Kategorie-Archiv: Kultur

Gesualdo wiedererweckt

Modelle der Moderne (Peter Eötvös folgend)

Eine sehr andere Musik, ein neues Hören, ein guter Rat: Ganz gründlich vorbereiten (Links!), dann einfach wirken lassen…

Gesualdo „Ardita Zanzaretta“ Text und Übersetzung hier

 Composer: Carlo Gesualdo {Gesualdo di/da Venosa} (8 March 1566 — 8 September 1613) – Performers: Ensemble „Métamorphoses“ – Conductor: Maurice Bourbon – Year of recording: 1996

Ardita zanzaretta
Morde colei che il mio cor strugge e tiene
In così crude pene;
Fugge poi, e rivola
In quel bel seno che il mio cor invola,
Indi la prende e stringe e le dà morte
Per sua felice sorte.
Ti morderò ancor io, 
dolce amato ben mio, 
e se mi prendi e stringi, ahi, verrò meno 
provando in quel bel sen dolce veleno.

die Quelle: (Zeitangabe vor) Nr.13

00:00:00 – 01. Se la mia morte brami 00:03:34 – 02. Beltà, poi che t’assenti 00:06:55 – 03. Tu piangi, o Filli mia 00:10:04 – 04. Resta di darmi noia 00:13:12 – 05. Chiaro risplender suole 00:17:41 – 06. „Io parto“ e non più dissi 00:20:47 – 07. Mille volte il dì moro 00;23:57 – 08. O dolce mio tesoro 00:26:43 – 09. Deh, come invan sospiro 00:29:25 – 10. Io pur respiro in così gran dolore 00:32:20 – 11. Alme d’amor rubelle 00:34:17 – 12. Càndido e verde fiore 00:36:32 – 13. Ardita Zanzaretta 00:39:46 – 14. Ardo per te, mio bene 00:43:08 – 15. Ancide sol la morte 00:45:33 – 16. Quel „no“ crudel que la mia speme ancise 00:47:53 – 17. Moro, lasso, al mio duolo 00:51:28 – 18. Volan quasi farfalle 00:54:23 – 19. Al mio gioir il ciel si fa sereno 00:56:54 – 20. Tu segui, o bella Clori 00:59:15 – 21. Ancor che per amarti 01:02:34 – 22. Già piansi nel dolore 01:05:07 – 23. Quando ridente e bella

Folgendes Video ab Anfang bis 7:00

Der Komponist: HIER

Folgendes Video: bitte ganzer Bildschirm, Dunkelheit im Raum, Konzentration

die Quelle: (Zeitangabe vor) Nr.19

00:00:00 – 01. Se la mia morte brami 00:03:34 – 02. Beltà, poi che t’assenti 00:06:55 – 03. Tu piangi, o Filli mia 00:10:04 – 04. Resta di darmi noia 00:13:12 – 05. Chiaro risplender suole 00:17:41 – 06. „Io parto“ e non più dissi 00:20:47 – 07. Mille volte il dì moro 00;23:57 – 08. O dolce mio tesoro 00:26:43 – 09. Deh, come invan sospiro 00:29:25 – 10. Io pur respiro in così gran dolore 00:32:20 – 11. Alme d’amor rubelle 00:34:17 – 12. Càndido e verde fiore 00:36:32 – 13. Ardita Zanzaretta 00:39:46 – 14. Ardo per te, mio bene 00:43:08 – 15. Ancide sol la morte 00:45:33 – 16. Quel „no“ crudel que la mia speme ancise 00:47:53 – 17. Moro, lasso, al mio duolo 00:51:28 – 18. Volan quasi farfalle 00:54:23 – 19. Al mio gioir il ciel si fa sereno 00:56:54 – 20. Tu segui, o bella Clori 00:59:15 – 21. Ancor che per amarti 01:02:34 – 22. Già piansi nel dolore 01:05:07 – 23. Quando ridente e bella

Al mio gioir il ciel si fa sereno

Il crin fiorito il Sole ai prati inaura

Danzano l’onde in mar al son de l’aura

Cantan gli augei ridenti

Scherzan con l’aria i venti

Così la gioia mia versando il seno

Io d’ogni intorno inondo

E fo, col mio gioir, gioioso il mondo.

Übersetzung siehe HIER

2. HOCHZEITSMADRIGAL, komponiert 1965/76, ist ein Lied an die unbändige Lebensfreude (Text: „Al mio gioir“, „Bei meiner Freude“). Es zeigt vier Abschnitte der Hochzeitszeremonie: Posieren der Gäste und Verwandten für Fotos an der Kirchenpforte – Einzug und Dröhnen der Glocken, mit Posen – Vorbereitung des Brautbetts bei Kerzenlicht, mit Posen – private Dialoge der Neuverheirateten (Text: das mittelalterliche deutsche Liebeslied „Du bist mein, ich bin dein …“), unter den spionierenden Blicken der Verwandten durchs Schlüsselloch, mit Posen.

Fortsetzung oben im Video Drei Madrigalkomödien ab 7:00

3. MORO, LASSO wurde 1963/72 zu Gesualdos 350. Todestag komponiert. Hier wird das Stück, wohl das bekannteste unter allen Madrigalen Gesualdos, aus einer rückwärtigen Perspektive gezeigt, wie für einen Zuschauer von der Seitenbühne aus: zum Läuten der Glocken lassen die Darsteller, hustend, knurrend, sich räuspernd, langsam die Masken lebender Menschen sinken und ihre in Wahrheit toten Gesichter zum Vorschein kommen

die Quelle: (Zeitangabe vor) Nr.17

00:00:00 – 01. Se la mia morte brami 00:03:34 – 02. Beltà, poi che t’assenti 00:06:55 – 03. Tu piangi, o Filli mia 00:10:04 – 04. Resta di darmi noia 00:13:12 – 05. Chiaro risplender suole 00:17:41 – 06. „Io parto“ e non più dissi 00:20:47 – 07. Mille volte il dì moro 00;23:57 – 08. O dolce mio tesoro 00:26:43 – 09. Deh, come invan sospiro 00:29:25 – 10. Io pur respiro in così gran dolore 00:32:20 – 11. Alme d’amor rubelle 00:34:17 – 12. Càndido e verde fiore 00:36:32 – 13. Ardita Zanzaretta 00:39:46 – 14. Ardo per te, mio bene 00:43:08 – 15. Ancide sol la morte 00:45:33 – 16. Quel „no“ crudel que la mia speme ancise 00:47:53 – 17. Moro, lasso, al mio duolo 00:51:28 – 18. Volan quasi farfalle 00:54:23 – 19. Al mio gioir il ciel si fa sereno 00:56:54 – 20. Tu segui, o bella Clori 00:59:15 – 21. Ancor che per amarti 01:02:34 – 22. Già piansi nel dolore 01:05:07 – 23. Quando ridente e bella

Moro, lasso, al mio duolo,

E chi può dar mi vita,

Ahi, che m’ancide e non vuol darmi aita!

O dolorosa sorte,

Chi dar vita mi può,

Ahi, mi dà morte!

Übersetzung siehe HIER

Fortsetzung oben im Video Drei Madrigalkomödien ab 12:22

Und was nun? (Mehr lesen!)

Es ist mir schon recht, dass mein Scanner die Gesualdo-Seiten aus dem ersten Band des Mammutwerkes von Frieder Reininghaus (u.a.) nicht in aller Schärfe wiedergibt, meine Absicht ist nicht, den Kauf dieser Fundgrube profunder Musikwissenschaft zu erübrigen. Um so mehr fällt ins Auge, dass der Inhalt sich leicht wie eine gute Tageszeitung fassen lässt, und ich muss deshalb auch noch die nächste Doppelseite folgen lassen, die zeigt, dass auch die Bebilderung zur Lebendigkeit beiträgt, selbst wenn es um einen grausigen Tod geht, den man bei Gesualdo ja immer auf der Lauer wähnt. Dabei gehen mir vor allem einige anrührende Zeilen durch den Kopf:

Er konnte nie alleine schlafen, ohne jemand, der ihn umarmte und ihm den Rücken wärmte. Zu diesem Zwecke hatte er einen gewissen Castelvietro aus Modena, der sehr zärtlich zu ihm war und immer bei ihm schlie, wenn die Fürstin fort war.

Am 8. September 1613 starb Gesualdo unter nicht genau bekannten Umständen – wenn nicht durch die Intrige seiner Schwiegertochter oder an Folge einer der  Prügelorgien, dann vermutlich an Asthma.

Autor: Alexander Ziane, Mitherausgeber des Werkes.

Ein Charakteristikum dieser singulären Musikgeschichte ist, dass man wahrhaftig nicht aufhören kann, von Kapitel zu Kapitel weiterzuwandern. Und ich schwöre, den Clou der Story vom Eigenlob der edlen Frau Musica halte ich geheim (er befindet sich im letzten Teil des nachfolgenden Kapitels, das von Albrecht Braun und Frieder Reininghaus selbst stammt). „Weil die lieben Engelein selber Musicanten sein“? Von wegen!

 

Näheres? (Sogar eine Preisangabe:) Hier.

Nachts am Schreibtisch

Visionen? Nein, Bilder! Und Bilder im Bild!

An der Glastür des Arbeitszimmers: Bilder von Jürgen Giersch (über dem japanischen Farbholzschnitt) das Aquarell „Pferderennen an der Nordsee“ und „Dolomiten: Hütte am Langkofel“.

Siehe auch HIER und weiter.

Oder eine Musik, die ich höre, ohne sie physisch hören zu müssen. Also vor dem inneren Ohr. Man kann auch Bilder dabei betrachten (sie verändert sich). Im externen Fenster. Oder indem man den Musikern, der Musikerin, den Gesichtern, den Bögen, den Fingern bei der intensiven Arbeit, bei dem bloßen Spiel zusieht.

MUSIK

Oder: Eine andere Welt? (Extern.)

Ausführende: Martynas Levickis – accordion, director Mikroorkéstra Chamber Ensemble | St. Catherine’s Church Vilnius 04.01.2019

Zwei drei Fragen der Zeit

Beethovens Metronom und das Tempo der Pandemie

Vorweg sei gesagt: es hat wirklich nichts miteinander zu tun. Ähnlichkeit besteht nur in der Logik der Alternativen. Zunächst die Frage: Irrte sich Beethoven oder ging sein Metronom zu schnell?

Apollinische Prüfung

In der neuen ZEIT berichtet Christine Lemke-Matwey über die unerwartete Auflösung des Problems: Beethoven hat falsch abgelesen, als er die Metronomzahlen seiner Werke nachträglich in die Noten schrieb. Er nahm die Zahl an der oberen Kante des auf- oder abwärts verschiebbaren Pendelgewichts, auf meinem Foto wäre es M.M. 60, aus Beethovens Sicht aber wäre korrekt die Zahl an der unteren Kante gewesen: M.M. 88 … nein, umgekehrt, denn dies ist ja die schnellere Variante. Oder? Man beklagt sich ja gern über die allzu hohen Zahlen der Beethovenschen Tempoangaben. Aber jetzt weiß ich selber nicht mehr, wie ich ablesen soll. Was schreibt denn Christine Lemke-Matwey?

Eine junge spanische Mathematikerin und ihr Kollege (beide ausübende Musiker) wollen das Rätsel nun gelöst haben. Beethoven, so das Ergebnis ihrer streng wissenschaftlichen Studie, habe das Metronom falsch herum abgelesen. Nämlich nicht, wie es sich gehört, oberhalb des kleinen verschiebbaren dreieckigen Gewichts am Pendel und seiner Zahlenleiste, sondern unterhalb des Gewichts; nicht am Schenkel des Dreieckchens, sondern an dessen Spitze.

Ja, gewiss, aber wie gehört es sich? Beim Apoll, ich sehe da oben kein Dreieck, sondern ein gleichschenkliges Trapez, das man allerdings nach unten hin (gedanklich) leicht zu einem Dreieck ergänzen könnte. Und wenn ich es lieber dort ablese, wo zwar keine Spitze ist, jedoch der schmalere Schenkel, wäre ich immerhin Beethoven etwas ähnlicher als manch einer vermutet hätte.  Andererseits: es könnte ja auch umgekehrt hängen, zum Beispiel wie beim folgenden Metronom:

Wikipedia

Immerhin: die Differenz zwischen oben oder unten abgelesen entspricht in etwa der Differenz zwischen den in der Praxis als „normal“ empfundenen Tempi und den strikt an den Beethovenschen Metronomzahlen orientierten. Abgesehen vom Satzbau: so einfach kann das Leben sein ! Ich kann mir gut vorstellen, dass Beethoven hier die längere waagerechte Kante für die maßgebliche gehalten hat, unter der man also ablesen sollte. Aber wie ist es nun wirklich??? Bei uns zuhaus, – welche Kante gilt? Wir sollten M.M. 60 einstellen (oben oder unten) und mit dem Sekundenzeiger unserer Uhr vergleichen. Wo oder bei welcher Einstellung stimmt die Frequenz überein? Dann wissen wir auch, welche Kante die richtige ist. Und müssen uns wegen wahnwitziger Metronomzahlen nicht die Kante geben.

Quelle DIE ZEIT 28. Januar 2021 Seite 43 Beethoven wollte gar nicht so schnell Ein großes Rätsel der Musikgeschichte ist gelöst. Von Christine Lemke-Matwey s.a. hier

*    *    *

Zu anderen Beethoven-Rätseln, z.B. seinen Krankheiten, gibt es dies neue Buch, das mir physisch vorliegt; dessen hätte es gar nicht bedurft, denn man kann es vollständig digital abrufen. Es beruht auf einem Beethoven-Symposion, das unter folgendem Link dokumentiert wurde:  Hier

Darin der ebenso fesselnde wie abstoßende Forschungsbericht von Christian P. Strassburg: Kapitel 5 (ab Seite 80) über „Beethoven: die Auswirkungen der internistischen Erkrankungen auf seine Kompositionen“. Zu dieser möglichen Wechselwirkung zwischen Krankheit und Werk insbesondere ab Seite 89 ff.

Ausgiebige Seitenblicke auf Schubert und Smetana, man erinnert sich unwillkürlich an die oft genug peinliche Behandlung des Spätwerks Schumanns, wo plötzlich alles unter Verdacht steht. Und man wird gewahr, auf wie tönernen Füßen die eigene Ästhetik steht. Es wirkt wie eine Flucht nach vorne, dass man im gleichen Zug die Kunst der Geisteskranken nobilitiert hat (vgl. hier) .

ZITAT

Beethoven selber beschreibt, dass er von dem Ertrage seiner geistigen Leistung abhängig sei. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die chronische Lebererkrankung mit den oben geschilderten Konsequenzen auch einen Einfluss auf die kompositorische  Schaffenskraft, aber auch die Art der Komposition gehabt hat. Die Musik Ludwig van Beethovens ist gekennzeichnet durch oft jähe Kontraste der Lautstärke, durch Ausbrüche, Perseverationen (…) und abrupte Wechsel der melodischen Linien oder des Metrums. All dieses kann schlicht der Einsatz von kompositorischen Mitteln eines genialen Geistes sein, es besteht aber die Möglichkeit, dass diese Genialität durch die hepatische Enzephalopathie beeinflusst worden ist. Anhand von Schriftproben und Verhaltensbeschreibungen von Ludwig van Beethoven erscheinen jedenfalls diese Diagnose und ein Einfluss auf die späten Kompositionen des Meisters sehr wahrscheinlich.

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Zur Logik der Pandemie Von Herfried Münkler

Was unterscheidet Covid-19 von den Epidemien der zurückliegenden Jahre, bei denen man durch Verhaltensänderungen die Infektion zuverlässig vermeiden konnte?

Das ist bei Corona nur sehr eingeschränkt der Fall. Der virale Angriff ist nicht auf die Leichtsinnigen und Rücksichtslosen beschränkt, sondern nutzt diese, um auf die vielen anderen überzuspringen. Die Egalität des Angriffs macht eine Egalität des Abwehrverhaltens erforderlich. Also müssen alle mitmachen. Falls nicht, scheitert die liberale Ordnung mit ihren starken Einschränkungen staatlicher Handlungsmacht an der Unvernunft einer Minderheit – auch darum, weil dann die vielen Vorsichtigen und Rüclsichtsvollen für einen Staat optieren, der alle, die dem entgegenhandeln, unter seine Kontrolle bringt. Sie setzen dann auf die „chinesische Lösung“.

Quelle DIE ZEIT 28. Januar 2021 Seite 8 Abschied von der Arroganz  China steht beim Kampf gegen das Virus besser da als der Westen. Was wir tun können, um trotzdem im Systemvergleich zu bestehen. Von Herfried Münkler

Vorher im Text der Systemvergleich, ausgehend von dem interessanten Politikparadox, »was … wesentlich ein Paradox der Politik in Demokratien ist«:

Wenn die gegen eine Gefahr eingeleiteten Maßnahmen sich als wirksam erwiesen haben, breitet sich anschließend die Vorstellung aus, die Darstellung der Gefahr sei übertrieben und die getroffenen Gegenmaßnahmen seien unnötig gewesen. Die dafür verantwortlichen Politiker stehen dann als sie Dummen da. Da sie dieses Image scheuen, reagieren sie, wenn schnelles präventives Handeln angezeigt wäre, notorisch zögerlich. Es gilt das Motto: Wer zu früh handelt, den bestraft der Wähler.

Es kam hinzu, dass in Regionen, in denen die Infektionszahlen während der ersten Welle niedrig waren, sich Immunitätsvorstellungen ausbreiteten, die zu Nachlässigkeit führten – dementsprechend schossen in Sachsen und Thüringen die Infektionszahlen in der zweiten Welle prompt nach oben. Das war keine ostdeutsche Spezialität, sondern betraf ganz Mitteleuropa, das von der ersten Welle weniger betroffen war als Süd- und Westeuropa. Es war auch kein mitteleuropäischer Sonderfall, wie jetzt das Beispiel Irland zeigt. Es handelt sich um ein Lernen in die falsche Richtung, bei dem selbstzufriedene Überzeugtheit von der eigenen Sonderstellung unmittelbar ins Verhängnis führte.

Bauernhof und Realismus

Eindrucksvolle Jahreszeiten-Serie auf ARTE !

Zum Nacherleben bis 12. März 2021. Man müsste Landwirte fragen, inwiefern diese Filme romantisiert sind? (Und ihnen auch wieder nicht alles glauben… Irgendwo wird erwähnt, dass es sich hier um einen Bio-Hof handelt). Wie hoch ist der Wahrheitsgehalt? Oder: etwa so wie bei Förster Wohlleben? In meiner Kindheit habe ich Hans-Hass-Filme gesehen und war sehr enttäuscht, als ich erfuhr, dass seine Abenteuer im Meer „frisiert“ waren. Das wirkte nach. Aber das war eine andere Zeit, die Fotografie heute ist so leistungsfähig, dass das bloße SEHEN zum Ereignis wird. Zumal das, was mich in diesen Filmen so anspricht, nicht gestellt sein kann, auch nicht hineingedeutet oder trickreich kompiliert. Beispiel: Wie Hühner einander beobachten. In einem Schweizer Radio-Essay (DRS) habe ich einmal einen Beitrag über die akustische Kommunikation der Hühner gehört und sie zugleich vorm Fenster gehört (in Ftan/Unterengadin). Sie sind klüger als man denkt. Einmalig: der Doppel-Balzflug der Milane. Nachzuprüfen wäre, ob die Kühe im Stall tatsächlich interessiert auf Musik reagieren (Zauberflöte), so dass mit Fug auf ihr Hörvermögen verwiesen werden kann. Weil diese neudierigen Tiere sich im Stall langweilen. Wie sie „begeistert“ mit Strohballen spielen. Die Filme werden zwar im Märchenton kommentiert (fürs Betrachten mit Kindern geeignet!), in der Wortwahl zuweilen anglisierend „angepasst“, andererseits wunderbar ruhig, am Detail interessiert, verweilend, die Fäden werden geknüpft und weiterverfolgt. Das olfaktorische Interesse der Schweine an den Stiefeln des Bauern. Der Bauer selbst (oder auch die Menschen) ganz selten im Bild, uneitel, man sieht alles aus dem Blickwinkel der Tiere. Selbst die Musik möchte ich loben, weil sie nicht nach Computer klingt und mit großer Sorgfalt motivisch und akustisch angepasst ist. Keine Karl-May-Effekte. Nicht so wie die schlimmen „Deutschland von oben“-Präsentationen.

Ich werde noch alle Verantwortlichen aus dem Nachspann notieren. Über den Regisseur Mike Nicholls (mit 2 L!) habe ich noch nichts Triftiges gefunden. Welche Naturwissenschaftler sind beteiligt?

HIER Das verborgene Leben der Bauernhoftiere Frühling – Erste Gehversuche

Pressetext:

Mit dem Frühling kehrt das Leben zurück auf den Bauernhof: Schneeglöckchen, zartgrüne Eichenknospen und Kirschblüten künden vom Neubeginn der Natur. Und sowohl die Tiere auf dem Hof als auch die Wildtiere in der Umgebung spüren den nahenden Frühling. Nach dem Winter ist es Zeit sowohl für die Nahrungssuche als auch für die Wahl des Partners.
Mit dem Frühling kehrt das Leben zurück auf den Bauernhof: Schneeglöckchen, zartgrüne Eichenknospen und Kirschblüten künden vom Neubeginn der Natur. Das Schaf Patch hat die Lämmer Larry und Flora zur Welt gebracht, die bereits über die grünen Felder tollen. Die Muttersau Grace sieht zu, wie ein neuer Freier namens Handsome Hugo auf den Hof kommt. Doch der Eber hat nur Augen für eine ihrer Nachbarinnen. Dem Hereford-Kalb Molly fällt es schwer, eine Adoptivmutter zu finden. Wenn das Jungtier, das noch mit der Flasche gefüttert wird, einen Platz in der Herde finden will, muss es von den anderen Tieren akzeptiert werden. In einem Brutstall hat sich Leithenne Sally ein gemütliches Nest gebaut. Allerdings schlüpft nur ein Küken, Little Frankie. Während die Dachse nach dem Einbruch der Nacht unweit des Hofs nach Regenwürmern suchen, veranstalten die Hasen auf den Feldern wahre Boxkämpfe: Weibchen treten gegen Männchen an, um deren Kraft zu beurteilen und so den besten Partner für die Paarungszeit zu finden. Auch am Flussufer ist der Frühling zu spüren: Eine Singdrossel füttert ihre Jungen, und zwischen den Brennnesseln entbrennt ein Streit zwischen männlichen Fasanen. Lola, das British-White-Kalb ist mit ihrer guten Laune für jeden Spaß zu haben. Im Bienenstock erwachen die Bienen aus dem Winterschlaf, um die ersten Blumen anzufliegen. Auf den Feldern wird neue Saat ausgebracht, was den Rotmilan anlockt. Mit den wärmeren Temperaturen erblühen Hunderte Englische Hasenglöckchen auf dem Hof und bedecken das Unterholz mit einem blauen Teppich.

Verfügbar vom 04/01/2021 bis 11/03/2021

HIER Das verborgene Leben der Bauernhoftiere Sommer – Sturm und Drang

HIER Das verborgene Leben der Bauernhoftiere Herbst – Der Wind dreht sich

HIER Das verborgene Leben der Bauernhoftiere Winter – Im Schutz des Stalls

Pressetext:

Ein eiskalter Wind fegt über den Bauernhof. Eine neue Apparatur versüßt den Kühen den Rückzug in den Stall: Eine rotierende Viehbürste massiert die Tiere. Als der erste Schnee fällt, wird ihnen Mozarts „Zauberflöte“ vorgespielt. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge hat klassische Musik einen beruhigenden Effekt auf Kühe.
Während sich die Tiere auf den Winter vorbereiten, fegt ein eiskalter Wind über den Bauernhof. Die Tiere der Wildnis zehren von den letzten Ressourcen des Herbstes, bevor die kältesten und unfruchtbarsten Monate des Jahres hereinbrechen. In der Scheune weckt eine Apparatur die Neugier der Kühe: eine rotierende Viehbürste. Dank ihrer genetisch veranlagten Neugierde lernen die Kühe schnell, das Gerät für eine wohlverdiente Massage zu nutzen. Als der erste Schnee fällt, wird den Stalltieren Mozarts „Zauberflöte“ vorgespielt. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge hat klassische Musik einen beruhigenden Effekt auf Kühe. Als das Thermometer fällt, verwandelt ein Schneesturm den Bauernhof in einen Eispalast, und jedes Tier hat seine eigene Methode, um in der Kälte zu überleben. In der Wärme des Stalls wachsen die neun Milchferkel schnell heran und erkunden ihre Umgebung. Bei den Schafen naht die Paarungszeit. Der Bock Roger kann sich zwar in Auseinandersetzungen gut behaupten, ist aber gegenüber weiblichen Tieren weniger selbstsicher. Als seltene Futterquelle in dieser Jahreszeit sind die beackerten Felder ein Glücksfall für die Wildvögel, besonders für jene, die Tausende von Kilometern gezogen sind, um der Kälte zu entfliehen. Im Hühnerstall erklimmt Little Frankie die Stufen der Hackordnung. Bei den Schafen bekommt Patch eine Ultraschalluntersuchung, die ihr Leben verändern wird. Während der Winter zu Ende geht und der Schnee schmilzt, werden immer mehr Anzeichen für einen Neubeginn sichtbar: Die Paarungszeit der Rotmilane und Amphibien kündet vom bevorstehenden Frühling.

Verfügbar vom 05/01/2021 bis 12/03/2021

Regie: Mike Nicholls / Land: Großbritannien / Jahr: 2020
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Väter und Söhne

Meine Turgenjew-Renaissance

Es begann Weihnachten 2020, also vor einem Monat: ich las zwei Geschichten, an die ich mich dunkel erinnerte, – siehe hier. Mehr als 60 Jahre lag die erste Lektüre zurück. Dostojewski und Turgenjew, besonders letzterer beeindruckte mich aufs neue. Ich wollte es eigentlich genauer beschreiben: wenn ich mich recht erinnere, hatte ich damals mit Blick auf mein Germanistikstudium ein kleines Buch gelesen, das ich in der Bielefelder Stadtbücherei gab, es war gerade erschienen, und zwar über die Form der Novelle, von Nino Erné, der – glaube ich – vor allem Maupassant behandelte. Aber diese ergreifende Geschichte „Erste Liebe“ schien ebenfalls genau der Theorie zu entsprechen, mit einem Geheimnis und einem wohlberechneteten Kulminationspunkt (die Szene mit dem Vater und der Geliebten). War es so? Oder alles mehr vom Gefühl her wirkend? Jedenfalls habe ich auch die andere Lektüre aus jener Zeit neulich wieder bereitgelegt und seitdem mehrfach die ersten vier Kapitel des Romans „Väter und Söhne“ gelesen, – mehrfach, weil ich Probleme mit den russischen Namen hatte und die Einfädelung der Handlung verwirrend fand. Das erste Kapitel sogar ungeschickt. Jetzt habe ich den Wikipedia-Artikel zur Nachhilfe eingeschaltet, wieder leicht irritiert, weil „Katja“ plötzlich als „Katerina“ auftaucht, habe aber immerhin eine klare Vorstellung von der Ausgangslage. HIER. Darüberhinaus habe ich gelernt, dass ich als junger Mensch das Buch genau 100 Jahre nach der Erstveröffentlichung entdeckt habe, ein Billigdruck jener Zeit; nicht einmal der Übersetzer war angegeben, nur die Notiz, dass es eine vom Verfasser autorisierte Ausgabe war. Wenn es mich jetzt wieder so beschäftigt wie einst, werde ich mir bis 12.V.2021 eine neue Ausgabe beschaffen (vielleicht dtv 2017) und diese genau 60 Jahre später versetzt-parallel zur Erstlektüre studieren und vergleichen. Eigentlich absurd. Ich habe einiges mit Bleistift angestrichen, und vermutlich hat mich die letzte Seite besonders angerührt. Das will ich wiedererleben, noch einmal so jung sein wie damals, und das ausgerechnet anhand eines solchen Textes… Aber es ist noch nicht alles. In diesen Jahren wanderten wir bei jedem Besuch in Bielefeld zum Grab meines Vaters. Wir mussten nur von unserm Garten aus, hoch über Bielefeld, die Promenade überqueren, drüben durchs Freudental und wieder hinauf zum großen Tor des Betheler Friedhofs. Siehe hier.

 

Szenen aus Turgenjews „Väter und Söhne“

Die jungen Leute: Basarow und Arkadij (Zehntes Kapitel Seite 45. Nebenbei: wer ist der im Text genannte Autor Büchner? Nicht etwa Georg, sondern Ludwig, der Bruder des Dichters, siehe hier.)

Die alte Zeit: Eine Liebe von Pawel Kirsanow (Seite 30 bis 32) Siehe auch genau diese Geschichte unten im Theaterstück ab 38:00. Am besten bis ca. 50:00, um einige Sprüche zur Liebe zu hören, auch Schumann und Mozart in ungewöhnlicher Interpretation und – Fürstin Anna kennenzulernen, die rätselhafte Frau Odinzowa: s.a. weiter unten im Text „Fünfzehntes Kapitel“.

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Nikolaj Kirsanow denkt nach: über seinen Sohn Arkadij

Die neue Zeit: eine andere Art zu lieben

Oben: Fünfzehntes Kapitel (Frau Odinzowa – „ein herrlicher Körper“)

Ergebnis der Re-Lektüre: es ist mir völlig schleierhaft, wie ich das damals als Jugendlicher ausgehalten habe. Ein so unattraktives Schriftbild, klein und eng, allerdings noch nicht so angegraut wie heute. Trockene Ausdrucksweise, viele unbekannte (und nirgendwo erläuterte) Worte und Begriffe. Sicherlich hielt ich das für den unvermeidbaren Preis, wenn man in einen fremdartige Gedankenwelt vordringen wollte. Und bei vielen Themen (Sexualität, Liebe, Mitgefühl) war es in den 50er Jahren selbstverständlich, dass alles, was einen wirklich umtrieb, verschleiert und nur andeutungsweise behandelt wurde. Genau wie 100 Jahre vorher. Das kam erst in den Jahren vor und nach 68 zu Bewusstsein. Klartext vermutete ich allenfalls bei Henry Miller, der sich allerdings nicht in meinem Bücherschrank befand. Das gesellschaftliche Tabu wirkte scheinbar ohne Gewalt. Prinzip „Schöne neue Welt“.

Die neue Übersetzung 27.01.2021 – überrascht auch inhaltlich wie völliges Neuland, flüssig geschrieben und wohltuend leserfreundlich, mit erhellenden Anmerkungen, Personenverzeichnis (sogar mit Aussprache- bzw. Betonungshinweisen), intelligentem Nachwort zur sprachlichen Charakteristik, z.B. über das Altern einer ehemals guten, vom Verfasser autorisierten Übersetzung.

ISBN 978-3-423-14721-7

Ein frisches Druckbild und eine brillante sprachliche Neufassung von Ganna-Maria Braungardt.

Aus dem fiktiven Schreiben der Übersetzerin an den Autor: dtv 2019

Und das Theaterstück werde ich erst ansehen, wenn ich mit dem Buch fertig bin.

Wikipedia:

Der irische Dramatiker Brian Friel adaptierte den Roman 1987 fürs Theater. In deutscher Sprache wurde diese Adaption 2016 am Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Daniela Löffner inszeniert.

Übrigens: wer das Buch gelesen hat, wird sich wundern, dass Katja (Katerina) in der Theateraufführung schwanger ist, was nicht recht zur Handlung passt, da sie eindeutig das tapsige Mädchen spielt, die unerfahrene jüngere Schwester der Anna Odinzowa. Es ist tatsächlich nur die Schauspielerin, die schwanger ist, – soviel Phantasie muss sein, und ich habe nichts gesagt…

Die Frau auf dem Youtube-Foto da unten ist Fenitschka; das Kind, das sie mit sich trägt, – imaginär, es bleibt unsichbar -, ist sechs Monate alt. „Er sieht meinem Bruder ähnlich“, sagte Pawel Petrowitsch. (Wir werden es nicht zu Gesicht bekommen.)

Es lohnt sich, über folgendes nachzudenken: wie lebendig stelle ich mir eigentlich, wenn ich lese, die Gespräche vor, die da stattfinden?  In welcher Lautstärke, mit wie ausdrucksstarken Betonungen und mit welchem Verlauf der Sprachmelodie? oder stelle ich mir das Gesprochene nur inhaltlich vor, als einen mehr oder weniger abstrakten Austausch von Informationen? Und wenn ich das Theaterstück gesehen habe und dann das Buch wieder zur Hand nehme: hat sich dann etwas geändert, höre ich dann innerlich die verschiedenen Stimmen? Sehe ich die Gestalten deutlicher vor mir?

Der Roman als Theaterstück (Adaption)

Physik und Physis / Zur Offenbarung der romantischen Gefühle (Aufführung um 1:54:00)

(alte Version)

(neue Version)

(Forts. alt) „Wo ich nicht bin, da ist das Glück“

(Forts. neu) „Schön ist es dort, wo wir nicht sind“

„Dort wo du nicht bist, dort ist das Glück!“

Abschließend:

Die Rezension(en) zur der Berliner Theater-Aufführung machen mich vollständig glücklich. Manches muss erstmal gesagt und (falls man es schon wusste oder ahnte) noch einmal deutlich ausformuliert werden. Ein großes Lob der „Nachtkritik“!  HIER !

Evolution und Assoziation

Was mir heute Morgen begegnete

Nicht zu vergessen: der Homo-Sapiens-Band steht immer noch im Wege oder liegt auf dem Tisch. Siehe hier. Aber donnerstags hat die neue ZEIT Vorrang. Vor allem, wenn es etwa so beginnt:

Einem Virus begegnet man genau ein Mal. Es dockt an eine Zelle an und dringt in sie ein. Dort zerlegt sich das Viruspartikel, setzt sein Erbgut frei und erlischt. Aber mit der Infrastruktur und den Ressourcen der Wirtszelle entstehen aus dem Bauplan des Virus Tausende neue Viren.

Schon vor vier Millionen Jahren haben frühe Formen von Viren das beginnende Leben parasitiert. Bis heute sind sie mit Abstand die erfolgreichste Existenzform auf diesem Planeten. Und das, obwohl sie ständig Fehler machen. Keine Kopie eines Virus ist wirklich exakt. Beim Abschreiben der Blaupause passieren Schnitzer. Varianten entstehen. Die meisten sind existenzbedrohend – die Kopiermaschine zerstört sich selbst, indem sie fahrlässig den eigenen Bauplan verstümmelt. Andere Fehler sind unerheblich, weil kleine Veränderungen in der Bauanleitung deren Sinn nicht entstellen. Sehr, sehr wenige Fehler sind nützlich, gehen aber unter, etwa, weil das Virus keinen neuen Wirt findet. Einige Fehler verbreiten sich – und fallen auf.

 Quelle DIE ZEIT Nr. 4/2021, 21. Januar 2021 Seite 39 Nach den Regeln der Natur Viren verändern sich unablässig. Sie können gar nicht anders. Die Mutationen von Sars-CoV-2 treiben Politik und Wissenschaft vor sich her. Von Ulrich Bahnsen und Andreas Sentker

Ich muss erwähnen, welche Musik ich höre: Murray Perahia mit der Bach-Partita in a-moll BWV 827 Sarabande. Immer noch dieselbe CD hier).

Hören!

Wer erzählt uns, wer wir sind und woher wir kommen: der Fisch. Denn die Geschichte unseres Körpers ist jahrmilliardenalt. Um sein Werden zu ergründen, müssen wir in der Evolutionsgeschichte weit zurückgehen. In seinem Buch Der Fisch in uns beschrieb der US-Paläontologe Neil Shubin 2008 auch, wo wir »die Landkarten für die Wege zum menschlichen Körper« finden: in anderen Tieren. Wie die Nerven im Kopf verlaufen, zeige uns der Hai von heute. Zeitgenössische Reptilien würden helfen, das Gehirn zu verstehen. Und der Weg zu den Gliedmaßen führe über die Fische.

In dieser Woche zeigen deutsche Evolutionsbiologen im Magazin Nature, wie recht Slobin hatte. In mühevoller Kleinarbeit haben sie das Genom der Australischen Lungefischs entziffert. Es handelt sich dabei nicht nur um das bislang umfangreichste vollständig sequenzierte Erbgut der Tierwelt – mit 43 Milliarden DNA-Bausteinen ist es 14-mal so groß wie das des Menschen -, sondern auch um das vielleicht spannendste. Denn es erzählt davon, wie die ersten Wirbeltiere dem Wasser entstiegen und das Land eroberten.

Ausgerechnet der Lungenfisch!  (…)

Die Lunge des Menschen, so zeigt das Erbgut, ist entwicklungsgeschichtlich auf dieselbe Herkunft zurückzuführen wie das Organ, das den Lungenfisch zum Luftholen befähigte. Während der Entwicklung als Embryo sind es die gleichen Gene, die die Entwicklung steuern. Dasselbe gilt für die Entwicklung des Geruchssinns. Das Genom des Australischen Lungenfischs lässt das Forscherteam nachvollziehen, dass schon damals jene Genfamilien stark wuchsen, die das Riechen der Luft ermöglichten, sodass die Tiere nach und nach Gefahren witterten, Futter finden und Territorien markieren konnten. Die Forscher identifizierten auch die genetische Anlage für das vomeronasale Organ. Damit können die meisten Tetrapoden Pheromene wahrnehmen, was etwa bei der Suche nach Sexualpartnern wichtig ist.

Er lehrte uns atmen Vor 420 Millionen Jahren eroberten unsere Vorfahren das Land. Da hatten sie noch Flossen. Einem Forschungsteam ist es gelungen, die Geschichte dieses epochalen Schritts nachzuzeichnen – an einem Lungenfisch. Von Urs Willmann

Was mir beim Hören passiert, scheint mir ähnlich zu verlaufen, ich folge den Motivspuren, wohin auch immer sie mich führen, im Netzwerk des Werkes. Oder in ein anderes Werk…

Und die Gedankensequenzen wandern hin und her, wie Motivketten…

Ich höre die Triolenketten und erinnere mich an ich weiß nicht was. Matthäus-Passion? Zunächst mal die g-moll-Arie anschauen. Aber das kann es nicht sein… („blutgefärbter Rücken“?) (Joh.passion! stimmt auch gar nicht…)

(Fortsetzung folgt nach Bedarf)

Schluderei in derselben ZEIT (auf der Seite 76 in Z „Entdecken“)

Zwischen diesen beiden Bildern sollen 5 Minuten liegen? Und die „Amsel“ soll sich nicht gerührt haben? Es ist keine Amsel, sondern allenfalls ein Hahn, und zwar als Skulptur. Sollte es im Schnee noch andere als menschliche Spuren geben: man erkennt sie nicht in den Grautönen des Fotos. Unzumutbar. Ein Rüffel von den Wissenschaftskollegen wäre fällig.

Schwein und Symbol

Vor 45.500 Jahren

Warum mich das Schwein bewegt? Dank der Süddeutschen und ihrer naturwissenschaftlichen Redaktion (Autor: Christian Weber). Vielleicht ist es zunächst die etwas flapsig wirkende Überschrift, dann aber vor allem das im Artikel auftauchende Stichwort vom „ältesten Ausdruck symbolischen Denkens“ rührt vieles an.

SZ 15. Januar 2021 Seite 13

Schauen Sie nur in den Blogartikel hier, und schon verstehen Sie mich: Symbolische Formen!!! Die Grundlage unseres Weltverhältnisses und die Voraussetzung der menschlichen Kunst. (Die Musik, Bach, Raga, Gamelan etc.)

Die Nachricht trifft auf gute Gesellschaft, man muss sich nur immer wieder die Mühe machen, die Bücher zu bewegen und zueinander in Beziehung zu setzen. Zu den neuesten gehört HOMO SAPIENS, der Große ATLAS der Menschheit, die Jahresgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft 2019, am letztmöglichen Bestelltag eingehandelt. Ich will daraus zitieren, um Gewicht und Größe zu dokumentieren.

Bitte anklicken und vergrößern!

Doch zunächst frage ich mich: wie fing das eigentlich alles an? (Private Evolution gewissermaßen.) Diese damals ganz neuen Fischer-Bücher, überhaupt die leichter erschwinglichenTaschenbücher, bedeuteten mir viel: auch „Einstein und das neue Universum“ oder LAOTSE herausgegeben von Lin Yutang.

Was für eine historische Strecke zwischen diesem Taschenbuch und dem Großen Atlas der Menschheit, der jetzt vor mir liegt, und dessen Rückseite mir schon Stoff genug gibt, um 1 Stunde lang den Namen und Völkern nachzugehen, die dort aufgelistet sind und miteinander in Beziehung gesetzt werden!

Klicken Sie nur drauf, nehmen Sie den Zoom in Anspruch, um den Stammbaum der Menschheit zu betrachten: unter den grün eingefärbten Namen finden Sie Russen, Italiener und Franzosen (nur damit Sie in etwa wissen, wo wir uns befänden), oben im gelben Bereich (na, wen wohl?), ja genau! Und nun gehen sie ganz herunter und etwas links: der Punkt bzw. das Sternchen dort: das ist der gemeinsame Vorfahr aller Menschen, also der Gattung HOMO SAPIENS. Und das Coverbild des massiven Werkes lässt ahnen, dass auch die Wanderwege des Menschen um den Globus sorgfältig dargestellt werden.

Und hier sehen Sie auf meinem kleinen Scan, einem Ausschnitt aus einer Weltkarte, wie und wann die Menschen zum Beispiel über Indonesien nach Australien gekommen sind. Auf der Karte finden Sie in orange eingezeichnet die Zahlen 14, 15 und 19, denen in der Liste darunter folgende Kennzeichnungen (nebst Jahreszahlen!) entsprechen:14 Vulkanausbruch des Toba, 15 Saravak (Niah-Höhlen) und 19 Bobongara (Bobongara Point). Wenn Sie den hier gegebenen Links nachgehen, finden Sie bereits nähere Informationen zur Menschheitsgeschichte.

Und wo liegt Sulawesi (s.o. im SZ-Artikel), die Insel mit dem Fundort des in Fels gezeichneten Schweins?

Ausschnitt aus Weltkarte S. 160/161

Zur weiteren Identifizierung nehme ich vorlieb mit einem Schulatlas aus dem Jahr 1960: da hieß Chennai (Südindien) – ganz links im Bild – noch Madras, weiter rechts unten sieht man den langgestreckten Bogen der indonesischen Inseln, darüber den Block Borneo, ganz rechts in der unteren Ecke die Küste Australiens, und dazwischen, wie ein seltsam gewundener Drachen „Celebes“, später umgetauft in Sulawesi.

Legende zur Doppelseite 160/161 „Menschen auf der ganzen Welt“

Die Besiedlung der Erde durch den anatomisch modernen Menschen lässt sich, nach den derzeit verfügbaren genetischen und archäologischen Daten, den hier dargestellten Verläufen entsprechend kartieren. Erstmals kann uns die Wissenschaft Auskunft über unsere geografische Verbreitung nach den Auswanderungen aus Afrika und die anfänglichen Wege zur menschlichen Vielfalt geben. Die alten Küstenlinien werden hier anhand hydrografischer Aufzeichnungen rekonstruiert. Die Daten verschaffen einen Überblick. Die Pfeilfarben entsprechen vier Stufen der menschlichen Besiedlung der Erde. [braun, blau, grau, orange]

HIER der Zugang zur Quelle (ich mache keine Reklame, ich bin nur dankbar dafür, dass ich das Buch bereits besitze). Man beachte aber auch die dort wiedergegebenen Kritikpunkte, z.B.:

Die französische Erstauflage datiert in das Jahr 2012, es folgten bis 2019 4 weitere Auflagen, ersichtlich und bedauerlich ohne Aktualisierung des Forschungsstandes. 2020 nun die ebenfalls nicht überarbeitet deutsche Ausgabe. Letzteres ist bedauerlich, denn auch wenn 8 Jahre wenig erscheinen, ist doch manches, vor allem wichtiges hinzugekommen, wodurch einiges im Buch bereits überholt ist. Insbesondere die frühesten, wissenschaftlich abgesicherten Nachweise des Homo sapiens, die 300 000 Jahre alten, überragenden Funde vom Jebel Irhoud in Marokko finden keine Erwähnung (Immerhin wird auf diese in einer winzigen Anmerkung „Hinweis für die Leser“ eingegangen. Ob diese über dem Impressum versteckte Notiz wohl von vielen Lesern entdeckt wird?). Diese und weiter hier einzureihende Neufunde stellen das im Atlas geradezu starrköpfig vertretene Dogma einer Herkunft aus Ostafrika mehr als in Frage. Überhaupt ergeben sich daraus gewichtige Argumente gegen eine monozentrische Entstehung von Homo sapiens. Die welthistorisch für die kognitiven und technischen Fähigkeiten der Menschen vor 300 000 Jahren wichtigen Speerfunde von Schöningen finden überhaupt keine Erwähnung – aber an diese weitgehende Nichtbeachtung bedeutender deutscher Fundkomplexe in der französischen Forschung hat man sich gewöhnt. Auch die faszinierenden Neanderthaler-Befunde aus der Bruniquel-Höhle, deren geistiger Hintergrund diese Art eigentlich bereits in den Rang eines Homo sapiens erheben, fehlen. Solches hätte man in einem Nachwort in der deutschen Ausgabe ergänzen sollen/müssen mit dem Hinweis, wie dynamisch die Forschung zurzeit voranschreitet.
Trotz dieser Kritikpunkte kann das Buch nur wärmstens empfohlen werden. Das relevante Quellenmaterial zur Thematik ist in hervorragender Qualität vorgelegt, viele Denkanstöße werden gegeben, z. B. zur „Vielfalt der Gene, der Völker und der Sprachen“. Zudem ist der Atlas bei Blick auf seine Ausstattung und seinen Umfang zu einem fast schon lächerlichen Preis zu bekommen.

[Wolf-Dieter Steinmetz M.A. 9.1.2021]

Die Banalität der Zerstörung

Nur nichts mehr von Trump

So hatte ich es mir gedacht, dies nur nicht im Blog, alles dazu ist oder wird ja schon gesagt. Wenn nur dieser Mann erst verschwunden wäre! Der Leitartikel in der Süddeutschen tat dennoch gut daran, ihn noch einmal an Shakespeares schrecklichsten Gestalten zu messen. Gerade weil es nicht einmal im weiten Reich der Phantasie etwas wirklich Vergleichbares gibt. Zu lächerlich, um es als „das Böse“ zu entlarven: Es hätte einfach kein aufklärerisches Potential. Keine Wahrheit. (s.a. hier)

USA Ein wahres Gesicht / Von Christian Zaschke / 9./10. Januar 2021 Seite 4 hier

Darin Folgendes:

Man könnte sich trotzdem noch einmal die Mühe machen, den Vergleichsmöglichkeiten nachzugehen, zumal die Schulen, die Institutionen des Lernens, weitgehend vom Lockdown betroffen sind. Ich sitze also an folgendem englischsprachigen Artikel. Nachzulesen in „The Atlantic“: hier. „The Feckless King“. (dict: nutzlos, untauglich, nichtsnutzig) genau! Aber sehen Sie nur, wie lang das schon her ist, Oktober 2020, und doch ist jede neue Stufe nur noch schlimmer geworden!

Eliot A. Cohen

Damals ging es „nur“ um Covid19, von dem Skandal um das Capitol ahnte man noch nichts. Nach wie vor ist die Anspielung auf Shakespeares Schreckensgestalten wie Macbeth, Richard II. oder Richard III. oder auf die Gestalten der altgriechischen Tragödie anregend, aber viel zu hoch gegriffen, – diese Charaktere haben mit Trump nichts zu tun. Der grassierenden Dummheit kann man nicht mit differenzierten Bildern und mythologischer Überhöhung begegnen. Was da geschehen ist, haben wir zu analysieren, ohne uns mit wohlfeilen Theorien abzugeben, die uns des eigenen Denkens entheben. Die Methoden der politischen und gesellschaftsbezogenen Aufklärung sind vorhanden und werden unentwegt auch in den großen Zeitungen (!) angewendet und entfaltet, man muss all diese Chancen nutzen und sich darin täglich üben. Was aber ist die Grundlage solcher Übung? Es ist nicht banal, es ist nur selbstverständlich: Kultur, Bildung, Musik, Kunst, Literatur, Theater, Wissenschaft – kurz: der ganze Überbau des Geistes. Sport und Spiel selbstverständlich nicht ausgeschlossen, aber das kommt von selbst, wie das Reisen und die Bewegungsfreude, alles, was den Menschen lebendiger macht. Vielleicht auch nur: teilnehmender. Ich meine: alles umfassend, was gesellschaftlich und privat gut ist.

Der Begriff von der Banalität des Bösen, den Hannah Arendt im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess 1961 prägte, hat mit Recht Kontroversen ausgelöst hat und sollte nicht unbedacht verwendet werden. Gerade deshalb habe ich ihn rekapituliert: nach der Attacke auf das empfindliche Gebilde der Demokratie. Man darf das nicht dämonisieren, denke ich. Eine erste Klärung: was bleibt davon, wenn man es heute noch einmal betrachtet, siehe zunächst in Wikipedia hier.

Zutreffend ist nur, dass die kindischen Verhaltensmuster des amerikanischen Präsidenten auch Formen des massiv Banalen in die politische Szene eingebracht hat, ohne dass sie auch nur entfernt mit der Todes-Maschinerie des Dritten Reiches verglichen werden könnten. Faschismus allerdings ist einfach organisierte Dummheit. Das Wort Wahnsinn wäre zuviel Ehre.

Aber ist das Wort Zerstörung nicht zu pauschal? Nein, er kann es nur nicht verwenden, weil es selbst für ihn zu negativ klingt. Er vernichtet keinen Menschen (abgesehen von den Todesurteilen), er sagt: „Sie sind gefeuert!“ Er sagt nicht: „Ich bin das alleinige omnipotente Ich, es gibt kein größeres neben mir!“ (Shakespeare s.u.: „I and I“). Er sagt: „Make America great again!“ (America= Ich, great again= great forever). Wenn er eine Mauer baut, heißt es nicht, dass er etwas erbaut, – er exkludiert, er eliminiert die Anderen

   *     *     *

Ein guter Grund dennoch, den Shakespeare-Bereich der Bibliothek aufzusuchen, das meiste stammt von 2008 (Neuss Festival), aber begonnen hatte es für mich etwa Juli 1959 nach einer Hamlet-Aufführung in Bielefeld.

Sämtliche Werke OTUS

Zitat „The Feckless King“

Trump does elicit torrid metaphors, and in this case some of those gloating observers (in concealed or open fashion, to their particular taste) seem to have in mind something like Act V, Scene iii of Richard III, in which the villainous king, before the Battle of Bosworth Field in 1485, is visited by the ghosts of those he has murdered. One by one, they make disobliging remarks such as “Let me sit heavy on thy soul tomorrow” and “Tomorrow in the battle think on me, and fall thy edgeless sword,” and, simply, “Despair and die.” The equivalent, one supposes, would be the ghosts of John McCain, Ruth Bader Ginsburg, and John Lewis giving the president a bad night of it during a fevered sleep.

But Trump is not, and never was, Richard III, or indeed any of Shakespeare’s other great villains, such as Iago or Macbeth. He is not as smart, well spoken, or competent as they are; he has limited self-awareness, and would be incapable of the poignant soliloquies that leave us with a sneaking sympathy for Richard III, in particular.

(Eliot A. Cohen: „The Feckless King“)

Otus Verlag

Oder: Rowohlts Klassiker in Einzelausgaben (1.7.1959)

„Richard loves Richard; that is, I am I. / Is there a murder here? No; yes, I am.“

Noch einmal: Gut und Böse? ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen erinnerte daran, was Joschka Fischer einmal nach dem 11. September 2001 seinen Mitarbeitern gesagt hat: dass diese Bilder, diese unglaublichen, die da zu sehen waren, und die, die das machen, – glaubt nicht, dass die das Böse sind. Das ist nicht das Böse, das sind Menschen, die glauben das absolut Gute zu tun, so wie im Dritten Reich Himmler und die Nazis. Er hat das damals so verglichen, und ich glaube, das ist nicht soviel anders. Man muss da natürlich vorsichtig sein, es trifft bei weitem nicht auf alle zu, die wir da gesehen haben, aber dieser feste, unerschütterliche Glaube, dass man im Recht ist, der ist der fruchtbare Boden auch für Gewalt… (Lanz-Sendung 12.01.21 ab 14:05).