Archiv der Kategorie: Musik

Röntgen

Nebenschauplätze

Röntgen CD

ZITAT

Der eine oder andere muß aufgeatmet haben, als die Ära Röntgen zu Ende gegangen war. Der Komponist Alphons Diepenbrock schrieb beispielsweise im April 1898, für ihn sei die Musik von Brahms der Herbst und das Ende der Epoche gewesen. Dieses Ende war durch den Tod des Komponisten am 3. April 1897 besiegelt worden. Man sollte mit Brahms-Apotheosen vom Schlage eines Röntgen fortan keine Rechnung mehr machen, da sie nichts als die Vergangenheit darstellten. Röntgen war von dieser Art der Rhetorik schmerzlich getroffen, konnte aber auch weiterhin nichts tun als seine eigenen Töne zu schreiben. Sein Leben lang fühlte er sich gezwungen, die eigene „ehrliche, unmoderne Musik“ zu verteidigen.

Booklet der obigen CPO-CD Text Dr. Jurjen Vis, Amsterdam

Julius Röntgen s.a. hier

Auch dies gehört in die Reihe der empfehlenswerten Übungen: die unbekannten Zeitgenossen der „Meister“ zu hören und sich zu fragen, was ihnen denn fehlte. Nur das Glück oder eine effektivere Propaganda der Parteigänger? Sicher nicht.

Auf Autofahrten „übe“ ich zur Zeit Hugo Stähle (1826-1848), Klavierquartett op. 1 A-Dur (Dabringhaus und Grimm MDG 615 0233-2). Danach folgt Dvoráks Klavierquartett op. 23 D-Dur. Ist der Qualitätsunterschied offensichtlich?

(Fortsetzung folgt)

Clavierübung im Kopf

Bach wie Brahms hören?

BWV 797 Sinfonia mit Benjamin Alard

BWV 797 Sinfonia mit Robert Hill

Lieber Herr Hill, Ihre Interpretation des brahmsschen Intermezzo op.119, 1 zeugt von ausgeprägt flexiblen  rhythmischen Verhältnissen, einer starken Agogik, einem ausgesprochenen Inégal-Spiel. Kaum ein Ton ist gleich lang wie ein anderer, da werden Noten gedehnt, Dissonanzen ausgekostet, Phrasen mit Ritardando und Accelerando ausgeführt, ja Zusammenklänge aufgebrochen, arpeggiert, Noten vorweggenommen. Ich kenne keine zweite derart „freie“ Interpretation dieses kleinen – hochexpressiven und harmonisch kühnen – Stücks. (…)

Claus-Steffen Mahnkopf zu Robert Hill in Musik & Ästhetik Heft 73, Januar 2015 Klett-Cotta Stuttgart Seite 18

Brahms op.117 No.2 b-moll mit Robert Hill

Brahms op.119 No.1 h-moll mit Robert Hill

Mich hat die Interpretation der Bachschen Sinfonia oder der Goldberg-Variationen (siehe hier) noch mehr erstaunt als der Brahms. Widerspricht dieses Prinzip des anti-metronomischen Spiels nicht jedem barocken „Taktgefühl“?

Es ist eine unglaubliche Chance, die sich erst heute bietet, interpretatorische Meinungen am klingenden Beispiel nachzuvollziehen und sich anzueignen, – meines Wissens ist das bisher kaum so genutzt worden wie in diesem Beitrag mit den vielen Hör-Hinweisen. Frappierend, dass sich darunter auch der Link eines Pop-Konzertes befindet. Ich erinnere mich an die frühe Begegnung mit Robert Hill und Reinhard Goebel (sie hatten gerade gemeinsam die Aufnahme der Bach-Violinsonaten herausgebracht) und wiederum mit Robert Hill bei der Aufnahme u.a. des Stückes „Mbira“ von Kevin Volans im WDR Köln Anfang der 80er Jahre.

Meine Phrasenstrukturierung ist der „Tempobogen“-Denkweise, die wir zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch finden, verpflichtet. Jede Phrase ist in ihrem Timing die Variation einer bestimmten Tempostrukturschablone, die wohl im mittleren 19. Jahrhundert das dominante Paradigma war. Eine Phrase fängt langsamer an, sammelt in der Mitte hin Antriebsenergie auf und entlädt sich gegen Ende. Diese für unsere Vorstellung eher „romantische“ Grundgestalt einer Phrase ist meiner Erfahrung nach überhaupt für jeden Musiker ein unentbehrliches Werkzeug, wenn man die musikalische Spannung vor allem in langsameren Sätzen avec discrétion dosieren will.

Robert Hill a.a.O. Musik & Ästhetik Seite 16

Insgesamt sollte der Vortrag dieses Stückes [Sinfonia g-moll] den Zuhörer berühren, irgendwie eine Geschichte erzählen, aber in der sehr persönlichen Fassung des je individuellen Interpreten. Ich bin aber überzeugt, dass Bachs Zeitgenossen wesentlich mehr den gefühlsorientierten Vortrag erwartet haben als die heute doch dominierende objektivierende Aufführungspraxis.

Aber wie nun, wenn ich sagte: Mit diesem Bach geht es mir wie mit den griechischen Statuen: ich mag sie marmorweiß, so bunt jedenfalls, wie sie wirklich waren, möchte ich sie nicht wieder haben, – ist es so? Da sind mir ja Comics lieber…

Ja, wenn ich das sagte. Aber ich übe ja noch, wenn auch mit weniger Prallern, als sie wohl Bach gern gehabt hätte. (Siehe seine Auszierungen der Es-dur-Sinfonia! weiter unten.)

röntgen bach g

Es ist keine Urtextausgabe im strengen Sinn (die können Sie mitlesen, wenn Sie Robert Hill auf youtube hören). Diese hier stammt von Julius Röntgen (Universal Edition 1951). Liegt sie also in der Zeit und im Trend, den Hill propagiert? Ich spiele sehr gern danach, wohl wissend, dass die Bögen nicht von Bach stammen (ich kann sie in Frage stellen*). Ich brauche „vernünftige“ Fingersätze und weiß, dass es andere sind, als Bach verwendet hat (siehe erstes Stück im Clavierbüchlein für Friedemann).

*Zum Beispiel in der ornamentierten Fassung der folgenden Sinfonia die Bindebögen von der Zählzeit 3 zur Zählzeit 1 des nächsten Taktes: das ist „romantisch“. Übrigens auch die Bindung der ersten 3 Sechzehntel an die folgende Viertelnote. Hier beginnt die Diskussion, was ein romantisches Cantabile vom cantablen Spiel unterscheidet, das Bach vorschwebte. (Bachs Urtext-Handschrift kann man hier bei Hill 2003 mitlesen.)

röntgen bach Es

(Fortsetzung folgt: was will Hill mit dem Verweis auf ein Popkonzert sagen?)

Die (vielleicht) rätselhafte Ergänzung der Ausführungen Robert Hills, seine Erinnerung an ein Konzert mit den Carpenters, kann man (kaum) nachvollziehen mit Hilfe des Links (der von R.H. angegebene funktioniert bei mir nicht, wohl aber der folgende: hier.) Es ist halt eine typische Jugenderinnerung, zudem die eines u.U. völlig anders sozialisierten Individuums.

Ein Aha-Erlebnis hatte ich 1974 in Amsterdam während eines Popkonzertes mit den Carpenters (Karen und Richard). Obwohl die Künstler ihr Vortragsrepertoire sicherlich dutzende Male auf Tourneen gaben, haben sie für mich den unvergesslichen Eindruck erweckt, als würden sie nur für uns – dieses spezielle Publikum – spielen, wie in einem vergleichbaren Konzertvideo aus derselben Zeit in You Tube neulich zu hören und zu sehen war. [s.o.] Und das in der Popmusik, wo durch das Klicktrack der agogische Spielraum praktisch null ist (und im Techno minus null)! Damit haben diese Popmusiker etwas erreicht, was klassischen Musikern meiner Erfahrung nach höchst selten gelingt: ihren Hörern das Gefühl zu vermitteln, etwas Besonderes zu sein. Dass der Zuhörer für das musikalisch-rhetorische Denken des 18. sowie frühen 19. Jahrhunderts im musikalischen Mittelpunkt stand (im Gegensatz zu der Rhetorik im Dienste der Formbetrachtung, wie es seitdem eher dominant ist), wird eingehend erläutert von Mark Evan Bonds. [Fußnotenhinweis s.u.**] Übrigens im selben Jahr, 1974, spielte auch Artur Rubinstein sein Abschiedsrecital im Concertgebouw, ich ging hin und war überwältigt von seiner Natürlichkeit im Klavierspiel! [Fußnotenhinweis youtube* folgt].

Quelle  Robert Hill a.a.O. Musik & Ästhetik Seite 21

*Das angegebene Youtube-Video wurde aus Copyright-Gründen entfernt, nur die abschließende Ehrung ist noch aufzufinden, darin ein drolliges Missverständnis hier bei 3:09.) Eine Möglichkeit, das Rubinstein-Konzert vom 15. Jan.1975 doch noch zu hören, fand ich – zumindest heute, am 16. !!! Jan. 2015, hier. (Das Programm kann man hier nachlesen.)

**Mark Evan Bonds Wordless Rhetoric: Musical Form and the Metapher of the Oration, Cambridge/USA: Harvard University Press, 1991.

Leersätze

Doppelt gemoppelte Pleonasmen tautologischer Redundanz

Redundanz a kl

Redundanz b Bitte anklicken!

Tageszeitung 12. Januar 2015

Warum dieser Unsinn und manch anderer? Virtuellen Freunden zuliebe, die nicht nur Perspektiv-, sondern auch Niveauwechsel zu schätzen wissen. Hier sollte ein Zen-Koan folgen, möglichst an Nonsense grenzend.

2mal dpa 14. Januar 2015 für meine „unterwegs“-Sammlung:

Ilja Richter: „Doch manchmal fällt es schon auf, wenn man hier [in Berlin] mit einer gewissen Höflichkeit unterwegs ist.“ Eine Mitarbeiterin der evangelischen Kirchengemeinde: „Der Waschbär sei offenbar auf dem Dach unterwegs gewesen und von dort aus eingebrochen.“

unterwegs a unterwegs b

Rhetorik des Weißen Hauses 2012 über die Veröffentlichung der Karikaturen in Charlie Hebdo:

Wir hinterfragen nicht das Recht, dass so etwas veröffentlicht wird. Wir hinterfragen nur das Urteil hinter der Entscheidung, so etwas zu veröffentlichen.“

Quelle DIE ZEIT 15. Januar 2015 Seite 44

„Leerbilder“ der Mächtigen der Welt

Polit-Foto Screenshot 2015-01-16 11.30.18

Simon Rattle wird 60 (Würdigung im Tageblatt 19.01.2015)

Allerdings sind Rattles Tage bei den Philharmonikern gezählt… Für einen „Nachruf“ sei es noch zu früh, sagt Rattle im Gespräch in der Berliner Philharmonie… Dabei hat es Rattle nicht immer leicht in Berlin… So ist auch das Verhältnis zum Orchester nicht immer frei von Spannungen…  „Doch es ist immer wieder erstaunlich, was man dabei erreichen kann.“

Rattle 60

Ronaldo wieder unterwegs

Ronaldo

 

 

 

Aufbruchsstimmung

Aber womit beginnen?

(Natürlich, ich weiß es, schiebe es beiseite, um Ersatzhandlungen auszuführen, „Übersprung“ oder wie heißt es, das Hauptthema kann noch ein paar Stunden warten. Oder Tage?)

Zunächst also die Presse, die für soviel Anregung oder auch Aufregung sorgt. Die Themen müssen knapp sein, wenn Beethoven ins Zentrum der Seite „Wissen“ rückt. Nein, auf die rechte Seite, links pariert der Artikel „Wenn Frauen zur Nixe werden. TREND Wasserliebende Mädchen und Frauen tauschen ihren Badeanzug gegen Bikinioberteil und Fischschwanz.“ Bravo, gut für „Beethovens Werkstatt. Wie das Genie mit den Noten kämpfte“. Links unten: „Schon Ahnen des Menschen konsumierten Alkohol. STUDIE Biologen analysieren Enzym zum Alkoholabbau.“ Gottseidank, der Abbau funktioniert bis heute! Aber wie lange dauert es jeweils? Tage oder Wochen? Tage und Zeilen?

ST nach Neujahr 2015 Bitte anklicken!

Also, hier muss auf jeden Fall noch der Link zum Beethoven-Haus folgen, damit ich die Original-Skizzen studieren kann. Auch das nimmt Zeit! Es kann dauern!!! Dann die Frage, ob ich die Klassik nicht naiv überbewerte. Oder vielmehr grotesk unterbewerte. Der neue Link liegt mir vor. Aber noch fällt mir dazu nur ein, wie man (ich?) einst über die Liebe dachte: der Gegenstand der Liebe sei so heilig, dass man ihn nie und nimmer berührt. Was für ein unvergessliches Kapitel in der Werk-Einführung zu Robert Musil von Kaiser/Wilkins (1962), ich meine über die „Fernstenliebe“ oder so. Oder Goethes oder Philines „Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an.“ Beginne ich einfach mit dem Titel „Aufbruchsstimmung“ und danach endlich weiter in Moritz Eggerts Blog-Folgen. (Fortsetzungen eventuell später hier eruieren.)

Neben diese Symptome einer resignativen Dekadenz trat zeitgleich um die Jahreswende eine Aufbruchstimmung, die für den „neuen Menschen“, wie er in Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ angekündigt worden war, eine geistige und körperliche Befreiung von bisher geltenden Normen bedeutete. Vor allem Künstler suchten nach neuen Lebensformen unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen und gruppierten sich in Gemeinschaften, um ein Leben im Einklang mit Natur und Kunst führen zu können. Damit verbunden war häufig ein neues Bewußtsein für den Körper, der nun nicht mehr in Kleidern versteckt und deformiert werden sollte, sondern sich in Licht und Luft bewegen durfte; der menschliche Körper wurde als ausdrucksstarkes Sprachorgan entdeckt. Die Freikörperkultur und der Ausdruckstanz nahmen hier ihren Ursprung. Hinzu kam die Weiterentwicklung der Fotografie sowie die Entstehung des Films um 1999, die eine Fixierung von Bewegungsabläufen ermöglichte und eine neue Wahrnehmungsästhetik einleitete.

Ich halte erschrocken inne: meine Zitattechnik im Neuen Jahr grenzt an Fälschung. Ich vertraue auf meinen Leser, der ich vor allem selbst bin und bleiben werde. Ich habe Zeit, meine Quellen offenzulegen. Monate, Jahre! (Nur nicht warten, bis ich alles vergessen habe.) Die Sache mit der Freikörperkultur gehört natürlich zu dem Artikel über den Bikini „Wenn Frauen zur Nixe werden“. Ich halte meinem Tageblatt die Treue! Schon wegen der blauen Zeile: „Im Wasser ist man geschmeidig, man bleibt unberührbar“. Es lebe die Soziologie! Ein Neujahrsbrief hat mir Neues über Adornos Charakter gebracht, – ich möge bitte Peter Sloterdijk lesen: Zeilen und Tage. Seite 157 f („In der Frankfurter Rundschau findet sich ein Artikel, der an Golo Manns Rückkehr aus dem Exil erinnert. Im Jahr 1963 sollen Horkheimer und Adorno“ usw. usw. vonwegen, – werde ich denn alles vorwegnehmen?)

ST WISSEN nach Neujahr 2015

Ein Autograph der Kreutzer-Sonate studieren? Hier! (Unter „Beethoven-Haus Bonn, NE 86“ oben weiterblättern 1-13 !)

Quellen 

Solinger Tageblatt 5. Januar 2015 Seite 22

Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Eine Analyse der Jugendstilarchitecktur 1890-1910 WBG Darmstadt Sonderausgabe 2010 ISBN 978-3-534-23652-7 Zitat Seite 15 (absichtliche Errata: Jahreswende statt Jahrhundertwende und 1999 statt 1900 JR).

Rancune auf „Welt“-Niveau

Selten habe ich einen so armseligen Artikel zuende gelesen wie diesen, der zur Verteidigung des Regietheaters viele Register zu ziehen sucht, besonders die falschen. Typisch, dass er zugleich glauben  machen will, es handle sich um ein längst überholtes Thema, das nur von irgendwelchen Ewiggestrigen künstlich wachgehalten wird. Dabei ist es der Schreiber selbst, der offenbar den größten Teil der Debatte verschlafen hat und daher nur Humbug zur Kritik der sogenannten Aufführungspraxis von sich zu geben vermag. Man erkennt den großmäuligen Raketenzeitjournalisten sofort, der etwas zur Postkutschen-Ästhetik sagen will, ohne über Vorkenntnisse zu verfügen; da ignoriert er Stradivari ebenso wie Vermeer oder die barocke Festkultur, und erledigt alles mit dem Verweis auf Kerzenschein, Darmsaiten und die schlechte Hygiene der Altvorderen.

Er beginnt mit einem Satz, der die einseitig apodiktische Absicht zunächst einmal hinter einem Wall aus Insidernamen versteckt: Hagmann, Neuenfels, Konwitschny, Wieler, Warlikowski – wer da nicht gleich Aha sagt, mag getrost weiterblättern. Wer es aber abhakt und tapfer weiterliest, wird mit einem grammatischen Ungetüm von Satzbau erschreckt: mag sein, dass es im Jounalismus üblich ist, jemandem was vor den Latz zu knallen, schwieriger jedoch, einen vor den Latz geknallt zu bekommen, – ist das nicht ein unzulässiger Übersprung vom Aktiv ins Passiv? Es kann nur noch schlimmer werden: das Klavier soll ins Spiel kommen und vor allem ein Übergang von Kritikerfreund Hagmann zu dessen Vorgesetztem (?), dem Feuilletonchef Martin Meyer, der wohl schon mal gern – zu Hagmanns und des Kommentators Missvergügen – eins austeilt gegen die progressivsten aller lebenden Regisseure. Den entsprechenden Satzteil muss man sich aber erstmal mühsam erarbeiten:

Grund genug für Hagmanns sich gelegentlich auch mit Klavierangelegenheiten beschäftigenden Feuilletonchef Martin Meyer, eine Debatte zum müden Glimmen zu bringen, die eigentlich zu den ältesten und ausgelaugtesten der Branche gehört: die über das Regietheater.

By the way, was ist ein „toter Text“? Etwa alles, was die Literaturgeschicht so hinterlassen hat? Muss demnach alles, was niedergeschrieben wurde, erst von Halbgöttern zum „neu erblühenden Leben erweckt“ werden? Würde es nicht genügen, die Texte Wort für Wort zu lesen? Und durchaus stumm, mit dem bloßen Vorsatz, sich auch stilistisch weiterzubilden, um tote Sekundärtexte zu vermeiden, die nur das müde Glimmen einer ausgelaugten Debatte widerspiegeln?

(…) Jede gute, sogar schlechte Inszenierung ist „Regietheater“, weil sie interpretiert, einen sonst toten Text oder eine nur zu hörende und damit unvollständige Opernpartitur zum theatralischen, immer wieder neu erblühenden Leben erweckt. Jetzt wird nur noch einmal alter Argumentewein in noch ältere Debattenschläuche gegossen.

Gewiss, gewiss, „Argumentewein“ etc, eine herrlich deformierte Redensart … und diese zweifellos unvollständige, weil nur zu hörende Opernpartitur kann zuweilen nur dann zum theatralischen Leben erweckt werden, wenn dieses dem, was die Musik sagen will, diametral entgegengerichtet ist, nicht wahr??? Na gut.

Jetzt kommt der Doktorvater ins Spiel, offenbar aufgrund einer fleißigen Privatrecherche des Kommentators. Neuer Anlass für schiefe Bilder: dieser Gelehrte wurde „vom Stapel gelassen“, als neues Schlachtschiff gleichsam; gemeint ist vielleicht „von der Kette gelassen“, was die Tendenz nicht besser macht. Er durfte zwei Artikel, nein, nicht schreiben, vielleicht „absondern“ oder sagen wir vorsichtshalber „ablästern“? Waren sie wirklich so einfältig, wie hier unterm Wort „Grundtenor“ zusammengefasst? Wir erfahren es nicht, weil es nur um Übermittlung von Häme geht, nicht um Inhalt.

Der Kommentator hat aber nicht nur Nachteiliges über den Doktorvater des Sohnes von Michael Meyer einbringen wollen, sondern auch darüber, dass Klavierfreund Michael Mayer den „tollen“ Pianisten András Schiff hofiert, der offenbar – jetzt geht’s zu weit – ebenfalls etwas gegen bestimmte Regisseure zu schreiben gewagt hat. Grund genug, den Namen seines Ensembles „Andrea Barca“ nicht uneitel zu finden, ihn selbst als „Hobbydirigenten“ zu bezeichnen und seinen Mozart-Stil als „plüschig-gestrig“. Da können weitere Bösartigkeiten kaum noch stören: Schiff spielt ja Beethoven sowohl auf einem nicht ganz modernen Bechstein (1921) als auch auf zwei Hammerklavieren der Zeit. Was wirklich stört, ist der wichtigtuerisch, aber linkisch  zusammengeschraubte Satzbau des Kommentators. Er kann es sich weiß Gott nicht leisten, einen bravourösen Schreiber wie Martin Geck mit einem ironischen Nebensatz zu erledigen und den „von Martin Meyer gepflegten Alfred Brendel“ auf Anmerkungen über Publikumshusten zu reduzieren.

Als WELT-Leser, der ich nicht bin, würde ich mich für den Artikel schämen. Und doch habe ich mich der Strafarbeit unterzogen, den ganzen Artikel abzuschreiben, um es nicht – wie das Elaborat selbst – bei dunklen Anspielungen bewenden zu lassen.

Quelle DIE WELT 30. Dezember 2014 Feuilleton KOMMENTAR

Erbarmen mit Regisseuren

Bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) geht bald der langjährige Klassikkritiker Peter Hagmann in Rente. Der gilt wie die meisten Vertreter seiner Zunft durchaus als Freund und Verteidiger von Opernregisseuren wie Hans Neuenfels, Peter Konwitschny, Jossi Wieler oder Krzystof Warlikowski. Regisseure, die sich nicht mit Konvention zufrieden geben, die tiefer in Libretti, Partituren und Zeitumständen bohren, als es oft im Repertoire-Schlendrian geschieht. Naturgemäß mit mal besserem, mal schwächerem Erfolg.

Im Journalismus ist es üblich, zum guten Berufsschluss gern nochmal ordentlich einen vor den Latz geknallt zu bekommen – offenbar Grund genug für Hagmanns sich gelegentlich auch mit Klavierangelegenheiten beschäftigenden Feuilletonchef Martin Meyer, eine Debatte zum müden Glimmen zu bringen, die eigentlich zu den ältesten und ausgelaugtesten der Branche gehört: die über das Regietheater.

Der Begriff ist nicht nur als Pleonasmus schief. Jede gute, sogar schlechte Inszenierung ist „Regietheater“, weil sie interpretiert, einen sonst toten Text oder eine nur zu hörende und damit unvollständige Opernpartitur zum theatralischen, immer wieder neu erblühenden Leben erweckt. Jetzt wird nur noch einmal alter Argumentewein in noch ältere Debattenschläuche gegossen. Zunächst hatte Meyer den Doktorvater seines Sohnes vom Stapel gelassen. Der Zürcher Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken durfte in der „NZZ“ über „Oper der Beliebigkeit“ und ihre „szenische Destabilisierung“ ablästern. Grundtenor: Alles ist so hässlich und rüde, wo bleibt das Schöne, Erhebende?

Abgesehen davon, dass es dies immer noch gibt und dass Auswüchse im Guten wie im Schlechten keinen Trend und keine Doktrin ausmachen, stand da wenig Neues. Das findet sich auch nicht aktuell im jüngstem Beitrag zur „Debatte“ von dem tollen, gern von Meyer hofierten Pianisten András Schiff. Der eben von der Queen zum Sir Geadelte spielt zwar selbst Bach und Beethoven auf einem modernen Bechstein-Flügel statt auf dem Cembalo oder dem Hammerklavier und pflegt zudem als Hobbydirigent mit seiner – nicht eben uneitel – nach ihm benannten Cappella Andrea Barca einen plüschig gestrigen Mozart-Stil.

Als exilierter Ungar hat sich Schiff außerdem zu Recht darüber ereifert, dass in seinem Land die von der aktuellen Rechtsregierung mit Machtbefugnis ausgestatteten regimetreuen Regisseure meist die schlechten und konservativen sind. Ihn selbst aber erfasst anhand willkürlicher Berliner Beispiele diffuses Unbehagen am angeblich Progressiven. Er wünscht sich, das Gebotene so zu sehen, wie es geschrieben steht und wie es der Autor angeblich intendiert hat. Was er selbst als Interpret nicht tut – gar nicht kann, denn wir leben nicht in Mozarts 18. Jahrhundert mit Kerzenschein, Darmsaiten und schlechter Hygiene -, sondern aus seiner (sic!) wissend subjektiven Künstlerverständnis heraus neu schafft.

In der „FAZ“ wünscht sich nun passenderweise auch der geschätzte Martin Geck , dass die gegenwärtigen Wagner-Regisseure doch bitte ein Sabbatical einlegen und noch einmal die Seminarbank zur theoretischen Kenntnisverbesserung drücken mögen. Zumindest für 2015 wünschen wir uns hingegen das Ende dieser unendlichen und völlig sinnlosen Debatte. Möge doch lieber mal wieder der ebenfalls von Meyer gepflegte Alfred Brendel gegen Huster im Konzert ätzen.

Autor des Kommentars: Manuel Brug

Autor des Kommentars zum Kommentar: Jan Reichow

Nachtrag 4. Januar 2015  (nach dem Nordsee-Urlaub, in dem ich gar nicht bloggen wollte, außer bei akutem Ärger oder besonders erfreulichen Begegnungen … )

Lohnender als jeder weitere Kommentar zum „Welt“-Kommentar wäre wohl, mit frischer Kraft einzelnen Namen und Beiträgen samt anhängender Diskussion nachzugehen, also zum Beispiel dem NZZ-Artikel von András Schiff (27.12.2014) und den durchweg erfrischenden Reaktionen darauf (Nachtkritik.de vom 27.12. bis 30.12.2014). Man muss sich durchaus nicht für 2015 ein „Ende dieser unendlichen und völlig sinnlosen Debatte“ wünschen. Im Gegenteil.

Kantabel und virtuos – Zum Gedenken an den Violinisten Franzjosef Maier

Laufplan der WDR 3 Radiosendung am 3. Januar 2015 18:05 – 19:00 Uhr 

[siehe am Ende dieses Artikels auch Fotos und einen Nachruf von Gerhard Peters]

Abt Klassische Musik

Red Dr. Richard Lorber

Titel Vesper I

Kantabel und virtuos – Zum Gedenken an den Violinisten Franzjosef Maier

Autor: Christoph Prasser

Jingle Vesper 0’11

Moderation 1:

Guten Abend und herzlich willkommen zur Vesper auf WDR 3.

Am 16. Oktober vergangenen Jahres ist im Alter von 89 Jahren der Violinvirtuose Franzjosef Maier verstorben, der seit Beginn der 1950er Jahre einen erheblichen Anteil hatte an der Entwicklung der Kölner „Alte Musik-Szene“. Der erste Teil der Vespersendung erinnert an den einflussreichen Geiger, der nicht nur durch sein meisterhaftes Spiel zu Berühmtheit gelangt war, sondern sein Wissen auch als erster Dozent für Barockvioline an der Kölner Musikhochschule weitergeben konnte, wo Geiger wie Reinhard Goebel, Werner Ehrhardt, Manfredo Kraemer und viele andere zu seinen Schülern zählten. Diese wiederum gaben sein Wissen in berühmt gewordenen Ensembles wie „Musica Antiqua Köln“ oder „Concerto Köln“ weiter und förderten und festigten damit den Ruf der Stadt Köln als Zentrum für „Alte Musik“ und „Historische Aufführungspraxis“. Dem WDR war Maier dabei in unzähligen Produktionen und Konzerten zeit seines Lebens verbunden. Und im „Collegium musicum des WDR“ war Franzjosef Maier über Jahrzehnte als Konzertmeister tätig. Zur Erinnerung an den großen Musiker bringt die Vesper heute ausgewählte Aufnahmen, die vor allem in Produktionen Alter Musik mit dem Kölner WDR entstanden sind. Autor der Sendung ist Christoph Prasser.

Unsere erste Musik zeigt Maier als Solist und Konzertmeister an der Spitze eines Ensembles, mit dem er am meisten bekannt werden sollte, dem „Collegium aureum“. Dieses in der Regel dirigentenlose Orchester für historische Aufführungspraxis sollte er über Jahrzehnte vom Konzertmeisterpult aus leiten. Die folgende Aufnahme des Mozart-Rondos in C-dur für Violine und Orchester stammt aus dem Jahre 1977 und wurde wie so viele Aufnahmen des Ensembles im Cedernsaal des Schlosses in Kirchheim aufgenommen. (Mod.: 1’58)

Musik 1: 

K.: Wolfgang Amadeus Mozart 6029210105 7’02

Allegretto grazioso aus: Rondo C-dur KV 373

Franzjosef Maier, Violine / Collegium aureum / Ltg.: Franzjosef Maier

Moderation 2:

Das Collegium aureum mit Mozarts Allegretto-grazioso, dem Rondo in C-dur KV 373. Solist und musikalischer Leiter der Aufnahme war der Geiger Franzjosef Maier.

Maier wurde am 27. April 1925 in Memmingen im Allgäu geboren und lernte schon früh Klavier, Violine und Bratsche. Ab 1938 besuchte er das Augsburger Konservatorium, anschließend die Münchner Akademie und das musische Gymnasium in Frankfurt. Nach Kriegsende und Gefangenschaft studierte er schließlich bis 1948 an der Kölner Musikhochschule.

Als junger Geiger geriet Maier sehr schnell ins Fahrwasser des WDR, der damals noch NWDR hieß. Dort produzierte er mit dem Musikwissenschaftler Eduard Gröninger erste Werke für den Rundfunk, die sich bereits an einem historischen Klangbild orientierten, denn der NWDR war ein innovativer Pionier in Sachen Alter Musik. Schließlich wurde Maier Gründungsmitglied des „Collegium musicum des NWDR“, eines Orchesters, das sich auf historische Aufführungspraxis spezialisiert hatte und neben dem sich später das Schwesterensemble „Cappella Coloniensis“ etablieren sollte. Die Cappella wurde letztlich zum prominenten Aushängeschild für Alte Musik, allerdings ohne Franzjosef Maier. Das lag aber nur daran, dass Maier in jener Zeit im Schäfferquartett als 2. Geiger spielte und er die Quartettarbeit der Orchesterarbeit zunächst vorzog. Denn ursprünglich sollte Kurt Schäffer, der Namensgeber des Quartetts und Maiers ehemaliger Lehrer an der Kölner Musikhochschule, Konzertmeister in der neu gegründeten Cappella werden. Er verzichtete aber, nachdem Maier ihn bat, die Arbeit am Schäfferquartett fortzuführen. Vielleicht spielte dieser Verzicht auch mit eine Rolle für das spätere Zerwürfnis zwischen Maier und Schäffer, aber erst nach der Trennung vom Schäfferquartett war für Maier der Weg frei für seine spätere Karriere als Leiter des Collegium Aureum.

Unsere nächste Musik zählt zu den Höhepunkten der Violinliteratur in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und zeigt einen Franzjosef Maier in Hochform. Heinrich Ignaz Bibers virtuose Sonate Nr. 1 in A-dur gehört zu den 8 Salzburger Sonaten aus dem Jahre 1681. Die Violinstimme wird von einer Basso-continuo-Gruppe unterstützt, die aus Orgel, Violone und Violoncello besteht. (Mod.: 2’22)

Musik 2:

K.: Heinrich Ignaz Biber 6029229102 13’29

Sonate Nr 1 A-dur (für Violine und Basso continuo)

Franzjosef Maier, Violine / Rudolf Mandalka, Cello / Johannes Koch, Violone / Wilhelm Krumbach, Orgel

Moderation 3:

Die Vesper auf WDR 3 mit der Sonate Nr 1 in A-dur für Violine und Basso continuo von Heinrich Ignaz Biber. Gespielt hat sie der im Oktober vergangenen Jahres verstorbene Geiger Franzjosef Maier, dem der erste Teil der heutigen Sendung gewidmet ist.

Die Anfangszeit der historischen Aufführungspraxis, die ihren stärksten Triebmotor in den 1950/60er Jahren durch Produktionen des WDR erhielt, war geprägt durch die Suche nach dem historisch authentischen Klang. Maier fühlte sich aber nicht nur der historischen Aufführungspraxis verpflichtet, sondern er blieb auch den Komponisten der neueren Musikgeschichte treu. Und so spielte er die Kompositionen der alten Meister bis in die Mitte der 1960er Jahre nicht etwa auf einer zurückgebauten oder historischen Violine alter Mensur, sondern meist auf seiner moderneren Vuillaume-Geige, die er dafür lediglich mit Darmsaiten bespannte. Auch der Kammerton blieb bei ihm meist bei 440 Hertz. Allerdings benutzte er für Produktionen Alter Musik zwingend einen alten historischen Bogen.

In der nun folgenden Aufnahme spielt er allerdings ein 1752 erbautes historisches Instrument in alter Stimmung, eine Geige von Michele Deconetti. Die hatte er 1965 als Dauerleihgabe von der Schwägerin des Harmonia-Mundi-Geschäftsführers Rudolf Ruby bekommen. Nicht ohne Hintergedanken, denn schließlich war die Harmonia-Mundi die Plattenfirma, die Maiers Collegium aureum unter Vertrag hatte.

Hören sie jetzt den Tenor James Griffett mit Joseph Haydns Bearbeitung des schottischen Volkslieds „Margret’s ghost“. Franzjosef Maier spielt Violine, Rudolf Mandalka Violoncello und Bradford Tracey sitzt am Hammerklavier. (Mod.: 1’45)

Musik 3:

K.: Joseph Haydn 6044235119 7’57

Margret’s ghost, Hob XXIa:65

(Bearbeitung eines schottischen Volksliedes für Singstimme, Violine, Violoncello und Tasteninstrument)

James Griffett, Tenor

Franzjosef Maier, Violine

Rudolf Mandalka, Violoncello

Bradford Tracey, Hammerklavier

Moderation 4:

Margret’s ghost”, die Bearbeitung eines schottischen Volksliedes von Joseph Haydn, mit dem Tenor James Griffett und dem Geiger Franzjosef Maier. Eine historische Aufnahme aus dem Jahre 1980.

Bereits ein Jahr zuvor hat Maier die nun folgende Aufnahme für den WDR produziert. Als Orchester stand hier das Collegium musicum des WDR zur Verfügung, das durch die Strahlkraft der berühmten Cappella Coloniensis des WDR zwar an Bedeutung verloren hatte, nicht aber an musikalischer Qualität. Dafür sorgte schon die Besetzung des Orchesters, in der mittlerweile bereits Geiger wie Gerhard Peters und andere saßen, die ihre Meisterkurse für Barockvioline bei Franzjosef Maier an der Kölner Musikhochschule erfolgreich hinter sich gebracht hatten. Gemeinsam spielen sie nun als „Collegium musicum des WDR“ die Sonata a cinque, op 2 Nr. 6 in g-moll von Tomaso Albinoni. (Mod.: 0’57)

Musik 4:

K.: Tomaso Albinoni 6109386103 8’29

Sonata a cinque, op 2, 6 g-moll

(für 2 Violinen, 2 Violen und Basso continuo)

  1. Adagio

  2. Allegro

  3. Grave

  4. Allegro

Collegium musicum des WDR

Moderation 5:

Die viersätzige Sonata a cinque, op 2 Nr. 6 in g-moll von Tomaso Albinoni, gespielt vom Collegium musicum des WDR. Die Leitung hatte der Geiger Franzjosef Maier, der im Oktober vergangenen Jahres im Alter von 89 verstorben ist und dem der erste Teil der heutigen Vespersendung gewidmet ist. Mit Maier ging einer der Pioniere und Schlüsselfiguren des letzten Jahrhunderts, die sich um die Rekonstruktion und Wiederbelebung Alter Musik im neuen Klanggewand verdient gemacht haben. Als Professor für Violine an der Kölner Musikhochschule konnte er seine Kenntnisse und Erfahrungen an zahlreiche Schüler weiterreichen, die heute diese Ideen selbst in weltweit erfolgreichen Orchestern vorstellen und weiter entwickelt haben.

Zum Schluss des ersten Teils der Vesper steigen wir jetzt ein in das Concerto grosso in A-dur op. 6 Nr. 11 von Georg Friedrich Händel, gespielt von der „Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik“, aufgenommen in der Aula der Kölner Musikhochschule im Juni 1981. Unter der Leitung von Franzjosef Maier spielen Geiger wie Helmut Hausberg und Werner Ehrhardt so, wie es Maier gegen Ende seiner großen Karriere gefallen hat: Vereint, im Kreise seiner Schüler. (Mod.: 1’22)

Achtung Technik: : folgende Musik 5 (Händel) bitte nur von Minute 7’11 – Ende spielen und auf Zeit fahren! Ab Min. 17’50 folgt nur noch Schlussapplaus der in der darauffolgenden Abmoderation ausgeblendet werden kann!

Diese letzte Musik dient als Zeitpuffer, Daher entsprechend unter der Moderation 5 stumm starten und gegen Ende der Moderation 5 langsam einblenden!

Musik 5:

K.: Georg Friedrich Händel 6046367102 ca. 11’00

Andante; Allegro von 7’11 – ca. 18’05

aus: Concerto grosso A-dur, op 6,11 auf Zeit fahren!

Helmut Hausberg, Violine

Werner Ehrhardt, Violine

Bruno Klepper, Violoncello

Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik

Ltg.: Franzjosef Maier

(von ca 7’12 – 18’05)

Abmoderation:

Zum Abschluss des ersten Teils der Vesper spielte die „Cappella Accademia des Seminars für Alte Musik“ den Schluss des Concerto grosso in A-dur op 6 Nr. 11 von Georg Friedrich Händel. Die Leitung hatte der Geiger Franzjosef Maier, dem die Sendung gewidmet war. Der Autor der Sendung war Christoph Prasser.

(Mod.: 0’22)

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47’57

Musikzeit: 47’57

Jingle: 0’11

Moderation: 8’46

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total: 56’54 

Das Collegium Aureum 1971 im Fuggerschloss Kirchheim/Schwaben

Collegium 1971 Mandalka, Hucke & Kollegen

Franz Konzertmeister allein  Franzjosef Burghardt Fotos a

Prof. Franzjosef Maier, Violinist und Konzertmeister. Collegium aureum, erstes Bild, Gesichter von links nach rechts: Günter Vollmer, Franzjosef Maier, Ruth Nielen, Werner Neuhaus, Gerhard Peters, Wolfgang Neininger, Jan Reichow, Ulrich Beetz, Violinen; Heinz-Otto Graf, Viola; Horst Beckedorf, Rudolf Mandalka, Celli. Zweites Bild: (Günter Vollmer) Rudolf Mandalka, Violoncello; (Wolfgang Neininger) Helmut Hucke, Oboe.

Fotos: harmonia mundi Deutschland, Daniela-Maria Brandt

Weiteres zu Franzjosef Maier s.a. hier.

Nachruf seines Schülers und Nachfolgers in Köln, Prof. Gerhard Peters

(Quelle: Hochschulzeitung Das Journal 2015/16)

Auditive Haltungen

So werden sie von Peter Sloterdijk genannt und mit vier Typen aktueller Musik in Verbindung gesetzt. Ich neige dazu, sie mit den „Methoden des Hörens“ kurzzuschließen.

1.  Die authentische Neue Musik existiert vor allem als eine Expertenpraxis, in der es kaum um ein Singen und Spielen im Sinne der traditionellen naiven Musikalität geht, sondern um die Exploration der Klangproduktionsmittel und der kompositorischen Verfahren. (…)

2. Die performance-Musik versucht, sich mit offensiven Mitteln den Weg zum Publikum zu bahnen. Auch sie hält am Primat der Hervorbringung fest, in dem sie die Klang- und Bühnenereignisse den Hörerwartungen aggressiv überordnet; jedoch kämpft sie bei der Zuspitzung der Darbietung immer noch um das Mitgehen des Publikums. (…)

3. Die sogenannte Unterhaltungsmusik, die eigentlich Zerstreuungsmusik oder sedative Musik heißen müsste, kann eines Massenpublikums sicher sein, weil sie die Aufgabe wahrnimmt, die Hörer vor dem Risiko des Hörens von Neuem zu schützen. (…)

4. Die funktionelle Musik arbeitet Partialwirkungen musikalischer Strukturen heraus und macht Klänge definierten Zwecken nutzbar. Traditionelle Stücke zum Marschieren, zum Aufziehen von Ankerwinden oder zum Einlullen von Kindern haben die funktionelle Tendenz der Musik antizipiert. (…)

Quelle Peter Sloterdijk: Wo sind wir, wenn wir Musik hören (Seite 58-60), in: Der ästhetische Imperativ. Schriften zur Kunst. Suhrkamp Verlag Berlin 2014 (übernommen aus: P.S. Weltfremdheit 1993)

Einstweilen bleibt mir unklar, was die unter 3. angeführte „sogenannte Unterhaltungsmusik“ hier zu suchen hat (offenbar nur auf Grund der Vorgabe „aktueller“ Musik einbezogen).

Unter 2. sollte das Faktum erwähnt werden, dass Neue Musik eine andere (günstigere) Wirkung erzielt, wenn man die Ausführenden bei ihrer Arbeit sieht. (Was Sloterdijk natürlich auch voraussetzt.) Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, auf die zu pochen wir verlernt haben, da das bloße Hören ein Primat des reinen Geistes suggeriert, das der Neuen Musik teuer ist.

Übrigens gibt es auch ein ziemlich risikofreies Hören von Neuem, wenn es nur in der Verfremdung des Bekannten besteht. Man nimmt auch böse Ironie gern hin, wenn sie erkennbar ist und einen nicht allzu dumm erscheinen lässt.

Zudem kommt Neue Musik der modernen Tendenz entgegen, voraussetzungslos zu hören, und das heißt auch: ohne sich auf Bildungsrelikte zu stützen. Man entgeht der Gefahr, sich kompetent äußern zu müssen.

(Fortsetzung folgt)

Messiaen: Rhythmische Farben?

Was hat es mit dem (Sanskrit-)Begriff „Varna“ in der indischen Musik auf sich? So eindeutig, wie es in Olivier Messiaens „Traité de Rythme, de Couleur, et d’Ornithologie“ (1994) oder in seinem früheren Werk (1949) scheint, ist die Lage nie gewesen. Als erstes stößt man wohl auf die Vorstellung „Kaste“ (von lat. „castus“ – rein!), was alsbald nach Indien zurückführt, wo der Begriff „Varna“ in diesem Sinne gebraucht wird, nämlich im Sinne von „Klasse, Stand, Farbe“. Offenbar weist der Begriff nicht (mehr) auf eine Einteilung nach Hautfarben hin, vielmehr sind den Kasten (sekundär?) verschiedene Farben zugeordnet: Weiß, Rot, Gelb und Schwarz. („Zufällig“ entsprechen die Farben den klischeehaften Rassezuschreibungen.) Der Begriff könnte sich aber zunächst ganz einfach auf ein System der oberflächlichen Einteilung oder Unterscheidung beziehen. (Wie der Begriff Jati, der ebenfalls in der Musik verwendet wird.)

Varna

Quelle Thomas Daniel Schlee, Dietrich Kämper (Hrsg.): Olivier Messiaen La Cité céleste – Das himmlische Jerusalem Über Leben und Werk des französischen Komponisten / Wienand Verlag Forum Guardini Köln 1998 ISBN 3-87909-585-X (Seite 79)

Offenbar hat Messiaen die einmal gefällte Entscheidung nie überprüft: dass „varna“ soviel wie „couleur[s]“ („Farben“) bedeutet und „miçra varna“ – üblicherweise in englischer Umschrift als „mishra“ – folgerichtig „mélange des couleurs“ („Mischung der Farben“). Und nicht genug damit, gerade diese (fragwürdige) Übersetzung verleitet ihn dazu, die Sache – noch poetischer – als „Regenbogen der Dauern“ zu verstehen. Eine eher private Assoziation: „l’arc-en-ciel“ et l’extase coloré des point d’orgue (Vorwort zu „Couleurs de la Cité céleste“), solche Sprachfiguren findet man bei Messiaen nicht selten. Die alten Inder aber hatten dieses rhythmische Phänomen wohl kaum  so poetisch gesehen, sondern eher rein technisch, „systemisch“. In diese Richtung weist auch die Behandlung des Wortes Varnam bei Josef Kuckertz (bitte anklicken):

Varna Kuckertz

Quelle Josef Kuckertz: Form und Melodiebildung der karnatischen Musik Südindiens / Wiesbaden 1970 Band 1 Seite 82

In die Richtung von „Farbe“ weist allenfalls die Bedeutungsvariante „Schmuck“. Jeder südindische Musiker, den man heute nach der Bedeutung des Wortes „varna“ fragt, wird zur Antwort geben: das ist ein Musikstück, ein Übungsstück, vielleicht sogar: eine Art „Konzertetüde“.

In der alten Liste der 108 Tala-Perioden taucht das Wort oder der Wortbestandteil mehrfach auf (21, 27, 28, 29); die von Messiaen aus der Lavignac-Enzyclopädie entnommene Form erscheint als Nr. 29 „Misra varna“. (Quelle – wie bei Kuckertz angegeben – Band IV South Indian Music von P. Sambamoorthy, Madras 1963).

Varnam Tala-Tafel

Der entscheidende Punkt, – so selbstverständlich, dass er nirgendwo speziell hervorgehoben wird – , wäre: dass es sich nicht um konkrete „Rhythmen“ handelt, sondern um eine Übersicht der in der indischen Musik möglichen Talas. Der Tala aber ist eine gegebene metrische Periode, in deren Schema sich die konkreten Rhythmen einpassen, Trommel-Rhythmen (!), – es geht nicht um den rhythmischen Ablauf von Melodien (!), die sich allerdings ebenfalls dem Tala einordnen. Zwischen diesen Talas wird nicht beliebig gewechselt, der Tala gilt für längere rhythmische Zusammenhänge (sagen wir: für eine ganze Varna-Übung), die gegebene oder gewählte Tala-Periode wird unablässig wiederholt, während der konkrete rhythmische Verlauf sein Erscheinungsbild (innerhalb des gegebenen Rahmens) ständig ändert. Das dürfte sich zu Sharngadevas Zeiten genau so verhalten haben wie vor 200 Jahren oder heute. Man darf auch annehmen, dass der einzelne Trommler nicht diese Tafel im Sinn hatte, um sich abwechselnd mal hier mal da zu bedienen, sondern dass er in der Praxis 20-30 Talas verwendete, die er virtuos beherrschte. Ihn haben die Klangfarben der Mrdangam-Trommel oder des Ghatam-Tontopfes interessiert, aber die Vorstellung eines Regenbogens könnte ihm in diesem Zusammenhang ganz überflüssig erschienen sein.

Übrigens kam Josef Kuckertz bereits 1974 zu dem Fazit: Im Hinblick auf Messiaens Oiseaux exotiques könne

nur insofern von einer Übertragung aus der indischen Musik gesprochen werden, als der Komponist abstrakte Vorlagen zur Bereicherung seines ‚Grundmaterials‘ aufgenommen hat. Er verfährt mit dem fremden Gut nach eigenen Ideen und fügt es damit restlos seinem eigenen Kunstwerk ein.

Quelle Josef Kuckertz: Die klassische Musik Indiens und ihre Aufnahme in Europa im 20.Jahrhundert. Archiv für Musikwissenschaft XXXI. Jahrgang Heft 3 1974 3.Quartal Franz Steiner Verlag Wiesbaden (Seite 170 bis 184)

Symphonie-Orchester

Musik und Politik

Es kommt nicht häufig vor, dass in einer politischen Kolumne ernsthaft über „ernste“ Musik gesprochen wird. Ich kann die Journalistin Carolin Emcke gar nicht genug loben. Ja, ich habe auch gelesen, was Jan Fleischhauer gegen ihren angeblichen Betroffenheitsjournalismus geschrieben hat (Spiegel online 4. November 2014), aber es hat mich „irgendwie“ kalt gelassen. Während diese Zeilen mich mit nachhaltiger Freude erfüllen:

Und doch zeigt sich mir im Angesicht der Krisen dieses Jahres auch etwas anderes, etwas, das leiser, aber gewisser daherkommt: wie kostbar Europa ist. Früher, wenn ich von den Reisen als Reporterin aus Kriegsgebieten zurück nach Berlin kam, wurde ich oft gefragt, was sich verändert hätte: ob mir der hiesige Wohlstand befremdlich geworden sei oder die hiesigen Debatten?

Früher waren es sehr konkrete, spezifische Dinge, die mir wertvoller geworden waren: eine Heizung, die aktuelle 11 Freunde und, mehr noch als alles andere, Radio-Symphonie-Orchester. Wenn mich irgendetwas rührte, jedes Mal, wenn ich zurückkehrte aus Gaza oder dem Irak, dann dies: Dass es hier nicht nur den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, nicht nur exzellente Programme, sondern das die Sender sogar eigene Orchester unterhalten. Dass eine Gesellschaft in Musik etwas erkennen kann, das eine Notwendigkeit ist. Das war (und bleibt) unfassbar schön.

Heute ließe sich das alles immer noch sagen. Aber nun, da der Krieg nichts mehr ist, zu dem ich hinreise, nun, da Tod und Zerstörung so nahe gerückt sind, ist das Bewusstsein für das eigene Glück gleichsam umfassender: (…)

Quelle Süddeutsche Zeitung Samstag/Sonntag 20./21. Dezember 2014 (Seite 5) Europa, ein Glück Nicht alles ist perfekt in dieser Völkergemeinschaft, nur eines: Das Versprechen von Menschenrechten und Aufklärung gilt. Von Carolin Emcke.

Trotzdem bleibt ein winziges Defizit: hier sind nur die Rundfunk-Sinfonieorchester erwähnt und in einen großen Horizont einbezogen worden. Natürlich: der Ärger über die heimtückische Niederstreckung des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg bleibt unter Musikern im ganzen Land virulent. Aber in diese Kulturlandschaft, die niemals zerstört werden darf, gehören auch kleinere Einrichtungen, sagen wir: die Bergischen Symphoniker (Solingen / Remscheid) mit exquisitesten Programmen und starken Ensemble-Leistungen, die Angebote der Kölner Philharmonie, sagen wir: 3 Mozartsche Spitzenwerke an einem Abend (Hagen-Quartett 25. Februar 2015). Man muss die Filigranarbeit dieser Kammermusik kennen, um zu ermessen, was es bedeutet, dass an diesem Abend an die 2000 Menschen atemlos zuhören werden. Dafür gibt es gar keine Worte. Auch, dass es immer noch private Streichquartette im Lande gibt, die jetzt schon genau diese Stücke erarbeiten, um den Ernstfall eines solchen Konzertes dann auf höchstem Niveau – aktiv hörend – mitzuerleben.

Zurück zu einer Politik und einem Journalismus, die/der davon weiß:

Heute (…) ist das Glück gleichsam umfassender: als Europäerin geboren zu sein, mit Strukturen der Staatlichkeit, denen es nicht jeden Tag zu misstrauen gilt, mit stabilen Grenzen, die nicht jeden Tag aufgelöst und verschoben werden, mit einer Rechtsordnung, wonach einzelne Handlungen individuellen Tätern zugeschrieben gehören und nicht ganze Kollektive oder Landstriche in Geiselhaft genommen oder bestraft werden dürfen.

Quelle (wie oben)

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Protest gegen diesen Blogbeitrag (erhalten am 21.12.2014)

Heute hab ich einen Blogbeitrag von Ihnen gelesen, und es ist einer der sehr seltenen Fälle, dass ich ernsthaften Widerspruch anmelde und gar nicht einverstanden bin mit dem, was Sie schreiben. Ich halte Carolin Emcke generell für eine dieser dumpfen Edelfedern, die von nichts richtig Ahnung haben, mit ihrem selbstvergewissernden Halbwissen aber die Feuilletons vollschreiben dürfen. Was sie hier begrüßt, ist doch nur die Bauchnabelschau der bürgerlichen Mittelschicht, eine Art Pegida für Fortgeschrittene, man will etwas erhalten, von dem man einerseits keine Ahnung hat, dem man andrerseits aber eine gewisse Bedeutung zuerkennt. Wenn man von den Kriegsgebieten der Welt zurück an den heimischen Herd kommt, verschafft es einem Wohlgefühle, sich der Segnungen der Bürgerlichkeit zu bedienen, Heizung, Fußball, Mozart. Schlimm genug, aber dass dies dann noch in Stellung gebracht wird, nämlich als das „kostbare Europa“, also als gegen etwas anderes gerichtete Konstruktion (gegen „das Fremde“), das ist doch ganz furchtbar und ekelhaft! Dem würde ich kein bisschen zustimmen. Da ist Frau Emcke mit ihrem Gefasel von „unfassbar schön“ und „Völkergemeinschaft“ eben nicht nur ganz nah bei Pegida, sondern auch bei all diesen Idioten, die sich wohlig in ihre Konzertsitze zurücklehnen, wenn Mozart „läuft“, weil das ja „so schön“, „so beruhigend“ sei – während es da, um Harnoncourt zu zitieren, in dem Beginn der g-Moll-Symphonie eben nicht um Wohlgefühl, sondern gewissermaßen um Leben und Tod geht. Das ist doch das große Missverständnis des ganzen klassischen Konzertbetriebs: dass die meisten diese Musik als nette Freizeitbeschäftigung, als „Ausgleich“ für ihre harten Jobs begreifen. Während es doch eben bei den großen Werken um „alles“ geht, um das pathetisch zu sagen. Ich habe oft das Gefühl, wenn ich in der Staatsoper oder der Philharmonie sitze, dass da die falschen Leute sitzen. Leute, die nichts verstehen, und die auch nicht bereit sind, etwas zu verstehen.

Das ist z.B. beim Artemis Quartet ganz anders, oder bei den meisten Klavierabenden, oder natürlich bei Konzerten oder Opern mit zeitgenössischer Musik (oder Werken der klassischen Moderne, etwa Bergs Opern), damit kann man nicht „renommieren“; da sind viel mehr Musikliebhaber, denen es um die Werke und die Interpretation geht.

Wie Sie sagen: man muss die „Filigranarbeit dieser Kammermusik kennen“, um ihre Qualität erfassen zu können. Man muss sie also gelernt (wegen mir: kennen gelernt) haben, sonst wird man nicht viel davon verstehen (und vielleicht dennoch die Schönheit der Musik sinnlich erfassen können). Also wieder: BildungBildungBildung…

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Nachtrag 7. Mai 2016 (Nachlese)

Ich manchen Fällen kann ich mich selbst nicht mehr verstehen. Weshalb ich den einen Artikel vor anderthalb Jahren mit unzureichenden Gründen gut fand, während der andere mich „irgendwie“ kaltgelassen hat, wobei mir diese Anführungsstriche heute als Andeutung von Selbstironie besonders dürftig erscheinen. Zumindest hätte ich einen Link zum Artikel von Jan Fleischhauer setzen sollen, um eine Relativierung meiner Beurteilung leicht greifbar zu machen, auch für mich selbst. Also bitte sehr: hier!

Wenn irgendjemand sich positiv zur klassischen Musik äußert, ist das noch lange kein Grund, sich betroffen zu fühlen. Wie viele Menschen loben „die Kultur“ und „das Kulturprogramm“, fabrizieren gar selbst das „Kulturradio“  und haben keinen Begriff, wovon sie reden.

Sollen sich doch die Geister scheiden an Sätzen wie diesen:

„Poverty Porn“ heißt in den USA der Fachbegriff für einen Betroffenheitsjournalismus, der bei seinen Lesern das gute Gefühl hinterlässt, durch Lesen den Zustand der Welt verbessert zu haben. Auch für Journalisten ist diese Art der Anteilnahme relativ einträglich: Um Preise abzuräumen ist die Armutsreportage jedenfalls tausendmal geeigneter als die nüchterne Zustandsbetrachtung, die quer zu den Erwartungen des Publikums liegt.

(Jan Fleischhauer)