Archiv der Kategorie: Natur

Kunst als Übung

Vergeistigung durch Streichquartett?

Freund Klaus G., dem ich als Dank für den ganzen Beethoven mit dem Belcea-Quartett das Bärenreiter-Taschenbuch über gerade diese Werke schickte, machte mich auf das bemerkenswerte Motto aufmerksam und, dass er den einleitenden Gülke-Essay gelesen habe. Ich wusste nicht, was er sich da zugemutet hatte, las nach und war ein bisschen beschämt. Tatsächlich bin ich nicht verpflichtet, alles auswendig zu kennen, was ich verschenke. Trotzdem fühle ich die Verpflichtung, das zu beherzigen, was ihm nun zum Thema wird. Natürlich das Motto von Auguste Rodin, ich würde es sofort unterschreiben (oder etwa nicht?).

Kunst ist Vergeistigung. Sie bedeutet höchste Freude des Geistes, der die Natur durchdringt und in ihr den gleichen Geist ahnt, von dem auch sie beseelt ist. Die Kunst ist die erhabenste Aufgabe des Menschen, weil sie eine Übung des Denkens ist, das die Welt zu verstehen und sie verständlich zu machen sucht.

Mein Gott! Unterschreiben würde ich nur, dass sie (unter anderem) eine Übung des Denkens ist, gewiss, und dann wohl meist auch eine Freude des Geistes. Vielleicht auch eine Erfahrung des eigenen Ungenügens? Aber die Sache mit der Natur – ist das nicht typisch Bildhauer, kann man diesen Idealismus heute noch teilen? Irgendwo muss sich eine nähere Begründung finden, und schon stecke ich in Peter Gülkes Text, vielmehr, ich bleibe stecken. Ein Beispiel: was für eine Nebenarbeit habe ich zu leisten, um allein einen Passus, den ich gleich folgen lasse, zu verstehen?! Und die andern Leser alle, sind die mit jedem kurz genannten Streichquartett oder mit bestimmten Motiven daraus so vertraut, dass sie lächelnd zustimmen: Jaja, der alte Gülke, recht hat er, wenn er recht hat! Aber ich habe den Satz von der Übung des Denkens nicht umsonst gelesen, – bevor ich Beethoven übe, werde ich Gülke üben müssen: „Beethoven – Musik der anderen Zeit“. Er meint sicher nicht die Zeit – sagen wir – in den Jahrzehnten vor und nach 1815, auch nicht die um 2015, die ich gern in Beziehung setzen würde. Dies ist nur ein Baustein:

Zeitbezug und Historizität vermitteln sich dem Musiker, nicht notwendig als solche reflektiert, im Material, mit dem er umgeht. Beethoven komponiert das dritte der Quartette op. 59, in C-Dur stehend und das Opus abschließend, selbstverständlich bezogen auf kanonische Vorbilder. Mozarts Streichquartett 465 und die „Jupiter“-Sinfonie KV 551. C-Dur hält zwischen dem subdominantischen F-Dur und der Dominantparallele e-Moll ähnlich eine harmonische Mitte wie in Mozarts letzten Sinfonien zwischen Es-Dur und g-Moll; die Introduktion, ohne sichernden Gleichschritt der Achtel und noch chromatischer, radikalisiert diejenige von KV 465; der melodische Gestus der das Allegro eröffnenden Violine erscheint wie eine verkürzte Erinnerung an den melodischen Gestus an entsprechender Stelle bei Mozart, und der liegt nicht weitab von der archetypischen Viertonfolge c-d-f-e aus Mozarts Sinfonie, welche ihrerseits Beethovens Menuett-Thema hinterlegt erscheint – wie dem Andante cantabile in Mozarts Quartett; und wie dessen Sinfonie beendet Beethovens Quartett offenkundig summativ, nicht nur das Werk, sondern die Werkgruppe krönend, eine einzigartige – bei Mozart souveräne, bei Beethoven angestrengte – Verbindung von Kontrapunkt und dialektischer Großform. Eingeweihten bietet Beethoven einen zusätzlichen Hinweis auf den Mozart-Bezug: Mit dem kleinen Schönheitsfehler paralleler Quinten im Übergang vom dritten zum vierten Takt passt sein Finalthema als sechster Kontrapunkt zu den fünfen des „Jupiter“-Finales (dort ab T. 372 übereinander), man könnte jeweils in Ganzen in Beethovens Takten 1-4 g-a-c-h, in den Takten 11ff. d-e-g-f, in den Takten 21ff. g-a-c-h unterlegen usw. und seinen Satz dergestalt verlängernd denken als das in den Wind der Beschleunigung geratene Mozart-Finale.

Quelle Ludwig van Beethoven Die Streichquartette (Gülke, Indorf, Korfmacher, Moosdorf, Platen) Bärenreiter-Verlag Kassel 2007 ISBN 978-3-7618-2108-4  (Seite 11)

Nur wenn ich das als Übung betrachte, für die ich alle Partituren bereitlege, kann mir der Text etwas sagen, so dass ich eventuell antworten kann: nein, das geht mir zu weit, ich will gar kein „Eingeweihter“ sein, der versteht, dass Gülkes (unnötige) gedankliche Prozedur Quinten-Parallelen ergibt. Schon das Wort von der „kanonischen“ Vorbildern hatte ich falsch verstanden und auf die kontrapunktischen Gebilde am Ende des Beethoven-Quartetts und der „Jupiter“-Sinfonie bezogen.

Nicht einmal an die Verwandtschaft des Beethovenschen Menuett-Themas mit der „archetypischen Viertonfolge“ mag ich glauben, auch nicht an die subkutane Bedeutung der Tonarten-Relation in den Dreiergruppen der genannten Werke von Beethoven und Mozart. C-Dur lässt sich immer mit C-Dur in Verbindung setzen, finde ich…

Obwohl ich hier steckengeblieben bin, weiß ich, dass das Ergebnis der Gülke-Lektüre die ganze Übung wert ist. Die „Zeit“ ist das Thema, und ich werde am Ende beherzigen, was ich darüber Neues gelernt habe, – schon im Blick auf Beethovens Widmungsbrief zur Klaviersonate op.109 … (übrigens auch am Anfang einer Dreiergruppe stehend, deren Tonarten- und Motivbeziehungen vielsagend sind).

(Fortsetzung folgt)

Musikalische Krankheitssymptome

Man könnte aus der Haut fahren, wenn die klassische Musik zum Thema einer großen Zeitung gemacht und wieder einmal mit falschen Vorzeichen versehen wird. Der Musiker weiß es sofort, wenn da von EKG und Beethoven die Rede ist, – jetzt kommt die Cavatina aus Opus 130 und die Mär von der Herzrhythmusstörung. Wer weiß, ob wirklich ein amerikanischer Musikwissenschaftler namens Steven Whiting (University of Michigan School) in Zusammenarbeit mit einem Kardiologen namens Zachary Goldberger und dem Medizinhistoriker Joel Howell dafür verantwortlich ist, was man jetzt in der „Welt am Sonntag“ liest. Zunächst einmal: wie die Cavatina, eins der ergreifendsten musikalischen Bekenntnisse überhaupt, charakterisiert wird als „das Ohr umschmeichelnd wie leichter Frühlingswind, der durch die Wipfel streicht“, ein Satz, der zunächst alles aufbiete, „um in einen seligen Schlummer hinüberzugleiten.“ Doch nach etwa dreieinhalb Minuten sei es damit vorbei: „Die Streicher sind dann zwar immer noch nicht laut, doch ihre Klangwogen schwellen nun an. Der Komponist gibt ihnen auch in der Partitur ausdrücklich die Anweisung, dass sie ‚beklemmend‘ spielen sollen. Zum Einschlafen eignet sich das nicht mehr, denn jetzt bekommt man Angst, danach nicht mehr aufzuwachen. Berechtigterweise, wie Forscher jetzt herausgefunden haben. Denn Ludwig van Beethoven verarbeitete in der Cavatina wohl seine Herzrhythmusstörungen. Und nicht nur dort, sondern auch in anderen Kompositionen.“

Zunächst einmal die Lautstärke: zweimal erreicht dieser Satz ein forte, nämlich in Takt 27 und 36, aber nicht an dieser Stelle, über der auch nicht als Spielanweisung „beklemmend“ steht, sondern „beklemmt“, und das steht nicht über den „Klangwogen“, die nun angeblich anschwellen, sondern über Takt 42, in dem die Spielanweisung lautet sempre pp, lediglich über der 1. Geigenstimme, die eine in Fragmente zerrissene Melodie andeutet, steht das Wort „beklemmt“. Erst in Takt 46 beginnt ein Crescendo, auch in Takt 48, aber keines führt zu einem Forte. Es folgt die Reprise der Cavatinen-Melodie, wer kann, darf beruhigt wieder einschlafen.

Beherzigenswerter als jeder Hinweis auf Herzstörungen in dieser Musik ist die Erinnerung eines Beethovenfreundes: Er hat sie wirklicher unter Thränen der Wehmuth komponirt, und gestand mir, daß noch nie seine eigene Musik einen solchen Eindruck auf ihn hervorgebracht habe, und daß selbst das Zurückempfinden dieses Stückes, ihm immer neue Thränen koste.

Wer angesichts dieser Cavatine tatsächlich vom Einschlafen spricht, ist keinen Moment der Aufmerksamkeit wert. Und wer aus einer Klavier-Sonate (op.81a), die vom Komponisten eindeutig auf Abschiedsschmerz und Wiedersehensfreude bezogen ist, eine Wellenbewegung heraushören will, die „bekanntlich ein häufiger Trigger für Herzrhythmusstörungen“ sei, muss nicht widerlegt werden.

Ähnlich absurd ist der folgende Abschnitt:

Der depressive Schumann erschuf – ebenfalls konsequenterweise – seine fröhlichen Werke nur dann, wenn er gerade in einer manischen Phase war, während die farbige Umsetzung der einfachen Klanglinien im „Bolero“ der Tatsache zu verdanken sind, dass sein Verfasser, der französische Komponist Maurice Ravel, so schwer an der linken Gehirnhälfte erkrankt war, dass er keine komplexen Tonfolgen mehr verarbeiten konnte.

 Quelle Welt am Sonntag  (Wissen) 1. März 2015 (Seite 61)  Jörg Zittlau: Beethovens musikalisches EKG / In den Werken berühmter Komponisten spiegelt sich nicht nur ihr Genie wider. Auch ihre Gebrechen spielen eine Rolle.

Nur soviel zu Ravel: er komponierte nach dem Boléro (1928) noch Kleinigkeiten wie das Klavierkonzert für die linke Hand (1929 -1930) und das Konzert für Klavier und Orchester G-dur (1929 -1931) …

Die (glaubwürdigen) Anekdoten zum Boléro werde ich hier nicht wiederholen ( siehe bei Wikipedia hier), – er hat das Werk, wie der Wortwechsel mit Toscanini zeigt, durchaus ernst genommen -, und man darf sagen, dass allein die Raffinesse der Melodie eine Dissertation verdient hätte, nicht nur die Instrumentation und die Idee, – zum erstenmal in der westlichen Musikgeschichte! -, dem separat inszenierten Rhythmus eine Hauptrolle zu erteilen.

Hier gebe ich noch einmal meine Transkription des Boléros zum besten, auf den Grundton G gesetzt, den tiefsten Ton der Geige. So hat jeder Geigenspieler ausgiebig Gelegenheit, über diese unendliche (und unsterbliche) Melodie zu meditieren, eine Melodie, die vielleicht – im alten Sinne – gar keine sein will.

Bolero in G++

Maurice Ravel „Boléro“ (Übertragung: Jan Reichow, hier bei der Arbeit)

Sayyed Qutb – vom Dorfkind zum Islamisten (II)

Ein biographischer Essay von Hans Mauritz (Teil II ! Teil I siehe HIER)

Für Sayyed Qutb war die Reise nach Amerika alles andere als Erfüllung eines Traums. Um den unbequemen Publizisten loszuwerden, schickt ihn das Erziehungsministerium, vielleicht auf Anordnung des Palastes, auf „Mission“, mit dem vagen Auftrag, in den Staaten über Lehrpläne und Pädagogik zu forschen. Abgrenzung und Ablehnung prägen seine Reise von Anfang an. Bei der Überfahrt setzt er durch, dass er mit moslemischen Passagieren und nubischen Matrosen das Freitagsgebet verrichten darf. Eine betrunkene, halb nackte Dame, die in seine Kabine eindringen will, weist er empört hinaus. Aus seinen Briefen und Aufzeichnungen wird ersichtlich, dass er das Land nicht mit den Augen eines Mannes sieht, der neue Horizonte entdecken will. Auf den Strassen von New York erblickt er Menschen, die „auf der Suche nach ihrer Beute“ fieberhaft dahingetrieben werden, „scharfe funkelnde Blicke, voll von Gier, Verlangen und Lüsternheit“, und begreift, dass sie dabei sind, einem „Leben in Völlerei, Genuss, Gelüsten und Konsum“ nachzujagen. Bald quält ihn das Heimweh und die Sehnsucht nach Freunden: „Wie sehr brauche ich jemanden, mit dem ich über andere Themen als Geld, Filmstars und Automodelle sprechen könnte“. Die amerikanische Kultur sieht er beherrscht von American Football, Cowboy-Filmen, Thrillern und dem seichten Small Talk, der auf Partys herrscht.Was Sayyed Qutb entdeckt, ist ein von Materialismus geprägtes Land, ohne spirituelle Dimension.

Am State College of Education in der Kleinstadt Greeley im Bundesstaat Colorado verbessert er sein Englisch, lässt sich aber sonst nicht ernsthaft auf Studium und Forschung ein. Im Gegensatz zu Taha, der sich in Frankreich allen Prüfungen stellt, um „Diplome zu erlangen, die keiner seiner Mitbürger jemals vor ihm erworben hatte“, ist Qutb zu solchen Herausforderungen nicht bereit. Das Leben in der amerikanischen Provinz beobachtet er scharf und reagiert darauf mit Unverständnis und Ablehnung. Die Amerikaner, meint er, leben nicht in solidarischer Gemeinschaft, sondern abgeschottet, jeder für sich selbst. Ihre Welt hört auf an ihrem Gartenzaun, und Gartenarbeit ist ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Was er vermisst, ist wahre Lebensfreude. Zutiefst erniedrigt fühlt er sich, als ihm der Zutritt in ein Kino verwehrt wird, weil man ihn wegen seines dunklen Teints für einen Afro-Amerikaner hält. Heftig attackiert er den Rassismus der Weissen: „Sie sprechen über Farbige, auch über Ägypter und Araber allgemein, als wären sie nur halbe Menschen (…). Ich habe erlebt, wie sie die Farbigen mit verabscheuenswürdiger Arroganz und widerlicher Barbarei behandeln.“ Trotz der zahlreichen Kirchen, meint er, sei niemand so weit entfernt von Spiritualität und Heiligkeit der Religion. Eine Tanzveranstaltung, die in Anwesenheit des Geistlichen in den Räumen einer Kirchgemeinde stattfindet, widert ihn an: „Arme legten sich um Taillen, Lippen trafen auf Lippen, Brüste auf Brüste, und die Atmosphäre war angefüllt mit Leidenschaft“. Den unerfahrenen keuschenTräumer, der einem weiblichen Idealbild huldigt, empört der ungezwungene Umgang zwischen den Geschlechtern und die Freizügigkeit in Sachen Erotik und Sexualität. Sayyed Qutb, der sich schon in Kairo entwurzelt fühlte, den die vom Westen inspirierte Lebensweise abstiess, der in der liberalen Wirtschaftordnung nichts als Egoismus, Kolonialismus und Ausbeutung sah, wird der Aufenthalt in Amerika in seiner radikalen Opposition bestärken und weiter treiben auf einem Weg, der Heil und Rettung allein im Islam sucht.

Abdel Nasser

Nach seiner Rückkehr aus Amerika verstärkt Sayyed Qutb seine Annäherung an die Moslembruderschaft und ihre Positionen. Die amerikanischen Erfahrungen fliessen in seine Schriften ein. In seinem Buch „Der Kampf zwischen Islam und Kapitalismus“ (1951) konstatiert er, dass in Ägypten der Landbesitz noch immer genau so ungerecht verteilt ist wie zur Zeit der Feudalherrschaft. Der Staat schützt nicht die Interessen der Mehrheit, sondern jene der Elite und der ausländischen Investoren. Materielle Abhängigkeit vom Westen hat ideologische Abhängigkeit hervorgebracht, und daraus ist eine Generation von „braunen Engländern“ entstanden, die ihre ägyptisch-arabische und islamische Identität verlieren. Qutbs Angriff gegen den Kapitalismus bedeutet jedoch keineswegs, dass er mit dem Kommunismus sympathisert, denn dessen Atheismus würde die Ägypter ihrer angeborenen Spiritualität berauben.

Im Herbst und Winter 1951/52 erheben sich die Ägypter gegen die britischen Besatzer. In Ismailiyya demonstrieren und sterben Polizisten, Arbeiter, Azharis und Studenten. Gegen den Willen ihrer Führer kämpfen auch Moslembrüder in vorderster Linie. In Kairo Down Town brechen Feuersbrünste aus: vor allem Etablissements, die Ausländern gehören, gehen in Flammen auf, über 700 Betriebe und Geschäfte werden zerstört. Bevorzugte Ziele sind Kinos, Bars, Tanzlokale und Treffpunkte der Schickeria wie das Café Groppi am Midân Talat Harb.

Wenige Tage vor dem Staatsstreich der Freien Offiziere am 23. Juli 1952 kommt es zu einem geheimen Treffen zwischen Abdel Nasser und seinen Verschwörern mit ausgewählten Moslembrüdern im Haus von Sayyed Qutb. Die Freien Offiziziere brauchen die Zusammenarbeit der Moslembrüder, damit diese ihren Einfluss auf die Massen geltend machen. Qutb seinerseits sieht gemeinsame Anliegen wie soziale Gerechtigkeit, nationale Unabhängigkeit und Annäherung an die arabisch-islamische Welt und an die blockfreien Staaten. Er hofft, die Revolutionäre könnten zum Vehikel werden für die Renaissance des Islam. Im August wird er eingeladen, im Offiziersclub von Zamalek einen Vortrag zu halten über „Intellektuelle und spirituelle Befreiung im Islam“. Unter den Zuhörern ist Abdel Nasser selbst, der ihm gratuliert und seinen Schutz verspricht. Qutb wird zu einer Art kulturellen Beraters des Revolutionsrates und träumt davon, eine Führungsrolle als Architekt des neuen Ägyptens zu einzunehmen. Je mehr aber der Revolutionsrat die Kontrolle über den Staat übernimmt, desto mehr trüben sich die Beziehungen zu den Moslembrüdern. Die Offiziere wollen ihre Macht nicht an einen Konkurrenten verlieren, der eine weit grössere Anhängerschaft im Volk besitzt als sie.

Als Nasser im Dezember 1952 die politischen Parteien verbieten lässt, bleibt die Moslembrüderschaft zunächst verschont. Als Reaktion auf die Verschlechterung der Lage tritt Sayyed Qutb im Februar 1953 auch offiziell den Moslembrüdern bei. Er fühlt sich wie neu geboren und avanciert rasch zum Mitglied der Führung und zum Chef der Propaganda-Abteilung. Im Januar 1954 befiehlt Abdel Nasser die Auflösung der Organisation. Mit 450 anderen wird Qutb vorübergehend festgenommen. Als im Oktober 1954 ein Moslembruder auf Nasser schiesst, der vor einer Viertelmillion von Anhängern in Alexandria spricht, ist dies willkommener Vorwand, um mit den Brüdern aufzuräumen. Sie werden vor ein Volkstribunal gestellt und angeklagt, einen blutigen Aufstand geplant zu haben. Qutb wird gefoltert, „anti-gouvernementaler Aktivität“ beschuldigt und zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Von seiner Zelle aus muss er die positiven Errungenschaften des Regimes zur Kenntnis nehmen: Bodenreform und Landverteilung an die kleinen Bauern, Verstaatlichung von Grossgrundbesitz und ausländischem Eigentum, kostenlosen Schulbesuch, Industrialisierung , Nationalisierung des Suez-Kanals und Bau des Aswân-Staudammes, Gesundheitsfürsorge, Bau von Wohnungen für die Armen und Trinkwasser für alle: Anliegen ganz im Geiste Qutbs, aber realisiert von einem Gewaltregime, das nach seiner Überzeugung gegen die Werte des Islam verstösst.

Die „Flitterwochen“ zwischen Säkularen, Modernisten und Sozialisten auf der einen und Traditionalisten und „Islamisten“ auf der anderen Seite haben nur wenige Monate Bestand gehabt. Wie wäre wohl Ägyptens Geschichte verlaufen, wenn statt der Gewaltspirale auf beiden Seiten Kompromiss, Zusammenarbeit und Austausch von Ideen stattgefunden hätte? Stattdessen haben sich die beiden Lager brutal bekämpft. Seit der Revolution von 2011 hat sich der Konflikt verschärft. Die Moslembrüder hatten unter Morsi ihre „Chance“, haben sie verspielt und sind vom politischen Parkett verschwunden. Ihre Aktivisten warten im Gefängnis auf ihren Prozess, andere Islamisten sind abgetaucht und haben sich im schlimmsten Fall jenen angeschlossen, die anderswo einen „islamischen Staat“ errichten wollen. (16)

Sayyed Qutb hat neun Jahre im Tura-Gefängnis verbracht und miterlebt, wie Gefangene geprügelt, gefoltert und von Hunden zerfleischt wurden. Hier, berichten Zeugen, verliert er die letzten Illusionen, was den moslemischen Charakter des Nasser-Regimes angeht. Seine im Kerker entstandenen Schriften „Im Schatten des Islam“ und „Zeichen auf dem Weg“ rechnen ab mit einem Regime, von der er aus eigener Anschauung nur die Konzentrationslager kennt (17). Wer Sayyeds Lebensgeschichte verfolgt, kann nachvollziehen, wie sich ein „aufgeklärter“ Publizist zu einem Denker wandelt, der sein Heil einzig im Islam sucht. Was wir jedoch nicht akzeptieren dürfen, ist das totalitäre Programm, das er nun verkündet und das weiterwirkt bis in den radikalen Islamismus unserer Tage.

„Zeichen auf dem Weg“ zur Gottesherrschaft

Sayyed Qutb analysiert nicht nur das Nasser-Regime, sondern alle Staatsformen, welche die Welt beherrschen, seien sie kapitalistischer, sozialistischer oder faschistischer Natur. Alle sind von Grund auf böse, weil in ihnen die Souveränität الحكيميّة , „al-hakîmiyya“, nicht in Gottes Hand liegt, sondern in der Hand eines Diktators, einer herrschenden Klasse oder Partei (18). Herrschaft des Menschen über Menschen aber führt unweigerlich zu Unterdrückung. Nur die Herrschaft Gottes und seines Gesetzes, der Sharî‘a, in einem durch und durch islamisch geprägten Staat befreit von Tyrannei, Armut, Angst und Laster (19). Staatsformen, in welchen Menschen wie Götzen angebetet werden, gehören für Qutb zu الجاهليّة , „al-jâhiliyya“, der Zeit heidnischer Ignoranz und Barbarei, die vor dem Siegeszug des Islam geherrscht hat und in den Diktaturen des 20.Jahrhunderts auferstanden ist. In solchen Gesellschaften unterdrückt der Starke den Schwachen, häufen Individuen unglaubliche Reichtümer an, verdrängen Materialismus und Egoismus die Sorge um das Wohl der Allgemeinheit und breiten Dekadenz und Unmoral sich aus (20). Als جاهيلي (heidnisch, ignorant, barbarisch) brandmarkt Sayyed Qutb aussereheliche Beziehungen und Homosexualität, und er verurteilt Frauen, die sich ihr attraktives Aussehen und ihren Sexappeal zunutze machen, um im Beruf Erfolg zu haben, statt sich der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Die Jâhilîyya prägt nicht allein die „heidnischen“ Gesellschaftssysteme, sondern hat auch alle moslemischen Gesellschaften der Moderne infiziert, so sehr, dass nicht nur moslemische Regimes, sondern ganze Völker ausserhalb des wahren Islam leben. Auch wer an Allah und seinen Propheten glaubt, betet, fastet und nach Mekka pilgert, verharrt in Barbarei und Ignoranz, solange sein Leben „nicht gegründet ist auf Unterwerfung unter Gott allein.“

Moderne Regimes sind nur schwer zu stürzen, denn sie stützen sich auf Militär und Polizei. Qutb glaubt nicht, dass die Moslembrüder dies ändern, indem sie am politischen Leben teilnehmen, es unterwandern und Schritt für Schritt zur Macht gelangen. Er hofft auch nicht auf einen Aufstand der Massen, denn diese hat man durch Zuckerbrot und Peitsche, durch Gewalt und Propaganda zu gefügigen Untertanen gemacht. Er sieht das Heil allein in einer Avant-Garde, الطليعة „al-Talî’a“ , einer auserwählten Schar von Moslems, welche die Menschen zum wahren Islam zurückführen und zu professionellen Revolutionären werden, welche das Regime zu Fall bringen. „Predigen allein genügt nicht mehr, um die Herrschaft Gottes auf Erden zu etablieren“.

Allahs Herrschaft kann nur errichtet werden, wenn sie sich nicht auf die moslemische Welt beschränkt. Damit sie universal wird, muss zum جهاد „al-jihâd“ aufgerufen werden. Der Verbstamm ج ه د meint „sich bemühen, sich anstrengen, streben, kämpfen“ und „den heiligen Krieg gegen Ungläubige führen“. Der Begriff ist im Koran nicht frei von Ambiguität. Während manche Theologen den Akzent auf „einen geistigen Kampf“ legen, der darauf zielt, Begierden und böse Neigungen zu zügeln, und andere den heiligen Krieg nur dann erlauben, wenn Moslems von Ungläubigen angegriffen werden, rechtfertigen wiederum andere den Jihad als „Krieg gegen alle, die nicht an Allah glauben.“ Sayyed Qutb verkündet, „dass der Islam (die Hingabe an Allah) eine universale Botschaft ist, welche die ganze Welt akzeptieren oder mit der sie Frieden schliessen sollte. (…) Der Islam ist die wahre Zivilisation.“ Seine Botschaft ist totalitär: „Es gibt nichts jenseits des Glaubens außer Unglauben, nichts jenseits des Islam außer Jâhîliyya, nichts jenseits der Wahrheit außer Unwahrheit.“

Zwar ermahnt er ungestüme Kämpfer zur Geduld: die Avant-Garde braucht eine lange Zeit spiritueller Vorbereitung. Ihre Kämpfer sollen sich zurückziehen, sich abschotten von der Welt, um sich von Irrtümern und Lastern nicht kontaminieren zu lassen. Erst nach dieser Zeit des „Rückzugs“ und der erfolgreichen Mission unter moslemischen Massen wird man zum Angriff übergehen. Allahs Religion „hat das Recht, alle Hindernisse zu zerstören, die in Form von Institutionen und Traditionen die Wahlfreiheit des Menschen einschränken (…). Sie greift keine Individuen an, noch zwingt sie sie, ihren Glauben anzunehmen (…). Der Islam verbietet Moslems, ihre Feinde zu foltern und zu erniedrigen.“ Wie diese Avant-Garde aber Institutionen zerstören und Staaten zerschlagen will, ohne auch Unschuldige zu treffen, sagt er nicht.

Durch Intervention des irakischen Präsidenten wird Sayyed Qutb 1964 auf freien Fuss gesetzt, aber weniger als ein Jahr später zusammen mit Tausenden seiner Gefährten wieder festgenommen, weil Nassers Geheimdienste angeblich einen Umsturzversuch der Moslembrüder aufgedeckt haben. Sein Todesurteil führt zu Protesten in der moslemischen Welt. Am 29. August 1966 wird Sayyed Qutb gehängt. Das Problem der islamistischen Gewalt ist damit freilich nicht gelöst. Qutb wird zum شهيد „shahîd“, zum Märtyrer, der für seinen Glauben gestorben ist  (21). Seine „Wegzeichen“ werden zur programmatischen Schrift. Im Oktober 1981, elf Jahre nach Nassers Tod, wird sein Nachfolger al-Sadât von Jihadisten umgebracht. Eine Generation später wird Osama Ben Laden eine Strategie entwickeln, die den Terror exportiert und sich dabei die Errungenschaften moderner Massenkommunikation zunutze macht. Die letzten Monate haben in Syrien und im Irak gezeigt, wozu die Gewalt von Islamisten fähig ist. Wir können nicht entscheiden, ob Sayyed Qutb all dies gebilligt hätte. Was er geschrieben hat, wirkt jedoch programmatisch fort und bietet manchen Interpretationen Raum: „Wir müssen den Ungläubigen den Islam nicht rational erklären (…), wir werden mit ihnen äusserst offen sein: die Ignoranz, in der du lebst, macht dich unrein, und Allah möchte dich reinigen (…), das Leben, welches du lebst, ist niedrig, und Allah möchte dich erhöhen“. Was Sayyed Qutb verschweigt, sind die Konsequenzen: wer sich nicht „reinigen“ und „erhöhen“ lassen will, dem wehe Gott! Wer das folgende Bekenntnis eines IS-Kämpfers von heute liest, kann nicht umhin, an Qutb zu denken: „Der Islam ist die einzig wahre Religion. Weltweit haben wir leider keinen einzigen echten islamischen Staat (…). Wenn man für eine gute Sache tötet, ist das legitim (…). Wenn Allah sagt, es ist erlaubt, solche Menschen zu töten, dann würde ich das auch machen. Ich folge seinen Gesetzen blind (…). Ich würde sogar meine Familie töten, wenn sie sich gegen den islamischen Staat stellt (…) In zwanzig, dreissig Jahren haben wir das geschafft. Wir kämpfen so lange, bis der ganze Planet islamisch ist.“ (22)

Anmerkungen

  1. Taha Hussein, „Kindheitstage“, „Jugendjahre in Kairo“ und „Weltbürger zwischen Kairo und Paris“, Edition Orient, 1985 ff. Das arabische Original الآيام “al-ayâm“, „Die Tage“, ist in drei Bänden 1926, 1940 und 1955 erschienen. Vgl. Hans Mauritz, „Taha Hussein – vom blinden Jungen aus Oberägypten zum Dichterfürsten“, http://www.leben-in-luxor.de/luxor_essays_mauritz_taha.html

  2. Sayyed Qutb, „Kindheit auf dem Lande. Ein ägyptischer Moslembruder erinnert sich“, aus dem Arabischen von Horst Hein, Edition Orient 1997. Das Original ist unter dem Titel طفل من القرية „Tifl min al-qarya“ 1946 erschienen.

  3. Was Taha Hussein a fellol?” siehe HIER

  4. Dabei spielten gerade im geistigen Leben von Musha die Sufi-Orden eine wichtige Rolle. Vgl. Nicholas Hopkins „Sufi Organization in Rural Asyut: The Riffa’iyya in Musha”, in “Upper Egypt. Identity and Change”, The American University in Cairo Press, 2004.

  5. عفريت „’ifrît“ pl. عفاريت“’afârît“ sind Dämonen und Teufel, die im Volksglauben noch heute lebendig sind.

  6. القرينة ist „ein weiblicher Dämon der Frauen, bes. Kindbettdämonin“ (Hans Wehr, Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart.)

  7. Vgl. den Roman von Mansura Eseddin, „Hinter dem Paradies“, Zürich 2011. In einem Interview gesteht die Schriftstellerin, wie sehr sie vom Mysteriösen und Unheimlichen fasziniert ist: „Der Wahnsinn fasziniert mich, die Frage, wie das wilde Tier aus dem Menschen herausbricht (…). Sie würden sich wundern, wie elementar meine Ängste sind“. (H.Mauritz, „Gestohlenes Leben. Die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin“, KEMET 4/2013, pp.73-76). Das Motiv des Zwillings, der sich nachts in eine Katze verwandelt, behandelt Hassan Abd al-Mawgud in seinem Roman „Das Auge des Katers“, Lisan-Verlag, Basel 2006.

  8. Auch heute noch haben ägyptische Eltern die Wahl, ihre Kinder in Staatsschulen oder in von al-Azhar geführten Instituten einzuschulen. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder in Privatschulen, vor allem ausländische Schulen.

  9. „Efendi“ oder „afendi“, plural „afendiyât“ war der Titel für einen europäisch gekleideten Ägypter, für einen Mann aus dem Mittelstand und für Lehrer an staatlichen Schulen.

  10. Wer wie der Schreibende seit langem in Oberägypten gelebt hat, ist mit ähnlichen Schildbügerstreichen vertraut.

  11. العدالة الاجتماعيّة في الاسلا „al-’adâla al-igtimâ’iyya fi al-Islâm“, 1949

  12. „Er begann sich Gedanken zu machen über diesen tiefen Graben, der die Reichen von den Armen trennt.“ („Jugendjahre in Kairo“, p.146.) Vor allem die Cholera-Epidemie von 1947 macht ihm bewusst, wie sehr sein Land „unfähig ist, das zu bekommen, was die freien Völker erlangen: das Gefühl eines Minimums an menschlicher Würde.“ („Au-delà du Nil“, Paris 1977, pp.246 f

  13. Die folgenden Kapitel unserer Arbeit stützen sich auf John Calvert, „Sayyid Qutb and the Origins of Radical Islam“, The American University in Cairo Press, 2011. Zitate, für die keine andere Quelle genannt werden, stammen aus diesem Buch.

14. Nagib Mahfûs, „Mirrors“, AUC, pp.119-122. Die deutsche Übersetzung „Spiegelbilder“, Unionsverlag Zürich, ist vergriffen.

15. „Weltbürger zwischen Kairo und Paris“, p.32

16. Über junge Ägypter, die in Syrien auf der Seite des „Daëch“ kämpfen vgl. Manar Attiya, „ces jeunes qui font la guerre sainte“, al-Ahrâm Hebdo, 24.-30.9.2014, p.24

17. „Tatsächlich ist Qutb überzeugt, dass die Wärter und Folterer in den Konzentrationslagern Gott vergessen haben. Sie beten ihn nicht mehr an, sondern setzen an seiner Stelle Nasser und den Staat zum Götzen ein.“ Gilles Kepel, „Le prophète et le pharaon“, Gallimard, folio histoire, 2012, pp.21ff

18. «al-  hakîmiyya» ist ein Neologismus, gebildet vom Verbstamm ح ك م , der „herrschen, regieren, richten, urteilen, entscheiden, befehlen“ bedeutet.

19. Alle Zitate nach John Calvert, s.o., Anm. 12, pp.212-225

20. „Diese Jahiliyya basiert auf der Rebellion gegen Allahs Herrschaft auf der Erde; sie überträgt den Menschen eine der grössten Eigenschaften Allahs, nämlich die Souveränität, und macht Menschen zu Herren über andere.“ (Shahîd Sayyid Qutb, „Zeichen auf dem Weg“, aus dem Englischen von Muhammed Shukri, TEXT HIER.) 

21. Die „Shiitische Republik Iran“ hat den „Märtyrer Sayyed Qutb“ 1984 mit der Herausgabe einer Briefmarke geehrt.

22. „Erhan A. würde für den islamischen Staat töten“ (Interview mit einem jungen Islamisten, der auf dem Absprung nach Syrien ist), Tages-Anzeiger, „Das Magazin“, nr.40, 2014.

John calvert - Qutb Qutb Wiki Commons

Ratlosigkeit und Islamismus

Verkehrte Welten

Es ist uns ein Rätsel, warum sich junge deutsche Menschen durch islamistische Parolen einfangen lassen und jeden Zweifel an simplen Welterklärungen ausblenden. Aber zugleich haben wir das Rätsel auch schon gelöst:  Es ist gerade diese Simplizität, die sie fasziniert, das gewaltige Pathos, mit dem sie den gewählten Weg für den einzig wahren erklären können: sie dürfen kleinmütige Bedenken achtlos beiseitewischen, zweifelsfrei, alternativlos, unumkehrbar und was die Sprache sonst noch an unerbittlichen Worten für ein denkfaules Verhalten zur Verfügung stellt. Wenn sich ein letzter Rest von Menschlichkeit beimischt, klingt er so:

Und ob man die Feinde abknallt oder köpft, ist doch egal. Tot ist tot. Es geht nur darum, dass sie nicht leiden. Selbst die schlimmsten Feinde dürfen wir nicht quälen, so will es der Koran.

Die Gedankengänge kennen wir (s.a. hier), viele Zeitungen wetteifern, sie den bärtigen Fanatikern zu entlocken und darzustellen (Zitat oben: siehe hier). Zuweilen erschüttert, wenn solche Statements mit einer gewissen Milde gegenüber dem Fragensteller geäußert  werden, der solche Logik nicht begreifen kann. Gerade unsere Ratlosigkeit erfüllt die Gegner mit ruhiger Zuversicht und unbeirrbarem Gottvertrauen. Die offensichtlichen Krisen in ihrer selbstgewählten Welt bleiben ihnen für immer verborgen, – man nennt das Komplexitätsverweigerung. Überall begegnen die gleichen Stichworte, heute im politischen Kommentar der Süddeutschen:

Es gibt keine singulären Ursachen für die Krisen in der arabischen Welt – und auch keine einfachen Lösungen. Der gern beklagte Mangel an Strategie im Westen ist auch Ausdruck der Ratlosigkeit angesichts der Komplexität und schwindender Einflussmöglichkeiten. Hoffnung auf Fortschritte gibt es am ehesten dort, wo Verteidigungskonflikte um Ressourcen und Macht den Krisen zugrundeliegen: in Libyen und Jemen, vielleicht im Irak.

Die Dschihadisten des Islamischen Staates entziehen sich dieser Logik: Ihr Projekt hat einen absoluten, einen totalitären Anspruch. Menschenleben bedeuten für sie nichts – sie setzen darauf, durch monströse Zivilisationsbrüche unüberlegte Reaktionen zu provozieren und ein apokalyptisches Chaos zu entfesseln. Sie glauben, daraus als Sieger hervorzugehen. Es wird einen Mix aus politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ansätzen brauchen – und vor allem langen Atem und überlegtes Handeln, um dem etwas entgegenzusetzen. Mit schnellen Erfolgen kann man nicht rechnen. Die Region steht vor einem finsteren Jahrzehnt. Europa aber wird sich nicht abwenden oder immunisieren können gegen die Bedrohung, die hier heranwächst,Charlie Hebdo und Kopenhagen sind Belege dafür.

Quelle Süddeutsche Zeitung 24. Februar 2015 Seite 4 / Naher Osten / Wenn Staaten scheitern / Von Paul-Anton Krüger

Ich stelle mir vor, wie die Szenerie von weit hinten aussieht, jenseits der Meere und der Wüsten. Wo die biographisch prägende Aufklärung vielleicht schon darin besteht, in die Koranschule zu gehen, lesen und schreiben zu lernen. Und in diesem Moment erhalte ich einen Essay, der genau diese Perspektive aus der Ferne, von der gegenüberliegenden Seite, in den Fokus rückt. Die Komplexität wächst, zugleich die Nachdenklichkeit und die Immunisierung gegen radikal vereinfachende Parolen. Die nächsten beiden Blog-Beiträge versuchen diese Perspektive von der anderen Seite aus nachzuvollziehen. Der Autor Hans Mauritz ist gewissermaßen ein Fachmann des Perspektivenwechsels: er verbringt die Wintermonate im ägyptischen Luxor, eine kurze Zeit im Schweizer Kanton Zug und die andere Hälfte des Jahres im Val d’Elsa in toscanischer Einsamkeit. Vor ein paar Jahren übernahm ich einen seiner Beiträge, den er für die Zeitschrift Kemet geschrieben hatte.

Ägypten Revolution Graffiti

Die Zeitschrift Kemet (hier eine Analyse aus dem Jahr 2012) musste inzwischen auf Grund der wirtschaftlich schwierigen Lage in Ägypten eingestellt werden.

Der „ägyptische Frühling“ ist in den westlichen Zeitungen nur noch als eine Art Fußnote gegenwärtig. In der schon oben zitierten Süddeutschen lese ich im Feuilleton:

Die Zeiten, in denen sie [die Künstler] unbekümmert Wände bemalen konnten, seien längst vorbei. Graffiti werden wieder in den Untergrund gedrängt. Wenige Orte erinnern noch an die Aufbruchstimmung 2011, am meisten vielleicht noch die Außenwand der American University Cairo am Tahrir-Platz. Dort malten die Künstler anfangs überlebensgroße Porträts von Opfern der Aufstände. Dann kamen Kunstwerke über aktuelle Vorfälle hinzu und die Mauer wurde eine Art Wandzeitung, informativ, kritisch, höhnisch, provokant und vor allem frei. Die Künstler fühlten sich geschützt durch die Euphorie und die Entschlossenheit der Jugend. Die Mohammed-Mahmud-Straße war eine Open-Air-Galerie: Zuschauer fügten Kommentare hinzu, übermalten oder verfremdeten die Bilder.

Quelle Süddeutsche Zeitung 24. Februar 2015 (Seite 10) „Gegen die Wand“ Graffiti waren die Kunst der Revolution in Ägypten. Heute werden sie verboten und übermalt. Sogar ein Bildband wurde konfisziert. Von Karin El Minawi.

Ach, Ägypten!

Erste Begegnung am 11. April 1967

Kairo 11-04-1967

Nach dieser Reise – einer Tournee von Casablanca bis Kabul – wendete ich mich der arabischen Musik zu, seit damals kenne ich zumindest eine Aufnahme von Oum Kalthoum nahezu auswendig: Die Rubayat-el-Khayam, die Lieder Omars, des Zeltmachers.

Organisches Denken?

Ich kann den Schock einigermaßen datieren, an dem ich vom Glauben abfiel, der mit einem gewissen Vertrauen in DIE NATUR zusammenhing. Dies hatte den Zweifel überdauert, den ein älterer Mitschüler mir in den 50er Jahren eingepflanzt hatte: die Philosophie sagt, dass Du nicht einmal sicher sein kannst, ob dieses Haus aus Klinkersteinen dort wirklich vorhanden ist, ob die Dünenkette dahinten wirklich existiert, ob das Meer, das wir rauschen hören, Realität hat. Ich war sicher, dass dieser Irrtum sich bald aufklären würde, aber die Diskussion lief sich tot. Der andere erinnerte an die Formel „Cogito ergo sum“, so heiße es korrekt, „ich denke, also bin ich“, und nicht „Sum ergo cogito“: ich bin nicht etwa zu allererst einmal da, und nur deshalb kann ich überhaupt anheben zu denken. Abgesehen von der Frage: ist es wirklich das Denken oder ist es der Gedanke der Eigen-Präsenz? Die Selbstgewissheit – und ist genau dies nicht „Sum“? Oder geht es um das nach außen gerichtete Denken, das die Objekte erfasst, nach Innen zieht, zu begreifen sucht und dadurch sich selber erfährt: das denkende Ich.

All dies kam mir jetzt in den Sinn, als ich einen bestimmten Satz bei Byung-Chul Han las und an den Schock zurückdachte, den ich weiter unten datieren werde. Aber zunächst der Satz:

Der Organismus ist für die moderne Biologie, wie auch Luhmann bemerkt, „nicht mehr ein beseeltes Wesen, dessen Seelenkräfte die Teile zu einem Ganzen integrieren, sondern ein adaptives System, das auf wechselnde Umweltbedingungen und -ereignisse durch Einsatz eigener Leistungen sinnvoll kompensierend, substituierend, blockierend oder ergänzend reagiert, um auf diese Weise die eigene Struktur invariant zu halten […].“

Han bezieht sich hier auf Luhmanns Soziologische Aufklärung I. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Opladen 1984 S. 38f. Und er kommt – da es in diesem Kapitel um „Metaphysik der Macht“ geht – auf vorher behandelte Gedanken zur Macht bei Hegel zurück:

Die moderne Vorstellung des Organismus stellt Hegels Konzept der Macht jedoch nicht gänzlich in Frage. Der Organismus verdankt seine strukturelle Invarianz gerade jener Macht, die dafür sorgt, daß der Organismus bei wechselnden Umweltbedingungen und -ereignissen sich behauptet, d.h. sich invariant hält.  Sie erzeugt auch in diesem Fall eine Kontinuität des Selbst, befähigt den Organismus dazu, trotz der von seiner Umwelt erzeugten negativen Spannung bei sich zu bleiben.

Quelle Byung-Chul Han: Was ist Macht? Reclam Stuttgart 2005 S. 76

Es war ein Urlaub vom 26.7. bis 15.8. 1987 in Visperterminen / Wallis, für den ich mir das Thema Natur vorgenommen hatte. Insbesondere ein Band Goethe sollte mich „ganzheitlich“ leiten. Aber auch eine neuerworbene Grundsatzlektüre: „erforschtes leben“ , ein sachbuch der modernen biologie von barbara hobom (herder freiburg basel wien 1980 ISBN 3-451-18666-7), und schon im Vorwort stieß ich auf ein Denken, das sich mit Goethe durchaus nicht vertrug (bitte anklicken):

leben hobom

In dem Buch finde ich auch eine Abschrift aus dem Jahre 2003 (dazwischen lag das Jahrzehnt der Auseinandersetzung mit dem „Computerdenken“):

Als abstrakte Erkenntnis war all das höchst bemerkenswert: Die Natur, die noch bei Goethe ihr Wissen um die Prinzipien in verborgenen Urformen und in Tausenden von Ausprägungen sinnlich erfahrbar vorwies, hatte nunmehr die Halbbrille auf der Nase und arbeitete sich, wenn sie das Geheimnis der lebendigen Materie vollzog, durch einen drögen Buchstabensalat, eine Art überlanges Lochband von einigen Milliarden Elementen. Für Schöngeister und Naturfreunde war dieses neue Wissen keine weltanschauliche Kränkung (wie ein Jahrhundert zuvor die Theorie von Darwin), sondern eine bürokratische, die kein Federfuchser sich hätte penibler ausdenken können.“

Quelle DIE ZEIT 20.02.03 Seite 31 Autor Jens Reich

Quelle s.o. Hobom

Jetzt wäre die Farbe Grün eine Wohltat, nicht wahr? Auch dieses Buch stammt aus der Zeit vor dem „systemischen Schock“, vom 23.7.1987 (3 Tage vor der Abfahrt nach Visperterminen):

Leitfaden Pflanzen

(Fortsetzung folgt) siehe Weiteres hier!

Amerikas Modulation

Solange ich denken kann, haben Melodien für mich eine Rolle gespielt. Zu allererst im Greifswalder Kindergarten („Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann“, „Häschen in der Grube“ – zutiefst beeindruckend die Zeilen: „Armes Häschen bist du krank, dass du nicht mehr hüpfen kannst“), später oder gleichzeitig die, die meine Mutter sang („Waldeslust“, „Horch, was kommt von draußen rein“), dann vor allem die klassischen Hits , die in meinem Heft „Die Goldene Geige“ standen (oder „Alte Meister für junge Spieler“). Als ich anfing, Klavier zu spielen (oder mitzuhören, was mein älterer Bruder übte), stand alles, was mich beeindruckte in der Dammschen Klavierschule. Unvergesslich der Wutanfall meines Vaters (samt Hilfeversuch meiner Mutter) bei dem Lied „Guter Mond, du gehst so stille“ mit der vertrackten Alberti-Begleitung. Besser funktionierte „Mädchen, warum weinest du“ mit den parallelen Sexten in der rechten Hand. Fast alle Melodien meines imaginären Repertoires standen in dieser alten Schule, manche, die ich heute für die größten halte, habe ich damals nicht als solche erkannt z.B. „Voi que sapete“ aus Mozarts Figaro. Aber bei anderen weiß ich noch genau, was ich mir bei welchem Ton oder welchem Motiv gedacht habe. Zum Beispiel bei der amerikanischen Nationalhymne (deren Text nicht mit abgedruckt war). Auf einen bloßen Dreiklang reagierte ich mit Geringschätzung:  so beim Anfang der ersten Zeile, – mir schien, daraus konnte nichts werden. Sobald aber das Fis ertönte, wendete sich die Sache: ich spürte eine Kraft am Werk (die Modulation!), die sich im Sprung auf den hohen Ton (Zeile 2) weiter zu entfalten trachtete. Fehlanzeige, – es ging zurück zum C und dem C-dur-Dreiklang, den wir schon hatten. Eine Enttäuschung, die durch Wiederholung der beiden Zeilen nicht besser wurde. Allerdings blieb eine Erwartungshaltung virulent. Und in der Tat, der hohe Ton zeitigte Folgen: eine Sequenz, die ich natürlich noch nicht benennen konnte, im Grunde kein originelles melodisches Mittel, aber es wirkte. Sehr stark auch, dass sie am Ende der dritten Zeile still stand, um in Zeile 4 den hohen Ton E und das Motiv der zweiten Zeile wieder aufzugreifen, jedoch um es, sobald der Ton C wiederkehrt, mit dem Modulationsmotiv des dritten und vierten Taktes der Zeile 1 „überstürzt“ zusammenzuschließen; ich freute mich, dass es so gewürdigt wurde, und erwartete dank dieser Kurzfassung  eine weitere Steigerung, die zweifellos eintrat: wesentlicher Punkt – der dreifache Ton A im zweiten Takt der fünften Zeile:

Amerikanische Hymne

Es war der Anfang einer Form von Melodie-Typologie, wie ich sie 20 Jahre später bei Marius Schneider studierte („Lieder ägyptischer Fellachen“). Aber ich habe mich damals noch nicht an meine erste, amerikanisch geprägte Erfahrung erinnert. Die ging folgendermaßen weiter: wieder eine Sequenz – diese Methode der zwingenden Abfolge – und wieder eine „Stauung“ ihrer Abfolge verbunden mit dem Prinzip Steigerung: man vergleiche in Zeile 5 die Takte 1+2 mit den Takten 3+4 und ihre Überbietung in der Wendung nach oben, mit dem Ziel des höchsten Tones der ganzen Hymne in Zeile 6, – sowie einem lapidaren Abschluss, der Rückkehr zum C, dem Ziel schon des Dreiklangsgebildes am Anfang der Zeile 1. Es ist nicht mehr banal, es glänzt!

Wozu diese Kindheitserinnerung? (Nebenbei: in der Dammschen Schule stand auch „Deutschland, Deutschland über alles“ über der vertrauten Melodie von Joseph Haydn, – ohne besonderen Eindruck auf mich zu machen.)

Den Anlass verrate ich erst ganz zuletzt. Zunächst interessiert mich die Geschichte des Liedes, die heute so leicht greifbar ist, siehe Wikipedia HIER.

Dort lese ich mit Staunen den Hinweis auf ein populäres englisches Trinklied, „To Anacreon in Heaven“ (hatte ich nicht zwischendurch – aufgrund der marschähnlich punktierten Auftakte – an „Gaudeamus igitur“ gedacht, wo das Viertel des Volltaktes die Punktierung aufweist?): und gehen weiter in Wikipedia nach DORT. Und von dort finden wir zur Musik, die separat behandelt wird HIER. Sogar mit Tonbeispiel. Niemals jedoch hätte ich sie in dieser Form zur Kenntnis genommen: ohne Modulation! Man findet auch noch den Hinweis auf eine youtube-Aufnahme des Trinkliedes, in der ein Chor dem Ziel des Trinkliedes alle Ehre macht … mit Fis oder ohne Fis … wer kann das wissen?

Und jetzt wird’s ernst! Es gibt ja eine Art POPMUSIKETHNOLOGIE; den konkreten Hinweis Hinweis verdanke JMR. (Musik ab 1:11)

Ich sage nicht, dass die übergeordnete Thematik aus europäischer Sicht etwas besonders Anziehendes hat, im Gegenteil, die abstoßenden Momente überwiegen, so dass ich – siehe oben – an ein höheres „ethnologisches“ Interesse in mir appellieren musste. Schon American Football hat keine positivere Ausstrahlung als irgendein gewalttätiges asiatisches Reiterspiel (gibt es das?), als balinesischer Cockfight oder – am untersten Ende der Skala – der alte Solinger Brauch der Hahnenköpper. Ich provoziere. Um mich selber zu beschämen, rekapituliere ich, dass mich zuweilen (!) Boxkämpfe im Fernsehen auf eine atavistische Art fesseln. Und es spielt dabei keine geringe Rolle, dass wir als Kinder von etwa 8-10 Jahren auf der Wiese des benachbarten Bauernhofes geboxt und Kämpfe nachgestellt haben, von denen wir aus dem Radio gehört hatten (Hauptregeln: nicht ins Gesicht, keine Leberhaken!). Namen wie Max Schmeling, Hein ten Hoff, Joe Walcott kursierten in unseren Kommentaren und wurden durch aktuelle Kampfberichte ergänzt. Doch zurück zum Thema. Dies ist der Link, der mir „zugespielt“ wurde und erwartungsgemäß mein Interesse weckte; genauer genommen: es waren die Notationen, die mir einen Erkenntnisgewinn suggerierten. HIER. Moment: zunächst einmal – was ist das für eine Quelle? Keine amerikanische, sondern eine britische, ein Magazin oder „Newsletter“ namens „Popbitch“. Siehe hier.

Zu den Analysen: es ist wichtig zu bemerken, dass man jedes der hervorgehobenen Ornamente auch anders beurteilen kann. Nehmen wir gleich Whitney Houstons Abstieg bei dem Wort ‚hailed‘, er bedeutet eine Schwächung des Tones G, der an dieser Stelle zum ersten Mal auftritt und gerade im Innehalten die Attraktion des Tones As bestätigt, ohne ihr im Moment nachzugeben, es ist ein spannungsvoller, schöner Ton; statt ihn auszukosten, lässt die Sängerin die Melodie herunterfallen auf den Ton Es, dessen Bedeutung sattsam bekannt ist, vom ersten Hymnenton an wurde ihm schon 5 Mal Referenz erwiesen, gerade auch durch den starken Modulationston D beim Übergang vom dritten zum vierten Takt, der dann ganz vom Glanz des Tones ES erfüllt ist. Das erweiterte Ornament in der vierten Zeile suggeriert zwar durch die Steigerung der Tonbewegung eine scheinbar erhöhte Bedeutung, bringt aber durch die Verzögerung des Tones G und die Bevorzugung des ohnehin genug gestärkten Tones ES eine Aufweichung des Melodiegangs C-B-As-G, die man durchaus fahrlässig oder sogar eitel finden könnte. Ein ornamentiertes G hätte mehr Energie gesammelt, die sich auf den As-dur-Dreiklang der nächsten beiden Takte fokussiert, ohne den Ton ES vorwegzunehmen.

Und so weiter. Schlimm auch die Schwächung der Zeile „that our flag was still here“, indem der Modulationston D durch den müden Vorhalt des F ersetzt wird, – vermeidbar etwa, wenn wenigstens eine Aufstiegsfigur mit D (+ Es und F) auf „still“ den Vorhalt aktiviert hätte. Ich erspare mir jedes weitere Wort, wenn man nur den Mut hat, es hier und da der bloß sensuellen Stimmwirkung entgegenzusetzen…

Aber es fehlt uns zu guter Letzt dann doch noch der Auftritt von Idina Menzel, auf den der Popbitch-Beitrag zielte. Hier ist er:

Jetzt könnte die musikethnologische Arbeit beginnen. Aber inzwischen ist meine sportliche Anteilnahme ins Unermessliche gestiegen, ich will wissen, wie das Endspiel ausgegangen ist. Sieger wurden die New England Patriots, schauen Sie hier, und konzentrieren Sie sich, dear Old Germany Compatriots, ganz besonders auf  die eine Zeile im Abschnitt „Auszeichnungen und Rekorde“:

Zu den anderen Patriots, denen Historisches gelang, gehörte auch Right Tackle Sebastian Vollmer, der der erste deutsche Super-Bowl-Gewinner wurde.

Ich wende mich stattdessen einem Kapitel zu, in dem Grundlegendes zu verzierungstechnischen Höchstleistungen amerikanischer Kehlen steht: MGG Die Musik in Geschichte und Gegenwart – Allgemeine Enzyklopädie der Musik – Bärenreiter Metzler – Kassel Basel London New York Prag Stuttgart Weimar 1998 – Sachteil Band 8 – „Sacred singing“ von Bernd Hoffmann. Sp 817/818 Schlussabschnitt des Notenbeispiels „Amazing Grace“, Transkription des Gesanges von Aretha Franklin.

Amazing Grace letzte Zeilen

ZITAT

Die offene Gestaltungsweise im strophigen Gefüge des von John Newton (1725-1807) getexteten Hymnus zeigt eine ausgefeilte Kantillationstechnik in permanenter Beziehung zur evangelisierenden Gemeinde: Paraphrasierende Wortwiederholungen, spannungssteigerndes Verweilen auf Textmotiven, die Etablierung einer selbständigen Deklamationsebene und die modale Grundstimmung sind prägende Ausdrucksmittel (G. Putschögl 1993, S. 119). Hinzu tritt der äußerst dramatische Effekt calculated stuttering, der in Zusammenhang mit den chanted sermons der schwarzen Kirchen gesehen werden muß.

Bernd Hoffmann (a.a.O. 815)  – Näheres zur Geschichte von Amazing Grace hier oder hier.

Du kannst und darfst nicht Felix Mendelssohn heißen.

Von höherer Bildung

Am 8.7. 1829 schrieb Abraham Mendelssohn Bartholdy einen ernsten Brief an seinen Sohn Felix. Er hatte erfahren, dass dieser auf seiner England-Tournee begonnen hatte, den Namensbestandteil Bartholdy wegzulassen und war empört. Die ausführliche Begründung ist historisch hochinteressant. (Den Baum setze ich hinzu, weil ich ihn am selben Tag gesehen wie die Briefstelle abgeschrieben habe. Er könnte auch bedeuten: „Ich liebe Felix Mendelssohn!“)

Baum 1 150213 x

Meines Vaters Vater hieß Mendel Dessau. Als dessen Sohn, mein Vater, in die Welt getreten war, als er anfing genannt zu werden, als er den edlen, nie genug zu preisenden Entschluß faßte, sich selbst, und seine Mitbrüder, aus der tiefen Erniedrigung, in welche sie versunken waren, durch Verbreitung einer höheren Bildung zu reißen, fühlte er, daß es ihm schwer werden würde, als Moses Mendel Dessau in das nähere Verhältnis, welches ihm erforderlich war, zu denjenigen zu treten, die damals im Besitz dieser höheren Bildung waren; er nannte sich, ohne daß er fürchtete seinem Vater dadurch zu nahe zu treten, Mendelssohn. Die Änderung war so unbedeutend als entscheidend. Als Mendelssohn trennte er sich unwiderruflich von einer ganzen Classe, aus der er die besten zu sich hinaufzog, und an eine andre Gemeinschaft anschloß. Der große Einfluß den er damals durch Wort, Schrift und That, auf die edelste und geistreichste Weise ausübte, der heute noch fortlebt und sich in steter Entwicklung verbreitet, gab dem Namen den  erangenommen, ein großes Gewicht, aber auch eine unauslöschliche Bedeutung. Einen christlichen Mendelssohn kann es nicht geben, denn die Welt agnoscirt keinen, und soll es auch nicht geben, denn er selbst wollte es ja nicht seyn. Mendelssohn ist und bleibt das Judentum in der Übergangsperiode, das sich, weil es sich von Innen heraus rein geistig zu verwandeln strebt, der alten Form um so hartnäckiger und consequenter anschließt, als anmaßend und herrschsüchtig die neue Form meynt und behauptet, nur durch sie sey das Gute zu erreichen.

Der Standpunkt, auf welchen mich mein Vater und meine Zeit gestellt, legte mir gegen Euch, meine Kinder, andere Pflichten auf, und gab mir andere Mittel an Händen, ihnen zu genügen. ich hatte gelernt, und werde es bis an meinen letzten Atemzug nicht vergessen, daß die Wahrheit nur Eine und ewig, die Form aber vielfach und vergänglich ist, und so erzog ich Euch, solange die Staatsverfassung unter der wir damals lebten, es zugeben wollte, frei von aller religiösen Form, welche ich Eurer eigenen Überzeugung, im Fall diese eine erheischen sollte, oder Eurer Wahl nach Rücksichten der Convenienz überlassen wollte. Das sollte aber nicht seyn, ich mußte für Euch wählen. Daß ich keinen inneren Beruf fühlte, bei meiner Geringschätzung aller Form überhaupt die jüdische als die veraltetste, verdorbenste, zweckwidrigste für Euch zu wählen, versteht sich von selbst. So erzog ich Euch in der christlichen als der gereinigteren von der größten Zahl civilisierter Menschen angenommenen und bekannte mich auch selbst zu derselben, weil ich für mich thun mußte, was ich für Euch als das bessere erkannte. So wie aber meinem Vater sich die Nothwendigkeit aufgedrängt hatte, seinen Nahmen seiner Lage angemessen zu modifizieren, so erschien es mir Pietät und Klugheitspflicht zugleich das auch zu thun. Hier habe ich mir eine Schwäche vorzuwerfen, ich bekenne sie, aber ich halte sie für verzeihlich. Was ich für recht hielt, hätte ich ganz und entschieden thun sollen. Ich hätte den Namen Mendelssohn ganz ablegen, und den Neuen ganz annehmen sollen; ich war meinem Vater schuldig, es zu thun, ich that es nicht, um langjährige Gewohnheit, viele Mitlebende zu schonen, schiefen und giftigen Urtheilen zu entgehen; ich that Unrecht, ich wollte den Übergang vorbereiten, ihn Euch erleichtern, die ihr nichts zu schonen und zu besorgen hättet. Ich ließ sehr absichtlich deine Karten in Paris Felix M. Bartholdy stechen, da du im Begriff warst in die Welt zu treten, und Dir einen Nahmen zu machen. Du bist in meine Ideen nicht eingegangen, ich habe auch hier wieder schwach genug, nicht eingegriffen, und wünsche mehr als ich erhoffe oder verdiene, daß mein jetziges Einschreiten nicht zu spät kommt. Du kannst und darfst nicht Felix Mendelssohn heißen, Felix Mendelssohn Bartholdy ist zu lang, und kann kein täglicher Gebrauchsname seyn, du mußt dich also Felix Bartholdy nennen weil der Name ein Kleid ist, und dieses der Zeit, dem Bedürfniß, dem Stande angemessen seyn muß, wenn es nicht hinderlich und lächerlich werden soll. Die Engländer, sonst so förmlich, altrechtgläubig und steif, ändern ihre Nahmen öfters im Leben, und es wird fast keiner unter dem Nahmen berühmt, den er in der Taufe erhalten. Und sie haben Recht. ich wiederhole dir, einen christlichen Mendelssohn giebt es so wenig als einen jüdischen Confucius. Heißt du Mendelssohn so bist du eo ipso ein Jude, und das taugt dir nichts, schon weil es nicht wahr ist.

Beherzige dies, mein lieber Felix und richte dich danach. Kommt heute noch dein Brief so finde ich auf dem großen Bogen wohl noch Platz zu einigen Worten.

Dein Vater und Freund.

Baum 2 150213 x

Fotos (Friedrichsaue an der Wupper): E. Reichow

Quelle des Brieftextes: Eva Weissweiler: Fanny Mendelssohn Ein Portrait Die Frau in der Literatur Ullstein Taschenbuch Frankfurt/M – Berlin – Wien 1985 ISBN 3 548 30171 1 (Seite 81f)

Erinnerung an die frühen Siebziger

Antike, Indien, Gegenwart

WDR Nachtmusik 1972 ganz Pompeji JMR 1973 Pompeji Essen 1973 Cover-Bild Pompeji Essen 1973 TextWDR Nachtmusik 1972 Detail Bitte anklicken!Nikhil Banerjee WDR 1971

Grassi Buch Cover Pompeji kl

Dieses Buch besaß ich seit 1962, das Titelbild vom Dionysos-Kult fand ich erst im Essener Katalog der Pompeji- Ausstellung genauer beschrieben (S.203ff). Dionysos hatte eine Bedeutung seit der Lektüre des Nietzsche-Buches „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“, – bezogen auf Richard Wagner, der bei uns seit 1957 (Lohengrin) eine große Rolle spielte. Später schien mir das Lohengrin-Vorspiel einem Raga-Alap zu gleichen. Die Kinderzeichnung befindet sich auf der Rückseite des WDR-Plakates. Pompeji hatte ich auf einer Italien-Tournee mit dem Collegium Aureum besucht. Alles schien mit allem irgendwie verbunden, und so immer noch im Rückblick, – wenn auch als Illusion eingeordnet.

Vergangene Zeiten? Nein, alles ist noch da. Zum Beispiel Hier (Indische Musik). Oder HIER (Pompeji).

„Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte“, notierte Goethe im März 1787 nach einem Besuch im Pompeji, und wer die auf den Wandgemälden dargestellten verliebten Götter und Heroen, die ländlichen Heiligtümer und die idyllischen Villen mit Meerblick betrachtet, ist geneigt, dem Dichterfürsten recht zu geben. „Interessant ist aber auch, welche Themen hier nicht dargestellt werden“, sagt Andreas Hoffmann, und nennt Politik, Gewalt und Szenen aus dem Arbeitsleben.

Quelle siehe vorhergehenden Link zum „Hamburger Abendblatt“ 26.09.2014

Chopin üben – und mehr (weniger)

Impromptu Op. 36 Fis-dur (1839)

Chopin Impromptu Fis a

Man sieht, ich habe es immer wieder in Angriff genommen: 1991, 2000, 2010 und jetzt wieder seit zwei Wochen. Es ist 8 Seiten lang und konzentriert sich auf sehr unterschiedliche Charaktere. Mein Motiv, das Stück immer wieder anzugehen, könnte ich schnell benennen: es ist nicht so sehr der etwas spröde Ansatz, dieser zweistimmig kontrapunktische Beginn und das später hinzutretende Thema. Erst die Modulationen in der Fortspinnung ab Takt 14 fesseln mich unweigerlich an das Stück; dann die Freiheit der Tongirladen in Takt 17, 29 und noch mehr in der Wiederkehr Takt 71. All das zu üben reizt mich, der Mittelteil in D-dur löst latenten Widerstand aus, ich brauche dafür eine andere Motivation. Die 32stel-Läufe des letzten Teils wiederum fordern mich technisch produktiv heraus. Aber was mich zutiefst bewegt und immer wieder verlockt, das Stück in allen Details zu studieren, seit ich es kenne – wohl seit 1962 in der Aufnahme mit Jan Ekier – , das ist der Epilog des Themas, der zuerst in den Takten 30 bis 38 und dann wieder ganz am Ende, Takt 101 bis 109, zu hören ist. Rätselhaft, wie aus weiter Ferne rufend. – Heute geht es mir nur um die 32stel-Läufe, die tatsächlich im Laufe der Jahre ganz flink geworden sind; aber weiterhin gibt es eine Stelle, die gern aus der Reihe tanzt, nämlich die unten wiedergegebene; einzelne Töne streiken, fallen unter den Tisch, und ganz offensichtlich ist der Daumen schuld. Dies festzustellen, hilft aber nicht im geringsten, die üblichen Übemethoden (unterschiedliche Betonungen, punktierter Rhythmus o.dgl.) versagen. Am Ende passiert das gleiche wie vorher. Was tun?

Chopin Impromptu Fis b

Zur Orientierung: wir sprechen von den Vierergruppen und bezeichnen sie mit römischen Zahlen von I bis VIII, eine bestimmte 32stel-Note in der Vierergruppe wird mit einer arabischen Zahl von 1 bis 4 angehängt. Der Daumen befindet sich zunächst auf I-3, der weißen Taste „his“ (gleich „c“), dann aber auf II-2, der schwarzen Taste „cis“; dies ist die erste Klippe: er macht eine kleine Vorwärtsbewegung und gibt der Hand – mit einem leichten Ruck – eine kleine Auswärtsdrehung. Die Lage des Daumens muss von vornherein so eingerichtet sein, dass keine Sonderbewegung – und sei sie noch so winzig – eingeschaltet werden muss, um ihn auf das „cis“ zu bringen (zu berücksichtigen ist allerdings, dass der vorhergehende lange Lauf die Hand gern zu einer leichten Einwärtsdrehung veranlasst). Alle weiteren Töne liegen günstig in der Fingergruppe 1 2 3, bis zur nächsten Klippe, die erst in V-3 zu erwarten ist, wenn der vierte Finger ins Spiel kommt. Die Parallelbildung der Fingerfolge 4 3 2 1 ab V-3 und 4 3 2 1 ab VI-3 muss bewusst erfasst und begriffen werden; dann auch die Verkürzung 3 2 1 mit Richtungsänderung in VIII-1 zu VIII-2 und den beiden folgenden Tönen. Wichtig: es gibt in dem ganzen Takt keinerlei Mithilfe des Handgelenks, stattdessen ist allein die Ab- und Aufwärtsbewegung des Daumens (sowie der anderen Finger) zu beobachten: er muss wirklich sanft zurückschnellen, damit die Taste nicht zu weit unten bleibt und beim nächsten Anschlagsversuch den Ton verweigert. Genau das verursacht die störenden Löcher (die Taste ist noch nicht wieder oben). Diese (Rück-) Bewegung insbesondere des Daumens scheint mir die zu sein, die in den meisten Methodiken vernachlässigt wird. Rühmliche Ausnahme: die „Spiel- und Denktechnik im Elementarunterricht für Klavier“ von Hans Balmer. In der Tat handelt es sich um einen Anfängerfehler, der sich hier, weil es etwas unübersichtlich wird, wieder einschleicht. Balmer beschreibt die Gefahr am Beispiel der normalen Tonleiter mit Untersetzen des Daumens; man muss sich also der Mühe unterziehen, diese Beobachtung gut zu verstehen, um sie auf die konkrete Stelle zu übertragen:

In der laufenden Tonleiter folgen sich abwechselnd Gruppen von je 3 und 4 Fingern. Der Daumen ist jeweils ihr Anführer. Er muß sich vor dem Auslöschen einer Gruppe an den Ausgangspunkt der nächsten bewegen, damit am neuen Ort die in senkrechter Richtung wirkende tonbildende Energieleistung vollzogen werden kann. Sobald er gespielt, hat er am alten Ort nichts mehr zu suchen. Die Ortsveränderung ist so rasch wie möglich,, während des Spiels der anderen Finger, vorzunehmen, damit er – die Temponahme mag so schnell sein wie es der Umstand erfordert – am neuen Ort jederzeit bereit ist.

Wird die seitliche Bewegung des Daumens verzögert, besteht immer die Gefahr, daß sie entweder zu spät erfolgt, oder – was schlimmer ist – in der Angst, daß sie zu spät erfolge und die Bewegung des Daumens nicht ausreiche, die seitliche Bewegung der Hand unnötigerweise aufgeboten wird. Dies ist die Ursache der bekannten Zickzackbewegungen des Handgelenks.

Die Fehlleistung in senkrechter Bewegungsrichtung paart sich meist getreulich mit dieser: Im Augenblick des Untersetzens befindet sich der Daumen unter dem Handrücken (beim Untersetzen nach dem 4. Finger sozusagen unter dem 5.). In dieser Stellung ist es für den Anfänger äußerst schwer, die Daumenmuskeln zu betätigen, welche die senkrechte Bewegung bewerkstelligen müssen. Lenkt der Lehrer die Aufmerksamkeit nicht besonders darauf, wird sich der Schüler sehr einfach auf die wohlbekannte Art aus der Sache ziehen: Die Daumenmuskeln bleiben passiv, die Taste wird von der abstoßenden Hand hineingedrückt. Diesem Handsenken geht logischerweise das instinktive Handheben vor dem Untersetzen voraus. Resultat: sturzwellenförmige Bewegungen des Handgelenks bei fortlaufender Tonleiter.

Infolge eines kleinen Denkfehler geschieht im kleinen Anfang die fehlerhafte Verwechslung der Instanzen, sowohl in wagrechter wie in senkrechter Richtung: statt der in erster Linie verantwortlichen Fingermuskeln treten die erst in zweiter Linie heranzuziehenden Hand- und Armmuskeln in Kraft. Durch Wiederholen in derselben Weise wird schnell ein unverrückbare Gewohnheit daraus.

Quelle Spiel- und Denktechnik im Elementarunterricht am Klavier. Von Hans Balmer. Verlag Gebrüder HUG & Co. Zürich, Leipzig (1992)

PS.

Natürlich liegt das Pedantische dieser Betrachtung auf der Hand, es kommt aber vor allem aus der Verschriftlichung, die allmählich „verdampfen“ sollte. Wichtig ist die Ruhe der Betrachtung, das Zeitlassen für die Beobachtung des eigenen Übevorgangs. Für 20 Minuten – sagen wir – gibt es nichts als die im zweiten Beispiel gegebenen 36 Töne (plus Auslaufen) der rechten Hand.  Im Sinne des bekannten Haikus, das nur dem Sprung eines Frosches gilt, aber zugleich den ganzen Kosmos umfasst.

Glücksversprechen

Sonntagmorgen. Ich wache auf und weiß, dass es Adorno war, der zuerst davon gesprochen hat und bei dem es mir mehrfach begegnet ist, da er immer wieder – in den seriösesten Angelegenheiten – die Kindheit beschwört:

Wie die Momente, in denen man als Kind Glücksversprechen wahrgenommen hat, deren Einlösung auf sich warten lässt, in späteren Zeiten als Erinnerung wiederkehren: dabei wird zur Gewissheit, dass diese Verheißungen künftigen Glücks nichts anderes als das Glück selber waren. Darüberhinaus gab es nichts mehr, – oder wie soll man es sagen?

Rilke sprach, ich weiß nicht wo, von der Ahnung einer fernen Geliebten, die sich zeigen werde.

Ich vermute aber, dass Adorno nicht durch eine ausbleibende Geliebte darauf kam, sondern als er Eichendorff las, romantisches Sehnen nachempfand, den analytischen Text zu Schumanns „Liederkreis“ schrieb: statt dem Sehnen nachzugeben, klicke ich Google (soweit sind wir, – zu wenig Geduld, die reale Erinnerung wachsen zu lassen) „Wie von künftigem großen Glück“ – gewiss kam ich nur durch diese Ahnung vorher schon auf die Wortverbindung „künftigenglücks“. Und da habe ich’s, in dritter und vierter Position und immer wieder: Zu mir, phantastische Nacht? Es funkeln auf mich alle Sterne usw. – ah, ich weiß, „Schöne Fremde“, eine Geliebte der besonderen Art, schaue also in die Freiburger Anthologie.

Warum aber denke ich an das Glück, statt an die Enttäuschung? Ich bin geschmacklos genug, den lateinischen Spruch zu assoziieren, wann immer omne animal triste sei… und lande per google in der „P.M. Welt des Wissens“, Rubrik „Psychologie & Gesundheit“, Artikel „Traurig nach dem Sex“.

Natürlich, die schöne, neue Internetwelt weiß Rat für alles. Kopf hoch! Aber den Zusatz „sive gallus et mulier“ lese ich zum ersten Mal. Und als ich heute beim Aufwachen an Adorno dachte, hatte ich eine ganz andere Vorstellung: Kindheit. Ausgelöst durch eine Mail, die ich von BR erhielt:

„Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben.“
Und BR fragt: Kennst Du das?

Nein, aber es gibt ja google. F.A.Z.-Leseprobe: Einführung Martin Walsers neue Novelle „Mein Jenseits“ / Von heute an veröffentlichen wir exklusiv in fünf Folgen die ersten Kapitel von Martin Walsers neuer Novelle „Mein Jenseits“ ab. Sie behandelt nichts Geringeres als die Frage, wie Wissen und Glauben sich zueinander verhalten: Einführung und erste Folge.

Und heute im Laufe des Tages werde ich Theodor W. Adornos Gesammelte Schriften als Digitale Bibliothek in den PC legen und in die Suchfunktion das Wort „Glück“ schreiben. Ich werde staunen, wie oft es vorkommt („Sitar“ dagegen nur 1 Mal – das weiß ich), aber ewig ärgern wird mich der Druckfehler „Theoder“. (Er wird später hier unten, sich selbst ausdruckend, zu lesen sein.)

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Es gibt 523 Fundstellen. Die hier wiedergegebene ist nicht genau die, die ich in Erinnerung habe, aber immerhin nicht unpassend:

An der Utopie hält Mahlers Musik fest in den Erinnerungsspuren der Kindheit, die scheinen, als ob allein um ihretwillen zu leben sich lohnte. Aber nicht weniger authentisch ist ihm das Bewußtsein, daß dies Glück verloren ist und erst als Verlorenes zum Glück wird, das es so nie war.
[Band 13: Die musikalischen Monographien: VIII Der lange Blick. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 10804 (vgl. GS 13, S. 287)]

Nachtrag „Déjà vue“

Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: genau dies Thema habe ich schon einmal behandelt, im Jahre 2010, und bin damals der gleichen Assoziation gefolgt, hatte sogar die „richtige“ Adornostelle gefunden, nämlich hier. Allerdings: ganz identisch ist der Gedankengang nun auch wieder nicht, er ist verwickelter geworden, der Blog ist ein besseres Übungsgelände als die Sammlung der Fundstücke damals. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass ich meine eigenen Abschriften so gründlich vergesse… Auch hier heißt es also: üben und wiederholen, präsent halten. Genau wie die Chopin-Stelle (Schlussteil Impromptu Fis-dur), deren Ausarbeitung ich gerade am Klavier betrieben habe. Eine Fingersatzfrage (Geläufigkeit) wurde dabei zum Problem des Daumenuntersatzes. – Davon später mehr. Nicht vergessen!