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Toleranz gegenüber Intoleranz?

Nach Markus Lanz

Den Gag mit dem sich reimenden Namen des Moderators im Titel wollte ich mir sparen, ebenso wie eine wohlfeile Distanzierung von dieser Art Talkshow, in der es durchaus nicht selten gelingt, kontroverse Themen so zu führen, dass sie sehr bedenkenswerte Perspektiven eröffnen. Wie in diesem Fall der Konfrontation zweier Islamkritiker, die am Ende doch zum einvernehmlichen Urteil kommen: der individuell auftretende Islam sei friedlich und menschenverbindend, als Massenideologie jedoch gefährlich und menschenverachtend. (Alltägliche mitmenschliche Praxis gegen Machtpolitik.)

Hamed Abdel-Samad, Politologe
Der Islamkritiker erklärt in seinem aktuellen Buch „Ist der Islam noch zu retten?“, weshalb die Religion seines Erachtens nicht reformierbar ist.

Ulrich Kienzle, Journalist
Der Nahost-Experte gibt eine Einschätzung zu Hamed Abdel-Samads Religionskritik. Er sagt: „Der Islam ist gefährlich und nicht gefährlich zugleich.“

Es begann mit dem Begriff „Leitkultur“ und lief letztlich auf die Frage hinaus: Muss man gegenüber intoleranten Weltanschauungen Toleranz walten lassen? Ist Hamed Abdel-Samad schon zu weit gegangen, als er als Redner bei der AfD aufgetreten ist – mit dem Risiko, von dieser Partei für ihre ideologischen Zwecke instrumentalisiert zu werden? Letztlich distanziert er sich heute: er würde es kein zweites Mal tun. – Andere Frage: Hätte Angela Merkel beim Staatsbesuch in Saudi-Arabien ein Kopftuch tragen sollen? Sie tat es nicht. Aber darf sie den Panzerverkauf an ein solches Regime tolerieren?

Diese Sendung ist inzwischen zum Nachhören freigeschaltet: HIER. Ab 4:35 bis 38:55. Abrufbar bis zum 12.8.2017.

Ich finde, jeder Mensch sollte sich mit diesen Fragen beschäftigen, sie tauchen in verschiedensten Maskierungen allerorts auf – seit jeher und selbst innerhalb der friedlichsten Familie. Es ist unnötig, sich vom Ernstfall überraschen zu lassen. Wie ist es z.B. wenn jemand von mir Solidarität (die Unterschrift zu einem Aufruf) verlangt, während ich zweifle? Wenn jemand bei mir Empathie für seine Antipathien gegen xy einklagt? Und, falls ich sie verweigere, mich an den Pranger stellt?

Hier ein plausibler Klärungsversuch:

In dem Wertekatalog, der sich etwa im deutschen Grundgesetz wiederfindet, steckt eine Grundsatzentscheidung der Gesellschaft, dass Grundrechte, etwa das auf Leben, Gleichberechtigung, Religions- oder Meinungsfreiheit, keinesfalls verletzt werden dürfen. In der Verfassung liegen ethisch-politische Festlegungen, und Abweichungen davon müssen oder dürfen sogar nicht toleriert werden.

Hier wird man vielleicht auch das eingangs genannte Problem des Verhältnisses unserer Gesellschaft zum Islam ansiedeln müssen – und wie so oft genauer differenzieren: Insofern fundamentalistische Strömungen im Islam gegen die Wertefestlegungen unserer Gesellschaft verstoßen, müssen sie nicht toleriert werden. Eine Religion, die versucht, eigene Vorstellungen, die unseren gesellschaftlichen Wertvorstellungen widersprechen, mit welchen Mitteln auch immer in der Gesellschaft durchzusetzen, muss man nicht tolerieren.

Das gilt übrigens für andere Religionen ganz genauso, namentlich auch für die christlichen, in denen es ebenfalls fundamentalistische Strömungen gibt. Und das gilt nicht, weil der Fundamentalismus selbst intolerant ist, sondern weil er gegen die ethisch-politischen Grundsätze unseres Zusammenlebens verstößt. Soweit aber lediglich kulturelle Unterschiede bestehen, hat der Islam wie alle Kulturen, Religionen und Weltanschauungen ein Recht darauf, toleriert zu werden. Dazu gehört seine Ausübung durch die Gläubigen und das Errichten von Gotteshäusern in demselben Umfang, in dem man es auch anderen Religionen gestattet. Auch das gehört zu den ethischen Grundsätzen unserer Gesellschaft.

Quelle Dr.Dr. Rainer Erlinger im SZ-Magazin Heft 10/2011 Süddeutsche Zeitung / Abrufbar HIER.

Aber mit diesen Grundsätzen allein ist es nicht getan. (Wie steht es z.B. mit der Toleranz im Alltag. „Wie … ordnet man die häufigen kleinen Probleme des Alltags ein? Wenn unterschiedliche Vorlieben, Interessen oder Bedürfnisse aufeinanderprallen?“ In diesem Artikel wird auch Karl Poppers „Paradoxon der Toleranz“ behandelt:

 Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. (1944)

Quelle Erlinger a.a.O. / siehe auch im Originaltext Popper hier.

(Fortsetzung folgt)

Sehnsucht und Aggression

Die Sicht von ganz unten

Im SPIEGEL 3/2016 gibt Slavoj Žižek – ausgehend von Alain Badiou – folgende Erklärung für den islamischen Fundamentalismus, der im Westen oft als religiöses Phänomen missdeutet wird. Weil sich die Sehnsucht nach westlichem Lebensstil für die meisten nicht erfüllen kann, bleibt nur der Weg einer nihilistischen Umkehrung der Sichtweise:

Frustration und Neid werden radikalisiert (…) und Menschen beginnen, gewalttätige Rache zu nehmen. (…)

Badiou betont zu Recht, dass die fundamentalistische Gewalt kein emanzipatorisches Potential besitzt, egal wie antikapitalistisch sie zu sein vorgibt: es handle sich um ein Phänomen, das ein strenger inhärenter Bestandteil des globalen kapitalistischen Universums ist, sein „verstecktes Phantom“. Die Grundlage des fundamentalistischen Faschismus sei Neid (…), und der Islam liefert, so Badiou, lediglich die äußere Form, um diesen (selbst-)zerstörerischen Hass zu begründen.

(…)

Islamischer Fundamentalismus ist ein zutiefst reaktives Phänomen, im nietzscheanischen Sinne, ein Ausdruck der Machtlosigkeit, die in selbstzerstörerischen Zorn verwandelt wird. Badiou sagt auch: „Religion ist lediglich ein Mantel, sie ist in keinerlei Hinsicht der Kern der Sache, lediglich eine Form der Subjektivierung, nicht der eigentliche Inhalt der Sache.“

Er kann es gar nicht oft genug wiederholen, und noch einmal, um es zu verallgemeinern:

Ich stimme in vielem mit Badiou überein. Aber ist Religion nicht immer eine Art Mantel, nicht der Kern der Sache? ist sie nicht tatsächlich ein Modus, in dem einzelne Menschen die Umstände ihres Lebens betrachten, auch weil sie keine Möglichkeit haben, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge so zu sehen, wie sie „wirklich sind“? Badiou schlägt auch vor, hinzugehen und zu sehen, „wer die anderen, von denen die Rede ist, wer sie wirklich sind“. Als müssten wir ihre Gedanken, ihre Ideen, ihre Vision der Dinge sammeln und daraus gemeinsam, sie und wir zugleich, eine Vision vom Schicksal der Menschheit entwickeln. Diese Annahme aber, dass hinter dem Teufelskreis aus Verlangen, Neid und Hass irgendein tieferer menschlicher Kern der globalen Solidarität stünde, ist Bestandteil einer naiven, humanistischen Metaphysik.

Ich habe nicht damit gerechnet, dass der Gedankengang so ausgeht, denn allzu oft geben wir uns mit dem humanistischen Appell zufrieden, nur um endlich Ruhe zu haben und – uns abwenden können. Und mit dieser Diagnose hätte das inzwischen gebrandmarkte Wort vom Gutmenschen doch noch einen Zweck erfüllt: als ein Motiv, die Sachen besser zu durchdenken. „Gut“ genügt nicht. Vielleicht noch weniger im Blick auf Silvester in Köln:

Es war nicht einfach der Drang sexuell ausgehungerter junger Männer nach Befriedigung – das könnte man diskreter und versteckter erledigen -, es war in erster Linie ein öffentliches Spektakel, um Angst zu verbreiten, die „Muschis“ der privilegierten Deutschen einer schmerzhaften Hilflosigkeit auszusetzen und um sie zu demütigen. Natürlich ist in solchem Karneval nichts Erlösendes oder Emanzipatorisches, nichts wirksam Befreiendes – aber so funktionieren echte Karnevals.

Deshalb sind die Bemühungen, [diese Schicht von] Migranten aufzuklären, ihnen zu erläutern, dass bei uns andere sexuelle Sitten und Gebräuche herrschen, dass beispielsweise eine Frau, die in der Öffentlichkeit einen Minirock trägt und lächelt, damit keine sexuelle Einladung ausspricht, Beispiele atemberaubender Dummheit. Sie wissen das, und deshalb tun sie es. Sie tun es gerade, weil sie unsere Empfindlichkeiten verletzen wollen. Es kann also nicht darum gehen, ihnen beizubringen, was sie schon wissen, sondern ihre Haltungen, ihre Einstellungen, ihren Neid und ihre Aggression zu verändern und abzubauen.

Und das ist die schwierige Lektion aus dieser ganzen Affäre: Es genügt nicht, den Underdogs eine Stimme zu geben, sie so zu sehen, wie sie sind. Um sie wirklich zu emanzipieren, müssten sie zur Freiheit erzogen werden. Von anderen und von sich selbst.

Quelle DER SPIEGEL 16.1.2016 Seite 128 Der Karneval der Underdogs Was wir aus der Kölner Silvesternacht lernen sollten. Von Slavoj Žižek.

„… müssten … erzogen werden“? Also: in die Volkshochschule mit ihnen? Ist er da nicht wieder, in anderem Gewande: der lediglich etwas moderatere humanistische Appell, mit dem wir uns ins Privatleben zurückziehen können. Die Frage wäre allerdings, was wir tun können. 

P.S.

Ich hätte den Essay nicht behandeln müssen: die FAZ hat, wie ich sehe, den Artikel gerade heute als These 3 – „Sexuelle Gewalt als Unterschichtenphänomen“  in ihre Deutungsangebote aufgenommen:

Wie konnte es zu den Taten von Köln kommen? Wieso griffen mutmaßlich aus Nordafrika stammende Männer in der Silvesternacht Frauen in Köln an? Liegt es an der Herkunft, am Islam oder an der sozialen Lage? Die Täter sind nicht gefasst, aber es gibt schon Erklärungsversuche. FAZ.NET stellt die wichtigsten vor. 20.01.2016, von Reiner Burger, Oliver Georgi und Timo Steppat.

Warum ich Slavoj Žižek ohnehin aufmerksam wahrnehme? Weil er so wie kein anderer Philosoph über Sibelius und Wagner geschrieben hat… (nämlich in: „Parallaxe“ Suhrkamp 2006).

Nachschrift 

Ein Absatz auf der Titelseite der ZEIT passt als Ergänzung ebenso wie als Gegenargument:

Keine Frage, der Westen hat eine lange Tradition des Patriarchats. Noch in den sechziger Jahren war es ein Drama, als unverheiratete junge Frau allein auszugehen, erst recht im Minirock und geschminkt. Sex war ein Drama, auch für ledige Männer, weil er sich im Halbseidenen, in Puffs und auf Autorückbänken, vollzog. Das autoritäre Klima der frühen Bundesrepublik wurde zu Recht ausgiebig beklagt. Wenn es überwunden wurde, dann nicht, weil man ausgesucht tolerant gegenüber der Rückständigkeit der Provinz, gegenüber den Kirchen und ihren Wertvorstellungen gewesen wäre.

Heute müssen wir über die konkreten sozialen und kulturellen Hintergründe der Täter sprechen. Nicht wenige sind illegal im Land und befinden sich damit am untersten Ende der Einwandererhierarchie. Macht wird daher durch die Demonstration körperlicher Überlegenheit und gewalttätiger Virilität erworben – womit die Übergriffe nicht gerechtfertigt, aber zum Teil erklärt werden können. Über das Oktoberfest können wir ja ein andermal sprechen.

Quelle DIE ZEIT 21. Januar 2016 Seite 1 Bitte nicht stören! Woher kommt das Bedürfnis, jeden noch so handfesten Skandal sogleich zu relativieren? Von Adam Soboczynski.

Anmerkung: Der Schlusssatz über das Oktoberfest bezieht sich auf den vorausgegangenen Teil des Artikels. Ebenso lesenswert! Schauen Sie doch einfach hinein: HIER.

Intellektuelle Selbstverleugnung

Die Angst, „koloniale Denkmuster “ zu reproduzieren

Ein bedenkenswerter Artikel in der ZEIT (9. April), Überschrift: „Dröhnendes Schweigen“. Und weiter: „Früher war Religionskritik die vornehmste aller marxistischen Tugenden. Doch zum Glaubensterror des islamischen Fundamentalismus hat die westliche Linke nichts zu sagen“ (Autor: Volker Weiss). Ich springe mitten hinein in den Text, den verblüffenden Einstieg zunächst beiseite lassend:

Vor lauter Angst, „koloniale Denkmuster“ zu produzieren, findet eine Kritik des Islamismus kaum statt.

Es ist kaum möglich, über diesen blinden Fleck der heutigen Linken zu schreiben, ohne den Autor zu nennen, der ihren Diskurs in dieser Frage wesentlich geprägt hat: der 2003 verstorbene palästinensische Literaturtheoretiker Edward W. Said. Dessen Buch Orientalismus erlangte nach seinem Erscheinen 1978 mindestens die gleiche Bedeutung wie Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde für die Generation der Achtundsechziger.

Wer Saids Buch aufschlägt, heute noch wie damals, wird nicht aufhören können zu lesen. Ich greife, einer westlichen Manie folgend, Zeilen über Flaubert und das Thema Sex heraus. Ehrenwort: es besteht nicht nur daraus…

Flaubert assoziiert den Orient in allen seinen Romanen mit eskapistischen Sexualphantasien. Wenn Emma Bovary und Frédéric Moreau sich nach etwas sehnen, das ihr eintöniges (oder bedrängtes) bürgerliches Leben nicht hergibt, so erfüllen sich ihre Wünsche mit Tagträumen voller orientalischer Klischees: Harems, Prinzessinnen, Prinzen, Sklaven, Schleier, Tänzerinnen und Tänzer, Balsame, Öle, Salben und so fort, das Repertoire ist durch die Verbindung von Orient und zügellosem Sex hinlänglich bekannt. Dabei sollten wir aber auch bedenken, dass die Sexualität im Europa des 19. Jahrhunderts durch eine zunehmende Verbürgerlichung in hohem Maße institutionalisiert wurde. Wie man sexuelle ‚Freiheit‘ noch nicht kannte, so ging Sexualität gesellschaftlich mit einer Reihe von peniblen rechtlichen, moralischen, ja sogar politischen und wirtschaftlichen Verpflichtungen einher. Wie die Kolonien – abgesehen von ihrem Ertrag – häufig dazu dienten, missratene Söhne, Delinquenten, Arme oder sonst unerwünschte Bevölkerungsteile fortzuschicken, so eignete sich der Orient auch als Ort für daheim unerreichbare sexuelle Erlebnisse. Fast kein europäischer Schriftsteller, der nach 1800 in den Orient reiste, nahm sich da aus, allen voran Flaubert, Nerval, ‚Dirty Dick‘ Burton und Lane. Im 20. Jahrhundert folgten Gide, Conrad, Maugham und andere mehr. Oft suchten sie – vermutlich zu Recht – nach einer freieren, weniger schuldbeladenen Art der Sexualität, doch sogar diese konnte bei zu vielen Nachahmern ebenso gleichförmig geordnet werden wie die akademische Forschung (was auch geschah). Bald näherte sich der ‚orientalische Sex‘ den anderen Standardwaren einer Massenkultur an, so dass Leser und Schriftsteller ihn auf Wunsch haben konnten, ohne eigens in den Orient reisen zu müssen.

Quelle Edward W. Said: Orientalismus S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 2009 ISBN 978-3-10-071008-6 (Seite 220)

SAID Titelseite   SAID Inhalt

Volker Weiss erwähnt in dem zitierten ZEIT-Artikel, vieles von dem, was Said beschreibt, lese sich heute „wie aus einer anderen Zeit“, – und nicht nur wenn es sich, wie hier von mir herausgegriffen, explizit auf vergangene Jahrhunderte bezieht.

Heute sind es nicht mehr die Reiseberichte und geostrategischen Dossiers aus den Außenministerien, die der Welt jene „stereotypen Orientdarstellungen“ und „standardisierten Schablonen“ aufdrängen, unter denen Said so gelitten hat. Es sind die Islamisten selbst, die sich stolz eine Identität aus den Albträumen des Humanismus gewählt haben.

Wie Said vielfach beklagte, wurde seine Orientalismus-These „in der arabischen Welt als eine systematische Rechtfertigung des Islams und der Araber aufgefasst“. Der Autor hat sich zwar gegen solche Vereinnahmungen gesträubt, war aber selbst zu sehr dem arabischen, vor allem dem palästinensischen Narrativ verhaftet, um sie effektiv zurückzuweisen. Seine Herkunft aus einer christlichen Familie feite ihn nicht vor einer Gleichsetzung von Orient und Islam.

Der frappierende Grundgedanke von Volker Weiss ist der, dass heute „das allgegenwärtige Argument von den verletzten religiösen Gefühlen selbst ein Produkt des Orientalismus“ sei. Said lasse sich heute sogar subversiv lesen:

Seine Formel, dass „der Orientalismus ein konstitutiver und nicht nur beiläufiger Bestandteil der modernen politisch-intellektuellen Kultur ist – und als solcher weniger mit dem Orient selbst als mit ‚unserer‘ Welt zu tun hat“ -, lädt umgekehrt ein zur Frage, auf welche inneren Defizite eigentlich der Hass der Islamisten gegen „den Westen“ deutet. Niemand kam auf den Gedanken, sich mit der Methodik Saids dem grassierenden muslimischen Antisemitismus oder der verschwörungstheoretischen Rhetorik der mittelöstlichen Regime zu nähern (in die Said stellenweise selbst verfällt). [….]

Angesichts des wachsenden Einflusses fundamentalistischer Islam-Interpretationen (und übrigens auch einer eigenen islamischen Kolonisierungstradition) wären diese längst auf Selbst- und Fremdbilder zu untersuchen gewesen. Was sagen eigentlich die rigide und durchökonomisierte Sexualmoral und das Verschleierungsgebot des Islamismus über seine Verfechter? Wovon zeugen seine autoritäre Ordnung und die grotesken Verzerrungen in seiner Darstellung der westlichen Gesellschaften?

Quelle  DIE ZEIT 9. April 2015 (Seite 54) Dröhnendes Schweigen. Von Volker Weiss.

Volker Weiss war ausgegangen von den Ergebnissen eines provokativen Versuchs auf dem Campus einer amerikanischen Universität: der Filmemacher Ami Horowitz hatte dort zunächst die IS-Flagge geschwungen und gerufen, der IS wolle den Frieden und verteidige sich nur gegen die Aggression des Westens. Er vermerkte positive Reaktionen, – während der gleiche Versuch mit einer israelischen Flagge Proteste erntete.

Am Ende seines Artikels kommt Weiss auf die menschenverachtenden Aktionen des IS: sie seien vom Willen getragen, „sich selbst als diejenigen zu stilisieren, die mit den Konventionen der Zivilisation brechen.“ Vor diesem Hintergrund wirke der Gedanke, ein paar Zeichnungen könnten diese Leute verletzen, naiv.

Diese Druckmittel bedienen das orientalische Klischee, Muslime funktionierten jenseits politischer Interessenkonstellationen und bedürften besonderer Schonung. Dieses Rollenspiel hat den ursprünglich kritischen Anspruch der Postcolonial Studies  [nach Said] und ihrer linken Verehrer längst ad absurdum geführt. Dabei war Religionskritik einst die vornehmste der linken Tugenden. (a.a.O.)

Ich wende mich – wieder einmal – an Rüdiger Safranski. ZITAT:

Aufgeklärte Religionskritik, wie die Kants, richtet sich gegen solche menschenverachtende Gottesliebe. Sie bleibt aktuell. Denn während im Westen Nihilismus und Dekadenz zunehmen, wächst andernorts wieder eine Religiosität des verfeindenden Typs. (…) Aber (…) mit Berufung auf Gott hat man sich schon alles erlaubt. Es gibt Götter, die zum Schlimmsten anstiften.

Es spricht einiges dafür, daß es gerade diese Götter sind, die bei wachsender Zahl der Globalisierungsverlierer ihren Anhang finden werden. Traditionsverlust, Entwurzelung und der praktizierte Nihilismus der Konsumkultur bilden den Nährboden für die absichtsvolle und militante Wiedervezauberung durch eine pervertierte Religion. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten die totalitären Ideologien des Sozialismus und des Faschismus die Rolle der pervertierten Religion im Aufstand gegen die Zumutungen einer säkularisierten, pluralistischen Moderne. Der islamische Fundamentalismus heute setzt diese totalitäre Tradition fort. Man muß übrigens nicht genau angeben können, was eine authentische Religion ist, um eine pervertierte Religion als solche erkennen zu können, denn Bestialität und Dummheit sind von schlagender Evidenz.

Die Weltbilder der pervertierten Religion beanspruchen, das wahre Wesen von Natur und Geschichte zu kennen. Sie geben vor zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Sie wollen das Ganze begreifen und greifen nach dem ganzen Menschen. Sie geben ihm die Geborgenheit einer Festung mit Sehschlitz und Schießscharte. Sie kalkulieren mit der Angst  vor dem offenen Lebensgelände, vor dem Risiko der menschlichen Freiheit, die stets auch bedeutet: Ungeborgenheit, Alleinstehen, Ungewißheit. (…)

Die pervertierte Religion entlastet von der Freiheit, die immer auch das Gefühl der Entfremdung und der Einsamkeit einschließt.

Quelle Rüdiger Safranski: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? Fischer Verlag Frankfurt am Main 2004 (Seite 57f)