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Chopin üben – und mehr (weniger)

Impromptu Op. 36 Fis-dur (1839)

Chopin Impromptu Fis a

Man sieht, ich habe es immer wieder in Angriff genommen: 1991, 2000, 2010 und jetzt wieder seit zwei Wochen. Es ist 8 Seiten lang und konzentriert sich auf sehr unterschiedliche Charaktere. Mein Motiv, das Stück immer wieder anzugehen, könnte ich schnell benennen: es ist nicht so sehr der etwas spröde Ansatz, dieser zweistimmig kontrapunktische Beginn und das später hinzutretende Thema. Erst die Modulationen in der Fortspinnung ab Takt 14 fesseln mich unweigerlich an das Stück; dann die Freiheit der Tongirladen in Takt 17, 29 und noch mehr in der Wiederkehr Takt 71. All das zu üben reizt mich, der Mittelteil in D-dur löst latenten Widerstand aus, ich brauche dafür eine andere Motivation. Die 32stel-Läufe des letzten Teils wiederum fordern mich technisch produktiv heraus. Aber was mich zutiefst bewegt und immer wieder verlockt, das Stück in allen Details zu studieren, seit ich es kenne – wohl seit 1962 in der Aufnahme mit Jan Ekier – , das ist der Epilog des Themas, der zuerst in den Takten 30 bis 38 und dann wieder ganz am Ende, Takt 101 bis 109, zu hören ist. Rätselhaft, wie aus weiter Ferne rufend. – Heute geht es mir nur um die 32stel-Läufe, die tatsächlich im Laufe der Jahre ganz flink geworden sind; aber weiterhin gibt es eine Stelle, die gern aus der Reihe tanzt, nämlich die unten wiedergegebene; einzelne Töne streiken, fallen unter den Tisch, und ganz offensichtlich ist der Daumen schuld. Dies festzustellen, hilft aber nicht im geringsten, die üblichen Übemethoden (unterschiedliche Betonungen, punktierter Rhythmus o.dgl.) versagen. Am Ende passiert das gleiche wie vorher. Was tun?

Chopin Impromptu Fis b

Zur Orientierung: wir sprechen von den Vierergruppen und bezeichnen sie mit römischen Zahlen von I bis VIII, eine bestimmte 32stel-Note in der Vierergruppe wird mit einer arabischen Zahl von 1 bis 4 angehängt. Der Daumen befindet sich zunächst auf I-3, der weißen Taste „his“ (gleich „c“), dann aber auf II-2, der schwarzen Taste „cis“; dies ist die erste Klippe: er macht eine kleine Vorwärtsbewegung und gibt der Hand – mit einem leichten Ruck – eine kleine Auswärtsdrehung. Die Lage des Daumens muss von vornherein so eingerichtet sein, dass keine Sonderbewegung – und sei sie noch so winzig – eingeschaltet werden muss, um ihn auf das „cis“ zu bringen (zu berücksichtigen ist allerdings, dass der vorhergehende lange Lauf die Hand gern zu einer leichten Einwärtsdrehung veranlasst). Alle weiteren Töne liegen günstig in der Fingergruppe 1 2 3, bis zur nächsten Klippe, die erst in V-3 zu erwarten ist, wenn der vierte Finger ins Spiel kommt. Die Parallelbildung der Fingerfolge 4 3 2 1 ab V-3 und 4 3 2 1 ab VI-3 muss bewusst erfasst und begriffen werden; dann auch die Verkürzung 3 2 1 mit Richtungsänderung in VIII-1 zu VIII-2 und den beiden folgenden Tönen. Wichtig: es gibt in dem ganzen Takt keinerlei Mithilfe des Handgelenks, stattdessen ist allein die Ab- und Aufwärtsbewegung des Daumens (sowie der anderen Finger) zu beobachten: er muss wirklich sanft zurückschnellen, damit die Taste nicht zu weit unten bleibt und beim nächsten Anschlagsversuch den Ton verweigert. Genau das verursacht die störenden Löcher (die Taste ist noch nicht wieder oben). Diese (Rück-) Bewegung insbesondere des Daumens scheint mir die zu sein, die in den meisten Methodiken vernachlässigt wird. Rühmliche Ausnahme: die „Spiel- und Denktechnik im Elementarunterricht für Klavier“ von Hans Balmer. In der Tat handelt es sich um einen Anfängerfehler, der sich hier, weil es etwas unübersichtlich wird, wieder einschleicht. Balmer beschreibt die Gefahr am Beispiel der normalen Tonleiter mit Untersetzen des Daumens; man muss sich also der Mühe unterziehen, diese Beobachtung gut zu verstehen, um sie auf die konkrete Stelle zu übertragen:

In der laufenden Tonleiter folgen sich abwechselnd Gruppen von je 3 und 4 Fingern. Der Daumen ist jeweils ihr Anführer. Er muß sich vor dem Auslöschen einer Gruppe an den Ausgangspunkt der nächsten bewegen, damit am neuen Ort die in senkrechter Richtung wirkende tonbildende Energieleistung vollzogen werden kann. Sobald er gespielt, hat er am alten Ort nichts mehr zu suchen. Die Ortsveränderung ist so rasch wie möglich,, während des Spiels der anderen Finger, vorzunehmen, damit er – die Temponahme mag so schnell sein wie es der Umstand erfordert – am neuen Ort jederzeit bereit ist.

Wird die seitliche Bewegung des Daumens verzögert, besteht immer die Gefahr, daß sie entweder zu spät erfolgt, oder – was schlimmer ist – in der Angst, daß sie zu spät erfolge und die Bewegung des Daumens nicht ausreiche, die seitliche Bewegung der Hand unnötigerweise aufgeboten wird. Dies ist die Ursache der bekannten Zickzackbewegungen des Handgelenks.

Die Fehlleistung in senkrechter Bewegungsrichtung paart sich meist getreulich mit dieser: Im Augenblick des Untersetzens befindet sich der Daumen unter dem Handrücken (beim Untersetzen nach dem 4. Finger sozusagen unter dem 5.). In dieser Stellung ist es für den Anfänger äußerst schwer, die Daumenmuskeln zu betätigen, welche die senkrechte Bewegung bewerkstelligen müssen. Lenkt der Lehrer die Aufmerksamkeit nicht besonders darauf, wird sich der Schüler sehr einfach auf die wohlbekannte Art aus der Sache ziehen: Die Daumenmuskeln bleiben passiv, die Taste wird von der abstoßenden Hand hineingedrückt. Diesem Handsenken geht logischerweise das instinktive Handheben vor dem Untersetzen voraus. Resultat: sturzwellenförmige Bewegungen des Handgelenks bei fortlaufender Tonleiter.

Infolge eines kleinen Denkfehler geschieht im kleinen Anfang die fehlerhafte Verwechslung der Instanzen, sowohl in wagrechter wie in senkrechter Richtung: statt der in erster Linie verantwortlichen Fingermuskeln treten die erst in zweiter Linie heranzuziehenden Hand- und Armmuskeln in Kraft. Durch Wiederholen in derselben Weise wird schnell ein unverrückbare Gewohnheit daraus.

Quelle Spiel- und Denktechnik im Elementarunterricht am Klavier. Von Hans Balmer. Verlag Gebrüder HUG & Co. Zürich, Leipzig (1992)

PS.

Natürlich liegt das Pedantische dieser Betrachtung auf der Hand, es kommt aber vor allem aus der Verschriftlichung, die allmählich „verdampfen“ sollte. Wichtig ist die Ruhe der Betrachtung, das Zeitlassen für die Beobachtung des eigenen Übevorgangs. Für 20 Minuten – sagen wir – gibt es nichts als die im zweiten Beispiel gegebenen 36 Töne (plus Auslaufen) der rechten Hand.  Im Sinne des bekannten Haikus, das nur dem Sprung eines Frosches gilt, aber zugleich den ganzen Kosmos umfasst.