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Zeitsprung 2017 – 1967

Stadtkirche Ohligs Zeitung Diese Zeitungsnotiz war der Anlass…

Genauer gesagt: die Tatsache, dass eins der größten Orgelwerke von Bach angekündigt wurde und dass man bei einem Kirchenmusikdirektor aus Berlin mit einer guten Aufführung rechnen darf. (Kein Irrtum!) Womit ich nicht gerechnet hatte: dass der Raum und die Realität des Klanges so überwältigend sein würden. Ein Event? Alles wie vor 50 Jahren. (Die Buxtehude-Passacaglia hatte ich vorab noch einmal zuhaus gehört, Martin Rost an der Stellwagen-Orgel zu Stralsund, CD MDG).

Stadtkirche Ohligs 2017 Stadtkirche Ohligs 2017 Texte

Stadtkirche Ohligs 2017 Programm a Stadtkirche Ohligs 2017 Programm b

Der Kirchenraum ist derselbe wie damals, inzwischen alles sehr schön renoviert, gutes Programm, nur die Bibeltexte hätte ich lieber in Luthers Deutsch gehört. Ach, die Choräle! Nicht gesungen, aber mit Text, wie neu. Interessantes auch in den neuen Stücken, ein moderner Choral endet mit einer Strophe in Bachs Harmonisierung, und zwischen den Zeilen einige b-a-c-h-Rufe… Mir ist es recht. Am Ende wartet ohnehin der große Bach. Viel wunderbare Wildheit in der Fantasie, und wie aus dem Nichts der Aufstieg, der den Ahnungslosen auf der Stelle aus der Fassung bringt, auch wenn man vorher alles nochmal in den Noten durchgeschaut hat, unbegreiflich stark und EINFACH. („Confirmatio“ habe ich vor Jahrzehnten drüber geschrieben, als ich das Buch von Jacobus Kloppers und die Regeln der Rhetorik studierte.) Und was für eine fröhliche Riesenfuge in Moll! Übersprudelnd – sie wird ihren lächerlichen Beinamen leider nicht mehr verlieren.)

30 Bach Orgel G-moll a Bach Orgel G-moll b

Und dann ist da noch dieser subjektive Zeitsprung. Damals kam ich aus Bayreuth, wo wir mit dem Collegium – ich glaube – die Johannes-Passion (im Juli???) gespielt hatten. Wenig Schlaf, Vollmond, nächtliche Autofahrt durch die Eifel. Aber das E-dur-Konzert hatte ich in den Fingern und im Kopf, alle Müdigkeit verflog. Das waren Zeiten!

Stadtkirche Ohligs1967 a Leitung: Konrad Burr (Schüler von Fritz Neumeyer und Michael Schneider), unser erstes gemeinsames Konzert; heute spielen wir immer noch zusammen, Mozart-Violinsonaten und Vierhändiges am Klavier.

Stadtkirche Ohligs 1967 Progr x Stadtkirche Ohligs 1967 Mitw

Was gab es noch für mich, in diesem Jahr damals? Violin-Examen, die Orient-Tournee mit Kammerorchester unter Günter Kehr, Beginn des Studiums außereuropäischer Musik, weitere Reisen mit den Deutschen Bachsolisten (Helmut Winschermann), Bach-Kantaten mit dem Collegium Musicum des WDR, Quartettspiel, viel Klaviertrio.

JR Bach Solo 1967

Bachsolisten 67 a Bachsolisten b

Trio Konzert 1967 Erbach Trio Konzert 1967 Progr

Aber eine Entdeckung muss ich heute für immer festhalten, das A und O für Bach-Verehrer – in einer Zeit, da die Selbstverständlichkeiten verloren gehen. CHORÄLE. Wer sie nicht kennt und liebt, wird es nicht leicht haben mit Bach. Und ohne Bach ist das Leben noch viel schwerer.

Allerdings ist dies erst der Anfang (immer nur eine Strophe). Um eine Melodie zu begreifen, braucht man viele Strophen. Das Gesangbuch gehört zur Grundausrüstung des Musikers, egal welchen Glaubens oder Nichtglaubens. Schön: dieser Berg als Einladung. Petrarca war dort.

As Time goes by…

Eigentlich liebe ich diesen Song aus „Casablanca“ nicht besonders, jedenfalls weniger so für sich (als Musik) als so, verbunden mit der Atmosphäre des Films, aber anderen bedeutet er – glaube ich – so wie so viel mehr, und das hat sicher gute Gründe .

Gegen Ende des Jahres 2014 erhielt ich die Mail eines alten Freundes, die mit den Sätzen schloss:

Wie kommt es nur, dass die Zeit einem mal rasend, mal schleichend vorkommt? (Gut: dass sie schleicht, wenn man wartet, ist ja bekannt.)
Voriges Jahr Ende Dez. waren wir in Palma – und das kommt mir mindestens wie 2 Jahre vergangen vor. Wahrscheinlich, weil soviel zwischendurch war – was mir wiederum viel zu wenig war. Wenn E. nicht ein bisschen bremsen würde, wäre ich vermutlich die Hälfte des Jahres woanders. Immer mit dem Druck im Rücken: Irgendwann sorgt die Natur schon für ein abruptes Ende. Und da das Reisen aufhört, wenn nur einer ausfällt, ist die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch.

Und ich antwortete mit dem Hinweis auf ein Buch, in das ich selbst immer mal wieder gern hineinschaue: Douwe Draaisma: „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Von den Rätseln unserer Erinnerung“. (Piper Verlag 2006 / 2009)

Und nun lese ich noch einmal das kostbare Büchlein „Orte und Nicht-Orte“ von Marc Augé und sehe einen größeren Zusammenhang, der auch meinen Großvater einschließt. Doch zunächst erschrecke ich, dass der Fall der Mauer in Berlin erwähnt wird, denn die Lektüre dieses Buches schien mir mindestens 30 Jahre zurückzuliegen:

…doch können wir uns dem Problem der Zeit aus einer anderen Perspektive nähern, im Tageslicht von einer banalen Beobachtung nämlich, die wir täglich machen können: Die Geschichte beschleunigt sich. Kaum haben wir Zeit gehabt, ein wenig älter zu werden, da ist unsere Vergangenheit bereits Geschichte. Meine Generation hat in ihrer Kindheit und Jugend die stille Nostalgie der Veteranen des Ersten Weltkriegs kennengelernt, die uns zu sagen schien, daß sie die Geschichte (und welche Geschichte!) erlebt hätten und daß wir niemals wirklich verstehen würden, was das bedeutete. Heute gehen die sechziger, die siebziger und die achtziger Jahre ebenso schnell in die Geschichte ein, wie sie daraus hervortraten. Die Geschichte ist uns auf den Fersen. Sie folgt uns wie ein Schatten, wie der Tod. Die Geschichte – das heißt ein Folge von Ereignissen, die von vielen als Ereignisse verstanden werden (die Beatles, 1968, der Algerienkrieg, der Fall der Mauer in Berlin, die Demokratisierung der Länder des Ostens, der Golfkrieg, der Zerfall der Sowjetunion), eine Folge von Ereignissen, von denen wir annehmen dürfen, daß sie in den Augen der Historiker von morgen oder übermorgen Gewicht haben werden und zu denen jeder von uns – obschon er sehr wohl weiß, daß er in diesem Geschehen keine gewichtigere Rolle gespielt hat als Fabrice in Waterloo – ein paar Umstände oder partikulare Bilder hinzufügen könnte, als wäre es jeden Tag weniger wahr, daß die Menschen, die ja die Geschichte machen (wer sollte es sonst tun?), nicht wissen, daß sie sie machen. Ist es nicht gerade diese Überfülle (auf einem Planeten, der täglich kleiner wird; davon wird noch zu reden sein), die diffizile Probleme für den Historiker der Zeitgeschichte schafft?

Quelle Marc Augé: „Orte und Nicht-Orte“ S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 1994 (Seite 35f) ISBN 3-10-000516-3