Kategorie-Archiv: Kultur

Bach, Kant & Co.

Fortsetzung EE2018 (siehe hier)

Mit ziemlicher Verzögerung des Zeitplanes ist jetzt Bach BWV 890 in Arbeit. Das B-dur-Präludium enthält viel „Notenstoff“, – nach 2, 3 Tagen des Übens gibt es keine Sorge mehr, dass es entmutigend wirken würde. Im Gegenteil. Das Stück ist erfrischend!

Bach B-dur Preludioa Bach B-dur Preludio b

Angela Hewitt am Klavier hören: hier! Anfangstext vorübergehen lassen, Musik ab 0:30 (Fuge beginnt bei 8:15). Nur die Takte des Händekreuzens bedürfen eines intensiven Trainings (ist lange her!), im Grunde nur Takt 15/16, – eine Sache des Gehirns (links/rechts). Fingersätze etc. in den alten Kroll-Übenoten. Ich habe ein Problem, seit ich dieses Stück zum ersten Mal geübt habe: es ist der Harmoniegang Takt 74/75 bis zur Fermate Takt 76. Kam mir immer schon defizient vor. Steht aber genau so in Bachs Handschrift. Versuche alles zu rekonstruieren, was mich schon früher beschäftigt hat.

Bach B-dur Preludio c Übenoten Datum am Ende: 24. Mai 88

Schluss noch einmal (rote Klammer am Schluss):

Bach B-dur Preludio cc Schluss bezieht sich auf Anfang der Fuge:

Bach B-dur Fuge Thema = greift Schlusswendung auf!

Die Bleistifteintragung oben: (unvollständig, weil ich die Bände des WTC habe binden lassen, was Wertschätzung bedeutete, zugleich weiß ich wo und wann; das bedeutet: vor 1970, Erinnerung an Fellerer-Seminar über die Fugen des Wohltemperierten Claviers, Referat vielleicht 1967, wahrscheinlich musste ich diese Fuge besprechen, und es passt zu mir, dass ich sie geübt habe, um sie anzuspielen, niemals habe ich sie mir freiwillig ausgesucht) was steht genau da? 2) warum ist es so und nicht anders? 3) Folgerichtigkeit u. Logik zu messen am Gesamtplan des Werkes (u. geschichtl. Bedingungen), nicht [an] vorgegebenen Erwartungen. – Ich bin ziemlich sicher, dass ich die Fuge im Vergleich zum Präludium damals schwach fand, auch heute: schon von der Zeitdauer her (Präl. ca. 8 min, Fuge ca.3 min).

Analytische Überlegungen beim Üben des Praeludiums setzen am besten an bei der Abgemessenheit der Formteile / A 16 Takte + 16 Takte / B 16 Takte + 16 Takte / C 11 1/2 Takte + 11 1/2 Takte / und einer Begründung der Unberechenbarkeit im einzelnen, einer Verspieltheit, die den Reiz des Stückes ausmacht.

(Fortsetzung folgt, zunächst: üben!)

Zusammengefasst:

A beginnt Takt 1, B beginnt Takt 33, C beginnt Takt 65.

Nun habe ich den Eindruck, dass der Teil B in seiner Mitte (Takt 49) eine Reprise andeutet, also Takt 1 wieder aufnimmt, ab Takt 53 auch die Spielfigur Takt 9f , sich aber danach (ab Takt 57) „verzettelt“, bis Teil C in Takt 65 einsetzt, und zwar mit einer Umkehrung des Themas (Takt 1 bzw. Takt 49), sich dann aber wieder „verzettelt“, ja herumirrt und sich dann etwas gewaltsam auf der Fermate (Takt 76) sammelt. Die dann folgenden Takte sind nur eine Prolongation dieses Sammelvorgangs bis zum ersten Akkord des Taktes 83, der den Fermatenakkord wieder aufgreift, auf ihm „landet“. Und reprisenähnlich folgen die 5 letzten Takte des Teiles A, um eine Quart nach oben versetzt, damit das Stück regulär in B-dur endet.  So gesehen besteht also auch der letzte Teil aus 16 Takten, mit einer starken Dehnung in der Mitte.*(siehe neue Anmerkung ganz am Schluss!)

*   *   *

Was wollte ich mit Kant an dieser Stelle? Im Zusammenhang mit EE2018 fiel mir ein, dass ich längst ein Wort von Paul Valéry revidieren wollte, das mich vor Jahren irritiert hat („Die Natur gibt es nicht.“), als könne es irgendetwas besagen für die Lebens- und Denkpraxis. Die Aufgabe stellte sich neu anlässlich der Philosophie der Pflanzen von Emanuele Coccia; der betreffende Textabschnitt soll hier folgen (Farbmarkierung JR):

Nur im Angesicht der Welt und der Natur kann der Mensch wirklich denken. Und diese gemeinsame Identität von Welt und Natur ist alles andere als banal. Denn Natur bezeichnet weder das, was der Aktivität der menschlichen Vernunft vorausging, noch das Gegenteil von Kultur, sondern das, was alles Entstehen und Werden ermöglicht, das Prinzip und die Kraft, die verantwortlich sind für Genese und Transformation jeglichen Gegenstands, jeglicher Entität oder Idee, die je existiert hat und existieren wird. Natur und Kosmos zu identifizieren, bedeutet zuallererst, die Natur nicht zu einem losgelösten Prinzip zu machen, sondern zu dem, was sich in allem, was ist, Ausdruck verschafft. Umgekehrt ist die Welt weder die logische Ansammlung aller Gegenstände noch eine metaphysische Gesamtheit der Wesen, sondern die physische Kraft, die alles durchdringt, was entsteht und sich wandelt. Es gibt keine Trennung zwischen Materie und Immateriellem, zwischen Geschichte und Physik. Näher betrachtet ist die Natur das, was das Sein in der Welt ermöglicht, und umgekehrt ist alles, was ein Ding mit der Welt verbindet, Teil seiner Natur.

Von seltenen Ausnahmen abgesehen, beschäftigt sich die Philosophie seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr mit der Natur: Das Recht, sich mit der Welt der Dinge und der nichtmenschlichen Gegenstände zu befassen und sich darüber zu äußern, fällt grundsätzlich und ausschließlich anderen Disziplinen zu. Pflanzen, Tiere, geläufige oder außergewöhnliche atmosphärische Phänomene, die Elemente und ihre Kombinationen, die Sternbilder, Planeten und Sterne wurden endgültig aus dem imaginären Katalog ihrer liebsten Untersuchungsgegenstände gestrichen. Mit dem 19. Jahrhundert fiel die Erfahrung des Einzelnen in ganz großen Teilen einer Zensur zum Opfer: Seit dem deutschen Idealismus war alles, was man als Geisteswissenschaften bezeichnet, eine so deprimierende wie verzweifelte Anstrengung, aus dem, was der Erkenntnis zugänglich ist, jeden Naturbezug zu tilgen.

Quelle Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt / Eine Philosophie der Pflanzen / Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke / Carl Hanser Verlag München 2016 / ISBN 978-3-446-25834-1 (Seite 31f) 

Im Hintergrund spukt immer noch eine Erinnerung an die „Kant-Krise“ herum, von der im Fall Kleist die Rede war, obwohl längst bekannt sein müsste, dass sie auf einem groben Missverständnis von seiten des Dichters beruhte: „denn Kant lag es fern, die objektive Welt als bloßes Produkt unserer Einbildungskraft auszugeben.“ So Safranski („Wahrheit“ Seite 39). Man kann die Ursachen dieses Missverständnisses, das vielleicht eher mit Fichte oder Schelling zusammenhing, kurz, mit dem deutschen Idealismus, im Detail bei Ernst Cassirer nachlesen („Heinrich von Kleist und die Kantische Philosophie“ 1919). Aber eigentlich interessiert mich Kant in diesem Punkt mehr als Kleist. Und es wird ja sonst nie im Ernst behauptet, Kant habe sozusagen die Wirklichkeit außerhalb unseres Kopfes geleugnet. Mit einer romantischen Naturauffassung, einer Art gigantischer Übermutter, hat diese Wirklichkeit ohnehin nicht zu tun. Aber vielleicht ebensowenig mit dem Konstruktivismus, als komme der von der Frage „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ zu der Feststellung: sie besteht nur in unserer Einbildung. Als sei damit das genannte Missverständnis nun doch rehabilitiert.

Diese Konstrukte haben halt nur das Pech, dass sie nicht in erster Linie klingen, wie die von Joh. Seb. Bach, sonst würden sie uns nicht in bloße Hirngespinste verstricken…

Und wieder einmal beruhige ich mich in der vorläufigen Beantwortung der 101 wichtigsten Fragen durch Thomas Vašek, dem Buch, das ich nun schon 4mal gekauft habe:

SEIN Vasek

Und fahre auf der nächsten Seite fort, die mir zu sehr auf Heidegger abhebt, – verweile schließlich auf dem danach folgenden Artikel, ja, das kommt mir doch bekannt vor? es handelt sich wirklich um die wichtigsten der 101 wichtigsten Fragen, vielleicht nicht die aufregendsten, aber doch die quälendsten, – wenn wir an Kleist denken und uns nicht bei Bach beruhigen:

Wirklichkeit Vasek

Quelle Thomas Vašek: philosophie! die 1001 wichtigsten fragen / Theiss / Hohe Luft / WBG / 2017 / ISBN 978-3-8062-3631-6

(Siehe auch in diesem Artikel den Link ganz oben nach EE2018 oder etwa hier.)

* Ein Nachtrag muss folgen: Bach-Praeludium BWV 890 – ich habe inzwischen die „rettende“ Interpretation der Stelle, die mir früher im Harmonieverlauf „defizient“ erschien. Genaue Beschreibung incl. Arpeggio-Akkord abwärts auf Fermate: „ratloses“ Innehalten bzw. (frei nach Ernst Kurth) Sammlung, Aufladung, Kumulation der Energie… Umwandlung der zunehmend statischen Momente in kinetische Energie!

Noch einmal Angela Hewitt hören (siehe Anfang dieses Artikels), sie hat alles sehr genau empfunden, – ohne es so demonstrativ hervorzuheben (nur das Trillerchen – anstelle „meines“ Abwärtsarpeggios – in Fermate beim zweiten Mal, sehr schön). Auch die Fuge wirkt in jedemTakt sinnvoll, nicht zu kurz oder zu lapidar. Sehr schön auch im Film umgesetzt, im Dämmerlicht, mit den vorüberschwebenden Traumgestalten. Der lange Aufenthalt bei diesem einen Bach-Werk hat sich gelohnt. Ich kann es jetzt erleben, ohne den kleinsten Moment der Nicht-Wachsamkeit (um einmal das allzu buddhistische Wort der Achtsamkeit zu meiden). Pfingstsonntag 7 Uhr, bei aufsteigender Sonne, Texel / Bos en Duin, 20.05.2018.

Jüdische Ornamente

Krekhts

Ich notiere dies oder mache es leichter zugänglich, um es nicht zu vergessen. Natürlich auch, um es anderen Interessenten zu erschließen, die es noch nicht gefunden haben. Unter den angegebenen Links findet man dann leicht weitere Texte und Video-Lektionen. Der folgende Text stammt von Bob Cohen (Ensemble „Di naye Kapelye“, darüber siehe u.a. bei Oriente Musik hier):

The use of krekhts is almost unique to east European Jewish fiddle styles – the only other style where one seems to find it is Turkish music – one friend once heard a Polish fiddler playing krekhts on a tune, but it turned out he was Polish Tatar.

Krekhts – although essential to all styles of klezmer clarinet – gradually faded out of klezmer violin styles after the 1940s, when less of the fiddlers in Jewish dance bands were European-born and more had classical violin training. Today, violinists such as Michael Alpert of Brave Old World, Alicia Svigals of the Klezmatics, and Steven Gereenman of Khevrisa are probably the best recorded sources to hear the classical Jewish violin sound in all its glory.

During the nineteenth and twentieth centuries there were actual „Jewish“ music schools in many towns in the Russian pale of settlement. A Jewish family – lacking CD players and such – might send one child to the local music school (the Jewish one, of course) to learn violin or piano and thus be able to regale the family at home with the latest compositions of light classical and popular sheet music. Compositions and „studies“ were written for „Jewish violin“ at the time as well. The Russian Jewish ethnomusicologist Vitally Zemtsofsky actually found a Ukrainian Jewish fiddler who had learned in one such „conservatory“ and recorded him in the 1980s. His recording of a „ksos“ on violin confirms a lot of suspicions: high technical prowess combined with a music that simply does not go anywhere. (How many Paganini tunes do you whistle every day, hmmmm?) Lots of krekhts, very Jewish use of modes, but not anything you would remember the next day.

Quelle Bob Cohen (Website „Di naye Kapelye“) Artikel „The Jewish Fiddle“ hier.

Eigentlich wollte ich verstehen, was Wolfgang Martin Stroh (Uni Oldenburg) meint, wenn ein englisches Statement in folgender Übersetzung wiedergibt):

Auf dem Video svigals.wmv (auf der CD) sieht man, wie Svigals das richtige „jiddische Geigenspiel unterrichtet. Sie sagt:
„Eines der typischsten Merkmale der jiddischen Musik ist die Biegung, auf die ein Triller folgt. Dadurch werden zwei Phrasen so miteinander verbunden, dass die Energie dazwischen nicht nachlässt. Wenn Sie diese Musik nicht kennen, spielen Sie die Melodie vielleicht so … Mit einer Pause zwischen den Phrasen. Aber ein jiddischer Klezmer-Musiker würde so spielen … und diese Biegung hat etwas Emotionales wie ein Schrei.“
*  *  *
Was ist mit dem Wort „Biegung“ gemeint? Ich gehe auf die Suche nach dem Video:

„The krekhts is unique among ornaments — there is no other tradition in the world with anything similar — and it is in a way the essence of the klezmer sound. Beginner klezmer players often find them mysterious, because they are so unlike any grace note they have encountered before: they are placed at the very end of the note instead of the beginning. Here’s how to play a krekhts:“

Damit ist die Frage nach der „Biegung“ noch nicht gelöst. Aber zunächst soll eine andere Lektion zum gleichen Thema folgen; sie kommt von der Klarinettistin Robin Seletsky und enthält auch Notenbeispiele.

(Fortsetzung folgt)

Musik und Religion

Ein Selbstversuch

Bruckner IX Adagio 1 Die Musik im externen Fenster HIERBruckner IX Adagio 2

Der Anlass, das Adagio aufs neue zu hören und auch den Mythos zu (r)evozieren:

Musik & Ästhetik April 2018 Bruckners Gott Stolzenberg Titel Musik & Ästhetik HIER

Entscheidend war für mich, dass es ein ausgewiesener Philosoph ist, der sich hier offenbar kompetent zur Musik äußert: Jürgen Stolzenberg. In einer Schlussanmerkung dankt er Johannes Menke (siehe obiges Titelblatt) für harmonietechnische Erläuterungen. Ich bin froh über die Lektüre und die erneute Begegnung mit Bruckners letztem Werk, kann aber letztlich den Ergebnissen der Arbeit über „Bruckners Gott“ am Ende vielleicht weniger abgewinnen, als ich erhofft habe.

Der Autor nennt eine semantische Analyse (mit der man etwa tonsymbolische Bedeutungen dingfest machen kann, die auf einen religiösen Gehalt verweisen) unreflektiert. Zitat:

Sie geht stillschweigend davon aus, dass bei einem Transfer von Motiven oder Themen aus einem Werk mit einem durch den Text vorgegebenen religiösen Gehalt in den Kontext einer textlosen Symphonie die begrifflich bestimmbare Bedeutung dieser musikalischen Elemente unverändert bleibe. Von dieser Prämisse kann jedoch nicht ausgegangen werden. Ein Motiv oder ein Thema etwa aus dem  Miserere oder dem Dona nobis pacem einer Messe kann schon aufgrund des Umstandes, dass es in einer textlosen Symphonie erscheint, nicht dieselbe Funktion des Ausdrucks des emotionalen Gehalts einer religiösen Bitte um Erbarmen oder um Frieden wie in dieser Messe haben. In einer textlosen Symphonie gibt es keine Korrelate, auf die sich solche Bitten beziehen könnten, und so gibt es auch keinen musikalisch darstellbaren Gehalt einer Bitte. Damit wird die Rede von einer Bitte oder einem Gebet selber obsolet. [Seite 10]

Wissen wir denn, ob der Textgehalt in einer Messe auch wirklich ein stimmiges Korrelat in ihrem musikalischen Gehalt findet? Oder wird nur erwartet, dass wir es hineinlegen und akzeptieren, weil der Wortlaut und das gesamte Umfeld nichts anderes nahelegen? Was bedeutet es denn, wenn ein Komponist wie Bartók die Satzbezeichnung „Religioso“ wählt? Garantiert sie einen religiösen „Gehalt“? Oder will sie uns eine emotionale Haltung nahelegen, die dem Charakter der Musik zugutekommt? Was sagt denn die Musik wirklich, für sich selbst genommen? Was sagt uns ein bestimmtes Parsifal-Motiv, wenn wir das „Dresdner Amen“ nie gehört haben? Weniger oder mehr?

Der Autor problematisiert indessen auch die Distanzierung von semantischen Analysen:

Mit der Konzentration auf die Analyse formaler Zusammenhänge eines Werks wird der subjektive Erfahrungs- und Resonanzraum weitgehend abgeriegelt, der für Aussagen über den expressiven Gehalt eines Werks unverzichtbar ist. Es trifft nicht zu, […], dass sich nur über formale und kompositionstechnische Tatsachen auf eine intersubjektiv nachvollziehbare Weise sprechen lässt. Der expressive Gehalt eines musikalische autonomen Kunstwerks wie einer Symphonie lässt sich durchaus, im Ausgang von den formalen und kompositionstechnischen Tatsachen und gestützt auf sie, musikhistorisch informiert und mit einer hinreichend sensiblen Reflexion auf die subjektive Resonanz des musikalischen Geschehens, auf eine intersubjektiv nachvollziehbare Weise zur Darstellung bringen, ohne damit den Anspruch auf eine begrifflich fixierbare Eindeutigkeit und alternativlose Ausschließlichkeit zu verbinden. Das gilt auch für die Frage eines möglichen religiösen Gehalts. [Seite 11]

Das klingt nicht nur etwas schlimm, sondern lässt  auch erahnen, dass es nicht plausibler wird, den Weg zu „Bruckners Gott“ in seinem letzten Adagio finden zu wollen. (Zudem wird in einer Anmerkung als informative Quelle ein Autor empfohlen, der 2010 ein Buch über „Die Expressivität in der Musik“ herausgebracht hat, mir aber in „Musik, Emotionen und Ethik“ 2011 jede Lust auf weitere Lektüre vergällt hat. Siehe hier.)

Ich kann die Skepsis nicht leugnen, die mich erfasst beim Überhandnehmen der Worte „erlebbar“, „durchlebte Prozesse“, „Vollzug des Lebens“, eines „musikalisch gestalteten Lebensweges“ auf den letzten Seiten des Essays, als stünden wir nun bald leibhaftig vor Bruckners Gott.

Es ist eine abgeklärte, erhabene Ruhe, die Schmerz, Not und Leiden durchlebt und überwunden hat. [Seite 27]

Oder auch nicht! Da ist von „naturreinen [!] Quarten und Quinten“ die Rede. Der Satz ende, so heißt es,  „auf einem erlösenden Einklang, der ins Unendliche fortzutönen scheint.“ Für mich ist es ein vollständiger E-dur-Dreiklang, wenngleich die Hörner auf dem hohen h verklingen, der Quinte des Grundtones, anders als es hier gesagt wird: „Dieser Einklang ist nicht der Grundton e, sondern der ins Offene weisende Dominantton h.“ Es ist und bleibt aber die Quinte des real erklingenden Tonika-Dreiklangs.

Dieser Aufstieg ist doch kein Aufstieg der Seele zu Gott. Es ist vielmehr ein Ausblick oder auch, wenn man will, ein Aufbruch in eine Freiheit, eine Freiheit, die ohne Grenzen, aber nicht ohne Gesetz ist. Das Gesetz ist die im Zuge der Erinnerung sichtbar gewordene, von Anfang an waltende Ordnung. Da sie eine alles umfassende Ordnung ist, ist sie unbedingt. Als solche ist sie der Grund einer Kohärenz, in der der Prozess der Erfahrung einbegriffen ist und der auch für das, was noch kommen kann, verbindlich ist. So geschieht der Ausblick oder Aufbruch in eine Freiheit ohne Grenzen im Horizont und unter der Leitung der Idee eines sich selbst affirmierenden, sinnstiftenden Unbedingten, dessen Wirklichkeit zuvor in höchster Not und tiefster Verzweiflung beschworen worden war. [Seite 27]

Mein Gott! Aber nur „wenn man will“ ! Wie schon eine Seite vorher formuliert, „nachdem die zum Ausdruck kommende Verzweiflung auf eine nicht mehr zu steigernde Weise dargestellt und, wie man vielleicht sagen darf, bis auf den Grund durchlebt worden ist…“ Bleibt nur noch eine faustische Frage: Wie steht’s denn mit der Religion?

Wenn Religion – Religion im allgemeinsten Sinn – dadurch bestimmt ist, den Vollzug des Lebens unter der Idee des Unbedingten zu begreifen, so die Erklärung Paul Tillichs, dann hat die Musik Anton Bruckners einen religiösen Gehalt. Mehr ist hier nicht zu sagen. Dessen Verfassung entdeckt sich aber erst vom Ende des musikalisch gestalteten Lebensweges her, nach der Katastrophe. Das ist ihr Sinn. [Seite 27f]

Quelle Jürgen Stolzenberg: Bruckners Gott, in: Musik & Ästhetik Heft 86, April 2018 Klett-Cotta Stuttgart, Seite 8-29.

Ich beginne ganz von vorn. Oder jedenfalls: das Adagio ganz von vorn. Mein Selbstversuch ist noch lange nicht am Ende.

*   *   *   *   *

Bruckners ADAGIO – wie es ein wahrer Jünger seiner Zeit beschrieb: Max Auer (1923)

Bruckner Adagio Max Auer

Bruckner Adagio Max Auer f

Das hier gegebene Formschema, auf die Aufnahme mit Celibidache bezogen:

ab 0:06 B ab 5:31 A ab 10:35 B ab 16:45 A ab 18:23 B ab 22:14 Koda ab 28:51        

Die Notenbeispiele, auf „Celi“ bezogen: 18 0:07 bis 1:01 / 19 ab 1:59 / 20 ab 3:27

Bruckner Adagio1

21 ab 5:31 22 ab 7:40 / 8:47 / 10:36 23 ab 12:36 / 24 ab 20:06

Bruckner Adagio 2

25 ab 28:51 (Ende 30:38)

Bruckner Adagio 3

Formschema??? Sonatenform??? Rondo??? Was habe ich denn davon!? Zu wissen, in welcher „Abtheilung“ ich mich befinde? Deutlicher als Bruckner in diesem Adagio kann man ja die Bereiche gar nicht aufeinanderfolgen lassen, bzw. durch Zäsuren gliedern. Man braucht keine Hörhilfen, um die Übersicht zu wahren. Und der obige Text, den Max Auer am Geschehen entlang geschrieben hat, ist inhaltlich an Peinlichkeit nicht zu überbieten und animiert nur zum offenen Widerstand. Aber ist der strenge (?) „musikanalytische“ Weg zu Bruckners Gott auch nur einen Deut akzeptabler?

Am besten, man lauscht der Musik so offen wie möglich, wie ein kluges Kind.

(Hat Bruckner zum Adagio der Achten, das natürlich auch nur mit dem Allerhöchsten in Verbindung gebracht wurde, nicht den Wink gegeben: „da habe ich wohl zu tief in ein Mädchenauge geblickt“…? Als metaphysischer Hinweis eigentlich unbezahlbar.)

Philip Tagg über Scotch Snaps

Merkzettel Nov.2017

Scottish Snap Screenshot 2018-04-02 15.46.02 Lombardischer Rhythmus

HIER – zu dem kunstvoll ausgearbeiteten Vortrag von eineinviertel Stunde, mit Musikbeispielen, Filmen, und Erläuterungen.

A huge social and cultural history lies in the microcosm of this two-note rhythm. Questions dealt with include [1] What is a „Scotch snap“? [2] How does it relate to language, class and ethnicity? [3] Is it just Scottish, or is it also Irish, Welsh, English, West African, Hungarian, „Celtic“, „black“, „white“ or what? [4] It’s used by Henry Purcell, Béla Bartók, Mahalia Jackson, Woody Guthrie, Stevie Wonder, Ry Cooder, James Brown and Buck Owens; and you’ll also find it in Strathspeys, traditional English ballads, Appalachian fiddling, string band music, spirituals, white gospel, black gospel, even in West African time lines, but you won’t hear it in mariachi, mbaqanga or MPB, nor in music of South or Central Europe: why and why not? [4] It has to do with English language rhythm but then why did the snap disappear from English music during the 18th century to re-emerge globally in popular musics of the late 20th century? [5] Why did Dvořák think that „Negro“ and „Scottish“ musics were similar? [6] How come some music of English origin is labelled „Celtic“ when England is seen by fans of „Celticity“ as the devil incarnate? This instructive but entertaining video offers an alternative to ethnic fixations in popular music history and genre labelling.

Weitere Infos über die Arbeiten des Autors Philip Tagg und über ihn selbst:

https://www.tagg.org/articles/pm2anal.html hier

https://en.wikipedia.org/wiki/Philip_Tagg hier

Lombardischer Rhythmus siehe bei Wikipedia hier. Und nach dem dort angegebenen Musikbeispiel höre man lieber das lebendige Original in der folgenden Youtube-Aufnahme mit dem Hagen-Quartett: HIER ab 16:04, das ist das Trio des Menuetts, anschließend aber unbedingt das ganze Menuett von Anfang ab 14:22, und endlich das ganze wunderschöne Ritual des Mozartschen d-moll-Quartetts von Anfang bis Ende, ohne weiter an den Lombardischen Rhythmus zu denken!

Mozart 421 TrioMenuett aus KV 421, Mittelteil

(Dank an MH für den Hinweis!)

Forschendes Üben

Klangstudie zur Fuge: wieder einmal BWV 891

In einem der schönsten Bücher von Martin Geck steht ein bemerkenswerter Passus, der den Aufsatz „Bach als Wegbereiter“ abschließt; selbst Nietzsche in seiner Zarathustra-Zeit hätte es nicht emphatischer sagen können):

Der Weg, den Bach der deutschen Musik vorgezeichnet hat, ist kein glatter und bequemer, sondern ein steiler und schwieriger. Er führt auf die Höhen und in die Einsamkeit. Hat man ihn einmal beschritten, scheint man nicht umkehren zu wollen oder zu können. Im Gegenteil: Viele Komponisten sind mit zunehmendem Alter immer „bachischer“ geworden – möglicherweise Mozart, gewiß Beethoven, Brahms und Schönberg. Sie alle haben von Bach gelernt, mit der Konzentration, die dazu nötig ist, nach der Essenz von Musik zu forschen. Als Angehörige der Moderne machten sie freilich von Generation zu Generation deutlicher als Bach die Erfahrung, bei ihrem Tun nicht der Essenz, sondern nur dem Ringen darum zu begegnen.

Quelle Martin Geck: Denn alles findet bei Bach statt / Erforschtes und Erfahrenes / Metzler Musik Stuttgart Weimar 2000 / darin Seite 109-117: Bach als Wegbereiter (Wiederabdruck aus  dem Programmheft der Bach-Tage Berlin 1993).

Bach b-moll Auschnitt

Es müsste nicht unbedingt diese Fuge sein, wenn man klangliche Studien in den Vordergrund stellen will, und es sind vielleicht Lappalien, die ich hervorhebe. Und wenn ein virtuoser Pianist wie Glenn Gould das Stück so rabiat spielt, wie er es tut (siehe hier), dann kann ohnehin von Klang nicht vorrangig die Rede sein.

Ich halte nur einmal fest, was mir in den Sinn kam, während ich versuchte, der Engführung gerecht zu werden, – ohne versehentlich einer Schimäre nachzulaufen.

Vor allem habe ich dabei an Jürgen Uhdes „Forschendes Üben“ gedacht, und er bezieht diesen Begriff, glaube ich, nicht auf form-analytische Überlegungen. Ich werde ihn morgen ausführlicher zitieren, und bis dahin immer wieder die folgende Abschrift studieren, die mit Übergang zum dritten Takt des obigen Notenbeispiels beginnt.

Zur Erläuterung der ins folgende Beispiel eingetragenen Zeichen: die Fermaten bedeuten, dass man auf dem Klang stehenbleibt und hineinhorcht. In der zweiten Zeile sieht man Fermaten auch über bloßen Atemzeichen (wo man normalerweise gar nicht „atmet“), was bedeuten soll, dass beim Üben (!) die Achtelkette unterbrochen wird, so dass allein der Klang des Tones B übrig bleibt (ihm zuliebe auch die dreifache Ermahnung hören!).

Zu den Themenzitaten: in Takt 89 gekennzeichnet durch die Buchstaben B (=Bass) und A (=Alt) sowie durch die kleinen roten Pfeile; im Bass „original“, im Alt in Gegenbewegung (gespiegelt), dank Engführung um eine halbe Note versetzt. Die interpretatorische Frage ist: soll man etwas tun, um die Zitate hervorzuheben? Das eine auf Kosten des anderen? (Natürlich nicht.)

Bach b-moll Klang

Was einem von vornherein klar sein muss: es gibt so viele Stufengänge und soviel Bewegung, dass es es kein Mittel – und schon gar kein klangfarbliches – gibt, um mit den ersten drei Tönen des Themas innerhalb des vorhandenen Tongeflechts zu zeigen: dies ist das Thema! Erst nach der Viertelpause, mit dem Motiv des dritten bis sechsten Tones,  ist es möglich zu zeigen: wir befinden uns mitten im Thema. Und das entsprechende Detail in der Gegenstimme des Alts: dies könnte, dem Gestus nach, eine Imitation, vielleicht sogar die Umkehrung dessen sein, was der Bass vorgibt. Aber auch das ist verunklart, da sich für einen Moment die Sopranstimme die Altstimme des Vortaktes zu imitieren scheint, indem Takt 90 im Sopran mit dem Ton Ges beginnt, der zwei Zählzeiten vorher den Beginn des Themas (Engführung in Umkehrung) markierte. Und jetzt – im Weitergang – den thematischen Alt noch mehr verschleiert und die Aufmerksamkeit vollends auf die oberste Stimme lenkt, und erst wenn diese schweigt (Takt 91) die Aufmerksamheit auf die Achtel im Bass und dann auf deren Gegenbewegung im Alt lenkt und zulässt. Aha, konstatiert man, wir befinden uns also in der enggeführten Aufarbeitung des Themas. Es ist völlig ausgeschlossen, dass ausgerechnet der Komponist das nicht bemerkt hätte. Oder hilflos in Kauf genommen hätte. Das Thema soll einfach nicht vom ersten Beginn an wahrnehmbar und hervorgehoben sein und schon gar nicht so, dass jeder Esel (Brahms!) sofort merkt, was da geschieht. Es soll allmählich ans Licht treten: wie sich das Bedeutungsgeflecht  sich immer mehr verdichtet, und erst im letzten Durchgang – „in paariger Engführung mit paariger Parallelführung“ (Dürr Seite 422)  steht es in Tageshelle vor Augen und Ohren!!!

Bach b-moll Schluss

Was uns nicht hindern soll, schon viel früher uns als Spieler, Hörer, Schauende und mit Fingern Fühlende in den Vorgang hinein zu vertiefen!

Das verstehe ich – nach Jürgen Uhde – unter „forschendem Üben“.

* * * *

Jürgen Uhde:

Ist der große Zusammenhang derart umrissen, dann hat der Übende sich um so tiefer in das Leben der Affekte im einzelnen zu versenken, wie sie ihm aus der Struktur selber aufsteigen. Jeder Affekt ist, wie die Psychologie weiß, zeitlich; er entsteht, gewinnt seine Höhe und vergeht. Und so lebt auch der musikalische Affekt im Atem seiner Zeitgestalt; seine Phasen, wie er steigt, wie er kulminiert, wie er fällt, dieser stets wechselnde Zustand ist auszuloten. Die mimetische Kraft des Spielenden erstarkt in dem Maße, wie er den wechselnden Zeitphasen eines Affektes, seinem Mienenspiel, noch im kleinsten zu folgen lernt und wie er die Übergänge zwischen den verschiedenen Gesten minutiös registriert.

Solch geduldig forschendes Üben läßt sich zunächst nicht an eine streng durchgehende Tempoachse fesseln; ein stur einheitliches, gar metronomisches Tempo am Beginn des Übens würde das gerade entstehende mimetische Leben rigoros beschneiden. So wäre anfänglich ein sorgfältig aushörendes Rubato, das Gegenteil von willkürlichem Rubato, beim Üben nicht nur erlaubt, sondern geboten. Die einzelne Geste will einmal im Prozeß des Übens erscheinen, als wäre sie allein auf der Welt. Diese expressive Aufladung, diese Stauung im Detail, im Für-sich-sein des Einzelnen muß dann aber wieder in den Zug des Ganzen entlassen werden, in ihm aufgehoben sein in der zweifachen Bedeutung: preisgegeben und bewahrt zugleich. (…)

Quelle Jürgen Uhde, Renate Wieland: Denken und Spielen Studien zu einer Theorie der musikalischen Darstellung / Bärenreiter Kassel, Basel, London, New York 1. Auflage 1988 ISBN3-7618-0690-6 / Zitat Seite 490.

Raga Darbari Kanada

Wie lebendig ist die Vergangenheit?

Der Zufall hat mich darauf gebracht, kein rundes Jubiläum o.dgl. , – was habe ich damals ein Wesens drum gemacht! Der 17. Juni 1970! Jetzt aber suchte ich nach Live-Aufnahmen von Faiz Ali Faiz, da stieß ich bei youtube auf die alten Aufnahmen der nicht mit ihm verwandten „Ali Brothers“ (Salamat & Nazakat Ali Khan) und hörte die Aufnahme, die ich kenne wie keine andere. Ja, und sogar die Farbe stimmt in etwa.

Ali Brothers Darbari CD World Network 1993Ali Brothers Darbari Booklet 1  . . . Ali Brothers Darbari Booklet 2  . . .Ali Brothers Darbari Booklet 3  . . . Ali Brothers Darbari Booklet 4Text: Jan Reichow (1993)

Und dann die Überraschung: derselbe Raga, dieselben Themen (?), dieselben Interpreten im Jahre 1954 (Salamat *1934), aber 1 Stunde länger… Stoff genug für eine vergleichende Dissertation.

Wie lebendig die Vergangenheit ist? – – – Als wenn es gestern gewesen wäre.

Keine Katzenmusik

Neues aus der Tierstimmenforschung

Ein Merkzettel betr. die schwedische Forscherin Susanne Schötz, Autorin des Buches: „Die geheime Sprache der Katzen“ Ecowin Verlag 2017.

(Im Folgenden das Bild nur anklicken, um den abgebildeten Text zu lesen. Zum Weiterklicken ins Netz auf das Wörtchen hier rechts neben dem Screenshot klicken.)

Susanne Schötz Forschung ! hier !

Susanne Schötz Forschung Web Katzen ! hier ! dann obere Leiste: „CAT SOUNDS“

Oder auf deutsch: Katzenlaute: Ein Überblick der gewöhnlichsten Katzenvokalisierungen – hier (externes Fenster).

Erinnerung an Porto Mos 2013 (Foto: Chr. Haas)

Katze in P Mos aufrecht Haas

Vom Endzweck der Fuge

Sonntagmorgen ohne Langweile

Es reizt mich, eine immer mal wieder sinnlos erscheinende Frage zu stellen, – die Frage nach dem Sinn. Vielleicht damit sie vorübergehend zum Schweigen kommt. Genauso wie die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Im Fall Bach kann es zum Beispiel nicht der „Sinn“ eines Stückes zu sein, einen Text herauszulesen, oder einen Affekt zu benennen, oder eine Engführung der Stimmen zu erkennen. Eben hörte ich Philippe Jaroussky mit der Kantate „Ich habe genug“. Angenommen es wäre ein reines Instrumentalstück, – was wäre gewonnen, wenn ich enträtselte, dass es mir sagen will: „Ich habe genug“? Gewiss, auch in der Aria „Schlummert ein“ gefällt mir, dass ihre Überlänge, ihr Nicht-Endenwollen, wodurch sie schöner als schön wird, wirklich mit dem Schlaf (und seiner Süße) zu tun hat, sozusagen „offiziell“. Ich habe noch lange nicht genug! Ähnlich wie in „Schlafe mein Liebster, genieße die Ruh“. Langweilig vielleicht nur, wenn wir wirklich müde sind… Aber ist das der Sinn?

In dem wiederentdeckten, gestern schon zitierten Buch von Martin Geck, gibt es ein Kapitel, das heißt: Bachs künstlerischer Endzweck. Daraus möchte ich zitieren:

Bachs Lebens- und Schaffensgang steht unter dem Endzweck, das Reich der Musik in allen Richtungen zu erforschen und zu erobern – das Alte bewahrend, Neues entdeckend. Eine ähnlich absolute Entscheidung, das eigene Ingenium der Offenbarung des musikalischen Gesetzes dienstbar zu machen, hat kein anderer Komponist der abendländischen Musikgeschichte getroffen. Dies wird deutlich an dem Gegenbild des Zeitgenossen Georg Friedrich Händel, der zunächst eine Karriere als Opernkomponist anstrebt und verwirklicht, um danach – auf der Höhe seines Ruhms – in seinen Oratorien humanitäre Ideen zu verkünden: Die Dynamik dieses Lebens- und Schaffensganges ist eindrucksvoll, dient aber nicht der Erhellung des der Musik immanenten Gesetzes, sondern der Verherrlichung des Menschen. Selbst Beethoven, der durch seine Leidenschaftlichkeit, Form- und Gattungsprobleme in die letzte Konsequenz zu verfolgen, Bach am nächsten kommt, komponiert aus einem von Grund auf anderen Geist: Erfüllt Bach das Gesetz der Musik, so ringt Beethoven darum, das Gesetz, d.h. den kategorischen Imperativ Kants, durch die Musik zu erfüllen; dementsprechend führt Beethovens Spätwerk aus der Musik heraus in die Bereiche philosophischer und ethischer Spekulation, während das Spätwerk Bachs in den Kern der Musik hineinführt

Was befähigt Bach zu einem so gearteten Werk? Es ist sein musikalisches Ingenium, das ihn die Frage nach dem Gesetz der Musik in solcher Tiefe stellen und beantworten läßt. Auch seine Leipziger Kirchenmusik ist ja nicht deshalb in überzeugender Weise kirchlich, weil Bach ein frommer Christ und guter Theologe war, sondern weil er das Ingenium besaß, mit kompositorischen Mitteln aus lutherischer Theologie gute Musik zu machen.

Quelle Martin Geck: „Denn alles findet bei Bach statt“ / Erforschtes und Erfahrenes / Verlag J.B.Metzler Stuttgart und Weimar 2000 ISBN 3-476-01740-0 / Zitat Seite 54 /

Ich weiß, das Wort „Ingenium“ führt uns vielleicht auf die falsche Fährte, nämlich die der Genie-Ästhetik; es geht nicht um die Anbetung des Individuums. An anderer Stelle soll das Wort Endzweck weiter untersucht werden. Bach selbst hat es in seiner Generalbasslehre einmal so ausgedrückt: [Es solle] „wie aller Music, also auch des General-Basses Finis und End-Ursache anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemütes seyn; wo dieses nicht in Acht genommen wird, da ists keine eigentliche Music, sondern ein teuflisch Geplerr und Geleyer.“

Ich will anhand dreier Fugen-Analysen versuchen zu erfassen, inwiefern die betreffenden Autoren etwas über den Sinn der Sache verlauten lassen. Also werde ich das Form-Schema allein nicht gelten lassen; auch eine schlechte, „schematisch“ konstruierte Fuge könnte ein ansehnliches graphisches Schema ergeben. Ich vermute, eine Sinnaussage wird mich nur dann befriedigen, wenn ich sie überzeugend in Worten wiedergeben kann. Angenommen, eine Fuge besteht aus kontrapunktischen und rhetorischen Momenten, so besteht die Gefahr, dass ich intuitiv die rhetorischen (also dem Wort näherstehenden) höher bewerte. In Contrapunctus 1 der Bachschen „Kunst der Fuge“ etwa die pathetischen Schlusstakte, die Bach erwiesenenermaßen erst nach der Fertigstellung der (eigentlichen) Fuge angehängt hat. Die von mir ausgewählten Fugen stehen ziemlich am Anfang des Bachschen Spätwerkes (Nr. 1 und 3), die Autoren der Analysen sind Adam Adrio, Diether de la Motte, Walter Kolneder, Peter Schleuning.

Fuge Noten de la Motte Contrapunctus I Schluss

Dass überhaupt etwas gesagt werden soll, ist leicht erkennbar, wenn man die ursprüngliche, um 4 Takte kürzere Fassung der Fuge („Handschrift“ gegenüber der Druckfassung), betrachtet, die bereits in Takt 70 mit einer Pathoswendung und einer Pause für Überraschung sorgte, – um dann genau diese Wirkung noch einmal zu dehnen und zu überhöhen: im Bass durch den Orgelpunkt, im Sopran durch den expliziten Aufstieg zum hohen b, den höchsten Ton der Fuge: in Takt 70  hatte er mit dem nchfolgenden Sturz in die verminderte Septime alles zum Schweigen gebracht, um diese Geste noch einmal mit Nachdruck zu inszenieren und in den ungemein versöhnlichen Schluss zu führen.

Zu den ersten Analysen, die ich mit Eifer studiert habe, gehört die aus dem MUSIKWERK Die Fuge Heft 1 von Adam Adrio. Und ich habe nie vergessen, was mir daran imponierte: wie hier plausibel gemacht wurde, ihr Geheimnis sei, dass das Thema verloren geht und gewissermaßen wieder ans Licht treten muss. Stichworte: „Verschleierung“, „Tiefpunkt“, „zum Erlöschen gebracht werden“ – und „wieder zum Leben erweckt werden“. Mir schien akzeptabel, dass mir als Hörer aufgelastet wurde, dies als Drama zu empfinden…

Musikwerk Fuge Adrio  Musikwerk 1960 60er Jahre

Adrio Text a Adrio Text b

Erst viel später erfuhr ich (bei Kolneder), dass diese Fugen-Analyse wenig Anerkennung gefunden hat. Aber der Eindruck blieb in Erinnerung, weil überhaupt jemand wagte, mehr als eine Notentextbeschreibung und das Schema zu liefern. Allerdings erinnerte mich das Prinzip der „Verschleierung“ auch ein wenig ans Kasperletheater; es steckte zuviel Hörpsychologie bzw. psychologische Unterstellung darin: wenn etwa davon die Rede ist, dass das Thema in einer Stimme erscheint, „von der es nicht erwartet wird, und in einer Intervallordnung, die dem Hörer noch nicht bekannt ist, in Dur.“

Heute kommen mir selbst in Walter Kolneders verdienstvollem Standardwerk (Heinrichshofen’s Verlag Wilhelmshaven 1977) gelegentlich ähnliche Bedenken (aber das muss man auch wieder nicht zu eng sehen):

Kolneder Fuge III Kolneder Cover

Die oben erwähnte Einschätzung betraf den ganzen Fugen-Band von Adrio und ist belegt im Teil IV  des Kolneder-Werkes: „Kritische Chronologie“ Seite 621f (betr. das Jahr 1960) , wo neben Kolneders kritischer Anmerkung der Hinweis auf Roger Bullivant in „The Music Review“ 1964/67-71 steht. Von ihm stammt das folgende Buch:

Bullivant  London : Hutchinson, 1971

Auch Kolneders Beurteilung der Fugen-Analyse von Diether de la Motte (mit Carl Dahlhaus) – in dem Buch zur „Analyse“, das damals bahnbrechend erschien – konnte den Leser davor bewahren, in ziemlich leeren Worten nach einem tieferen Sinn zu forschen (ich empfand die Lektüre, die ich in den 70er Jahre für meine Pflicht hielt, letztlich als ebenso anspruchsvoll wie unerquicklich, jedenfalls soweit sie Bachs Contrapunctus III betraf):

Kolneder über de la Motte Fuge Walter Kolneder: Die Kunst der Fuge Teil IV Seite 630

Ich widme mich also im folgenden nur noch dem Buch von Peter Schleuning, das mich seit dem Erscheinungsjahr immer wieder inspiriert, über Bach nachzudenken: Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ / Ideologien, Entstehung, Analyse / dtv/Bärenreiter 1993.

Zunächst muss man sich (natürlich) mit dem Gedanken vertraut machen, dass es zwar (zunächst) um die eine Fuge geht, mit der das Werke beginnt, andererseits damit, dass diese Fuge am Anfang eines Zyklus steht, in dem jede Fuge etwas anderes sagt, und die Fugen ihre Eigenarten auch im Kontrast oder in Wechselwirkung entwickeln werden. (Allein die Reihenfolge ist schon ein Riesenthema. Z.B. ist unmittelbar wichtig, dass die Fuge III bei Schleuning in Kolneders Zählung – und bei Wikipedia – als Contrapunkt II behandelt wird; es ist die mit dem punktierten Rhythmus. Die Ursache soll uns hier nicht interessieren.) Mit Blick auf alle nachfolgenden Fugen ist die erste eben „als Eingangsstück eine Art ‚Bekanntmachung‘ des Themas und der Kompositionsart (…) und gibt sich mit der Absicht einer captatio benevolentiae, wie sie die Redekunst kennt, bescheiden, ordentlich und einladend.“ (Schleuning S.58)

Sehr bald wendet sich Schleuning den themenvariierenden Elementen zu, die auch im Kontrapunkt von Anfang an zu erkennen sind: die rhythmisch-melodischen Ableitungen, also eine Sache der Technik (die Sinnfrage sei bitte ignoriert, sobald es darum geht, warum und wie ein Ton überhaupt erklingt). „Ihre Herrschaft in praktisch jedem Stimmenzug – auch in Form von versteckten Themenumkehrungen – ist zwar keine Erfindung Bachs, aber durch ihn zu einem der bestimmenden Elemente der späteren deutschen Sinfonik und Klavierkunst [Achung: Formenlehre von Erwin Ratz assoziieren! s.a. hier JR] und sodann auch als Höhepunkt der Materialökonomie gewürdigt worden, etwa als ‚Minimum von Materie‘ bei einem ‚Maximum von Geist‘ oder als ‚Treue gegen das Thema in der Ausarbeitung bis zur Hartnäckigkeit gesteigert, und doch nirgends bloße Wiederholung oder sonst Monotonie‘ (J.Fr. Rochlitz 1811 und 1824 über C.P.E.Bach….).“

Schleuning in seinem Kapitel zur Fuge 1 einen Exkurs zur Zahlensymbolik ein (ab S.59), der einen bewahren kann vor sinnlosen Spekulationen, die einer wirklichen Analyse zu allererst im Wege stehen. Und er fährt fort (S.61) fort mit dem Hinweis, dass graphische Formübersichten immer den Eindruck vermitteln, die Abschnitte mit den Themenauftritten (die „Durchführungen“) seien wichtiger als die Zwischenspiele.

Dadurch geht der Blick auf das verloren, was das eigentlich Wichtige und Interessante an Musik ist, nämlich Entwicklungen, Zwischentöne und Feinheiten.

In diesem Sinne folgen Anmerkungen zur ersten Fuge, die in den thematischen Partien Elemente des Stile antico realisiert, des Palestrina-Stils: Kleinschrittigkeit, Materialbegrenzung, Rhythmusvielfalt und unperiodische Gruppenbildung. In anderen Partien aber Strukturen aufweise, die dem alten Stil fremd sind, z.B. Sequenzreihen.

Da dies nicht auf kontrapunktisches Unvermögen oder gar eine Hilflosigkeit Bachs bei der Abwesenheit des Themas zurückgeht, muss diese stilistische Differenzierung der Absicht Bachs entspringen, die Teile hörbar voneinander abzusetzen und die thematischen Partien hervorzuheben.

Zum anderen geht es um den neuen Tonartengebrauch, indem Bach nämlich der Subdominante eine neue Rolle einräumt, die sie vorher nicht hatte.

Schließlich die variable Form des Themas selbst:

Wie Bach hierbei die Themenintervalle verändert, entspricht nicht einem schulmäßig reinen kontrapunktischen Fugensatz, sondern dem Modulationsplan der Fuge und zeigt den Vorrang des harmonischen Aspektes vor der intervallischen Integrität des Themas.

Um zu sehen, was Bach wichtig ist, muss man die Neuartigkeit seiner Gedankengänge wahrnehmen. Ein Beispiel: „wie man in nur drei Takten (zweiter Sopran-Einsatz) an der Leitlinie eines ‚falschen‘ Themenzitates (Baß) von a-moll nach g-moll kommt.“ (Schleuning S.64, siehe Fuge 1 ab T. 29). Oder auch die neuartige enharmonische Umdeutung des verminderten Septakkordes, die schon im Frühwerk vorkomme und nebenbei auch bedeute, dass „mit den Regeln auch die Seele ins Wanken“ gebracht werden solle.

Dies kann auch mit einem ganzen Satz (Musikstück) ausgesagt werden, der sich in bestimmter Weise zu einem anderen Satz, der vorhergeht oder nachfolgt, verhält. Und das ist eine wichtige Frage, wenn man davon ausgeht, dass die „Kunst der Fuge“ als ein Zyklus gebaut ist und nicht als eine bloße Sammlung von mustergültigen Stücken. Andererseits: man tappt immer wieder in die Falle (weil man eben zyklische Aufführungen und Aufnahmen in Erinnerung hat), dass man ein Vorher und ein Nachher einkalkuliert, statt eines Nebeneinanders. Und wenn die Reihenfolge der Fugen sowohl I – II – III (in der Erstschrift) wie auch I – III – II (im Druck, mit entsprechend neuer Nummerierung) heißen kann, so erübrigen sich alle analytischen Bemerkungen, die auf einem chronologisch erlebten Ablauf basieren. Insofern stimmen mich auch Schleunings Ausführungen etwas skeptisch.

Wenn die Exposition der Außenfugen dieser Dreiergruppe bei der Dux-Comes-Folge ganz regelrecht sind, so trifft Bach nun in der zweiten Fuge eine einsame, befremdliche Entscheidung damit, daß er die Exposition mit der Umkehrung des Themas beginnen läßt: (S.64)

Das könnte zu der Überlegung führen, ob Bach in der Mitte der Dreiergruppe eher das Negative komponiert hat, welches im Positiven der beiden Rahmenfugen eingeschlossen und aufgehoben ist. (S.65)

Zu der dritten Fuge, die die Störungen von Fuge II durch das Thema recto und eine weitgehend normale Anlage wieder auffängt und ausgleicht, nur einige Bemerkungen: (S.67)

Die Nummer III ist nun gerade die Fuge, in der mit den (nachgetragenen) Punktierungen alla francese  der Charakter des Stücks vollständig verändert erscheint, auch wenn das Thema genauso anhebt wie in Fuge I und auch sonst eine „weitgehend normale Anlage“ konstatiert werden kann. Es macht Lust auf weitere Belebungen. „Normal“ heißt ja an dieser frühen Stelle noch nicht: in lähmender Weise „formal normal“. Und wenn die problematische Fuge II  – abgesehen vom „falschen“ Themenbeginn auch noch mit schmerzbeladener Chromatik angereichert – nunmehr an dritter Stelle folgt , so könnte man sie eben auch als wegweisendes Außenstück betrachten, das bereits eine Tür in Richtung Fuge IV öffnet.

Mit anderen Worten: wenn man will, kann man jede Reihenfolge rechtfertigen. Und wenn Werner Breig eine Gruppeneinteilung der Fugen vornimmt – A Einfache Fugen, B Gegenfugen, C Doppel- und Tripelfugen, D Spiegelfugen, E Quadrupelfuge -, so ist das (technisch) völlig plausibel, ebenso, dass die Gruppe A eben Contrapunctus 1 – 4 zusammenfasst. Während bei Schleuning die Fuge Nr. 4 – mit guten chronologischen Gründen – erst auf Seite 130 behandelt wird.

Der Aufsatz von Breig steht im Booklet der Aufnahme der „Kunst der Fuge“ mit Musica Antiqua Köln (1984). [Siehe auch abschließendes yutube-Video.] Dort findet man auch Reinhard Goebels Statement zur Aufführbarkeit des Werkes:

Eine Gesamtaufführung der Kunst der Fuge war von Bach weder beabsichtigt, noch im Rahmen der Konzertpraxis seiner Zeit überhaupt denkbar. Das gleiche gilt für alle diejenigen Werke, die vom Komponisten in Sechsergruppen im Dutzend oder in noch größeren Serien vorliegen, denn die Zusammenfassung gleichartiger Werke in einem Handschriftenband oder einer Druckausgabe entsprang eher praktischen Gesichtspunkten und muß daher nicht unbedingt als Hinweis auf innere Zusammengehörigkeit und somit auf zyklische Aufführbarkeit verstanden werden.

Wenn Bach also die Reihenfolge verändert und dabei DIE SCHLÜSSE BESTIMMTER FUGEN VERÄNDERT, so muss man nicht auf ein internes Problem der betreffenden Fuge schließen, das abgemildert werden soll, sagen wir: zugunsten ihrer Proportionen, sondern auf eine Maßnahme ZUGUNSTEN DER NACHFOLGENDEN FUGE, insbesondere wenn diese neuerdings eingefügt wurde. Ein Wink also, vergleichbar den vorausweisenden Abschlüssen mancher Praeludien, die das Thema der anschließenden Fuge andeuten (s.WTKII, C-dur) .

ABER: wenn es nicht zwingend nacheinander gespielt werden soll, warum liegt Bach dann beim Ende des einen Stückes daran, auf ein Charakteristikum des nächsten hinweisen? (Meine Vermutung: wenn man aus einer solchen Sammlung etwas spielt, dann niemals nur eins. Und wenn es ein Lehrwerk ist, dann studiert man ohnehin mehrere hintereinander, die gegebene Reihenfolge zumindest reflektierend.)

Peter Schleuning (S.123)

Das Vorziehen von III vor II zur neuen Folge 1, 2, 3 und die Nachkomposition von Nr. 4 ergeben eine klare Neubestimmung, die für das Verständnis der weiteren Veränderungen entscheidend sein kann: Statt Rahmensymmetrie Paarbildung von Fugengattungen (Wolff 11, 136), zwei Fugen über die Grundform, zwei über die Umkehrung des Grundthemas. Die das Problematische und Negative akzentuierenden Züge der Nr. II verbinden sich nun mit den entsprechenden und noch zu analysierenden Zügen der neuen Nr. 4, während Nr. 1 und 2 als eher einfaches, „positives“ Einleitungspaar wirken. Auch die drei nachkomponierten Schlüsse bestärken diese Paarbildung, denn diejenigen von Nr. 1 und 2 haben den Zweck, abschließend noch einmal durch je ein angefügtes Themenzoitat dessen Grundton zu verdeutlichen – deshalb haben sie auch fast die gleiche Länge von 6 bzw. 7 Takten. Und der alte Schluß von III (A-Dur), der sich ehedem zur Fuge V öffnete (Anfangston a‘), wird zu einem echten Tonika-Schluß nach D-Dur geführt – mit altertümelnder, „picardischer“ Terz in d-Moll – , wird also zum Abschluß des ersten Paares.

Dieses kleine Schleuning-Kapitel ist bis zum Ende (S.125) von großer Bedeutung. Ich merke dabei, dass sich meine Frage nach dem Sinn verschiebt in eine immer spezifischere Frage nach dem Notentext, und das ist auch gut so! Zu Seite 125 hätte ich noch eine Korrektur zu vermelden: das erste Notenbeispiel der Bachschen Handschrift steht auf dem Kopf, daher wirkt es ungewollt „lombardisch„. Man findet den Notentext im gedruckten Contrapunctus VI T. 21-23. Das zweite, korrekt gedruckte Beispiel gehört zu Ctp.II T. 55-59.

Bach Handschrift umdrehen

Bemerkenswert die Schwierigkeit, die sich für Kolneder angesichts des Kreismotivs in Takt 5&6 der Fuge IV stellt, das aber niemanden, der die b-moll-Fuge aus Bd.II des Wohltemperierten Klaviers studiert hat, überraschen dürfte:

Kolneder zu Drehmotiv in IV Kolneder a.a.O. Bd.1 Seite 127

Schleuning löst das „Rätsel“ auf:

Bach ergänzt in Fortführung seiner in den drei ersten Fugen begonnenen „Kontrapunkt-Lehre“ die bisherigen Lernschritte mittels dieses Kontrasubjekts, indem er hier den bei Mattheson (1739) so genannten Contrapunto d’un sol passo (gleichbleibende Figur) vorführt, wie er ihn auch in den letzten Varianten der Orgel-Passacaglia und in der b-Moll-Fuge (T.67ff.) des zweiten Teils des ‚Wohltemperierten Claviers‘ anwendet (Butler 3, 299ff.).

Bach b-moll Kreisfigur b-moll-Fuge: Figur im Bass

Mit Recht macht Kolneder (s.129) auf eine bestimmte Durchführung in Fuge IV (Hauptthema in Umkehrung) aufmerksam, die eine neue Version des Themas einführt:

Die mit dem Baß T.62 einsetzende Durchführung gehört zum Gewaltigsten, was Bach in harmonischer Hinsicht je geschrieben hat. In all den bisherigen Gestalten des Themas war dessen Sekundschritt vom zweiten zum dritten Takt beibehalten. Die Terz an dieser Stelle, die erstmalig in T.62/63 auftritt, wirkt gegenüber der Sekund wie gewalttätig, die Tonalität wird hier aufgebrochen, die mit dem Terzsprung bewirkte Modulation innerhalb des Themas führt von C-Dur nach g-Moll, also in der Doppelsubdominantparallele. Das war innerhalb eines Fugenthemas der Bachzeit unerhört.

Ich habe es mir vor vielen Jahren in meine „Arbeitspartitur“ (Graeser, angeschafft Juli 1956, Fingersätze bei neuer „Phase“ 1964) eingetragen:

Bach Fuge IV Seite 3 = in folgender Aufnahme ab genau 10:22 !

Da das Tempo hoch ist, sticht dieser Einsatz weniger hervor, als man vielleicht erwartet. Die Fuge beginnt bei 9:04, die wiedergegebene Partiturseite beginnt bei 10:01.

Was tun?

Man höre die Contrapuncte 1 bis 4, und zwar so oft, bis sie ohne weitere Nachfrage – Sinn machen. In der folgenden Aufnahme mit Musica Antiqua Köln unter Reinhard Goebel 0:00 bis 12:12. Durch den Wechsel der Instrumentation macht dieser 4-sätzige Ausschnitt sogar den Eindruck eines abgerundeten Werkes. Irgendwann wird der Wunsch erwachen, darüber hinauszugehen, vielleicht mit „dem Schleuning“ in der Hand…

Und nicht vergessen: es ist wichtig, jeden Eintritt des Themas zu beachten; aber am schönsten ist die Fuge oft in den sogenannten Zwischenspielen.

Vielleicht gibt es Bach-Liebhaber, die gleich auf den Schluss des Werkes vorfahren, um zu erleben, wie der Tod dem alten Bach die Feder aus der Hand genommen hat. Nein! so war es nicht!! Eher kann man sagen: Bach bereitete planmäßig seinen Ruhestand vor! Peter Schleuning ist bösartig genug darauf hinzuweisen, was der „Kunst der Fuge“ besonders abträglich ist war (und ist): Erschütterung. Siehe Seite 57. Ich glaube auch nicht, dass man bei diesen Fugen an den Weltraum und den Gang der Planeten denken sollte. Egal, was Goethe gesagt hat.

Es handelt sich vielmehr um Leben.

Unübertrefflich (auch wegen der Cembalo-Versionen!): Musica Antiqua Köln, mit Reinhard Goebel, Violine und Leitung 1984:

Musica Antiqua FUGE 1984

Ebenfalls eine sehr gute (durchhörbare und intelligente) Aufnahme (1987), bemerkenswert: die umgebaute Bratsche (für die „zu tiefen“ Stellen der zweiten Geige). Ein Freude: Das Juilliard Quartett !

Kunst der Fuge CD Juilliard

Üben, üben, üben!

Von der Wiederholung

Eine Übung, die mich in meine frühe Jugend zurückversetzt. Wenn ich will. Oder in den gestrigen Abend. Oder in vorgestern. Diese Standard-Etüde. Oder war’s mal wieder eine der 41 anderen? Oder dieselbe mit einigen der 150 anderen Stricharten?

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Die Kunst, die berühmten Studien von Kreutzer in der richtigen Art zu studieren

Kreutzer Massart Vorwort

Kreutzer-Etüden Ausgabe 1898 L.Massart
Kreutzer Massart Noten 2a Kreutzer Massart Noten 3a Kreutzer Massart Noten 4a Kreutzer Massart Noten 5a Kreutzer Massart Noten 6a

Es liegt auf der Hand, dass man diese Auflistung möglicher Übungen nicht anschaut und erfreut ausruft: ja, soviel Übestoff habe mir immer schon gewünscht, ich liebe musikalische Langeweile! Und mehrere Stunden Langeweile wären gesichert, wenn ich das gemäßigte Tempo wähle.

Nein, ich will an dieser Stelle Notizen sammeln, die dazu dienen, die Wiederholung des Immergleichen, die offenbar zum Üben gehört, nicht nur hinzunehmen, sondern liebzugewinnen. Das kann doch nicht schwieriger sein, als wenn ein Jogger mir sein Hobby begründen muss. Gibt es etwas Langweiligeres, als durch den Wald zu laufen und sich keine Zeit für den Wald selbst zu nehmen, der auf die Muße des interessierten Betrachters angewiesen ist (wie ich behaupte)? Stattdessen auf dem Smartphone die physiologischen Daten meines Dauerlaufs zu überprüfen. Beim Geigen erfahre ich mehr über mich. Unter dem Deckmantel der Musik.

Nicht zu unterschätzen ist die Gefahr, dass die Gedanken abschweifen, derweil man mechanisch („gedankenlos“) weiterspielt. Was tun? Zusätzliche kleine Aufgaben („Problemchen“) einflechten: Zum Beispiel jeden Saitenwechsel ernst nehmen, voraussehen und bewusst fassen, in der Bogenhand fühlen und führen. Ihn ins Auge fassen (nicht im letzten Moment „erwischen“, sondern bequem auf den Punkt. (Die Worte sind wichtig.) Links: das Klopfen der Finger erleben. Den 4. Finger mit Bewusstsein, den 1. Finger besonders auf der E-Saite (tiefes f!). Das wichtigste ist der klare Ton. Für jede Unschönheit sofort einen Grund finden (unterbrechen!!). Nenn‘ es nicht üben, auch nicht exerzieren, sondern experimentieren. Sag nicht: ich darf beim Üben an nichts anderes denken als an die Übung, sondern: ich nehme den jeweiligen Moment wahr, ich bin anwesend. Sag nicht so oft nicht. Findest du es unbequem, lange in höchsten Lagen zu spielen? Dann spiele dort so lange, bis es bequem ist und bis es befriedigend klingt. Der Bogen liebt es, ganz dicht am Steg zu sein! Natürlich unterbrechen, wenn die Saite in die Fingerkuppe schneidet. Oder – Flageolets an derselben Stelle üben. Wenn es heute nicht geht, dann eben morgen… Du darfst mit dir wie mit einem kleinen Kind reden. Liebevoll also.

Schau auf die Überschrift dieses Artikels und verstehe sie nicht (nicht?) als Befehl, sondern als munteren Kehrreim. Flow bleibt ein gutes Wort. (Mir ist klar, dass jemand, der den gewaltlosen Bestandteil der Arbeit betont, einmal das Gegenteil erfahren hat. Und später so tut, als sei dies längst überwunden. Er streicht alle Negationen und Verbote aus seinem theoretischen Vokabular. Ja, so könnte es bei mir auch sein. Wobei der emanzipatorische Charakter der Arbeit es war, der sie fortlaufend mehr motivierte und den – selbstauferlegten? – Zwang vergessen ließ. War es so?)

Vertraue auf die unglaubliche Merkfähigkeit der Feinmotorik. (Erste Voraussetzung der Treffsicherheit Geige linke Hand.) Aber langsam hingleiten, statt „springen“. Die ganze Strecke ausmessen. Oktaven flexibel auffassen, als sei man in der Lage, sie beständig zu korrigieren.

(Fortsetzung folgt)

Polnische Lyrik – warum?

Was hinter den Wörtern wartet (vielleicht)

Krynicki Cover Sehen wir uns noch  Krynicki Zettel vorn  Krynicki Zettel hinten

Aufmerksam wurde ich durch eine wunderbare Sendung im ORF, die mir keine Ruhe ließ. Sie ist leider nicht mehr abrufbar, aber die CD ist da… Das obige Youtube-Video habe ich ausgewählt, weil es mit englischen Untertiteln versehen ist. Ich war skeptisch, weil ich nun mal kein Polnisch spreche. Allerdings habe ich mit 12 oder 13 Jahren mal angefangen, die Sprache zu lernen (das ist eine zweischneidige Geschichte, die noch folgen soll). Jetzt ist dieses Buch mein täglicher Begleiter. Und ich halte mein Vorurteil, dass übersetzte Lyrik das Wesentliche nicht übermittelt, für leicht revidierbar.

Krynicki Buch + CD

So schreibt Renate Schmidgall im Nachwort dieses Gedichtbandes über das Gedicht Geburtsurkunde:

Es ist nahe an der Unübersetzbarkeit – die Dichte des Polnischen kann wegen der morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Unterschiede der beiden Sprachen im Deutschen nicht bewahrt werden. Seiner großen Bedeutung wegen wurde es – unter einigen formalen Verlusten – dennoch in diesen Band aufgenommen. Es beginnt mit dem Satz: „Als auf dem Transport Geborenem / fiel mir der Todesplatz zu“ und endet: „Ich lebe / auf dem Todesplatz.“

Bei solchen Texten regen sich (zumal es sich um Lyrik handelt) empfindliche Sensoren, nicht nur inhaltlich motiviert (etwa weil ich ein deutscher Leser bin und z.B. weiß, dass mein Vater als Soldat in Polen war), sondern weil jedes Wort, jedes Satzzeichen auch im deutschen Text mit Bedacht gesetzt ist. Ungern setze ich Schrägstriche anders als im Layout des so sorgfältig gestalteten Buches und habe mich bei Wikipedia vergewissert (hier), dass es legitim ist, die Leerzeichen einzufügen. Im Original liebe ich die Verteilung des Textes, und auch das Durchscheinen der dahinterliegenden Seiten, so wie im Gespräch des Dichters mit der Autorin der ORF-Sendung: das Schweigen und die Stille zwischen den Sätzen.

Krynicki Gedichte

(Fortsetzung folgt)