Kein Witz für Kinder (warum?)

Das Märchen vom Froschkönig

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön. Aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich wunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. In der Nähe des Königsschlosses lag ein großer dunkler Wald, und in dem Wald unter einer alten Linde war ein Brunnen. Wenn nun der Tag recht heiß war, ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens. Und wenn es Langeweile hatte, so nahm es eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder: Das war sein liebstes Spielzeug.

Einmal fiel die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen, sondern vorbei auf die Erde und rollte geradezu ins Wasser hinein. Die Königstochter blickte ihr erschrocken nach, aber der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter. Da rief ihr jemand zu: „Was ist mit dir, Königstochter?” Sie sah sich um, woher die Stimme käme. Da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. Sie sagte: „Ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinab gefallen ist.” – „Sei still und weine nicht”, antwortete der Frosch, „ich kann dir helfen, aber was gibst du mir, wenn ich deine Kugel wieder heraufhole?”

(Fortsetzung siehe hier)

Was ich in dieser Version des Märchens vermisse? Ich kenne es sozusagen auswendig, mit der Stimme von Mathias Wiemann, von dem ich als Kind eine 78er Schallplatte besaß. Und da antwortete das Mädchen, als es die Stimme hörte und den Frosch erblickte: „Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher!“ Darauf möchte ich nicht verzichten, und ich würde normalerweise weitersuchen, bis ich die Wasserpatscher-Version gefunden hätte. Aber wenn ich das Märchen selbst erzähle, habe ich natürlich freie Hand, es abzuwandeln, nur ein Kind erlaubt das nicht. (Ich bin weiterhin ein Kind.) An dieser Stelle aber rechne ich nur damit, dass jeder den Schluss schon kennt, wo das Mädchen den angeblich so garstigen Frosch an die Wand wirft. Und als er herunterfällt, steht da stattdessen ein wunderschöner Prinz. Das versteht jedes Kind, reagiert mit Erleichterung, vielleicht mit leisem Kopfschütteln über die Undankbarkeit des Mädchens, da ihm das Tierchen ja nichts zuleide getan hat, im Gegenteil.

Was mich noch interessieren würde, ab wann wohl ein Kind heutzutage den Witz verstehen würde, der gedanklich an das Märchen anknüpft. Ich vermute, ein Kind unter fünf Jahren würde überhaupt nicht lachen:

Der Frosch, den das Mädchen vom Brunnen mit nach Hause genommen hatte, sagte: Ich bin ein verzauberter Prinz, du musst mich an die Wand werfen, dann bin ich erlöst! Da steckte das Mädchen ihn zurück in die Tasche und meinte: Ein sprechender Frosch ist mir lieber als ein Prinz.

Für uns ist es völlig klar, aber auch nicht leicht zu erklären. (Umschlag der Erwartung.) Das kleine Kind wird nicht lachen, sondern auf dem korrekten Ablauf des Märchens beharren.

Eine ganz andere Frage: Warum lachen wir über ein Kind? Schopenhauers Witztheorie (Stichwort „Inkongruenz“). Natürlich lachen wir es nicht aus, wir lachen ja mit Rührung. Hoffentlich.

Kleines Kind, große Welt

(Foto: E.Reichow 2010)

Reisenotiz zu Bach privat

Eine neue CD in SWR2

Ich nenne den Sender, weil ich dankbar bin: gute Präsentation (Katharina Eickhoff), viele und ausführliche Musikbeispiele, sachkundige Beurteilung von Stimmen; was erzählt wird, kann man auch wirklich hören, kein Sachverständigen-Geschwätz, in der Tat: einzigartige Bach-Interpretationen in einer Compilation, die unwiderstehliches Verlangen erzeugt, genau diese Musikfolge oft zu hören. (Die CD werde ich zuhaus vorfinden!) Man kann auf jpc einen Eindruck davon gewinnen: HIER.

Übrigens war auch der Rest der Sendung von A – Z hörenswert, dank der Auswahl und dank der ohrenöffnenden Moderation, und vor allem: ZEIT, ZEIT, ZEIT, – nichts erinnerte an die heute üblichen Kurz-Rezensionen mit den grässlichen Qualifizierungsklischees unglaubwürdiger „Fachleute“. Natürlich gefällt nicht jedem jedes Wort (die Sofa-Assoziation kann ich entbehren), aber der Text ist perfekt individualisiert: ich nehme alles wohlwollend auf. Ein Lernen ohne Vorsatz. Hier der Moderationsbeginn (zum Namenmerken!):

Bei Bachs unterm Sofa hätte man ja gern mal Mäuschen gespielt. Die CD „Bach privat“ bietet zwar keine neuen Erkenntnisse über das geheime Leben der Bachs, aber sonst ist sie ziemlich schön. Vorneweg hat sie schon mal ein optisch originelles und inhaltlich feinsinniges Cover mit lauter Klingelknöpfen aus Messing, darunter polierte Namensschilder, die obersten zwei zeigen ein vertrautes Wappen: Es ist das Familienwappen der Familie Bach, darunter, auf den weiteren Schildern, die Namen der Musiker, die sich da sozusagen bei Bachs aufs Sofa gesetzt haben: Die Sänger Anna Lucia Richter und Georg Nigl, die Geigerin Petra Müllejans, der Cellist Roel Dieltiens, und der spiritus rector des Ganzen am Cembalo: Andreas Staier.

(zur Fortsetzung HIER)

Man kann übrigens die ganze Sendung (auch der Rest lohnt sich!) nachhören: HIER. Besonders hörenswert die „Behandlung“ der Sängerin der Mahler-Lieder, gerade weil auch die vorsichtige Distanzierung völlig nachvollziehbar ist.

Kein Personenkult, – aber man kann sich auch über die Moderatorin Katharina Eickhoff per google in SWR2 kundig machen: sie erzählt – ohne Selbstbeweihräucherung – wie es dazu kam, dass sie sich auf Stimmen „kaprizierte“. Zunächst also ganz allgemein vormerken: SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs 08.09.2017. Und in diesem Sinne weiter so, Neues erkunden: hier.

Südtirol Ausblick Prackfiederer 170913 Foto JR Ausblick Prackfied 13. Sept. 2017

18.09.2017 

Nach der Rückkehr aus Südtirol finde ich tatsächlich, wie erhofft (und bestellt), die CD vor, die ich auf der Hinreise im Auto kennengelernt habe:

Bach privat cover BACH PRIVAT bei ALPHA CLASSICS 2017

Und entdecke, dank eines Berichtes im Solinger Tageblatt vom September 2014, dass die mir unbekannte Sängerin sich – zumindest damals gerade – in Solingen niedergelassen hatte, von mir aus gesehen gewissermaßen auf dem Nachbarhügel: im Stadtteil „Aufderhöhe“. Den Cembalisten Andreas Staier kenne und schätze ich aus seiner Zeit bei Musica Antiqua Köln, wo ich in den 80er Jahren als Geiger mitwirkte. Später begegnete ich ihm wieder, als er mit unserem Collegium Aureum als Fortepiano-Solist Mozart spielte, – eine unglaubliche Rubatopraxis, die ich nie mehr vergaß.  Andreas Staier ist hier für das Gesamtkonzept des BACH PRIVAT – Programms verantwortlich. Des weiteren möchte ich hervorheben, dass auch das Booklet der CD, – das in der SWR-Sendung, wie in solchen Fällen weithin üblich, gar nicht erwähnt wird -, dem überragenden Niveau der Interpretation entspricht: der Autor ist Prof. Dr. Peter Wollny.  Einen Eindruck vom Umfang und Ziel seiner Arbeit in Leipzig erhält man am eindrucksvollsten anhand der Interviews des Projektes L.I.S.A., dokumentiert →  HIER

BEISPIEL zur Behandlung von „Privatangelegenheiten“ in Bachs Zeit (Abschrift aus Episode 10):

Warum wissen wir so wenig über die Person J.S. Bach?

Peter Wollny antwortet (a.a.O. ab 4:40 bis 6:23):

Im frühen 18. Jahrhundert waren die Leute insgesamt viel privater als wir das heute sind. Die haben davor zurückgeschreckt, Privates mitzuteilen, etwas aus ihrem Denken und Fühlen unmittelbar preiszugeben. Das ändert sich dann: im späten 18. Jahrhundert hat man ja diese wirklich endlosen Folgen von Tagebuchaufzeichnungen und wirklichen Privatbriefen. Aber zur Zeit J.S. Bachs ist es noch anders. Das ist der eine Grund, also die generelle Reserviertheit. Ich glaube, jemand wie Bach würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn er sähe, wie heute mit Reality Soaps und den sozialen Medien, also mit Privatem umgegangen wird, also das war alles ne ganz andere Zeit. Und das zweite ist, dass Bach speziell anscheinend überhaupt sehr ungern Briefe geschrieben hat, sehr ungern Persönliches notiert hat, und nur ganz selten erfahren wir mal so zwischen den Zeilen, was ihn bewegt hat. Und das dritte ist, dass es eine Überlieferungssituation [gibt], dass eben aus dem frühen 18. Jahrhundert überhaupt nur amtliche Schriftzeugnisse erhalten geblieben sind, Schriftstücke mit offiziellem Charakter, in denen man ja ohnehin wenig oder gar nichts Privates preisgibt.

Peter Wollny LISA Projekt

Wir neigen ja dazu, uns Bach – wenn nicht droben auf der Orgelempore – als einsamen Mann in seinem Komponierstübchen vorzustellen, wo er gewaltige Werke konzipierte. In Wahrheit begegnete er unzähligen Menschen, er wirkte im Zentrum einer Messestadt, in der es seit 1701 – nach Amsterdamer Vorbild – Straßenbeleuchtung gab.

Ich liebe den Hinweis, den sein Sohn Carl Philipp Emanuel in einem Brief vom 13.1.1774 an den Biographen J. N. Forkel gab:

Bey seinen vielen Beschäftigungen hatte er kaum zu der nöthigsten Correspondenz Zeit, folglich weitläuftige schriftliche Unterhaltungen konnte er nicht abwarten. Desto mehr hatte er Gelegenheit mit braven Leuten sich mündlich zu unterhalten, weil sein Haus einem Taubenhause u. deßen Lebhaftigkeit vollkommen gliche.

(Hervorhebung JR)

Sehnsucht nach Südtirol

Zur Frage, ob eine Wiederholung möglich sei

Wie Szendy mit Kiekegaards Hilfe Verwirrung stiftet

Südtirol 2011 Blick aus der Ferne 110805 Wo ich einmal saß (Prackfied in der Ferne)

Südtirol 2011 Abendstimmung 110804 Die Wolke, die nichts bedeutete

Ich beziehe mich auf Kierkegaard, dessen „Wiederholung“ ich vor Jahren immer mal wieder vorgenommen und ebenso oft aufgegeben habe. Ehrlich gesagt: aus Langeweile, gegen besseres Wissen. Und auf Szendy, der – wenn ich mich nicht irre – einen Aspekt der Wiederholung herauslas, der für K. überhaupt kein Hauptmotiv darstellte. Mir ging es ähnlich: was mich interessierte, war die Wiederholung in Ritual und Musik. Auch das Wiederholungsverbot in der Neuen Musik, dessen Sinn mir letztlich nie eingeleuchtet hat. Gewiss, eine Hauptrolle spielte dabei die Aversion gegen das Banale, das bloß Rhetorische, und dessen Vermeidung war weitgehend eine Maxime des vorauseilenden Gehorsams. Vorauseilend auch dem eigenen Denkvermögen, bzw. dem Dilemma, dass die sich wiederholenden Tätigkeiten trotzdem weiterhin den Blick auf jegliches Geschehen interpunktieren.

Mein heutiger Rat an mich selbst: wenigstens kursorisch die Einleitung von Hans Rocholl zu Kierkegaards Schrift zu lesen und insbesondere die Stellen zu bedenken, die sich (aus meiner Sicht) konkret greifbaren Inhalten nähern: technische Beispiele, etwa Druck und Gegendruck, Raketen-Antrieb, Reise-Malessen, Posthorn-Töne, der Reim, schließlich auch der Witz im Anschluss an Schopenhauers Definition. Und plötzlich dämmert einem die Möglichkeit, dass auch Peter Szendy – von Kierkegaard aus – vielleicht doch keine absurden Verbindungen knüpft, etwa zum Refrain eines Chansons…

JR Hopfensee 170908 Am Hopfensee/Allgäu

(Fotos: E.Reichow)

Zu den wichtigsten Dingen, die aber in diesen Überlegungen fehlen, gehört die Wiederholung als Einübung. Zumindest in der Musik ist das ein wichtiger Aspekt, auch in der Diskussion über das Wiederholungszeichen: gilt es nur der besseren Einprägung (darf also wegfallen, wenn man das Werk als ziemlich bekannt voraussetzen kann?) oder der Balance (die man sich nicht als latent vorhanden einfach nur denken kann). Die Wiederholung im „Ohrwurm“ dient nicht der Einübung, sondern der Einhämmerung. Ich soll den eigenen Gedanken aufgeben und mich fügen. Dagegen die Rolle des Chorals (den damals jeder kannte) in den zwei Bach-Kantaten, die ich höre, BWV 125 „In Fried und Freud ich fahr dahin“ und BWV 138 „Warum betrübst du dich, mein Herz“: die Choräle sind als Melodien so komplex, dass ich sie – für sich genommen, kaum ausschöpfen kann. Und nun erst in der Zitierweise Bachs, insbesondere wenn er einzelne Zeilen innerhalb eines Rezitativs herausstellt. – Dann in den Haydn-Quartetten, op. 74, 1-3, deren Originalität ich beim wiederholten (bloßen) Hören immer mehr bewunderte, während mir beim Studium der Noten manches gewollt originell erschien (was mir bei Mozart nie in den Sinn käme). Ich irre mich. Die weiteren Wiederholungen müssten der weiteren Aufklärung dienen.

Niemals hieße eine solche Wiederholung, dass nur das erste Mal als authentisch zu betrachten und zu restituieren sei. Gerade nicht! (Daher wirkt auch die „Wiederholung“ der Berlin-Reise oder gar der Verlobung bei Kierkegaard so befremdlich.) Wandelbares Material, konfrontiert mit wandelbarer Psyche, zu einem unwandelbar gültigen Ergebnis führen zu wollen. Genau dafür ist es nicht angelegt.

Eins wäre noch zu erwähnen: Keineswegs hege ich die Absicht, mich mit diesen Andeutungen nach außen verständlich zu machen. Sie dienen nur dem Zweck, mir (und einigen Interessenten) den Zusammenhang in Erinnerung zu halten. Jedes Foto beweist mir, dass Innen und Aussen nur in den seltensten Fällen zusammenstimmen. Und so kann man die Ungeklärtheit frohen Sinnes hinnehmen.

Regentropfen ER Regentropfen JR

Am Weg zur Marzuner Schupfe 11.09.2017 (ER & JR)

Scherzverwandtschaft

Worüber lacht man im Senegal und warum?

Nachdem ich einmal angefangen habe zu beobachten, inwiefern die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen stimmen müssen, damit Witze funktionieren (siehe über Ciceros Witz hier), muss ich auch diesen schönen Artikel der aktuellen ZEIT (31. August 2017 Seite 7) aktenkundig machen, der glücklicherweise zugleich schon im Internet abrufbar ist. Es begann damit, dass ich nicht lachen konnte, obwohl es eindeutig als Scherz gemeint oder angekündigt war, dieser Einstieg in den Artikel. Gewiss, – ein Scherz ist nicht dasselbe wie ein Witz, trotzdem:

Scherze kennen kein Tabu im Senegal. „Pass auf, morgen schlachte ich dir ein Schwein! Das koche ich dir, das isst du, und du wirst Christin“, sagt der Christ zur Muslimin. „Dein Schwein kannst du selber essen“, schießt die Muslima zurück.

„Ihr wart die Sklaven, wir waren die Könige“, sagt ein Mann aus der Diola-Ethnie zu einem Serer. „Ach was, versklavt wurdet doch ihr!“

Man bespöttelt die angeblich mangelnde Intelligenz des anderen oder sein unvorteilhaftes Aussehen, lacht über religiöse und ethnische Klischees. Jeder im Senegal verspottet irgendeinen anderen. Eigentlich müssten die Menschen hier einander die Köpfe einschlagen. Genau das tun sie aber nicht.

„Eigentlich“? Das Phänomen ist bekannt: mal wirkt es wie eine Neckerei, mal wie eine höhnische Provokation. Die unreflektierte, von Kind an vorgeprägte Einordnung der Äußerungen ist entscheidend. Jeder von uns hat schon mal bemerkt, dass man wissen muss, wie ein Scherz gemeint ist, was dabei mitgedacht wird. Nicht jeder kann jeden Witz erzählen, – der eine wirkt dabei wie ein böser Zyniker, der andere wie ein erwachsener Lausbube (dem man „nichts übelnehmen“ kann). Der Knalleffekt, der zu einem Witz zu gehören scheint, kann ausbleiben. Stattdessen peinliche Stille…

Hätte mein Bruder den Witz erzählt, hätte ich ihn vielleicht nicht auflaufen lassen, aber wenn mein ungeliebter Vorgesetzter ihn eingeflochten hätte, – was wäre wohl meine Reaktion gewesen? Es kommt auf die Konventionen an. Auch auf die Konvention, sich an Konventionen anzupassen oder ihnen, wo immer man sie vermutet, wenigstens zögerlich (prüfend) zu begegnen. Etwa mit der vorsichtigen Distanzierung: … ist mir leider schon bekannt, oder mit der strengen Frage: soll das ein Witz sein? – Der Bruder stand in diesem Beispiel für „Scherzverwandtschaft“: ich weiß intuitiv, ob er es flapsig oder zielbewusst verletzend gemeint hat. Und er weiß, dass ich es weiß. Aber den Fachbegriff gibt es wirklich!  Frz. cousinage à plaisanterie – das Wort (auch paranté plaisantante) kann man googeln:

Outre les groupes ethniques, cette relation peut aussi s’exercer entre clans familiaux, par exemple entre les familles Diarra et Traoré, ou Ndiaye et Diop. Ainsi, un membre de la famille Ndiaye peut-il croiser un Diop en le traitant de voleur ou de mangeur d’arachide sans que personne ne soit choqué, alors que parfois les deux individus ne se connaissent même pas. Il n’est d’ailleurs pas permis de se vexer. Cette impolitesse rituelle donne lieu à des scènes très pittoresques, où les gens rivalisent d’inventivité pour trouver des insultes originales et comiques.

Siehe französische Wikipedia HIER.

Auch die im ZEIT-Artikel gegebenen Beispiele (oder ähnliche) findet man wieder, z.B. hier.

« Il y a toujours un problème de possession en tous cas ! Chacun veut que l’autre soit esclave ! ».

Bref chacun est l’esclave de l’autre, ce qui concilie le sentiment de supériorité et la réciprocité. La hiérarchie proclamée par l’autre groupe est simplement inversée. L’individu ou le groupe ethnique peut toujours se considérer comme le noyau central, l’ego-centre ou l’ethno-centre autour duquel l’autre ne fait que « tourner » : chacun est au centre de son propre point de vue, alors que, par définition, personne ne l’est.

De fait, le cousinage de plaisanterie semble créer un sentiment de « communauté », paradoxalement basé sur la reconnaissance de la différence.

Quelle 

Im ZEIT-Artikel wird eine historische Herleitung gegeben, die an die mittelalterliche Funktion des Hofnarren in Europa denken lässt:

Besuch bei Raphaël Ndiaye, Ethnolinguist, Philosoph und Direktor des Léopold-Senghor-Kulturinstituts in Dakar. Die Scherzverwandtschaft, sagt Ndiaye, gehe auf Soundiata Keïta zurück, den Gründer des legendären Mali-Reiches.

Im Jahr 1235 bestellte dieser anlässlich der Verabschiedung der Reichsverfassung seine Clanchefs ein und beschwor sie, von jetzt an friedlich zusammenzuleben. Vor den versammelten Honoratioren befahl er dem Griot, seinem Hofsänger, ihn zu beleidigen. Der Griot wagte es nicht, alle Anwesenden glaubten, der König wolle seinen Kopf. Keïta aber sagte: „Was kann es meiner Würde anhaben, wenn mich dieser Griot beleidigt, der doch wie ein Verwandter für mich ist?“ Und er forderte seine Gefolgsleute auf, sich als Verwandte zu begreifen, die einander necken, ja sogar beleidigen dürften, ohne dass das zu Streit oder Krieg führe.

„Auch wenn sie die Form des Humors annimmt, hat die Scherzverwandtschaft doch einen ernsten Kern“, sagt Ndiaye. Sie sollte schon damals Schutz bieten vor Krieg, Familienfehde oder gegenseitiger Versklavung. „Wann immer Familien oder Ethnien Frieden miteinander schlossen, erklärten sie sich zu Scherzverwandten“, sagt Ndiaye. „Und das bedeutete: Es soll nie Krieg geben zwischen unseren Nachfahren.“

Quelle DIE ZEIT 31. August 2017 Seite 7 Angela Köckritz: Witz oder Krieg Der Senegal ist stabiler als seine Nachbarländer. Das hat mit einer besonderen Form des Islams und mit Humor zu tun. / Online HIER

Im Wikipedia-Artikel siehe Stichwort „Hofnarr“ HIER unter 3 Hofnarren in Mittelalter und Neuzeit und 4 Narren außerhalb Europas.

Aber wohlgemerkt: der Griot in Westafrika ist alles andere als ein Hofnarr… siehe (außer in Wikipedia) auch beim GOETHE-Institut hier.

Wie wichtig ist Wählen?

Hilfe zur Meinungsbildung

Warum ich Markus Lanz empfehle? Auch ich finde ihn manchmal unerträglich, und ganz besonders wenn er Politiker in die Enge zu treiben versucht. Mögen sie es verdient haben oder nicht. In vielen anderen Fällen ist anerkennenswert, dass er intelligenten Leuten die Gelegenheit gibt, ihre Gedanken in Kürze, aber nicht zu kurz darzustellen und ohne sie gleich in Kontroversen zu verwickeln. Oder ihnen ständig in die Parade zu fahren. Gut also, wenn es nicht um Politik geht. Oder? Ein hilfreiches Beispiel gestern: Richard David Precht (ich nehme ihn als Stimme der Vernunft) und der Pädagoge Josef Kraus. Der Link zur schnellen (oder auch gründlichen) Orientierung: HIER ! Beginnen bei 4:31: die drei langfristig größten Probleme werden beim Wahlkampf überhaupt nicht angesprochen,von keiner Partei! Weiß jemand, WARUM? Ab 29:48 Themenwechsel: BILDUNG (mit Josef Kraus, Pädagoge, er ist „der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Seit Juli ist Kraus im Ruhestand. In der Sendung sagt er, warum Schule nicht zur Spaß- und Verwöhnschule werden darf.“)

ZDF Screenshot 2017-09-01 09.42.29 Screenshot ZDF-Sendung

Andererseits notiere ich den Wortlaut des Gesprächs, um im Nachhinein zu prüfen, ob es hier nicht zu pauschal zugeht. Die großen Entwürfe sind leicht gemacht, der politische Alltag kann jede Initiative, wenn sie denn  zustandekäme, im Keim ersticken. Nehmen wir Entwicklungspolitik: ist überhaupt Vertrauensbildung möglich, gibt es die kleinste Chance, der Korruption Herr zu werden? Verlaufen nicht alle (demokratischen) Prozesse so langsam, dass die übergeordneten Ziele schon Jahrzehnte vor ihrer Realisierung ausgehöhlt erscheinen? Man muss nur ins Detail gehen, also stehenbleiben, um die Gesamtbewegung aus den Augen zu verlieren. Vielleicht nicht „wir“, die wir problembezogen diskutieren, aber „die Leute da draußen“, die schwerfällige Masse, um die es sich dreht. Was für eine Hybris… (Spielen Sie mit mir den Advocatus Diaboli!)

Precht: Wahlkampf ist ein zu großes Wort. Eigentlich handelt es sich um Verweigerung, wirklich n Wahlkampf zu machen. Was mich am meisten stört, dass die wirklich langfristig größten Probleme, alle drei im Wahlkampf nicht angesprochen werden. Das erste sind die gesamten gesellschaftlichen Umbrüche durch die Digitalisierung, die unsere Gesellschaft nicht einfach nur n bisschen moderner machen, sondern eine völlig neue Gesellschaft erzeugen werden. Auf die wir überhaupt nicht vorbereitet sind, in der Arbeitswelt nicht, politisch nicht vorbereitet, gesellschaftlich nicht vorbereitet, wird von den Parteien nicht ernsthaft thematisiert. Das zweite, was nicht thematisiert wird: unsere Art zu wirtschaften geht auf Kosten unserer Enkel, das wissen wir alle. Wir denken jeden Tag daran, das Land zukunftsfähig zu machen, aber nicht, es enkeltauglich zu machen. Wenn alle so wirtschaften würden wie wir, – und immer mehr Ländern sind in der Lage, ähnlich zu wirtschaften, wird dieser Planet in wenigen Jahrzehnten unbewohnbar sein. Das gesamte große ökologische Thema ist selbst bei den Grünen in den falschen Händen, es wird nicht ernsthaft diskutiert, der Klimawandel ist schon wieder vergessen, wenn Wahlkampf ist, also das zweite Problem. Das dritte Problem: das Migrationsthema. Also es ist im Augenblick so, dass Frau Merkel sich mit Herrn Macron sich geeinigt, dass wir, damit das gar nicht all diese Bilder vom Mittelmeer weiter gibt, oder von Menschen die in der Sahara umkommen, dass wir in Afrika ansetzen, südlich der Sahara, durch sogenannte Partnerschaften, was ein sehr euphemistisches Wort ist, dass letztlich keiner mehr in der Lage ist, das Land nach Norden hin zu verlassen. Das ist natürlich von allen Lösungen, die es gibt, die schlechteste, weil – ich weiß nicht, wie weit die horizontale Entfernung quer durch Afrika ist, aber wir reden hier über 3000 oder sowas Kilometer, das ist natürlich eigentlich nicht möglich, und stattdessen bräuchten wir eine Entwicklungshilfepolitik, die flüchtlingspräventiv mit den Ländern zusammenarbeitet und hilft, ihre Not zu lindern, diesen Ländern hilft, auf die Beine zu kommen, und statt soviel Geld für Rüstung auszugeben, wie es im Augenblick geplant ist, sollte man dieses Geld in die Entwicklungshilfe stecken. 6:35 (Beifall)

Lanz: Warum greift man diese Themen nicht an? Warum traut sich keiner, sich wirklich mal hinzustellen und zu formulieren, was Sache ist. (…) Hat man Angst, dass den Leuten die Wahrheit nicht zuzumuten ist?

Precht: Ja! Und da gibt es mehrere Gründe für. Also der erste Grund ist: Jeder Politiker, der sich in einem Wahlkampf befindet, hat Angst, den Leuten Angst zu machen. So, und bei den drei Themen, die ich gerade genannt hab, und das wird dem Fernsehzuschauer nicht anders gehen, dem wird erstmal mulmig. Ja, und dass man sowohl denkt, was die Ökologie anlang, und was die Migrationsprobleme anbelangt, wie was die Digitalisierung anbelangt, ojeh, es kommt etwas Riesiges auf uns zu, und die Politik hat für diese Sachen keine Lösung, keine Antworten, und ich werfe ihr vor, sie versucht auch nicht ernsthaft, langfristig ernsthafte Antworten zu generieren. Das ist das, was mich daran stört. Sie hat also keine Visionen, keine Ideen, wie man diese Probleme lösen könnte.

Lanz: Das klingt wahnsinnig desillusionierend (…) 7:53

Gaus: Ich würde zu Prechts Liste noch zwei Themen dazunehmen, die auch nicht aufgegriffen werden: Was kostet die Energiewende? Was kostet das Erneuerbare- Energie-Gesetz (usw. 8:16). Was ist mit Griechenland los?  Meinungsinstitut: dass 39 % der jetzt Wahlberechtigten nicht mehr wissen, was sie 2013 gewählt haben. … am Rande der politischen Amnesie (lachen). Ich glaube, es gibt ne Erklärung dafür: es haben sich damals schon die Parteien nicht mehr voneinander unterschieden. (…) jetzt wieder 48 % Unentschiedene (…)

Precht: Der Witz ist, es geht in erster Linie gar nicht darum, dass man den Menschen in Deutschland das gar nicht zumutet, sondern dass man es erstmal seiner eigenen Partei nicht zumutet. Da fängt das ganze Problem schon an. Und das Problem hatte Macron nicht. (…) musste er nicht auf Parteibefindlichkeiten Rücksicht nehmen.Also einer der Gründe, warum grade die SPD im Hinblick auf die Digitalisierung nichts anderes versucht als die sterbenden Arbeitsmärkte nochmal zu zementieren, statt sich darauf einzulassen: was sind die sozialen Herausforderungen? was könnte an die Stelle bosheriger Gewerkschaften treten in einer digitalen Welt? Darauf kann sie sich nicht einlassen, weil sie dann riesigen Ärger mit den Gewerkschaften kriegt, 11:46 so dass ich im Zweifelsfalle gar nicht weiß, ob dieser ideenlose Wahlkampf, den die SPD macht, auf Martin Schulz zurückzuführen ist, was ich weniger glaube, als auf die Rücksichten, die er gegenüber der eigenen Partei nehmen muss, (??? Lanz spricht hinein) auch nicht einschränken kann, und das haben wir ziemlich ähnlich: die Grünen sind nicht bereit, in Bezug auf das, was ökologisch auf uns zukommt, den eigenen Wählern reinen Wein einzuschenken. Da wird irgendwie die Vorstellung genährt, man könnte, wenn man in nem Energiesparhaus lebt, man könnte mit n paar Energiesparbirnen den Klimawandel aufhalten. Also im Grunde genommen ist das ja so die Idee, also n bisschen mehr davon, und dann geht das. 12:19 kann man also übern ganzen Globus hinwegfliegen. Wenn Sie mal die Frage stellen: Wieviel CO² sparen Sie eigentlich durch ein Energiesparhaus ein, wie oft können Sie dafür nach Amerika fliegen? Dann stürzen Sie schon im Atlantik sofort ab. Die Antwort ist: wir müssen unser Lebensmodell umstellen, wenn wir wirklich ökologische Politik machen. Das erzählen die Grünen ihren Wählern nicht, und das erzählen die auch einander nicht. (Beifall) 12:46 LANZ: Autoindustrie, Elektromotor. Ein Auto ist kein Statussymbol mehr! Wir werden uns anders fortbewegen müssen. Warum reden wir nicht über solche Dinge?

PRECHT: Weil natürlich das alte Geschäftsmodell wunderbar funktioniert hat. Also die deutsche Automobilindustrie ist die beste der Welt, sie trägt sehr zum deutschen Wohlstand bei, – also hat man versucht, dieses alte Geschäftsmodell auf ewig zu zementieren und daran festzuhalten, weil man wusste, die neuen Entwicklungen, die führen weg vom Status-Auto. 13:58 Das Status-Auto bedeutet aber eine diversifizierte Palette von lauter Mittelklassewagen herzustellen, die eigentlich keiner braucht, aber von dem die Automobilindustrie lebt. Wenn am Ende nur noch son paar uniformierte Kleinwagen da sind, dann geht das ganze Geschäftsmodell kaputt, deswegen hat man versucht, das Elektroauto zu blockieren. Aber man muss noch einen Satz dazusagen, ich bin kein großer Freund des Elektroautos, das Elektroauto ist auch nicht die beste Lösung. nach wie vor: in den Batterien sind seltene Erden, die in Afrika unter katastrophalen Umständen gewonnen werden. Wir können bis heute Elektromotoren nicht recyclen, die Herstellung einer Batterie ist wahnsinnig energieintensiv, so, die eigentliche Lösung ist die Brennstoffzelle. Aber da ist genau dasselbe (- also Wasserstoff, nicht?)  genau: mit Wasserstoff angetriebene Brennzelle, das ist umweltmäßig, ökologisch mit Abstand das beste Modell, Toyota baut solche Autos!, also das geht, (sehr energieintensiv, Wasserstoff herzustellen! muss man auch sagen), ja, aber wenn Sie insgesamt die Bilanz sehen, zwischen Diesel – ist das Schlimmste – und Benzin und Elektroauto halten sich ungefähr die Waage, und dann ist das mit Abstand die beste Lösung. Aber: da hat keiner reininvestiert, die Japaner haben dareininvestiert, und (versuchen das, Mercedes) Mercedes, der Gedanke ist alt! die Lobby dahinter, wir hatten kein Interesse, es zu machen. Das ist (vor zehn Jahren wurde dieses Team, das diese Brennstoffzelle entwickelt hat, eingestellt) ja! die hatten Angst, dass das das Geschäftsmodell verhagelt! 15:20 (Lanz: Also, nochmal die Frage: Wie, warum mutet man uns solche Wahrheiten nicht zu? Die Leute merken doch, wie sich solche Unternehmen, VW und viele andere, da sitzen doch unglaublich fähige, gute Leute, die verstehen doch und spüren doch, dass da was stattfindet, da draußen, d.h. dieses Keine-Antworten-Kriegen von politischer Seite führt doch im Zweifel zu mehr Verunsicherung als weniger. Was wäre denn Ihrer Meinung nach der Entwurf, die Vision, die große Rede, die jemand halten müsste?) 15:55

PRECHT: Also, ich glaube, wir sind uns auch in der Frage einig, – zunächst mal sich ehrlich zu machen, ich glaube, damit würde man in Deutschland ähnlich gut punkten können, wie Macron das in Frankreich… ich glaube, dass das funktionieren würde, sie trauen sich nicht aus der Deckung, gerade auch der eigenen Partei gegenüber. Das ist wichtig, schon die eigene Partei hemmt die Erdigkeit der Politiker, nicht nur die Angst vorm Wähler im allgemeinen. Das ist der Grund, weshalb das nicht passieren wird. Das zweite ist, ich meine, wir reden über sehr komplexe Themen, also die Frage, wie man dies gewaltige Thema MIGRATION in den Griff kriegt 16:27 Da gibt’s nicht mal so eben ne kleine Formel, die man aus der Tasche ziehen kann und sagen kann: damit ist das Problem gelöst. Sondern das ist eine ganz große gesamtgesellschaftliche Anstrengung, wo sehr viele Sachen von berührt sind. Ökonomische Fragen berührt sind: wir bräuchten zum Beispiel ein einseitiges Freihandelsabkommen mit der Dritten Welt. Wir machen ein Abkommen und sagen, ihre dürft alles was ihr herstellt zollfrei in die Europäische Union verkaufen, aber ihr dürft auf jedes Produkt, das aus der Europäischen Union kommt, den Zoll eurer Wahl machen. Das wäre zum Beispiel optimale Entwicklungshilfe. Da haben wir in der Doha-Runde mehr als 10 Jahre drüber geredet, war die Europäische Union, waren die europäischen Staaten nicht zu bereit, und jetzt muss man fragen: die Bananen aus Tansania und was weiß ich ist ja nicht mal 1 % unseres Marktes, d.h. da denkt jeder kleinklein an das jeweilige Problem, denkt nicht im großen Maßstab, denkt nicht langfristig, denkt nicht, was das alles am Ende kostet, und zwar kostet an Menschenleben, kostet an Geld, kostet an politischer Unruhe und alles was damit einhergeht. Wir müssen eine ganz andere Entwicklungshilfepolitik machen, das Entwicklungshilferessort ist glaube ich unter 1 %, also das müsste n ganz anderen Stellenwert haben. Und zwar um das Leben all dieser Menschen, die damit ihr Leben verlieren, und um unseretwillen. 17:38 JOSEF KRAUS: (Neo-Kolonialismus) LANZ: Hilft es wirklich der AfD, wenn wir über Migration sprechen? Precht: Ja, das ist ne Antwort, die versteht jeder. Und die andere Antwort, wie sieht eine Entwicklungshilfepolitik aus, die diesen Ländern hilft, auf die Beine zu kommen, die also wirklich flüchtlingspräventiv ist, und die sagt, die Welt ist durch die Globalisierung kleiner geworden. Wir haben überall in der Welt davon profitiert, dass wir die seltenen Erden aus dem Kongo kriegen, dass Leute in Bangladesh unsere T-Shirts zusammennähen usw., so, aber wenn wir die alle für unseren Wohlstand nutzen, dann müssen wir uns auch in irgendeiner Form für deren Leben verantwortlich fühlen. Und das ist der Schritt, den wir machen. Wenn ich jetzt sehr pathetisch formuliere: im 18. Jahrhundert ist durch die Erklärung der Menschenrechte ja zum erstenmal die Idee, dass das Leben eines jeden Menschen gleichviel wert usw. formuliert worden. Im 19. und 20. Jahrhundert ist es sehr mühselig in Europa durchgesetzt worden. Und im 21. Jahrhundert müssen wir begreifen, dass es nicht nur für Europäer gilt. (Beifall) 19:29

LANZ: Trotzdem nochmal die Frage: Ist es den Menschen nicht zuzumuten, wenn man ihnen sagt: Pass auf, das, was da grade passiert, dass Menschen an die Grenze kommen und einfach sagen: Asyl! Und gleichzeitig sagen: Ich hab meinen Pass irgendwo unterwegs verloren, um dadurch zu ermöglichen oder sicherzustellen, dass man einfach in dieses Land reinkommt, das können wir so nicht weiter machen.

PRECHT: Da sind sich alle einig, das will ja gar keiner! Also ich kenne überhaupt keinen, der das für ne gute Lösung… LANZ: …weit und breit keinen Plan, der mal sagt: da gibt es ein ordentliches Einwanderungsgesetz beispielsweise. Da gibts ne Idee: wir formulieren klipp und klar und deutlich,    für jemanden, die nicht Asyl benötigt, – das ist nochmal was ganz anderes, Asyl ist etwas, was wir zu gewähren haben! Menschen… PRECHT: Lassen Sie mich nochmal an das Argument von Herrn Kraus, das nicht falsch ist, aufgreifen, dass er gesagt hat: ist ja komisch: wen wollen wir reinlassen, – Ärzte aus Syrien: JA, Ungelernte aus Syrien: NEIN. Weil klar ist: der Arzt aus Syrien wird sich hier wunderbar integrieren, und den können wir im Zweifelsfall auch gut gebrauchen. Aber der wird eben genau so in Syrien gebraucht! Das ist kein uninteressantes Argument, wir wollen eine Politik machen, die nur denjenigen Migranten erlaubt zu uns zu kommen, die in den Heimatländern ganz besonders dringend gebraucht werden. (…)  Machen wir uns nichts vor: Wenn Sie jetzt Kanzlerkandidat einer Oppositionspartei wären, von wem lassen Sie sich beraten? Sie beauftragen eine PR-Agentur. So, und die kuckt, die fragt die Leute in der Fußgängerzone, oder im Telefon-Interview: was assoziieren Sie mit der Sozialdemokratie? Da wird dann son Mindmapping gemacht, und am häufigsten kommt das Wort Gerechtigkeit, und so wird n Wahlkampfthema gemacht. Und das ist das, was mich stört: also das sind synthetische Formen, mit denen man versucht, auf eine Marktforschungsart und – weise ein Thema zu finden, und dann ist ja völlig klar, dass so ein Thema immer ein Gegenwartsthema ist und nie ein Zukunststhema (Lanz spricht rein: es geht um Angebot und Nachfrage sozusagen) Genau! wie das Thema geschaffen wird. KRAUS: kleine Korrektur: es ist ja keine Oppositionspartei, es ist ja ne Regierungspartei! PRECHT: Aber die sind jetzt im Wahlkampf  (Ja!) wie eine Oppositionspartei und sagen: wir wollen an die erste Stelle treten. 22:43

(Fortsetzung folgt)

s.a. hier Precht in ttt

Hier Info Hannes Jaenicke (facebook) nur zur Kenntnis (wird wieder gelöscht).

 

Anlässlich des Wasserbuches von Leonardo

Zum Wasserbuch hier!

LAOTSE, Kapitel 4:

DAS WESEN DES TAO

Das Tao ist ein Hohlgefäß;

Und sein Gebrauch ist unerschöpflich!

Unauslotbar!

Wie der Urquell aller Dinge,

Seine Kanten abgerundet,

Seine Schlingen aufgelöst,

Sein Licht abgeblendet,

Sein Wirbel untergetaucht,

Scheint es dennoch dunkel wie tiefes Wasser zu verharren.

Ich weiß nicht, wessen Sohn es ist,

Ein Bildnis dessen, was früher als Gott vorhanden war.

***

Soviel vom Traum. Und nun das Leben, das damit übereinstimmen sollte.

Berlin 1960 Aufnahme

Das schmale Buch, in dem der obige „Vers“ steht, lag mir so am Herzen, dass ich daraus den Haupttext für die Berliner Aufnahmeprüfung ausgewählt und abgeschrieben hatte. Obligatorisches Nebenfach: Sprecherziehung. Drei Seiten, von denen ich hier zwei wiedergebe, die dritte folgt gegen Ende des Blog-Beitrags:

Berlin 1960 Text  Berlin 1960 Text b

Laotse Titel Laotse Notizen

Quelle Laotse / herausgegeben von Lin Yutang / Fischer Bücherei Frankfurt Hamburg Juni 1955

Im gleichen Buch die Kommentare und Texte von Tschuangtse, daraus folgendes Zitat:

Tschuangtse für Berlin a „Was bei Laotse Philosophie war, wurdeTschuangtse für Berlin b beim jüngeren Taoisten oft Dichtung.“

Zugleich sollte man erwähnen, dass manche Kapitel Laotses nach heutigem Ermessen keinen philosophischen Sinn ergeben, sondern einer Beschwörung gleichen. Zum Beispiel das, dem diese poetischen Ausführungen Tschuangtses zugeordnet sind. Ich weiß nicht, ob ich mir damals meine Ratlosigkeit eingestanden habe. (50. DIE BEWAHRUNG DES LEBENS). Auch dieser Text sollte samt den Anmerkungen des Herausgeber Lin Yutang folgen. Heute (nach Lektüre seiner Wikipedia-Biographie) würde ich sagen: er war eben Schriftsteller, kein Philosoph. Man sollte aber wohl Laotse auf gleichem gedanklichen Niveau behandeln wie etwa Aristoteles oder Nagarjuna.

Laotse 50 a .  .  . Laotse 50 b .  .  .

Wie hätte ich das damals verstehen können (oder heute)? Etwa durch die Anmerkungen auf Seite 215? / Anm.129 „Nach Han Fei sind es die vier Glieder und neun Körperöffnungen. Eine andere anerkannte Lesart lautet: ‚Drei Zehntel‘, aber das ergibt keinen Sinn. / Anm. 130 Wörtlich ‚todlos‘.“

Eine andere Übersetzung (Richard Wilhelm):

Kapitel 50

Ausgehen ist Leben, eingehen ist Tod.
Gesellen des Lebens gibt es drei unter zehn,
Gesellen des Todes gibt es drei unter zehn.
Menschen, die leben
und dabei sich auf den Ort des Todes zubewegen,
gibt es auch drei unter zehn.
Was ist der Grund davon?
Weil sie ihres Lebens Steigerung erzeugen wollen.
Ich habe wohl gehört, wer gut das Leben zu führen weiß,
der wandert über Land
und trifft nicht Nashorn noch Tiger.
Er schreitet durch ein Heer
und meidet nicht Panzer und Waffen.
Das Nashorn findet nichts, worein es sein Horn bohren kann.
Der Tiger findet nichts,
darein er seine Krallen schlagen kann.
Die Waffe findet nichts, das ihre Schärfe aufnehmen kann.
Warum das?
Weil er keine sterbliche Stelle hat.

Quelle HIER

Eine unbeschreibliche Begeisterung erfasst mich, wenn ich dann – nach ein paar weiteren Klicks im Internet (vor allem dank Wikipedia hier) – auf eine weitere Übersetzung stoße und zwar innerhalb einer riesigen wissenschaftlichen Arbeit über Laotse (Laozi)… Kleine Frage am Rande: Wäre ich eigentlich damals, vor 60 Jahren, als ich auf Laotse stieß, bei der Musik geblieben, wenn auf dem Klavier oder Geigenkasten griffbereit ein Laptop gelegen hätte? (Ich glaube: ja! Denn manches in meiner Entwicklung hätte weniger Umwege gekostet.)

Laotse 50 Screenshot 2017-08-28 10.50.04 ©Ansgar Gerstner (Screenshot JR)

Quelle Ansgar Gerstner: Eine Synopse und kommentierte Übersetzung des Buches Laozi sowie eine Auswertung seiner gesellschaftskritischen Grundhaltung auf der Grundlage der Textausgabe Wang-Bis, der beiden Mawangdui-Seidentexte und unter Berücksichtigung der drei Guodian-Bambustexte. Dissertation Universität Trier, 2001.

Merkwürdig: zwar verfügte ich damals über kein Internet, natürlich nicht, besaß aber seit Dezember 1962 die Diederichs-Ausgabe (Übersetzung und Einleitung von Richard Wilhelm!!!), seit Februar 1963 die Manesse-Ausgabe (Übersetzung und Kommentar von Victor von Strauß). Ich hätte die Neuanschaffungen neben das alte, zerlesene Exemplar legen und vergleichen können; sie tragen aber kaum Gebrauchsspuren. Ich könnte also heute die Feinarbeit nachleisten, die ich damals unterließ:

Laotse Diederichs Laotse Manesse

Ich zitiere aus dem zweiten Büchlein, und zwar unvollständig, um gezwungen zu sein, es immer mal wieder hervorzuholen:

Laotse Manesse Text 50

Quelle LAO-TSE: TAO TÊ KING Aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Victor von Strauß / Bearbeitung und Einleitung von W-Y.Tonn, ehemaliger Professor für Chinesische Sprachwissenschaft Tsinan Staats-Universität, Schanghai / Manesse Verlag Bibliothek der Weltliteratur / Zürich 1959.

Berlin 1960 Text c Der dritte Zettel Tschuangtse für die Prüfung…

Die Prüfungskommission der Berliner Musikhochschule am 12. April 1960 gegen 12.30 Uhr fand den Text gut gelesen, meinte aber, nachdem ich auch noch zwei Trakl-Gedichte vorgetragen hatte, dass für einen jungen Mann, der ins Studium eintrete, vielleicht doch eine positivere Stimmungslage in Frage käme. Ich traute mich nicht, den Hinweis zu geben, dass Trakl mir viel bedeute, obwohl – nicht weil – er ein Mann etwa meines Alters war, als er die Gedichte schrieb, und bei seinem Tod immer noch.

***

1. September 2017

Ein letztes Kapitel, das ich vielleicht unter dem Stichwort Entzauberung  subsumieren könnte. Die Behandlung Laotses durch Lutz Geldsetzer, vorab seine ernüchternde Übersetzung desselben Kapitels:

50. Geborenwerden ist ein Eintritt ins Sterben. Die Menge der Lebendgeborenen ist drei von zehn. Die Menge der Totgeburten ist drei von zehn. Die Menge der Menschen, die am Leben bleiben und die vom Tod bewegt werden beträgt auch drei von zehn. Warum ist das so? Weil diese für ihr Leben lebenskräftig sind. Nun hört man, daß es welche gibt, die das Leben gut meistern. Auf Landreisen sind sie nicht auf Nashörner und Tiger gestoßen. Als sie ins Heer eintraten, sind sie nicht durch Panzerung und Waffen verletzt worden. Das Nashorn hatte Nichts, um sein Horn hineinzustoßen. Der Tiger hatte Nichts, um seine Pranke hineinzuhauen. Der Soldat hatte Nichts, was seinen Schwerthieb erdulden mußte. Und warum? Weil für sie Nichts zum Sterben da-war.

Aus den hermeneutischen Vorbemerkungen:

Den bisher in westlichen Sprachen vorliegenden etwa 250 Übersetzungen des Dao De Jing noch eine weitere hinzuzufügen, erscheint überflüssig und etwas verwegen. Das Unternehmen, das wohl meistübersetzte Klassikerwerk Chinas noch einmal in philosophischer Perspektive zu überprüfen, muß sich durch seine Ergebnisse und Vorschläge rechtfertigen.

Sie verdanken sich dem in langen Jahren des Studiums fernöstlicher philosophischer Literatur gewonnenen Verdacht, daß „fernöstlicher Geist“ und insbesondere der sog. Lao Zi keineswegs so mystisch und dialektisch-spekulativ, ja irrational sind, wie man das im Westen gerne hätte. Und dieser Verdacht hat sich dem Verfasser ebenso auch bei den ältesten abendländischen Denkern bestätigt, etwa bei Heraklit und Demokrit, die man – nach Hegels Wort – nur vernünftig anschauen muß, um auch bei ihnen Vernunft zu finden. Wenn etwa Demokrit über zwei „Archai“, nämlich das „Volle der Atome“ (das Sein) und das „Leere“ des Raumes (das Nichts) als ersten Ursachen aller Wirklichkeit nachdenken konnte und daraus Folgerungen für ein (bis heute in der Naturwissenschaft exhauriertes) Weltbild ziehen konnte, dann sollte man etwas Vergleichbares auch einem chinesischen Denker zutrauen. Von solchem Zutrauen ist die vorliegende Übersetzung ausgegangen.

Das Dao De Jing ist nun allerdings eine „heilige Schrift“ nicht nur der Daoisten, sondern Chinas schlechthin, ebenso wie die Bibel im Abendland. Die Heilige Schrift des christlichen Abendlandes hat viele Entmythologisierungen überstanden, und sie ist daher den Gläubigen noch immer die Offenbarung Gottes, den Ungläubigen aber ein wertvolles historisches Dokument über den Bewußtseinszustand einer alten Kultur.

Das Dao De Jing ist dagegen niemals „entmythologisiert“ worden, weder in China noch im Westen. Dazu war der Respekt, den die chinesischen Gelehrten dem alten Werk und seinen ältesten Auslegern entgegenbrachten, zu hoch. Bei vielen westlichen Sinologen ist das Vertrauen darauf, daß die Chinesen selbst am besten wissen könnten, was der Sinn der alten Schrift sein müsste und könnte, ebenfalls zu hoch. Und so folgen sie gewöhnlich bei allen schwierigen und dunklen Stellen noch immer den Spekulationen des Wang Bi und des Zhuang Zi und den selbst in deren Nachfolge stehenden chinesischen Kollegen. Das westliche Bild vom Dao De Jing – und von chinesischer ältester Weisheit insgesamt – ist daher bis jetzt „mythologisch“ geblieben. Dunkelheit und Tiefe, Paradoxien und Schwierigkeiten, meist in poesiehafter Verbrämung dargeboten, sollen das Wesen des so „fremden östlichen Denkens“ und seiner in Metaphern schwelgenden Spekulation kennzeichnen.

Quelle Lutz Geldsetzer: Lao Zi Dao De Jing Eine philosophische Übersetzung nach dem Text der Ausgabe in: Zhu Zi Ji Cheng (Sammlung aller Philosophen) Band 3, Zhong Hua-Verlag, Beijing 1954, Anfang / Lehrmaterialien aus dem Philosophischen Institut, Forschungsabteilung für Wissenschaftstheorie, der HHU Düsseldorf. Im Internet: HIER.

Kleine Quellenkunde

„Anabasis“ bei a) Xenophon und bei b) Saint-John Perse

a) ist mir seit der Schulzeit (Obersekunda?) bekannt. Wir haben die „Anabasis“ von Xenophon gelesen und behandelt. Was mir als erstes dazu einfällt, ist die 100fach wiederkehrende stereotype Formel, die wir zuweilen parodierten:

Ἐντεῦϑεν ἐξελαύνει σταϑμοὺς δύο Von dort zog er – oder zogen sie – weiter in soundsoviel Stathmen bis zum Gehtnichtmehr, kamen jedoch letztlich ans Mittelmeer und riefen in höchster Freude: „Trallala! Trallala!“

Für uns gehörte es zu den trockensten Geschichtstexten, die uns je begegneten. Hat man uns nichts Wesentliches dazu vermittelt? Es hieß nur, für unsere Griechisch-Kenntnis sei es die Vorstufe zu Plato, und auch Homer sollte noch folgen, dann auch ein Querschnitt herrlichster griechischer Lyrik. Uns schwante nichts Gutes. Heute rekapituliere ich mit Andacht Xenophons Original-Text und die Übersetzung, beides ist HIER zu finden. Wie kam ich jetzt drauf? Eins meiner liebsten Bücher, ein Brevier, das ich allabendlich vor dem Einschlafen lese (aber erst seit ich begann, es zu verstehen, was mir zuerst nicht leicht gefallen ist). Ich benenne es an dieser Stelle nicht, um die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser keinesfalls abzulenken von dem Stoff, den ich aus ganz selbstbezogenen Gründen gründlicher rezipieren möchte, als ich es mir je in meiner Schulzeit hätte träumen lassen. Einem großen Franzosen zuliebe. (Aber nicht dem, den ich oben schon genannt habe und gleich noch einmal nenne: der ist gewissermaßen Beifang wie eben auch schon dieser alte Xenophon, den ich in die Halbvergessenheit abgedrängt hatte.)

b) Wer also ist Saint-John Perse? Schnell nachgelesen bei Wikipedia hier , und ich sehe dort, dass ich ihn schon ganz früh in meiner kleinen Bibel von ehedem hätte entdecken müssen, „Struktur der Modernen Lyrik“ von Hugo Friedrich. In der Wiki-Werk-Auswahl an zweiter Stelle steht Anabase (1924), dazu als Übersetzer: Walter Benjamin. Wie konnte mir alldies in meiner „Adorno-Zeit“ nach 1960 entgehen? Weil es noch kein Internet, kein Wikipedia gab, das heute die schnellsten Kurzausflüge der menschlichen Geistesgeschichte erlaubt… Ich lese parallel im Wasserbuch von Leonardo, dem – so steht es da! – omo senza lettere. Er „besaß immerhin fast zweihundert Bücher. In der stattlichen Bibliothek des Autodiakten gab es auffallend viel Wörterbücher und Grammatiken des Italienischen und auch des Lateinischen. Er versuchte sogar eine Zeit lang, Lateinische zu lernen und aus Ovids Metamorphosen zu übersetzen, aber das hatte keinen Einfluss auf seine eigene Prosa, der gewiss keine lateinische Satzstruktur anzumerken ist, und der Zauber seiner Prosa kommt gerade vom Fehlen einer wissenschaftlichen Terminologie. Leonardo beschreibt genau und anschaulich, aber mit Ausdrücken und im Duktus der Sprache seiner Kindheit, des gesprochenen Toskanisch, mit Anklängen an die Verse Dantes und Petrarcas, mit Stilgewohnheiten der toskanischen Schwank- und Fazetiendichter“ etc.etc. (siehe Wasserbuch a.a.O. Einleitung von Marianne Schneider Seite 9).

In medias res:

Caroline Sauter hat eine Rezension der Benjaminschen Übersetzung von Saint-John Perses „Anabase“ geschrieben und beginnt folgendermaßen:

Saint-John Perses Anabase ist ein einziger langer Satz, der kaum Zeit lässt, Atem zu schöpfen, der keine Zäsur zulässt; ein Strom aus Worten, der sich über die Seiten ergießt. Ein Kritiker bezeichnet das Werk zurecht als „poème en marche“, und in der Tat erinnert Perses Anabase an Xenophons Anabasis, an den darin beschriebenen langen, entbehrungsreichen „Marsch der Zehntausend“. Allerdings besteht diese Ähnlichkeit weniger auf einer inhaltlichen als vielmehr auf einer sprachlich-stilistischen Ebene: Anabase ist ein ununterbrochener Zug von tausenden Sprach-Bildern, die nur aufscheinen, um direkt wieder zu verblassen, das epische Gedicht ist permanent im Aufbruch, ständig in Bewegung. Sprachlich häufen sich im Text Verlaufsformen von Bewegungsverben, der lyrische Kosmos ist „en voyage“, „en marche“…

Doch es ist ein Aufbrechen ohne Ankommen. „The poem is a series of images of migration”, schreibt T.S. Eliot im Vorwort zu seiner Anabasis-Übersetzung. Tatsächlich stellt der Text Migration und Exil als Erfahrung der Menschheit überhaupt dar, und zwar schlicht deshalb, weil der Mensch mit Sprache umgeht, um seine Welt zu verstehen, zu erklären und zu beschreiben. Saint-John Perses Gedicht zelebriert die Erfahrung sprachlicher Fremdheit angesichts einer wirren Welt („… que ce monde est insane!“). Der Erzähler (er ist ein Fremder: „l’Étranger“) befindet sich als Abenteurer in dieser Welt, die seine eigene ist; er dringt als Pionier ins Unbetretene vor, er wird zum Eroberer, der alles Bisherige zerstört und daraus Neues schafft.

Weiter an der Quelle bei Caroline Sauter HIER.

Interessant, dass ich nun, am Ende der Rezension von Caroline Sauter, genau auf den Textausschnitt  aus „Anabase“ gestoßen bin, der mich hierhergeführt hat. Und zwar in der Übersetzung von Walter Benjamin, der aber nicht genannt wird: in dem Buch, das ich auch noch nicht genannt habe, – von ALAIN BADIOU: „Versuch, die Jugend zu verderben“ (Suhrkamp) Seite 53 f. An Ort und Stelle sieht es folgendermaßen aus, –  ich war bei der ersten Lektüre weit davon entfernt, die Zeilen des Saint-John Perse zu verstehen. Vor allem das Wort Mazzoth, das bei Perse nicht vorkommt, gab mir Rätsel auf.

Perse Badiou Benjamin a Perse Badiou Benjamin b

Inzwischen habe ich mir eine Screenshot-Kopie des französischen Original-Werkes mit der Übersetzung von T.S. Eliot angelegt und zitiere aus dessen Vorwort ein paar Sätze über die Beziehung zu Xenophon (nur weil mich der gegebene Anlass gerade interessiert):

Eliot Vorrede Anabase a Eliot Vorrede Anabase b

Es ist also eigentlich nicht „nötig“, Xenophon für Saint-John Perse zu studieren, ebensowenig wie diesen dem oben genannten bzw. verschwiegenen „geliebten Franzosen“ zuliebe, jedoch – soviel Zeit muss sein, wenn es darum geht, den Zusammenhang mit der eigenen Jugend (Xenophon, Hugo Friedrich), das Netz der Erinnerungen fortzuspinnen, das hier und da halbfertig im Winde flatterte.

Hier ist das Lied, das Saint-John Perse ganz ans Ende seines Werkes ANABASE (1924) gesetzt hat (nebst Übersetzung von T.S. Eliot; der Titel dieser englischen Ausgabe von 1930 lautet ANABASIS). Man kann es zugleich hören, gesprochen von Jean Vilar.

ANABASE 74-75 Rezitation auf youtube (Jean Vilar) HIER

Die folgende Übersicht, die Eliot, wie er schreibt, von Lucien Fabre übernommen hat, ist hilfreich, wenn man sich in das ganze Werk hineinarbeiten will:

ANABASE 10-11 Eliot Übersicht 10 Teile

Structure du recueil (nach der frz. Wikipédia hier)

  • Chanson
    • « Il naissait un poulain… »
  • Anabase
    • I. « Sur trois grandes saisons… »
    • II. « Aux pays fréquentés… »
    • III. « À la moisson des orges… »
    • IV. « C’est là le train du monde… »
    • V. « Pou mon âme mêlée… »
    • VI. « Tout-puissants… »
    • VII. « Nous n’habiterons pas toujours… »
    • VIII. « Lois sur la vente des juments… »
    • IX. « Depuis un si long temps… »
    • X. « Fais choix d’un grand chapeau… »
  • Chanson
    • « Mon cheval arrêté… »

Bei Hugo Friedrich habe ich mir damals den folgenden Passus auf Seite 148 dick angestrichen:

1929 schreibt HOFMANNSTHAL einige Seiten als Vorrede zu Anabase. Darin nennt er MALLARMÉ, VALÉRY und SAINT-JOHN PERSE „kreative Individuen, die sich in die Sprache selbst werfen“, worauf die vorzügliche Bemerkung folgt: „Dies war die lateinische Annäherung an das Unbewußte; sie geschieht nicht im halbträumerischen Sich-Verschwelgen des germanischen Geistes, sondern durch ein Durcheinanderschütteln der Objekte, ein Brechen der Ordnungen“, in einer „dunklen und gewaltsamen Selbstbezauberung durch die Magie der Worte und der Rhythmen“.

Auf den Seiten 162 bis 167 befinden sich Auszüge aus Saint-John Perses Werk Exil (1942) (mit deutscher Übersetzung).

Bewundernswert das Verhalten des Dichters, der als Politiker (!) Alexis Leger hieß, – im „wirklichen“ Leben der Politik, aus der er 1940 verbannt wurde. (Exil in den USA). Auf dem folgenden Foto sieht man ihn noch unter den Verhandlungsteilnehmern des Münchner Abkommens 1938: im Hintergrund, rechts hinter Mussolini.

Bundesarchiv_Bild_183-R69173,_Münchener_Abkommen,_Staatschefs Quelle des Fotos HIER

Die flüssige Gestalt der Bewegung

Zu Leonardo da Vincis Aufzeichnungen
(Siehe auch Wikipedia hier)

„…Und aus den tiefsten Tiefen des großen Ozeans fließt es in die leeren, geräumigen Höhlen der innersten Eingeweide dieser Erde, von wo es dann durch die verzweigten Adern wider seinen natürlichen Drang zu den Gipfeln der Berge hochfließt und durch die aufgebrochenen Adern in einem fort hervorsprudelnd in die Tiefe zurückkehrt…“

So liest man auf dem Umschlag meines schönen Buches, dessen Einführung folgendermaßen beginnt:

Unter seinen wertvollsten Schätzen zeigte der alte Leonardo voll Stolz dem Kardinal Luigi von Aragona, der ihn auf Schloss Cloux bei Amboise besuchte, ein Manuskript mit dem Titel Von der Natur des Wassers. Um welches Manuskript es sich handelte, wissen wir nicht, vielleicht um eine verlorengegangene Handschrift, vielleicht um die achtzehn zusammengefalteten Blätter des Leicester Codex, der fast ausschließlich den Studien über das Wasser gewidmet ist und in dem auf Blatt 21 v. zu lesen steht:

„In immerwährender Bewegung wandeln die Wasser aus den tiefsten Tiefen der Meere zu den höchsten Gipfeln der Berge, wobei sie die Natur des Schweren missachten: …Wenn das Wasser aus einer geplatzten Ader der Erde heraustritt, folgt es der Natur der anderen Dinge, die schwerer sind als die Luft, und strebt deswegen immer nach den tiefer gelegenen Orten.“

Quelle: Leonardo da Vinci: Das Wasserbuch Schriften und Zeichnungen / Ausgewählt von Marianne Schneider / Verlag Schirmer Mosel München 2011 (1996) ISBN 978-3-8296-0592-2

Sehr lesenswert gerade die Einführung und die Editorische Notiz; beides hatt ich früher übersprungen, um direkt zu dem zu kommen, was mich in meiner Jugend beeindruckt hat, als ich den Mereschkowski-Roman las und darin die (fingierten?) Tagebuch-Notizen des Leonardo-Schülers Giovanni oder Francesco. Jetzt fragte ich mich bei den oben herausgegriffenen Notizen, ob Leonardo oft gewissermaßen Variationen des gleichen Textes geschrieben hat. Ob ihn zuweilen ein Geist der Verbalisierung angetrieben hat, eine poetische Motivierung. In der editorischen Notiz liest man:

Eine Ausgabe aller Texte Leonardos über das Wasser wäre nicht nur ziemlich umfangreich, sondern auch unnütz, denn sie würde zahllose Wiederholungen enthalten. Leonardo notierte sich sehr oft – und nicht nur über das Wasser – mehrmals dieselben Dinge, was wohl mit seinem in alle Richtungen offenen, raschen und unsystematischen Denken zusammenhängt. Diese seine Eigenart war ihm bewusst, und er versuchte ihr durch das Aufschreiben seiner Erfahrungen und Erkenntnisse beizukommen; die Wiederholungen konnte er trotzdem nicht vermeiden, und auf Blatt 1 v. des Arundel Codex entschuldigt er sich bei einem etwaigen Leser dafür: „Mach mir deshalb keinen Vorwurf, Leser, denn der Dinge sind viele, und das Gedächtnis kann sie nicht behalten und sagen: Das will ich nicht mehr schreiben, denn ich habe es vordem schon geschrieben. Wenn ich diesen Fehler vermeiden wollte, müsste ich für jeden Fall, den ich schreiben wollte, ohne mich zu wiederholen, alles schon Geschriebene noch einmal lesen, und vor allem, weil bei meinem Schreiben von Mal zu Mal lange Zeiten dazwischenliegen.“

(a.a.O. Editorische Notiz Seite 15)

Das ist vielleicht die Memorier- und Alltagsbewältigungstechnik jener Zeit: ich erinnere mich an die unzähligen Wiederholungen in den Briefen des Kaufmanns Datini an seine Frau, von der er nicht erwarten konnte, dass sie all seine Briefe bibliothekarisch verwaltete und „datentechnisch“ greifbar hielt. Hier waren Menschen der damaligen Zeit am Werk, die taten, was nach dem Stand der Dinge möglich und notwendig war.

Ich nehme Gelegenheit, mich einer Lektüre zu erinnern, die im März 1956 begann und einige frühe Jahre beeinflusste; zur Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule Berlin 1960 habe ich Tschuangtse-Texte aus diesem Buch vorgetragen. Ich werde auch sie in einem weiteren Beitrag zitieren, weil ich sie immer noch liebe und greifbar halten möchte. Doch zuerst – mit Blick auf Leonardo – LAOTSE, Kapitel 4:

DAS WESEN DES TAO

Das Tao ist ein Hohlgefäß;

Und sein Gebrauch ist unerschöpflich!

Unauslotbar!

Wie der Urquell aller Dinge,

Seine Kanten abgerundet,

Seine Schlingen aufgelöst,

Sein Licht abgeblendet,

Sein Wirbel untergetaucht,

Scheint es dennoch dunkel wie tiefes Wasser zu verharren.

Ich weiß nicht, wessen Sohn es ist,

Ein Bildnis dessen, was früher als Gott vorhanden war.

***

Mein altes Tagebuch-Rätsel (durch Mereschkowski-Originalausgabe gelöst): es ist fingiert und doch authentisch. Es ist durchsetzt mit da Vincis eigenen Aufzeichnungen.

Mereschkowski Vinci Tagebuch Mereschkowski Vinci Tagebuch b Roman 1914

Keine Kunst

Heute in der Bollekamer

Natur Vielfalt aa

Alternde Heideblüte

Natur Vielfalt a

Pflanzen, die „gelb!“ rufen

Natur Vielfalt b

Und aus die Maus…

(Huawei Fotos JR)

Ist es Leben? Wozu die Blüte, die Blume, die Fliege auf der Maus?

Die Frage stellt sich nur im stillgestellten Foto, nicht in der Landschaft selbst. Erst wenn sie ein quasi Erinnertes geworden ist.

Texel 17 Heide ER

(Foto E.Reichow)