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Gesungene Zeit

Annäherung an Wolfgang Rihm und …

Wohlbedenkend, dass heute Pfingsten ist, überspringe ich einen Schatten – dank des einstündigen SWR-Filmes, den ich gestern konzentriert und in vollständiger Länge angesehen habe (einige Statements daraus hatte ich bereits vorgestern verschriftlicht, ohne das Ganze zu kennen). Mit dem Schatten aber hat es folgende Bewandtnis… nein, ganz kurz gesagt: eine Idiosynkrasie gegenüber der Geigerin und Musikdarstellerin, die der Komponist so sehr bewundert.

Das Thema Zeit ist mir wichtig, weil – im Kontrast und als Ergänzung – die Rekapitulation des entsprechenden ZEIT-Kapitels bei Susanne K. Langer mich begleiten soll. Der Text von Wolfgang Rihm zu seiner Partitur ist hilfreich:

Als Paul Sacher mir im Gespräch Anregung und Auftrag gab, für Anne-Sophie Mutter zu komponieren, memorierte ich blitzartig ungemein energetisch und belebt geführte hohe Töne, die ich von dieser Künstlerin schon vernommen hatte. In ihrem Spiel war mir nie jenes oft virtuosentypische Dünner- und Armerwerden des LANGSAMEN Spiels in der Höhenregion begegnet, vielmehr gerade dort: entlegene Fülle und Lebenskraft. Besonders darin, wenn es um die Gestaltung des Entlegenen selbst geht, wünsche ich mir dessen Darstellung als Akt des Lebendigen. Davon sponn ich weiter. Den Faden? Bis er ausgesponnen?

Das Orchester ist klein, doppelgängerisch geführt. Die Violine spricht ihre Nebenlinie in den Klangraum – schreibt sie dort ein. Eigentlich ist dies einstimmige Musik. Und immer Gesang, auch dort, wo Schlag und Puls den Atem kurz fassen, ihn bedrängen.

Die Linie selbst, ist sie ein Ganzes? Alles ist nur Teil, Segment, Bruchstelle; beginn- und beschlusslos ist es unserer Beobachtung anheimgegeben – wir entwerfen hörend auf ein Ganzes hin, das es nicht gibt. Aber dort muss es sein….

Quelle: s.u. Partituransicht

Das Video I unten im externen Fenster: HIER (Achtung: Ton weg! Werbung am Anfang überspringen! Musik beginnt mit Pause von 16 sec., am Ende bei 14:39 automatische Weiterschaltung vermeiden! per Hand zur Fortsetzung Video II)

Das Video II unten im externen Fenster: HIER 9:53

Zur Partitur-Ansicht: hier

Video III

Soweit ich weiß, habe ich mich früher – wenn überhaupt – eher kritisch mit Anne-Sophie Mutter auseinandergesetzt, kenne aus der Presse allerdings ganz bösartige Verrisse (Düsseldorf), die ich nie und nimmer gutgeheißen hätte. Ich fand ihre Interpretationen virtuos glänzend, aber ziemlich unreflektiert. Als Karajan sie entdeckte, konnte er eigentlich noch nicht ahnen, in welchem Maße sie zu seiner Ära des visuell gestylten modernen Musikbetriebs passen würde. Und wenn ich jetzt Wolfgang Rihm über sie sprechen höre, weiß ich, wie recht er hat hinsichtlich ihrer Einschätzung als „Ausnahmegeigerin“,  höre aber zugleich eine Spur des Tonfalls, den ich schon bei ihrem Anbeter Joachim Kaiser schwer ertrug („prangend jung“ fand er sie, egal in welchem Jahr).

Siehe auch hier „Tennis und Geige“

Oder hier „Lähmendes Lob“

Und im Interpretationsvergleich hier die Beethoven-Sonate op.30,3

Nebenbei: ich habe nichts gegen Frauen, – zu den besten Interpretationen, die mir je begegnet sind, gehören die von Janine Janssen, Isabelle Faust, Carolin Widmann, Julia Fischer und einigen mehr, womit ich nichts gegen wunderbare männliche Geiger gesagt haben möchte…

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Kein Wunder eigentlich, dass man auf Sätze wie die folgenden allergisch reagiert. Was haben denn Katzenohren, die Anzahl der Muskeln, mit denen sie bewegt werden, mit unserem Gehör zu tun, mit unserem Musikhören? Natürlich bin ich bereit, irgendeinen Sinn in den Worten zu suchen, nachdem ich die „Gesungene Zeit“ gehört habe, – vergeblich:

Anne-Sophie Mutter: (7:13) Es ist tatsächlich so, dass die permanente Auseinandersetzung mit ganz unterschiedlichen Stilrichtungen auf jeden Fall zu einer … zu einem erweiterten Gehörgang führt. Wolfgang Rihm sagt das ja selbst sehr schön in einem Interview, in dem er über das Hören, über das Selbst Hören spricht – ich weiß genau, was er damit meint! – ähhm – der Mensch besitzt ja nur 6 Muskeln im Ohr, ne Katze hat 32 – das ist also einfach nur ne metaphysische Beobachtung – die Katze kann ihr Gehör um 180 Grad, ihre Ohren um 180 Grad drehen – ich glaube, dass sich Wolfgang Rihm wie jeder andere äh lebende äh Komponist sehr wahrscheinlich auch wünscht, ist dass wir nicht nur das hören, was wir selber hören, sondern dass mit der … mit dem… vermehrten Kontakt zu dieser fremden Musiksprache sich der Gehörgang ….. weitet, und die Perspektive einfach vergrößert. (Musik düsterer Klang + 1 Klavierton)

Die Fähigkeit, auf der Geige sehr lange sehr hoch und völlig korrekt zu spielen, hat nichts mit verbalem Denken zu tun. Und ein Problem der Neuen Musik ist nun mal – anders als deren Adepten oft glauben -, dass ihre Aufführung kaum von der Interpretation früherer Epochen profitiert und dass auch in umgekehrter Richtung wenig Inspirationen fließen. Es sind Musiken aus verschiedenen Welten, und es geht keineswegs nur um die Vergrößerung der Perspektive: es sind völlig verschiedene Perspektiven. Ein indisches Musikgenie kann nicht viel für die eigene Musik lernen, wenn es regelmäßig Wiener Streichquartette hört; was aber nicht ausschließt, dass dieses Hören in einem langwierigen Prozess erlernt werden könnte. Wenn man genügend Zeit und Ernst investiert, gelingt es jedem musikalischen Menschen, die verschiedensten Perspektiven einzunehmen. Aber das nennt man dann auch schon Bi- oder Multi-Musikalität (Mantle Hood).

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Um auf den Anfang (und Anlass) dieses Artikels zurückzukommen: Der folgende Film war für mich die neue Motivation, über den Komponisten Wolfgang Rihm nachzudenken (nach einer Initiative Mitte der 90er Jahre, als es um die Gesamtaufnahme der Streichquartette mit dem Minguet-Quartett ging, in Zusammenarbeit mit Barbara Wrenger. Oder z.B. hier, im Kontext zu dem Maler Rothko). Es begann mit einem Erschrecken über seine äußere Veränderung, auch einer Irritation durch verschiedene O-Töne, und vertiefte sich erst mit der Rekapitulierung einer Lebensphase um 1965, die mir aus ganz anderer Blickrichtung in deutlichster Erinnerung  ist.

 Aufrufbar HIER.

Ein paar Notizen Ende Mai, noch ehe die Sendung als Ganzes „absolviert“ war :

ZITATE

A die berühmte Solistin

3:05 (Frage: Wie fühlt sich das an als Interpret?) (Auflachen) Erstmal wahnsinnig erschreckend, für mich immer wieder, zutiefst erschreckend, die eigenen Grenzen so ganz direkt (schaut durch gespreizte Finger) vor Augen zu sehen – die eigenen Grenzen – so eine Partitur schnell zu erfassen ähhh die Logik, die man immer sucht … zu finden oder einen gewissen hmmm architektonischen Aufbau, Zusammenhänge: das kann Wochen dauern, das kann Monate dauern… (3:40)

B (der Intendant über Erfolg) [nicht transkribiert]

C die Journalistin

Ab 5:23 Rihm hat halt diese unmittelbare Kraft … ich benutze gern den Ausdruck „haptisch“ dafür, seine Musik hat tatsächlich was Körperliches, was man …. wenn Sie sitzen im Konzert und hören das live, Sie können sich das vorstellen, wie man sich ne Architektur vorstellt, also es hat etwas … es fasst uns an, aber wir können es auch anfassen, also diese un-gegenständliche Luftkunst, es sind ja nur Schallwellen eigentlich. Und das ist etwas, was zu tun hat damit, dass er zu Hause ist in der abendländischen Musik, und deswegen kann er ausdrücken, was er ausdrücken möchte. Das ist … ein Phänomen. (hoch 2. Klavierkonzert)

D der Schüler von einst, heute als Komponist selbst sehr bekannt:

6:17 Es kommt mit einer unglaublichen Wärme und gleichzeitigen Fremdheit einem entgegen, und kommt einem auch gar nicht entgegen, manches ja, manches bleibt auch fremd – (Musik Klavierkonzert hoch) 6:34 Aber WENN – und grad im Rihmschen Fall ist das nun wirklich oft der Fall, dass es eben im Stück einen Moment, eine Insel gibt, wo man denkt: Tja – unerhört! im Wortsinne, ja? (Klavier) Was passiert jetzt grade? (Klavier) Ich saß so oft in Rihmstücken in einem Konzert, wo ich dachte – oh Gott, was macht das mit mir grade? Ja das … Ich weiß es nicht, ich weiß noch nicht mal, ob das was Gutes grad mit mir macht, aber es macht ….. sehr viel mehr als mir manche andere Musik, also als manche andere Musik in unserer Zeit mit – mit mir macht. –

A die berühmte Solistin

7:13 Es ist tatsächlich so, dass die permanente Auseinandersetzung mit ganz unterschiedlichen Stilrichtungen auf jeden Fall zu einer … zu einem erweiterten Gehörgang führt. Wolfgang Rihm sagt das ja selbst sehr schön in einem Interview, in dem er über das Hören, über das Selbst Hören spricht – ich weiß genau, was er damit meint! – ähhm – der Mensch besitzt ja nur 6 Muskeln im Ohr, ne Katze hat 32 – das ist also einfach nur ne metaphysische Beobachtung – die Katze kann ihr Gehör um 180 Grad, ihre Ohren um 180 Grad drehen – ich glaube, dass sich Wolfgang Rihm wie jeder andere äh lebende äh Komponist sehr wahrscheinlich auch wünscht, ist dass wir nicht nur das hören, was wir selber hören, sondern dass mit der … mit dem… vermehrten Kontakt zu dieser fremden Musiksprache sich der Gehörgang ….. weitet, und die Perspektive einfach vergrößert. (Musik düsterer Klang + 1 Klavierton)

B Intendant Neue Musik

8:38 Neue Musik, die wichtig ist, muss eine Grenze berühren. Sie muss an einen Ort geraten, hinter dem etwas Unbekanntes liegt. Ob es die Grenze überschreitet, das ist nicht immer möglich. Aber dieser Punkt muss erreicht werden, wo man spürt: Hier geht es … nicht weiter, – vorerst, ja? Aber die Musik zeigt diese Grenze auf. Warum ist das wichtig, dass wir einen neuen Ort erreichen oder an eine Grenze kommen? Weil es etwas erschließt, was noch nicht dagewesen ist. Das war aber schon immer so, muss ich sagen, ja, auch Beethoven musste mit jedem Werk eine Grenze erreichen.Er hat nicht immer wieder die Revolution ausgerufen in jedem Werk, aber immer wieder doch einen Ort gesucht, an dem der Hörer noch nicht hat sein können. Ich glaube, bei Wolfgang Rihm ist es so, dass der Weg an die Grenze eigentlich immer durch ihn selbst hindurchführt, also ein eigenes Hören beinhaltet, das, was er schon kennt, muss er sozusagen überwinden und an einen Ort dahinter kommen. 9:39

(Autobahn, IC u.ä.)

10:25 (Komponist Wolfgang Rihm heute)

(Sein ganzes Leben lang ein einziges Stück!) Woher kommt so ein Satz? aus der Gewissheit, dass die Stücke, die man schreibt, die Generation der nächsten Stücke bedeuten … das heißt, sie bringen das Fragepotential und das Aktionspotential für das nächste hervor.

Also dadurch dass etwas entsteht, entsteht etwas (Gesten), wird etwas entstehen. Wenn nichts entsteht, oder wenn man zu lange an etwas rummacht, dann … versiegt das ganze. Es ist … ein Strom der Hervorbringung, der sich selbst generiert. (Klavier + Geige „Phantom und Eskapade“)

11:30 … der Schaffensprozess selber ist eine Flüssigkeit, im Strom, die Rezeption ist immer strömungsbedingt, ämm das meine ich mit liquid, es ist nichts Festes, es ist nichts schön Gestaltetes, (Quadratbewegung der Hände) architektonisch Geformtes, Betretbares, Räumliches, es sind vage (parallele Bewegung der Hände) schwebende Schollen, …. ein Geschiebe, ein ständiges Geschiebe (lächelt) 12:08 (Szenenwechsel)

12:09 (der junge Komponist W.R., am Klavier sitzend)

Es ist wirklich so, dass es bestimmte Suchbewegungen gibt, die kann man eh fast mit zufälligen … unwillkürlichen Reaktionen umschreiben. So dass ich eine Art des Tastens am Objekt selber als Suchbewegung wahrnehme und versuche, die in irgendeiner Form zu fixieren, dies in die Luft Greifen, das sich sicher irgendwann mal in irgendeiner Weise manifestieren wird, so (schlägt Klavierakkord an) dann ist eben das da, und jetzt brauchts eben ganz lange Zeit (Anschlag) bis ich weiß, es kann stundenlang der wiederholte Klang sein der natürlich in der Vorstellung sich immer wieder neu instrumentiert (Anschlag) der wird dann – Streicher – Mischung mit Bläsern – räumlich – 1 Ton kommt vom Tonband aus der Ecke – 1 Ton von da – ein Körper entsteht wie im Hirn eine Räumlichkeit im Kopf darstellt (13:27)

(folgt wieder Intendant Neue Musik)

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Stichworte zum weiteren Verlauf des Films

Ab 18:22 Stockhausen – ein Journalistin fragt ihn: „Versteht das Publikum überhaupt die neue Musik?“ (Antwort u.a.: „Das weiß ich wirklich nicht.“) Rihm über diese Zeit 19:53 Donaueschinger Musiktage 1965. Aufführung der „MOMENTE“ mit Martina Arroyo. Bis 21:06

JR Für mich ist die Zeit eingetaucht in eine bestimmte Atmosphäre, die  hier und hier anklingt. Die „Momente“ und „Gruppen“ habe ich mir damals aus dem Radio aufgenommen und oft gehört. In Darmstadt u.a. Ligetis „Atmosphères“ im Konzert gehört, ihn selbst kennengelernt, Charles Ives „Three Places“ unter Pierre Boulez , Aribert Reimann im VW-Käfer zum Bahnhof gefahren…

Ich hatte zu Beginn des Studiums in Berlin 1960 in meiner frühen Begeisterung für die neue „Musik der Zeit“ einen Dämpfer bekommen, als es nämlich so schien, als ob die Serielle Musik das letzte Ergebnis der revolutionären Entwicklung sein sollte. Hätte ich geahnt, dass sich ganz andere Strömungen Luft verschaffen würden, wäre ich glücklich gewesen. Ligeti z.B., – Boulez „Le Marteau sans Maître“ jedoch hörte ich zwar oft, es interessierte mich aber eher pflichtgemäß, weil ich „Struktur der modernen Lyrik“ gelesen hatte.

22:11 Björn Gottstein über Radikalität, wahnsinnig hohes Niveau, elitären Gestus 22:54 Hans Otte am Klavier 23:19 Gottstein: das Entscheidende bei Rihm, wenn wir mal ein bisschen zurückschauen… als Neue Musik drohte zu ersticken: ich will nicht mehr mit System komponieren. „Es ist, wie es ist, weil ich es so gemacht habe.“ …banale Tautologie bzw. ungeheure Provokation, er beruft sich auf sich allein, sein Ausdrucksbegehren – erzeugt die Musik. /Streichquartett in G, Jugendwerk 1966/ ab 24:30 Büning, Rihm habe von Anfang an auch tonal komponiert, die klassische Formatwelt bedient. 24:55 Skandal so verständlich, so sinnlich, so wuchtig, so haptisch, … dass es den Menschen sofort erreicht über alle Regeln hinweg… MUSIK Film Autobahnkreuz, Verkehr beschleunigt, Hochschule für Musik Karlsruhe, Rihm Professor / 25:50 Sein ehemaliger Student Jörg Widmann über Unterrichtssituation: „Was haben wir gehört? Warum stimmt es?“ Widerspruch der Studenten, aber: es geht um „produktive Verunsicherung“. 27:53 Zitate: „…der größte lebende deutsche Komponist?“ „…damals hatte ich noch wesentlich mehr Pfunde…“ Szene ZUHAUS. 29:31 Oper „Jakob Lenz“ Stuttgart 2014 mit Georg Nigl, Bariton [siehe „Bach privat“-CD]  bis 30:11 dann Frau Rihm über sein Komponieren, Winterspaziergang, Rihm übers Komponieren, nur Versuche, „dem Lebensprozess selber“…  34:00 Elbphilharmonie-Eröffnung „Reminiszenz, Triptychon und Spruch in Memoriam H.H. Jahnn“ 34:30 Büning „dass er einen Block Musik in sich hat, alles muss raus“ 35:47 „aber auch sophisticated“ 36:23 Gottstein „intelligent, sprudelt “ 36:54 Anna Prohaska erzählt und singt eine Zeile aus op.1 Text von Trakl „Untergang“: „Unter Dornenbogen / O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht“ 38:05 Jörg Widmann mit Klarinette, wie die Idee des Klarinettenkonzertes entstand. „So, und jetzt gehn wir was essen!“ 39:38 Anne-Sophie Mutter über „Gesungene Zeit“ – 43:07 „Bei dem Anfang von ‚Gesungene Zeit‘ sollte es mindestens 30 sec dauern, jetzt zählen Sie mal (43:20 sie spielt fis“ auf der A-Saite) eigentlich nicht zu schaffen (a“‘ —- h“‘ ) 43:47  es ist wirklich ein Ruf ins All … mit überhaupt … einer völligen Abwesenheit von Zeitmaß … dieser Ruf … der da irgendwo … verpufft – und dann geht’s weiter (fis“‘– h“‘ — a“‘– e““— cis““‘ — f -) eruptiv … und doch völlig elegisch schwebt es vor sich hin, das Stück ist in stratosphärischer Höhe geschrieben ähm wohl weil meine Stradivari einen sehr schönen Klang in dieser stratosphärischen Höhe besitzt, einen Klang, der auch nie dünn wird. Aber der Nachteil dieses spezifisch auf die Fähigkeiten meiner Geige, und vielleicht auch meine Fähigkeiten, ist es, dass es nur wenige Kollegen gibt, die sich in dieser Höhe schwindelfrei und gern bewegen. In gewisser Weise hat das sicherlich zu einem etwas beschränkteren Umfang des Kollegenkreises führt, der Wolfgang Rihms ‚Gesungene Zeit‘ spielt.“ 45:03 Ausschnitt „Gesungene Zeit“ Waldbilder + Schwenk Innenraum Jörg Widmann, Partitur. 45:45 „Das ist genau dieses Stück, wo er gesagt hat. „Mensch, ich muss was für dich schreiben“ etc. (Rihm komponierte für ihn 22 Stücke) 40 Minuten „Da habe ich erstmal zum Rauchen aufgehört. Ich hab das richtig sportlich bewältigen müssen, so’n Stück gab’s noch gar nicht!“ 47:28 Oper „Ödipus“

(Fortsetzung folgt)

ROT! und tot!

Beim Lesen eines Artikels über Rothko

Nach wie vor ein ungutes Gefühl beim Repetieren der eigenen Kritik an Wolfgang Rihms Streichquartett-Titeln „Ohne Titel“ und „Blaubuch“. Und nun der Blick auf das rote Bild im Feuilleton der Süddeutschen. Oder ist es orange? Darunter:

„Untitled“ (1970), Mark Rothkos letztes Bild. Kurz nach der Fertigstellung nahm er sich das Leben.

Kann es da noch ein Zurück geben? Nie habe ich diesen Eindruck vergessen, der sich bei der Lektüre des Buches „Sehen“ von John Berger einprägte (das war 1974):

Berger Van Gogh

Ja, und als ich die Seite umgewendet hatte, war das gleiche Bild zu sehen und darunter stand:

Dieses Bild ist das letzte Werk Vincent van Goghs, bevor er Selbstmord verübte.

Es fällt schwer, genau zu beschreiben, wie der Text den Bildeindruck verändert hat, aber zweifellos hat er ihn verändert. Das Bild wirkt jetzt als Illustration des Textes.

Es gibt also keinen Ausweg, ich muss alles lesen, jede Zeile zwischen den Zwischenüberschriften: „Rothko ignorierte alle malerischen Regeln und folgte einzig seinem sinnlichen Impuls“ bzw. „Die Spannung zwischen Bild und Betrachter ist so groß, dass man Scheu hat dazwischenzutreten“.

Quelle Süddeutsche Zeitung 9. Dezember 2014 Seite 11: Der Mann, der die Farben befreite Das Gemeentemuseum in Den Haag feiert Mark Rothko mit einer hervorragenden Retrospektive – und stellt seine Werke denen eines anderen Großmeisters der Abstraktion gegenüber: Piet Mondrian. Von Gottfried Knapp.

Mondrian hat in „Victory Boogie Woogie“ sein Koordinatensystem so unter Strom gesetzt, dass dessen Elemente rhythmisch zu tanzen beginnen. Das zugrundeliegende Leinwandquadrat hängt mit einer Ecke unten an der Wand; die wir üblich senkrecht und waagrecht verlaufenden Linien durchqueren das auf der Spitze stehende Quadrat also diagonal. Sowohl die Linien als auch die von ihnen umschlossenen Rechteckfelder sind in kleinere rote, gelbe, blaue, schwarze oder weiße Quadrate aufgesplittert. Die durchgeklügelte Komposition entwickelt also einen pulsierenden Rhythmus. In diesem Spätwerk wird also exemplarisch vorgeführt, was mit strengen formalen Kalkulationen an animierenden Wirkungen möglich ist. Das war 1944.

26 Jahre später lässt Rothko auf einer hellrot grundierten Leinwand zwei aggressive rote Farbflächen, die sich aus der Ebene herauszuwölben scheinen, so aufeinanderprallen, dass man sich als Betrachter wie von einem Blutstrom bedrängt fühlt und unwillkürlich einen Schritt zurücktritt.

Was soll man dazu sagen? Böse Bemerkungen über zeitgenössische Ästhetik liegen auf der Hand. Dermaßen auf der Hand, dass man sie unmöglich verwenden kann. Hatte ich nicht gestern noch einen Artikel gelesen mit der Überschrift: „Am Ende bleibt die Proportion“ und weiter: „Wolfgang Rihm findet die Schönheit in der Verhältnismäßigkeit“ ? (Johan Schloemann in SZ 8.12.14 Seite 10).

Der Komponist polemisierte zwar scharf gegen die Vorstellung, Schönheit mit „Entspannung“ gleichzusetzen. Aber er beharrte eben auch auf der Bemühung, dass „die Mittel zum Dargestellten“ in Relation bleiben.

Aber vielleicht resultiert sie doch aus dem Wechsel der Mittel zwischen Spannung und Entspannung? Warum nicht noch dazu … ein Gränchen „Inhalt“??? fragt der von Natur aus weniger leidenschaftlich veranlagte Bürger?

Erfährt man dann, dass Rothko wenige Tage nach Vollendung dieses Bildes in seinem Atelier in einer riesigen Blutlache liegend aufgefunden wurde – ein inszenierter Selbstmord vor und auf der Leinwand? – , dann bekommt die Vermutung, dass sein Hantieren mit Farben immer tief im Existenziellen und Emotionalen verankert war, eine schockierende Bestätigung. Deutlicher lassen sich die fundamentalen Gegensätze, die sich zwischen den Methoden der beiden Großmeister der Abstraktion auftun, nicht vorführen als in dieser Gegenüberstellung ihrer letzten Gemälde.

Quellen s.o. SZ 9.12.14 / und: John Berger: Sehen Das Bild der Welt in der Bilderwelt Rowohlt Reinbek bei Hamburg 1974 ISBN 3 499 16868 5 (Seite 27 f)