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Symphonie-Orchester

Musik und Politik

Es kommt nicht häufig vor, dass in einer politischen Kolumne ernsthaft über „ernste“ Musik gesprochen wird. Ich kann die Journalistin Carolin Emcke gar nicht genug loben. Ja, ich habe auch gelesen, was Jan Fleischhauer gegen ihren angeblichen Betroffenheitsjournalismus geschrieben hat (Spiegel online 4. November 2014), aber es hat mich „irgendwie“ kalt gelassen. Während diese Zeilen mich mit nachhaltiger Freude erfüllen:

Und doch zeigt sich mir im Angesicht der Krisen dieses Jahres auch etwas anderes, etwas, das leiser, aber gewisser daherkommt: wie kostbar Europa ist. Früher, wenn ich von den Reisen als Reporterin aus Kriegsgebieten zurück nach Berlin kam, wurde ich oft gefragt, was sich verändert hätte: ob mir der hiesige Wohlstand befremdlich geworden sei oder die hiesigen Debatten?

Früher waren es sehr konkrete, spezifische Dinge, die mir wertvoller geworden waren: eine Heizung, die aktuelle 11 Freunde und, mehr noch als alles andere, Radio-Symphonie-Orchester. Wenn mich irgendetwas rührte, jedes Mal, wenn ich zurückkehrte aus Gaza oder dem Irak, dann dies: Dass es hier nicht nur den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, nicht nur exzellente Programme, sondern das die Sender sogar eigene Orchester unterhalten. Dass eine Gesellschaft in Musik etwas erkennen kann, das eine Notwendigkeit ist. Das war (und bleibt) unfassbar schön.

Heute ließe sich das alles immer noch sagen. Aber nun, da der Krieg nichts mehr ist, zu dem ich hinreise, nun, da Tod und Zerstörung so nahe gerückt sind, ist das Bewusstsein für das eigene Glück gleichsam umfassender: (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung Samstag/Sonntag 20./21. Dezember 2014 (Seite 5) Europa, ein Glück Nicht alles ist perfekt in dieser Völkergemeinschaft, nur eines: Das Versprechen von Menschenrechten und Aufklärung gilt. Von Carolin Emcke.

Trotzdem bleibt ein winziges Defizit: hier sind nur die Rundfunk-Sinfonieorchester erwähnt und in einen großen Horizont einbezogen worden. Natürlich: der Ärger über die heimtückische Niederstreckung des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg bleibt unter Musikern im ganzen Land virulent. Aber in diese Kulturlandschaft, die niemals zerstört werden darf, gehören auch kleinere Einrichtungen, sagen wir: die Bergischen Symphoniker (Solingen / Remscheid) mit exquisitesten Programmen und starken Ensemble-Leistungen, die Angebote der Kölner Philharmonie, sagen wir: 3 Mozartsche Spitzenwerke an einem Abend (Hagen-Quartett 25. Februar 2015). Man muss die Filigranarbeit dieser Kammermusik kennen, um zu ermessen, was es bedeutet, dass an diesem Abend an die 2000 Menschen atemlos zuhören werden. Dafür gibt es gar keine Worte. Auch, dass es immer noch private Streichquartette im Lande gibt, die jetzt schon genau diese Stücke erarbeiten, um den Ernstfall eines solchen Konzertes dann auf höchstem Niveau – aktiv hörend – mitzuerleben.

Zurück zu einer Politik und einem Journalismus, die/der davon weiß:

Heute (…) ist das Glück gleichsam umfassender: als Europäerin geboren zu sein, mit Strukturen der Staatlichkeit, denen es nicht jeden Tag zu misstrauen gilt, mit stabilen Grenzen, die nicht jeden Tag aufgelöst und verschoben werden, mit einer Rechtsordnung, wonach einzelne Handlungen individuellen Tätern zugeschrieben gehören und nicht ganze Kollektive oder Landstriche in Geiselhaft genommen oder bestraft werden dürfen.

Quelle (wie oben)

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Protest gegen diesen Blogbeitrag (erhalten am 21.12.2014)

Heute hab ich einen Blogbeitrag von Ihnen gelesen, und es ist einer der sehr seltenen Fälle, dass ich ernsthaften Widerspruch anmelde und gar nicht einverstanden bin mit dem, was Sie schreiben. Ich halte Carolin Emcke generell für eine dieser dumpfen Edelfedern, die von nichts richtig Ahnung haben, mit ihrem selbstvergewissernden Halbwissen aber die Feuilletons vollschreiben dürfen. Was sie hier begrüßt, ist doch nur die Bauchnabelschau der bürgerlichen Mittelschicht, eine Art Pegida für Fortgeschrittene, man will etwas erhalten, von dem man einerseits keine Ahnung hat, dem man andrerseits aber eine gewisse Bedeutung zuerkennt. Wenn man von den Kriegsgebieten der Welt zurück an den heimischen Herd kommt, verschafft es einem Wohlgefühle, sich der Segnungen der Bürgerlichkeit zu bedienen, Heizung, Fußball, Mozart. Schlimm genug, aber dass dies dann noch in Stellung gebracht wird, nämlich als das „kostbare Europa“, also als gegen etwas anderes gerichtete Konstruktion (gegen „das Fremde“), das ist doch ganz furchtbar und ekelhaft! Dem würde ich kein bisschen zustimmen. Da ist Frau Emcke mit ihrem Gefasel von „unfassbar schön“ und „Völkergemeinschaft“ eben nicht nur ganz nah bei Pegida, sondern auch bei all diesen Idioten, die sich wohlig in ihre Konzertsitze zurücklehnen, wenn Mozart „läuft“, weil das ja „so schön“, „so beruhigend“ sei – während es da, um Harnoncourt zu zitieren, in dem Beginn der g-Moll-Symphonie eben nicht um Wohlgefühl, sondern gewissermaßen um Leben und Tod geht. Das ist doch das große Missverständnis des ganzen klassischen Konzertbetriebs: dass die meisten diese Musik als nette Freizeitbeschäftigung, als „Ausgleich“ für ihre harten Jobs begreifen. Während es doch eben bei den großen Werken um „alles“ geht, um das pathetisch zu sagen. Ich habe oft das Gefühl, wenn ich in der Staatsoper oder der Philharmonie sitze, dass da die falschen Leute sitzen. Leute, die nichts verstehen, und die auch nicht bereit sind, etwas zu verstehen.

Das ist z.B. beim Artemis Quartet ganz anders, oder bei den meisten Klavierabenden, oder natürlich bei Konzerten oder Opern mit zeitgenössischer Musik (oder Werken der klassischen Moderne, etwa Bergs Opern), damit kann man nicht „renommieren“; da sind viel mehr Musikliebhaber, denen es um die Werke und die Interpretation geht.

Wie Sie sagen: man muss die „Filigranarbeit dieser Kammermusik kennen“, um ihre Qualität erfassen zu können. Man muss sie also gelernt (wegen mir: kennen gelernt) haben, sonst wird man nicht viel davon verstehen (und vielleicht dennoch die Schönheit der Musik sinnlich erfassen können). Also wieder: BildungBildungBildung…

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Nachtrag 7. Mai 2016 (Nachlese)

Ich manchen Fällen kann ich mich selbst nicht mehr verstehen. Weshalb ich den einen Artikel vor anderthalb Jahren mit unzureichenden Gründen gut fand, während der andere mich „irgendwie“ kaltgelassen hat, wobei mir diese Anführungsstriche heute als Andeutung von Selbstironie besonders dürftig erscheinen. Zumindest hätte ich einen Link zum Artikel von Jan Fleischhauer setzen sollen, um eine Relativierung meiner Beurteilung leicht greifbar zu machen, auch für mich selbst. Also bitte sehr: hier!

Wenn irgendjemand sich positiv zur klassischen Musik äußert, ist das noch lange kein Grund, sich betroffen zu fühlen. Wie viele Menschen loben „die Kultur“ und „das Kulturprogramm“, fabrizieren gar selbst das „Kulturradio“  und haben keinen Begriff, wovon sie reden.

Sollen sich doch die Geister scheiden an Sätzen wie diesen:

„Poverty Porn“ heißt in den USA der Fachbegriff für einen Betroffenheitsjournalismus, der bei seinen Lesern das gute Gefühl hinterlässt, durch Lesen den Zustand der Welt verbessert zu haben. Auch für Journalisten ist diese Art der Anteilnahme relativ einträglich: Um Preise abzuräumen ist die Armutsreportage jedenfalls tausendmal geeigneter als die nüchterne Zustandsbetrachtung, die quer zu den Erwartungen des Publikums liegt.

(Jan Fleischhauer)