Archiv der Kategorie: Natur

As Time goes by…

Eigentlich liebe ich diesen Song aus „Casablanca“ nicht besonders, jedenfalls weniger so für sich (als Musik) als so, verbunden mit der Atmosphäre des Films, aber anderen bedeutet er – glaube ich – so wie so viel mehr, und das hat sicher gute Gründe .

Gegen Ende des Jahres 2014 erhielt ich die Mail eines alten Freundes, die mit den Sätzen schloss:

Wie kommt es nur, dass die Zeit einem mal rasend, mal schleichend vorkommt? (Gut: dass sie schleicht, wenn man wartet, ist ja bekannt.)
Voriges Jahr Ende Dez. waren wir in Palma – und das kommt mir mindestens wie 2 Jahre vergangen vor. Wahrscheinlich, weil soviel zwischendurch war – was mir wiederum viel zu wenig war. Wenn E. nicht ein bisschen bremsen würde, wäre ich vermutlich die Hälfte des Jahres woanders. Immer mit dem Druck im Rücken: Irgendwann sorgt die Natur schon für ein abruptes Ende. Und da das Reisen aufhört, wenn nur einer ausfällt, ist die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch.

Und ich antwortete mit dem Hinweis auf ein Buch, in das ich selbst immer mal wieder gern hineinschaue: Douwe Draaisma: „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Von den Rätseln unserer Erinnerung“. (Piper Verlag 2006 / 2009)

Und nun lese ich noch einmal das kostbare Büchlein „Orte und Nicht-Orte“ von Marc Augé und sehe einen größeren Zusammenhang, der auch meinen Großvater einschließt. Doch zunächst erschrecke ich, dass der Fall der Mauer in Berlin erwähnt wird, denn die Lektüre dieses Buches schien mir mindestens 30 Jahre zurückzuliegen:

…doch können wir uns dem Problem der Zeit aus einer anderen Perspektive nähern, im Tageslicht von einer banalen Beobachtung nämlich, die wir täglich machen können: Die Geschichte beschleunigt sich. Kaum haben wir Zeit gehabt, ein wenig älter zu werden, da ist unsere Vergangenheit bereits Geschichte. Meine Generation hat in ihrer Kindheit und Jugend die stille Nostalgie der Veteranen des Ersten Weltkriegs kennengelernt, die uns zu sagen schien, daß sie die Geschichte (und welche Geschichte!) erlebt hätten und daß wir niemals wirklich verstehen würden, was das bedeutete. Heute gehen die sechziger, die siebziger und die achtziger Jahre ebenso schnell in die Geschichte ein, wie sie daraus hervortraten. Die Geschichte ist uns auf den Fersen. Sie folgt uns wie ein Schatten, wie der Tod. Die Geschichte – das heißt ein Folge von Ereignissen, die von vielen als Ereignisse verstanden werden (die Beatles, 1968, der Algerienkrieg, der Fall der Mauer in Berlin, die Demokratisierung der Länder des Ostens, der Golfkrieg, der Zerfall der Sowjetunion), eine Folge von Ereignissen, von denen wir annehmen dürfen, daß sie in den Augen der Historiker von morgen oder übermorgen Gewicht haben werden und zu denen jeder von uns – obschon er sehr wohl weiß, daß er in diesem Geschehen keine gewichtigere Rolle gespielt hat als Fabrice in Waterloo – ein paar Umstände oder partikulare Bilder hinzufügen könnte, als wäre es jeden Tag weniger wahr, daß die Menschen, die ja die Geschichte machen (wer sollte es sonst tun?), nicht wissen, daß sie sie machen. Ist es nicht gerade diese Überfülle (auf einem Planeten, der täglich kleiner wird; davon wird noch zu reden sein), die diffizile Probleme für den Historiker der Zeitgeschichte schafft?

Quelle Marc Augé: „Orte und Nicht-Orte“ S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 1994 (Seite 35f) ISBN 3-10-000516-3

Aufbruchsstimmung

Aber womit beginnen?

(Natürlich, ich weiß es, schiebe es beiseite, um Ersatzhandlungen auszuführen, „Übersprung“ oder wie heißt es, das Hauptthema kann noch ein paar Stunden warten. Oder Tage?)

Zunächst also die Presse, die für soviel Anregung oder auch Aufregung sorgt. Die Themen müssen knapp sein, wenn Beethoven ins Zentrum der Seite „Wissen“ rückt. Nein, auf die rechte Seite, links pariert der Artikel „Wenn Frauen zur Nixe werden. TREND Wasserliebende Mädchen und Frauen tauschen ihren Badeanzug gegen Bikinioberteil und Fischschwanz.“ Bravo, gut für „Beethovens Werkstatt. Wie das Genie mit den Noten kämpfte“. Links unten: „Schon Ahnen des Menschen konsumierten Alkohol. STUDIE Biologen analysieren Enzym zum Alkoholabbau.“ Gottseidank, der Abbau funktioniert bis heute! Aber wie lange dauert es jeweils? Tage oder Wochen? Tage und Zeilen?

ST nach Neujahr 2015 Bitte anklicken!

Also, hier muss auf jeden Fall noch der Link zum Beethoven-Haus folgen, damit ich die Original-Skizzen studieren kann. Auch das nimmt Zeit! Es kann dauern!!! Dann die Frage, ob ich die Klassik nicht naiv überbewerte. Oder vielmehr grotesk unterbewerte. Der neue Link liegt mir vor. Aber noch fällt mir dazu nur ein, wie man (ich?) einst über die Liebe dachte: der Gegenstand der Liebe sei so heilig, dass man ihn nie und nimmer berührt. Was für ein unvergessliches Kapitel in der Werk-Einführung zu Robert Musil von Kaiser/Wilkins (1962), ich meine über die „Fernstenliebe“ oder so. Oder Goethes oder Philines „Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an.“ Beginne ich einfach mit dem Titel „Aufbruchsstimmung“ und danach endlich weiter in Moritz Eggerts Blog-Folgen. (Fortsetzungen eventuell später hier eruieren.)

Neben diese Symptome einer resignativen Dekadenz trat zeitgleich um die Jahreswende eine Aufbruchstimmung, die für den „neuen Menschen“, wie er in Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ angekündigt worden war, eine geistige und körperliche Befreiung von bisher geltenden Normen bedeutete. Vor allem Künstler suchten nach neuen Lebensformen unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen und gruppierten sich in Gemeinschaften, um ein Leben im Einklang mit Natur und Kunst führen zu können. Damit verbunden war häufig ein neues Bewußtsein für den Körper, der nun nicht mehr in Kleidern versteckt und deformiert werden sollte, sondern sich in Licht und Luft bewegen durfte; der menschliche Körper wurde als ausdrucksstarkes Sprachorgan entdeckt. Die Freikörperkultur und der Ausdruckstanz nahmen hier ihren Ursprung. Hinzu kam die Weiterentwicklung der Fotografie sowie die Entstehung des Films um 1999, die eine Fixierung von Bewegungsabläufen ermöglichte und eine neue Wahrnehmungsästhetik einleitete.

Ich halte erschrocken inne: meine Zitattechnik im Neuen Jahr grenzt an Fälschung. Ich vertraue auf meinen Leser, der ich vor allem selbst bin und bleiben werde. Ich habe Zeit, meine Quellen offenzulegen. Monate, Jahre! (Nur nicht warten, bis ich alles vergessen habe.) Die Sache mit der Freikörperkultur gehört natürlich zu dem Artikel über den Bikini „Wenn Frauen zur Nixe werden“. Ich halte meinem Tageblatt die Treue! Schon wegen der blauen Zeile: „Im Wasser ist man geschmeidig, man bleibt unberührbar“. Es lebe die Soziologie! Ein Neujahrsbrief hat mir Neues über Adornos Charakter gebracht, – ich möge bitte Peter Sloterdijk lesen: Zeilen und Tage. Seite 157 f („In der Frankfurter Rundschau findet sich ein Artikel, der an Golo Manns Rückkehr aus dem Exil erinnert. Im Jahr 1963 sollen Horkheimer und Adorno“ usw. usw. vonwegen, – werde ich denn alles vorwegnehmen?)

ST WISSEN nach Neujahr 2015

Ein Autograph der Kreutzer-Sonate studieren? Hier! (Unter „Beethoven-Haus Bonn, NE 86“ oben weiterblättern 1-13 !)

Quellen 

Solinger Tageblatt 5. Januar 2015 Seite 22

Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Eine Analyse der Jugendstilarchitecktur 1890-1910 WBG Darmstadt Sonderausgabe 2010 ISBN 978-3-534-23652-7 Zitat Seite 15 (absichtliche Errata: Jahreswende statt Jahrhundertwende und 1999 statt 1900 JR).

Wahre Freundschaft

Wer alte Briefwechsel liest (etwa solche, die man exemplarisch im Gleimhaus Halberstadt studieren kann, siehe hier), wundert sich, was für ein inniger Ton in der Zeit der Empfindsamkeit zwischen Männern aufkam. Oder auch zwischen Geschwistern wie Fanny und Felix Mendelsssohn Bartholdy. In der heutigen, sexuell konnotierenden Zeit denkt man alsbald an Homosexualität oder inzestuöse Zusammenhänge. Weit gefehlt. Es wäre an sich selbstverständlich, von einem Wechsel der Sitten und Gebräuche auszugehen, statt immer noch wie in den 60er Jahren mit fabelhafter Sicherheit von heute auf früher zu schließen, insofern ist ein Spiegel-Artikel wie der aktuelle höchst innovativ. Silvia Bovenschen wird über zeitgenössische Karriere des Begriffs Freundschaft befragt, der offenbar den Höhenflug der romantischen Liebe ablöst.

Sehr offensichtlich vollzog sich ein solcher Wandel mit der Epoche der Empfindsamkeit im späten 18. Jahrhundert. Vornehmlich unter Literaten bildete sich ein sonderlicher Freundschaftskult heraus. Auch heterosexuelle Männer beteuerten einander die innigste Liebe. In ihren Briefen ist von wollüstigen Tränen die Rede, von herangeschwollenen Herzen und letzten Küssen.Tatsächlich haben die Männer die gleichen Wortfolgen auch in Liebesbriefen an die Frauen verwendet. Zugrunde lag eine Sprachnot. Man zelebrierte die Freundschaft im Vokabular der Liebe. Es fehlte eine Sprache, ein Programm für die Freundschaft. Sie hatte eine andere Bedeutung bekommen als ein Bündnis des neuen aufgeklärten Bürgertums, eine Angelegenheit von Gleichen unter Gleichen. Auf uns wirkt der damalige Sprachgebrauch grotesk, und auch damals konnte sich dieser Kult nur kurze Zeit behaupten.

Und heute? Gilt das gleiche wie für die Liebe:

Der Soziologe Niklas Luhmann hat einmal gesagt, dass eine Frau, die Romane gelesen hat, erkenne, wann sie liebt. Wenn man eine wortmächtige und anschauliche Beschreibung für ein Gefühl kennenlernen konnte, wird man empfindungsweiter. Vermutlich habe ich mich mit dieser Formulierung endgültig ins Unzeitgemäße verabschiedet.

Quelle DER SPIEGEL 29.12.2014 „Eine kleine Teufelei“ Spiegel-Gespräch. Die Autorin Silvia Bovenschen über Verrat, die banalen Seiten der Freundschaft und den Missbrauch eines uralten Menschheitsbegriffs (Seite 121 bis 123)

(Fortsetzung folgt)

Kantabel und virtuos – Zum Gedenken an den Violinisten Franzjosef Maier

Laufplan der WDR 3 Radiosendung am 3. Januar 2015 18:05 – 19:00 Uhr 

[siehe am Ende dieses Artikels auch Fotos und einen Nachruf von Gerhard Peters]

Abt Klassische Musik

Red Dr. Richard Lorber

Titel Vesper I

Kantabel und virtuos – Zum Gedenken an den Violinisten Franzjosef Maier

Autor: Christoph Prasser

Jingle Vesper 0’11

Moderation 1:

Guten Abend und herzlich willkommen zur Vesper auf WDR 3.

Am 16. Oktober vergangenen Jahres ist im Alter von 89 Jahren der Violinvirtuose Franzjosef Maier verstorben, der seit Beginn der 1950er Jahre einen erheblichen Anteil hatte an der Entwicklung der Kölner „Alte Musik-Szene“. Der erste Teil der Vespersendung erinnert an den einflussreichen Geiger, der nicht nur durch sein meisterhaftes Spiel zu Berühmtheit gelangt war, sondern sein Wissen auch als erster Dozent für Barockvioline an der Kölner Musikhochschule weitergeben konnte, wo Geiger wie Reinhard Goebel, Werner Ehrhardt, Manfredo Kraemer und viele andere zu seinen Schülern zählten. Diese wiederum gaben sein Wissen in berühmt gewordenen Ensembles wie „Musica Antiqua Köln“ oder „Concerto Köln“ weiter und förderten und festigten damit den Ruf der Stadt Köln als Zentrum für „Alte Musik“ und „Historische Aufführungspraxis“. Dem WDR war Maier dabei in unzähligen Produktionen und Konzerten zeit seines Lebens verbunden. Und im „Collegium musicum des WDR“ war Franzjosef Maier über Jahrzehnte als Konzertmeister tätig. Zur Erinnerung an den großen Musiker bringt die Vesper heute ausgewählte Aufnahmen, die vor allem in Produktionen Alter Musik mit dem Kölner WDR entstanden sind. Autor der Sendung ist Christoph Prasser.

Unsere erste Musik zeigt Maier als Solist und Konzertmeister an der Spitze eines Ensembles, mit dem er am meisten bekannt werden sollte, dem „Collegium aureum“. Dieses in der Regel dirigentenlose Orchester für historische Aufführungspraxis sollte er über Jahrzehnte vom Konzertmeisterpult aus leiten. Die folgende Aufnahme des Mozart-Rondos in C-dur für Violine und Orchester stammt aus dem Jahre 1977 und wurde wie so viele Aufnahmen des Ensembles im Cedernsaal des Schlosses in Kirchheim aufgenommen. (Mod.: 1’58)

Musik 1: 

K.: Wolfgang Amadeus Mozart 6029210105 7’02

Allegretto grazioso aus: Rondo C-dur KV 373

Franzjosef Maier, Violine / Collegium aureum / Ltg.: Franzjosef Maier

Moderation 2:

Das Collegium aureum mit Mozarts Allegretto-grazioso, dem Rondo in C-dur KV 373. Solist und musikalischer Leiter der Aufnahme war der Geiger Franzjosef Maier.

Maier wurde am 27. April 1925 in Memmingen im Allgäu geboren und lernte schon früh Klavier, Violine und Bratsche. Ab 1938 besuchte er das Augsburger Konservatorium, anschließend die Münchner Akademie und das musische Gymnasium in Frankfurt. Nach Kriegsende und Gefangenschaft studierte er schließlich bis 1948 an der Kölner Musikhochschule.

Als junger Geiger geriet Maier sehr schnell ins Fahrwasser des WDR, der damals noch NWDR hieß. Dort produzierte er mit dem Musikwissenschaftler Eduard Gröninger erste Werke für den Rundfunk, die sich bereits an einem historischen Klangbild orientierten, denn der NWDR war ein innovativer Pionier in Sachen Alter Musik. Schließlich wurde Maier Gründungsmitglied des „Collegium musicum des NWDR“, eines Orchesters, das sich auf historische Aufführungspraxis spezialisiert hatte und neben dem sich später das Schwesterensemble „Cappella Coloniensis“ etablieren sollte. Die Cappella wurde letztlich zum prominenten Aushängeschild für Alte Musik, allerdings ohne Franzjosef Maier. Das lag aber nur daran, dass Maier in jener Zeit im Schäfferquartett als 2. Geiger spielte und er die Quartettarbeit der Orchesterarbeit zunächst vorzog. Denn ursprünglich sollte Kurt Schäffer, der Namensgeber des Quartetts und Maiers ehemaliger Lehrer an der Kölner Musikhochschule, Konzertmeister in der neu gegründeten Cappella werden. Er verzichtete aber, nachdem Maier ihn bat, die Arbeit am Schäfferquartett fortzuführen. Vielleicht spielte dieser Verzicht auch mit eine Rolle für das spätere Zerwürfnis zwischen Maier und Schäffer, aber erst nach der Trennung vom Schäfferquartett war für Maier der Weg frei für seine spätere Karriere als Leiter des Collegium Aureum.

Unsere nächste Musik zählt zu den Höhepunkten der Violinliteratur in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zeigt einen Franzjosef Maier in Hochform. Heinrich Ignaz Bibers virtuose Sonate Nr. 1 in A-dur gehört zu den 8 Salzburger Sonaten aus dem Jahre 1681. Die Violinstimme wird von einer Basso-continuo-Gruppe unterstützt, die aus Orgel, Violone und Violoncello besteht. (Mod.: 2’22)

Musik 2:

K.: Heinrich Ignaz Biber 6029229102 13’29

Sonate Nr 1 A-dur (für Violine und Basso continuo)

Franzjosef Maier, Violine / Rudolf Mandalka, Cello / Johannes Koch, Violone / Wilhelm Krumbach, Orgel

Moderation 3:

Die Vesper auf WDR 3 mit der Sonate Nr 1 in A-dur für Violine und Basso continuo von Heinrich Ignaz Biber. Gespielt hat sie der im Oktober vergangenen Jahres verstorbene Geiger Franzjosef Maier, dem der erste Teil der heutigen Sendung gewidmet ist.

Die Anfangszeit der historischen Aufführungspraxis, die ihren stärksten Triebmotor in den 1950/60er Jahren durch Produktionen des WDR erhielt, war geprägt durch die Suche nach dem historisch authentischen Klang. Maier fühlte sich aber nicht nur der historischen Aufführungspraxis verpflichtet, sondern er blieb auch den Komponisten der neueren Musikgeschichte treu. Und so spielte er die Kompositionen der alten Meister bis in die Mitte der 1960er Jahre nicht etwa auf einer zurückgebauten oder historischen Violine alter Mensur, sondern meist auf seiner moderneren Vuillaume-Geige, die er dafür lediglich mit Darmsaiten bespannte. Auch der Kammerton blieb bei ihm meist bei 440 Hertz. Allerdings benutzte er für Produktionen Alter Musik zwingend einen alten historischen Bogen.

In der nun folgenden Aufnahme spielt er allerdings ein 1752 erbautes historisches Instrument in alter Stimmung, eine Geige von Michele Deconetti. Die hatte er 1965 als Dauerleihgabe von der Schwägerin des Harmonia-Mundi-Geschäftsführers Rudolf Ruby bekommen. Nicht ohne Hintergedanken, denn schließlich war die Harmonia-Mundi die Plattenfirma, die Maiers Collegium aureum unter Vertrag hatte.

Hören sie jetzt den Tenor James Griffett mit Joseph Haydns Bearbeitung des schottischen Volkslieds „Margret’s ghost“. Franzjosef Maier spielt Violine, Rudolf Mandalka Violoncello und Bradford Tracey sitzt am Hammerklavier. (Mod.: 1’45)

Musik 3:

K.: Joseph Haydn 6044235119 7’57

Margret’s ghost, Hob XXIa:65

(Bearbeitung eines schottischen Volksliedes für Singstimme, Violine, Violoncello und Tasteninstrument)

James Griffett, Tenor

Franzjosef Maier, Violine

Rudolf Mandalka, Violoncello

Bradford Tracey, Hammerklavier

Moderation 4:

Margret’s ghost”, die Bearbeitung eines schottischen Volksliedes von Joseph Haydn, mit dem Tenor James Griffett und dem Geiger Franzjosef Maier. Eine historische Aufnahme aus dem Jahre 1980.

Bereits ein Jahr zuvor hat Maier die nun folgende Aufnahme für den WDR produziert. Als Orchester stand hier das Collegium musicum des WDR zur Verfügung, das durch die Strahlkraft der berühmten Cappella Coloniensis des WDR zwar an Bedeutung verloren hatte, nicht aber an musikalischer Qualität. Dafür sorgte schon die Besetzung des Orchesters, in der mittlerweile bereits Geiger wie Gerhard Peters und andere saßen, die ihre Meisterkurse für Barockvioline bei Franzjosef Maier an der Kölner Musikhochschule erfolgreich hinter sich gebracht hatten. Gemeinsam spielen sie nun als „Collegium musicum des WDR“ die Sonata a cinque, op 2 Nr. 6 in g-moll von Tomaso Albinoni. (Mod.: 0’57)

Musik 4:

K.: Tomaso Albinoni 6109386103 8’29

Sonata a cinque, op 2, 6 g-moll

(für 2 Violinen, 2 Violen und Basso continuo)

  1. Adagio

  2. Allegro

  3. Grave

  4. Allegro

Collegium musicum des WDR

Moderation 5:

Die viersätzige Sonata a cinque, op 2 Nr. 6 in g-moll von Tomaso Albinoni, gespielt vom Collegium musicum des WDR. Die Leitung hatte der Geiger Franzjosef Maier, der im Oktober vergangenen Jahres im Alter von 89 verstorben ist und dem der erste Teil der heutigen Vespersendung gewidmet ist. Mit Maier ging einer der Pioniere und Schlüsselfiguren des letzten Jahrhunderts, die sich um die Rekonstruktion und Wiederbelebung Alter Musik im neuen Klanggewand verdient gemacht haben. Als Professor für Violine an der Kölner Musikhochschule konnte er seine Kenntnisse und Erfahrungen an zahlreiche Schüler weiterreichen, die heute diese Ideen selbst in weltweit erfolgreichen Orchestern vorstellen und weiter entwickelt haben.

Zum Schluss des ersten Teils der Vesper steigen wir jetzt ein in das Concerto grosso in A-dur op. 6 Nr. 11 von Georg Friedrich Händel, gespielt von der „Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik“, aufgenommen in der Aula der Kölner Musikhochschule im Juni 1981. Unter der Leitung von Franzjosef Maier spielen Geiger wie Helmut Hausberg und Werner Ehrhardt so, wie es Maier gegen Ende seiner großen Karriere gefallen hat: Vereint, im Kreise seiner Schüler. (Mod.: 1’22)

Achtung Technik: : folgende Musik 5 (Händel) bitte nur von Minute 7’11 – Ende spielen und auf Zeit fahren! Ab Min. 17’50 folgt nur noch Schlussapplaus der in der darauffolgenden Abmoderation ausgeblendet werden kann!

Diese letzte Musik dient als Zeitpuffer, Daher entsprechend unter der Moderation 5 stumm starten und gegen Ende der Moderation 5 langsam einblenden!

Musik 5:

K.: Georg Friedrich Händel 6046367102 ca. 11’00

Andante; Allegro von 7’11 – ca. 18’05

aus: Concerto grosso A-dur, op 6,11 auf Zeit fahren!

Helmut Hausberg, Violine

Werner Ehrhardt, Violine

Bruno Klepper, Violoncello

Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik

Ltg.: Franzjosef Maier

(von ca 7’12 – 18’05)

Abmoderation:

Zum Abschluss des ersten Teils der Vesper spielte die „Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik“ den Schluss des Concerto grosso in A-dur op 6 Nr. 11 von Georg Friedrich Händel. Die Leitung hatte der Geiger Franzjosef Maier, dem die Sendung gewidmet war. Der Autor der Sendung war Christoph Prasser.

(Mod.: 0’22)

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47’57

Musikzeit: 47’57

Jingle: 0’11

Moderation: 8’46

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total: 56’54 

Das Collegium Aureum 1971 im Fuggerschloss Kirchheim/Schwaben

Collegium 1971 Mandalka, Hucke & Kollegen

Franz Konzertmeister allein  Franzjosef Burghardt Fotos a

Prof. Franzjosef Maier, Violinist und Konzertmeister. Collegium aureum, erstes Bild, Gesichter von links nach rechts: Günter Vollmer, Franzjosef Maier, Ruth Nielen, Werner Neuhaus, Gerhard Peters, Wolfgang Neininger, Jan Reichow, Ulrich Beetz, Violinen; Heinz-Otto Graf, Viola; Horst Beckedorf, Rudolf Mandalka, Celli. Zweites Bild: (Günter Vollmer) Rudolf Mandalka, Violoncello; (Wolfgang Neininger) Helmut Hucke, Oboe.

Fotos: harmonia mundi Deutschland, Daniela-Maria Brandt

Weiteres zu Franzjosef Maier s.a. hier.

Nachruf seines Schülers und Nachfolgers in Köln, Prof. Gerhard Peters

(Quelle: Hochschulzeitung Das Journal 2015/16)

Auf einer weiblichen Blume landen

Ein altmodisches Kapitel

Es ist mal wieder typisch: habe ich doch ein für die Enkel gekauftes Buch nicht verschenkt, sondern für mich selbst behalten. Ich habe mittendrin angefangen zu lesen und konnte nicht wieder aufhören; ich schwöre, es war nicht an dieser Stelle, und diese Stelle habe ich auch nicht bewusst ausgewählt, um diesen Blog besser zu verkaufen (sex sells!), der kostet ja nichts. Ich erinnerte mich, dass ich mir schon einmal einen ähnlichen Text in den 90er Jahren  im Botanischen Garten Bielefeld von einer Schautafel abgeschrieben habe. Ich vergesse einfach immer wieder, was die Evolution eigentlich mit uns vorhatte, als sie ganz neue Methoden einführte, die jedem Menschen irgendwann man mal das Leben erschweren. Völlig absurd ist es, entsprechende Fragen ausgerechnet dann hochzuspielen, wenn es um Hummeln geht. Dabei haben sie mich immer schon interessiert, also: die Fragen und die Hummeln, aber als ich 14 war und noch in Bielefeld lebte, hätte ich niemals eine Belehrung dieser Art abgeschrieben. Zudem hätte sie auch niemand zu jener Zeit auf eine Schautafel gebracht. Man wusste damals noch, was sich schickte, und ich kann fast den Tag nennen, als mein Vater zum erstenmal das Wort „sex appeal“ benutzte, ich aber glaubte, er habe etwas Unanständiges gesagt. O.k., wir kommen also zu den Hummeln.

Sex war für Pflanzen schon immer problematisch, weil sie festgewachsen sind. Das stellt ein gewisses Hindernis dar, wenn man passende Partner finden und Geschlechtszellen mit ihnen austauschen möchte. Bei der Pflanze entspricht dem Sperma der Blütenstaub, und die Herausforderung für die Pflanze besteht darin, diesen Blütenstaub auf die weiblichen Fortpflanzungsorgane einer anderen Pflanze zu übertragen; nicht ganz einfach, wenn man im Boden verwurzelt ist. Die ersten  Pflanzen bedienten sich zur Lösung dieses Problems des Winds, und für manchen Pflanzen gilt dies bis heute. Vor 135 Millionen Jahren verstreuten fast alle Pflanzen ihre Pollen mit dem Wind und hofften gegen alle Wahrscheinlichkeit, dass ein winziger Teil davon zufällig auf einer weibliche Blume landen würde. Man kann sich vorstellen, dass dies ein sehr ineffizientes und unwirtschaftliches System war, bei dem circa 99,99 % Pollen verloren gingen -indem sie zu Boden fielen oder aufs Meer hinausgeweht wurden. Folglich mussten die Pflanzen Unmengen von Blütenstaub produzieren.

Die Natur verabscheut Verschwendung, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die blinf herumexperimentierende Evolution zu einer besseren Lösung in Gestalt der Insekten gelangte. Pollen ist sehr nahrhaft. Einige geflügelte Insekten begannen sich nun davon zu ernähren, und nach kurzer Zeit spezialisierten sie sich auf Pollen als Nahrung. Während sie auf der Suche nach Nahrung von Pflanze zu Pflanze flogen, transportierten sie unabsichtlich Blütenstaub, der in ihrem Pelz oder in den Gelenken zwischen den Segmenten haften blieb. Fiel gelegentlich ein Pollenkorn vom Insekt auf die weiblichen Teile einer Blume, war diese Blume bestäubt, und so wurden Insekten zu den ersten Bestäubern und Sexassistentinnen für Pflanzen. Damit hatte eine Wechselbeziehung begonnen, die das Erscheinungsbild der Erde verändern sollte. Obwohl ein großer Teil des Blütenstaubs von den Insekten verzehrt wurde, bedeutete dies im Vergleich zu früher, wo der Pollen durch den Wind verteilt wurde, doch einen enormen Fortschritt.

Das ist wohl alles irgendwie bekannt. Klingt aber neu, wenn wir nochmal so darüber gesprochen haben. Manche Menschen hören es lieber als ein Kapitel aus der frühmittelalterlichen Musikgeschichte, das ebenfalls nach Realität verlangt!

Quelle Dave Goulson: Und sie fliegt doch Eine kurze Geschichte der Hummel / Carl Hanser Verlag München 2014 (Seite 70f) ISBN 978-3-446-44039-5

Hummeln Cover Hummeln Covertext

A propos Musikgeschichte: Mir fällt auf, dass die Musik oft genug solche Themen evoziert, nicht nur dank Schopenhauer und Wagner, es muss seit je eine gewisse Affinität bestanden haben:

30.01.2002 WDR 3 Musikpassagen 15.05-17.00 Uhr  Körper, Trieb, Gewalt und Geist Was die Musik zusammenhält… Skript Hier.

24.04.2002 – WDR 3 Musikpassagen 15.05 – 17.00 Uhr Gespaltene Gefühle: Von Lug und Trug (und ewiger Liebe) Skript Hier.

04.10.2007 Heidelberg Vortrag Die Nachtigall hinter der Stirn… Was bewegt uns in Liebesliedern: Trieb, Symbolik oder reine Empfindung? Skript Hier.

Höchstes Glück der Erdenkinder…

… ist doch die … (nun?) … sei nun … (nein!) … sei nur …

Ja, „sei nur die Persönlichkeit“, so steht es da. Und zwar im Zeichen der Suleika. Aber wie kam ich heute nacht drauf? Heute Nacht? Weil ich vorm Einschlafen über Hamlet gelesen hatte. Und spottete noch, dass es wohl „Enkelkinder“ heißen müsste, frühmorgens vor Heiligabend, und „Persönlichkeit des Großvaters“. Erinnerte mich aber , dass ich Adornos „Glosse über Persönlichkeit“ Ende der 60er Jahre noch nach einer auf Tonband genommenen Radiosendung mit eigner Hand aufgeschrieben habe, von Anfang bis Ende, aber letztlich allein durch das Ende derart motiviert:

Wäre er ein richtiger Mensch, so wäre er nicht länger Persönlichkeit, aber auch nicht unter ihr, kein Reflexbündel sondern ein Drittes. Es blitzt auf in der Hölderlinschen Vision des Dichters: „Drum, so wandle nur wehrlos / Fort durchs Leben, und fürchte nichts!“

Shakespeare Titel  Shakespeare Text Cover gr Shakespeare Text Cover kl

Vielleicht erscheint diese geträumte Bildergeschichte im Nachhinein haltlos übertrieben, selbst mir, denn es ging vorerst nur um Hamlet (nein, zuerst über den Mohren von Venedig, nein, den „Mohren“ von Venedig). Wie kam ich in diesem Zusammenhang noch auf den Buchtitel „Wer bin ich und wenn ja wie viele“? Noch zu behandeln: Wie kam eigentlich Monteverdi in seiner Marienvesper auf „Nigra sum“? Wie schwarz ist Clorinda in seinem Combattimento? (Natürlich ist sie weiß! Aber das ist nicht selbstverständlich, sie musste von Tasso weiß gemacht werden.) Es gibt Arbeit! Lese- und Schreib-Arbeit.

Frank Günther zitiert einen Text von Jacob Burckhardt (1860) über die Renaissance, als man in Italien sämtliche Dinge dieser Welt objektiv betrachten lernt; wobei sich zugleich „mit voller Macht das Subjektive erhebt, der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“ Und fügt hinzu:

In diesem alten Text schwingt selbstbewusster Jubel über das Geleistete und Erreichte: der Glaube an die unwiderruflichen Werte des abendländischen Individualismus. Sie gehören, wie ein fernsehtauglicher Mode-Philosoph kürzlich sagte, längst in die Mülltonne der Geschichte. Die Begriffe Identität und Individualität, unsere Ich-Konstitution, sind nicht zuletzt durch Performanz-Theorien und Neurophysiologie pulverisiert – sie sind Chimären: Ich ist ein anderer. Ich bin viele. Und die numerische Mehrheit der Weltbevölkerung hat sie nie nachvollzogen; sie sind eine westliche Erfindung ohne Nachfolge.

Quelle Frank Günther: Unser Shakespeare / dtv München 2014 ISBN 978-3-423-26001-5

Ich finde, dass der Satz von der Mülltonne nicht der bedeutendste ist, den „ein  fernsehtauglicher Mode-Philosoph“ hätte sagen können, aber für seinen Namen und für seinen wirklich bekanntesten Satz wäre wohl noch Platz gewesen. Denn wer sich auf diese neue Philosophie-Mode eingelassen hat, könnte gerade dadurch auch potentieller Leser dieses von Denis Scheck bei Markus Lanz dringend empfohlenen Shakespeare-Buches geworden sein. Und sich selbst als Individuum im Hamlet-Kapitel wiedererkannt haben.

ZITAT

Denn in ihm, in seinem Selbst, meint Hamlet, lebt etwas anderes, „was Schau weit übersteigt“. Was ist das, was da in ihm lebt?

Es ist eine Frage, mit der Hamlet sich, das ganze weitere Stück über, weit mehr beschäftigen wird als mit seinem Racheauftrag. Sie beschäftigt auch uns heute mehrals die zeitgenössischen Verstehenshorizonte und die religiös-metaphysischen Implikationen eines Königsmodes und des Rache-Konzeptes. Die Figur Hamlet gilt als der erste Mensch der Neuzeit auf der Bühne. Wie der Kulturhistoriker Jakob Burckhardt aufgezeigt hat, war die Renaissance die Geburtsstunde der Individualität. Im Hamlet beobachten wir die theatralische Darstellung der Geburtswehen, mit denen jenes neue Etwas in die abendländische Welt geboren wurde, dessen letzte Nachfahren wir Heutigen sind: Hamlet steht als Archetypus am Beginn der Geschichte unseres „Ich“.

Denn der Einzelne war nicht immer ein „Individuum“: Er war im Mittelalter Teil einer paternalistischen, strikt religiös ausgerichteten Gemeinschaft, einem domestizierenden Kollektiv aus Familie, Clan oder Volk, das für ihn eine vorgegebene Rolle bereithielt und deren Einhaltung die soziale Kontrolle der Gemeinschaft überwachte. Vom Einzelnen wurde die Ausfüllung dieser Rolle verlangt, aber nicht etwa zum Wohle seines Selbst, sondern im Dienst an Gott und Gemeinschaft. Auch die christliche Einzelseele war nur in Beziehung zu Gott gesehen, war dienend ausgerichtet auf den „Herrn“. Mit Misstrauen betrachtete man Abweichungen: Ein persönlicher „Stil“, eine eigene „Handschrift“, „Selbstverwirklichung“ war kein kulturelles Ideal – im Gegenteil: Der Abweichler erschien negativ als Störelement im konformen Ganzen.

Quelle (s.o.) Frank Günther: „Unser Shakespeare“ Seite 66 (oben: Seite 76)

Zur Geschichte von weiß und schwarz, zu Monteverdi und Tasso ein andermal.

Schöner als weiße Weihnachten

Die graue Insel in der Nordsee (oder: was Prägung vermag)

Langeoog Heim ohne Pers

Langeoog JR

1954 (oben) 2014 (unten)

Langeoog Hartmann kl

(Foto: Dieter Hartmann)

Nachtrag 30.12.2014

Wenn auch die Jahre enteilen…

Bielefelder Schullandheim kl P1020533 JR Bielefeld kl P1020532

Erst-Begegnung mit Galloway „Jürn“ (und bald danach mit seinem Herrn Rumbi, von dem die Information über den NDR-Film stammt, in dem er selbst auch auftauchen wird, s.u.):

Galloway P1020524Galloway Schnüss P1020523

(Fotos: E.Reichow)

Da steht Jürn, der junge Bulle, vor zwei Minuten lag er noch da wie für die Ewigkeit, erhobenen Hauptes wiederkäuend, der tiefstehenden Sonne zugewandt. Ein Bild unendlicher Ruhe. Er beachtete uns nicht, er schaute hinaus aus dem Dickicht der Wolle, so lässt sich jedenfalls vermuten, ins Licht. Oder horchte er? Geht dann und wann ein Bild hinein? Oder vielmehr ein Ton? Plötzlich steht der mahlende Kiefer still, das Wiederkäuen hat ein Ende. Da ist ein Ton, kaum wahrnehmbar, ein fernes Flugzeug vielleicht, doch der Zweifel verfliegt: der Ton nähert sich, der Bulle steht urplötzlich auf den Beinen; möglicherweise eher ein Fahrzeug? Ein Traktor, ein Schaufelbagger, eine Art Erntefahrzeug, das Geräusch kommt auf uns zu, der Bulle setzt sich in Bewegung, er eilt, er stürmt in Richtung Zaun, vollführt dort einen Freudentanz. Dem Traktor entsteigt ein kräftiger Landwirt oder so, greift zwei Eimer, die randvoll mit Kartoffelschalen gefüllt sind, dann einen Plastiksack mit trockenen Brötchen und schüttet den Inhalt über den Zaun, wo sich inzwischen auch noch ein zweiter Zottelgeselle eingefunden hat. Die Mahlzeit beginnt, zugleich unser Gespräch. Jawoll, das sind Kartoffelschalen, die kommen aus dem „Seekrug“, Bio-Kartoffeln, genau das richtige für freilaufende Tiere. Der Mann hat offensichtlich bodenständigen Witz und ist auskunftsfreudig: „Haben Sie uns Weihnachten im Fernsehen gesehen? Seitdem fragense einen nämlich immer so aus. Klar können Sie ’n Foto machen, aber nicht fürs Facebook, da halt ich nichts von. Den NDR-Film können Sie sich immer noch ansehen. Ich sach Ihnen genau, wo.“

Heiko Arends (ohne h!) – „man nennt mich hier ‚Rumbi‘ mit Spitznamen“ -, ein freundlicher Mann von hünenhafter Statur, ist Herr über 60 Galloway-Rinder, einen Bullen und den Nachwuchs. Die meisten werden nur 3 Jahre alt, diese beiden hier sind im Frühjahr dran. Dann gehts aufs Festland und bald danach landen sie – im „Seekrug“, großes Lob an den Spiritus rector dort, der alles kann! Und die Tiere hier, die führen ein glückliches, aber begrenztes Leben.

Dies würde in die Rubrik gehören, die mir am liebsten ist (nach Musik): Tiere & Menschen. Siehe auch hier.

DER FILM

„Die zotteligen Rinder von Langeoog“ / NDR Nordseereport / 26.12.2014 / 19:00 Uhr, Ausschnitt 5 Minuten / Autorin Annicka Erdmann. Mitwirkende: Heiko Arends und Michael Recktenwald. Drehorte: Salzwiesen auf Langeoog, Küche und Restaurant „Seekrug“.

Zum Film HIERZum „Seekrug“ HIER Zum Galloway-Rind Hier

Korrektur 3. Januar 2015 14.20 Uhr

Wir haben Heiko Arends, genannt Rumbi, wiedergetroffen, draußen an den westlichen Wiesen, rund 500 m vom Hafen entfernt. Es sind keine Galloways, sagt er, sondern Highland-Rinder oder Bullen. („Galloways haben keine Hörner!“) Weder der Film noch der falsch gesetzte Wikipedia-Link konnte meinen Irrtum aufklären. Man hört kaum, was man schon zu wissen glaubt. Außer wenn Rumbi es korrigiert. Jetzt also zum Highland Cattle bei Wikipedia HIER.

Langeoog Highland Fans

Der Mann, der alles übers Highland Cattle weiß. Bitte anklicken. (Verzeihung fürs Foto im Blog! Nachklapp zum Film. Hier mit B.St. und JR, Foto ER).

Allerfrüheste Mehrstimmigkeit heute

Artikel in der heutigen Süddeutschen Zeitung (19. Dezember 2014 Seite 13):

Eine Terz früher / In London wurde wohl das früheste bekannte mehrstimmige Stück der Musikgeschichte entdeckt. Von Johan Schloemann.

Vielmehr … von Giovanni Varelli, Doktorand der Musikwissenschaft am St. John’s College der Universität Cambridge.

Der wissenschaftliche Artikel erschien offenbar schon am 27. September 2013, nämlich HIER, ist aber wie geschaffen für die Vorweihnachtszeit 2014, zumal man das stumme Notenbild-Denkmal seit 2 Tagen auf youtube ertönen hört, zum Leben erweckt von zwei engelgleichen Jünglingen („undergraduates at St John’s College, Cambridge“):

Historischer Zusammenhang (laut Wikipedia)

Die ersten Quellen aus dem 9. Jahrhundert beschreiben das Organum als eine aktive Praxis. Diese Praxis mag schon einige Hundert Jahre älter sein – ihre Ursprünge lassen sich nicht rekonstruieren. Bis heute ist nicht klar, ob das frühe Organum sich aus einem primitiven, strengen Parallelismus entwickelt hat oder aber aus einer recht freien, nur durch die Kirchentonarten gebundenen Heterophonie.

Das erste Dokument, das die Organumpraxis nachvollziehbar beschreibt, war die Musica enchiriadis (gegen 895), ein Traktat, das traditionell (und vermutlich inkorrekt) dem Mönch Hucbald (* um 840; † 930) zugeschrieben wird. Danach war die Organumpraxis gar nicht als Mehrstimmigkeit im modernen Sinn konzipiert: Die hinzutretende Stimme sollte lediglich den einstimmigen Gesang verstärken. Die Musica enchiriadis macht außerdem deutlich, dass Oktav-verdopplung[en] akzeptiert wurden, schließlich ließen sie sich bei gemeinsamem Gesang von Männer- und Knabenstimmen nicht vermeiden. Auch das Mitspielen einer Singstimme durch Instrumente war Praxis. Der Traktat Scholia enchiriadis behandelte das Thema eingehender.

Im originären Parallelgesang lag die originale Melodie in der oberen Stimme (Vox principalis). Die Vox organalis wurde ein perfektes Intervall tiefer parallel geführt, meist eine Quarte tiefer. So hörte man die Melodie als Hauptstimme, die Vox organalis als Begleitung oder Verstärkung. Diese Art des Organums wird heute üblicherweise als Parallelorganum bezeichnet, je nach Intervall beispielsweise als Quartorganum oder Quintorganum, obwohl in frühen Traktaten Begriffe wie Sinfonia gebräuchlich waren.

Da die Musica enchiriadis kurz vor der (Wieder-)Entwicklung einer standardisierten musikalischen Notation geschrieben wurde, sind die dort enthaltenen Beschreibungen des Organum rein verbal. Es ist nicht bekannt, wie genau sie befolgt wurden.

Vollständiger Wikipedia-Artikel HIER.

Ach, ihr beiden Engel, lasst mich die Noten sehen, damit ich glauben kann, was ich höre!

***

Eins darf man heute nicht vergessen: egal was damals notiert wurde und wie sehr es vielleicht in den Basiliken und Klosterkirchen an Farbe gewonnen haben mag, – wenn wir uns an dem orientieren, was man hier realiter hört, muss es armselig gewesen sein im Vergleich zu dem, was am Hofe Harun ar-Rashids von leidenschaftlichen Maqam-Interpreten geboten wurde. Oder zu der majestätischen Orchestermusik, die im fernen Kyoto zum Ruhme des japanischen Kaiserhofes erklang.

Nachtrag 5.1.2015

Zur Entstehung der Musica enchiriadis in der Abtei Essen-Werden, ca. 900

Es entstehen umfassende Schriften, die eine Entstehung der „Musica enchiriadis“ in der Abtei Essen-Werden äußerst wahrscheinlich machen. Der Traktat „Musica enchiriadis“ beinhaltet die früheste Notation für ein genaues mehrstimmiges Singen und bildet somit die Grundlage für alle spätere Mehrstimmigkeit in Europa.

Zwar ist die Urschrift verschollen, doch finden sich Teile daraus in einem Fragment der Schrift, dem Fragment K3:H3 der Düsseldorfer Universitäts- und Landesbibliothek – auch bekannt unter dem Namen „Düsseldorfer Fragment“ – welches die älteste Abschrift darstellt und in der Abtei in Essen-Werden entstanden ist. Kenntnisreichtum und Kreativität des Schreibers stellen diese Schrift in Autornähe. Als Verfasser oder Initiator der verschollenen Urschrift – der Vorlage, welche auch das Düsseldorfer Fragment beinhaltet haben muß – gilt mit höchster Wahrscheinlichkeit der Abt Hoger von Werden († 906). Neben dem „Düsseldorfer Fragment“ fand sich in Werden außerdem die umfangreichste und wichtigste Abschrift der „Musica enchiriadis“: die (in Bamberg aufbewahrte) „Bamberger Handschrift Var. 1“, um 1000 geschrieben. Diese Abschrift ist ebenso in Werden entstanden und steht in deutlicher Beziehung zum „Düsseldorfer Fragment“.

(Dazu: Dieter Torkewitz: Das älteste Dokument zur Entstehung der abendländischen Mehrstimmigkeit: eine Handschrift aus Werden an der Ruhr: das „Düsseldorfer Fragment“. In: Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaft. Bd. 44. Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 1999)

Hinweis: Prof. Dieter Torkewitz ist am 29.1. 2015 zu Gast bei Hans Winking im Bürgermeisterhaus Essen-Werden: „Der musikalische Salon“ 19.00 Uhr. „Im Schatten des Kunstwerks“ – Musiktheorie im Zwielicht.

Ein Geschenk zum Beispiel?

Für Kinder oder Enkel (zwischen 7 und 13), Stichwort Perspektivenwechsel

Sehen Regenwurm vorn  Sehen Regenwurm rück

(Handy-Photo JR) Mehr hier.

Im Original ein visueller Genuss von Anfang bis Ende, ein hochformatiges, aber nicht sehr schweres Buch, mit ausklappbaren Bildteilen, für Leser/innen jedes Alters. Ich verschenke es ungern, bzw. sehr gern, weil ich es mit jedem Kind aufs neue ansehen darf. Beim Wort Perspektivenwechsel, das im Buch nicht vorkommt, denke ich natürlich an die Arbeit des Ethnologen. Man kann ebenso an die der Zoologen, Verhaltensforscher, Philosophen oder Künstler denken. (Bilder bitte anklicken)

Eichhörnchen Duprat

www.knesebeck-verlag.de München 2014

ISBN 978-3-86873-682-3

ZITAT

Das Sehen – ein Sinn von vielen. Der Sehsinn ist für uns Menschen und die anderen Primaten sehr wichtig, aber für viele Tiere spielt er keine so große Rolle. Für viele Tiere ist es nicht weiter schlimm, wenn sie nicht gut sehen können, denn als Ausgleich sind bei ihnen andere Sinne besser entwickelt als bei uns: der Geruchssinn, der Geschmackssinn, der Hörsinn oder der Tastsinn.

Originalausgabe ZOOPTIQUE Éditions du Seuil, Paris 2013 Mehr sehen HIER

Guilleaume Duprat (Ausschnitt)

Raubtierauge

Sehen Hunde eigentlich Farben? Können Katzen wirklich nachts jagen ? Wie finden Insekten Pflanzen? Welche Tiere sehen besser als andere? Diese und viele weitere interessante Fragen, wie Tiere sehen, beantwortet dieses Buch. Bei jedem Porträt verdeckt eine Klappe in Form einer Augenmaske die subjektive Perspektive des Tieres. Öffnet man die Klappe, zeigt sich, was genau das Tier sieht. Zusätzliche Informationen auf der Rückseite jeder Klappe verraten, wie und warum das Tier die Welt genau so wahrnimmt. Der aktuelle Stand der Wissenschaft nach Tausenden Experimenten spannend, kinder-, eltern- und menschengerecht umgesetzt!

(Werbetext, leicht verändert: JR)