Schlagwort-Archiv: Tschuangtse

Anlässlich des Wasserbuches von Leonardo

Zum Wasserbuch hier!

LAOTSE, Kapitel 4:

DAS WESEN DES TAO

Das Tao ist ein Hohlgefäß;

Und sein Gebrauch ist unerschöpflich!

Unauslotbar!

Wie der Urquell aller Dinge,

Seine Kanten abgerundet,

Seine Schlingen aufgelöst,

Sein Licht abgeblendet,

Sein Wirbel untergetaucht,

Scheint es dennoch dunkel wie tiefes Wasser zu verharren.

Ich weiß nicht, wessen Sohn es ist,

Ein Bildnis dessen, was früher als Gott vorhanden war.

***

Soviel vom Traum. Und nun das Leben, das damit übereinstimmen sollte.

Berlin 1960 Aufnahme

Das schmale Buch, in dem der obige „Vers“ steht, lag mir so am Herzen, dass ich daraus den Haupttext für die Berliner Aufnahmeprüfung ausgewählt und abgeschrieben hatte. Obligatorisches Nebenfach: Sprecherziehung. Drei Seiten, von denen ich hier zwei wiedergebe, die dritte folgt gegen Ende des Blog-Beitrags:

Berlin 1960 Text  Berlin 1960 Text b

Laotse Titel Laotse Notizen

Quelle Laotse / herausgegeben von Lin Yutang / Fischer Bücherei Frankfurt Hamburg Juni 1955

Im gleichen Buch die Kommentare und Texte von Tschuangtse, daraus folgendes Zitat:

Tschuangtse für Berlin a „Was bei Laotse Philosophie war, wurdeTschuangtse für Berlin b beim jüngeren Taoisten oft Dichtung.“

Zugleich sollte man erwähnen, dass manche Kapitel Laotses nach heutigem Ermessen keinen philosophischen Sinn ergeben, sondern einer Beschwörung gleichen. Zum Beispiel das, dem diese poetischen Ausführungen Tschuangtses zugeordnet sind. Ich weiß nicht, ob ich mir damals meine Ratlosigkeit eingestanden habe. (50. DIE BEWAHRUNG DES LEBENS). Auch dieser Text sollte samt den Anmerkungen des Herausgeber Lin Yutang folgen. Heute (nach Lektüre seiner Wikipedia-Biographie) würde ich sagen: er war eben Schriftsteller, kein Philosoph. Man sollte aber wohl Laotse auf gleichem gedanklichen Niveau behandeln wie etwa Aristoteles oder Nagarjuna.

Laotse 50 a .  .  . Laotse 50 b .  .  .

Wie hätte ich das damals verstehen können (oder heute)? Etwa durch die Anmerkungen auf Seite 215? / Anm.129 „Nach Han Fei sind es die vier Glieder und neun Körperöffnungen. Eine andere anerkannte Lesart lautet: ‚Drei Zehntel‘, aber das ergibt keinen Sinn. / Anm. 130 Wörtlich ‚todlos‘.“

Eine andere Übersetzung (Richard Wilhelm):

Kapitel 50

Ausgehen ist Leben, eingehen ist Tod.
Gesellen des Lebens gibt es drei unter zehn,
Gesellen des Todes gibt es drei unter zehn.
Menschen, die leben
und dabei sich auf den Ort des Todes zubewegen,
gibt es auch drei unter zehn.
Was ist der Grund davon?
Weil sie ihres Lebens Steigerung erzeugen wollen.
Ich habe wohl gehört, wer gut das Leben zu führen weiß,
der wandert über Land
und trifft nicht Nashorn noch Tiger.
Er schreitet durch ein Heer
und meidet nicht Panzer und Waffen.
Das Nashorn findet nichts, worein es sein Horn bohren kann.
Der Tiger findet nichts,
darein er seine Krallen schlagen kann.
Die Waffe findet nichts, das ihre Schärfe aufnehmen kann.
Warum das?
Weil er keine sterbliche Stelle hat.

Quelle HIER

Eine unbeschreibliche Begeisterung erfasst mich, wenn ich dann – nach ein paar weiteren Klicks im Internet (vor allem dank Wikipedia hier) – auf eine weitere Übersetzung stoße und zwar innerhalb einer riesigen wissenschaftlichen Arbeit über Laotse (Laozi)… Kleine Frage am Rande: Wäre ich eigentlich damals, vor 60 Jahren, als ich auf Laotse stieß, bei der Musik geblieben, wenn auf dem Klavier oder Geigenkasten griffbereit ein Laptop gelegen hätte? (Ich glaube: ja! Denn manches in meiner Entwicklung hätte weniger Umwege gekostet.)

Laotse 50 Screenshot 2017-08-28 10.50.04 ©Ansgar Gerstner (Screenshot JR)

Quelle Ansgar Gerstner: Eine Synopse und kommentierte Übersetzung des Buches Laozi sowie eine Auswertung seiner gesellschaftskritischen Grundhaltung auf der Grundlage der Textausgabe Wang-Bis, der beiden Mawangdui-Seidentexte und unter Berücksichtigung der drei Guodian-Bambustexte. Dissertation Universität Trier, 2001.

Merkwürdig: zwar verfügte ich damals über kein Internet, natürlich nicht, besaß aber seit Dezember 1962 die Diederichs-Ausgabe (Übersetzung und Einleitung von Richard Wilhelm!!!), seit Februar 1963 die Manesse-Ausgabe (Übersetzung und Kommentar von Victor von Strauß). Ich hätte die Neuanschaffungen neben das alte, zerlesene Exemplar legen und vergleichen können; sie tragen aber kaum Gebrauchsspuren. Ich könnte also heute die Feinarbeit nachleisten, die ich damals unterließ:

Laotse Diederichs Laotse Manesse

Ich zitiere aus dem zweiten Büchlein, und zwar unvollständig, um gezwungen zu sein, es immer mal wieder hervorzuholen:

Laotse Manesse Text 50

Quelle LAO-TSE: TAO TÊ KING Aus dem Chinesischen übersetzt und kommentiert von Victor von Strauß / Bearbeitung und Einleitung von W-Y.Tonn, ehemaliger Professor für Chinesische Sprachwissenschaft Tsinan Staats-Universität, Schanghai / Manesse Verlag Bibliothek der Weltliteratur / Zürich 1959.

Berlin 1960 Text c Der dritte Zettel Tschuangtse für die Prüfung…

Die Prüfungskommission der Berliner Musikhochschule am 12. April 1960 gegen 12.30 Uhr fand den Text gut gelesen, meinte aber, nachdem ich auch noch zwei Trakl-Gedichte vorgetragen hatte, dass für einen jungen Mann, der ins Studium eintrete, vielleicht doch eine positivere Stimmungslage in Frage käme. Ich traute mich nicht, den Hinweis zu geben, dass Trakl mir viel bedeute, obwohl – nicht weil – er ein Mann etwa meines Alters war, als er die Gedichte schrieb, und bei seinem Tod immer noch.

***

1. September 2017

Ein letztes Kapitel, das ich vielleicht unter dem Stichwort Entzauberung  subsumieren könnte. Die Behandlung Laotses durch Lutz Geldsetzer, vorab seine ernüchternde Übersetzung desselben Kapitels:

50. Geborenwerden ist ein Eintritt ins Sterben. Die Menge der Lebendgeborenen ist drei von zehn. Die Menge der Totgeburten ist drei von zehn. Die Menge der Menschen, die am Leben bleiben und die vom Tod bewegt werden beträgt auch drei von zehn. Warum ist das so? Weil diese für ihr Leben lebenskräftig sind. Nun hört man, daß es welche gibt, die das Leben gut meistern. Auf Landreisen sind sie nicht auf Nashörner und Tiger gestoßen. Als sie ins Heer eintraten, sind sie nicht durch Panzerung und Waffen verletzt worden. Das Nashorn hatte Nichts, um sein Horn hineinzustoßen. Der Tiger hatte Nichts, um seine Pranke hineinzuhauen. Der Soldat hatte Nichts, was seinen Schwerthieb erdulden mußte. Und warum? Weil für sie Nichts zum Sterben da-war.

Aus den hermeneutischen Vorbemerkungen:

Den bisher in westlichen Sprachen vorliegenden etwa 250 Übersetzungen des Dao De Jing noch eine weitere hinzuzufügen, erscheint überflüssig und etwas verwegen. Das Unternehmen, das wohl meistübersetzte Klassikerwerk Chinas noch einmal in philosophischer Perspektive zu überprüfen, muß sich durch seine Ergebnisse und Vorschläge rechtfertigen.

Sie verdanken sich dem in langen Jahren des Studiums fernöstlicher philosophischer Literatur gewonnenen Verdacht, daß „fernöstlicher Geist“ und insbesondere der sog. Lao Zi keineswegs so mystisch und dialektisch-spekulativ, ja irrational sind, wie man das im Westen gerne hätte. Und dieser Verdacht hat sich dem Verfasser ebenso auch bei den ältesten abendländischen Denkern bestätigt, etwa bei Heraklit und Demokrit, die man – nach Hegels Wort – nur vernünftig anschauen muß, um auch bei ihnen Vernunft zu finden. Wenn etwa Demokrit über zwei „Archai“, nämlich das „Volle der Atome“ (das Sein) und das „Leere“ des Raumes (das Nichts) als ersten Ursachen aller Wirklichkeit nachdenken konnte und daraus Folgerungen für ein (bis heute in der Naturwissenschaft exhauriertes) Weltbild ziehen konnte, dann sollte man etwas Vergleichbares auch einem chinesischen Denker zutrauen. Von solchem Zutrauen ist die vorliegende Übersetzung ausgegangen.

Das Dao De Jing ist nun allerdings eine „heilige Schrift“ nicht nur der Daoisten, sondern Chinas schlechthin, ebenso wie die Bibel im Abendland. Die Heilige Schrift des christlichen Abendlandes hat viele Entmythologisierungen überstanden, und sie ist daher den Gläubigen noch immer die Offenbarung Gottes, den Ungläubigen aber ein wertvolles historisches Dokument über den Bewußtseinszustand einer alten Kultur.

Das Dao De Jing ist dagegen niemals „entmythologisiert“ worden, weder in China noch im Westen. Dazu war der Respekt, den die chinesischen Gelehrten dem alten Werk und seinen ältesten Auslegern entgegenbrachten, zu hoch. Bei vielen westlichen Sinologen ist das Vertrauen darauf, daß die Chinesen selbst am besten wissen könnten, was der Sinn der alten Schrift sein müsste und könnte, ebenfalls zu hoch. Und so folgen sie gewöhnlich bei allen schwierigen und dunklen Stellen noch immer den Spekulationen des Wang Bi und des Zhuang Zi und den selbst in deren Nachfolge stehenden chinesischen Kollegen. Das westliche Bild vom Dao De Jing – und von chinesischer ältester Weisheit insgesamt – ist daher bis jetzt „mythologisch“ geblieben. Dunkelheit und Tiefe, Paradoxien und Schwierigkeiten, meist in poesiehafter Verbrämung dargeboten, sollen das Wesen des so „fremden östlichen Denkens“ und seiner in Metaphern schwelgenden Spekulation kennzeichnen.

Quelle Lutz Geldsetzer: Lao Zi Dao De Jing Eine philosophische Übersetzung nach dem Text der Ausgabe in: Zhu Zi Ji Cheng (Sammlung aller Philosophen) Band 3, Zhong Hua-Verlag, Beijing 1954, Anfang / Lehrmaterialien aus dem Philosophischen Institut, Forschungsabteilung für Wissenschaftstheorie, der HHU Düsseldorf. Im Internet: HIER.