Aus den letzten Denkzetteln April 2020
Mit herzlichem Dank für die Abdruckgenehmigung (und Bitte um Nachsicht für die Farbabweichung), in Freundschaft, Jan Reichow
Er beflügelt
Nie im Leben hätte mich „Vom Winde verweht“ interessiert. Jetzt nach den empörenden Bildern aus Amerika ist der Film (und das Buch) ins Gerede gekommen. Ad acta, denkt man. Aber darüber hinaus bedarf es eines intellektuellen Funkens, der eben aus den ernsthaft arbeitenden Medien kommt, mehr oder wenig durch Zufall: weil man sich plötzlich mehr Zeit nimmt als geplant. Hier und heute zum Beispiel:
Ich weiß, dass man über die Verlinkung an eine Bezahlschranke kommt, soweit reicht meine Aktivierung nicht, aber ich habe den Artikel in Papier gelesen (gestern Abend bei REWE gekauft) und werde ihn eines fernen Tages auch digital wiederfinden. Warum er mich beflügelt? Ehrlich gesagt: es liegt am ersten Absatz und an den beiden schönen Menschen.
Nein, an den vielen Denkanstößen.
Ich überlege, wie ein nichtrassistischer Film aussehen müsste, wieviel schwarz, wieviel weiß, wie schwarzweiß dürfte er zeichnen, wie heftig mit dem neutralen Zaunpfahl winken. An welches Publikum müsste er sich richten? Wie ließe es sich motivieren, bei der Sache zu bleiben? Wie langweilig dürfte das Gleichgewicht aller mit allen wirken?
Was habe ich heute getan, ehe ich mich meinen privaten Vorhaben widme? (Beethoven, Kant, Hinrichsen, Gartenarbeit). In Wikipedia über „Vom Winde verweht“ (das Buch) nachgeschaut, was wird dort über Schwarz und Weiß gesagt? Ich muss einiges festhalten:
Anders als das Lesepublikum der 1950er und 1960er Jahre war der deutsche Literatur-Nobelpreis-Träger Heinrich Böll von dem Roman wenig angetan. Das Buch habe „jenen unbestimmbaren flutschigen Inhalt, der sich nicht genau definieren läßt, niemals genau zu definieren sein wird.“[7]
Die Darstellung der historischen Abläufe im Roman erfolgt aus der Perspektive der Protagonisten, also der der besiegten weißen Südstaatler. Alan T. Nolan kritisiert daher in The Myth of the Lost Cause and Civil War History, dass die Darstellung einem einseitig prosüdlichen Narrativ folge. Die Sklaverei und die Rolle des Ku Klux Klan nach dem Sezessionskrieg würden beschönigt, die Reconstruction und die nordstaatlichen Soldaten dagegen negativ dargestellt. Der Roman folge in diesem Sinne den typischen Topoi des Lost Cause und gebe nicht die historischen Tatsachen wieder.[8]
Sonja Zekri beurteilt den Roman als „modern in der Frauenfrage und archaisch im Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß“: Mit der repressiven Idealisierung der Südstaatenfrauen habe Mitchell nichts anfangen können, das zeige schon ihre Protagonistin. Scarlett O’Hara habe sie als eine lebenshungrige, unzerstörbare, mehrfach verheiratete, erfolgreiche Geschäftsfrau gezeichnet, habe ironisiert „die übliche männliche Enttäuschung darüber, dass eine Frau über ein Gehirn verfügt“ (so Mitchell). – Auf der anderen Seite sei es ein rassistisches Buch. Entgegen entschuldigender Rede sei die Sklaverei durchaus Thema gewesen. Ausgerechnet in einer Zeit, in der der Süden die Rassentrennung gesetzlich verankerte, habe Mitchell den Weißen alle Schuldgefühle genommen. In Form einer „Romancing Slavery“ strahle Sklaverei im warmen Licht einer idealen Gemeinschaft. Mammy, Pork und die anderen Sklaven wüssten die Geborgenheit und Fürsorge der weißen Besitzer zu schätzen und fürchteten nichts so sehr wie die Yankees. „Die Besseren unter ihnen verschmähten ihre Freiheit und litten genauso wie ihre weiße Herrschaft“, so Mitchell.[9]
Die französische Autorin Annie Ernaux bezieht sich in ihrem Lebenswerk Die Jahre wiederholt positiv auf den Roman, der wenige Jahre vor ihrer Geburt erschienen war und dessen Lektüre sie immer wieder beeindruckt hat.[10]
Das ist genug Wikipedia-Stoff, um mich beim Rekapitulieren dieses Blog-Artikels zu motivieren. Bölls Wort „flutschig“ ärgert mich ebenso wie seine resignierende Weigerung, genau das genauer zu definieren.
Und es stört mich, dass Annie Ernaux, die mich so beeindruckt hat (hier und hier), von diesem Kitsch-Roman so beeindruckt gewesen sein soll. Ihr Buch „Der Platz“ steckt heute noch zwischen den Papieren auf meinem Schreibtisch, weil ich mich nicht trennen konnte. „Eine lebensverändernde Lektüre“ (Didier Eribon) steht auf dem Umschlag, und ich frage mich, ob ich das eigentlich bestätigen kann. Da muss ich erst wieder ein bisschen rekapitulieren…
Und bei allem Lob des guten Journalismus, muss ich erwähnen, dass die Klassik-Kolumne zum Stichwort Venedig auf der Rückseite desselben Blattes der SZ mich so geärgert hat, dass ich sie auf keinen Fall genauer bezeichne.
Etwas ganz anderes: wenn Sie sich für investigativen Journalismus interessieren und erfahren wollen, weshalb man sich nicht nur ständig über Trump aufregen muss, sondern mindestens ebenso über gewisse Zustände und Vorkommnisse im eigenen Land (Stichworte: FLEISCH und AMTHOR), dann widmen Sie sich doch der Lanz-Sendung von gestern Abend. Die Zeit wäre sehr sinnvoll angelegt: HIER. 
„das Moralische Gesetz in unß . . .“
„u. der gestirnte Himmel über unß“
Rückblick im Blog hier / Beethovens Original sehe ich heute zum ersten Mal:
Die Anführungsstriche habe ich etwas abgewandelt. Es ging mir ohnehin um etwas anderes, was steht denn dort noch? „Kant!!!“, gewiss. Und dann? der Name Littrow, des weiteren: Direktor der Sternwarte.
Ich habe das Faksimile und die Entzifferung im neuen Beethoven-Buch von Hans-Joachim Hinrichsen auf Seite 271 gefunden. Gerade dort wird einem klar, dass man nicht von einer kontinuierlichen Kant-Lektüre bei Beethoven ausgehen kann. Natürlich nicht. Er empfing Kants Geist durch Schillers Hände.
Kant lag bei denkenden Menschen der Zeit „in der Luft“. Wurde auch grob missverstanden, wie im Fall Kleist.
(Fortsetzung folgt)
Nachtrag 5. April 2022 Kritische Besprechung des Hinrichsen-Buches in „Musik & Ästhetik“, Autor: Guido Kreis, sehr lesenswert!
Warum ich den Roman doch nicht aufgebe
Ich war schon einmal drauf und dran, diese Lektüre abzubrechen. Die Überfülle der Ereignisse, Geschichten und Personen. Ich unterscheide sie nicht mehr, es ist mir zuviel, und ich bin noch nicht mal über die Hälfte hinaus. Rettende Idee: Wikipedia. Von meinen Schwierigkeiten hat das Literarische Quartett nichts gewusst, sonst wäre da ein Tipp gekommen; ich werde mir jetzt Thea Dorns bzw. Eugen Ruges Eloge noch einmal anhören, nämlich hier ab 20:20. O-Ton: „Dieses Buch noch zu bewerben, ist eigentlich müßig; es hat sich 30 Millionen mal verkauft“. – Vielleicht lese ich falsch und erfasse das Wesentliche nicht. Jetzt also mit Wikipedia hier. Das Wichtigste habe ich mir schon kopiert und ins Buch gelegt, die Generationen der Buendias und ihres Umfeldes. Bitte klicken:
(Zugegeben: es gibt ein paar ärgerliche Druckfehler, angefangen mit „Ziegeuner“.)
Grobe Übersicht zur Form des Ganzen
Die entsprechenden Abschnitte der kolumbianischen Geschichte
Immerhin weiß ich jetzt, wo genau ich mich befinde: das Kapitel (Überschriften gibt es nicht), das auf Seite 279 beginnt, verrät es auf Seite 281:
Bei Tisch fiel keinem etwas Besonderes an ihm [Mr Herbert] auf, bis er das erste Büschel Bananen gegessen hatte. Aureliano Segundo war ihm zufällig begegnet, als er sich in gebrochenem Spanisch darüber beschwerte, dass (…).
Aber wann endlich ist – wenn ich schnell vorausblättere – von einer Bananenfabrik die Rede? Etwa erst auf Seite 373?
Der große Streik brach aus. Der Anbau wurde nur zur Hälfte ausgeführt, die Früchte verdarben an den Stauden, und die Züge mit hundertzwanzig Waggons blieben auf den Nebengleisen stehen.
Nein, schon auf Seite 338 wurden all die Schönheitsprodukte erwähnt, „die den Konsumladen der Bananengesellschaft erreichten.“ Aber eigentlich wird in diesem Kapitel eine gewisse Meme behandelt, die Klavichord spielt, sogar eine Virtuosin sein soll, die täglich zwei Stunden übt, so dass mir Zweifel kommen, ob es sich hier wirklich um ein Klavichord handelt. Immer wieder gibt es sonderbarste Ausflüge der Phantasie, die mich veranlassen zurückzublättern oder vorauszueilen, schließlich das Lesetempo erheblich zu beschleunigen, um die vage Ankündigung zu Beginn eines neuen Kapitels weiterzuverfolgen, wie Seite 362:
Die Ereignisse, die Macondo den Todesstoß versetzen sollten, kündigten sich schon an, als Meme Buendías Sohn ins Haus gebracht wurde.
Nichts da, bei manchen der folgenden Episoden könnte es sich um bloßen Nonsens handeln, aber man weiß es nie, ob ein Detail zu wuchern oder aufzublühen beginnt, die Idee des Zurückblätterns oder der Beschleunigung des Lesetempos scheint sich zu bewähren.
Also was geschah bis hierher? Da war von der Überflutung Macondos durch die Fremden die Rede und von dem unglaublich liederlichen Treiben einer Frau, genannt Remedios die Schöne, die über todbringende Kräfte verfügt. Und dann hieß es plötzlich auf Seite 292:
Die Gelegenheit, das zu überprüfen, ergab sich Monate später, als Remedios die Schöne eines Nachmittags mit einer Gruppe von Freundinnen die neuen Plantagen besichtigte. Für die Leute aus Macondo war es seit Kurzem ein Zeitvertreib, durch diese feuchten, endlosen, von Bananenstauden gesäumten Alleen zu spazieren, in denen die Stille wirkte, als habe man sie von woanders hergebracht, als sei sie noch nicht benutzt und daher so unbeholfen beim Weiterleiten der Stimme. Zuweilen war das, was man auf einen halben Meter Entfernung sagte, nicht recht zu verstehen, während es am anderen Ende der Plantage deutlich zu hören war. Den Mädchen aus Macondo gab dieses neue Spiel Anlass zu Gelächter und Bestürzung, Schrecken und Spott, und abends erzählten sie von dem Ausflug wie von einer Traumerfahrung.
Es ist dieser kleine Einschub, der mich plötzlich an Johann Sebastian Bach denken ließ, dem ja auch die Kenntnis akustischer Geheimnisse nachgesagt wurde (siehe hier): dieser Roman ist auf jeder Seite so dicht gearbeitet, so prall mit Leben gefüllt, dass es für zahlreiche andere Werke reichen würde, aneinandergereiht wie in dem Buch von Tausenundeinernacht, ich denke an die Fuge in cis-moll, die von extremen Momenten überquillt, an Peter Schleunings Wort von Bachs Musikalischem Urwald (siehe hier), weiteres siehe hier und hier, bis hin zu gestern Abend hier. Vor langer Zeit schon in einer andern Fuge – es war BWV 891 b-moll, wo plötzlich in Takt 83 ein Liedlein aufzutauchen schien, wie heute Remedios die Schöne … Was für ein gewaltiges Formdenken, das jenseits aller historischen Strömungen Linien zwischen den entferntesten Regionen unserer Welt ins Auge springen lässt. Wie lange musste ich fruchtlos lesen, um endlich dahin zu gelangen, wo jede Seite eines riesigen Romanwerkes gleichermaßen unmittelbar zu mir spricht, wie jeder Takt einer Fuge. (Zum Weiterspinnen siehe hier.)
* * *
Eugen Ruge: „Worum geht es? Schwer zu beschreiben natürlich… es geht eigentlich darum, wie dieses Dorf seine Unschuld verliert, in den Bürgerkrieg gerät und nachher in die Hand von Ciquita, wie diese Bananenfabrik das Dorf verwüstet, es ist eine Parabel auf die lateinamerikanische Geschichte, es ist aber auch eine Parabel auf den Fortschritt überhaupt, und ich lese es auch als Parabel auf die Globalisierung, und zwar aus der Sicht der Globalisierten. Es sind zwei Wunder, die der Autor dabei vollbringt: bei diesem doch irgendwie politischen Inhalt bleibt er irgendwie völlig amoralisch, wenn man das so sagen darf, er wertet eigentlich nichts, es passieren die ungeheuerlichsten Dinge …. das zweite Wunder: dieses Buch ist von einer geradezu tropischen Phantasie – der Autor ist ein Fan von Ritterromanen … das ist eine Mischung aus Tausendundeiner Nacht, aus allem, was man sich überhaupt vorstellen kann, überbordende Phantasie, man hat dafür den Namen magischer Realismus gesunden, und der Name ist deswegen so gut, weil dieses Buch trotz der überbordenden Phantasie realistisch ist. Denn tatsächlich erzählt es ganz wesentliche Dinge über unsere Welt. Ich empfehle das unbedingt, dies Buch, es weitet das Herz, es schärft den Blick für die Dinge, die auch außerhalb unserer Ängste und Interessen liegen.“ Thea Dorn: „Frau Menasse, haben Sie das auch … Globalisierung …“ Menasse: „das ist wahrscheinlich eins der besten Bücher der Geschichte und zwar, weil es diese ungeheure literarische Dichte hat. … da ist nicht nur die Geschichte gut, da sind nicht nur die Figuren gut, da ist nicht nur die Sprache genial, jeder kleine Übergang, jeder Dialog, jedes Adjektiv ist handverlesen, soweit ein Roman eine große Maschine ist … jede Schraube ist noch mit der Hand lackiert …“
JR Ich breche ab, das sind nicht die Stichworte, die mich motiviert haben, mir das Buch eilends zu besorgen… was habe ich erwartet, was hat mich enttäuscht?
Matthias Brandt: „…ich kann mich dem Lob nur anschließen … dass es sich um eine Wahrnehmungs- und Gedankenwelt handelt, die sich von unserer total unterscheidet … da wird mir gewissermaßen die Tür geöffnet, sehr weit geöffnet, und das ist natürlich ein unglaubliches Geschenk.“ Thea Dorn (ab 26:41): „Die Grundkonstruktion ist ja völlig irre von dem Buch. Da gibt es ja eine große Inzestangst, das ist ja eines der großen Tabus, also wir hauen ab vor Geistern, darum wird dieses Dorf überhaupt gegründet im Dschungel, die zweite große Angst ist, dass Geschwister zu eng verwandt sind, miteinander sich fortpflanzen könnten, denn da ist mal ein Kind auf die Welt gekommen mit so einem Schweineschwänzchen, – das ist doch völlig aberwitzig, da geht eine Suppe … Globalisierung ist das Mittel gegen Inzest …. eigenwilliges Paradox jetzt beim Lesen, dass der Marquez … der Fluch der Buendias, sie kommen ja aus ihrer Einsamkeit nicht raus … wahnsinnig verwirrendes, kompliziertes Buch über die Frage wie wir es überhaupt in der Zivilisation aushalten, was wir da alles an Tabus verdrängen … “ -Menasse: „es ist nicht verwirrend, aber es ist sehr kompliziert, es hat ja mehrere solche ganz großen Themen, es hat ja auch das Thema der Zeit, die Patronin Ursula, 140 Jahre oder was weiß ich noch älter … die denkt ja immer wieder über die Zeit nach, weil ja die Typen immer wiederkehren interessant – ich hab mir einen Stammbaum gemacht [liest sie nicht Wikipedia?] am Ende geht ja alles den Bach runter … einer dieser Romane, das macht ihn ja auch so groß, versucht die Totalität abzubilden… die Welt, die Menschheit, alles hat diesen kreisförmigen Gang, und so ist es eben. Sanskrit und am Schluss, so eine geniale Volte, Nabokov, dass der letzte Buendia, während er das endlich zuende entziffert – passiert es auch, und er stirbt aus… also der ganze Zweig. Das ist grandios.“ Dorn: „… das Maximalwunder, das gelingt, auf so merkwürdig tröstliche Weise … wie ein Untergang beschrieben wird.“ Brandt „Ein Buch über alles!“ 30:05
Ja, waren es etwa diese Plädoyers, die mich in Bewegung gebracht haben? Aber wodurch? Inzest hat mich nur eine kurze (romantische) Zeit interessiert, Wagner u Thomas Mann „Wälsungenblut“, auch Musil, aber dann nie mehr (schon in Ermangelung einer Schwester)… Nein, eigentlich war es zu wenig…
Es ist für mich auch ein Hinweis auf die Subjektivität meines eigenen Urteils, die geringe Verlässlichkeit, denn als ich die Sendung live erlebte, fand ich das Niveau hoch, die Erzählweise der Protagonisten sehr überzeugend. Heute, nachdem ich die Hälfte des Buches gelesen habe, mit vielen Zweifel (auch Selbstzweifeln), finde ich die Behandlung dieses größten Buchs aller Zeiten (so ungefähr der Tenor, der mir in Erinnerung blieb) sehr dürftig, selbst Thea Dorn, – es ist ihre selbstbewusste Stimme, die den Zuhörer nur zaghafter stimmt – , ich merke es aber daran, dass ich die Geduld verliere, Weiteres zu verschriftlichen. Ähnlich ging es mir in einer anderen Folge des Literarischen Quartetts, als dessen Effekt bei mir sich wiederum der Kauf eines Buches ergab. Ich war also äußerst positiv gestimmt und hoffte etwas über die Gemütslage meiner Mutter (oder meiner Eltern) nach dem Krieg zu erfahren …
HIER ab 34:00 bis 43:21
Bei der Besprechung kristallisiert sich heraus: das Buch stammt von einer Zeitzeugin (1948!), die von vornherein unsere Sympathien auf ihrer Seite hat. Und diese politisch-moralische Situation überstrahlt alles andere. Trotzdem vermisse ich bei all dem Positiven, was hier gesagt wird, eins: das Buch ist nicht gut geschrieben. Genau darüber müsste doch – zumindest auch – gesprochen werden in einem Literarischen Quartett. Stattdessen dekretiert Thea Dorn von vornherein: „Ich halte es für ein Wunder!“ Bei allem Respekt, mir verursacht dieses Buch Schmerzen, aber nicht nur die unumgänglichen, die sich einstellen, wenn uns diese Zeit vor und nach meinem Geburtsjahr vergegenwärtigt wird, darum ging es mir ja gerade, sondern auch – es tut mir leid – die eines stilistischen Unvermögens. Das könnte man natürlich als symptomatisch und völlig adäquat empfinden. Aber im Gegenteil: da werden Formulierungen hervorgehoben, die ich als krampfhaft bemüht empfinde, z.B. „das wundervolle Wort des frisch gefallenen Opportunistenschnees“ (Thea Dorn) oder: „alle sprechen in behandschuhter Weise von Schuld“ (Fleischhauer). Die Bebilderung des Abstrakten macht Texte nicht unbedingt aussagekräftiger:
Er ist der Typ des Schaukelpferddeutschen, der heute wieder summt: „Deutschland, Deutschland über alles!“
Ein Schaukelpferd ist nun einmal kein Sinnbild des politischen Wankelmutes, sondern kindlichen Frohsinns. Und diesen Text da summt man nicht. (Seite 62)
Ich schrieb Dir, daß w i r in den Radien, die die SED ausstrahlt, zu Atem kommen können. Unsere Genossen sind auch in ihren Reihen zu finden. Aber wieviel verantwortungslose Freunde wirbeln den Staub der russischen Heere noch einmal auf, anstatt der Verständigung und der Arbeiterfreiheit zu dienen!
Wozu das Bild vom „Staub der russischen Heere“, der aufgewirbelt wird, wozu der geschraubte Plural von den „Radien“? Es liegt auf einer Ebene mit den geziert schräg gestellten Seitenzahlen oder der Zeile mis en bouteille au château im Impressum des irgendwie kostbar ausgestatteten Büchleins.
Es sind lauter Kleinigkeiten, aber sie mindern die wohlwollende Konzentration. Es ist ja eine Schriftstellerin, die sich äußert, wenn auch eine lang vergessene, deren Stimme als ehrliche Zeitzeugin Aufmerksamkeit verdient. Was leise Vorbehalte nicht ausschließt, sie müssten zumindest im Nachwort durchschimmern. Oder in einem Literarischen Quartett.
Das Thema ist ernst, es dürfte mir nicht in den Sinn kommen, dabei über Kanzleisprache nachzudenken; aber das muss ich ausklammern wollen. Jemand könnte mir dabei helfen, ohne dass ich gleich auf die falsche Seite (des Schaukelpferds) gestellt werde.
(Fortsetzung folgt)
Ausstellung in Freiburg
Siehe auch Hier 2018 (Ein ferner Freund) oder Hier 2019 (Mitleid und Freiheit) oder Hier 2020 (Zeichen lesen)
Ich habe mich mehrmals in meinem Leben mit seinen Bildern beschäftigt, und dann plötzlich jedes Jahr. Jetzt aber wäre endlich die Gelegenheit, eine ganze Werkschau „in echt“ zu besichtigen. Mal kurz nach Freiburg fahren?
Hier ⇐ ⇐ ⇐ ⇐ ⇐
Wie wieder eins zum andern kam: das Buch, das Bild, der Film, die Musik, der Belting …
Aber wieso auch die Musik?
Noch einmal: die Musik? Wir werden es sehen und hören (Video extern hier) :
Und die Entdeckung des Spiegels? Siehe im folgenden Film ab 38:12 oder ab 47:05 „… durch Beobachtungen mit einer Spiegellinse … wie sollte das ohne optische Hilfsmittel gehen?“
Alhasen im Film schon ab 43:01: „im Bereich der Optik beschäftigte sich Jan van Eyck wissenschaftlich und technisch mit den Theorien Al-Hasins und allgemein mit den arabischen Lehren der Optik, die im 11. Jahrhundert in Kairo entstanden waren; im 15. Jahrhundert waren diese Texte vermutlich schon so weit verbreitet, dass Jan van Eyck sie kannte. Zugang zu ihnen hatte er möglicherweise in seiner Heimat Flandern oder auch auf seinen Reisen nach England, Portugal und Spanien erhalten.“ Das folgende Bild stammt aus dem Buch von Hans Belting:
Wer ist Alhazen? Siehe Wikipedia HIER
DER FILM
Nach achtjähriger Restaurierung hat die „Anbetung des Lammes“, ein Meisterwerk der Malereigeschichte, seinen ursprünglichen Glanz wiedergewonnen. Das 1432 eingeweihte Monumentalgemälde der Gebrüder Hubert und Jan van Eyck fesselt den Betrachter bis heute durch seinen erschütternden Realismus. Mit einer spektakulären Inszenierung, ergänzt durch Beiträge renommierter Kunsthistoriker und angesehener Maler wie David Hockney, deckt der Film die Hintergründe dieses revolutionären Werkes auf, das den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert.
Abrufbar Hier
Versuche folgendes zu verstehen:
ZITAT Coccia
Ein Bild kann seine Ausmaße vergrößern oder verkleinern, es wird sie aber niemals in Einzelteile aufteilen, zerteilen, scheiden lassen. Das Sinnliche ist das Unteilbare, ein Intensivum, das sich rein akzidentell an die Extension koppelt. Eben darum, weil die Bilder die Fähigkeit besitzen, sich nicht nach dem Modus der Extension niederzulassen, sind sie überall: in der Luft, auf dem Wasser, auf Glas, auf Holz. Sie leben an der Oberfläche der Körper, ohne sich mit ihnen zu vermischen. Eine Melodie verharrt in der Luft, deckt sich in gewisser Hinsicht mit einer ihrer Eigenschaften, mit einer ihrer Vibrationen, aber darauf reduzieren lässt sie sich nicht. Die Existenz des Sinnlichen wird nicht durch das Vermögen einer spezifischen Materie determiniert, sondern durch das Vermögen der Form, außerhalb ihres natürlichen Habitats existieren zu können.
Diese Eigentümlichkeit verleiht dem Bild-sein einen weiteren paradoxen Wesenszug: Auch wenn ein Bild ut in puncto in seinem Substrat verharrt (also auf nichtextensive Weise), das heißt im Spiegel existiert, als würde es nur einen einzigen Punkt darin einnehmen, behält es die Form oder Erscheinung der Ausmaße eines natürlichen Körpers bei. Es ist weder lang noch breit noch tief, aber es behält die Erscheinung dieser Ausmaße bei, es ist deren ratio cognoscendi oder Erkenntnisgrund. Auch deswegen kann ein Spiegel die Gestalt von Dingen in sich fassen, die viel größer sind als er selbst.
Das Leben der Spiegelbilder, argumentieren schließlich die Scholastiker, determiniert eine vollkommen substanzlose Existenzform: Der Spiegel, der Bilder aufnimmt, verändert weder seine Identität noch seine Natur noch seine Substanz. Er verwandelt sich nicht. Das Sein des Spiegels bleibt unveränderlich, stabil, identisch. Die im Spiegel reflektierte Form hingegen ist immer noch etwas. Aber welchen Seinsmodus hat sie? (…)
Quelle Emanuele Coccia: Sinnenleben Eine Philosophie Edition Akzente Hanser München 2020 (Seite 36f) ISBN 978-3-446-26572-1
Zum Spiegel-Motiv siehe auch hier !
Wandelkonzert in Keyenberg
Eine Schwarzdrossel singt betörend, aber wenig ist zu spüren vom Erwachen froher Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande, manchmal bleiben nur Fetzen von der Musik hinter dem Wind, der über die Mikrofone fährt, und doch gibt es eine unbeirrbare Kraft, die das Ganze (fast) synchron weitertreibt. Auf den gelben Schildern liest man die Namen der im Kohlentagebau untergegangenen Dörfer und derer, die noch auf der Liste stehen, maskierte Zuhörer wandern in kleinen Gruppen über Feldwege, beobachten ein Fagott wie ein seltenes Insekt, auf den Wiesen sitzen einzelne Streicher, deren Begleitfiguren für kurze Zeit wie Hauptmotive hervortreten, alles steht im Zeichen einer Vorläufigkeit, einer Brüchigkeit, die auch hinter Scheunentüren bei einem Symposion über die Zukunft der Kultur verhandelt werden könnte. Und niemand von den Repräsentanten städtischer Musikkultur, die sich hier zusammengefunden haben, fühlt sich erhaben und erhoben über die rurale Landschaft, den Duft des Dorfes, den sorglos blauen Himmel, es ist alles anders als das Idealbild, das Beethoven in seiner „Pastorale“ entworfen hat, man muss sie mühsam zusammenfügen, ein fragiles Räderwerk der Gedanken. Es wird mühsam vor dem Zerfall bewahrt, und sollten wir es eines Tages wieder im Konzertsaal erleben, wird man unweigerlich an diese Realisierung auf dem Lande zurückdenken, als sich seltsame Synapsen bildeten und manch einen das Hören neu entdecken ließ.
Zitat (Pressetext)
Am 1. Juni 2020 um 13 Uhr veranstaltet das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ im bedrohten Dorf Keyenberg eines der ersten großen Klassikkonzerte nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Mehr als 50 Musizierende spielen auf einem denkmalgeschützten Hof in einem Wandelkonzert aus Beethovens 5. und 6. Symphonie („Pastorale“). Die Musiker*innen stehen auf dem Gelände des Hofes verteilt und spielen die Werke synchron. Die Besucher können den Klangpfad entlang spazieren und so die Musik Beethovens ganz neu entdecken. Die Besucherzahl ist auf 100 Menschen begrenzt und alle Tickets sind vergeben. Erlebe das Livekonzert als virtueller Besucher. Wandle mit, gleite entlang der Musiker und erlebe den Klangteppich in Stereoton. Das beste Seh- und Hörerlebnis hast du vor einem Rechner mit Kopfhörern auf. Unter http://alle-doerfer-bleiben.de gibt es regelmäßige Berichte zu den Ereignissen in den bedrohten Dörfern. Livestream Produktion: http://fb.com/goove.de
Am Dienstag nach Pfingsten lese ich in meiner Tageszeitung von der Aktion der Orchestermitglieder, und zwar auf der Seite HIER UND HEUTE. Auf der Seite KULTUR dagegen von Igor Levits Klavier-Marathon. Müßig zu fragen, wo Beethoven sich selbst lieber gesehen hätte. Vielleicht auf der Seite POLITIK, wo über Sensationen aus Frankreich berichtet wurde, nicht neben den Kleingärten, aber hier und heute findet durch Corona eben eine neue Durchmischung aller Niveaus und Sphären statt. Und es darf hervorgehoben werden, dass die „revolutionäre“ Veranstaltung in Keyenberg nicht mit der „Pastorale“ begann, sondern mit der „Fünften“, deren hammerschlagendes Kopfthema, das jeder Depp beim Namen Beethoven anstimmt, sogar um einen halben Kopf verkürzt startete. Denn das Schicksal fackelt nicht lange.
Weshalb mir die Aktion in Keyenberg so gut gefällt: man erlebt viele einzelne Menschen, ja, die Aufsplittung einer Gesellschaft, die zeigt, dass diese sich nicht zerlegen lässt, nicht durch Corona und nicht durch RWE, sondern zu Gemeinschaftsaktionen fähig bleibt, hinter denen menschliche Individuen stehen. Nichts anderes hat Beethoven gewollt. Deshalb kann mich ein stellvertretend für alle inszenierter Einzel-Marathon nicht begeistern, auch nicht ein ehrgeiziger Tenor, der in hörbarer Selbstüberschätzung aus dem Weltendrama der Bachschen Johannes-Passion ein gedehntes Kammerstück schneidert, oder ein Streichquartett, das bereit ist, ein Jazzfestival mit Beethovens Heiligem Dankgesang zu garnieren, als gelte es, in all der aufgeblasenen Symphonic mal eben dem Untergang der Klassik ein gnädiges Ohr zu leihen.
3. Juni 2020
Mir ist bewusst, dass ich fortwährend assoziiere, was mit diesem Keyenberg-Event („Event“?) zusammenhängt, und zwar mehr die coronabedingte Seite reflektiere, als die primäre, den Einsatz des Musiker-Kollektivs für die Dörfer und gegen die Garzweiler-Brutalität. Denn dieses Empörungspotential ist bereits hochentwickelt (unsere Enkel haben sich von Anfang an – auch am Ort – mit den Baumbesetzern solidarisiert).
Ich will an dieser Stelle alles notieren, was mir in den Sinn kommt, ohne zu intendieren, Bruchstücke einer angemessenen (oder überflüssigen) Theorie zu sammeln. Nicht angemessen zum Beispiel: dass es eine ideale Voraussetzung wäre, die Pastorale auswendig zu kennen und überall im Gelände („Ende Gelände“!) ergänzen zu können, wie die in der Nähe gehörten Musiker*Innen mit den aus der Ferne vernommenen zusammengehören und hörend Wandlern ständig vervollständigt werden. Das wahre Kontinuum, Beethovens Sinfonie! Die große Musik, die nicht erst durch das neue Buch von Hinrichsen (zusammen mit anderen F-dur-Werken wie dem Streichquartett op. 132) eine Sonderstellung einnimmt, sondern (für mich) schon seit 1997, als ich zufällig das – ideenreiche, aber etwas unordentliche – Buch von Schmenner las und die Pastorale (im Zuge ihrer repetitiven Momente) in einer WDR-Sendung kombinierte mit afrikanischen Improvisationen, die (zufällig?) auf demselben Grundton F basierten.
Und heute im Tageblatt der Beitrag über künstlichen Applaus, der sich auch in Moers auffällig in den Vordergrund spielte. Bei früheren Festivals mit Publikum aufgenommen und hier an den entsprechenden Stellen von der Technik eingespielt, aber nicht als Fake, sondern bewusst auch in der Moderation thematisiert, also mit einem melancholischen Beiklang versehen.
Marco Krefting, Jutta Toelle, Herbert Schwaab.
Ein entscheidender Punkt der Moderne, der plötzlich auf Corona bezogen wird, ist die durch das technische Medium erzeugte Illusion der Nähe, und damit könnte ja auch ernsthaft gespielt werden, visuell und auch akustisch: ich könnte als Beobachter beim Streichquartett sozusagen von Griffbrett zu Griffbrett springen, könnte größere Abschnitte oder ganze Sätze aus der Sicht der zweiten Geigerin erleben, unter Hervorhebung auch dieser Stimme, d.h. die Technik versucht nicht sich selbst zu verleugnen, sondern zu reflektieren, zu subjektivieren. So hat es vielleicht Jan Vogler nicht gemeint, aber genau diese Interview-Reihe der NMZ sollte man sammeln und auf zukunftsfähige Ideen abklopfen.
↑ Oben zum Lesen, unten ↓ zum Hören anklicken:
https://www.nmz.de/media/video/corona-talk-mit-jan-vogler HIER
Nachtrag zu Keyenberg
Frankfurter Rundschau nachzulesen hier !
Als ich das Medium entdeckte
Meine Bibel war damals die eben erschienene Auswahl aus Gottfried Benns Prosa. Sie wurde es seit der Teilnahme an einer Primaner-AG „Moderne Lyrik“ bei Ernst Nipkow, der – was ich nicht wusste – von Haus aus Theologe war und als solcher bekannt wurde (mehrere meiner Mitschüler studierten später dasselbe Fach, z.B. Reiner Preul).
Ullstein Bücher West-Berlin 1959
Ein Radio-Abend am Mittwoch, 16. Dezember 1959, III. Programm des NDR, 20.00 Uhr Eine Umfrage: „Muß das künstlerische Material kalt gehalten werden?“ These: Kunst und Macht (1934) Ausdruckswelt (1944)
Notizen während der Sendung (JR). Seltsamerweise ist mir wohl der Name eines verantwortlichen Redakteurs entgangen. / Vorweg einiges aus meinem damaligen Benn-Brevier:
Antworten von A. Andersch, Heinrich Böll usw. (Arno Schmidt, Walter Jens)
„Kalt und zynisch muß der Künstler die Welt betrachten, warm ist sie lange genug betrachtet worden.“ These Gottfried Benns.
Fast alle Autoren lehnen Benns These ab ↔ : „Das Material muß erhitzt werden!“
Aus Essay: Kunst und Macht: „Wirklichkeit, Form, Geist“ = 3 Themen / wird gewöhnl. Intellektualismus. Kunstträger ↔ Kulturträger
Kunst ist nicht Kultur.
Kunstträger ist statistisch asozial. ist uninteressiert an Kultur. er macht kalt, verleiht dem Weichen Härte. Ablehnung gegen den Kunstträger seit Plato. Fragwürdiggkeit der Kunst. Sie wächst auf paradoxem Boden. „Ausdruckswelt“
„Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt.“ Enge Zusammenfassung, knappe Thesen! Siehe „Prov. Leben“ Seite 177 // ! Sein existentieller Auftrag lautet nicht mehr nat. Natur, sondern Kunst.
A. Andersch (*1914) „Die Kirschen der Freiheit“ (Pazifistische Haltung) „Sansibar oder Der letzte Grund (1958)
Heinr. Böll (*1917) „Wo warst du, Adam“ „Und sagte kein einziges Wort“ „Billard um 1/2 10“ Nichts kann gehärtet werden, was nicht erhitzt wurde. Alles Geformte ist kalt. Thermometer / Kunstträger – Kulturträger trifft nur im Norden zu. Im Süden ist Form selbstverständlich. Ein Abgrund trennt Künstler und Ästheten. (Man denke: Der blutende Van Gogh verlangt Einlaß in ein Museum seiner Werke!)
Hans Magnus Enzensberger (1928) Lyrik (Assoziativ, kulturkritisch) Polemik gegen den „Spiegel“. Zusammenhang der These. Benn arbeitet mit gezinkten Alternativen. Kunst ↔ Leben interessiert nicht. Kalt halten? E. will (↔ Benn) bei der Sache bleiben. (Pallas usw.) Bild des Schmiedes Was ist Material? Benn läßt im Zweifel, was auf dem Amboß liegt. Material: die Sprache! – Kalt oder heiß?? Gegenstand. Was tue ich mit der lauen Sprache? Ich halte sie an meine heißen Gegenstände. Die Sprache ist durch die ganze Temperaturskala zu jagen, am besten mehrmals. Was oft genug durchs Feuer gegangen ist, wird Härte besitzen.
Wolfgang Koeppen / „Der Tod in Rom“ 1954 Reiseberichte. „Benns Behauptung ist eine Binsenwahrheit“. Zustimmt: Kunstträger asozial. Dennoch existiert er nur in der Kultur. nat. Natur? Gretchen in der Stadt! Ischtar auf dem Parkplatz! „Der Geist macht nicht blind?“ Romanschriftsteller. Benn widerspricht s e i n e m Flaubert u. Heinrich Mann.
Arno Schmidt (1910) Scharfe Äußerung. Benn kannte im Theoretischen keine „Werkstattsprache“ klar und nüchtern. „Unendliches Gemetaphere.“ „Benn schwatzt“. Reduzierte Einmannwelt!! Monologe girren! Hitler!?!? Benn Lyrischer Kurzarbeiter. Voreingenommene Beschränktheit Benn’s. Kulturträger ↔ Lyrik bedarf wenig Geistes. Aber die Romanprosa wird dem tägl. Ablauf mehr gerecht.
Natürlich kalt sammeln. Aber das Zusammenschweißen – Anhitzen, glühend machen. Benn war konstitutionell zu künstlerischen Mikroäußerungen veranlagt. Benn sind ab u zu bemerkenswerte Gedichte gelungen. Gut: „Gehirne“.
Walter Jens (Literaturkritiker) „Nein – die Welt des Angeklagten“. Natur ↔ Kunst usw. in der Wirklichkeit abstrakt. Das Pendel schlägt mal hierhin mal dorthin. Plato: Enthusiasmus der Dichtung im Lichte der Vernunft zweifelhaft.“ Philosophie als höchste Kunst. Denken = Synthese von Nüchternheit und Ekstase. (Platon „Gastmahl“ usw.) „Der Dichter soll in allen Lagen seinen kühlen Kopf behalten“ (Novalis) Poe: „Philosophy of composition“ ! ! ! Baudelaires Bedenken. Ordnung u. Klarheit, Kalkül und math. Klarheit bestimmen die Dichtung unserer Zeit. Valéry’s „Krankheit der Präzision“. Poeta doctus. Kalte Kunst. Intellektualisierung. Romant.-platonische These der Wechselwirkung? Auf dem Höhepunkt der Zerebralisation ein Einbruch des Unbewußten, Überwindung des determin. Weltbildes usw. Eliot: Präzise Emotion. Valéry: Rausch der Nüchternheit. Je abstrakter das Denken, desto stärker der Umschlag ins Unbewußte.
21.00 Das imaginäre Konzert Versuch einer neuen Programmierung
Konzert von Klang überhaupt
Konzert der Kompositionen aller Zeiten
(als Autor der Sendung ist irgendwo im Text mit Rahmen markiert: Hans Otte)
Das Programm: Machaut – Bach (Vier Duette) – Anton Webern (Konzert für 9 Instrumente op. 24)
Bisher: Spezielle Aufführungsmöglichkeiten: Historisch noch nicht genügend erforscht. Jetzt: Technische Medien – Radio, Tonband usw. „Neue Möglichkeiten“.
Antike: Musik als Kult. Nur von Eingeweihten. Mit Aufkommen der Instr. auch nichtklerikale Musikerkreise. Mit Beginn der Aufklärung jedermann zugängliche Konzerte. Heute: Musikgut der Vergangenheit fast lückenlos. Alte Instrumente nachgebaut, kultische, soziolog, Bezüge alter Musik aber verschlossen. Durch neue Mittel Musik aller Zeiten und aller Arten im gleichen Raum. Die Werke aller Zeiten rücken zusammen!! Der neue Stil: Der Stil der künstlerischen Mittel.
Bisher:
1.) Konzerte mit einheitl. Instrumentarium. „Musik mit …“
2.) Musik aus historischer Sicht „Musik um zu …“
3.) regional „Musik aus …“
4.) Inhaltl. Aspekt (Unterhaltung.., ernst..) „Musik für, aus, wegen … usw.“
Jetzt:
Programmierung musikalischer Kunst als Kunst. Verzicht auf obige Kategorien. „Musik aus Musik zu Musik“
Machaut – das Stück 1 für kirchliche Kreise.
Bach – das Stück 2 für höfische
Webern – das Stück 3 für keinen besonderen Zweck
erstmalig so gebracht Völlig Neuartige Programmgestaltung
Gemeinsam → Ein Mehrstimmiges, Polyphones.
Mannigfache Beziehungen. Vergleich der Kräfte. Vergleich der Werke, der Kunstwerke in ihrem autonomen Mitteln.
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1.) Machaut: (frz. Titel?)
2.) Bach: 4 Duette für Cembalo
3.) A.v. (sic!) Webern: Konzert für 9 Instrumente op. 24
4stimmige Gesänge
Zu 1.) Zunächst a capella
a) Dann instrumentale Begleitung b) gezupfte Akkorde, dunkles Melodieinstrument c) a capella
Zu 3.) Bruchstückhaft, abwechselnd in den Instrumenten. Motivfetzen. Klavier am meisten, darunterliegend.
Dieser intensive Abend vorm Grundig-Radio – am Paderbornerweg 26: der Apparat stand im Erkerzimmer rechts an der Außenwand, daneben die Couch, darüber das Bild „Die roten Pferde“ von Franz Marc; sie hatten meinem Vater Kraft geben sollen, dessen Bett zur Erleichterung der Pflege zuletzt hier im Wohnzimmer gestanden hatte; er ist am 31. August des Jahres im Krankenhaus Gilead auf der anderen Seite der Promenade gestorben, ich war bei ihm, – aber auch die Inhalte des einen Radio-Abends blieben mir für viele Jahre im Gedächtnis. An die Musik-Sendung habe ich sozusagen ein Jahrzehnt später mit der eigenen Radio-Praxis angeknüpft, ohne mir darüber klar zu sein. Denn das große Buch von André Malraux wirkte als interkulturelle Vision bereits vorbildlich, bevor ich nach 6 Jahren klassischem Musik-Studium die Wende des Jahres 1967 zum Orient vollzog und ab 1969 regelmäßig beim WDR arbeiten konnte oder sollte. Die Festanstellung 1976 hatte ich mir – als Geiger – nicht gewünscht. Die Doppeltätigkeit war schwer zu kombinieren mit ehrgeiziger Programmarbeit. Aus späterer Sicht war mir übrigens das Konzept des „imaginären Konzertes“ – als bloß abendländisch geprägt und rein historisch – völlig unzureichend. Auch der „Klang“ als wesentliche Orientierung schien mir eher dürftig. Meine eigenen Leitlinien für integrale Musiksendungen (1970 bis 2006) habe ich nie schriftlich dargelegt, aber strikt im Auge behalten. Sie sollten sich sinnlich direkt vermitteln.
Das Inhaltsverzeichnis der Kladde.
Alles, was mir zu jener Zeit wichtig war. Ich las viel Dostojewski („Die Dämonen“, „Der Idiot“ „Die Brüder Karamasow“, „Schuld und Sühne“), das Sanskrit-Gedicht (?) „Schwarze Ringelblume“ stammte aus dem Buch „Die Straße der Ölsardinen“ von John Steinbeck. Die Seiten 65 bis 91 enthielten noch Abschriften aus Ludwig Klages „Der Geist als Widersacher der Seele“, Jaspers „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“, einiges über die Mystik der Südseevölker, über afrikanische Philosophie („Muntu“ von Janheinz Jahn), ein Langgedicht von Aimé Cesaire und ein paar Sentenzen zur Musikgeschichte. Die Bielefelder Stadtbücherei (Musik!) war ein wichtiger Zufluchtsort. Die Welt stand offen.
Oben: Privates Vorspiel in Hannover und Klassenfahrt nach Berlin um 1958/59 / aus dem bürgerlichen Wohnzimmer (meiner Tante, die Hände am Klavier sind die meines älteren Bruders) zum Studium nach Berlin. Unten: ein Sprung nach Afrika – das Buch Muntu (Berlin 7.11.1960) und die Abschrift daraus in die bewährte Kladde. Musica Antiqua Köln (Reinhard Goebel) beim dritten WDR-Festival „West-östliche Violine“ 1989 in der Kölner Musikhochschule. – Jugendlicher Überschwang: Die Idee TOTALEN ZUSAMMENHANGS.
Janheinz Jahn: MUNTU (Diederichs 1958)
Musica Antiqua Köln (1989)