Kategorie-Archiv: Medien

Sprechen (Schreiben) über MUSIK I

Eine Radiosendung (SWR2) vom 4.1.2017

(Nicht autorisierte Abschrift JR Ende Januar, noch nicht fertig korrigiert)

SWR2 Konzerteinführungen Screenshot 2017-02-01 06.54.18 Screenshot – Nicht hier links anklicken, sondern nach Lektüre des Textes unten: HIER! Auch zum Vergleich: Was bringt das stumme Lesen, und was der mündliche, persönliche  Vortrag?

Es diskutieren:
1 Dariusz Szymanski – Redakteur und Dozent, Festspielhaus Baden-Baden, 2 Dr. Christiane Tewinkel – Musikkritikerin, Musikwissenschaftlerin, Universität der Künste, Berlin, 3 Folkert Uhde – Konzertgestalter, Radialsystem Berlin, Festivalleiter in Köthen, Nürnberg und Feldkirch
4 Gesprächsleitung: Ursula Nusser

Der Traum vom wissenden Publikum. Wer braucht Konzerteinführungen und Programmhefte?

Am Mikr.: Ursula Nusser.

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit, hat Karl Valentin einmal gesagt, und wer vom Konzert etwas haben will, sollte nicht einfach so hineinspazieren. Was man wissen soll, hat ein Musikwissenschaftler einmal im Programmheft geschrieben, und immer öfter führt er auch leibhaftig in einem Seitenfoyer in das Programm des Abends ein. Das Ganze scheint zu funktionieren. Die Programmhefte werden wie eh und je, und die Konzerteinführungen sind erstaunlich gut besucht. Musik für alle steht als Motto über diesen Aktivitäten, aber wer wird davon tatsächlich erreicht? Kann man über eine Haydn-Sinfonie oder über Bachs Matthäuspassion wirklich so sprechen und schreiben, dass auch Leute mit wenig Hörerfahrung etwas davon haben? Und braucht man wirklich Vorkenntnisse, um sich in einem Konzert nicht zu langweilen? Darüber diskutieren wir in diesem SWR2-Forum. Meine Gäste (siehe oben)…

Christiane Tewinkel hat jetzt ein Buch geschrieben mit dem Titel: Muss ich das Programmheft lesen? Verraten Sie mir doch gleich einmal: Muss ich das Programmheft lesen?

2:04 (Tewinkel) … wenn einem das Werk rätselhaft erscheint… wenn man besonders begeistert ist, liest man auch besonders gern das Programmheft…

2:28 (Uhde) im Radialsystem gibt es keine Programmhefte… warum verzichten Sie darauf? Weil wir keine öffentlichen Subventionen bekommen zum Beispiel.Wir haben leider keine dramaturgische Abteilung, die uns mit diesen Informationen versorgen würde und auch keine Hausdruckerei, die uns dann ein schönes Programmheft druckt. Aber darüberhinaus bin ich persönlich der Überzeugung, dass Musik schon auch für sich selber sprechen kann, und wenn man weitere Informationen haben möchte, kann man auch schnell zu seinem Smartphone greifen und sich die selber recherchieren. Bei den Festivals arbeite ich ganz anders, dort in den Programmbüchern, die wir da machen, ganz andere Zugänge zu finden, die sehr viel persönlicher sind, zum Beispiel im Gespräch mit einem Interpreten. Weil ich finde eigentlich, die Verbindung mit der Persönlichkeit eines Interpreten und seines ganz persönlichen Ansatzes oder Zugriffs auf dieses Werk interessanter als eine rein musikologische Einführung, die interessant sein kann, aber wahrscheinlich nur für einen ganz kleinen Teil des Publikums. So viele Leute lesen das gar nicht, was ich auch bei mir selber schon festgestellt habe, dass ich nach der vierten oder fünften Zeile ins Stocken gerate und denke, hm, so richtig weit bringt mich das nicht, weil der Kollege, der das geschrieben hat, schon zuviel voraussetzt, also selbst für mich zuviel voraussetzt.

3:50 Herr Szymanski, Ihre Konzerteinführungen im Festspielhaus B.B. sind Kult, Sie schreiben aber auch Texte für Programmhefte. Halten Sie das Programmheft auch für überschätzt?

4:05 (Sz:) Nein, ich glaube, es gibt verschiedene Gründe, warum das Programmheft ein gutes Medium ist, und es sind nicht immer nur vernunftmäßige Gründe, es ist z.B. zunächst ein Grund des Rituals: ich geh in ein Konzert und muss mich konzentrieren, muss mich ein bisschen sammeln, und da ist und mich irgendwo in eine Ecke zu stellen und ein bisschen zu lesen. Eine Möglichkeit sich zu sammeln, in sich zu gehen, das ist ja erstmal nicht schlecht.

4:29 (Tewinkel) Die Frage des Ortes und des Zeitfensters, in dem das Programmheft gelesen wird, ist eine ganz wichtige. Meistens wübnschen sich die Veranstalter, dass das tatsächlich vor dem Hören der Musik geschieht. Und so ist es historisch auch entstanden, zur Vorbereitung auf Konzerte. Wenn wir aber an den konkreten Konzertabend denken, ist es oft ein Din der Unmöglichkeit, die Leute kommen an, sie geben den Mantel ab, ich sag jetzt ganz pragmatische Dinge, sie begrüßen Freunde, mit denen sie sich verabredet haben, sie trinken noch etwas, sie gehen dann in den Saal, und man kommt ja selten in einen Konzertsaal und dort ist es wie in einem Lesesaal in der Staatsbibliothek, die Leute unterhalten sich stattdessen, sie kucken ein bisschen, wer ist noch da, wie ist die Bühne aufgebaut usw., und ich vermute, dass nur ganz wenige Leute diesen Zeitrahmen wählen, um sich dem Programmheft zuzuwenden. Und wenn sie’s tun, sind die Programmhefttexte meistens zu komplex und auch zu lang, um noch ganz in Ruhe durchgelesen zu werden, und das bedeutet, ich verlagere das entweder in die Pause, die Pause hat aber auch wieder andere soziale Funktionen, oder ich verlagere es auf die Zeit nach dem Konzertabend. Manche Leute nehmen tatsächlich das Heft auch mit nach Hause, aber wieder wäre zu fragen, wie Herr Uhde es angesprochen hat: Lesen sie dort das Heft tatsächlich?

5:40 (Nusser) Es gibt ja auch die Menschen, die das Programmheft dann während des Konzerts lesen, und da denke ich mir manchmal, es wäre gut, Programmhefte zu verbieten. Weil das Rascheln kann einen enorm nerven…

5:52 (Uhde) Das berühmte Rascheln, da kann man sich natürlich drüber ärgern, aber es gibt dann ganz tolle Gegenmaßnahmen, die aber viel zu wenig, dann bei uns im Radialsystem ergriffen werden, bei uns im Radialsystem ist es z.B. so, selbst wenn es ein Programmheft gäbe, in der Regel das Publikum überhaupt nicht die Chance hätte, dieses zu lesen, weil wir das Licht im Saal ausmachen und die Bühne sehr präzise beleuchten. Also gibt es eine Wechselwirkung zwischen einigermaßen interessant oder weniger interessant gespielter Musik, der Aufmerksamkeit des Publikums, wo aber noch solche Faktoren mit hineinspielen, wie ist eigentlich der Raum beleuchtet, wie leite ich die Konzentration des Publikums…

6:24 (Tewinkel) Eine andere Sache ist die: wird das gemocht, wenn gelesen wird während des Konzertes? die Konzertveranstalter selbst, das hat mir einer wörtlich gesagt, sehen es nicht gerne, weil es als ein Zeichen gesehn wird, dass die Musik selbst nicht besonders spannend gefunden wird.

6:38 (Nusser) Also, Herr Szymanski, man liest im Programmheft, wenn man sich langweilt.

(Szymanski) Na ja, ich überlege grade, bei uns speziell im Festspielhaus ist es so: wir haben Kurztexte, die man in einer Minute vorher lesen kann, dann hat man das Wichtigste, ich hab mal über einen Liederabend geschrieben, es war tatsächlich „Die schöne Müllerin“, diesen Liederzyklus, und ich hab das so gemacht, dass ich keinen großen Text über diese Schöne Müllerin geschrieben hab, sondern zwei, drei Sätze, so dass ich mir gedacht hab, o.k., so kann der Mensch vielleicht in 30 Sekunden mal diese zwei Sätze durchlesen und ist vorbereitet für das nächste Lied.

7:15 (Tewinkel) Das ist eine Entwicklung der letzten Jahre, und die führt eigentlich auf wunderbarerweise zurück auf die Anfänge des Programmheftes, die Anfänge bestanden nämlich tatsächlich in solchen kurzen Texten, die dann untermischt waren mit Notenbeispielen, d.h. Man konnte den Text anschauen und dem Werk folgen, indem man sich durch die Seiten arbeitet. Und das Problem heute bei den Erläuterungstexten ist leider auch, dass sie oft dem Aufbau des Werkes nicht folgen. Manche Texte beginnen mit dem Finale, oder manche Texte beginnen mit einem Rundumblick, der verschiedene Themen verfolgt, durch das Werk hindurch, und dann kann man gar nicht gut an den Sätzen entlanghören mit Hilfe des Textes.

7:48 (Nusser) Herr Uhde, seit wann gibt’s denn überhaupt Programmhefte?

Ich denke, dass es mit dem beginnenden 19. Jahrhundert angefangen hat, also 1830er Jahre wurde das immer stärker, parallel zur Erfindung des Reiseführers, der berühmte Bädeker, der auch durch die Landschaft führt, indem er sagt, ich gehe ein Stück auf den Hügel und wende mich nach links und sehe eine Kirche aus dem 11. Jahrhundert, so ähnlich waren diese frühen Programmhefte oder Programmbücher gestaltet, wirklich als Führer durch die musikalische Landschaft, also 1 : 1 in Analogie zu der Abfolge der Musik.

8:19 (Szymanski) Also ich glaube, wenn man das historisch betrachtet, war es meines Erachtens vorzüglich Hector Berlioz, der diesen Begriff des Programms ja auch eingeführt hat, wie er eine Sinfonie geschrieben hat: sie ist nicht selbsterklärend, sondern er hat ein Programm, eine Geschichte in dieser Sinfonie erzählt, und er war glaube ich der Allererste, soweit ich weiß, der tatsächlich ein Programm den Leuten erstmal ausgeteilt hat, in dem er gesagt hat: ohne dies Programm könnt ihr die Sinfonie nicht verfolgen…

(Nusser) also die Symphonie fantastique, (Szymanski) genau, um die handelt es sich, (Tewinkel) dies berühmte rosa Faltblatt, das Hector Berlioz damals ausgegeben hat, 1830 … (Szy) das war rosa? (Tew.) ja, offenbar war es rosa, das überliefern die Quellen, – das ist ein Strang, der das Programmheft ins Leben gerufen hat, und ein anderer Strang ist das tatsächlich Abdrucken von geistlichen Texten bei geistlicher Musik, und natürlich haben wir auch als zusätzliche Spur, dass das Programmheft so eine Art Eintrittskarte war, als Eintrittskarte genutzt wurde, aber später im 19. Jahrhundert, da fängt tatsächlich die Hoch-Zeit dessen an, was wir heute als Programmheft kennen. Das beginnt in England und wird dann von den Berliner Philharmonikern nach Deutschland gebracht. In den 1880er Jahren, da sagte man, nach englischer Sitte möchten wir auch die Programmhefte hier einführen, weil wir uns erhoffen, dass die Leute dann mehr vom Konzert haben.

(Szy) Ja, ich glaub, das hat was damit zu tun, dass diese Musik auch immer komplizierter wird, also ich denke auch gerade – wir wollen hier ja nicht über Opernwerke, an Wagners Musikdramen, wo es plötzlich ganz wichtig wird, dass man im voraus die Leitmotive kennt, und dass man genau weiß, was für Leitmotive das sind, und da haben sich bestimmte Gruppen sogar gebildet, die sich zu Hause getroffen haben, und sich diese Leitmotive erstmal am Klavier vorspielen ließen oder gegenseitig vorgespielt haben, um überhaupt mal Wagners Musikdramen mitzuverfolgen. Dann geht es halt so weiter, dann auch so Sinfonische Dichtungen, wo es auch so Leitmotive gibt, die ja auch erstmal vorgestellt werden, ja, und dann heißt es da, das ist erstmal das Leitmotiv von Pelleas, und das ist von Melisande, wenn ich jetzt an Schönberg denke, usw., das MUSS man vorwissen, also wenn man da das Vorwissen nicht hat, ist man aufgeschmissen, dann setzt man sich hin und langweilt sich gepflegt.

Parsifal Motiv-Tafel

10:23 (Nusser?) Na ja, wenn man die Handlung gut verfolgt, und die Bühne für sich gut spricht, dann kann man schon die Leitmotive für sich aufschlüsseln, aber ich stimme ihnen also zu, natürlich, wer wissend hört, hört noch mehr. Aber ich möchte auch sagen, wenn Sie Wagners Leitmotive ansprechen, da zeigt sich natürlich auch die Abgründigkeit von solchen vorbereitenden Schriften, ja, dass also Leute kommen, und die geben ganz hammerhart inhaltsbezogene Etiketten für diese Leitmotive, und die teilen die aus und die hören die vereinigen sich dann im Wissen um die bestimmten Leitmotive, und wie heißen die und es passiert, dass man winzige Teilchen von den Leitmotiven absplittert und dann kommen da wieder Motive raus, und das verselbständigt sich dann lange nach Wagners Tod, wahrscheinlich nicht von ihm tatsächlich erwünscht, und das führt dann zu einer so festen Gruppenbildung, da kann man fast sagen, dass dann diejenigen, die sich nicht gut auskennen mit den Leitmotiven, oder die nicht sofort aha! schreien, wenn dann ein Leitmotiv mit einem andern sich verbindet, dass die dann sich ausgeschlossen vorkommen. Das ist eigentlich die ganze Sache mit der Vorbildung und dem Vorwissen der Konzertgänger und der Konzertgängerinnen in einem Brennglas abgebildet, diese Sache mit Wagners Leitmotiven.

11:33 (Szy) Aber ich glaube, das ist generell das Problem des Genießens! Wenn ich in ein supergutes Restaurant komme und dort Hummer bestelle, und ich bekomme ein Hummer-Besteck, glauben Sie mir, ich fühle mich da auch ausgeschlossen, ich muss natürlich mit Hummer-Besteck umgehen können, um Hummer bestellen zu können, das Problem bei dieser Musik, oder bei der Musik aus dem späten 19. Jahrhundert ist, dass diese Musik in der Tat erklärungsbedürftig ist, und da ist es natürlich so, dass Leute, die es ein bisschen verstehen, dass die dann mitmachen, und andere Leute fühlen sich ausgeschlossen, man dieses Ausgeschlossensein natürlich dann auch irgendwie forcieren, wenn man am Schluss nach einem Konzert – was ich z.B. ganz furchtbar finde – wenn man so rausgeht und gefragt wird, na, wie fandest du das Konzert? das Konzert fand ich sehr schön, und dann sagt irgendjemand, ja, aber die Geigen waren irgendwie heute total verstimmt, usw., und die Leute, die das nicht hören, sagen hups! und ich fand das grade schön jetzt, – merken die alle, dass ich nicht gut höre. Das Problem hat man immer, in solchen … (alle lachen)

12:32 (Uhde) Ich glaube, die Gretchenfrage ist: Ist denn ein klassisches Konzert für uns ein Bildungsereignis, ein ästhetisches Ereignis? Oder ist es vielleicht mehr ein soziales Ereignis? Und wenn ja, was brauchen wir dazu, um das zu erfüllen? Und die Konzertsituation, die Frau Tewinkel beschrieben hat, ist ja genau die, wie sie normalerweise abläuft: die Menschen treffen sich mit ihren Freunden, sie gehen da hin, sie quatschen bis zur letzten Minute, weil das ja schön ist, wenn man etwas gemeinsam mit seinen Freunden machen kann, – die haben doch überhaupt keine Zeit, sich damit tiefergehend auseinanderzusetzen, und, um nochmal auf Wagner zurückzukommen, also, wenn man eine Umfrage machen würde, beim Bayreuther Publikum heutzutage, ich wär da nicht so sicher, wer da wieviel über die Leitmotive weiß, natürlich gibt es da viele Fans, aber auch sehr sehr viele Menschen, die da einfach hingehen, weil sie einfach dahingehen … wollen.

13:17 (Nusser) Jetzt kommt noch dazu, Frau Tewinkel, dass es ja schwer ist, über Musik zu schreiben, und wenn man diese Texte liest, dann hat man oft den Eindruck, die Autoren, das sind ja Musikwissenschaftler, die versuchen sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Also, ich sag mal ein Beispiel: Hebriden-Ouvertüre von Mendelssohn Bartholdy, dann wird von Mendelssohns Reise nach Schottland erzählt. Und wenn Le Sacre du Printemps von Strawinsky gespielt wird, dann wird gerne der Skandal bei der Uraufführung 1913 in Paris beschrieben. Aber bei so einem Haydn-Quartett oder so, da wird’s dann schon schwierig, oder?

Tewinkel

13:57 (Tew) ja, das ist ein großes Problem, wie versprachliche ich Musik, wie blumig werde ich, wie technisch werde ich, wie sehr möchte ich für Fachleute schreiben, die das aber vielleicht schon alles wissen, wie sehr möchte ich Laien erreichen, man kann aber natürlich auch nicht die Musik irgendwie verhackstücken zu irgendetwas, – das Programmheft, wie es sich jetzt darstellt, handelt vorbei an dem Konzert als sozialem Handlungsraum. Wenn Herr Uhde gesagt hat, die Leute treffen sich auch im Konzert, dann stimmt das natürlich, manche Leute gehen nur ins Konzert, weil sie sich gern mit jemandem treffen, weil sie bestimmte Aufführende hören wollen, NICHT, weil sie bestimmte Werke hören wollen, und das Programmheft geht meisten vorbei an dieser Art von Wissen über Musik, wenn wir Wissen über Musik begreifen als etwas, was ganz vielschichtig ist. Es ist ja nicht nur das Wissen über die Struktur oder Textur eines musikalischen Werkes, es kann auch ein Aufführungswissen sein, Interpretationswissen, ein Wissen über das, was im Konzert überhaupt stattfindet, zwischen Interpretierenden und dem Publikum, wie verhält es sich mit Zugaben, wann werden überhaupt Zugaben gegeben, wann wird geklatscht, wenn jemand sehr berühmt ist, wann wird geklatscht, weil man Mitleid mit jemand hat, wie überhaupt wird geklatscht, wird bei einer geistlichen Musik geklatscht, wäre es da pietätlos, wenn man klatscht, usw., da sind eigentlich alles Probleme, die zusammenführen, was an Werkverständnis und auch an Rezeptionsverhalten da zusammenwirkt, ja, das ist eine ganz komplizierte Situation, und meistens gehen die Texte im Programmheft an solchen Sachen vorbei, indem sie sich ganz stur mit dem Werk beschäftigen und die Musiker und Musikerinnen begreifen als so eine Art Bildaufhänger, die das Werk einfach irgendwo an der Wand gut aufhängen, sind sie dann nicht. Und das ist schade, das geht eigentlich an einem ganz wichtigen Erleben im Konzert eigentlich vorbei, nämlich dass wir erleben wie andere mit uns von der Bühne aus kommunizieren.

15:36 (Nusser) Herr Szymanski fühlt sich jetzt herausgefordert.

(Szy) Ja, aus meinem grünen … (???) Als erstes, wenn ich mit meinem Kollegen drüber rede, der das Programmheft bei uns koordiniert, wir haben das Problem, oder es ist nicht das Problem, es ist die Erfahrung, dass die Leute vor allem Biographien lesen, also da schreibt man tollste Texte, man denkt sich ein Superbildkonzept aus, (Tew: Ich glaubs sofort!) Bildkonzepte sind auch total wichtig und machen sehr viel Spaß, wir haben das alles, und die Leute setzen sich hin und blättern nach hinten, dort sind die Biographien, und der Witz ist, Muskerbiographien sind wahnsinnig langweilig. (Uhde: Ganz schlimm, ja! Ganz schwieriges Thema!) Weil sie das richtig Interessante überhaupt nicht verraten dürfen. (Tew: Da steht immer, wieviele Preise die schon gewonnen haben!) Dann schreibt man eben die Preise von A bis Z. Dann gibt es aber Musiker, die einfach ziemlich gut darin sind, Preise zu gewinnen, und das sind gar nicht die besten Musiker, naja, und dann schreibt man, oder der Kollege, der die Biographien bei uns macht, der hat meinen größten Respekt und mein vollstes Mitleid, weil es ist wirklich langweilig, Sie müssen dann diese Biographien den Künstlern auch zum Gegenlesen geben, die werden natürlich sagen, nee, die wollen das natürlich ein bisschen anders… Das zweite Problem: Ich bin ein Fan von Werkbeschreibungen. Ich finde dann die Frage, wann ein Stück komponiert wurde oder sowas, ist da Mendelssohn nach Schottland gefahren oder ist er nicht gefahren, hat meines Erachtens, wenn ich ein geniales Streichquartett oder eine geniale Sinfonie, dann brenn ich doch dafür, dieses Stück zu erklären und zuzeigen, warum das Stück so genial ist. Und dann habe ich natürlich das riesengroße Problem, dass ich Trockenschwimmen mache, also dass ich… wenn ich über Malerei schreibe, dann kann ich natürlich ein Bild zeigen, dann kann ich natürlich auch zeigen, auf diesem Bild ist das und das zu sehen, dann kann ich natürlich auch eine Bildanalyse liefern. Aber hier habe ich natürlich das Problem, dass ich versuchen muss, über ein Stück zu schreiben, aber keine Notenbeispiele bringe, weil Notenbeispiele ähnlich wie chemische Formeln total abstoßen, vor allem Leute, die keine Noten kennen, und ich muss natürlich über Beispiele schreiben, die ich nicht bringen kann. Und das ist in der Tat ein großes Problem, aber das ist ein Problem, dafür gibt es bestimmte 1000 Lösungen.

17:35 (Tew?) Ich möchte noch etwas zu den Biographien sagen. Es wäre ja eigentlich die Freiheit der Redaktion, hier auch mal was anders zu machen, also zum Beispiel zu sagen, ich verweigere mich dieser impliziten Vorschrift, dass wir darüber schreiben müssen: wo ist jemand aufgetreten, nennen wir … wir wissen, Säle können auch gemietet werden, und Veranstalter können Dinge manipulieren, es sagt nicht soviel aus, wo jemand aufgetreten ist, es sagt nicht einmal viel aus, mit wem jemand aufgetreten ist, da hat man auch die Freiheit z.B. mit den Künstlern vorab ins Gespräch zu gehen und das z.B. auch in den Erläuterungstext hineinzunehmen, es zwingt einen ja keiner, die Biographien so und so zu schreiben, ich meine auch nicht so sehr die Herkunft, die Ausbildung von den Ausführenden, sondern ich meine eher: wie denken Sie denn über Ihr Werk, was sind denn Ihre schwierigen oder Ihre Lieblingsstellen, aus welchen Gründen haben Sie sich damit auseinandergesetzt, warum haben Sie das überhaupt gewählt, manchmal mögen das sehr banale Gründe sein, aber manchmal sind das auch Dinge, die ganz tief mit der Ausbildung oder der Herkunft verbunden sind, und sowas finde ich eigentlich sehr interessant.

18:35 (Uhd) Zumal die Biographie ja auch einen ganz eigenen Zweck verfolgt, und in der Regel ist es der der Honorarsteigerung, weil die Biographien werden natürlich von den Agenturen herausgegeben, die werden dann immer weiter geschrieben, die bestehen dann oft darauf, dass sie dann gegengelesen werden können, wenn man die abdrucken will. Wir machen das bei unseren Festivals z.B. auch fast gar nicht, wir machen da eher eine Art Glossar von allen Mitwirkenden, die Biographien sind so fünf, sechs Zeilen lang, mit den allerwesentlichsten Sachen, wo kommt jemand her, wie ist er dazu gekommen, und wir haben z.B. bei den Köthener Bachfesttagen etwas gemacht, wir habe im Vorfeld den beteiligten Musiker und Musikerinnen einen Fragebogen geschickt, den konnten sie online ausfüllen, und da haben wir tatsächlich nach persönlichen Bezügen gefragt, wie kam das eigentlich, dass Ihr Euch ganz besonders mit Bach auseinandergesetzt habt, was macht Ihr eigentlich, wenn Ihr keine Musik macht, wie sieht Euer Leben aus, wie würdet Ihr bach in drei Zeilen beschreiben, was ist das für Euch für ein Charakter, – solche Dinge, die sich ganz unmittelbar aus der Persönlichkeit eigentlich ergeben, die unendlich viel interessanter sind in Kombination, wie man sie dann auf der Bühne erlebt, als welche Preise sie gewonnen haben.

19:35 (Szy) Herr Uhde, ich habe eine Frage: Haben Sie eine gute Antwort darauf bekommen? Denn wir haben etwas Ähnliches probiert, wir haben mal unsern Künstlern mal die Fragen gestellt, warum sie dieses Werk gewählt haben, weil wir das für das Jahresprogramm schreiben wollte, also der Künstler hat das und das gewählt, und wir haben alle unsere Künstler angeschrieben und haben ungefähr von hundert Künstlern drei Antworten bekommen, und die Antworten, die waren ungefähr so, wie man ich das so in der Schule vorstellt, also wenn ein strenger Lehrer anfragt.

(Uhde) haben Sie das wirklich persönlich geschrieben oder haben Sie das über die Agenturen gemacht? (Szy) Neinnein, wir haben das … och, das weiß ich gar nicht mehr, wir haben das gemacht, und es war … (Uhd) Das ist nur ein bescheidener Punkt, ich arbeite vorzugsweise mit Künstlern, die ich persönlich kenne und wo ich einen persönlichen Zugang hab. Und ich hab auch schon die Erfahrung gemacht, gerade bei größeren Agenturen, die schicken dann so 2 Seiten Biographien, wenn man irgendwas von den Künstlern will, dann wird das so total abgewiegelt, da kommt man überhaupt nicht ran, es gibt gar keinen direkten Kontakt, auch die Antwort auf diese Frage „warum haben Sie denn dieses Werk gewählt?“ ist natürlich wahnsinnig schwierig, es gibt eigentlich hier Zwänge, die werden halt irgendwo eingeladen, um genau das zu spielen, und deswegen spielen sie es noch dreimal woanders, also: das ist tatsächlich schwierig, zum einen, den richtigen Zugang zu gewinnen, aber auch ganz praktisch, wie erreiche ich überhaupt den Künstler, komme ich an seine Persönlichkeit ran, und das geht eigentlich nur tatsächlich über einen ganz persönlichen, privaten Kontakt.

20:50 ( ) Was konstituierend ist für das Konzerterlebnis, ist diese ganz starke, harsche Trennung zwischen denen, die auf der Bühne sitzen und denen, die im Konzert sitzen und zuhören. Und das ist auch etwas, das beigetragen hat zu manchen Problemen, die wir heute im Konzertleben haben. Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass das Programmheft und der Erläuterungstext und die Biographien zugeschnitten sind auf die Interessen des Publikums und auf die Marketinginteressen des Künstlers, dann verstärken eigentlich diese Spannung, ja? Ich möchte ein kleines Beispiel nennen. Wenn Musiker auf die Bühne kommen und meinetwegen eine Sinfonie X von einem Komponisten Y spielen, dann haben sie überhaupt nicht das Interesse, meistens auch nicht den Zugang zum Erläuterungstext. Sie kommen aus einer ganz anderen Richtung, sie sind ausübende Musiker, haben das Stück einstudiert, vielleicht schon im Studium, dann in der Probe nochmal, sie sind mehrere Sitzungen durchlaufen, mit dem Dirigenten, usw., so gehen sie auf die Bühne, praktisch vorbereitet, ganz tief in dieser praktischen Musikausbildung drin. Das Publikum hat davon erstmal überhaupt keinen Schimmer, ja, wie kommt dieses Werk wirklich unter den Händen dieses Musikers zustand, das ist kein Thema für das Publikum, für das Publikum zählt meist die Gemachtheit des Werkes und vielleicht noch einzelne Höreindrücke, die es empfangen kann. Ich finde das eigentlich sehr schade, es hindert einen doch niemand, z.B. in den Erläuterungstext auch hineinzunehmen … Gespräche mit Musikern, und ich komme hier auf ein anderes: wenn die Musiker dann mal antworten auf das, was sie zu bestimmten Stücken zu sagen haben, dann ist das wirklich manchmal schockierend naiv, wenn ich das so sagen darf, (Szy: ja, das stimmt!) ohne hier irgendjemand zu nahe zu treten, warum ist das schockierend naiv? – weil diese Trennung zwischen den musikalischen Wissensformen ganz früh einsetzt. Weder beim Publikum wird weiter gebohrt, dass es sich mal ein ganz bisschen einfühlt in die Seite der Ausführenden, noch wird bei den Musikern darauf Wert gelegt, das sie ein gutes Verständnis bekommen von historischen Zusammenhängen. Das ist eigentlich sehr schade (Szy) Aber das ist natürlich wie alles von Person zu Person unterschiedlich. Es gibt unglaublich meinungsstarke (Tew: Ja!) Künstler, ich denke gerade an eine Patricia Kopatschinskaja, das ist diese Geigerin, die Interpretationen sehr anders anlegt, als das gewöhnlich der Fall ist, und die darüber sehr gern auch spricht. Solche Person interviewt man natürlich auch gerne (Tew: ja!) und da kann man solche Interviews natürlich auch ins Programmheft geben, und das ist dann sehr spannend. Dann kann es sogar so sein, dass ich sage: Mein Gott, das sehe ich nun völlig anders, aber es ist großartig, dass sie es so macht, wie sie es macht, auch wenn ichs furchtbar finde. Das ist ja nun völlig egal dann. Nun, ich muss dazu sagen, ich finde Kopatschinskaja ganz toll, aber man kann das furchtbar finden. Und das ist das Tolle, da sind wirklich Interpretationen, die extrem polarisieren, und das sind Personen, die auch Meinungen haben, und auch meinungsstark sind und auch meinungsfreudig. Also, die sagen auch was Interessantes.

23:28 (Nusser) Die Schwierigkeit mit den Texten im Programmheft ist ja auch, Frau Tewinkel, dass diese Musikwissenschaftler, die dort schreiben, eigentlich gar nicht genau wissen, welches Niveau sie da anlegen sollen, was sie bei den Lesern voraussetzen können, und in den letzetn 10 Jahren ist ja die Tendenz, weniger Fachbegriffe zu benutzen, weil man gar nicht weiß, kennt der Leser eine Terz, kennt er eine Fermate, also man versucht das zu vermeiden, und dann kommt eben dieser blumige Stil dabei heraus, da wird dann das C-Dur-Licht zum Flackern gebracht, oder das Hauptmotiv ist mal sehnsüchtig aufstrebend, dann festlich leuchtend und schließlich impulsiv pochend – das lesen wir ja heute immer noch…

(Szy) Ich bekenne mich schuldig, ich schreibe auch so… (Tew:) aber Herr Szymanski! ich möchte ne Lanze brechen für alle Autorinnen und Autoren unserer Zeit, ich finde, das sind oft sehr sehr gut gemachte Texte, sehr gut redigiert, sehr gut vorbereitet, Riesenfachwissen, das sind wirklich eierlegende Wollmilchsäue, diese Autorinnen und Autoren, die heute über Musik in den Programmheften schreiben, das ist schon ganz schön toll!

24:35 (Nusser) Jetzt ist der Moment gekommen, Herr Szymanski, wo wir mal hinschauen, wie Sie das machen!

(Fortsetzung folgt hier)

Aktuelle Zwischennotiz

Vergangenheit (Nazi?) und Gegenwart (Big Data?)

Es geht mir darum, einzelne Gesprächsthemen der Markus-Lanz-Sendung von gestern weiterzuverfolgen (Niklas Frank und Ranga Yogeshwar), das eine betrifft die Erinnerung an die eigene Familien-Situation nach dem Krieg, die andere das heutige Verhalten betr. Facebook u.ä., scheinbar harmlose Offenbarungen durch Likes (oder durch die Themenwahl in diesem Blog?). Schließlich noch Trumps explizite Lügen.

HIER

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-26-januar-2017-100.html

Ranga Yogeshwar: ab etwa 39:00

anschließend googeln: Michal Kosinski (oder gleich hier). ZITAT ihn betreffend: 2012 ist seine Methode soweit vorangeschritten, dass er anhand von 68 Facebook-Likes vorhersagen kann, welche Hautfarbe ein Nutzer hat (95% Trefferquote), ob er/sie homosexuell ist (88%) und mit welchem politischen Lager man sympathisiert (85%). Es folgen Dutzende weitere erfolgreiche Prognosen zu Konsumverhalten, ob ein Nutzer bis zum 21. Lebensjahr bei seinen Eltern gelebt hat, Religion, Geschlecht, künstlerischen und musischen Präferenzen, Erkankungen usw.

Niklas Frank über Hans Frank: ab etwa 52:00 (?Einblendung: Bilder dürfen aus rechtl. Gründen nicht gezeigt werden?)

Über Trumps Lügen („Alternative Fakten“): Bei LANZ (a.a.O.) ab 24:05 (die Bilder, die hier aus rechtlichen Gründen jetzt nicht mehr gezeigt werden dürfen, sind unter den unten folgenden Links durchaus zu finden), zu Ranga Yogeshwars Einwänden betr. Uhrzeit (Trump-Foto „ein bisschen zu früh, um es sauber zu vergleichen“ + Einfluss des Wetters: wieviel 100.000 Menschen können denn in letzter Minute auf einen Platz strömen? Wie steht es um die Richtigkeit der Zahlen der Verkehrsbetriebe?)

a) http://www.br.de/nachrichten/trump-pressesprecher-wahrheit-100.html hier

b) https://www.youtube.com/watch?v=9AjjVMAdWm4 hier (ab 1:33:30)

c) http://www.msnbc.com/am-joy/watch/kellyanne-conway-spicer-gave-alternative-facts-860234819559 hier

***

Große Musik, ironisch gesehen

Könnte man kleinen Leuten klarmachen, wie groß Musik sein kann?

Zum Lesen anklicken:

Niveau Große Musik kl Quelle: prisma Das Fernsehmagazin Ihrer Zeitung 28.1.-3.2.2017 Seite 5 

Natürlich hätte ich anderes zu tun, hatte mir auch genug anderes vorgenommen, und dann stoße ich auf diese kleine, böse Geschichte, die mich nicht loslässt. Würde ich mich im täglichen Leben darauf einlassen? Nein, niemals, – hat keinen Zweck, es wäre Verrat an der Musik. Andererseits ein Dokument menschlicher Einfalt, wie man es sonst nur aus der neueren politischen Szene serviert bekommt. Und wie ist uns inzwischen eingehämmert worden, dass man mit allen Menschen reden muss! Und wenn sie eine Macht darstellen, oder auch nur ein Zipfelchen Meinungsmacht, die lawinenartig zu einer Gefahr anwachsen könnte, heißt es, man muss ihnen freundlich und bestimmt widersprechen. Aber nie mit Verachtung! Ehre, wem Ehre gebührt! Und das Zauberwort Würde ist kein Konjunktiv! Es würde für Bruckner ebenfalls gelten.

Frappierend finde ich die Sicherheit des Schreibers, einen Konsens voraussetzen zu können, dass es sich bei Darbietungen klassischer Orchesterwerke um höheren Blödsinn handelt. Ein randvoller Saal ist kein Argument; die lautstark geäußerte Begeisterung, die einem Siegtreffer beim Fußball angemessen wäre, kann hier nur auf einer kollektiven Selbsttäuschung beruhen: sie klatschen sich die teuren Tickets schön.

Der Schreiber steht subjektiv auf hoher Warte, wahrscheinlich hält er Beethoven für den Rolls-Royce der Klassik, während er den Namen Bruckner einem Nobody aus der Provinz zuordnet, die Assoziation „Anton aus Tirol“ mag Pate stehen. Aber wie kommt er auf die hochintellektuelle Spitze: „mit deplatzierten wagnerianischen Fanfarenstößen“? Die könnte tatsächlich von der liebenswerten Gastgeberin stammen, die längst bemerkt hat, wes Geistes Kind ihr Protegé ist. Sie hat sich zum Schein auf seine Seite gestellt, mit einer holprigen Insider-Formel, über die er glücklich ist: „Besser hätte ich es nicht sagen können“. Sie hat ihm geholfen, das beschränkt-arrogante Gesicht zu wahren, das seine Frau so an ihm schätzt. Siehst du, so kann sie weiterspotten, „Kunst ist für alle da“.

Gute Akustik & ein Stück Holz

Hamburger Elbphilharmonie (mit Blick zurück)

Wer die Chance hat, über kurz oder lang das neue Hamburger Konzertgebäude zu besuchen, könnte meinen, nicht die Musik stünde im Mittelpunkt, sondern die Akustik. Man wird, wenn man dort war und in die Provinz zurückgekehrt ist, für lange Zeit ein Alleinstellungsmerkmal herauskehren können: Kinder, ganz gleich, was da gespielt wird, man muss es live erlebt haben! Und schon hat man Gehör. Ja, ist es denn wirklich so… wo hast du denn gesessen… hinter der Orgel? Ganz oben soll es ja sogar besser sein als vorn, wo die Kontrabässe einem den Rücken zukehren. Ich würde vielleicht damit beginnen, dass auch Weltmusik in diesem Programm einen Platz hat, und indische Musik – die große klassische Alternative zur westlichen Musik – gleich in den ersten Wochen präsentiert wird. Meine Frage: was sagen die Akustiker? Mit oder ohne Beschallung? Werden sich die Probleme der allerersten Zeit – in Köln 1970 – wiederholen, dass die Musiker sich nicht im geringsten für die Akustik des Saales, um so mehr aber für eine leistungsfähige PA-Anlage interessieren?

Ich bin sicher, man wird sich in Kürze wieder mehr mit der Musik als mit der speziellen Eigenart des Klangs im Raum beschäftigen. Auch wenn Hengelbrock selbst Öl ins Feuer gegossen hat, indem er nach den ersten Proben sagte, den Musikern seien unter dem Eindruck dieses Klanges Tränen in die Augen getreten. Auch im Saal? Auch wirklich auf allen Plätzen? Der Kritiker der WELT rächt sich genüsslich für seinen – nach Selbsteinschätzung – schwer benachteiligten Platz: Block I, Reihe Vier, Platz 24. („Bitte merken! Ich schaue auf das Orgelspielpult, schräg daneben sind die Hörner positioniert“), ich mag daraus nicht zitieren, soviel Wut ist nicht gut: Jaroussky, ja, den mag er, aber „die nur schnarrende Harfe seiner Partnerin könnte auch ein Zigarrenkistchen mit Paketschnüren sein.“ Danke, Sie dürfen sich wieder setzen! Platz 24, Reihe Vier, Block I.

Auch Christine Lemke-Matwey widmet sich sehr ausführlich dem Phänomen Akustik, aber liebevoll und anregend, dennoch nicht ganz unkritisch.

Und das wäre auch, unter Vorbehalt, ein erster leiser Kritikpunkt: dass man keineswegs, wie fleißig gestreut wurde, auf allen Plätzen des Saals gleicht gut hört. Sicher wird man im Parkett nicht unbedingt schlechter bedient, je nach Besetzung und Repertoire, aber in jedem Fall hört man anders und anderes. Für die Souveränität des Publikums stellt dies eine Herausforderung dar: Sich seinen Platz in Zukunft nicht vom Abonnement diktieren zu lassen (oder vom Geldbeutel), sondern ihn idealerweise nach dem jeweiligen musikalischen Ereignis auszuwählen, setzt enorm viel Kenntnis, Hörerfahrung und Flexibilität voraus. Wenn es von der Intendanz überhaupt so gewollt ist.

Wo immer man sitzt: Man fühlt sich auf Anhieb wohl.(…)

Die Virtuosität, mit der Herzog & de Meuron das sogenannte Weinberg-Modell interpretieren, die terrassenförmig aufgefächerte Anordnung von Parkett und Rängen mit der Bühne in der Mitte, verheißt Gleichberechtigung, pure Demokratie.

Quelle DIE ZEIT 12. Januar 2017  Seite 42 Der Übermut wird hier Klang – Endlich ist die Hamburger Elbphilharmonie eröffnet worden. Welchen Spiegel hält sie ihren Besuchern vor? Von Christine Lemke-Matwey.

Nur kurz ein Blick in die Süddeutsche von heute:

Dieser Saal ähnelt trotz seiner Riesengröße einem kleinen, hellen und einladenden Vulkankrater, in dem das Publikum stets in Tuchfühlung auf vielen verwinkelt aufsteigenden Rängen rund ums Orchesterpodium sitzt. Einladend wirkte der Saal schon bei der Vorbesichtigung. Aber erst das Publikum verwandelt ihn in eine lebenswerte Stätte, an die jeder der Anwesenden gern zurückkehren wird. Das ist das größte Kompliment, das man so einem Bau machen kann.

Undsoweiter, alles lesenswert und klug, und  – wie ich finde – ganz besonders an dieser Stelle:

Nun ist aber die Frage der Akustik letztlich zweitrangig, auch wenn sie in letzter Zeit zunehmend leidenschaftlich diskutiert wurde und zum Kernstück jedes Konzertsaalneubaus stilisiert wird. Sie kann hilfreich sein, aber sie entscheidet nicht darüber, ob ein Musiker gut spielt oder ein Konzert gelingt. mit der guten oder schlechten Akustik eines Raumes muss sich ein Musiker abfinden, das gehört zu seinem Job.

Danach geht der Kritiker mit Begeisterung auf den Countertenor Philippe Jaroussky ein, leider ohne das „Zigarrenkistchen mit Paketschnüren“ zu rehabilitieren, aber immerhin die Eignung des Saales:

Die Akustik Yasuhisa Toyotas ändert rein gar nichts an Jarousskys phänomenalem Können. Sie erlaubt es aber dem Konzertbesucher, jede noch so feine Nuance seines Gesangs zu hören. Das allein ist schon grandios. Sollte Toyota etwa einen sehr, sehr großen Kammermusiksaal ertüftelt haben?

Quelle Süddeutsche Zeitung, 13. Januar 2017 Seite 11 Eroberung des Nutzlosen – Begeistert feiern die Hamburger am Eröffnungsabend ihre Elbphilharmonie. Nur die Akustik überzeugte nicht recht. Lag es am Bau – oder nur am Orchester? Von Reinhard J. Brembeck.

Der folgende Text könnte Besucher mit völlig anderen Musikinteressen in das Neue Gebäude im Hamburger Hafen, dem alten Tor zur Welt, ziehen.

Auch außereuropäische Musik gehört in die Elbphilharmonie! Denn auch Kulturen anderer Länder haben ihre eigene »Klassik« entwickelt; komplexe Kunstmusik, die über Jahrhunderte weitergegeben und verfeinert wurde. Die klassische Musik Indiens beispielsweise wird nicht nur von der Sitar geprägt, sondern auch vom beeindruckend farbenreichen Klang der Streichlaute Sarangi. Die aktuelle Renaissance dieses Instruments ist nicht zuletzt Verdienst des Meisters Dhruba Ghosh, der die traditionelle Spielweise perfekt beherrscht.

Es gibt Bilder und Informationen dazu HIER.

„Basically one piece of wood…“

Die Sarangi ist (fast) unabhängig von der Akustik, – denn sie hat Resonanzsaiten.

Einführung in die Kunst des Sarangi-Spiels durch Dhruba Ghosh:

Ablauf des Videos:

Spiel bis 1:47, dann Erläuterungen: Holz-Corpus, die Saiten, Tonumfang (ab 3:39), Spielweise links (Nagelbett) (ab 3:58), Saitenübergänge (ab 4:41), verschiedene Bögen (ab 5:10), auch Kontrabass-Bogen, verschiedene Kontakstellen des Bogens (ab 7:29), zwei Saiten gleichzeitig, Bogentechniken (ab 8:22), Ornamente linke Hand (ab 9:02), Vibrato, Andolan, Obertöne (ab:12:02), Schlagen & Zupfen (ab 13:33), Übungen & Varianten (ab 14:22), Zusammenarbeit mir Komponisten, Notationen (ab 15:46), Raga Mishra Pilu (ab 16:41 bis 18:07).

***

Indische Konzerte der ersten Jahre (Start 1970) im WDR Köln (aus der Liste 1970 – 2005)

Konzerte Indien a  Konzerte Indien b

Die Zuneigung des WDR blieb über die Jahrzehnte erhalten, auch über den 6. Dezember 2005 hinaus: da fand zu meinem Abschied das große „d’amore“-Konzert im Kölner Sendesaal statt, eine Meisterleistung meines Mitarbeiters und Freundes Dr. Werner Fuhr, der im vergangenen Jahr nun selbst pensioniert worden ist: auf dem Foto im Mittelpunkt Dhruba Ghosh. Von links: Werner Fuhr und JR.

WDR Sendesaal Screenshot 2017-01-14 17.12.56 s.a. HIER

Man könnte also sagen: in Hamburg schließen sich mehrere Kreise, wenn man sich nicht zugleich wünschte, dass sich neue Kreise öffnen. Zum Beispiel in Gestalt der Flötistin Stephanie Bosch. Zu erwähnen wäre noch, dass ein Mann der ersten Stunde mit auf der Bühne sitzt: an der Tambura: Prof. Dr. Gert-Matthias Wegner. Er hat die Familie Ghosh von Anfang an mit Radio-Sendungen zur Indischen Musik begleitet und hat als ausgebildeter Tabla-Spieler und Musikethnologe selbst Großes geleistet, nicht nur in Indien und in Nepal, sondern auch – als Nachfolger des unvergessenen Josef Kuckertz – in Berlin. Und dies ist sein großes Werk aus dem Jahre 2004, „dedicated to the memory of my Guruji, Pandit Nikhil Ghosh“:

Tabla Repertory Wegner Tabla Repertory Widmung

unbezahlbar: der Textteil              etwas schwieriger: der „Noten“-Teil

Nikhil Ghosh Stories    Nikhil Ghosh Notationen

atemberaubend: 2 CDs mit der entsprechenden Musik

Nikhil Ghosh Wegner CD

Ausblick

Hamburg aScreenshot 2017-01-17 09.08.09 Hamburg b Screenshot 2017-01-17 09.06.53

Kann ich brauchen, was ich gelernt habe?

Eine Selbstprüfung

Ich beziehe mich auf die Blogbeiträge über Kapitalismus und über Filmmusik, während ich mich mit dem Video beschäftige, dessen Ankündigung in FAZ.net ich gleich als Screenshot wiedergebe. Zufällig sieht man auch schon meine kleine Abschrift, die ich im Übereifer angefertigt habe, – im Namen meiner Geheimprivatgesellschaft für lebenslanges Lernen (Heidi). Ich verhehle nicht, dass ich die technisch-ästhetische Realisierung des Filmchens zunächst etwas kritisch sehe. Auch die Sprechweise des Text-Interpreten, die – wie der ganze Soundtrack – der Dramatisierung des sachlichen Inhalts dient. Einen Augenblick lang denke ich an den Sprecher der Fußballweltmeisterschaft bei der abschließenden Artikulation des Sponsors in „und Coca Cola„, – wie der letzte a-Vokal gleichsam mit heraushängender Zunge geformt wurde, mit einem fast hörbaren Atemausstoß. Mir wurde das damals bei jeder Wiederkehr auffälliger, ja, etwas widerlich. Hier ist es nicht genauso, vielmehr dezenter, aber es fällt mir eben ein, und nicht völlig ohne Grund… Es ist halt diese „Ranschmeiße“, diese „Anmache“.

In dem unten wörtlich wiedergegebenen Text füge ich noch die Zusätze, die zwischendurch in großen Lettern oder Bildchen zu sehen sind; vor allem auch Notizen zur akustischen Gestaltung (Musik).

raubtierkapitalismus-faz-screenshot-2017-01-11-19-16-55

Erklärvideo: Raubtierkapitalismus und der freie Markt © Deutsche Welle dw.com (FAZ Net 11.01.2017)

TEXT (notiert von JR)

Was ist Kapitalismus?

Luxus ohne Ende, Privateigentum, freier Handel, der Beste setzt sich durch, viele halten den Kapitalismus für ein Raubtier. Gewinn ist es tatsächlich, was die Wirtschaft antreibt, der Eigennutz wichtigster Motor für Wohlstand, sagte Ökonom Adam Smith. [Musikakzent, cresc.] Wenn jeder an sich denke, profitieren auch alle anderen.

Auch für den deutschen Philosophen Karl Marx war Gewinn zentral. Er behauptete, das Kapital würde sich ständig selbst vergrößern und komme nur dem Fabrikbesitzer zugute. Um einen Mehrwert zu erzielen, würden Kapitalisten alles ausbeuten: Arbeiter, Maschinen, Rohstoffe. [RENNWAGEN HEULT AUF] Der Mehrwert wird, laut Karl Marx, auf dem freien Markt erzielt, wenn das Produkt verkauft wird. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, Konkurrenten stehen im Wettbewerb. Gewinner ist, wer die Fabrik besitzt. Immer mehr Gewinn, immer mehr Produktion. Alle anderen [FAST ATEMLOS:] gehen leer aus. So sah Marx den frühen, [EMPHATISCH] entfesselten Kapitalismus.

Trotz aller [KNURREN] Kritik hat sich der Kapitalismus aber in fast allen Ländern der Erde [SCHRIFTZUG „WACHSTUM“ MIT PFEIL SCHRÄG NACH OBEN] mehr oder weniger durchgesetzt. Auch mit seinen [ZWEI MENSCHEN, ZWEI STECKDOSEN AUS DENEN DER STECKER GEZOGEN WIRD] Schattenseiten: dass Konkurrenten pleite gehen, dass der Arbeiter prinzipiell weniger [ZWEI ZAHNRÄDER DIE DURCH KETTENGLIEDER MIT €-ZEICHEN ANGETRIEBEN WERDEN. SIE HÄUFEN SICH AN DER SEITE DES BETRIEBS. NUR WENIGE AM BEIN DES ARBEITERS] abbekommt, vom Mehrwert kaum profitiert, – das gehört zum System. [MUSIKAKZENT] Niedriglohn, [DAS GROSSE WORT „KRISE!“ ERSCHEINT] Ungleichheit, Armut, Umweltzerstörung, Finanzkrisen, Monopole kommen immer wieder vor. [MENSCH MIT LÖWENKOPF STEHT DA]

Doch der Kapitalismus heute ist reformfähig, [ER KNURRT] Regeln und Gesetze [PARAGRAPHENZEICHEN + BÜROPAPIER AN KETTEN] legen ihn an die Kette, doch immer wieder [KNURRT, DIE KETTEN ZERREISSEN] kommt das Raubtier durch. [KNURRT + SCHLUSSAKKORD]

***

Bei dem ideenreichen Urheber, der Deutschen Welle, findet man dieses Video (3.1.17), so wie auch viele andere mit wissenswerten Informationen, unter folgendem Link:

http://www.dw.com/de/was-ist-kapitalismus/av-35881864

Oder auch gleich HIER.

Damit man mich nicht missversteht: es ist eine gute Sache, Wissen verständlich zu vermitteln. Bis zu einem gewissen Grad verstehe ich auch die Methode des Infotainments, die Vermeidung der gravitätischen Belehrung vom hohen Ross. Was ich kritisiere, ist das spürbare Theater, das entsteht, sobald dieser „technische“ Teil in fremde Hände gegeben wird, die von einer „kundenorientierten“ Mentalität besessen sind, in Wahrheit aber die Kunden für dumm verkaufen. Zum Dank entwickeln diese (wir z.B.) eine psychologische Sperre, da sie eine üble Verkaufsmasche wittern, die den Urhebern durchaus fremd war.

Das, was wir lernen müssen, ist: das eine vom anderen zu trennen. Die Arbeitsteilung zu durchschauen. Und nicht müde werden sie anzuprangern, wenn die Idee schaden nimmt. (Es kann auch gutgehen.)

Lesen Sie auch den FAZ-Artikel HIER „Die Globalisierung ist nicht schuld“. Nebenbei mögen Sie mit Ehrfurcht auf das Containerschiff MSC Daniela schauen, das sich vielleicht auf dem Wege zum UST-Luga Terminal befindet. Vielleicht beladen mit einigen Containern, die nach Russland geschafft werden sollten, jedoch im scharfen Wind über Bord gingen und unseren lieben Strand von Langeoog mit hunderttausend Schokoladenhasen und Überraschungseiern überschütteten. Eurogate, ein gutes Wort. Es lebe die Globalisierung!

Nun, habe ich wirklich gebraucht, was ich gelernt habe? Sicher nicht, sonst wäre ich zum Schluss nicht in die Lächerlichkeit ausgewichen. Und wahrscheinlich war es doch, wie man auf Langeoog hörte, ein nigerianisches Containerschiff und nicht die stolze MCS Daniela. Und was hat das überhaupt mit globaler Vermarktung und kapitalistischen Filmtechniken zu tun, – auch die Natur von oben will mit Strategien von unten an ein zahlendes Publikum vermittelt werden.

Und dies verlangt mit Recht, dass die Majestät der schneebedeckten Alpengipfel nicht nur mit Bildern gezeigt, mit Worten benannt, sondern auch noch mit feierlichen Computerfanfaren bestätigt wird. Auf dass wir glauben, ohne zu sehen.

Und es schadet auch nicht, den griffigen Definitionscontainer des Kapitalismus noch etwas süffiger zu verpacken. Wir können doch einiges aus der Werbebranche lernen. Falls wir es nicht vorziehen, in erster Linie unseren Verstand zu gebrauchen und Verdoppelungen und Verdreifachungen als überflüssig zu betrachten.

Wer macht den Soundtrack im Film und warum?

Mein Wintermärchen

Es war einmal ein trüber Weihnachtstag, als ich den Film sah „Deutschland von oben“; faszinierende Bilder und Sequenzen! Aber je länger er dauerte, desto mehr fragte ich mich: so viele übermächtige Szenen, die durchaus andächtige Stille vertragen, – warum muss ich dazu diese unterirdische, aufdringliche Musik hören? Wie war wohl die Auftragslage, wer wurde da angesprochen und mit welchen Vorgaben? Ich beschloss, dass ZDF selbst zu fragen. Namen, Adressen, Literatur. Schauen Sie doch selbst, worum es geht: Dies ist der Film, angeblich noch abzurufen bis – ich kann es gar nicht glauben – Dezember 2026!!! Bitteschön: HIER.

wintermaerchen-screenshot-2017-01-10-21-23-18 Screenshot

Ich schrieb also folgende Mail an den Zuschauerdienst des ZDF:

Von:  Jan Reichow [mailto:janreichow@t-online.de ]
Gesendet: Montag, 26. Dezember 2016 11:06
An: Huthmann, Magda
Betreff: ZDF Terra X Deutschland Wintermärchen
Sehr geehrte Frau Huthmann,
 
am 25. 12 ab 19.15 Uhr habe ich den im Betreff bezeichneten Film gesehen, mit großem Interesse an den Aufnahmen und Informationen.
 
An dieser Stelle könnte es mit Lobreden weitergehen, wenn es nicht einen heftigen Störfaktor gegeben hätten, den die Redaktion vielleicht mit nachträglichen Erläuterungen abmildern könnte.
Ich hätte also gern nähere Informationen zur Musik: Komponist oder Hersteller usw.
Gibt es vielleicht sogar Informationen zur „Philosophie“ einer solchen Filmmusik?
Was sie bezweckt, wie die Aufgabenstellung für diesen Parameter des ganzen Werkes lautet.
Es mag sein, dass mir die rechte Antenne fehlt, aber in meinen Ohren ist der Ton völlig kontrapunktiv zum Film.
 
Sie könnten im Grund auch das Bildmaterial selbst in dieser Form entfremden und z.B. Comicfiguren hineinzeichen, die die Bilder komisch oder pathetisch, je nach angestrebter Wirkung, kommentieren, begleiten, stören. Wichtig wäre die willkürliche Veränderung der optischen Eindrücke.
Ich vermute, dass die Musik jedoch die Eindrücke unterstützen soll. Was für ein Irrtum! Sie tut das Gegenteil: sie macht aggressiv, weil sie lügt!
Selbst wenn musikartige Tierstimmen zu hören sind, Kraniche oder Robbenbabies, auf deren Melodie Sie aufmerksam machen, mögen Sie die eigene Musik nicht zum Schweigen bringen. Was für eine Verachtung dessen, was Sie andererseits doch liebevoll anbieten!
 
Ich vermute, dass es da geteilte Zuständigkeiten und keinen – sagen wir – obersten Regisseur gibt, der für ALLES zuständig ist. Und der Ton etwa liegt in den Händen eines
Ton-Menschen, der seiner Funktion gerecht werden muss und keinesfalls für Stille honoriert wird.
Sagen Sie nicht, ich könne doch den Ton abschalten – das wäre keine Alternative: die gesprochene Information ist wichtig, aber jeder Laut, der zu den Bildern gehört, hätte für mich oberste Priorität: das Pfeifen des Windes, das Rauschen des Wassers, die Rufe der Tiere, – es ist barbarisch, einen künstlichen Soundtrack für wichtiger zu halten.
 
Das ist meine Meinung. Bitte geben Sie mir doch andere Argumente.
 
Mit freundlichen Grüßen,
 
Jan Reichow

 

***

Die Antwort kam überraschend schnell:

Am 30.12.2016 um 11:53 schrieb mailto:Zuschauerredaktion@zdf.de :
Sehr geehrter Herr Reichow,
 
vielen Dank für Ihre E-Mail an das ZDF.
 
ARD und ZDF haben im Jahr 2014 einen gemeinsamen Leitfaden zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit in Sendungen erarbeitet. Darin sind Empfehlungen für die Produktion von TV-Beiträgen enthalten, die eine für den Zuschauer möglichst angenehme Tonkulisse sicherstellen sollen. Allerdings ist die Sprachverständlichkeit stark von der eigenen, subjektiven Wahrnehmung geprägt, so dass wir hier keine starren Parameter festschreiben können.
 
Für die Tongestaltung einer Sendung sind der Regisseur und der Tonmeister verantwortlich. Sie realisieren die Mischung von Sprache und Musik nach ihren ästhetischen Vorstellungen. Der Einsatz von Musik ist vor allem wichtig, um Emotionen wie Freude, Trauer oder Angst darzustellen. Deshalb können wir auf musikalische Untermalung nicht verzichten, auch wenn diese von manchen Zuschauern subjektiv als Beeinträchtigung der Sprachverständlichkeit empfunden wird. Das Gleiche gilt für eine gewisse Dynamik innerhalb der gesprochenen Dialoge: Schauspieler flüstern oder schreien, sprechen klares Hochdeutsch oder mit einer leichten Dialektfärbung. All dies charakterisiert die Figuren, wirkt sich aber auch auf die Sprachverständlichkeit aus.
 
Als Zuschauer haben Sie folgende Möglichkeiten, die Tonkulisse an Ihre Wahrnehmung anzupassen:
 
Wenn im Tonmenü Ihres Fernsehers ein Surroundton eingestellt ist, ohne dass Sie eine entsprechende Surroundanlage angeschlossen haben, sollten Sie zum einfachen Stereoton wechseln. Der Surroundsound unterdrückt viele Tonereignisse, weshalb die Sprachverständlichkeit bei reinem Stereo oft besser ist. Eine weitere Möglichkeit, den Sprachton zu verbessern ist, an Ihrem Gerät die Bässe zu reduzieren und die Höhen mehr zu betonen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZDF-Zuschauerredaktion
***
Damit konnte ich mich nicht zufriedengeben. Ich versuchte also, deutlicher zu werden:
Original Anfrage:
Von: janreichow@t-online.de
An: zuschauerredaktion@zdf.de
Datum: 03:01:2017
———————————
Sehr geehrte Damen und Herren der ZDF-Zuschauerredaktion,
vielen Dank für Ihre schnelle Reaktion auf meine Anfrage.
Wenn ich es recht verstehe, haben Sie mir jedoch auf meine Anfrage eine vorgefertigte Antwort zugeschickt, die offenbar Beschwerden über mangelnde Sprachverständlichkeit beschwichtigen soll.
Darum ging es aber in meinem Schreiben überhaupt nicht.
Um es im Klartext auszudrücken: mein Anliegen galt der – aus meiner Sicht – künstlerisch dürftigen Qualität der gesamten Musikspur, die einen künstlerisch hervorragenden Film durchaus zugrunderichten kann.
Gegen die Sprachverständlichkeit und die Qualität des Textes habe ich nichts einzuwenden, ich lege großen Wert auf diese Informationen! Mir wäre also vielleicht nur zu helfen, wenn es eine Möglichkeit gäbe, die Musik auszuschalten, ohne den Text zu unterdrücken.
Ich vermute, dass sich dies nicht einrichten läss, –  und wüsste jetzt eigentlich nur noch gern, wer genau diese Musik bei Ihnen eigentlich wünscht und sie (bei wem?) in Auftrag gibt. Mit diesem Herrn oder dieser Dame würde ich gern in Verbindung treten, um etwas Kompetentes über die ästhetischen Grundsätze zu erfahren. Meinetwegen in wenigen Sätzen, ergänzt vielleicht durch einen Buch- oder Artikelhinweis, so dass ich eine Erklärung habe, weshalb die optische Gestaltung und die „musikästhetische“ Qualität so schöner Filme derart auseinanderklaffen.
Diese Diskrepanz ist mir durchaus nicht das erste Mal aufgefallen, und ich denke, dass Sie ihren großen Zuschauerkreis über den Hintergrund durchaus informieren könnten: also nicht über technische Details oder in Form einer bloßen Musikliste, sondern über die Kriterien, die bei solchen Filmen für die Musikauswahl und -gestaltung gelten.
Ich würde mich gern in meinem Blog (http://www.janreichow.de ) damit auseinandersetzen.
Mit bestem Dank im voraus und mit freundlichen Grüßen,
Dr. Jan Reichow
***
Betreff: Re: WG: ZDF Terra X Deutschland Wintermärchen (Ticket: DE02-1391232)
Datum: Tue, 10 Jan 2017 17:18:48 +0100 (CET)
Von: Zuschauerredaktion@zdf.de
An: janreichow@t-online.de
Sehr geehrter Herr Reichow,
vielen Dank für Ihre erneute E-Mail an das ZDF.
Wir bedauern sehr, dass Ihnen die Tongestaltung bei der im ZDF-Programm gesendeten „Terra X“-Dokumentation „Deutschland von oben – Ein Wintermärchen“ nicht gefallen hat.
Die Grundlage für eine einwandfreie Bild- und Tonqualität aller Sendebeiträge bilden zunächst einmal die vom IRT in München herausgegebenen „Technischen Richtlinien HDTV für ARD, ZDF und ORF“. Die Einhaltung dieser technischen Richtlinien wird von unseren Fachleuten sowohl bei der Abnahme nach der Produktion als auch nochmals vor der Ausstrahlung des Sendebeitrags am jeweiligen Sendetag überprüft. Im Rahmen dieser technischen Richtlinien obliegt die Komposition bzw. Ausgestaltung einer Sendung (u. a. Hintergrundgeräusche, Musikuntermalung, Bild- u. Toneffekte) jedoch den verantwortlichen Personen (z. B. Regisseure und Tonmeister), die Sendebeiträge tragen somit auch deren persönliche Handschrift. Doch bei aller künstlerischen Freiheit müssen sie sich selbstverständlich an den technischen Richtlinien orientieren, die letztlich eine einwandfreie technische Qualität der produzierten Sendebeiträge sicherstellen.
Leider findet die Tongestaltung einer Sendung naturgemäß nicht immer die Zustimmung aller Zuschauer gleichermaßen, zumal der Ton vom Menschen aufgrund unterschiedlichster subjektiver Wahrnehmungen und Hörfähigkeiten auch sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Darüber hinaus sind natürlich auch die musikalischen Vorlieben unterschiedlich. Daher können die Meinungen hinsichtlich der Tongestaltung teilweise durchaus weit auseinander gehen.
Die Tonqualität ist zudem auch immer von den Bedingungen am Produktions-/Aufnahmeort (z. B. akustische Verhältnisse, technische Ausrüstung) sowie von den Bedingungen am Empfangsort bzw. beim Zuschauer abhängig (z. B. Raumakustik, Qualität des Empfangsgeräts und der Lautsprecher, gewählte Toneinstellungen). Über die Toneinstellungen können moderne Empfangsgeräte in der Regel auf die akustischen Raumverhältnisse im individuellen Heimbereich angepasst werden. Wir empfehlen Ihnen daher, auch einmal die Toneinstellungen an Ihrem Empfangsgerät zu überprüfen und den Ton gegebenenfalls zu optimieren (z. B. Höhen, Bässe, etc.).
Wie Sie sehen, ist das Thema Tonqualität/Tongestaltung sehr komplex. Wir versichern Ihnen aber, dass es immer unser Ziel ist, trotz aller oben beschriebenen beeinflussenden Faktoren jederzeit die bestmögliche Tonqualität bzw. Sprachverständlichkeit bei unseren Sendungen zu gewährleisten. Hierzu sind wir auch immer wieder im intensiven Austausch mit den zuständigen Bereichen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre ZDF-Zuschauerredaktion
***
Es wird deutlich: ich bekomme nicht die Ansprechpartner, die über die Machart der Sendung wirklich Auskunft geben könnten. Die Zuschauerredaktion hat ihr Bestes gegeben, aber nicht die Auskünfte, die ich brauche. Sie wird weiterhin freundlich antworten, bis ich aufgebe.
Was tun? Vielleicht ein paar Recherchen auf eigene Faust? Filmmusik ist nicht „mein Ding“. 
Um es vorwegzunehmen: ich habe einiges rausbekommen. Und mache zunächst einen Rückzieher: die Leute, auf die ich stoße, machen bestimmt einen hervorragenden Job. Ich kenne ähnliche Studios und habe immer die technische Leistungsfähigkeit bewundert. Aber letztlich geht es um die Vorgaben. Um das, was die – ebenfalls hervorragenden – Filmemacher bestellen, welche Art Soundtrack sie sich wünschen, wenn ihr Film samt Tonspur (natürliche Geräusche und erläuternder Text) visuell und akustisch abgesegnet ist.
Beim Wiederlesen stelle ich fest, dass ich an einer Stelle „kontrapunktiv“ geschrieben habe, statt kontraproduktiv. Aber bei der erweiterten Recherche habe ich gesehen, dass auch das falsche Wort Sinn macht.
Ich kenne mich einfach nicht aus.Und studiere jetzt als erstes, Punkt für Punkt, den Nachspann des Films: ab 58:13.
***
wintermaerchen-redaktion-screenshot-2017-01-10-18-26-15 Redaktion und: Colourfieldwintermaerchen-screenshot-2017-01-10-18-25-53 RuhrSoundStudios
ZITAT:
Das Orchester spielt dabei den magischen Soundtrack, den Boris Salchow für uns
komponiert hat, live zu den Bildern des Films.
Wir erfahren über den Link Colourfield damit also den Namen des Komponisten:
 und von dessen eigener Website noch viel mehr:

Salchow also scored the feature film adaptation of the award-winning documentary series Germany From Above (Buena Vista International) recorded with a 70-piece orchestra and mixed at Babelsberg Studios in Berlin. This visually stunning film is comprised of breathtaking aerial shots of Germany. With only a few words from the narrator, the movie provided a unique opportunity to take the audience on an inspiring musical journey befitting the film’s grand scale. Germany From Above premiered with a special event at Germany’s largest movie theater, where Salchow’s 90-minute score was performed live along with the film. Salchow recently swapped his baton and orchestra for Moog synthesizers and rare vintage audio processors to score Electronic Arts’ sci-fi video game FUSE. The score blends analog electronic elements, adrenaline infused drums and musical sound design to provide a foreboding and rousing sonic landscape for FUSE’s dark futuristic setting and intense action experience.

Ansonsten taucht neben (oder über) dem Tonmann Alexander Vitt (siehe Nachspann)
der Name Arno Augustin auf.
Ich bin jetzt reif, mich über Filmmusik im allgemeinen zu informieren, z.B. bei Wikipedia
HIER. Interessant insbesondere der Abschnitt „Techniken“ und unter
„Formen“ der frühe Versuch Hansjörg Paulis, ein Modell der Einordnung zu entwickeln.
Man gehe auch den im Artikel angegebenen Wiki-Links nach, also  etwa zum
Hauptartikel: Leitmotiv-Technik
Hauptartikel: Underscoring und
Hauptartikel: Mood-Technik
Unter Mood-Technik wiederum kommt man bei den dort angegebenen Weblinks zu dem
anregenden Artikel „Underscoring in Abgrenzung zu Mood- und Leitmotiv-Technik am
Beispiel des Filmes ‚Indiana Jones – der letzte Kreuzzug'“ von Jessen Mordhorst.
Es versteht sich von selbst, dass es genug Beispiele guter, ja genialer Filmmusiken gibt.
Um so wichtiger ist es, die misslungenen zu kennzeichnen, ganz besonders diejenigen,
die von inneren Widersprüchen geprägt sind. So zum Beispiel, wenn ein grandioser
Natur-Film in eine Kitschmusik-Sauce aus der Retorten-Produktion getaucht wird.
Das war mein Ausgangspunkt.
Es handelt sich nicht um eine Geschmacksfrage! Nehmen Sie einen 5-Sterne-Koch, der
ein kulinarisches Meisterwerk geschaffen hat. Und es dürfte erst auf den Tisch
kommen, wenn ein übergeordneter Chef-Chemiker es mit bestimmten
Parfums nachbehandelt  hat.
Die Gretchenfrage wäre: Lieber Film-Produzent, wie hältst Du’s mit der Stille?
Nachtrag 15.01.2017
Ich sehe nicht jeden Naturfilm im Fernsehen, aber sobald einer begonnen hat, kann ich
nicht aufhören. Und so konnte ich heute auch die Behandlung der Musik aufs neue
beobachten. Fazit: viel besser!!! Es gibt Stille, und wenn natürliche Geräusche zu hören
sind, hört man sie auch ungestört. Die lustige Untermalung des Werbetanzes der
Flamingos, ja, bitte, aus der Sicht der Flamingos ist gewiss nichts daran komisch, aber
es macht die Tiere nicht lächerlich. Die Bären an ihren Kratzbäumen: wie schön kommt
die akustische Atmosphäre zur Geltung! Ab 24:10, nach dem Pfiff des Murmeltiers. Die
Wiese, das Schnaufen der Grizzly-Bären in der Stille. Wunderbar.
Die Stimme des Sprechers müsste nicht sein, ist aber erträglich, weil freundlich
anteilnehmend.
Im Nachspann die Lösung des Rätsels – vielleicht -, die Musik ist von Hans Zimmer.
Vielleicht hat er die Zauberformel der rechten Dosis…
ZDF BBC Nachspann Screenshot 2017-01-15 20.35.00
Oder liegts an der BBC?
ZDF BBC Screenshot 2017-01-15 20.35.47
In der ZDF-Videothek bis 12. Februar abrufbar HIER.

Selbstrefentielles…

…ohne Eigennutz: 2 Seiten aus dem aktuellen Folker

folker-edda-brandes folker-radio-analyse (bitte anklicken!)

Es ist ja so: ich freue mich über eine Zeitung oder ein Magazin, wenn ein einziger Artikel vorkommt, der mich sagen lässt: dafür hat sich der Preis des ganzen Druckwerks gelohnt. Und das ist gar nicht so selten der Fall. Bei allen (Musik-)Fachzeitschriften jedoch gehe ich sowieso davon aus, dass sich die Lektüre nicht erst dann lohnt, wenn ich sie von der ersten bis zur letzten Seite aufmerksam gelesen habe. Letztlich finde ich fast auf jeder Seite etwas, worauf ich mit eigener Tätigkeit oder eigenen Assoziationen reagieren kann. Das ist beim Folker nicht anders. Und ich empfehle jedem Leser, der in diesem Blogbeitrag bis zu dieser Zeile vorgedrungen ist, nun auch wirklich da oben in der Titelzeile das Wort „Folker“ anzuklicken, um einen Eindruck des Gesamtangebots zu gewinnen.

Ich freue mich natürlich auch, meinen Namen im Zusammenhang mit einer guten Sache zu lesen und nicht mit einem groben Fehlurteil oder einer peinlich verpassten Chance.

Auf der linken Seite das Bild der Wissenschaftlerin Dr. Edda Brandes, deren preisgekröntes Werk weiterhin auf meinem Schreibtisch liegt, – neben anderen, die durchaus nicht weniger wert sind: Madagaskar, Niger, Burundi -, und nicht ich war es, der den Preis letztlich ausgelobt hat, sondern eine unbestechliche Jury.

Auf der rechten Seite ein Ausschnitt (Text: Stefan Franzen), der mich dazu bewegt, mein halbes Leben an mir vorüberziehen zu lassen: mit unendlich vielen musikalischen Lernprozessen, die vielleicht nur an dieser Stelle möglich waren, wo ich so vielen gleich interessierten Menschen begegnen konnte. Aber auch mit Erinnerungen an zunehmenden Frust, vergebliche Memoranden, gestrandete Hoffnungen, Verlusterfahrungen aller Art. – Schluss. Letztlich liegt am Ende aller Reformen nichts offener da als die Medien. Aber 10 Jahre später weiß niemand mehr, was sie einmal bedeuten konnten. Und was sie wirklich einmal waren. Keine Nostalgie-Wiederholungen machen das wett.

Was mich bei diesen Erinnerungen noch betroffener machte? Die Mitteilung auf Seite 16: Esma Redžepova ist gestorben. Ihr lebensprühendes Poster vom WDR-Festival der 90er Jahre auf dem Bonner Marktplatz grüßt mich heute noch, wenn ich die Treppe zu meinem Übezimmer hinabsteige:

esma-redzepova-im-flur

Nachtrag

Man lese noch einmal nach, was dort oben über Jazz & World zu lesen war. Die Soundworld am Dienstag ist weg, – man könnte nun meinen, hinter dem Begriff World stecke immer noch alles, was man früher dort fand, und tatsächlich, es scheint vorhanden: Gestern Abend auf WDR 3 ab 22:04 WDR-Folkfestival-Aufnahmen 1976-78 und am 12.1.17 sogar ab 20:04 ein Rückblick auf die frühe „Matinee der Liedersänger“ . Was war denn früher anders? Ganz einfach: Musik bestand nicht nur aus Konzerten, Musik war vor allem auch Thema. Sie war – sage und schreibe – auch etwas zum Denken. Wie Michael Kleff ganz richtig sagt: „Gerade das ist die Stärke des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – Erklärungsbedürftigem den Raum zu geben, den es braucht.“ Wirklich Erklärungsbedürftiges wird man vergeblich suchen, es bedarf ja der störenden Worte, die früher noch die Ohren öffnen durften. „Es gibt kein Einschaltradio mehr, es gibt nur noch das Begleitmedium“, sagt der Radioredakteur. – Eben.

***

Allerdings: in der Zeit, da ich dies schrieb, lief in WDR 3 eine vorbildliche Sendung mit Neuer Musik, mit Neuen Liedern, gesungen von den Neuen Vokalsolisten Stuttgart, samt hervorragenden Erklärungen und Demonstrationen der Stimmtechniken, – eigentlich kein Wort zu wenig. Achtung: nachhörbar HIERUnd um 22:04 der Übergang in eine Weltmusik-Sendung, die ebenfalls nichts zu wünschen übrig lässt, was die Relation zwischen Musik und erläuterndem Text angeht. Fazit: Wach bleiben! Radiohören könnte sich doch noch lohnen…

salah-ammo-screenshot

Weihnachtsgeschichte

Wie der Steg vom Korpus brach

Lehrstück zum Frühstück ST 24.12.2016

st-geigengeschichte-weihnacht Zum Lesen bitte anklicken!

Geigensteg Foto Wiki Fotograf/Zeichner: M. Kuhlberg (Netazon)

geigensteg

Geigen ohne Hals ↓                    ↓                  ↓

Musikinstrumente

Violin-Details (Foto: Wikimedia hier)

Geiger wünschen einander vorm Konzert gern, das Gegenteil meinend, Hals- und Stegbruch. Und Brahms fühlte mit ihnen im letzten Lied seines op.7:

brahms-o-brich-nicht-steg

Frohes Fest! Kopf hoch!

P.S.

Zugegeben: den Segenswunsch „Hals- und Stegbruch“ habe ich frei erfunden. Stege brechen ja kaum bei geigerischen Aktivitäten, der Riss einer Saite dagegen ist gar nicht so selten. Aber Gewalt gegen Geigen hätte ich auch in schlimmen Zeiten der Frustration vermieden. Ich neige eher zum Flöteverbiegen, zumal Silberflöte, wenn ich unfreiwilliger Ohrenzeuge idiomatischer Tonleiterübungen werde.

Aufklärung zum Steg-Gedicht (Brahms): Hier.

Schallplattenpreis

Lesenswerte Infos über CDs aller Sparten

schallplattenpreis-br-vorn schallplattenpreis-broschuere-2016-rueck

Anzufordern wo? Siehe HIER. Unter „Kontakt“. Das Info-Heft (nicht die CDs), auch als nachträgliches Geschenk zu verwenden, – wenn z.B. Ihre Geschenk-CD darin behandelt ist.

Nicht zu verwechseln mit dem Echo-Preis oder anderen von der Industrie gesponserten Auszeichnungen, die nur den Verkaufserfolg betreffen. Hier geht es ausschließlich um Qualität.

jahrespreis-2016-jury

Das Böse

Ist das Böse einfach nur Gewalt?

Es interessiert mich, fast so lange ich denken kann. Wer darf mich schlagen, mich körperlich oder psychisch tangieren, wen darf ich bestrafen? Wer muss tun, was ich verlange? Wer ist der Stärkste an der Schule? Weshalb haben sich mir bestimmte Demütigungen eingeprägt, wie oft hat meine Mutter den Gang nach Canossa erwähnt? Welcher Held war es, der einem unterlegenen Schurken mit Verachtung (!) das Leben nahm oder (noch überheblicher) schenkte. Urszenen aller Art. Habe ich wirklich als Kind in aller Unschuld Fliegen die Flügel ausgerissen, um sie in Käfer zu verwandeln? Maikäfer jedoch (wie mein Bruder) kunstvoll geköpft? Tiergeschichten bis hin zum Dschungelbuch hatten immer mit Macht zu tun, natürlich auch die Abbildung im Schmeil, zu der ich mir Geschichten ausdachte. Die Liebe zu „meiner“ Katze war mit Erinnerung an die erste Szene aus „Nils Holgerssohn“ getränkt. Die Umkehrung der Machtverhältnisse, als der Junge plötzlich winzig und die Katze riesengroß war. Eine Schlüsselfunktion in allen Bereichen der moralischen Differenzierung hatte die fatal selbsttätige Phantasie. Dann Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“. All dies war gegenwärtig, als ich gestern nichtsahnend in die Sendung mit Markus Lanz hineinschlitterte. Ich werde ein paar Bücher einstreuen, nicht alle habe ich gründlich gelesen, manche aber wie eine Bibel.

aggression-b  plack-das-boese 1971

In der ZDF-Sendung Markus Lanz am 16. November war u.a. der Kriminalpsychologe Dr. Thomas Müller zu Gast. Hier folgt eine Nachschrift des Gesprächs (Ausschnitte), die Fragen oder Zwischenbemerkungen von Markus Lanz stehen in Klammern.

Ab 9:00 [Über das Verbrechen von Höxter]

(Herr Müller, wenn man die beiden so sieht vor Gericht, man stellt sich Menschen, die so etwas tun, anders vor. Ist das etwas, mit dem Sie häufig konfrontiert sind, haben wir ne falsche Vorstellung davon, wie jemand, der tatsächlich böse ist, wie der auszusehen hat?)

Wie stellen Sie sich denn böse Menschen vor ? (Das ist die Frage!)

feuerbach-a feuerbach-b 1965

Man stellt sich vor, dass man ein Gefühl dafür hat und fragt sich wie kann das sein dass Frauen, die aus der ganzen Bundesrepublik kamen, sogar in Tschechien sind ja ganze Anzeigen geschaltet worden, um Frauen in dieses Haus nach Höxter zu kriegen, dass man ein Gefühl dafür hat, dass irgendetwas in diesem Haus nicht stimmt. Aber offenbar war ja das Gegenteil der Fall.

Wissen Sie, ich hab in meiner beruflichen Karriere keine zwei Sätze öfters gehört wie die folgenden: wenn ein komplexes Verbrechen aufgeklärt wird wie jetzt z.B. in Höxter, und die Medien oder der Staatsanwalt präsentieren dann einen Tatverdächtigen, dann gibt’s genügend Menschen, die sagen: „Aber doch nicht der! Das war der liebe nette Nachbar, der hat mit den Kindern gespielt und hat mir geholfen das Dach reparieren, und je nach Komplexität des Verbrechens dauert es 30, 40, 50 Stunden, und dann gibt’s plötzlich genügend viele Menschen, die sagen, der war immer schon irgendwie komisch. Aber was sagt uns denn dieser allgemeine Wandel? Dass wir vollkommen unfähig sind festzustellen, was wir jemand zutrauen und was nicht. Und ich hab mit sehr sehr viel Menschen gesprochen, die hochkomplexe Verbrechen begangen haben, Serienvergewaltiger, Serienmörder und mit Bombenbauern, ich hab keinen einzigen getroffen, der gelbe Augen gehabt hat. Oder mit den Fingernägeln am Boden dahingekratzt…. Aber Sie dürfen das jetzt bitte nicht falsch verstehen, – diese Menschen schauen so aus wie Sie oder ich. (Hmhm.)

Das was sie (genau!) antreibt, das ist der große Unterschied… (genau: dieser Sadismus, diese … wie beschreibt eigentlich der Psychologe Sadismus, was ist das in Ihrer Definition? Wir haben ja nur so ne vage Vorstellung davon.)

Nun da gibt es leider Gottes eine falsche Definition, die sehr gängig ist, dass man sagt, der sexuelle Sadist bezieht aus dem Quälen des Opfers eine Befriedigung, eine sexuelle Befriedigung. Und das geht aber nen Schritt weiter: er bezieht die Befriedigung aus der Reaktion des Opfers auf das Quälen. Das heißt, das Quälen, torture, wie die Amerikaner sagen, ist eigentlich nur Mittel zum Zweck, d.h. verstorbene Opfer sind eigentlich für einen Sadisten völlig wertlos, und deswegen verwenden sie sehr viel Anstrengungen und die gesamte Intelligenz, um die Opfer so gut wie möglich zu verbergen, zu vergraben, zu verstecken, so dass man sie nie mehr findet. Aber das was sie antreibt, sind diese dunklen Phantasien. Sie müssen sich diese Menschen ein bisschen plastisch, wenn Sie gestatten, so vorstellen, als ob die ein Riesen Schwarzes Loch hätten und sie versuchen jetzt andere Menschen zu manipuieren, sie versuchen zu antizipieren, wie sie ihnen Schmerzen zufügen kann, dass sie drauf reagieren können, dass sie irgendeine Reaktion von denen bekommen in der Hoffnung, dass dieses schwarze Loch irgendwie sich füllt, hilft aber nichts, es wird immer größer.

marcuse 1971

(Hmhm. Welche Rolle spielt Sexualität dabei?)

Eine sehr sehr große. Natürlich gibt’s auch sadistische Menschen, die abgesehen von der Sexualität etwas ah … sadistische Tendenzen haben, aber die Sexualität und eben die sadistische Rolle in der Sexualität ist eine sehr große, insbesondere dann, wenn es zu schwerwiegenden Straftaten kommt. Also Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir eigentlich … die Basis dafür, – und das wissen wir heute, dass Kinder, denen in früher Zeit in ein außergewöhnlich dramatisches Erlebnis hineinkommen, gibt ihnen die Mutter Natur eine Möglichkeit, um mit diesen schwierigen Situationen umzugehen, das ist die Phantasie. Wenn ich die Augen zumache – die Dunkelheit ist der Freund der Phantasie, da kann ich mit außergewöhnlichen Momenten, mit denen ich nicht zupass komme, mit denen kann ich umgehen. Wenn ich … In der Phantasie kann ich Kampfmaschinen kreieren, ich bin plötzlich mächtig, ich hab Gewaltphantasien oder sowas. und wenn die Mutter Natur nun Sexualhormone über die jungen Körper drüberschüttet, im 12, 13, 14ten Lebensjahr, Tendenz sinkend, dann verbinden sich Gewaltphantasien mit Sexualität,und Sie haben die Basis für jedes Sexualverbrechen. Und es kann Vergewaltigung sein, es kann aber auch soweit gehen, dass die menschen tatsächlich so konditioniert sind, dass sie sagen: ich brauch den Widerstand des anderen, ich brauch die Qual, ich brauch das Mittel, das Mittel zum Zweck, wie der andere darauf reagiert, damit ich … Befriedigung krieg. Es sind eigentlich sehr kalte Menschen.

grausamkeit gewalt 1988 / 2013

(Hm… das heißt, da ist eine Tat, die wahrscheinlich über Jahre in der Phantasie schon immer wieder begangen wird, die genau und minutiös geplant ist, und das einzige, was zufällig ist, ist das Opfer, das dummerweise gerade in dem Moment verfügbar ist.)

Es ist bei diesen Menschen alles geplant! Was sie sagen, wie sie ihre Bunker bauen, welche Gegenstände sie verwenden, wie sie sich selber präsentieren oder sonst irgendwas. Bis auf eine Sache: das Opfer, das ist in der Regel zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Und dieser Planungsgrad, dieser enorme Planungsgrad, so wie Sie sagen: es wacht niemand in der Frühe auf und sagt: jetzt mache ich ein Tötungsdelikt und geht am Abend ins Bett und sagt: Nein, es war heut ein schlechter Tag, ich machs ich nicht mehr wieder. Sondern gerade bei sexuellen Tötungsdelikten war das ein Prozess, ein progredienter Prozess, der über Jahre hinweggeht, und ich kann mich erinnern, ich hab einmal jemand interviewt, der einige Frauen vergewaltigt hat und zum Schluss zwei umgebracht hat, und der hat gesagt: Meine sexuellen Phantasien sind wie ein Schloss mit tausend Räumen und jeden Tag kommen zehn neue dazu. Also diese Menschen fangen in der Frühe schon drüber phantasieren an, was sie noch machen können, und am Abend hören sie auf. Manchmal hab ich (..?..), Sie träumen sogar noch davon, wie sie diese Phantasien ausbauen können.

(14:20 Herr Fenneker, zurück nach Höxter …. was hat das mit der Stadt und den Menschen dort gemacht?) „Nachbarn“? 16:00 bis 18:50 Zwischen Höxter und dem Säuremord in Hamburg gibt es durchaus Parallelen, inwiefern?)

Müller: Planungsgrad. Man kann davon ausgehen, dass Täter, die eigentlich ein Verbrechen begehen, Kernentscheidungen treffen, bevor sie überhaupt an das Opfer denken. 19:00

27:33 Dr. Thomas Müller interviewte den Mörder Lutz Reinstrom mehrfach im Gefängnis.

(Herr Müller, Sie haben den Mann dreimal im Gefängnis getroffen, wie haben Sie diese Begegnungen in Erinnerung. Das erste Mal, das erste Gespräch.) 27:27

Zunächst einmal ein Satz dazu. Warum geht ein Kriminalpsychologe überhaupt ins Gefangenenhaus? Wir ermitteln ja nicht, wir klagen nicht an, sondern unsere Aufgabe ist es für die Organe der Strafrechtspflege die Staatsanwaltschaft, die Kollegen der Kriminalpolizei, ein zusätzliches Hilfsmittel zu sein,Verhalten zu beurteilen. Sie dürfen nicht vergessen, wir beurteilen immer Menschen, die wir noch nie gesehen haben, nur aufgrund der Entscheidungen, die sie in einem Verbrechen begangen haben, warum sie wie Kontrolle aufgenommen haben, warum sie die Opfer längere Zeit behalten haben, wie sie sie behandelt haben. Und um das zu lernen, können wir ja nicht in die Universitäten laufen, es gibt auch keine Bücher darüber, sondern – und das dürfen Sie jetzt nicht falsch verstehen – unsere Experten sitzen in den Hochsicherheitsgefängnissen.

(Jack Unterweger, auch berüchtigter Serienmörder in Österreich sehr bekannt, der Sie manipuliert hat, indem er Sie einfach 25 Minuten … oder 2 Stunden … die Zeit weiß ich nicht mehr…, der hat Sie warten lassen. Und Sie sind dann rein und haben dann so getan, als wär Ihnen das gar nicht aufgefallen, dass der 2 Stunden zu spät kommt.) Fortsetzung?

32:10 Markus Lanz: So hart das auch ist, – das Böse hat auch eine Faszination, und das erlebt man auch grade wieder, wenn man Ihnen zuhört. 32:17

Quelle des Textes: ZDF-Sendung Markus Lanz 16. November 2016 

foucault  safranski-boese 1977 / 1999

De Sade in bester Gesellschaft („das Böse hat auch eine Faszination“):

safranski-de-sade Safranski: „Das Böse“

Man gehört nicht automatisch zu den Guten, wenn man Gewaltdarstellungen vermeidet, also: virtuelle Erfahrungen mit dem Phänomen Gewalt ausspart. Sie gehört zur Realität, ob wir das in Ordnung finden oder nicht. Es ist nicht leicht, das Buch „Überwachen und Strafen / Die Geburt des Gefängnisses“ von Michel Foucault zu lesen, das mit einem mehrseitigen Augenzeugenbericht über die Vierteilung eines Menschen beginnt. Oder das Kapitel „Abenteuergeschichten“ in dem Buch „Soldaten / Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer, Berichte, in denen das Wort „töten“ nie vorkommt, obwohl es sich gerade darum handelt, – jedoch immer wieder die Bemerkung „das hat Spaß gemacht“.

***

Ist auf dem folgenden Bild das Böse dargestellt, oder (nach realen Motiven der Folterpraxis) eine Phantasie des Bösen, die verwandte Phantasien bedienen soll? (Es stammt von einem unbekannten Meister aus einem spanischen Kloster des frühen 16. Jahrhunderts.)

hoelle

Dank an B.S. für diese Entdeckung, für einen schönen Artikel über Leonard Cohen und für Lou Reeds „ROCKnROLL ANIMAL“.

Hinweis (DIE ZEIT 17. November 2016 Dossier Seite 16) betr. USA:

Blutigen Dramen von Shakespeare und anderen Werken der Weltliteratur werden neuerdings Warnungen beigelegt: Diese Schrift könne Menschen verstören, die in ihrem Leben Gewalterfahrungen machen mussten.

Und es gibt noch etwas Passendes zum Thema: Hier.