertanen ein Opernhaus geschenkt. Es ist das einzige auf der Arabischen Halbinsel. Dort Puccinis „Manon Lescaut“ zu sehen, ist ein Ereignis, auch wenn leidenschaftliche Bühnen-Küsse streng verboten sind. Von Eleonore Büning.

Nachwort

Inzwischen habe ich gelernt, was ich 2006 noch nicht wusste: dass die Aussprache des Festivals „Muscat Ud“ nicht an Muskat-Nuss erinnern darf, die Hauptstadt von Oman heißt Maskat. Der Sultan hat, so weiß man, einen Zweitwohnsitz in Garmisch-Partenkirchen, wohin ihn manchmal auch eine seiner Musikkapellen begleitet.

Bemerkenswert ist auch der Satz:

Das Sultanat ist eine absolute Monarchie und besitzt gleichzeitig eine Verfassung. Die vom Sultan ernannten Minister und die zwei nationalen Parlamente haben nur beratende Funktion.

Dies schreibe ich ohne Ironie. (Letztes Zitat: Wikipedia „Oman“ s.o.).

Fetisch Vielfalt

Differenzierte Sonderwege statt stereotyper „Meinungsvielfalt“?

ZITAT

Medialer Mainstream baut auf dem System der Massenmedien auf. Allgemein kann er den gedruckten Publikationen, Zeitungen und Magazinen attribuiert werden, welche die höchsten Leserzahlen aufweisen. Für Radio- und TV-Programme kommt demgegenüber die höchste Einschaltquote in Betracht. Medialer Mainstream steht dementsprechend im Gegensatz zu unabhängigen, teilweise auch als Indie-Medien bezeichneten Veröffentlichungen. Vor allem das Internet und im Besonderen die Blogosphere treten dem medialen Mainstream mittlerweile entgegen.

Quelle Wikipedia-Artikel Mainstream

Um es genauer zu sagen: Die irreführende Demonstration von Meinungsvielfalt besteht darin, dass man einer radikalen These ausgleichend eine andere gegenüberstellt, die genau dem Mainstream entspricht, wobei diese Herkunft sorgfältig verschleiert wird. Um doch die geheime Tendenz jedes Menschen zu bedienen, der im allgemeinen erfreut reagiert, wenn er auf Resonanzen stößt.

Nehmen wir die sich zwingend verbreitende positive Haltung gegenüber verschiedensten Glaubensrichtungen, inklusive einem inflationären Gebrauch des Wortes Toleranz. Gewiss: da kann man nichts falsch machen. Problematisch wird es  aber, sobald ich sage: Man muss gar nichts glauben. Das Wort Glauben hat ja seit Jahrtausenden eine positive Propaganda erlebt, man hat es nur nicht so genannt. Werbung. Reklame. Schönfärberei. Ich kann einem ehrenwerten Mitmenschen, der mir mit leuchtenden Augen seine Gläubigkeit demonstriert, nicht einmal im sanftesten Ton zum Einhalt bewegen: Mein Lieber, ich glaube das alles nicht, warum sollte ich? Lass uns lieber das Thema wechseln.

Sage ich „Religionssehnsucht ist einfach Mainstream“ – schon bin ich Ketzer. Oder Schwätzer. Zu meiner Freiheit aber sollte es gehören, Fragen offen zu lassen, ohne dass dies als Schwäche gebrandmarkt wird. Ich will gar nicht stark sein. Darum bin ich noch lange nicht schwach.

Bevor ich nun die Medien schelte, sollte ich erwähnen, wie oft ich bei der Zeitungslektüre sage: dieser eine Artikel – oder nur dieser winzige Hinweis – hat für mich den Kauf der Zeitung gelohnt. Heute zum Beispiel ist es eine ganze Seite der Süddeutschen, die doch von manchen Freunden Mainstream-Sprachrohr genannt wird.

Alarmiert wurde ich allerdings erst, als mein Blick in einem Ukraine-Beitrag als erstes auf die Buchstaben ARD fielen, dann auf den nächsten Absatz, der so begann:

Wer sich ein vollständiges Bild machen will, ist gut beraten, sich nicht nur auf die Mainstream-Medien zu verlassen, sondern auch andere Informationsquellen heranzuziehen (…)

Nun aber wieder eilends ein paar Zeilen zurückspringend:

Die Rüge, die der Fernsehrat der ARD der Ukraine-Berichterstattung der wichtigsten öffentlich-rechtlichen Anstalt erteilte, sollte eigentlich alarmieren. So etwas kommt nicht alle Tage vor und im Focus der Kritik stand nicht der eine oder andere Bericht, sondern das Tendenziöse der Berichterstattung als ganzer.

Wo finde ich das? Zum Beispiel Hier und hier.

Der Artikel beginnt mit einer Diagnose und einem Appell:

Dieses nun zu Ende gehende Jahr bot zahlreiche Gelegenheiten, über die Ursachen und Gründe nachzudenken, die zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges geführt haben. Auch wenn die Kriegsschuld-Frage vielen immer noch als ungeklärt gilt, kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass wechselseitige Fehleinschätzungen, Klischees, Propaganda und ein erschütterndes Maß an Naivität einen regionalen Konflikt zum Weltkrieg haben eskalieren lassen. Im Falle der Ukraine-Krise darf sich ähnliches nicht wiederholen.

Und später heißt es in Bezug auf diese Ukraine-Krise:

Wer sich ein vollständiges Bild machen will, ist gut beraten, sich nicht nur auf die Mainstream-Medien zu verlassen, sondern auch andere Informationsquellen heranzuziehen. In einem von Peter Strutynski herausgegebenen Buch („Ein Spiel mit dem Feuer. Die Ukraine, Russland und der Westen“) analysiert Eckart Spoo, was er als „Medienkrieg gegen Russland“ bezeichnet. Während Kommentatoren zu Beginn des Ukraine-Konfliktes daran erinnerten, „dass Russland bei der Vereinigung der beiden deutschen Statten unter Auflösung des Warschauer Paktes eindeutige Zusagen erhalten hatte, die Nato werde sich nicht nach Osten ausdehnen“, seien Informationen wie diese unterdessen aus der öffentlichen Debatte verschwunden, weil sie „die Absicht störten, die Ukraine ins westliche Bündnis zu integrieren“.

Weitere Details und Buch-Hinweise lese man an Ort und Stelle nach.

Quelle Süddeutsche Zeitung 2. Dezember 2014 (Seite 10) Gewaltige Geländegewinne Der Ukraine-Konflikt im Fokus der Meinungsmache: In den meisten Medien wird das russische Sicherheitsinteresse gegenüber der Nato heruntergespielt, da kommen ein paar andere Sichtweisen als nötige Ergänzung. Von Julian Nida-Rümelin.

Hier nur noch die wiederum sehr bemerkenswerten Schlusssätze des Artikels:

Die genannten Publikationen vermitteln ein einseitiges Bild der Geschehnisse. Aber da die Mainstream-Berichterstattung die journalistischen Gebote der Sorgfalt und Vollständigkeit, der Distanz und Objektivität verletzt, sind sie ein wichtiges Korrektiv. Politische Urteilskraft beruht auf der Abwägung von Gründen und Gegengründen. Publikationen jenseits des Mainstreams sind dafür unabdingbar. Audiatur et altera pars. (J. Nida-Rümelin)

Auf der eigenen Website des Autors http://www.julian.nida-ruemelin.de/ findet man als pdf eine ausführliche Darstellung seiner Sicht der Ukraine-Krise (veröffentlicht in den Frankfurter Heften).