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Zur Analyse arabischer Musik (II)

Das Beispiel „Lessa Faker“ im Maqam Ajam mit Oum Kalthoum 

Fortsetzung der Arbeit, die im November 2016 HIER begann.

1. Glaubst du immer noch, mein Herz vertraue dir, oder glaubst du, ein Wort bringe zurück, was einmal war, oder ein Blick könne wieder Sehnsucht mit Zärtlichkeit verknüpfen? Das war einmal, erinnerst du dich noch, das war einmal, war einmal…

2. In jenen Tagen flossen in meinem Herzen Tränen, und du hattest Vergnügen an meinen Tränen, aber sie waren mein Leben.
Sie waren etwas Unbedeutendes für dich, und jedes Mal löschte ein Wort etwas von meinem Vertrauen in dich und von meiner Geduld, ein Wort, ein Wort, und als die Leidenschaft zusammen mit den Verletzungen dahin schwand, ging das, was ich erleiden musste in meiner Nacht, mit dem (neuen) Morgen in Vergessenheit, und auch die Liebe und die Leidenschaft und Zärtlichkeit, und wenn du mich heute fragst, sag‘ ich dir: das war einmal, war einmal. Erinnerst du dich noch? Es war einmal…

3. Wie sehr dich meine Seufzer ergötzten, und sie kamen von deiner Grausamkeit und den Tagen, die auf mir lasteten, du hörtest sie wie eine Melodie, während ich ihr Echo hörte, ein Feuer, ein Feuer, das unsere Liebe nach und nach dahinschmelzen liess,
die Melodie brachte dem Herzen ihre Süsse zurück, und dir blieb ihre Grausamkeit, die Leidenschaft, die für mich bedeutungslos geworden ist, du hast begonnen, ihren Wert zu erkennen.
Heute ist die Liebe eine vergangene Geschichte, wenn du mich fragst, sag‘ ich dir: das war einmal, war einmal.
Erinnerst du dich noch: es war einmal, war einmal…

4. Die Nächte, die Nächte nanntest du leeres Spiel, und sie waren doch wertvolles Leben. Ich verbrachte meine Nächte damit, dich zu fragen nach meinem Zweifel und meinen Tränen, während du dich erfreutest an meiner Ratlosigkeit und meinen Ängsten.
Sag mir: was willst du von mir, nachdem wir wissen, dass alles zu Ende ist?
Bist du gekommen, sehnsüchtig nach meiner Liebe oder nach meinen Tränen und meinem Schmerz?
Heute ist die Liebe eine vergangene Geschichte, wenn du mich fragst, sag‘ ich dir: es war einmal, war einmal…
Erinnerst du dich noch: es war einmal, war einmal, war einmal…

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Übersetzung aus dem Arabischen, nach dem Original: © Dr. Hans Mauritz (Luxor) 2017

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(Fortsetzung folgt)

Neue Musikbücher, – die Frage der Kontrastbewältigung

Ich habe beste Erinnerungen an meine frühesten Begegnungen mit Telemann, die Sonatinen, egal, ob ich 10 oder 12 Jahre alt war, ich kann sie bis heute auswendig, jedenfalls die in F-dur, A-dur und in D-dur. Ich habe dadurch eine Vorstellung bekommen, was Melodie ist und musikalischer Zusammenhang, – kleine, sehr überschaubare Modelle. Und warum versuchte ich zugleich, mir eine historisch-exotische Musikgeschichte zusammenzuschreiben, – ohne Bezug zu dem, was ich praktizierte? Natürlich hatte alles Bezug aufeinander, obwohl es auch miteinander kontrastierte. Wieso muss man das begründen? Irgendwann und irgendwie rücken die Felder zusammen.

Telemann Sonatinen  Ägypten 50er Jahre 1952

Telemann Rampe   Nubische Lieder 2017

Telemann Hamburger Ebb+  Nubische Lieder CDTelemann Hamburger Mitwirkende 1984 (siehe: Violine)

Freund Berthold aus Berlin macht mich genau in diesem Moment – während der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Schreiben – auf ein Werk von Moritz Eggert aufmerksam, das sich auf eine Aufnahme von Oum Kalthoum (Kalsoum) bezieht: „Hämmerklavier VI (1994) Variationen über Teba Ini Leh“. Ohne behaupten zu wollen, dass Moritz Eggert der Telemann unserer Zeit sei, will ich der Beziehung zu der ägyptischen Sängerin nachgehen (Hervorhebung in roter Farbe von mir, JR):

Haemmerklavier VI, short english text
Oum Kalsoum ist considered to be „the“ singer of arabian music. She became famous in the 30’s of the last century, and her famous singing style is imitated up to the finest embellishments by young singers until today.
I have purposefully selected a chanson by her as a theme for a cycle of variations – the idea was to take it as a kind of “objét trouvée” (I know very little about Arabian music, and therefore approached the subject without any inhibitions) which results in an audible clash between occidental and oriental ways of thinking. I never tried to imitate Arabian music, rather it is my honest and very western reaction to the music that is the real theme of the piece. The clash is not resolved, and the friction is part of the energy of the music, which also demands extreme playing techniques by the pianist.

Moritz Eggert, 3.2.2003

Quelle siehe HIER / Man höre seine Arbeit zum Beispiel auf Spotify hier.

Und dann kann man Moritz Eggert (von ihm nicht gewollt) und Oum Kalthoum im Wechsel erleben, indem man parallel die youtube-Aufnahme der Sängerin abspielt, z.B. hier oder hier:

Bei den drei Kölner Geigenfestivals „Westöstliche Violine“ 1980, 1984 und 1989 hätte man Oum Kalthoums Konzertmeister Mohammed El-Hefnawi und Reinhard Goebel mit Musica Antiqua Köln auf derselben Bühne nacheinander erleben können, auch die Oboen-Festivals „Das Schilfrohr tönt“ in Köln, Düsseldorf und Wuppertal waren ähnlich korresponsiv angelegt, ohne Heterogenes zu vermischen.

Ägyptische Geige West-östliche Violine 1980 (Foto WDR)

Musica Antiqua Köln 1989 West-östliche Violine 1989 (Foto WDR)

An audible clash ist vielleicht genau das, was ich immer gesucht habe, ohne zu erwarten, dass dieser Clash sich in Wohlgefallen auflöst. Es ist die Kontrastbewältigung, aus der musikalische Energie entsteht. Auch privat.

Was zunächst einmal diesen Blog-Artikel betrifft: ich muss sowohl das neue Buch über Telemann von Siegbert Rampe als auch das Buch der 99 nubischen Lieder als Aufgabe und Thema für spätere Blog-Artikel zurückstellen. Telemann im Zusammenhang mit dem wiederkehrenden Komplex dreier ausgewählter Zeitgenossen, z.B. Quantz: („der hohe Beamte“), Telemann („der Unternehmer“) und Bach („der Unangepaßte“) in Peter Schleunings Buch „Das 18. Jahrhundert: Der Bürger erhebt sich“ von 1984. Oder neuerdings in der Untersuchung „Gott bei Bach und Händel“ (plus Telemann) von Jin-Ah Kim In „Musik & Ästhetik“ Heft 80, Oktober 2016.

Während die nubische Melodie, die ich suche, in den 99 Liedern nicht zu finden ist und als Thema vielleicht zurückstehen muss, einfach weil Saint-Saëns und sein 5. Klavierkonzert nicht von so überragendem Interesse ist. Das Thema Nubien allgemein wird mich jederzeit aufs neue bewegen, weil es einen Bogen zum Jahr 1961 (Assuan-Skandal) und zu Hans Mauritz in Luxor schlägt. Auch zu den Arbeiten von Artur Simon… (es ist ja diese Musik, die ich erhoffte, nicht die Serienproduktion am Rande der Moderne, – auch interessant, aber nicht weiterführend). Und es brennt nicht.

Was zunächst als „audible clash“ erscheinen mag, kontrastiert harmonisch mit dem Konzept des Musikethnologen Mantle Hood, das er als Bi-musicality bezeichnet; es führt letztlich dahin, dass man jeder Musik, die ernst gemeint ist, etwas abgewinnen kann; auch wenn man nur mit wenigen Musiken der Welt (und selbst innerhalb unserer Welt) in familiärem Sinn vertraut sein kann. Wenn man vom „Verstehen“ spricht, heißt das nicht, Forderungen zu implizieren, die in den zwischenmenschlichen Beziehungen unerfüllbar sind. Der Widerspruch – oder Kontrast – zwischen Eigenem und Anderem ist „systemimmanent“.

OBOE Schilfrohr Detail: OBOE Schilfrohr Ausstellung

Das Programmheft zeigt, wie ich damals, mit Wagners Leitmotivtafeln im Sinn, Interesse für indische Musik und die spezifische Charakteristik eines Ragas  zu wecken suchte:

OBOE Schilfrohr Indien Dipak b

Die Zusammenarbeit zwischen Prof. Christian Schneider und JR wurde über Jahrzehnte fortgesetzt, zuletzt mit Blick auf ein Oboen-Lexikon, das voraussichtlich im Mai 2017 im Laaber Verlag erscheinen wird. (Siehe hier). Seine eindrucksvolle Sammlung wird wahrscheinlich im Laufe dieses Jahres nach Berlin wandern…

Zur Analyse arabischer Musik (I)

Ein Beispiel im Maqam Ajam mit Oum Kalthoum

Die chronologische Verortung der Aufnahme „Lessa Faker“ auf 1963 findet man bei Ysabel Saiah „Oum Kalthoum“ Paris 1985 Seite 243, wie folgt:

oum-kalthoum-lessa-faker  als „Lissah fakir“ HIER jedoch auf 1960.

Dieser Entdeckung ging eine andere voraus: nämlich die der Internet Maqamlessons, erarbeitet und ins Netz gestellt von Sami Abu Shumays, einem arabischen Violinisten, der in New York lebt. Man kann z.B. hier beginnen. Oder sich über die Arbeit des Musikers informieren: HIER.

Was ist Jins (Ajnas)? Es bedeutet das gleiche wie bei d’Erlanger (La Musique Arabe) das Wort „Genre“, nämlich die kleinste melodisch-motivische Einheit innerhalb eines Modus (Maqam). Siehe auch hier.

Für mich begann es mit diesem Link:

http://www.maqamlessons.com/analysis/lissafakir.html oder HIER WICHTIGER LINK!

Im folgenden ein Ausschnitt aus der oben verlinkten Gesamtaufnahme (vorläufig entfernt, weil nicht mehr abrufbar), jedoch als Film (!), bei 1:13 beginnt ein Thema, das mich elektrisierte; es erinnerte mich stark an die „Rubayat Omar Khayyam“, die ich mir vor langer Zeit erarbeitet habe (auch von Riad Sunbati komponiert). Hier wie dort: es handelt sich um Maqam Saba (innerhalb des Gesamtumfeldes Maqam Ajam, der auf dem Ton B steht und durchaus an B-dur erinnert.) Wenn man den Anfang der obigen Aufnahme mit den Tönen des B-dur-Dreiklangs als „rein westlich“ inspiriert betrachtet, verkennt man, dass die Töne B – D – F  wichtige Funktionen im Maqam Ajam einnehmen, was im folgenden leicht zu erkennen ist.)

Zum Maqam Ajam siehe bei Wikipedia HIER, vor allem aber in maqamworld.com HIER / Unter „Maqam Shawk Afsa“ wird genau die Variante erwähnt, die man im Film bei 1:13 erlebt: „Saba“ als Bestandteil des Maqam Shawk Afsa (unter den Recording Samples findet man als drittes eine Stelle aus Oum Kalthoums „Lissa Faker“). Jedoch wird Hijaz auf F zur Erklärung herangezogen (auch Kurdi auf D gehört in diesen ES-Kontext), weil für Saba korrekterweise der Ton ES (in D-ES-F-GES) einen Viertelton höher läge, was tatsächlich im obigen Film ab 1:13 im Orchester gut zu hören ist. (Vgl. direkt unter Saba. Siehe dort auch unter Saba Zamzam).

Weiterer Lernstoff (erster Zugang zum Text, ungesichert):

http://www.shira.net/music/lyrics/lisah-faker.htm oder HIER

http://www.arabiclyrics.net/Oum-Kalthoum/Lessa-Faker.php oder HIER

Arabischer Text: HIER.

Dank an Manfred Bartmann (über Facebook, sehr empfehlenswerte Beiträge)

Ägypten lieben!

Ich habe den kürzesten und stärksten Titel für diesen Blog-Beitrag gewählt, obendrein als Imperativ, weil ich nicht teilhaben will an den üblichen Bedenken gegenüber allen Ausdrucksformen der arabischen Kultur. Ich kann weder Arabisch lesen noch Arabisch sprechen, und doch hat mich der Klang der arabischen Sprache zutiefst berührt, seit ich ihm zum erstenmal begegnete, und immer wieder. Nicht anders ging es mir mit der arabischen Musik, allerdings ist es vielleicht kein Kompliment, wenn ich sage, dass sie auf mich wie ein berauschendes Getränk gewirkt hat. Noch weniger, wenn ich zugebe, dass die alten Aufnahmen von Oum Kalthoum immer noch eine Sog-Wirkung ausüben, wie ich sie nur von der „unendlichen Melodie“ der Wagnerschen Dramen kenne. Aber es ist so! Und Freund Hans war es, der vor Jahren die Wirkung vertiefte, indem er mir eine neue Übersetzung der Rubayyiat al Khayyam schrieb, samt einer Wort-für-Wort-Transkription des arabischen Textes (siehe ganz unten). – Immer wieder hat er mich teilhaben lassen an seinen literarischen Entdeckungen und mir einzelne Arbeiten für diesen Blog überlassen. Zum Beispiel zuletzt über Latifa az-Zayyât, die „Mutter Courage Ägyptens“ hier. Oder den biographischen Essay über „Sayyed Qutb – vom Dorfkind zum Islamisten“ hier.

Man kann übrigens weitere Essays von Hans Mauritz abrufen, wenn man unter dem folgenden Link zum Autorenverzeichnis geht – oder gleich mit dem Bericht beginnt über „Ahmad Abou Khnegar und die Schlucht am Rande der Wüste“: Hier.

khnegar_wueste_sonne Claudia Ali Foto ©Claudia Ali

Aber heute, nach so vielen Jahren, kommt „yâ duktûr“ – Dr. Hans Mauritz – derart leichtfüßig daher, wie ich ihn selten erlebt habe: mit einem hinreißenden Büchlein über die arabische Sprache und über das unmittelbare sprachliche Umfeld, in dem er seit vielen Jahren lebt. Mit Vergnügen erkenne ich ihn selbst auf der Titelseite:

Mauritz Arabisch Ägyptisch a Mauritz Arabisch Ägyptisch b

Mich animiert die Lektüre alsbald, weitere Publikationen des Verlages anzuschauen – www.kubri.ch oder: HIER . Und der Name Daniel Reichenbach, der unter den Titelzeilen des Buches zu lesen ist, führt zu einer hochinteressanten Thematik: zur arabischen Kalligrafie! Siehe auch zur Kalligrafie in anderen Kulturen hier.

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Arabisch lernen Ambros Arabisch lernen Klopfer

Arabisch Harder 1968 & 1962 beides eine Zumutung!

Nach wie vor warten die alten Lehrbücher auf mich, vergebens, aber warum soll ich sie nicht neben das neue Büchlein legen und mich fragen, warum damals alle meine Mühen ins Leere liefen, zugleich immer wieder Früchte tragend. Damals (in den 60er Jahren) war auch die Musik schuld, mir ihren täglichen Ansprüchen. Neuerdings aber kam ich vom Arabischlernen aufs Solinger Platt und auf die „Reinheit der Sprache“: nämlich hier. Und heute? Hans Mauritz hilft, da ist neue Hoffnung!

(Fortsetzung folgt später. Festgehalten seien zwischendurch ein paar Links, zu denen ich ausgewichen bin und zu denen ich gern bei nächster Gelegenheit zurückkehren möchte: vielleicht eher im Rahmen eines neuen Artikels…)

HIER Eine Kopie der Oum-Kalthoum-Aufnahme, gut gemacht, aber ohne deren Kraft.

Oum Kalthoum Original HIER (Ausschnitt, durch künstlichen Hall verschlimmbessert)

Die Verherrlichung Oum Kalthoums im Café, das ihren Namen trägt. An der Wand ein Bild ihres Textdichters Ahmed Rami.

HM Foto Oumm Kalthoum u Ahmed Rami Foto Hans Mauritz (Kairo 2013)

„Robayyat al Khayyam“ Text: Ahmed Rami, Musik: Riad as-Sunbati: Die vollständige, originale Aufnahme (ohne zusätzl. Hall, aber nicht unbedingt zwingend visualisiert)

Der Anfang meiner Notation (Transkription des arabischen Textes: Hans Mauritz):

Rubayyat Anfang

Und… könnte vielleicht jemand missbilligend fragen …. wie konntest du nun aus fadenscheinigen Gründen so weit vom Thema der arabischen Sprache  abweichen… und noch viel weiter: vom Thema der vergangenen Woche, Arnstadt, Wechmar usw.???

Ich würde antworten: ganz einfach, das hängt doch alles zusammen! Vorausgesetzt die Ohren bleiben weich und offen. Man kann ohne Irritation nach einer Bachschen Toccata ein arabisches Taqsim hören und weitergehen mit einem Contrapunctus aus der Kunst der Fuge. Und darf ich auch an die kalligrafischen Einlagen und Blumenmuster erinnern? Lassen Sie mich mit einem berühmten Siegel schließen; es wird Ihnen nicht schwerfallen, im Angebot des Verlags Kubri eine arabische Parallele zu finden…

JSB JSB

Ich wähle einstweilen diese:

Wissen ist Licht

 

The Black Day of Egypt

Vor 40 Jahren starb Oum Kalthoum

„funeral of umm kalsom sheikh abdul basit is reciting the holy quran with sheikh mustafa ismail“:

Diesen Hinweis verdanke ich Freund Berthold und seinem Hinweis auf die Zeitung The Qietus bzw. diesem Artikel der Zeitung.

HM Foto Oumm Kalthoum u Ahmed Rami kl

Foto: Hans Mauritz 2013 Kairo „Im Café Umm Kalthoum“ Die Sängerin und ihr Textdichter Ahmed Rahmi.