Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Ach, Europa!

Zur Orientierung 

Renaissance Bildband

Es erscheint weltfremd, wenn man zugunsten eines einigen Europas auf die gemeinsame Kultur in ihrer Vielfalt pocht, und wenn ich erzähle, was ich tue, wenn ich mich unserer Geschichte erinnern will, klingt das gewiss sinnlos elitär. Ich tue es trotzdem: ich greife nämlich nach einem opulenten Bildband, der da heißt RENAISSANCE. Ich besitze ihn seit Mitte der 80er Jahre. (Genauer: Die italienische Renaissance / in Bildern erzählt von Erich Lessing. Weiteres s.u.)

Wie gern höre ich zu, wenn mir nun, wie dieser Tage, ein Italiener von Europa erzählt:

(…) Ich glaube, die nackte und hässliche Wahrheit lautet: Das Projekt für den europäischen Kontinent ist zu einer Zeit entstanden, in der allgemeiner Wohlstand und überwiegend sozialer Frieden herrschten. Jetzt haben sich die Dinge verändert, zum einen durch die Krise eines Entwicklungsmodells, das die Wirtschaft den Finanzmärkten unterworfen hat und das die Mittelschicht schrumpfen lässt, zum anderen durch den Terror islamistischer Gruppen, die in den Peripherien Europas beinahe mehr Anhänger finden als in der arabischen Welt. Und nun offenbart sich erneut die Gemeinheit des menschlichen Herzens. Wir Schönwettereuropäer igeln uns in unseren mittelmäßigen nationalen Egoismen ein, unfähig, nicht nur mit anderen Kulturen, sondern auch und vor allem mit uns selbst, unseren Wurzeln, unserer Identität, ein Gespräch zu führen.

Die gute Nachricht: Nicht die Masse schreibt Geschichte. An der italienischen resistenza nahm anfangs nur eine Handvoll Menschen teil, nicht anders war es mit den Nazigegnern in Deutschland. Es sind Eliten, die Geschichte schreiben. Allerdings müssen diese Eliten, so sie ihren Namen verdienen, mehr als nur den passenden Slogan finden, um sich Rückhalt in der Bevölkerung zu sichern – sie sollten vorher auch Shakespeare und Goethe gelesen haben, vielleicht noch Ovid und ein bisschen Aristoteles und Freud, sie sollten Michelangelo, Masaccio, Gauguin, Francis Bacon und Goya kennen. Sie sollten das Bauhaus schätzen und den Barock, Gaudì und Alvar Aalto, Fellini und Jean Renoir, Ingmar Bergmann, Leopardi, Thomas Mann, Virginia Woolf, Doris Lessing, Milan Kundera und Wislawa Szymborska. Mit anderen Worten: Sie sollten sich selber kennen.

Dies scheint mir der entscheidende Punkt zu sein. Europa tut sich schwer damit, eine echte politische und wirtschaftliche Gemeinschaft zu werden, weil seiner führenden Klasse nicht bewusst ist, dass Europa das Produkt einer jahrhundertealten Zivilisation ist, in der die Kultur immer wichtiger war als es die Kriterien von Maastricht, die Börsen in Mailand und Frankfurt oder auch die EZB je sein können. Ich sage das ohne jede Polemik: Es sind nicht die abstrakten und farbigen Prägungen auf hässlichen Euro-Scheinen, die unsere gemeinsamen Wurzeln ausmachen, sondern jene Künstler, die, ohne es zu wissen, unsere Identität erst erschaffen haben. (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung 9. Februar 2016 Seite 2 Lest Shakespeare und Goethe Das Unbehagen der Italiener an Europa und was daraus zu lernen ist / Von Mario Fortunato (Aus dem Italienischen von Jan Koneffke)

Und wenn man nun ernstlich von den Kosten reden würde? Jahrelang habe ich nicht hinterm Berge gehalten, wieviel ich von Philosophen wie Rüdiger Safranski gelernt habe, und nun lese ich mit großer Befriedigung eine Polemik gegen seine neuesten Auslassungen, und zwar in der neuen ZEIT. Herfried Münkler:

Es ist nicht auszuschließen, dass die EU unter dem Druck der Flüchtlingskrise zerbrechen wird, aber es ist ein Essential der deutschen Politik, dass dies erst eintrifft, nachdem man in Berlin alles versucht hat, das zu verhindern. Die Regierungen, die den deutschen Beitrag zur Rettung des Europaprojekts jetzt diskreditieren, verfolgen dabei nationale Interessen: Sie wollen hernach unschuldig dastehen. Einige deutsch Intellektuelle spielen ihnen dabei unbedacht in die Hände.

Deutschland hat wirtschaftlich von der Schaffung eines gemeinsamen Marktes in Europa ungemein profitiert, und es war und ist der Hauptnutznießer der Einigung des Kontinents. Erste Schätzungen besagen, dass die unmittelbaren Kosten nationaler Grenzregime für jedes größere EU-Land 10 Milliarden Euro pro Jahr betragen dürften. Das ist ein geringer Betrag mit den zu erwartenden Wohlstandseinbußen, die mittelfristig aus dem dann unvermeidlichen Wiederaufleben eines wirtschaftlichen Protektionismus erwachsen würden. Die Gesamtkosten, die jetzt für die Unterbringung, Versorgung und Ertüchtigung der ins Land gekommenen Migranten anfallen, dürften ein Bruchteil dessen sein, was der Zusammenbruch des europäischen Marktes kostet – zumal dann, wenn in den europäischen Polemiken Deutschland als „der Schuldige“ dafür dargestellt wird. Daran wird kein Essay von Sloterdijk etwas ändern.

Vor allem muss man sich vor Augen halten, welche Folgen ein Rückstau der Flüchtlinge auf der Balkanroute haben würde beziehungsweise im Herbst 2015 gehabt hätte. (…)

Quelle DIE ZEIT 11. Februar 2016 Seite 7 Wie ahnungslos kluge Leute doch sein können Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk kritisieren die Regierung und verlangen eine rigide Grenzsicherung – das zeigt, wie unbedarft die beiden sind. Von Herfried Münkler

Ich habe mit Bedacht nur den Abschnitt über die Kosten zitiert, gewissermaßen als Gegengewicht zur Hervorhebung der Kultur im vorhergehenden Zitat. Ich empfehle dringend die Lektüre des ganzen Artikels, der vermutlich in den nächsten Tagen online zu lesen sein wird. Der SZ-Artikel ist jetzt bereits vollständig im Internet zu finden. Zur weiteren Diskussion siehe auch im Deutschlandfunk hier. (JR)

Erich Lessing siehe hier / ISBN 3-570-02388-5 München 1983 / Das Internet sagt, dass dieser Band später vom Orbis-Verlag übernommen wurde, der aber inzwischen aufgelöst ist.

Renaissance Bildband b

Die Überschrift dieses Artikels bezieht sich auf Buch-Titel von Jürgen Habermas (1) und Hans Magnus Enzensberger (2). Dort anspielend auf Thomas Manns Aufsatz „Achtung Europa“ (1935).

(1) Jürgen Habermas entwickelt in einer Rede, die er aus Anlass einer Diskussion mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hielt, politische Alternativen für den Kontinent. Er plädiert für eine Politik der abgestuften Integration und für eine „bipolare Gemeinsamkeit“ des „alten Europa“ mit den USA.

(2) Die Einheit des Kontinents, so wie sie in der Logik der Konzerne, der Parteien, der Bürokratien verstanden wird, nämlich als Projekt der Homogenisierung, erweist sich als Chimäre. Europa ist als „Block“ undenkbar. Es ist kein Zufall, daß sich der Autor seinem Thema von der Peripherie her nähert. Die drei „Großen“, Frankreich, die Bundesrepublik und das Vereinigte Königreich, bleiben in seinem Buch ausgespart.

Das Titelbild des Bildbandes (ganz oben) stammt von Piero di Cosimo und zeigt Simonetta Vespucci, die man möglicherweise auch im Mittelpunkt des Gemäldes „Der Frühling“ von Sandro Botticelli wiederfindet. Wer weiß, ob es – global betrachtet – zu gewagt ist? Es könnte für europäische Werte stehen, die zuweilen – wie man kürzlich in Italien erlebt hat – für fremde Besucher verhüllt werden. Ach, Europa!

62 Minuten zur realen Situation

TV: nicht nur konsumieren, sondern nach-denken, analysieren

ttt sendung Screenshot 2016-02-02 07.29.39 Zum AnHÖREN nächstes Wort klicken:

Hier  ttt Titel-Thesen-Temperamente / ab Minute 1:00 bis 6:16 Blom, Leggewie (5 Minuten)

Unser Wohlstand ist immer die Armut von anderen.

***

zdf Lanz Screenshot 2016-02-02 07.41.12 Zum AnHÖREN nächstes Wort klicken:

Hier In der Sendung Markus Lanz: Albrecht von Lucke ab 4:26 bis 16:45 (12 Minuten)

Parteien-Strategie / das heißt: die AfP ist ein Gefäß für alle eher autoritär orientierten Menschen aller Parteien. Und für alle jene, die Sorge haben, dass dieser Staat kippen würde.

***

zdf prechtScreenshot 2016-02-02 07.46.14 Zum AnHÖREN nächstes Wort klicken:

Hier  Richard David Precht & Alexander Kluge / die ganze Sendung „Komplexe Welten – Ratlose Menschen“ (45 Minuten)

Trotz allem: Orientierung! Narration! Zusammenhang!

Einleitung Precht:
„Wir leben heute in der komplexesten Welt, die es je gab. Das globalisierte und digitalisierte Zeitalter liefert uns eine unüberschaubare Menge an Daten und Informationen über alles. Doch je mehr wir wissen, um so weniger scheinen wir zu wissen, was wir glauben und was wir tun sollen. Wie sollen wir leben? Was sind die richtigen persönlichen und politischen Entscheidungen? Es scheint, als ob wir es nicht mehr schaffen, die Fülle der Informationen zu durchdenken und zu gewichten.
Darüber rede ich mit dem Filmemacher, Fernsehproduzenten und Schriftsteller Alexander Kluge.“

Kongs große Stunde (Kluge 2015): 1. Satz – „Wieder einmal hatte die Menschheit sich übernommen.“

Das erinnert mich sehr an die aktuelle Situation: haben wir uns mit allem übernommen? Leben wir in einer Welt, in der wir zu viele Informationen haben? In der wir keine Zusammenhänge mehr stiften können und verloren zu gehen drohen?
A.K.: Ich glaube, dass das nie anders war.
PR Also, Sie denken jetzt daran, dass in früheren Zeiten die Menschen ihre Lebenswelt als ähnlich überfordernd erlebt haben wie wir heute?
A.K.: Sie haben’s selbst mal geschrieben: im 12. Jahrhundert, also sehr weit zurück, in der Zeit Barbarossas, ist es so, dass das Jahrhundert so schnell vorangeht, so viel Wechsel hat, die Gesellschaft sich dauernd ändert, dass man zweimal im Leben lernen muss, man muss also als 50-, 60-Jähriger nochmal auf die hohe Schule. Das ist der Zeitpunkt, wo die Universität begründet wurde. Ja, ein glanzvolles Jahrhundert, aus Not.

PR Man müsste also umgekehrt fragen: hat es mal Jahrhunderte gegeben, in denen die Menschen mit der Geschwindigkeit, mit der die Welt sich weiterentwickelt, im Einklang waren, nicht überfordert?

A.K.: Eigentlich kenne ich solche Jahrhunderte nicht. Als es mal augusteisch werden sollte, so um 1600, da kam der 30jährige Krieg. Als die Klassik sich mal so richtig einrichtet, kommt die Romantik, kommen Napoleons Kriege, ja, als die vorüber sind, kommt wieder Unruhe, neue…

PR Ist vielleicht so: je statischer, totalitärer, auf Ewigkeit programmiert ein Gesellschaftswurf ist, um so schneller wird er sich wieder ändern.

A.K.: Das können Sie sagen. Oder Sie können umgekehrt sagen: wenn Milch und Honig einfach fließen, und die gebratenen Tauben in den Mund … reisen, dann bewegt sich die Gesellschaft nicht. Hermann Parzinger hat das sehr eindrucksvoll beschrieben: im Süden von Ägypten – wo später die Pharaonen sein werden – gab es diesen Luxus, wo die Natur so reich war, dass die Menschen dort die Bronzezeit versäumten, die Eisenzeit versäumten, und sich überhaupt nicht entwickelten, und später unterjocht wurden durch das, was aus Libyen, aus der Wüste, aus der Not heraus kam.
PR … d.h. der ganze Fortschritt – nicht nur beim Menschen, sondern in der Natur – ist abhängig von sich schnell wandelnden Umweltbedingungen. Wenn die Umweltbedingungen immer gleich bleiben, wie in der Tiefsee, da gibt es Organismen, die dort vielleicht 200 Millionen Jahre überleben, weil nichts passiert… Und da, wo der Umweltdruck besonders hoch ist, ändern sich die Menschen. Das klingt so, als ob ein überfordernder Zustand vor allem positiv zu interpretieren sei, nämlich als Chance der Weiter- oder gar Höherentwicklung.

A.K.: … und da ist ein Fehler noch drin in dem Gedanken, nämlich: sie müssen früher mal Glück gehabt haben, und sozusagen ’n Stück Ruhe gehabt haben, z.B. an der Mutterbrust, ja, oder in einer Gesellschaft, die einen Moment lang Nischen hatte, und dann anschließend kommt die Herausforderung, und jetzt können sie sie beantworten.

PR Weil, das Veränderungspotential entspringt nicht aus der Veränderung, sondern muss vorher da sein und wird dann aktualisiert.
Haben Sie nicht gleichwohl trotzdem den Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, die auf enorme Art und Weise mit sich überfordert ist, dass wir eine Politik haben, die es schwer hat, in großen Zusammenhängen zu denken, die vor den Herausforderungen, vor denen wir stehen, beispielsweise vor der Flüchtlingskrise, eigentlich viel zu klein, viel zu überfordert, viel zu eng, viel zu sehr in kleine Sachverhalte verstrickt ist, um dieses Thema auch nur ansatzweise bewältigen zu können? (weiter ab 4:20) Nur noch Stichworte:

7:50 Aufstieg des Kapitalismus. „World com“. Aufflackern von Tribalismen. Energie, die darin liegt. Kulturelle Gleichschaltung durch die Medien – wie Lava über allem. 10:00 Die eine Welt global, die des Kreon, aber die andere, Antigones, bleibt persönlich. Liebesbeziehungen, die den Erdball umspannen, globale Beziehungen, mit denen man Geld verdient. „Autobahnen“ – „Dornröschen“. Welt der kommerziellen Wirklichkeiten – was grenzen sie aus? Pläne – Geschichten, die keinem Plan folgen. Flüchtlinge. 13:00 Lebensläufe immer partikular, plötzlich aber verschränkt mit dem Ganzen. Dieses Lebendige ist das, was man erzählen kann. Internet = neue Öffentlichkeit. Piazza! Reibung. Internet als Maschine der Bestätigung von Vorurteilen. 15:00 Spiegel online, alles in einem Satz sagen müssen, Amazon-Empfehlungen, Wohlfühl-Gesellschaften, Liebesgeschichten, Mensch kein rationales Wesen, Konjunktiv, Optativ im Griechischen, Grammatik der Gefühle, Fiktionsbedürftigkeit des Menschen, dagegen Matrix des Marktes, zugleich wachsendes Bedürfnis nach Geschichten, „das ist absolut wahr, was Sie sagen“, nackte Information kann den Menschen nicht befriedigen, Partisanen in uns, das Anarchische im Menschen ist so stark 20:00 Verschwörungstheorien. Was Menschen empfinden bleibt authentisch. Geburt – nicht digitalisierbar. Menschen erfinden Geschichten nach dem Muster der Medien. Man muss aber „buddeln“, um das Authentische zu finden. 22:40 „Mein Sohn macht in der Schule die Bürgschaft von Schiller“. Hollywood als Schulaufgabe. Das technische Denken als Quelle der Phantasie. „Die Pyramiden bluten“. Was ist Freund? Was ist Versprechen? Schiller als Erzähler, als Illusionist. 25:00  Was ist Tyrann? Der eine menschliche Regung zeigt. Man kann genauso die Bösartigkeit der Welt aus der Geschichte ablesen, denn nichts aus der Ballade „Die Bürgschaft“ ist wahrscheinlich, und dennoch sagt Schiller: das Unwahrscheinliche wird Ereignis, – andernfalls: wäre diese Geschichte uninteressant. Ein so phantasiebegabtes Tier wie der Mensch müsste an der Realität verzweifeln, wenn er sie ernst nähme. Arno Schmidt: Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität und zerschellen dann – wie billig – daran. Wenn sich nun die Fiktionsbedürftigkeit und die Information nicht mehr trennen lassen… Umkippen der Stimmung nach den Ereignissen am Kölner Hbf., im größten Teil der Medienereignisse geht es um Auflösung detektivischer Zusammenhänge, aber wir versuchen nicht mehr, die großen Zusammenhänge zu begreifen, man verwechselt die dramaturgischen Ereignisse mit der realität… A.K. : „Aber war das je anders?“ Gutenberg Druckerkunst Pamphlete mit Aufrufen zum Krieg, also viel Schrott. Luther? Viel Unfrieden gestiftet. 30Jähriger Krieg = die Summe alles Gedruckten – in einer Welt, die völlig überfordert ist mit alldem, und da hat man sich doch auch orientiert: da gibt es plötzlich in 5 Jahren einen Blitzfrieden, plötzlich konnte jeder seine Meinung kundtun, plötzlich wird Öffentlichkeit geschaffen. Die Öffentl. zwingt die Monarchen sich zu vertragen! Die gleiche Öffentl., die vorher den Krieg begünstigt hatte. Vergleich mit Arzt, Körper und Infektion. Ähnliche Überforderung durch Internet? Adorno: Weder von der Macht der Verhältnisse dumm machen lassen noch von der eigenen Ohnmacht. Stichwort „Angst“: 30:00 A.K.: Ich würde versuchen gegenzusteuern, poetisch sehr leicht, ich hol mir den Ovid, den Ossip Mandelstam etc. ich hol mir andere Poeten zu Hilfe. Und kann da wie mit einer Droge durch Illusionstätigkeit, durch Narration, durch Erzählen die Angst eindämmen. 30:30 PR Was wären heute die wichtigsten Narrative, um heute die Angst vor dem Islamisierung oder Überfremdung? A.K. : ZUSAMMENHANG! D.h. Wenn ich den IS sehe, kommt mir schon das Grauen, und ich kann dagegen poetisch nichts ausrichten. Habe mal versucht mit Helge Schneider FILM …ging nicht. Jetzt nehme ich Karl May… „Im Lande des Mahdi“… dadurch dass eine Geschichte erzählt wird, bin ich entspannt. … neben der Realität. Dass diese Realität noch andere Zeichen hat. PR: Über historische Zusammenhänge reden, um Menschen die Angst zu nehmen? Karl May „Durchs wilde Kurdistan“. Reiseroute der Flüchtlinge. Hat aber mit Wirklichkeit gar nichts zu tun, er ist kein Forscher. Deutscher Provinzler, der sich mit der Welt beschäftigt. PR: Inwieweit könnte ein Narrativ in der heutigen Angstkultur helfen? (Viele Menschen haben heute Endzeitphantasien.) 35:00
A.K.: Kants kleines Buch „Sich im Denken orientieren“. Wie ein Horizontwanderer… Vertrauen entwickeln – egal ob durch Wahrheitssuche oder durch Erzählung und Fiktion. Vertrauen! „Die Medien leben von einem Minderwertigkeitskomplex“ der Gesellschaft. Sie dürften sich nicht zentralistisch organisieren, sie müssten Tunnelbau betreiben. PR: dass wir eine impressionistische, pointilistische Art haben, die Informationen aneinanderzureihen, ohne sie in einen Zusammenhang zu bringen.
A.K.: Machen wirs doch mal praktisch: „Nathan der Weise“ von Lessing. Moslem, Christ, Jude. Wenn ich das mit Ihnen zusammen zu dichten hätte… neu schreiben. Die Geschichte selber kann uns immun machen gegen die größten Irrtümer. 1. Weltkrieg, 79 Friedensgelegenheiten. Wo läge der glückliche Ausgang heute, den wir im Moment nicht sehen? Frühere Flüchtlingsbewegungen, Ungarn 1956. USA. 40:00 Emigrant, der die Heimat mit sich fortträgt, um sie in der Ferne wieder zu restituieren. „Wenn wir – Syrien hier erneuern – damit etwas zu tun hätten!“ Unsere Emigranten 1848, die breite Teile der USA mitbegründen, aus Galizien, nationalhymne Deutschlands außerhalb entstanden, in Erinnerung an, Urmythos vom alten Ehepaar Philemon und Baucis, eines Tages kommen Gäste, Götter, was sie nicht wissen, sie opfern etwa, teilen mit ihnen, werden belohnt, dürfen sich wünschen, am gleichen Tag zu sterben und wachsen später als Baum zusammen. Der Preis, dass man glücklich wird, – ist die Gastfreundschaft. Kant: diese Gastfreundschaft ist Naturgesetz. Wenn unser Planet rund ist, Kugel, müssen wir einander begegnen, daraus folgt, dass wir uns freundlich aufnehmen müssen, wenn es uns nicht verletzt. „ein Mensch, der die Grenzen dicht macht, gewinnt vielleicht Ruhe, aber kein Glück.“ Ein letztes Maß an Spontaneität. Keine Mauern zusätzlich zu denen, die es in der Welt schon gibt. Es gibt keinen Ort, an dem soviel Geschichten entstehen, wie dort, wo man mit Gästen zusammensitzt. 44:18 ENDE

Noch ein Gedankengebäude

Max Weber 

Wie der Zufall gerne spielt: während ich am vorigen Beitrag arbeitete, kommt die Post und bringt die Pflichtbestellung 2015, die ich der Wissenschaftlich Buchgesellschaft eilig nachgereicht hatte, um nicht drei „fremdbestimmte“ Werke zu bekommen, die ich nicht unbedingt brauche. Und dieses Buch passt genau zu dem (Eigen-)Zitat, das ich vorhin wiederlas, womit – wie schon des öfteren – eine Gedankenkette ausgelöst wurde, die am Ende zu dem Vorsatz führt, einmal wieder Max Weber (und John Blacking) zu studieren.

Kunstmusik Zürcher 92

Da spielt natürlich auch Peter Schleuning hinein, den ich im Programmheft „West-Östliche Violine“ 1989 (wo ist das eigentlich? s.u.!) ausführlich zitiert habe. Und zu John Blacking gesellte sich inzwischen Bruno Nettl. Aber im Hintergrund immer ER:

Weber WBG  … und im Detail dies: Weber WBG Musik

Und daraufhin liegt hier nun auch wieder ein guter, bei Weber ansetzender Kulturenvergleich auf dem Tisch, oder besser gesagt: ein „Verstehensversuch Indien/Europa“ will rekapituliert werden. Ich habe den Entstehungsprozess damals fast aus der Nähe miterlebt.

Kurt Indien  Kurt Inhalt a  Kurt Inhalt b

Immer wenn ich ins Autobiographische abdrifte, treffe ich auf den universalistischen Drang, den man auch der Hybris verdächtigen kann. Dazu gehört, dass zu Beginn meiner „bildungsfähigen“ Zeit bei Rowohlt die ersten Taschenbücher einer „Enzyklopädie“ auftauchten, die ich mir im Laufe der Zeit vollständig einzuverleiben trachtete. So kann man nur scheitern! War es ein Wunder, dass ich am Ende auch die Geige, wenn ich schon kein Virtuose geworden bin, in den Mittelpunkt der Welt zu stellen geneigt war? Das wäre ein Extra-Kapitel in Fortsetzungen wert.

West-Östliche Violine III 1989  West-Östliche Zitate bitte anklicken (wie immer)

Die Grafik (oben) stammt von Heinz Edelmann: zweifellos hat er den Geiger als – Migranten gesehen. Und die Kritik in der Kölner Rundschau war dergestalt, dass ich sie verwahrt habe…

West-Östliche Rezension Wittersheim kl Autor: Werner Wittersheim

Natürlich sollte es weitergehen:

Südindische Violine Plakat neu 8. Januar 1994

Südindische Violine Foto Mikro-Probe (mit Tonmeister Frobeen)

Zurück zu dem Buch „Indien und Europa“. Ich kann nicht darin blättern, ohne dass mich ein zweifelndes Gefühl beschleicht. Woran liegt es? „Ein Verstehensversuch“. So viel Richtiges, aber das Entscheidende fehlt (schon im Ansatz). Zunächst wäre die Ungleichzeitig des Gleichzeitigen zu bedenken (ohne die westliche „zeitgenössische“ Welt als Trumpf auszuspielen, – es könnte der absurde Weg sein). Das traditionelle (!) indische Denken wäre mit einer „abgerundeten“ abendländischen Weltanschauung wie der des Barock zu vergleichen, nicht mit der Moderne. (Affektenlehre, Prinzip der Bewegung, Basso continuo = Tabla). Die Moderne betrifft Indien – die indische Musik – auf ähnliche Weise wie uns, – aber auch ganz anders. (Bleibt der Grundton?).

Neues von Berthold Seliger

Wer wissen will, wie in etwa (oder auch im Detail) das Musikgeschäft läuft, besitzt längst sein aufschlussreiches Buch über „Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht“ (Berlin 2013 Edition Tiamat). Und wer darüberhinaus auf dem laufenden bleiben will, der liest regelmäßig seinen Presserundbrief, dessen Version 1/16 soeben eintraf, – Berthold Seliger.

Ich zitiere Auszüge und empfehle eiligen Lesern (gibt es die hier?) das Video zum Echo 2015 (am Ende dieses Beitrags).

Auf der Womex in Budapest gab es eine Session mit dem schönen Titel „Why Curation Will Save the Music Industry – The Power of Guidance in the Era of Algorithms“.
Und wer waren die Referenten? WDR-Funkhaus Europa-Chef Francis Gay und die Chefin des Lollapalooza-Festivals Berlin. Also ausgerechnet jenes Festivals, das so ziemlich das mainstreamigste und langweilste Konzertprogramm aller deutschen Festivals im abgelaufenen Jahr aufzuweisen hatte. Ganz so, wie man sich ein zum weltgrößten Konzert-Konzern Live Nation gehörendes Festival eben vorstellt, in dem die großen Namen zusammengebucht (oh, Verzeihung: zusammenkuratiert) werden, von denen man sich die größtmöglichen Profite verspricht, zu dessen Programm aber garantiert keine unbekannten Weltmusik-Acts gehören.
Wie man es schafft, ausgerechnet auf so ein Podium ausgerechnet bei der Womex ausgerechnet eine Vertreterin des weltgrößten Livemusik-Konzerns, der allüberall die kulturelle Vielfalt erschwert, Werbung für ihr Festival machen zu lassen, während unter den akkreditierten Womex-Teilnehmer*innen doch nun wahrlich genug Vertreter*innen unabhängiger Festivals aus ganz Europa zu finden gewesen wären, bleibt ein Rätsel. Und ein beträchtliches Ärgernis.

* * *

Lollapalooza Berlin 2016 hat zwar noch keinen Spielort, aber kommerziell ist bereits alles am Start: „Kommen Sie mit. Zum Melt!, zum splash!, zum Lollapalooza oder dem ‚Pure&Crafted’. Wir bieten umfassende Sponsoringberatung ‚aus einer Hand’ – und haben eine passende Medialisierung sowie Streaming-Pakete ebenfalls im Angebot“, flötet die „Festivalvermarktungsabteilung“ des HUG-Konzerns in einer Mail Ende November 2015, „Copyright © 2015 Intro GmbH&Co.KG“.
In dieser Mail steht in bemerkenswerter Offenheit, warum man Festivals wie Melt oder Lollapalooza (mit-)veranstaltet:
„Die zunehmende Fragmentierung jugendlicher Zielgruppen macht ein Engagement in jungen Umfelder immer schwieriger. Im Vergleich dazu wächst der Festivalmarkt seit Jahren und gehört zu den attraktivsten Möglichkeiten, eine Marke in jugendlichen Umfeldern zu platzieren. Musik bedeutet Emotion und Leidenschaft: Unternehmen, die sich in diesem Umfeld engagieren, werden in Umfragen überwiegend als positiv bewertet – wenn das Engagement glaubwürdig und authentisch ist. Wir bieten in unserem Netzwerk dazu optimale Marketing-Plattform quer durch alle musikalische Genres, „Millenials“ ohne Streuverluste direkt und nachhaltig anzusprechen und Markenbotschaften zu platzieren.“
Die einen kuratieren also das Ding, in dem die anderen ihre Markenbotschaften platzieren. Eine Marketing-Plattform ohne Streuverluste.
Wenn Sie dachten, da gehe es um Musik – awcmon, das haben Sie nicht wirklich gedacht, oder? So naiv sind Sie schließlich nicht? Wollen Sie M.U.S.I.K. erleben? Dann fahren Sie besser zum Fusion, nach Haldern, Roskilde, Rudolstadt oder zum Beispiel nach Barcelona zum Primavera Festival. Oder besuchen Sie den Musikclub Ihres Vertrauens.

* * *

Doch nicht nur die HUG-Unternehmensgruppe weiß, worum es wirklich geht (nämlich nicht um Kultur, sondern zuvörderst um Sponsoring und Profite). In Münster hat sich Anfang 2015 eine „Translate Entertainment GmbH“ gegründet, die „Programmplanung, Beratung, Künstlerbuchung und Organisation zum Beispiel für Corporate Events, Incentives, Galas und Stadtfeste“ sowie „inhaltliche und unternehmerische Konzeptionen für Veranstaltungen abseits vom traditionellen Konzertgeschäft“ anbietet.
Leute, die solche Firmen gründen, sprechen amtliches Musikindustriesprech, und das hört sich dann so an: „Vor Kurzem realisierte Translate für den Klambt Verlag einen IncentiveEvent mit Nena, konzipierte für einen Kunden aus dem TV ein LiveProdukt im Kids Entertainment und buchte bereits große Acts auf Veranstaltungen von Mercedes Benz, Telekom, HapagLloyd sowie weiteren Unternehmen.“ (laut „Musikmarkt“)
Gesellschafter der Firma sind Till Schoneberg mit seinem Konzertbüro Schoneberg und Florian Brauch und Florian Böhlendorf von Sparta Booking sowie Markus Hartmann von Green Entertainment. Worum es geht, fasst Translate Entertainment-Geschäftsführer Kevin Bergmeier im „Musikmarkt“ so zusammen: „…auf individuelle Anforderungen wie beispielsweise die musikaffine Inszenierung einer Marke, Entwicklung von EventKonzepten und den Einsatz eines VIP, eines Künstlers, dessen Musik oder Stimme in einer Werbekampagne können wir zielgerichtet eingehen.“

* * *

Echo? Das ist diese von der Lobbyorganisation der deutschen Musikindustrie veranstaltete Dauerwerbesendung, die das Staatsfernsehen stundenlang im Abendprogramm auszustrahlen pflegt. Alles, was Sie über den Echo @ ARD wissen müssen, habe ich anhand des Echos 2015 in weniger als zwei Minuten auf einem YouTube-Video zusammengefasst:

Autor des oben zitierten Textes und des Videos: Berthold Seliger / siehe auch hier.

Musikkulturen landesweit?

Ja, dieses Angebot scheint doch noch zu bestehen:

WDR Weltmusik Screenshot 2016-01-24 08.24.14

Ein Nostalgie-Link? Es war einmal… Irre ich mich, oder findet man wirklich im gesamten Radioprogramm Januar 2016 keine einzige Sendung mehr, die zur Rubrik „Weltmusik“ oder „Musikkulturen“ gezählt werden könnte. War das der Sender, auf den wir gebaut haben? Der nicht mehr existiert?

Ist das schon eine gravierende Nebenwirkung der Flüchtlingsströme? Augen zu, Ohren zu und vorbeirauschen lassen? Wegschauen, wegschieben als rein organisatorische Frage. Integration hat doch mit uns nichts zu tun, mit unserer Kultur (für kurze Zeit auch bekannt unter dem Namen „Willkommenskultur“); es ist doch die Aufgabe der Anderen. Wenn sie schon mit leeren Händen kommen. Was soll es denn da auch gegeben haben… Märchen aus Tausendundeiner Nacht…

P.S.

Ich habe doch noch etwas entdeckt, – sorgfältig verborgen in der täglichen Nachtsendung „Jazz & World“, was bedeutet: Jazz im Überfluss und offenbar einmal pro Woche ein Quentchen „Weltmusik“, am Mittwoch. Vielleicht nur der Auftakt zu den großen Konzerten der Musikkulturen und den Festivals, von denen wir noch nichts erfahren?

Nachtrag 18. Februar 2016

Neuerdings wird behauptet: Der WDR schafft die Welt ab. Man möchte es nicht glauben, aber schauen Sie doch selbst – HIER

Sehnsucht und Aggression

Die Sicht von ganz unten

Im SPIEGEL 3/2016 gibt Slavoj Žižek – ausgehend von Alain Badiou – folgende Erklärung für den islamischen Fundamentalismus, der im Westen oft als religiöses Phänomen missdeutet wird. Weil sich die Sehnsucht nach westlichem Lebensstil für die meisten nicht erfüllen kann, bleibt nur der Weg einer nihilistischen Umkehrung der Sichtweise:

Frustration und Neid werden radikalisiert (…) und Menschen beginnen, gewalttätige Rache zu nehmen. (…)

Badiou betont zu Recht, dass die fundamentalistische Gewalt kein emanzipatorisches Potential besitzt, egal wie antikapitalistisch sie zu sein vorgibt: es handle sich um ein Phänomen, das ein strenger inhärenter Bestandteil des globalen kapitalistischen Universums ist, sein „verstecktes Phantom“. Die Grundlage des fundamentalistischen Faschismus sei Neid (…), und der Islam liefert, so Badiou, lediglich die äußere Form, um diesen (selbst-)zerstörerischen Hass zu begründen.

(…)

Islamischer Fundamentalismus ist ein zutiefst reaktives Phänomen, im nietzscheanischen Sinne, ein Ausdruck der Machtlosigkeit, die in selbstzerstörerischen Zorn verwandelt wird. Badiou sagt auch: „Religion ist lediglich ein Mantel, sie ist in keinerlei Hinsicht der Kern der Sache, lediglich eine Form der Subjektivierung, nicht der eigentliche Inhalt der Sache.“

Er kann es gar nicht oft genug wiederholen, und noch einmal, um es zu verallgemeinern:

Ich stimme in vielem mit Badiou überein. Aber ist Religion nicht immer eine Art Mantel, nicht der Kern der Sache? ist sie nicht tatsächlich ein Modus, in dem einzelne Menschen die Umstände ihres Lebens betrachten, auch weil sie keine Möglichkeit haben, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge so zu sehen, wie sie „wirklich sind“? Badiou schlägt auch vor, hinzugehen und zu sehen, „wer die anderen, von denen die Rede ist, wer sie wirklich sind“. Als müssten wir ihre Gedanken, ihre Ideen, ihre Vision der Dinge sammeln und daraus gemeinsam, sie und wir zugleich, eine Vision vom Schicksal der Menschheit entwickeln. Diese Annahme aber, dass hinter dem Teufelskreis aus Verlangen, Neid und Hass irgendein tieferer menschlicher Kern der globalen Solidarität stünde, ist Bestandteil einer naiven, humanistischen Metaphysik.

Ich habe nicht damit gerechnet, dass der Gedankengang so ausgeht, denn allzu oft geben wir uns mit dem humanistischen Appell zufrieden, nur um endlich Ruhe zu haben und – uns abwenden können. Und mit dieser Diagnose hätte das inzwischen gebrandmarkte Wort vom Gutmenschen doch noch einen Zweck erfüllt: als ein Motiv, die Sachen besser zu durchdenken. „Gut“ genügt nicht. Vielleicht noch weniger im Blick auf Silvester in Köln:

Es war nicht einfach der Drang sexuell ausgehungerter junger Männer nach Befriedigung – das könnte man diskreter und versteckter erledigen -, es war in erster Linie ein öffentliches Spektakel, um Angst zu verbreiten, die „Muschis“ der privilegierten Deutschen einer schmerzhaften Hilflosigkeit auszusetzen und um sie zu demütigen. Natürlich ist in solchem Karneval nichts Erlösendes oder Emanzipatorisches, nichts wirksam Befreiendes – aber so funktionieren echte Karnevals.

Deshalb sind die Bemühungen, [diese Schicht von] Migranten aufzuklären, ihnen zu erläutern, dass bei uns andere sexuelle Sitten und Gebräuche herrschen, dass beispielsweise eine Frau, die in der Öffentlichkeit einen Minirock trägt und lächelt, damit keine sexuelle Einladung ausspricht, Beispiele atemberaubender Dummheit. Sie wissen das, und deshalb tun sie es. Sie tun es gerade, weil sie unsere Empfindlichkeiten verletzen wollen. Es kann also nicht darum gehen, ihnen beizubringen, was sie schon wissen, sondern ihre Haltungen, ihre Einstellungen, ihren Neid und ihre Aggression zu verändern und abzubauen.

Und das ist die schwierige Lektion aus dieser ganzen Affäre: Es genügt nicht, den Underdogs eine Stimme zu geben, sie so zu sehen, wie sie sind. Um sie wirklich zu emanzipieren, müssten sie zur Freiheit erzogen werden. Von anderen und von sich selbst.

Quelle DER SPIEGEL 16.1.2016 Seite 128 Der Karneval der Underdogs Was wir aus der Kölner Silvesternacht lernen sollten. Von Slavoj Žižek.

„… müssten … erzogen werden“? Also: in die Volkshochschule mit ihnen? Ist er da nicht wieder, in anderem Gewande: der lediglich etwas moderatere humanistische Appell, mit dem wir uns ins Privatleben zurückziehen können. Die Frage wäre allerdings, was wir tun können. 

P.S.

Ich hätte den Essay nicht behandeln müssen: die FAZ hat, wie ich sehe, den Artikel gerade heute als These 3 – „Sexuelle Gewalt als Unterschichtenphänomen“  in ihre Deutungsangebote aufgenommen:

Wie konnte es zu den Taten von Köln kommen? Wieso griffen mutmaßlich aus Nordafrika stammende Männer in der Silvesternacht Frauen in Köln an? Liegt es an der Herkunft, am Islam oder an der sozialen Lage? Die Täter sind nicht gefasst, aber es gibt schon Erklärungsversuche. FAZ.NET stellt die wichtigsten vor. 20.01.2016, von Reiner Burger, Oliver Georgi und Timo Steppat.

Warum ich Slavoj Žižek ohnehin aufmerksam wahrnehme? Weil er so wie kein anderer Philosoph über Sibelius und Wagner geschrieben hat… (nämlich in: „Parallaxe“ Suhrkamp 2006).

Nachschrift 

Ein Absatz auf der Titelseite der ZEIT passt als Ergänzung ebenso wie als Gegenargument:

Keine Frage, der Westen hat eine lange Tradition des Patriarchats. Noch in den sechziger Jahren war es ein Drama, als unverheiratete junge Frau allein auszugehen, erst recht im Minirock und geschminkt. Sex war ein Drama, auch für ledige Männer, weil er sich im Halbseidenen, in Puffs und auf Autorückbänken, vollzog. Das autoritäre Klima der frühen Bundesrepublik wurde zu Recht ausgiebig beklagt. Wenn es überwunden wurde, dann nicht, weil man ausgesucht tolerant gegenüber der Rückständigkeit der Provinz, gegenüber den Kirchen und ihren Wertvorstellungen gewesen wäre.

Heute müssen wir über die konkreten sozialen und kulturellen Hintergründe der Täter sprechen. Nicht wenige sind illegal im Land und befinden sich damit am untersten Ende der Einwandererhierarchie. Macht wird daher durch die Demonstration körperlicher Überlegenheit und gewalttätiger Virilität erworben – womit die Übergriffe nicht gerechtfertigt, aber zum Teil erklärt werden können. Über das Oktoberfest können wir ja ein andermal sprechen.

Quelle DIE ZEIT 21. Januar 2016 Seite 1 Bitte nicht stören! Woher kommt das Bedürfnis, jeden noch so handfesten Skandal sogleich zu relativieren? Von Adam Soboczynski.

Anmerkung: Der Schlusssatz über das Oktoberfest bezieht sich auf den vorausgegangenen Teil des Artikels. Ebenso lesenswert! Schauen Sie doch einfach hinein: HIER.

Zuviel Musik?

Fehleinschätzungen, die mit einem Überangebot zu tun haben

Jeder kennt die Situation, dass man sich das vielbändige Gesamtwerk eines Autors zulegt und dann kaum eine Seite darin vollständig liest. Früher, als seine Essays einzeln in Zeitungen oder Magazinen veröffentlicht wurden, hat man sie mit dem Farbstift durchgearbeitet, herausgetrennt und sorgfältig verwahrt. Man wollte sie nicht aus dem Sinn verlieren. Die leichte Verfügbarkeit heute mindert offenbar die Dringlichkeit. Wie oft höre ich noch eine vollständige Mahler-Sinfonie, – die ich früher in Einzel-LPs erwarb und mit gehöriger Ausdauer abnutzte -, nachdem ich mehrere CD-Mahler-Gesamt-Editionen besitze? Und da ich nun alles auf Knopfdruck bekomme, erst recht bei Spotify: Soll ich mir das Finale der Fünften in Erinnerung rufen? Oder lieber mal eben Lulus Todesschrei anspielen? – Ach was, von Popmusik ist die Rede. Von veritablen Gemeinschaftserlebnissen. Oder auch – von der schwindenden Bedeutung der klassischen wie der Popmusik?

ZITAT aus dem SPIEGEL

Tatsächlich setzen uns die Streaming-Dienste fast die komplette Musikgeschichte vor, sie geben uns Zugang zu einem Universum von Songs, wir können alle Lieder der Welt hören, aber am Ende hören wir nichts, weil die Musik selbst beliebig geworden ist und im Kosmos der totalen Verfügbarkeit kaum mehr mit Bedeutung aufgeladen werden kann.

Die Idee, dass Pop ein identitätsstiftendes Erlebnis für ganze Kohorten und Generationen sein kann, ist verloren gegangen. Zwar gibt es noch Popstars, aber niemand schafft heute, was Pop einmal konnte: die Menschen in einer bestimmten Haltung zu vereinen, so wie Elvis oder Bob Dylan, die Stones , die Supergruppen der Siebziger, die Sex Pistols oder Michael Jackson und Madonna. Heute verbindet nicht Popmusik die Menschen , sondern Snapchat, heute tritt im Zweifel eher Twitter eine Revolution los und nicht ein Song von Pharell Williams. Früher, so formulierte es der Autor Jason Tanz im US-Magazin „Wired“, wollten junge Menschen so sein wie der Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page. Heute sei ihr Vorbild Larry Page, der Gründer von Google.

QUELLE DER SPIEGEL 1/2016 30 Millionen Lieder Streaming-Dienste wie Spotify oder Apple Music bieten unbegrenzten Zugriff auf die Songs der Menschheit. Nun können alle alles hören und das jederzeit. Aber wer verdient damit überhaupt Geld? Und wie hat das die Musik verändert? Von Philipp Oehmke. (Zitat Seite 110)

Szenenwechsel

Die Süddeutsche Zeitung bringt heute einen Bericht über „Musik im Kopf“. Den Titel kenne ich seit 10 Jahren von Manfred Spitzer, dessen Musik-Kompetenz mir durchaus zweifelhaft erschien. Dieser Artikel ist aber offenbar gut recherchiert und zitiert Fachleute, die ich gern zu weiterer Information verlinke. Aber was mich nervt, ist die Tendenz, Musik immer auf die Emotionen festzunageln. Es handelt sich um – sagen wir – spannende Strukturen. Manchmal erregen sie mich, begeistern sie mich, meistens interessieren sie mich (nur) sehr. Nicht mehr und nicht weniger! Insofern gefällt mir der reduzierende Ansatz des Artikels, der sich auf den amerikanischen Musikästhetiker Leonard B. Meyer bezieht:

Er behauptete 1956 in seinem Buch „Emotion and Meaning in Music“, dass Musik durch die Art, wie sie aufgebaut ist, Emotionen hervorruft: Musik befriedige uns durch ein geschickt komponiertes Wechselspiel mit Spannungsaufbau und Auflösung.

„Beim Musikhören versucht unser Gehirn ständig vorherzusagen, wie die Musik weitergehen wird“, bestätigt Lutz Jäncke, Neurowissenschaftler an der Universität Zürich. „Wie entwickelt sich die Melodie? Wird die Musik lauter oder leiser? Wie verändert sich der Rhythmus? Sobald etwas kommt, das wir nicht erwarten, zum Beispiel ein Rhythmuswechsel, sind wir überrascht. Es entsteht eine Spannung, von der wir erwarten, dass sie später aufgelöst wird, zum Beispiel, wenn die Musik den vorherigen Rhythmus wieder aufgreift.“

Der Effekt ist vergleichbar mit einem Kriminalroman, in dem ein Autor einen sogenannten Cliffhanger einbaut: Ein Ermittler begegnet zum Beispiel einem bewaffneten Mörder. Aber statt einen Zweikampf zu schildern, wechselt der Autor die Szene, um die Spannung zu steigern. Wir lesen schnell weiter, weil wir hoffen, die Auflösung zu erfahren. In dieser Erwartungshaltung steigt sowohl beim Lesen als auch beim Musikhören die Dopamin-Ausschüttung, und unsere Handflächen produzieren Schweiß. Der Musikpsychologe Stefan Koelsch von der norwegischen Universität Bergen konnte in Experimenten nachweisen, dass unser Körper diese Symptome beim Musikhören selbst dann zeigt, wenn wir einen Wechsel in einem Stück nicht bewusst wahrnehmen.

Quelle Süddeutsche Zeitung 2./3. Januar 2016 Musik im Kopf Hören Menschen unbewusst Stücke, die zur Stimmung passen? Oder beeinflussen Lieder die Gefühle? Forscher blicken in das Gehirn, zum das Zusammenspiel von Musik und Emotionen besser zu verstehen. Von Boris Hänssler.

Im weiteren Verlauf geht es auf Stimmungen und subjektives Befinden etc. Ein entscheidender Punkt wäre jedoch:  dass jeder informiertere Musikhörer nicht Musik auflegt, um bestimmten Emotionen nachzuhängen, sondern – weil sie interessant ist. Die Emotion, die sie übermittelt, kann völlig nebensächlich sein. Man greift jedoch die Emotionen heraus, bzw. die dazu passenden Einzelstücke, weil sie leichter handhabbar sind: die Vorsortierung treibt die psychologische Musikforschung vielleicht bereits in eine Richtung, die vom musikalischen Standpunkt aus wenig ergiebig sind. Wozu hat denn eine Sinfonie 4 Sätze, warum changiert jeder Satz in verschiedensten Schattierungen und Techniken? Weil die Stimmungen, die man assoziiert, uns gar nicht in Besitz nehmen sollen, sondern allenfalls das Material bilden, mit dem … gespielt wird. Und das Spiel … fesselt uns. Der eine Contrapunctus aus Bachs „Kunst der Fuge“ ist ganz anders gearbeitet als der nächste, aber der „Ductus“ ist ganz ähnlich, man verfolgt das Spiel der Kräfte und Linien sehr aufmerksam, aber dass meine Handflächen mit der Absonderung von Schweiß reagieren, ist eher unwahrscheinlich. Auch das erhabene Gefühl, das manche Hörer vielleicht verbalisieren, ist relativ unerheblich. Unerheblich ist auch, wenn Lutz Jähncke sich im „Herbst“ der Vier Jahreszeiten von Vivaldi an den „Indian Summer“ in Boston erinnert, „die Herbstzeit mit ihren rotorangen und goldgelben Farben. Ich rieche bei der Musik sogar noch das Laub.“ (a.a.O.) Für andere Hörer ist nur noch entscheidend, dass das Werk bis zum Überdruss abgeklappert ist und für 10 Jahre in den Giftschrank gehört, mit dessen Essenzen man keine Emotion mehr überprüfen sollte.

Weit ergiebiger scheint mir die Vorgehensweise, die der SPIEGEL-Artikel anregt, gerade durch den nicht weiter spezifizierten Einsatz des Wortes „Bedeutung“.

ZITAT SPIEGEL 1/2016 (a.a.O. S.115)

Der Anspruch […] offenbart sich in dem Begriff, den Ek, Parks oder Iovine für ihre Arbeit reklamieren und den sie zur Sicherheit aus der Kunst geborgt haben: Kuratieren. Das Wort suggeriert, dass Bedeutung erzeugt wird, indem Dinge neu angeordnet werden. Die Aufgabe des Kurators sollen dabei immer weniger die Algorithmen übernehmen, die bei Amazon Bücher empfehlen, sondern menschliche Experten.

Und so strömt diese kuratierte Musik wie eine entwertete, hoch inflationäre Währung in unsere Telefone. Sie kommt aus dem 4G-Stream wie der Strom aus der Steckdose. „Je weiter wir im 21. Jahrhundert voranschreiten“, hat neulich Bill Drummond von dem Technoprojekt The KLF gesagt, „werden wir Musik hören wollen, die nicht immer und überall gehört werden kann. Wir werden anfangen, nach Musik zu suchen, die unmöglich einfach nur ein Soundtrack sein kann.

Während Popmusik als All-you-can-eat-Ware immer wertloser wird, steigt ihr Wert als historisch-museales Phänomen. Gruppen wie Kraftwerk präsentierten überwältigt von der eigenen historischen Bedeutung ihre Alben lieber in Museen: Als brauchte Pop inzwischen diesen institutionellen Rahmen, damit ihm überhaupt noch Sinn zugestanden wird.

Mainstream-Pop aber funktioniert heute am besten, wenn er sich aller Bedeutungen entledigt hat, bar aller Voraussetzungen und Verweise, frei von Referenzen und Ballast. Pop hört auf, Pop zu sein, wenn man ihm das Bezugssystem entzieht. Was bleibt, ist schöne Musik, die die Menschen vereint.

Wie bitte? Habe ich dahin gewollt? Mit all dem Bedeutungs-Ballast meiner Klassik, – die unser aller Klassik ist und eben auch einen Teil der Menschheit …  vereint? Qualitäten aller Länder und Kulturen – seid umschlungen! War es also gemeint, Mein rauschender Freund? Dein Singen, dein Klingen, War es also gemeint? Zur Müllerin hin! So lautet der Sinn.

***

Eine persönliche Erinnerung, die erst zwei Tage alt ist: auf der Rückfahrt von der Nordseeküste – mit einer chaotischen Ausgangssituation in Bensersiel, dann einer höchst konzentrierten Fahrt auf eisglatten Straßen über Esens, Aurich und Leer -, hörten wir endlich Bach: die zweistimmigen und dreistimmigen Inventionen bzw. Sinfonien und dazwischen die Chaconne (Ciacona). Natürlich ebenfalls bestimmte oder unbestimmte Erinnerungen auslösen: das Buch „Musikalische Formenlehre“ von Erwin Ratz, die Grundlagen motivischer Arbeit (auch bei Beethoven!), – und später die Sinfonia in f-moll, assoziierend das reale Üben der Sinfonia in g-moll , zuvor aber vor allem das Üben der Chaconne in Ftan im Unterengadin samt schriftlichem Protokoll 1985 (?), das ich einmal reaktivieren möchte. Und nun diese überwältigende Wirkung, an der einen Stelle, womit ich nicht gerechnet hatte und die ich während der anspannenden Autofahrt auch nicht brauchen konnte. Bloß keine Tränen. Lächerlich und gefährlich. Es geschieht dort, wo man der gewaltigen Anlage des Ganzen zutiefst gewahr wird, nicht erst bei dem Beginn des D-dur-Teils, sondern dort, wo sich die Figurationen in der Höhe zu verirren schienen (sie spielt es im piano!) und in dem „arpeggio“-Abschnitt wieder ins Strömen geraten, also etwa ab Takt 105: der genaue Mittelpunkt des Werkes steht noch bevor (128/129). Man ahnt, was kommen wird: Der ganze Weg in die Innerlichkeit, ins Triumphale (D-dur-Fanfaren!) und zurück ins Tragische.

Bach Jansen Chaconne

Für heute ist es die größte aller Aufnahmen. Aber es kann auch an der extremen Hörsituation mit angespannten Sinnen gelegen haben.

Bach Jansen Cover s.a. hier

Vom Rechtsstaat und vom Volk

Offenkundig hat „Volk“ einen Doppelsinn

Der Süddeutschen Zeitung, dem Autor Andreas Zielcke,  verdanke ich eine klärende Analyse der Situation in Polen, wo kürzlich unter großem Beifall erklärt wurde: „Das Recht ist eine wichtige Sache, aber es ist kein Heiligtum. Über dem Recht steht das Wohl des Volkes. Wenn das Recht dieses Wohl stört, dann dürfen wir es nicht als etwas ansehen, das wir nicht verletzen und ändern können.“ – Für den Rechtsstaat „furchterregende Worte“ (Zielcke).

ZITAT

Das Volk, das die Verfassungstexte unterstellen, meint die Gesamtheit der Bürger als Souverän, der sich selbst seine Gesetze gibt. In diesem demokratischen Sinn ist ein Volk eine Rechtsgemeinschaft – eine Gemeinschaft von Freien, die sich ihre Freiheit und Würde gegenseitig unwiderruflich anerkennen. „Volk“ versteht sich hier, bei all seiner respektierten kulturellen und historischen Besonderheit, als rechtlich verfasstes Gebilde, nicht als bloß naturwüchsig zusammengewürfeltes oder auch zusammengewachsenes Kollektiv.

Das so als Rechtsgemeinschaft verstandene Volk kann sich nie über Recht und Freiheit erheben. Keiner lieferte das Veständnis der rechtlichen Selbsterzeugung und Selbstbindung von Volk und Nation so früh wie Charles de Montesquieu mit seiner Verknüpfung von Gesellschaftsvertrag und Gesetzesherrschaft. Keiner aber gab sie so früh dem Missverständnis preis wie Jean-Jacques Rousseau mit seiner Verabsolutierung der volonté générale – wenn man dieses „Gemeinwohl“, das nach Rousseau bedingungslose Unterwerfung verlangt, als „Volkswohl“ interpretiert.

Genau das tut jede autoritäre Herrschaft. Unter einer solchen Herrschaft entfaltet der Begriff „Volk“ seinen zweiten Sinn, jetzt verstanden als historisch gewachsene – ethnische, sprachliche – Einheit, die alle Partikularwillen zu einem schicksalhaften Ganzen vereint. Von Bolivien über Russland bis Singapur beruft sich jedes autokratische Regime auf ein so begründetes Gesamtwohl des Volkes, gegen das kein Widerspruch legitim ist. mit der Maxime, „über dem Recht steht das Wohl des Volkes“, hat der Redner im polnischen Parlament die absolutistische volonté générale treffend benannt.

Quelle Süddeutsche Zeitung 23. Dezember 2015 Seite 11 Der missbrauchte Souverän Über dem Recht steht das Volk, tönt Polens Regierungspartei. Nationalisten in ganz Europa sehen das genauso. Warum die „Volksherrschaft“ der grösste Feind der Demokratie ist. Von Andreas Zielcke.

Wir sind das Volk? – Wer ist das Volk?

Einen Ansatzpunkt zum Nachdenken geben die folgenden Ausführungen im Wikipedia-Artikel:

Seit Beginn der Neuzeit wird gemeinhin auch eine Gesellschaft oder Großgruppe von Menschen mit gleicher Sprache und Kultur ein Volk genannt. Dieser Volksbegriff ist emotional und politikideologisch hoch aufgeladen: Die Zugehörigkeit zu einem Volk hat dabei neben objektiven Faktoren (wie kulturelle Verwandtschaft, gleiche Sprache und politische Schicksalsgemeinschaft) auch eine subjektive Komponente im „Sich-Bekennen“ zu einem Volk. […] So haben sich viele in Deutschland lebende Juden vor ihrer Verfolgung als Deutsche gefühlt. Dieser herkömmliche Begriff des Volkes bezeichnet nicht exakt eine bestimmte Kombination der genannten Merkmale, sondern hat einen Bedeutungsspielraum, innerhalb dessen keiner der objektiven Faktoren allein ausschlaggebend und keiner unter allen Umständen unentbehrlich ist. In diesem Sinne wird Volk als populäres Synonym zum Fachbegriff der Ethnie verwendet.

In der Soziologie und Ethnologie wird die Bezeichnung Volk (im Singular) hingegen seit Mitte des 20. Jahrhunderts entweder komplett durch Ethnie ersetzt oder als klassifizierender Überbegriff für mehrere Ethnien verwendet, die sich als Gesamtgesellschaft verstehen. Ansonsten wird in der Fachliteratur nur noch von Völkern (im Plural) gesprochen, wenn spezielle Gruppierungen benannt werden (etwa Hirtenvölker, indigene Völker, sibirische Völker u. ä.).

Ein Volk im Sinne von Staatsvolk besteht hingegen aus der Gesamtmenge der Staatsbürger und ihnen staatsrechtlich gleichgestellter Personen, es bildet dessen Demos (griechisch δῆμος ‚Gemeinde, Volk‘) als Grundlage der Demokratiee. Die ethnische Herkunft von Bürgern eines Staates ist dabei rechtlich unerheblich, während ein Volk im ethnischen Sinn nicht unbedingt einen eigenen Staat haben muss, in dem es die Mehrheit der Bevölkerung bildet (Vielvölkerstaat). Diese Definition war seinerzeit maßgeblich für die Entstehung von Nationalstaaten mit ihrem Anspruch, dass jeder Bewohner des Staatsterritoriums mit Bürgerrecht seiner „Nation“ angehören müsse.

Quelle Wikipedia-Artikel „Volk“  HIER   (Im Zitat wurden Anmerkungen und Verlinkungen zugunsten besserer Lesbarkeit weggelassen.)

Der folgende Satz stammt aus dem Wikipedia-Artikel „Staatsvolk„:

Entscheidend für die Zugehörigkeit zum „Deutschen Volk im Sinne des bundesdeutschen Grundgesetzes“ ist also primär der rechtliche Status als Staatsbürger und nicht die Zugehörigkeit zu einem Volk oder Volksstamm, etwa im ethnischen oder soziologischen Sinne. Eingebürgerte Migranten nichtdeutscher Ethnie gehören somit zur bundesdeutschen Bevölkerung und können sich daher unter anderem an Wahlen beteiligen, ohne dass dadurch ein Widerspruch zum Grundgesetz bestehen würde.

Kein Krieg, – nur Terrorismus

Was man „tun“ kann: Bei sich bleiben, Normalität bewahren.

ZITAT

Der Terror des IS gedeiht dort, wo alles andere Wüste ist. Nachdem autokratische Systeme wie Ägypten oder zerfallene Staaten wie der Irak und Syrien ihre Wirtschaft sterben ließen, waren Millionen junger Männer immer noch da. Und wütend. Und ohnmächtig. Diese Ohnmacht ist heute das dominierende Gefühl der arabischen Welt. Die Ohnmächtigen wollen es den Mächtigen heimzahlen.

Der Terrorismus des IS soll überraschen, Angst erzeugen, schockieren, und all das tut er. Aber er ist, jedenfalls außerhalb Syriens und des Iraks, kein Krieg, schon gar kein Dritter Weltkrieg, sondern immer noch lediglich Terrorismus. Der IS ist nicht in der Lage, unsere Staaten zu gefährden. Er kann auch nicht, so wie der Klimawandel, langfristig die Menschheit bedrohen. Das Handwerk des Terrorismus allerdings beherrscht er, und das ist bedrohlich genug. Wenn wir verstanden haben, wer der Gegner ist, können wir handeln.

Quelle DER SPIEGEL  48/2015 19. November 2015 Seite 8 Leitartikel „Die wehrhafte Demokratie. Terrorismus führt nicht in den Weltkrieg, ist aber eine Gefahr. Was wir tun können.“ Von Klaus Brinkbäumer.

ZITAT Eva Illouz:

Die Attentate zielen auf Zivilisten als Symbole des Westens, nicht als Angehörige einer bestimmten Nation. Einen Franzosen anzugreifen ist so gut, wie einen Amerikaner anzugreifen: Beide symbolisieren Unreinheit (in einer offiziellen Erklärung des „Islamischen Staats“ hieß es, es hätten „acht Brüder […] Hunderte von Götzendienern […] auf einer Party der Perversität angegriffen – in ihren Worten verwandelte sich Paris in „die Stadt der Perversion und Obszönität“). Rockmusik im Bataclan, ein Fußballspiel zwischen den friedlich zusammenarbeitenden und sich austauschenden Nationen Deutschland und Frankreich, Meinungsfreiheit, die von einer Satirezeitung symbolisiert wird, vergnügliche Stunden mit Freunden in einem Restaurant, all dies sind die zentralen heiligen Werte des Westens (Genuss, Konsum, Individualismus, Freiheit). Und genau als solche, als die sakrosankten Werte einer ganzen Kultur, wurden sie auch ins Visier genommen.

Darüber hinaus sehen sich die IS-Kämpfer in einem täglichen Krieg mit dem Westen. Für Europäer aber, die mit ihrem guten Leben beschäftigt sind, ist der IS nicht mehr als ein Nachrichtenereignis.

Quelle DIE ZEIT 19. November 2015 Seite 51 Lasst sie nicht gewinnen Wer wissen will, wie mit einem feindlichen Umfeld zu verfahren ist, schaue nach Israel. Von Eva Illouz.

ZITAT Herfried Münkler

Der Kampf gegen den Terrorismus muss im Modus der politischen und gesellschaftlichen Normalität geführt werden, wenn der selbst zugefügte Schaden mittelfristig nicht größer ausfallen soll als der durch terroristische Anschläge.

Damit kommt ein weiteres Problem ins Spiel, dass es sich nämlich bei den jetzt angegriffenen Gesellschaften Europas – wenn wir die Pariser Anschläge als exemplarische Attacke auf den (west-)lichen Lebensstil begreifen – um postheroische Gesellschaften handelt, Gesellschaften also, in denen die Überwindung des Opfermotivs als gesellschaftlich-politischer Lernerfolg begriffen wird. Dass wir die innergesellschaftlichen wie innerstaatlichen Verhältnisse im Modus des Tauschs und nicht in dem des sakrifiziellen Opfers organisieren, wird von uns als zivilisatorischer Fortschritt begriffen, den wir nicht rückgängig machen wollen und vermutlich auch nicht können. Die in diesem Fall weniger strategische als symbolische Herausforderung durch den Terrorismus besteht in der demonstrativen Bereitschaft der Attentäter zum Selbstopfer. Neben den eigenen Opfern ist es diese Form der Selbstsakrifizierung, die uns erschüttert und das Gefühl von Wehrlosigkeit auskommen lässt. Die erste Linie des Gegenhandelns angesichts der terroristischen Herausforderung besteht also darin, dass wir das Empfinden der Wehrlosigkeit und die damit verbundenen Affekte in uns niederringen, uns nicht ducken, sondern aufstehen und uns zeigen, von Kundgebungen der Trauer bis zur Fortführung des alltäglichen Lebens, so, als hätte es die furchtbaren Anschläge nicht gegeben.

Quelle DIE ZEIT 19. November 2015 Seite 49-50  Wie wir kämpfen müssen Der Terror richtet sich gegen Europa, nicht nur gegen Frankreich. Sind wir reif für eine gefahrvolle Solidarität? Von Herfried Münkler.

Nachtrag 26.11.2015

Es gibt kaum eine überzeugende Geschichte, zu der man keine überzeugende Gegendarstellung findet. Das gilt noch radikaler für Einzelsätze, so auch für die in diesem Artikel zitierten, oder für die von Bert Brecht und Philipp Ruch des Artikels In finsteren Zeiten. Dennoch ist nicht alles gleichermaßen wahr (oder gleichermaßen egal). Gestern in der Süddeutschen Zeitung:

… man wundert sich dann doch, dass die, die nun für die Pariser Opfer zu sprechen glauben, so inständig betonen, dass die Ermordeten doch nur ein wenig Spaß haben und feiern wollten, einfach ein bisschen das Leben genießen, fast als wollten sie ihnen noch ins Jenseits nachrufen, sie seien im Schlaf ermordet worden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Nicht die Lebensart, die vermeintlich attackiert wurde, nicht der Spaß, nicht das Feiern sind das Problem. Das Problem ist auch nicht das recht exklusive „Wir“, das hier seine Lebensart einklagt und das vermutlich mehr von „Freiheit“ als von „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ versteht. Das Problem ist das unglaubliche Staunen, das Nicht-wahrhaben-Wollen, dass auch wir, die doch nur das Leben im Diesseits genießen wollen, in dieser Welt leben, und dass diese Welt eine einzige Welt geworden ist, unteilbar, ohne Grenzen, globalisiert eben auch in Sachen Gewalt, Unterdrückung, Verfolgung.

Quelle Süddeutsche Zeitung 25. November 2015 Seite 12 Europa hat genug geschlafen Über die unerträgliche Illusion, man solle bitte lieber nicht vom Krieg sprechen / Von Stefan Weidner.

Wir kennen durchaus die Mahnung, die Zeiten seien zu ernst um Späße zu machen. Und man kann genug Fälle aufzählen, bei denen einem das Lachen vergeht. Sagt der eine: Vorsicht mit dem Wort Krieg, sagt der andere: man soll den Terror nicht verniedlichen. Sagt der erste: das habe ich nicht gesagt. Und der andere: dann nimm doch das Wort „relativieren“. Du weißt was gemeint ist.

Es sind halt Worte. Man vergesse nicht, dass die Leute, die angeblich nur gefeiert haben, vom Ernst der Kriege in aller Welt einen Begriff haben können und im Café sogar mit Sorge über die Millionen frustrierter junger Männer hier oder dort gesprochen haben.

ZITAT

Herfried Münkler etwa, der sich mit Kriegen auskennt, lobte letzte Woche in der SZ das schnelle Vergessen sogar als Haltung „heroischer Gelassenheit“. Die Menschen schlafen. Und wenn sie sterben, erwachen sie immer noch nicht.

Quelle wie zuvor

Es ist der prophetische Ton, der misstrauisch macht. Meine Oma sagte zuweilen in den ausgelassensten Momenten: Ja ja, Kinder, euch wird das Lachen noch vergehen. Ich fand das damals irgendwie unpassend. Und heute zuweilen anmaßend.

***

ZITAT

Wenn Ruch schreibt, es gelte, die gegenwärtige „Trockenphase der Weltgeschichte […] mit Schönheit zu tränken“, wird aber auch klar, dass seine Gedanken mehr um seinen Nachruhm als um das Schicksal von Flüchtlingen kreisen. Die „wirklich wichtigen Fragen“ lauten für ihn, so ehrlich ist er immerhin: „Wofür will ich einmal stehen? Welches ist die größte Tat, mit der mein Name einst verbunden werden soll?“ Dieses Verlangen nach eigener historischer Bedeutung ist aber nur die Kehrseite der Kränkung, die Ruch allseits empfindet. In seinem Antimodernismus kommt jene „Größensucht“, ja ein unersättlicher Geltungsdrang zum Ausdruck.

Das wird noch deutlicher, wenn man sein Manifest mit anderen modernekritischen Texten vergleicht. Günther Anders etwa beklagt zwar ganz ähnlich die „Antiqiertheit des Menschen“, reagiert darauf aber nicht als Gekränkter, sondern mit der genauen Beschreibung dessen, was er „prometheische Scham“ nennt: Da die Menschen von immer leistungsfähigerer Technik umgeben seien und sich im Vergleich dazu minderwertig vorkämen, fühlten sie sich beschämt. Und so entwickelt Anders, statt sich Selbstmitleid und Dünkel hinzugeben, aus dem Schambegriff heraus eine Deutung verschiedener Phänomene des menschlichen Umgangs mit Maschinen, Medien und Massenprodukten. Das mag kontrovers sein, wirkt aber auch nach 60 Jahren ungleich lebendiger und aktueller als Ruchs Manifest.

Quelle DIE ZEIT 26. November 2015 Seite 53 Das Erdbeben der Schönheit Mit radikalen Aktionen ist Philipp Ruch zum bekanntesten deutschen Politikkünstler aufgestiegen. Jetzt legt er ein Manifest vor, das mit seinem Antimodernismus Sympathisanten verstören wird / Von Wolfgang Ullrich.

Was tun? – Vor allem dies zur neuen Lektüre bereitlegen:

Anders Antiquiertheit

Nachtrag 26.12.2016 Umgang mit Terror Interview mit dem früheren Bundesinnenminister Gerhart Baum im Deutschlandfunk, nachzulesen HIER.

In finsteren Zeiten

Baum 1 150213 x

Mit diesen Zeilen beginnt ein Gedicht, das Bertolt Brecht im Jahre 1939 „An die Nachgeborenen“ geschrieben hat:

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind!

Es lohnt sich, das Gedicht einmal wieder von Anfang bis Ende nachzulesen: „Der Neue Conrady“ Patmos Verlag, Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf und Zürich 2000 (Seite 704 ff). Siehe auch bei Wikipedia hier.

Im Spiegel-Gespräch sagt der Berliner Künstler Philipp Ruch, es gehöre zu den toxischen Ideen zu behaupten, die Welt sei so groß und unübersichtlich, dass der Einzelne sowieso nichts tun könne.

SPIEGEL: Aber die Menschen tun was, sie helfen.
Ruch: Eine Minderheit. In Deutschland leben 80 Millionen Menschen. Die allermeisten stehen dem Horror an den Grenzen gleichgültig gegenüber – wie auch die politischen Eliten. Die SPIEGEL-Bestsellerliste wird angeführt von einem Buch mit dem Titel „Das geheime Leben der Bäume“. Diese Form des politischen Eskapismus ist gerade in meiner Generation leider weit verbreitet.

Quelle Der SPIEGEL 48/2015 Seite 144 f „Wir kommen aus der Apokalypse“ Die Politik habe den Sinn für das Schöne verloren, sagt der Berliner Künstler Philipp Ruch und fordert einen aggressiven Humanismus. Aber was soll das sein?

Philipp Ruch zitiert etwas später Elie Wiesel, der gesagt habe: das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

Und noch einmal sei hier Bertolt Brechts Gedicht angeführt, die letzten Zeilen:

Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

Baum 2 150213 x

Nachtrag 29.11.2015 (zur Aufhellung)

Wohlleben antwortete, sprach von „knallharter Wissenschaft“, zitierte Studien. Für die Nachrichtenverbreitung sorgten Pilze. Pilze agierten wie die Glasfaserleitungen des Internets. „Sie durchziehen den ganzen Waldboden und leiten teilweise auch elektrische Signale weiter. Sie verteilen gleichzeitig auch Zuckerlösungen. Ein Teelöffel Walderde enthält mehrere Kilometer dieser hauchdünnen Fäden.“ „Wood Wide Web“ heißt diese Vernetzungsstruktur, ein Begriff aus der Wissenschaft, nicht von Wohlleben. Bäume, sagt er, könnten sogar zählen. Im März gebe es ja schon einige sehr warme Tage, aber die Bäume würden mit dem Austreiben trotzdem warten. Weshalb? Möglicher Spätfrost. „Die Technische Universität München hat festgestellt, dass die Bäume die Anzahl der Tage über zwanzig Grad zählen. Erst wenn eine bestimmte Anzahl überschritten ist, treiben sie aus.“

Quelle Frankfurter Allgemeine online 29. November 2015 Bäume sind so tolle Lebewesen
Peter Wohlleben ist Deutschlands berühmtester Förster, sein Buch über „Das geheime Leben der Bäume“ steht seit Monaten auf der Bestsellerliste. Der Hype findet kein Ende. Wohlleben sei ein Baumflüsterer, heißt es. Aber stimmt das? / Von MELANIE MÜHL