Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Aktuelle Zwischennotiz

Vergangenheit (Nazi?) und Gegenwart (Big Data?)

Es geht mir darum, einzelne Gesprächsthemen der Markus-Lanz-Sendung von gestern weiterzuverfolgen (Niklas Frank und Ranga Yogeshwar), das eine betrifft die Erinnerung an die eigene Familien-Situation nach dem Krieg, die andere das heutige Verhalten betr. Facebook u.ä., scheinbar harmlose Offenbarungen durch Likes (oder durch die Themenwahl in diesem Blog?). Schließlich noch Trumps explizite Lügen.

HIER

https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-26-januar-2017-100.html

Ranga Yogeshwar: ab etwa 39:00

anschließend googeln: Michal Kosinski (oder gleich hier). ZITAT ihn betreffend: 2012 ist seine Methode soweit vorangeschritten, dass er anhand von 68 Facebook-Likes vorhersagen kann, welche Hautfarbe ein Nutzer hat (95% Trefferquote), ob er/sie homosexuell ist (88%) und mit welchem politischen Lager man sympathisiert (85%). Es folgen Dutzende weitere erfolgreiche Prognosen zu Konsumverhalten, ob ein Nutzer bis zum 21. Lebensjahr bei seinen Eltern gelebt hat, Religion, Geschlecht, künstlerischen und musischen Präferenzen, Erkankungen usw.

Niklas Frank über Hans Frank: ab etwa 52:00 (?Einblendung: Bilder dürfen aus rechtl. Gründen nicht gezeigt werden?)

Über Trumps Lügen („Alternative Fakten“): Bei LANZ (a.a.O.) ab 24:05 (die Bilder, die hier aus rechtlichen Gründen jetzt nicht mehr gezeigt werden dürfen, sind unter den unten folgenden Links durchaus zu finden), zu Ranga Yogeshwars Einwänden betr. Uhrzeit (Trump-Foto „ein bisschen zu früh, um es sauber zu vergleichen“ + Einfluss des Wetters: wieviel 100.000 Menschen können denn in letzter Minute auf einen Platz strömen? Wie steht es um die Richtigkeit der Zahlen der Verkehrsbetriebe?)

a) http://www.br.de/nachrichten/trump-pressesprecher-wahrheit-100.html hier

b) https://www.youtube.com/watch?v=9AjjVMAdWm4 hier (ab 1:33:30)

c) http://www.msnbc.com/am-joy/watch/kellyanne-conway-spicer-gave-alternative-facts-860234819559 hier

***

Wie man mit Zahlen lügen kann

Am Beispiel einer Diskussion bei Maischberger (ARD 7.12.2016)

Die ganze Sendung ist bis 7.12.2017 in der ARD Mediathek abrufbar: HIER 

http://www.daserste.de/unterhaltung/talk/maischberger/videos/angst-vor-fluechtlingen-ablehnen-ausgrenzen-abschieben-102.html

Für die Abschrift in diesem Blog ist dessen Autor (JR) verantwortlich, Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen, daher ist die Vergewisserung an der Originalsendung empfehlenswert, zumal der Ton, der Nachdruck, das Mienenspiel, die Verzögerungen, die Einwürfe u.a. jeweils die verbalen Aussagen vervollständigen oder auch verharmlosen. Der Link zur BKA-Studie, die in der Diskussion behandelt wird, folgt am Ende dieses Blog-Beitrags. Warum diese Abschrift? Sie soll ermöglichen, den logischen Ablauf der Diskussion zu objektivieren, loszulösen von einem täuschend freundlichen, zuweilen fast „verliebten“ Unterton (im Namen der „correctness“) und die Frage zu klären: Wie ist der Umgang mit der Wahrheit? Wie greifen Analyse, Aufklärung, Verdunklung und Lüge ineinander?

Redende Personen in diesem Ausschnitt: Alice Weidel (AfD), Ranga Yogeshwar ( ARD-Moderator), Paul Ziemiak (CDU), Boris Palmer (Oberbürgermeister/Die Grünen), in Kürzeln: AW, RY, PZ, BP und M = Sandra Maischberger 

maischberger-screenshot-2016-12-11-07-44-30

Screenshot: Alice Weidel & Ranga Yogeshwar am 7.12.2016

(Zitate – nach Gehör notiert JR)

Ab 32:00 AW Wir haben durch die ungesteuerte Zuwanderung, haben wir ein strukturelles Problem mit Migrantenkriminalität. Es gibt einen Bericht des Bundeskriminalamtes, so, in diesem Bericht wird dargelegt, dass allein im Jahr 2015, also letztes Jahr, insgesamt 208.000 Fälle belegt sind, die von Migranten begangen wurden. Das heißt eigentlich nichts anderes (BP was für Fälle? von welcher Art?), Gewaltverbrechen …  – Verbrechen! (BP das waren 6,2 Millionen im letzten Jahr, wir haben) … so, also, lassen Sie mich bitte ausreden! (BP ich will nur die Zahl verstehen!) Ich höre Ihnen auch zu. Kriminalität… (BP ich möchte die Zahl verstehen!) … Sie haben darin Drogendelikte, Sie haben darin Körperverletzung, Sie haben Sexualdelikte dadrin, Sie haben Diebstahl dadrin, und was noch alles dazugehört. Lesen Sie doch bitte einfach mal den Bericht … (BP aber das waren 6,2 Millionen letztes … da sind 200.000 viel zu wenig!) … des Bundeskriminalamtes, ich würde das gerne aufführen, das waren 208.000 Fälle. Das heißt eigentlich: letztes Jahr, in den Monaten von Januar bis Dezember, ja, war das pro Tag 570 Fälle, und pro Stunde drei-und-zwanzig Fälle (BP aber was sagt das?), das hat eine Steigerung vom Vorjahr (BP aber wissen Sie, ich bin Mathematiker ) 2014 um 80 Prozent (BP Ich will die Zahlen nur einordnen, das sagt doch nichts, was Sie da sagen!) … Ja, eben! Also: Die Zahlen liegen doch vor, vom Bundeskriminalamt (M aber die Zahlen liegen vor, und die sind ein bisschen anders … BP Ich kann Ihnen das erklären! M Darf ich mal ganz kurz zur Versachlichung beitragen und das erstmal… AW ja gerne! M danke! – und das erstmal dazufügen, was Kriminalisten dazu sagen, das ist einmal das Bundeskriminalamt, – da ist aber auch einer, der sich ausgiebig damit beschäftigt hat, gerade mit dieser Frage: Sind Ausländer überproportional bei Straftaten – ja oder nein? )

EINSPIEL-Video [Hier nur Stichworte] 33:50 (Bild: Kölner Dom) Stimme: Übergriffe in Köln der terroranschlag im Zug nach Würzburg, der Mord in Freiburg, ist Deutschland durch den Zuzug von 1 Million Flüchtlingen tatsächlich unsicherer und krimineller geworden? 34:00 Nein, stellen die Experten einhellig fest. Die Sorge vor Einbrüchen und Diebstahl sei unbegründet.

34:40 M Ich ergänze nur noch soviel, das BKA hat ja auch ne große Studie gemacht, und das BKA sagt genau dasselbe: die Zuwanderer sind nicht krimineller in Deutschland, und sagt noch dazu: eine Million Zuwanderung des letzten Jahres hat nicht entsprechend zu einem Anstieg der Straftaten geführt – das heißt also: entweder zitieren Sie das BKA falsch oder aber (AW Nee!) das BKA lügt in diesem Fall.

alice-w-ranga-y-screenshot-2016 Alice Weidel & Ranga Yogeshwar

AW Nein, das tut es eben nicht!  Es gibt diesen Bericht des BKAs, und die Fallzahlen sind  sogar noch von 2016 angestiegen, wenn Sie  (M …widerspricht dem, was das BKA sagt) statistisch gesehen das … so sehen: Sie haben 80 Millionen, ja, Menschen, so, und Sie haben Zuwanderungen von einer Million, so, und davon begeht ein Bruchteil Straftaten, ja? so! dann führt das nicht zu einer statistisch signifikanten Anstieg der Gesamtkriminalitätsrate – darüber wird ja die ganze Zeit gesprochen – nichtsdestotrotz haben wir einen eklatanten Anstieg der Migrantenkriminalität, ja, auch vor allen in den Großstädten.

35:45 PZ …sagen sie etwas ganz Richtiges, Sie nennen ja , Sie haben einige Delikte genannt, da sagen Sie etwas Richtiges, und ziehen aber eine Schlussfolgerung, die völlig falsch ist. (AW Das tue ich überhaupt nicht!) Nämlich: wir haben tatsächlich in manchen Bereichen von der Kriminalität einen überproportionalen Anteil von Menschen, die nicht deutsche Staatsangehörige sind (AW z.B. in Berlin!), im Betäubungs…, bei der Betäubungsmittelkriminalität, bei der Einbruchskriminalität, auch bei Gewaltdelikten so, (AW hält sich teilweise…) Sekunde! (AW ja?) Sie nennen dann in einem Atemzug (M zu AW Sie wollten doch nicht unterbrechen!) gleich – und das haben Sie grad getan – dann Mord und Sexualdelikte, und dafür gibt es in keiner Statistik irgendeinen Hinweis, dass in diesem Deliktbereich es einen überproportionalen Anstieg und dann noch grade durch Flüchtlinge gibt. Und das ist einfach unseriös. (AW – beiseite: – Unglaublich!)

paul-ziemiak-screenshot-2016 Paul Ziemiak

36:35 RY Also, Sie haben die Zahlen genannt, ne?, die Zahlen stimmen. Das Interessante bei den Zahlen ist: was ist damit gemeint? Weil: die Zahl klingt ja unglaublich gewaltig, aber da sind – Leute, die einfach illegal hier sind, das steht da mit aufgeführt, da werden eine Menge von Delikten aufgeführt, die – ich sage mal – fast formell sind, die man sogar rausgenommen hat, man hat ja die Statistik – wir haben ja natürlich diese Studie alle gelesen – hat man angefangen, wirklich mal rauszuziehen, sehr differenziert geguckt, okay, wie ist es, wie ist das bezogen auf die Gruppe der Menschen, die da ist, und wenn man das alles tut, so Schritt für Schritt, ist – finde ich – das Interessante, dass die vergleichbar sind mit den Deutschen, und dass es einen Unterschied gibt, und das ist – sehr spannend, finde ich – nämlich das Profil ist nicht, dass die gewalttätiger sind, sondern dass die schlichtweg arm sind. Also: es wird mehr geklaut et cetera, was mit Armut zu tun hat (AW organisierte Kriminalität! also…) das ist n anderes Thema, das hat aber wenig mit Flüchtlingen so zu tun, also – jaja klar! -, aber … wenn man sich die Statistik anschaut, ich finde es dann einfach wichtig, dass man wirklich versucht zu verstehen: ist es so, dass es nicht diesen großen Unterschied gibt. Aber das klingt natürlich gewaltig, wenn Sie die Zahl nennen, denkt jeder, okay, soundso viel tausend Morde, Vergewaltigungen durch … (leise Frage an AW, sie beharrt und schüttelt den Kopf).

Herr Palmer, kommt man mit Zahlen weiter?

boris-palmer-screenshot-2016 Boris Palmer

BP  Ich glaube schon, die 200.000 klingen viel, und deshalb habe ich eingehakt: was ist gemeint? Das BKA hat auch 6,2 Millionen Straftaten insgesamt registriert – und dagegen – wenn ich das jetzt umrechne pro Stunde, kommt auch ne ganz furchtbare Zahl raus. An der Debatte, die wird ja immer wieder geführt, stört mich, dass beide Aussagen falsch sind: Die Aussage, die Migranten hätten die gleiche Kriminalitätsbelastung wie die Deutschen, ist falsch. Und die Aussage, die Migranten sind ganz furchtbar schlimm kriminell, ist auch falsch. (M: Was ist denn dann richtig, Herr Palmer?) Beides ist falsch. Richtig ist, wenn man statistische Korrekturfaktoren einfügt, also z.B. Alter, Geschlecht, sozialer Status, Armut, Reichtum, dann sind die Menschen, die zu uns gekommen sind, gerade so wie die Vergleichsgruppe der Deutschen. Da aber die Deutschen im Schnitt nicht gleiches Alter haben – sondern es gibt mehr junge Männer bei den Migranten, weil wir nicht das gleiche Einkommen haben, es gibt Ärmere, es gibt viel weniger Gebildete, Kriminalitätsbelastung ohne Korrekturfaktoren bei den Migranten größer. Nur, die Erklärung ist nicht das Ausländerdasein, sondern die gesellschaftliche Position, das erklärt auch, warum so viele Menschen sagen: ich versteh die Kriminalitätsstatistik nicht, da  stimmt entweder die Kriminalitätsstatistik nicht – die AfD sagt dann, das sei Lügenpresse – weil es komplexer ist – es ist ne Scheinkorrelation zwischen dem Ausländerstatus und der Kriminalitätsbelastung. Tatsache ist: ja, Ausländer sind im Schnitt krimineller, wenn man nicht die Korrekturfaktoren einfügt, aber es sind im Schnitt genau die gleichen Menschen wie wir, wenn die gleichen Einflüsse auf sie wirken, haben sie die gleichen Kriminalitätsdaten. (Mehrere Stimmen durcheinander.) Und es ist schwieriger als so ne einfache These 39:35

42:17  RY über Aggression in Flüchtlingsheimen

AW 48:25: „Wir haben ja auch eine große Binnenmigration innerhalb Europas. Gut dann reden wir jetzt einfach nicht davon…“ RY 48:28: „Luxembourg zum Beispiel! Ich bin Luxembourger.“

alice-w-ranga-y-screenshot-48-26-2016 48:25alice-w-ranga-y-lux-screenshot-2016 48:28

Bericht über BKA-Bericht in der „Welt“ HIER (beginnt mit Reklame)

Direkt zum BKA-Bericht (pdf) „Kriminalität im Kontext“ HIER

bka-bericht-anfang-screenshotBKA-Bericht Seite 7 (Achtung: diese Tabelle allein genügt nicht zur Urteilsbildung! Siehe Link davor zu „Kriminalität im Kontext“ und den hier folgenden Link!)

Allgemeine DATEN zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland HIER

Nachtrag 2. Mai 2017

Pressemitteilung vom 24.04. 2017  Po­li­zei­li­che Kri­mi­nal­sta­tis­tik und Fall­zah­len Po­li­tisch Mo­ti­vier­te Kri­mi­na­li­tät 2016 vor­ge­stellt HIER

Trump und die Zukunft

Erkenntnisgewinn aus der furchtbaren Wahl

Ja, es ist weiß Gott schon genug geschrieben worden über dieses Thema, da muss ich nicht ein zweites Mal nachhalten. Ich tue es nur im eigenen Interesse, nämlich um einen beeindruckenden Artikel zu verinnerlichen: bald wird er zwar im Internet nachlesbar sein, aber wer weiß, ob dann die Bereitschaft, Historisches zu exzerpieren, nicht wieder durch Musikthemen verdrängt ist. Also: der Autor ist möglicherweise kein ausgewiesener Musiker, jedoch außerordentlich vielseitiger Feuilleton-Chefredakteur der ZEIT, Thomas Assheuer. Autorität ist er aber nicht so sehr durch diese Tatsache, sondern weil er große Zusammenhänge erfasst und plastisch darstellen kann. Ich beschränke mich darauf, Kernsätze zu sammeln, im Vertrauen darauf, dass sich der Zusammenhang wieder „von selbst“ einstellt. Die Internetquelle wird folgen, sobald sie erreichbar ist, einstweilen hilft die aktuelle Ausgabe der ZEIT, – wieder einmal ein Artikel, der allein den Preis des ganzen Blattes wert ist. Insbesondere bin ich froh, dass am Ende der Bogen zu Max Weber geschlagen wird, dessen Werk immer wieder eine Rekapitulation verdient. Auch in dieser Richtung will ich Lese-Motive zusammenstellen. Vorweg aber ein schnell geschossenes Handy-Motiv, als Dank beim Abschied im November, keine Kunst, einfach weil es mich an schöne warme Sommerabende auf der jetzt verwaisten Terrasse erinnert, unser Refugium zwischen Solingen und Haan. (Nur für den Fall, dass man mir vorhält, die regelmäßig rettende Muße nur mit Lippenbekenntnissen zu bedenken. Siehe dazu das „Nebenergebnis“ hier.)

heidberger-muehle-a  heidberger-muehle-b November 2016

(Zitat-Auswahl folgt)

Natürlich muss man fragen, welchen Grad an soziomoralischer Zerrüttung eine Gesellschaft erreicht hat, die knapp drei Jahrzehnte nach ihrem Sieg über den Kommunismus einen klassischen Spekulanten zum Präsidenten wählt. Tatsächlich konnte Trumps Revolte nur erfolg haben, weil er zum Putsch aufrief und die rebellischen Energien einer gespaltenen Gesellschaft auf seine Mühlen lenkte. Trump betrieb Ideologiekritik von rechts und traf damit einen Nerv. Er hämmerte dem Wahlvolk ein, die liberale Kultur mit ihrem gottverdammten Kosmopolitismus, mit diversity und Multikulti-Aroma sei nichts anderes als die Ideologie einer politischen Klasse, die die hart schuftenden Arbeiter um ihren gerechten Anteil betrüge. Die herrschende Moral sei die Moral der Herrschenden – die Moral der vaterlandslosen Globalisten, die ihre eigenen Kinder in Privatschulen in Sicherheit bringen, die Wasser predigen und Wein trinken.

***

Es gibt eine neue Konvergenz der Systeme, nämlich eine Konvergenz der Autoritären. Trump fühlt sich Putin nah, und wer weiß, wen er noch so alles bewundert. Denn bei allen Unterschieden verkörpern Trump wie Putin einen neuen Politikertyp, der mit identischem Profil auf die Anarchie der Weltgesellschaft reagiert mit einer toxischen Mischung aus Größen- und Verfolgungswahn. Nachdem die Globalisierung eine Raumrevolution ausgelöst und Grenzen durchlöchert hat, setzen die neuen Autoritären auf den geschlossenen Maßnahmestaat, während sie gleichzeitig eng mit dem Weltmarkt verbunden bleiben.

***

(…) Der neue Typ des Autoritären weiß, dass es allein auf a few dollars more nicht ankommt. Deshalb verspricht er nicht nur Arbeitsplätze (Trump: „Ein Anruf bei Ford Mexico, und die Autos werden wieder bei uns gebaut); er verspricht ein Mehr an Leben, eine existenzielle Intensität jenseits des neoliberalen „Tugendterrors“, der den Leuten einbläut, sie sollen sich gefälligst wettbewerbsfähig halten, mit dem Rauchen aufhören und nicht so fett werden. In Trumps Schmährhetorik verkörpern Liberale wie Hillary Clinton das leblose leben, das sich mit kitschigen Phrasen („hope“) auf eine Zukunft vertröstet, die sowieso nicht kommt.

Mit diesem reaktionären Vitalismus stößt die Neue Rechte in das liberale Sinnvakuum vor und verspricht dem „Volk“ ein Leben, das mehr ist als die Vermeidung von Fehlanreizen, mehr als Investment, mehr als „Werde schlau, dann kannst du es schaffen“ – und mehr als Sozialpolitik sowieso. Rechte Politik ist aktive Schizophrenie. Sie intensiviert den Konkurrenzkapitalismus und verspricht gleichzeitig die Erlösung von seinen Zwängen, und das nicht erst morgen, sondern schon heute. Deshalb erlaubt sie das obszöne Genießen, sie gewährt den kurzen bewachten Ausstieg aus dem gesellschaftlichen Rattenrennen, die kalkulierte Übertretung – wenngleich nur so lange, wie es nicht politisch und gefährlich ist, denn sonst kommt, leider, leider, der Große Bruder und schaut nach dem Rechten.

***

Selbst wenn Amerika unter Trump als treibende ordnungsstiftende Kraft ausfällt: Die einmal errungene Freiheit vergisst sich nicht, sie kommt wieder, sie kann nicht anders. Bis dahin könnte Europa der Welt vormachen, wie man den Kapitalismus zähmt und auf diese Weise den Rechten das Wasser abgräbt. Oder, um Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen: „Will man jetzt über Amerika hinausschicken, so kann es nur nach Europa sein.“

***

Der Soziologe Max Weber hat in seiner Protestantischen Ethik bereits 1904 durchgespielt, was es bedeutet, wenn der Amerikanische Traum als Perversion in Erfüllung geht und sich der kapitalistische Markt ohne Rest in eine kapitalistische Kultur verwandelt: Die „äußeren Güter dieser Welt“ werden eine „unentrinnbare Macht über den Menschen gewonnen“ haben. Der kulturelle Geist der Geschichte ist „aus diesem Gehäuse gewichen, der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf dieser Stütze nicht mehr. Auch die rosige Stimmung ihrer lachenden Erbin: der Aufklärung, scheint endgültig im Verbleichen. (…) Auf dem Gebiet seiner höchsten Entfesselung, in den Vereinigten Staaten, neigt das seines religiös-ethischen Sinnes entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen Leidenschaften zu assoziieren.“ Dann allerdings könnte für die „letzten Menschen“ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Das war Max Weber Antwort auf Hegels Spekulation über den Gang des Weltgeistes. In Amerika kommt er zur Ruhe, aber nicht in Gestalt von Vernunft und Freiheit, sondern in Gestalt von Zwang und Ökonomie. Doch wie gesagt: Wer glaubt schon an den Weltgeist.

Quelle DIE ZEIT 17. November 2016 Seite 45 Der Dealer als Leader Wenn Donald Trump wahr macht, was er seinen Wählern versprochen hat, dann endet der Liberalismus dort, wo er begonnen hat: In Amerika. Von Thomas Assheuer.

Empfehlung

Es kann nicht ganz falsch sein, jetzt einmal bei Max Weber selbst nachzulesen. Eine der empfehlenswertesten Arbeiten des vergangenen Jahrhunderts: Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus [1904/05; 1920] als pdf  HIER abrufbar. Vielleicht eine drucktechnisch fragwürdige Wiedergabe. Zu vergleichen mit einer anderen Version HIER. (Assheuers Zitat findet sich hier auf den Seiten 83/84.) Aber auch diese Wiedergabe enthält unangenehme, übertragungstechnisch bedingte Druckfehler, z.B. „assozüeren“ statt assoziieren, „Aufsaties“ statt Aufsatzes u.ä.

NEIN, der beste Weg per Internet: über Wikipedia HIER – schon um eine inhaltliche Vorstellung zu bekommen -, dann zum Volltext über die dort am Ende angegebenen Weblinks.

Neues über Trump

Im Tagesspiegel ein Interview mit seinem Biographen David Cay Johnston HIER !

Noch einmal zu Max Weber

Wenn man es ganz genau wissen will, geht man an die Quellen:

max-weber-cd-rom max-weber-rueck

karsten-worms-quelle-a

Oder auch an den sehr gründlichen Sekundärtext „Max Weber Handbuch / Leben – Werk – Wirkung / Herausgegeben von Hans-Peter Müller und Steffen Sigmund WBG : Seite 105 zum Stichwort „Protestantismus, asketischer“; Seite 245 bis 255 Zu „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904-05; 1920)“. Darin unter Fazit (Seite 255):

Die Protestantische Ethik ist entschieden nicht nur eine historische Abhandlung, die eine begrenzte These entfaltet. Sie ist vielmehr eine Summa, ein Ausdruck von Webers Ansichten zu praktisch allen Themen, die ihn interessierten. (…) Wenn wir uns also fragen, von welcher Bedeutung die Protestantische Ethik für das zeitgenössische Denken ist, dann muss die Antwort so lauten, wie Weber diese Arbeit konzipierte und ihre Leser sie kollektiv rezipieren: als offen und praktisch grenzenlos.

max-weber-handbuch max-weber-handbuch-inhalt

Das Böse

Ist das Böse einfach nur Gewalt?

Es interessiert mich, fast so lange ich denken kann. Wer darf mich schlagen, mich körperlich oder psychisch tangieren, wen darf ich bestrafen? Wer muss tun, was ich verlange? Wer ist der Stärkste an der Schule? Weshalb haben sich mir bestimmte Demütigungen eingeprägt, wie oft hat meine Mutter den Gang nach Canossa erwähnt? Welcher Held war es, der einem unterlegenen Schurken mit Verachtung (!) das Leben nahm oder (noch überheblicher) schenkte. Urszenen aller Art. Habe ich wirklich als Kind in aller Unschuld Fliegen die Flügel ausgerissen, um sie in Käfer zu verwandeln? Maikäfer jedoch (wie mein Bruder) kunstvoll geköpft? Tiergeschichten bis hin zum Dschungelbuch hatten immer mit Macht zu tun, natürlich auch die Abbildung im Schmeil, zu der ich mir Geschichten ausdachte. Die Liebe zu „meiner“ Katze war mit Erinnerung an die erste Szene aus „Nils Holgerssohn“ getränkt. Die Umkehrung der Machtverhältnisse, als der Junge plötzlich winzig und die Katze riesengroß war. Eine Schlüsselfunktion in allen Bereichen der moralischen Differenzierung hatte die fatal selbsttätige Phantasie. Dann Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“. All dies war gegenwärtig, als ich gestern nichtsahnend in die Sendung mit Markus Lanz hineinschlitterte. Ich werde ein paar Bücher einstreuen, nicht alle habe ich gründlich gelesen, manche aber wie eine Bibel.

aggression-b  plack-das-boese 1971

In der ZDF-Sendung Markus Lanz am 16. November war u.a. der Kriminalpsychologe Dr. Thomas Müller zu Gast. Hier folgt eine Nachschrift des Gesprächs (Ausschnitte), die Fragen oder Zwischenbemerkungen von Markus Lanz stehen in Klammern.

Ab 9:00 [Über das Verbrechen von Höxter]

(Herr Müller, wenn man die beiden so sieht vor Gericht, man stellt sich Menschen, die so etwas tun, anders vor. Ist das etwas, mit dem Sie häufig konfrontiert sind, haben wir ne falsche Vorstellung davon, wie jemand, der tatsächlich böse ist, wie der auszusehen hat?)

Wie stellen Sie sich denn böse Menschen vor ? (Das ist die Frage!)

feuerbach-a feuerbach-b 1965

Man stellt sich vor, dass man ein Gefühl dafür hat und fragt sich wie kann das sein dass Frauen, die aus der ganzen Bundesrepublik kamen, sogar in Tschechien sind ja ganze Anzeigen geschaltet worden, um Frauen in dieses Haus nach Höxter zu kriegen, dass man ein Gefühl dafür hat, dass irgendetwas in diesem Haus nicht stimmt. Aber offenbar war ja das Gegenteil der Fall.

Wissen Sie, ich hab in meiner beruflichen Karriere keine zwei Sätze öfters gehört wie die folgenden: wenn ein komplexes Verbrechen aufgeklärt wird wie jetzt z.B. in Höxter, und die Medien oder der Staatsanwalt präsentieren dann einen Tatverdächtigen, dann gibt’s genügend Menschen, die sagen: „Aber doch nicht der! Das war der liebe nette Nachbar, der hat mit den Kindern gespielt und hat mir geholfen das Dach reparieren, und je nach Komplexität des Verbrechens dauert es 30, 40, 50 Stunden, und dann gibt’s plötzlich genügend viele Menschen, die sagen, der war immer schon irgendwie komisch. Aber was sagt uns denn dieser allgemeine Wandel? Dass wir vollkommen unfähig sind festzustellen, was wir jemand zutrauen und was nicht. Und ich hab mit sehr sehr viel Menschen gesprochen, die hochkomplexe Verbrechen begangen haben, Serienvergewaltiger, Serienmörder und mit Bombenbauern, ich hab keinen einzigen getroffen, der gelbe Augen gehabt hat. Oder mit den Fingernägeln am Boden dahingekratzt…. Aber Sie dürfen das jetzt bitte nicht falsch verstehen, – diese Menschen schauen so aus wie Sie oder ich. (Hmhm.)

Das was sie (genau!) antreibt, das ist der große Unterschied… (genau: dieser Sadismus, diese … wie beschreibt eigentlich der Psychologe Sadismus, was ist das in Ihrer Definition? Wir haben ja nur so ne vage Vorstellung davon.)

Nun da gibt es leider Gottes eine falsche Definition, die sehr gängig ist, dass man sagt, der sexuelle Sadist bezieht aus dem Quälen des Opfers eine Befriedigung, eine sexuelle Befriedigung. Und das geht aber nen Schritt weiter: er bezieht die Befriedigung aus der Reaktion des Opfers auf das Quälen. Das heißt, das Quälen, torture, wie die Amerikaner sagen, ist eigentlich nur Mittel zum Zweck, d.h. verstorbene Opfer sind eigentlich für einen Sadisten völlig wertlos, und deswegen verwenden sie sehr viel Anstrengungen und die gesamte Intelligenz, um die Opfer so gut wie möglich zu verbergen, zu vergraben, zu verstecken, so dass man sie nie mehr findet. Aber das was sie antreibt, sind diese dunklen Phantasien. Sie müssen sich diese Menschen ein bisschen plastisch, wenn Sie gestatten, so vorstellen, als ob die ein Riesen Schwarzes Loch hätten und sie versuchen jetzt andere Menschen zu manipuieren, sie versuchen zu antizipieren, wie sie ihnen Schmerzen zufügen kann, dass sie drauf reagieren können, dass sie irgendeine Reaktion von denen bekommen in der Hoffnung, dass dieses schwarze Loch irgendwie sich füllt, hilft aber nichts, es wird immer größer.

marcuse 1971

(Hmhm. Welche Rolle spielt Sexualität dabei?)

Eine sehr sehr große. Natürlich gibt’s auch sadistische Menschen, die abgesehen von der Sexualität etwas ah … sadistische Tendenzen haben, aber die Sexualität und eben die sadistische Rolle in der Sexualität ist eine sehr große, insbesondere dann, wenn es zu schwerwiegenden Straftaten kommt. Also Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir eigentlich … die Basis dafür, – und das wissen wir heute, dass Kinder, denen in früher Zeit in ein außergewöhnlich dramatisches Erlebnis hineinkommen, gibt ihnen die Mutter Natur eine Möglichkeit, um mit diesen schwierigen Situationen umzugehen, das ist die Phantasie. Wenn ich die Augen zumache – die Dunkelheit ist der Freund der Phantasie, da kann ich mit außergewöhnlichen Momenten, mit denen ich nicht zupass komme, mit denen kann ich umgehen. Wenn ich … In der Phantasie kann ich Kampfmaschinen kreieren, ich bin plötzlich mächtig, ich hab Gewaltphantasien oder sowas. und wenn die Mutter Natur nun Sexualhormone über die jungen Körper drüberschüttet, im 12, 13, 14ten Lebensjahr, Tendenz sinkend, dann verbinden sich Gewaltphantasien mit Sexualität, und Sie haben die Basis für jedes Sexualverbrechen. Und es kann Vergewaltigung sein, es kann aber auch soweit gehen, dass die Menschen tatsächlich so konditioniert sind, dass sie sagen: ich brauch den Widerstand des anderen, ich brauch die Qual, ich brauch das Mittel, das Mittel zum Zweck, wie der andere darauf reagiert, damit ich … Befriedigung krieg. Es sind eigentlich sehr kalte Menschen.

grausamkeit gewalt 1988 / 2013

(Hm… das heißt, da ist eine Tat, die wahrscheinlich über Jahre in der Phantasie schon immer wieder begangen wird, die genau und minutiös geplant ist, und das einzige, was zufällig ist, ist das Opfer, das dummerweise gerade in dem Moment verfügbar ist.)

Es ist bei diesen Menschen alles geplant! Was sie sagen, wie sie ihre Bunker bauen, welche Gegenstände sie verwenden, wie sie sich selber präsentieren oder sonst irgendwas. Bis auf eine Sache: das Opfer, das ist in der Regel zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Und dieser Planungsgrad, dieser enorme Planungsgrad, so wie Sie sagen: es wacht niemand in der Frühe auf und sagt: jetzt mache ich ein Tötungsdelikt und geht am Abend ins Bett und sagt: Nein, es war heut ein schlechter Tag, ich machs ich nicht mehr wieder. Sondern gerade bei sexuellen Tötungsdelikten war das ein Prozess, ein progredienter Prozess, der über Jahre hinweggeht, und ich kann mich erinnern, ich hab einmal jemand interviewt, der einige Frauen vergewaltigt hat und zum Schluss zwei umgebracht hat, und der hat gesagt: Meine sexuellen Phantasien sind wie ein Schloss mit tausend Räumen und jeden Tag kommen zehn neue dazu. Also diese Menschen fangen in der Frühe schon drüber phantasieren an, was sie noch machen können, und am Abend hören sie auf. Manchmal hab ich (..?..), Sie träumen sogar noch davon, wie sie diese Phantasien ausbauen können.

(14:20 Herr Fenneker, zurück nach Höxter …. was hat das mit der Stadt und den Menschen dort gemacht?) „Nachbarn“? 16:00 bis 18:50 Zwischen Höxter und dem Säuremord in Hamburg gibt es durchaus Parallelen, inwiefern?)

Müller: Planungsgrad. Man kann davon ausgehen, dass Täter, die eigentlich ein Verbrechen begehen, Kernentscheidungen treffen, bevor sie überhaupt an das Opfer denken. 19:00

27:33 Dr. Thomas Müller interviewte den Mörder Lutz Reinstrom mehrfach im Gefängnis.

(Herr Müller, Sie haben den Mann dreimal im Gefängnis getroffen, wie haben Sie diese Begegnungen in Erinnerung. Das erste Mal, das erste Gespräch.) 27:27

Zunächst einmal ein Satz dazu. Warum geht ein Kriminalpsychologe überhaupt ins Gefangenenhaus? Wir ermitteln ja nicht, wir klagen nicht an, sondern unsere Aufgabe ist es für die Organe der Strafrechtspflege die Staatsanwaltschaft, die Kollegen der Kriminalpolizei, ein zusätzliches Hilfsmittel zu sein,Verhalten zu beurteilen. Sie dürfen nicht vergessen, wir beurteilen immer Menschen, die wir noch nie gesehen haben, nur aufgrund der Entscheidungen, die sie in einem Verbrechen begangen haben, warum sie wie Kontrolle aufgenommen haben, warum sie die Opfer längere Zeit behalten haben, wie sie sie behandelt haben. Und um das zu lernen, können wir ja nicht in die Universitäten laufen, es gibt auch keine Bücher darüber, sondern – und das dürfen Sie jetzt nicht falsch verstehen – unsere Experten sitzen in den Hochsicherheitsgefängnissen.

(Jack Unterweger, auch berüchtigter Serienmörder in Österreich sehr bekannt, der Sie manipuliert hat, indem er Sie einfach 25 Minuten … oder 2 Stunden … die Zeit weiß ich nicht mehr…, der hat Sie warten lassen. Und Sie sind dann rein und haben dann so getan, als wär Ihnen das gar nicht aufgefallen, dass der 2 Stunden zu spät kommt.) Fortsetzung?

32:10 Markus Lanz: So hart das auch ist, – das Böse hat auch eine Faszination, und das erlebt man auch grade wieder, wenn man Ihnen zuhört. 32:17

Quelle des Textes: ZDF-Sendung Markus Lanz 16. November 2016 

foucault  safranski-boese 1977 / 1999

De Sade in bester Gesellschaft („das Böse hat auch eine Faszination“):

safranski-de-sade Safranski: „Das Böse“

Man gehört nicht automatisch zu den Guten, wenn man Gewaltdarstellungen vermeidet, also: virtuelle Erfahrungen mit dem Phänomen Gewalt ausspart. Sie gehört zur Realität, ob wir das in Ordnung finden oder nicht. Es ist nicht leicht, das Buch „Überwachen und Strafen / Die Geburt des Gefängnisses“ von Michel Foucault zu lesen, das mit einem mehrseitigen Augenzeugenbericht über die Vierteilung eines Menschen beginnt. Oder das Kapitel „Abenteuergeschichten“ in dem Buch „Soldaten / Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer, Berichte, in denen das Wort „töten“ nie vorkommt, obwohl es sich gerade darum handelt, – jedoch immer wieder die Bemerkung „das hat Spaß gemacht“.

***

Ist auf dem folgenden Bild das Böse dargestellt, oder (nach realen Motiven der Folterpraxis) eine Phantasie des Bösen, die verwandte Phantasien bedienen soll? (Es stammt von einem unbekannten Meister aus einem spanischen Kloster des frühen 16. Jahrhunderts.)

hoelle

Dank an B.S. für diese Entdeckung, für einen schönen Artikel über Leonard Cohen und für Lou Reeds „ROCKnROLL ANIMAL“.

Hinweis (DIE ZEIT 17. November 2016 Dossier Seite 16) betr. USA:

Blutigen Dramen von Shakespeare und anderen Werken der Weltliteratur werden neuerdings Warnungen beigelegt: Diese Schrift könne Menschen verstören, die in ihrem Leben Gewalterfahrungen machen mussten.

Und es gibt noch etwas Passendes zum Thema: Hier. (Obama, Buchenwald).

Siehe auch in diesem Blog zum gleichen Thema HIER. (Das Böse).

Strömende Massen

Verteilung der Individuen im Raum

Es ist jedem schon mal aufgefallen, so auch mir: wir setzen uns in einem Restaurant mit vielen freien Tischen selten beliebig: das Fenster spielt eine Rolle, der Ausblick natürlich, aber auch der Abstand zum nächsten Gast. Wir setzen uns nicht unmittelbar neben einen besetzten Tisch, sondern lassen möglichst den allernächsten oder mehrere aus. Wenn der Ausblick unerheblich ist, verteilen sich die Gäste auf die übrigen Tische des Raumes unbewusst nach einem Prinzip der Symmetrie. Ebenso in einem Eisenbahnabteil, einem Wartesaal oder in einem Konzertsaal mit freier Platzwahl: wenn die meisten Plätze frei sind, setzen wir uns nicht eng neben oder hinter einen besetzten Platz (das wird als aufdringlich gewertet), sondern gern im lockeren Abstand oder auf der diagonal entgegengesetzten Reihe. Ein Film von der allmählichen Besetzung der Sitze würde wahrscheinlich wechselnde, aber schöne Muster erkennen lassen. Jeder Zwischenstand ist auf Dauer ausgerichtet. Es ist interessant, dass es eine besondere Forschungsrichtung gibt, die sich mit den Bewegungsmustern von Individuen und Gruppen beschäftigt, die sich über einen Platz bewegen: z.B. HIER. [ https://idw-online.de/de/news663115 ]

Es spielt aber vermutlich eine wichtige Rolle, ob es um die Verteilung auf Ruheplätze geht oder um eine Fortbewegung in unterschiedlicher Richtung oder in eine gemeinsame Richtung.

Ich lese:

„Das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation beschäftigt sich mit der gesamten Vielfalt dynamischer Phänomene, Strukturbildung und Selbstorganisation: von den Wirbeln in turbulenten Strömungen über Netzwerke von Nervenzellen im Gehirn bis hin zu granularer Materie und komplexen Flüssigkeiten. Obwohl sich diese Systeme unterschiedlichen Fachrichtungen zuordnen lassen, folgen sie ähnlichen Gesetzmäßigkeiten und lassen sich mit ähnlichen Methoden beschreiben und erforschen.“

Quelle siehe auf der Web-Seite HIER. Vergleiche dort auch Chaos-Theorie (Artikel über Theo Geisel).

Man vergleiche auch die Untersuchungen von Strömungsverläufen und die Beschreibung des Schwarmverhaltens HIER. Siehe an dieser Stelle auch unter den weiterführenden Begriffen wie Gruppendynamik, Herdenverhalten, Kollektive Intelligenz.

Suzanne

Warum ich heute Leonard Cohen höre

Nicht weil er gestorben ist und ich Trauerarbeit leisten muss. Ich habe ihn ja mein Leben lang nicht beachtet. Nein, es ist banaler: mich interessiert immer, wenn Nicht-Musiker über Musik reden und mehr oder weniger ein Bekenntnis ablegen. Ich versuche, ob ich das nachempfinden kann, und es funktioniert recht oft. Ich nehme dann etwas wahr, was mir vorher nicht bemerkenswert erschien. „Aha, so also bewegt sich ein Lied in das Gehirn und setzt sich fest…“ (Eigentlich müssten die alten LPs wieder knistern, was bei mir aber keinen Sinn hätte.)

Eine ganze Wochenendseite der Süddeutschen für Leonard Cohen, ein großer Beitrag von Kurt Kister, ein kleinerer, mehr auf die Stadt Montreal bezogen, von Thomas Steinfeld. Und beide Artikel kann man im Internet nachlesen (s.u., unter dem Video), und sie sind durchaus von der professionellen Sicht und vom politischen Standort der beiden Journalisten geprägt. Kurt Kister:

Es geht nun, mit Verlaub und der Bitte um Entschuldigung für diesen Ausdruck, eine Scheißwoche zu Ende. Ein Klotzkopf, der in nichts für das steht, was Leonard Cohen war, wird US-Präsident, und Leonard Cohen ist gestorben. Heute Abend möge jeder, der noch einen Plattenspieler hat, die alte „Songs of Leonard Cohen“ auflegen, ja, genau die, die so knistert (streamen ist als schlechter Ersatz erlaubt). Der erste Song auf der A-Seite ist „Suzanne“, tausend Mal gehört. Die letzten Zeilen lauten: And you want to travel with her, and you want to travel blind, and you know that you can trust her, for she’s touched your perfect body with her mind.

So war es. Leonard Cohen hat viele von uns mit seinem Geist berührt. Es ist Zeit zu trauern.

Quelle Süddeutsche Zeitung 12./13. November 2016 Seite 15 Ein Licht erlischt Der Songwriter und Dichter Leonard Cohen ist gestorben, der wie kaum ein anderer die dunklen Seiten der Seele strahlen lassen konnte, ohne die Liebe aus dem Blick zu verlieren. Von Kurt Kister. /   Das Heilige und das Gebrochene Leonard Cohen und Montreal: Eine Stadt, die in seinem gesamten Werk gegenwärtig ist. Von Thomas Steinfeld.

Und in beiden Artikeln spielt „Suzanne“ eine besondere Rolle, kurz: die Liebe. Ich lese den Text hier und finde die zitierten Zeilen wieder. Sogar auf deutsch, wenn ich will. Ich höre das Lied auf youtube (s.u.) und registriere, dass er hier und dort andere Worte verwendet. Macht nichts. Die kritischen Ausgaben werden kommen, auch wenn kein Nobel-Preis nachgeholfen hat.

Hier klicken, wenn man beim Hören des Liedes (und der Ansage bis 0:55!) zurückkehren und weiterlesen möchte. Sonst folgenden Zugang wählen:

Kurt Kister also sagt dies: hier.
Thomas Steinfeld sagt das: hier.

Ich finde es gut, dass all dies gesagt wird, und ich werde noch andere Lieder hören.

„Man hat nie einen Sänger erlebt, der in so großer Würde alt geworden ist“. (Kister)

„In dieser Zeit (…) muss Montreal für junge Intellektuelle eine Stadt von grenzenloser Offenheit gewesen sein. Das Blasphemische und wohl auch das Obszöne, das zum Beispiel dem Text der Hymne „Hallelujah“ zueignet (siehe dazu Allan Lights Buch: „The Holy or the Broken“, New York 2012), entsteht aus diesem Zusammenhang, der sich oft in den Werken Leonard Cohens findet.“  (Steinfeld)

Für einen Moment dachte ich an ein anderes Buch („Das Rohe und das Gekochte“ von Lévi-Strauss) und als ich keinen Zusammenhang fand, blieb ich lieber beim Thema. Also: „Hallelujah“. Text hier, Übersetzung hier.

Und dann die Musik. Würde ich dafür ein Buch lesen? Vielleicht. Oder doch nicht.

(Achtung: Werbung am Anfang.) HIER (im Extrafenster) oder wie folgt:

Was mir Freund Berthold kürzlich (13.11.16) zum Thema schrieb:

Es bleibt das, was wir immer wieder festgestellt haben, wenn wir uns über Popmusik unterhalten haben – mit musikalischen Mitteln ist diese Musik nicht festzunageln (wobei man Cohen immerhin für den Einzug des Dreiertaktes in die Popmusik verantwortlich machen kann, wo sonst ja alles im Vierer- bzw. Zweiertakt ist – alles! auch eine Schwäche des Jazz übrigens, aber davon spricht kaum jemand). Denn rein musikalisch gesehen taugt sie natürlich nichts, die Melodien sind sehr simpel (nun, das kann man manchmal auch bei Mozart oder Beethoven feststellen), die Harmonik ist langweilig, die Rhythmik ebenso. Das, was sie für so viele Menschen interessant macht, ist ihr zeitkultureller Wert.
Dylan oder Cohen haben ja, jeder auf seine Weise, Hymnen komponiert, die viele (meist junge) Menschen sofort nachvollziehen konnten. Die ein Lebensgefühl deutlich machten (und die, würde ich aus heutiger Warte ergänzen, nicht die Mühe machten, sich erst aufwendig mit ihnen beschäftigen zu müssen, wie bei der ernsten Musik eben notwendig ist). Man könnte übrigens auch sagen, daß die Melancholie Cohens, die uns Jüngere in den 1970ern so gefangen nahm, nicht nur mit sowieso vorhandener pubertärer Daseinstraurigkeit zu tun hatte, sondern auch etwas mit unserer Traurigkeit angesichts der Verhältnisse – denn das war ja politisch die „bleierne Zeit“.
Das ist übrigens ein Unterschied zu einem Großteil zeitgenössischer Popmusik, in der es eigentlich nur noch um sinnlose Unterhaltung geht, also nicht einmal mehr das Zeitgenössische, das Lebensgefühl, die Hymnen vorkommen (Ausnahme: US-amerikanischer oder auch afrikanischer HipHop, jedenfalls seine besten Teile, und da wird’s ja auch musikalisch interessanter…).
Ich wills mir nicht einfach machen, aber es ist klar, daß die gesellschaftliche Entwicklung, die der kapitalistische Realismus/Neoliberalismus benötigt, um sich durchzusetzen (z.B. mangelhafte Bildung – es ist einfach so, daß Menschen, je klüger sie sind, desto kritischer werden), eben auch kulturell verheerende Folgen hat.
Dummheit und Konsumismus, alles nur noch dumpfe Unterhaltung. Nur dort, wo es noch um etwas geht,
– (für die Afroamerikaner etwa, die in den USA eben nicht nur marginalisiert sind wie die weißen Arbeiter, sondern auf den Straßen um ihr Leben besorgt sein müssen – lies das todtraurige und aufwühlende „Zwischen mir und der Welt“ von Te-Nehisi Coates, eine der besten Zustandsbeschreibungen der USA unserer Tage) -,
ist die Musik noch nonkonsumistisch und steht für etwas ein. Und es ist ja auch interessant, daß einige junge HipHoper sich der Musikindustrie komplett verweigern und ihre Alben einfach im Netz veröffentlichen (Chance The Rapper z.B.), weil sie um das Problem der Kulturindustrie aus eigener Anschauung (und ohne Adorno gelesen zu haben) wissen.
.
.

***

Danke, Berthold!

Zur Ergänzung:

Te-Nehisi Coates  :  „Zwischen mir und der Welt“ siehe Perlentaucher HIER
20 Seiten Leseprobe im Perlentaucher-Link zum Hanser-Verlag beachten!!!
Chance The Rapper und über ihn hier.
.
.
***

Nachtrag 17. November 2016

Erstens muss man heute den Nachruf auf Leonard Cohen in der ZEIT lesen.

Zweitens den Artikel von Gert Heidenreich im Netz-Magazin Faust-Kultur (s.u.). Ich zitiere nur die wunderbaren Zeilen über die hypnotische Wirkung des Plattentellers damals: Ich habe es nicht mit der Cohen-LP erlebt, aber mit anderen. Genau so war es, aber ich hätte es nicht beschreiben können. Erst ab jetzt:

Vielleicht ist das heute gar nicht mehr vorstellbar: Dieses Ritual, wenn man mit einer neuen LP nachhause kam, sie aus der äußeren Hülle nahm, dann vorsichtig aus dem Papierhemdchen zog, sich über ihren schwarzen Glanz freute und sie an den Enden ihres Äquators zwischen den Mittelfingerspitzen in Balance haltend auf den Plattenteller legte, den Tonarm vorsichtig über die Fangrillen am Rand hob und absenkte. Der dumpfe, knackende Laut, mit dem der Saphir in die Spur rutschte, war Auftakt zu einem seltsamen Vorgang: Wie behext starrte man auf die sich drehende Scheibe, als könne man nicht begreifen, wie dieses Karussell der Töne funktioniert. Dabei wusste es jeder … Doch besonders, wenn man allein war und die Musik gefiel oder sogar begeisterte, war es schwer, den Blick vom Plattenteller zu lösen und sich frei zu machen von dieser Klangspirale, die irgend etwas gemein haben muss mit Kaminfeuer, Meereswogen und Sonnenuntergängen, die man ja auch zur Genüge kennt und doch immer wieder unverwandt betrachtet.
Und da sang er nun. Sang von Suzanne. Suzanne takes you down to her place near the river… Sang davon, dass Jesus ein Seemann gewesen sei, als er übers Wasser ging … Sang von dem Fremden, dem Spieler, der trotz der Liebe einer Frau immer wieder aufbrechen und weiterziehen muss …

Gert Heidenreich in Faust-Kultur HIER.

Gewaltenteilung

Ein Trampelpfad wird Autobahn. Und ist kürzer als man denkt. 

Das Entsetzen ist groß. Kann das Prinzip der Demokratie am Ende auch das Ende der Demokratie bedeuten? Ein paar hilfreiche Gedankengänge, – so schnell ist Polen nicht verloren. (Aber es geht nicht mehr um Polen. Das ist alles…)

Mein Trost ist mit Kosten verbunden. (Das Buch – s.u. – ist schon so gut wie bestellt…)

Quelle: DIE ZEIT 10. November 2016 Seite 1 und Seite 60: „OH MY GOD!“ und „Das Volk soll bitte alles genehmigen“.

Es hilft nichts: Angesichts der Verheerung müssen wir uns das Beben schönreden, obwohl man dabei viel Fantasie aufbringen muss. Denn dieser Mann, der die Republikanische Partei gekapert hat, meint, was er sagt. Folglich könnte er sehr wohl im Weißen Haus anrichten, was er dem Wahlvolk immer wieder eingehämmert hat. Grob zusammengefasst, hat er angekündigt, die Gewaltenteilung auszuhebeln, die Medien zu unterwerfen und eine Außenpolitik zu schreddern, die Amerika zur Ordnungsmacht befördert hat. Der Mann ist ein Wiedergänger Mussolinis, aber freundlicherweise ohne schwarz behemdete Sturmtruppen.

Wie will er den Umsturz verwirklichen – am Kongress und an den Gerichten vorbei?

Quelle OH MY GOD ! Was auf die Welt zukommt. Donald Trump wird seine Drohungen wahr machen. Die Verfassung aber steht ihm im Weg. Von Josef Joffe.

Eine Atempause. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal einen Kommentar von Josef Joffe wie einen Rettungsanker traktiere. Eine Atempause: die Vision einer guten Regierung und ihrer segensreichen Wirkungen. (Nichts ist hier wirklich vergleichbar, es geht nur um den Titel und den gleich lautenden des Buches von Pierre Rosanvallon.)

gute-regierung-siena-ambrogio_lorenzetti Die Gute Regierung (Siena) 1340

ZITAT

Richtig: Jeder neue Präsident kann mit seinem eigenen Team in Washington einziehen, aber die 1200 Top-Positionen müssen vom Senat bestätigt werden: vom Minister bis zum Botschafter. Auch hier wird Trump auf Straßensperren treffen, genauso wie bei der Ernennung der Obersten Richter, wo zwei bis drei Vakanzen anstehen. Seine Haushaltsvorlagen müssen ebenfalls vom Kongress abgesegnet werden. (…)

Was Trump aber eigenmächtig beschließen kann, ist schlimm genug. (…)

Trotzdem müssen wir glauben, dass die Verfassung diesem Möchtegern-Mussolini hohe Hürden in den Weg stellt. Diese hält immerhin seit 229 Jahren. Sie hat noch alle Usurpatoren ernüchtert. Wem die Macht zu Kopf steigt, der ist bislang noch immer an der Gewaltenteilung gescheitert.

Auch der Horrorclown Trump? Womöglich ist er doch geschmeidiger, als er tönt. Womöglich gibt er doch nicht den Samson im Tempel. Es bleibt der Welt nichts anderes übrig, als fest daran zu glauben, dass die amerikanische Verfassung auch diese Krise übersteht. (…)

Quelle Oh my God! Was auf die Welt zukommt. Von Josef Joffe a.a.O. Seite 1.

Latente Fortsetzung dieses Leitartikels später im Feuilleton Literatur-Teil auf Seite 60. Thema: Ist die Demokratie tatsächlich am Ende? Ist sie noch zu retten? Der französische Intellektuelle Pierre Rosanvallon geht in seinem glänzenden Werk „Die gute Regierung“ einer Krisendiagnose auf den Grund. Es handelt sich um eine Besprechung von Andreas Zielcke, und zwar eben dieses Buches, „das sich sehr aufschlussreich mit Mängeln heutiger Demokratien beschäftigt, mit seinen Heilungsrezepten aber weniger überzeugt. Doch in diesem Punkt lässt sich (…) leicht mäkeln.“

ZITAT (DIE ZEIT)

(…)

Parlamentswahlen sind inzwischen komplett auf die Person des Regierungschefs zugeschnitten, der Sieg hängt von seiner Zugkraft ab, nicht von den – meist austauschbaren – Programmparolen der Parteien und auch nicht von den Parlamentskandidaten, zumal wenn sie nach Listen gewählt werden. ist der Wahlsieger im Amt und, was die Regel ist, zugleich Vorsitzender der Regierungspartei, kann er mittels Partei- und Fraktionsdisziplin die wichtigsten Entscheidungen des Parlaments steuern. Gesetzesinitiativen kommen aus der Regierung, nur noch im seltensten Fall aus der Mitte der Volksvertretung, auf den nötigen Mehrheitsbeschluss kann sich die Regierung (bis zur Grenze der Vertrauensfrage) verlassen. Die Exekutive regiert die Legislative.

Insofern fängt der Zug zum Autoritären nicht erst beim Missbrauch durch Tribunen wie Viktor Orbán oder Recep Erdoğan an, sondern bereits hier. Die Entmachtung des Parlaments gemäß dem Willen, aber auch zum Verdruss des Wahlvolkes ist der heutige Normalfall. (…)

Am Anfang galt das andere Extrem. Für die französischen Revolutionäre war die Legislative das Gravitationszentrum der Demokratie. Freiheit von Despotie bedeutete, dass sich die Bürgerschaft selbst regiert, indem sie sich ihre Regeln selbst setzt. So werden die Gesetze zum „Ausdruck des allgemeinen Willens“, wie es in der Menschenrechtserklärung von 1789 heißt, und verkörpern zugleich die Gerechtigkeit, weil sie in ihrer Allgemeinheit keine bestimmte Person kennen und somit leidenschaftsfrei das Wohl der Nation im Auge haben. (…)

Entsprechend gering schätzte man die Rollen der beiden anderen Gewalten. Richter galten als bloßes Sprachrohr des Gesetzes, als Automaten der Rechtsanwendung. Vor allem wurde auch der zweiten Gewalt derselbe untergeordnete Rang zugewiesen. Noch im heuigen Begriff der „vollziehenden Gewalt“ (wie natürlich auch im Fachwort „Exekutive“) ist die Vorstellung enthalten, dass Regierung und Verwaltung nur ausführende Organe des Gesetzes sind. (…)

(…) Versagen des abstrakten Gesetzeskults (…). Trotzdem sorgte erst das 20. Jahrhundert dafür, dass die Exekutive endgültig des Machtprimat errang und ständig weiter ausbaute. (…)

Ging es seinerzeit bei den französischen Revolutionären darum, die Einheit des Volkes durch das Gesetz zu gewährleisten, sollte diese Einheit nun durch das andere Extrem manifest werden, durch autoritäre Dezision einer national gesinnten Regierung. (…)

Gesetze verlieren zunehmend ihren Allgemeinheitscharakter. Je komplexer die Gesellschaften werden, desto detaillierter und in ihrer Reichweite beschränkter werden die steuernden Regeln. Ja, der Begriff „Regel“ wird zur Schimäre, tatsächlich sind es meist sehr spezielle und rasch alternde Interventionsakte, statt allgemeingültiger Gesetze. Das amerikanische Gesundheitssystem („Obamacare“) umfasst mehr als 30 000 Seiten aneinandergereihte Paragrafen. Auch deutsche Gesetze ufern inzwischen zu endlosen Maßnahmenkatalogen aus. Regierungen greifen mit einer hochtourigen Gesetzesmaschine, aber immer nur punktuell als Experten in das gesellschaftliche Getriebe ein, unverständlich für jedermann. Als Gesamtbild des Volkswillens kann allenfalls noch die Verfassung gelten. (…)

Und wie steht es schließlich mit der demokratischen Legitimität der exekutiven Vormacht? Dass die Person des Regierungschefs so etwas wie ein repräsentatives Abbild darstellt, so wie man es einst dem idealtypischen Parlament zubilligen mochte, ist absurd. Was aber repräsentiert er dann? Zumal wenn er durch knappe Mehrheitsentscheidung ins Amt kommt? Verwandelt sich die Demokratie in Technokratie, spielt dies keine Rolle. In der Tat ist die technokratische Versuchung besonders seit der Finanzkrise wieder gewaltig gewachsen. Oder Demokratie verwandlet sich in ein Regime des Populismus, das ohnehin nur ein einheitliches „Volk“ kennt. Von Joseph Schumpeter stammt der zynische Satz: „Die Anerkennung der Führung ist die eigentliche Funktion der Wählerschaft.“ Ist es so, können wir uns alle Fragen nach demokratischer Legitimität sparen. Rosanvallons Buch ist Pflichtlektüre. 

Quelle DIE ZEIT 10. November 2016 Seite 60 Das Volk soll bitte alles einfach genehmigen. Ist die Demokratie tatsächlich am Ende? Ist sie noch zu retten? Der französische Intellektuelle Pierre Rosanvallon geht in seinem glänzenden Werk „Die gute Regierung“ einer Krisendiagnose auf den Grund. Von Andreas Zielcke.

Man schaue auch in Pierre Rosanvallons eigene Web-Seite http://www.laviedesidees.fr/ oder zunächst in den Wikipedia-Artikel HIER.

Meine Zitate sollen nicht die Lektüre des Artikels ersetzen, sondern ihn in Erinnerung halten. Vermutlich wird er bald im Internet abrufbar sein. Ich werde den Link an dieser Stelle nachtragen. HIER ist er.

Ich übernehme jetzt erstmal eine kleine Aufgabe, bevor ich mir das hier empfohlene Buch wirklich zumute oder besser gesagt: zutraue. Eine umfangreiche und vielfach gegliederte  Webseite sollte mich umfassend informieren, bevor ich gewissermaßen als besorgter Staatsbürger mich täglich durch wechselnde Meldungen und Kommentare der Tageszeitungen beunruhigen lasse. Zuerst muss eine solide Basis vorhanden sein, und die Web-Seite, der ich vertraue, heißt: Gewaltenteilung.de. Über Sinn und Funktionsweisen eines Betriebssystems für Staaten. Abrufbar: HIER. Über den Autor: Hier.

Gutes Gelingen!

Starke Meinungen

Schöne Sätze von Anne Will

Sie bringt es auf den Punkt. 2007 soll sie im SPIEGEL gesagt haben: „Wenn die große Koalition als Regierung jetzt nichts Großes leistet, bekommen die Volksparteien ein echtes Problem, sich überhaupt noch so zu nennen.“ Jetzt wird sie gefragt, ob sie zufrieden sei, dass sie vor neun Jahren die Wahlergebnisse von heute vorhergesagt habe.

ZITAT

Nein. Ich bin eher traurig darüber, was sich entwickelt hat. Offener Rassismus, wachsende Fremdenfeindlichkeit, immer mehr politisch motivierte Straftaten, das dürfte es in unserem Land nicht geben. Und ich bin wirklich entsetzt darüber, mit welcher Verachtung, mit welcher Aggressivität auf dem „System“ herumgetrampelt wird, von dem all die, die das tun, ja in immensem Maße profitieren.

Was daran beschäftigt Sie am meisten?

Die Frage, ob Menschen für Fakten und Belege überhaupt noch empfänglich sind oder ob inzwischen nur noch Gefühle und Stimmungen verfangen. Und natürlich fragen wir uns: Wie reagieren wir darauf mit der Sendung? Können wir das auflösen? Oder bedienen wir das gelegentlich sogar, weil wir Zuspitzungen suchen? Was mache ich in der Sendung mit einer rein populistischen Argumentation, die keine faktische Rückbindung mehr hat, die allein auf der Behauptung fußt: Das fühlen die Menschen aber! Das finde ich außerordentlich problematisch.

Können Sie da Beispiele nennen?

Wenn etwa einfach und ohne jeden Beweis behauptet wird, man dürfe in Deutschland nicht mehr alles sagen. Wenn behauptet wird, alle Medien seien gesteuert, würden Sachverhalte verdrehen, würden wesentliche Informationen zurückhalten, weil diese nicht in irgendeine Linie passten.

Woher kommt dieser Siegeszug des Post-Faktischen?

Früher bekam jemand mit starken Meinungen ohne jeden Beleg an der Theke nur die Zustimmung von den zwei, drei anderen, die da saßen und vielleicht nickten. Jetzt finden sich übers Netz schnell ganze Gruppen, richtige Echokammern, die jede auch noch so absurde These liken. Damit fühlt sich der Einzelne in einer Weise bestärkt, die ich für absolut gefährlich halte.

Was kann man dagegensetzen?

Gegensetzen kann man guten Journalismus: Sagen, was ist, sauber seine Arbeit machen, aufpassen, nicht nachlassen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 1./2./3. Oktober 2016 Seite 58 DAS INTERVIEW Anne Will übers REDEN (Fragen: Evelyn Roll)

Der Begriff des Post-Faktischen ist kurios, aber neuerdings in aller Munde; insbesondere, seit Angela Merkel ihn gebraucht hat. Man muss ihn nur googeln und erfährt mehr als einem lieb ist. Und wenn man den Namen Donald Trump dazusetzt, geht es ins Uferlose. Wie absurd auch immer, das Wort wird stufenweise nobilitiert, in die Nähe einer philosophischen Perspektive gerückt.

Schon Friedrich Nietzsche sagte, dass es keine Fakten gebe, nur Interpretationen. Diesen Gedanken griffen postmodernistische und relativistische Denker auf, um zu argumentieren, dass jede Version eines Ereignisses eine eigene Realität habe, dass Unwahrheiten „eine alternative Sichtweise“ darstellten, weil sowieso alles relativ sei. In den vergangenen 30 Jahren sickerte dieses Denken durch in die Medien, in die Gesellschaft und in die Politik.

Constantin Wißmann im CICERO (hier)

Es ist auch nicht falsch, das „Postfaktische“ als eine neue Dimension des Lügens anzusehen. Christian Bos erläuterte das im Kölner Stadtanzeiger und erinnerte an einen amerikanischen Philosophen, der den „Bullshitter“ erfunden hat.

Egal, ob man nun lügt oder die Wahrheit sagt, man spielt dasselbe Spiel. Der eine beugt sich den Fakten, der andere widerspricht ihnen frech. Vor 30 Jahren [?] identifizierte der amerikanischen Philosoph Harry G. Frankfurt in einem kurzen Essay noch eine dritte mögliche Position. Eine, die das Spiel um Wahrheit und Lüge schlicht ignoriert, die einfach gar keinen Bezug mehr auf die Fakten nimmt: Den „Bullshitter“. Gemeint ist der Dummschwätzer, der Märchenonkel und Schwachsinnsverbreiter, der – betritt er das Feld des Politischen – schnell zum Demagogen werden kann, zum Hetzer. „Der Bullshit“, schreibt Frankfurt, „ist ein mächtigerer Feind der Wahrheit als die Lüge.“

Quelle: http://www.ksta.de/24814972 ©2016 (s. hier).

Der Essay erschien nicht vor 30 Jahren, sondern vor gut 10 Jahren. Siehe auch hier. Ich verdankte das Büchlein seinerzeit dem Freund Berthold Seliger, ohne dass ich die Bedeutung recht erfasst hätte. Jetzt ist die Zeit endlich reif… Übrigens darf man in geeigneten Fällen auch ein zischendes deutsches Wort verwenden.

bullshit-a

ZITAT

Niemand kann lügen, sofern er nicht glaubt, die Wahrheit zu kennen. Zur Produktion von Bullshit ist solch eine Überzeugung nicht erforderlich. Wer lügt, reagiert auf die Wahrheit und zollt ihr zumindest in diesem Umfang Respekt. Ein aufrichtiger Mensch sagt nur, was er für wahr hält, und für den Lügner ist es unabdingbar, daß er seine Aussage für falsch hält. Der Bullshitter ist außen vor: er steht weder auf der Seite des Wahren noch auf der des Falschen. Anders als der aufrichtige Mensch und als der Lügner achtet er auf die Tatsachen nur insoweit, als sie für seinen Wunsch, mit seinen Behauptungen durchzukommen, von Belang sein mögen. Es ist ihm gleichgültig, ob seine Behauptungen die Realität korrekt beschreiben. Er wählt sie einfach so aus oder legt sie sich so zurecht, daß sie seiner Zielsetzung entsprechen.

Quelle: Harry G. Frankfurt BULLSHIT Suhrkamp Frankfurt am Main 2006 ISBN 3-518-58450-2 (Seite 62/63)

Multikulti ist tot – ?

Ja, totgesagt wider besseres Wissen.

Diese gefürchteten Parallelgesellschaften, gegen die allenthalben gewettert wird, ohne dass man eigentlich weiß, was man damit meint. Ich konzentriere mich gern auf die geliebten Italiener, die ebenfalls oft bis heute noch kein korrektes Deutsch können. (Siehe auch hier.) Wir lieben sie. Wir haben von ihnen draußen sitzen gelernt, auf Stühlen, an kleinen Tischen. Ein wichtiges Kulturgut. Die Deutschen habe es gelernt von einer Leitkultur des Vergnügens: am Leben unter der Sonne und im lichtdurchfluteten Halbschatten.

Nun gut, es gibt auch noch andere Argumente. Ich empfehle die Lektüre der neuen ZEIT. Zitat:

Deutschland besteht seit Generationen, auf jeden Fall schon lange vor Ankunft einer nennenswerten Menge von Fremden, aus einer Vielzahl von Parallelgesellschaften. Sie verstehen sich nur mühsam, manche hassen sich, die meisten ertragen einander seufzend. Es gibt Familien mit faschistischer und Familien mit antifaschistischer Vergangenheit. Es gibt kommunistische und antikommunistische, katholische und protestantische Traditionen. Sie alle schlagen sich auch in Habitus und Lebensgewohnheiten nieder. Das Tattoo markiert nur eine der aktuellen Scheidelinien, an denen das gegenseitige Verständnis endet. Warum sollte der Schleier so viel schlimmer sein?

Mit anderen Worten: Der Begriff der Leitkultur richtet sich nicht zuvörderst an Migranten. er bedroht jeden einzelnen Deutschen in seiner Lebenswelt. Wer ist im Besitz der Leitkultur? Wer darf definieren, was gilt? mein Nachbar oder ich? Der Sinn und Segen einer pluralistischen Gesellschaft, die keine privilegierten Lebensweisen kennt, besteht vor allem darin, die Bürger daran zu hindern, übereinander herzufallen, um dem Einzelnen die Wahl seiner Gewohnheiten zu lassen. Aber natürlich hat es immer Gegner des modernen Gewimmels, des Durcheinanders der Stile und Sitten gegeben. Manches spricht dafür, dass die vehemente Ablehnung der Flüchtlinge nur Ausdruck einer schon zuvor virulenten Überforderung ist, die man indes nicht artikulieren wollte.

Wozu die Erfinder des Leitkulturbegriffs seinerzeit zu feige oder zu faul waren, hat die AfD nun präzisiert. Man sieht sogleich die gewaltige Sprengkraft, die in jeder einzelnen Facette der Definition steckt. „Die Ideologie des Multikulturalismus“ – schon diese erste Formulierung setzt zum Angriff an. Denn der Multikulturalismus, mag man ihn mögen oder nicht, ist gerade keine Ideologie (mehr), er ist Realität.

Quelle DIE ZEIT 22. September 2016 Sprengstoff Leitkultur Der gefährlichste Begriff der AfD: Mit der Forderung nach kultureller Einheit des Landes bedroht die Partei nicht nur die Zuwanderer, sondern jeden einzelnen Deutschen in seiner Lebenswelt. Von Jens Jessen. [Hervorhebungen in roter Schrift: JR]

Solinger Tageblatt 1. Oktober 2016

schlagzeile-leitkultur

Ja, was ist deutsch?

Man schaue sich einmal die vielzitierten Sätze von Nietzsche an – in ihrer ganzen Umgebung, in dem Buch „Jenseits von Gut und Böse“, übersehe aber auch nicht, dass damals (1885) auch die klügsten Menschen noch in Rasse-Kategorien dachten und uns als ein „Volk der ungeheuerlichsten Mischung und Zusammenrührung der Rassen“ sehen konnten. Als Psychologe ist er groß, nicht als Biologe, wenn er etwa Goethes „zwei Seelen“ in einer Brust als viel zu wenig erkennt, – dass man sich damit arg an der Wahrheit vergreife, hinter der Wahrheit um viele Seelen zurückbleibe. Man sehe auf den folgenden Seiten rechts oben die vielzitierten Sätze über die Frage „was ist deutsch?“, – eben nicht als abgerundeter (vielstrahliger) Aphorismus. Und das gehört zum Programm des Buches, wie es schon in seiner Vorrede (siehe ganz unten) zum Ausdruck  gebracht ist. Nichts ist bei Nietzsche eindeutig, dogmatisch und systemfixiert gedacht. In diesem offenen Sinne ist er zu lesen. Auch wenn er von Europa spricht.

nietzsche-was-ist-deutsch Nietzsche über „Was ist deutsch?“

nietzsche-vorrede-jenseits Nietzsche über die (deutsche?) Seele

Die neuen Deutschen

Ein Land vor seiner Zukunft

Das Buch von Herfried Münkler und Marina Münkler

***

Bisher habe ich geglaubt, es genüge verschiedene Zeitungen und Magazine zu lesen, um sich ein Bild über die politische Lage zu machen. Ich besitze also auch dieses Buch, das von sich reden macht, (noch) nicht. Aber vielleicht ist es unumgänglich. Abgesehen von der FAZ-Besprechung hat mir jeder inhaltliche Hinweis Mut gemacht. Zunächst etwa diese kleine Bilanz, was denn eine Nation, ein Staat, unser Staat, dem Wesen nach sei. Adam Soboczynski schrieb anlässlich der Besprechung des Münkler-Buches:

Das Misstrauen gegen die gesamtdeutsche Nation war nicht nur aufgrund der nationalsozialistischen Barbarei verständlich. Der Nationsbegriff beruht hierzulande auf ethnisch-kulturellen Zuschreibungen und nicht wie in Frankreich oder den USA auf einer politischen Willens- und Bekenntnisgemeinschaft. Die verspätete Nation der Deutschen orientierte sich, wie auch in Osteuropa, an vorstaatlichen Annahmen wie einer gemeinsamen Sprache, Abstammung, Geschichte, Kultur – weshalb die AfD, dies nur nebenbei, auch so entschieden russlandaffin ist. Einwanderungspolitik durfte es in der Bundesrepublik über viele Jahrzehnte hinweg schon deshalb nicht geben, weil sich das Land schlechterdings nicht als Einwanderungsland begriff. Der europäische Einigungsprozess wiederum zielte, etwa mit der Osterweiterung, darauf ab, Willens- und Herkunftsgemeinschaften zu versöhnen – ein Vorhaben, das heute stark bedroht ist.

Quelle DIE ZEIT 1. September 2016 Seite 36 Deutsche Gerechtigkeit Das Professorenpaar Herfried und Marina Münkler empfehlen die Flüchtlingskrise als nationales Ertüchtigungsprogramm. Von Adam Soboczynski.

Die beiden Autoren dieses Buches äußerten sich kürzlich live zum Thema der neuen Deutschen, und zwar in der ZDF-Sendung Markus Lanz auffindbar HIER (Sendung ZDF 1. September 2016)

Vorfahren auf 12:50 (dazu Notizen zum Gesprächsverlauf:)

Herfried Münkler mit Gegenredner Christoph Schwennicke 12:50 – (19:50 B.B. Silvesternacht) – Marina Münkler weiter ab 23:26 HM ab 24:53 (Willkommenskultur als Dogma? Brandanschläge) bis 26:11 Ch.Sch. weiter 27:00 HM (LKW und Opfer) 28:10 (Hass) (Anstieg der Kriminalität?) (Vorfälle in Schwimmbädern) MM ab 31:50 (Probleme werden großgeredet) 33:05 (Thomalla über Meckl.-Vorpommern, Angst vor Veränderung) 35:50 MM (Furcht vor dem Fremden völlig normal) ab 37:17 HM (Arbeit und Wohnung, Integration, WIE schaffen wir das? Lebenslüge, dass dies kein Einwanderungsland sei) „Problem von Politik, dass sie nicht strategisch sondern taktisch denkt, bis zur nächsten Wahl“. „Nun passen die, die gekommen sind, nicht wirklich zu uns, aber sie sind da. Also müssen wir sie fit machen…“ „Der Arbeitsplatz ist die eigentliche Maschine der Integration.“ 41:20 Wie müssen wir uns ändern, damit das gelingt: die neuen Deutschen? MM ab 41:28 Keine ethnische Definition des Deutschseins, vielmehr: es muss möglich sein, deutsch zu werden. Dazu gehören 5 Imperative:

1) die Vorstellung, dass man von seiner eigenen Arbeit lebt und seine Familie gegebenenfalls ernähren kann

2) die Vorstellung, dass man die sozialen Sicherungssysteme in Anspruch nimmt, wenn es nicht anders geht, dass man aber nicht glaubt, dass der Staat dazu da wäre, einen permanent zu unterhalten

3) gehört dazu die Vorstellung davon, dass Religion eine Privatangelegenheit ist

4) dass auch die Lebensführung eine Privatangelegenheit ist, dass jeder das für sich entscheidet

5) das klare und deutliche Bekenntnis zum Grundgesetz.

Das ist etwas, auf das wir wirklich stolz sein können. Dass man auch zeigen kann, auf der rechtlichen Seite, dass man sich herausarbeiten kann, aus einer Gesellschaft, die geglaubt hat, man könnte durch das Niedermachen, das Vernichten anderer irgendetwas für sich gewinnen. Was das Grundgesetz dann festgelegt hat und zwar ganz bewusst mit dem ersten Satz: Die Würde des Menschen ist unantastbar, – da ist nicht die Rede von der Würde des Deutschen, da ist die Rede von der Würde des Menschen. Und das ist übrigens von seiner Struktur her ein nicht ganz unähnlicher Satz, denn das ist ja auch eine kontrafaktische Behauptung, also: die Würde des Menschen ist sehr antastbar,  was will uns also dieser Satz sagen? Wir müssen immer dafür sorgen, dass die Würde des Menschen nicht angetastet wird. Das ist der zentrale Punkt. 43:23

… sagte Marina Münkler in der Sendung von Markus Lanz am 1. September.

Nach diesen fünf Imperativen dürfen die zwei Maximen nicht fehlen, die schon am vergangenen Montag in der Süddeutschen Zeitung als Fazit festgehalten wurden:

Zum einen muss das Land den Flüchtlingen, ob aus Armut oder Kriegsnot hierhergekommen, als offene Gesellschaft begegnen. Das ist die Absage an alle Propheten einer ethnischen oder sonst wie „identitären“ Nation. Dass die Offenheit eine zweiseitige Angelegenheit ist, die Alteingesessene und Neuankömmlinge betrifft, ist die unausweichliche, aber im Falle des Gelingens produktive Dialektik, an der jede Integration in Deutschland auszurichten ist. Offenheit ist nicht gleichzusetzen mit offener Grenze – nicht zuletzt deshalb, weil keine kulturellen Faktoren importiert werden dürfen, die (wie die Unterdrückung von Frauen) eben dieser Freiheit und Offenheit widersprechen.
Die andere, abschließende Maxime lautet: „Der entscheidende Identitätsmarker der Deutschen soll und muss das Bekenntnis zum Grundgesetz sein.“ Gemeint ist hier nicht nur, dass sich jeder, auch jeder Alteingesessene, an das gesetzliche Regelwerk des Landes zu halten hat; gemeint ist auch nicht nur ein politisch verstandener Verfassungspatriotismus. Gemeint ist eine normativ aufgeladene „Identitätszuschreibung“, ein rechtliches, politisches und soziales Anforderungsprofil, das als einziges geeignet ist, Einheimische und Neue freiheitlich zu integrieren: das Grundgesetz als Norm- und Handlungsmodell.

Quelle Süddeutsche Zeitung 29.8.2016 Fremde und Selbstbild Die Flüchtlingsfrage polarisiert. Doch die Politik weicht drängenden Fragen zur Einwanderung aus. Da kommt das kühl analysierende Buch von Marina und Herfried Münkler gerade recht. Von Andreas Zielcke.

Eine lesenswerte Besprechung von Ulli Tückmantel – Anleitung zum „Wir schaffen das“ – brachte am 3. September auch das hiesige Solinger Tageblatt bzw. die WZ (Westdeutsche Zeitung), nachzulesen HIER.

ZITAT

Natürlich wäre es besser, wenn die Zuwanderung dosiert, an der hiesigen Aufnahmefähigkeit orientiert und durch behördliche Auswahl der Zuwandernden stattfände, doch: „Diese Politik ist in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten, seitdem sie angezeigt war, nicht betrieben worden.“ Nun werde es teuer werden, am Ende vielleicht bis zu 200 Milliarden Euro, räumen die Münklers ein. Zudem werde es lange dauern, könne am Ende immer noch scheitern, und auf jeden Fall werde es Enttäuschungen geben. Es seien nicht alle brauchbar, die kämen – und es werde auch zu Konflikten kommen.

Wer die Botschaft dieses Buches für zu optimistisch hält, dem hält Herfried Münkler einen Gedanken des Philosophen Blaise Pascal (1623 – 1662) entgegen, die „Gotteswette“ (ich zitiere nach Ulli Tückmantel):

Pascal argumentierte, dass wer an Gott glaube, immer die besseren Gewinnaussichten habe: Glaube man und Gott existiere, gewinne man den Himmel. Glaube man und Gott existiere nicht, gewinne man zwar nichts – aber man verliere auch nichts. Glaube man nicht an Gott und er existiere auch nicht, gewinne man nichts. Glaube man nicht, Gott existiere aber doch, lande man in der Hölle. „Wenn wir das dieser Wette zugrundeliegende Kalkül auf die Frage nach dem Erfolg oder Scheitern der Flüchtlingsintegration übertragen, so ist es vernünftig, auf den Erfolg zu setzen, weil nur dieser einen gesellschaftlichen Ertrag hat – während der, der auf das Scheitern setzt, nichts gewinnt, sollte er recht behalten“, schreibt Münkler gemeinsam mit seiner Frau, der Literaturwissenschaftlerin, in einem bemerkenswert unaufgeregten Buch.

Man kann das Buch als Anleitung zur Schaffung eines Landes lesen, dessen beste Zeiten noch kommen. So etwa schreibt Tückmantel am Ende seiner Rezension. Man schaut zweimal hin, um sich zu vergewissern, dass dies tatsächlich die Prognose ist. Ich glaube, die Parabel vom Glauben könnte sich – vorausgesetzt der Einsatz des guten Willens setzt sich auf breiter Basis durch – als nicht falsifizierbar erweisen.

Nachtrag am 11. September 2016

Es gibt in den folgenden zwei Wochen 2 Möglichkeiten mich lesend weiter zu politisieren (was mir von Natur aus nicht naheliegt). Voraussichtlich werde ich die übliche Wahl treffen: sowohl als auch.

1) muenkler-cover 2) baum-hirsch-cover

Inhaltsverzeichnis zu Buch 1 (Münkler / Rowohlt Berlin 2016)

muenkler-inhalt-a muenkler-inhalt-b

Dieses Buch betrifft die Gesellschaft, die Gegenwart und unsere Zukunft

Buch 2 packt mich persönlich von Anfang an und lässt mich glauben, dass ich nun über den gesamten bewusst erlebten Verlauf meines Lebens aus einer „fremden“ Perspektive Aufschluss erhalte. Es beginnt damit, dass auch in den Erzählungen meiner Eltern „Litzmannstadt“ eine Rolle gespielt hat, und dass ich als Vierjähriger in meiner Geburtsstadt Greifswald 1945 wie durch ein Wunder (dank der Initiative weniger Menschen) von der Bombardierung verschont wurde, während Anklam brannte. (Siehe hier unter „20. Jahrhundert“).

ZITAT

Meine Familie hat mir zu verstehen gegeben, dass etwas Furchtbares in Lagern passiert. Man hatte eine dunkle Ahnung. Bei meinem Besuch mit meiner Mutter in Litzmannstadt, wie die Nazis das polnische Lodz umbenannt hatten, wo ihre Familie mütterlicherseits lebte, erfuhr ich von einem Ghetto und von Judenverfolgungen. Es ist mir bis heute ein Rätsel, dass viele Deutsche damals von alledem nichts gewusst haben wollen. (Baum Seite 20)

Trotz aller Kriegswirren und dunklen Ahnungen war es eine angenehme Kindheit für mich in Dresden. Wir haben bis in den Herbst 1943 hinein Mozart-Serenaden im Hof des Zwingers gehört, in einer unzerstörten, vom Krieg bis dahin unberührten Stadt. Und dann das jähe Ende. Die Dresdner Bombennacht im Februar 1945. (Baum Seite 21)

Inhaltsverzeichnis zu Buch 2 (Baum, Hirsch / Propyläen Ullstein Berlin 2016)

baum-hirsch-inhalt-a baum-hirsch-inhalt-b

Es ist keinesfalls ein Buch der Vergangenheit. Man sollte es vielleicht nicht von vorn beginnen (wie ich), sondern mit dem letzten Kapitel, der Nachbemerkung von Gerhart Baum. Und es endet mit Worten der Zuversicht und – seltsamerweise – mit dem Wort „schaffen“:

Wir haben bei allen Versuchungen der Unfreiheit eine „geglückte Demokratie aufgebaut, wie der Historiker Edgar Wolfrum zu Recht seine Geschichte der Bundesrepublik nennt. Ich setze meine Hoffnung auf die vielen Menschen im Lande, die sich mit Mut der Zukunft stellen, die die unabänderlichen Veränderungen annehmen und mitgestalten – mit ihnen werden wie eine Menge schaffen. (Baum Seite 266)

Rätsel: Aus welchem der hier vorgestellten Büchern stammt das folgende Zitat?

Wir müssen ernsthaft über die Zukunft unserer Gesellschaft reden. Dazu gehört die demographische Entwicklung. Ende 2014 hatte jeder fünfte Einwohner in Deutschland einen Migrationshintergrund. Wir sind längst eine multikulturelle Gesellschaft, wir sind längst ein Einwanderungsland. Auf einer Rechtskultur nach den Regeln unseres säkularen Staates müssen wir bestehen, auch und gerade gegenüber unseren eigenen Landsleuten, die vor grölenden Menschenmengen unsere Werte mit Füßen treten. Was wir aber nicht brauchen, sind hilflose Versuche, den Zuwanderern eine Gesinnungsleitkultur aufzuzwingen. Wenn es wahr ist, dass wir jährlich eine Zuwanderung von drei- bis vierhundert Menschen benötigen, wird unsere Gesellschaft sich weiterhin verändern. Ein Einwanderungsgesetz, das diese Zuwanderung regelt,ist dringend erforderlich. Aus Flüchtlingen müssen Einwanderer werden.

***

Auflösung des Rätsels: Der Text stammt aus der Nachbemerkung von Gerhart Baum (Seite 264). Er ist übrigens von einer verblüffenden Ehrlichkeit, auch was den eigenen Werdegang angeht, den durchaus nicht als eine Kette von Glanzpunkten beschreibt. Aber man spürt in jedem Satz, in welcher Weise er lebenslang ein Lernender war. Schon wenn man einen Absatz wie den folgenden gelesen hat:

Ich habe nicht gern studiert. War mir zu trocken, zu langweilig. Ich habe zwei Jahre in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, bin ins kalte Wasser gesprungen, hatte überhaupt keine Erfahrung. Mit einer Bürovorsteherin haben wir den Laden geschmissen, da habe ich mehr gelernt als an der Uni. Was Juristerei ist, habe ich erst begriffen, als ich Referendar wurde.  Da wurde ich an Amtsgerichte versetzt, habe mit Menschen zu tun bekommen. Das Recht begann zu leben, sich mit Schicksalen zu verbinden. Ich merkte, dass Recht nicht gleich Recht ist, dass es gestaltbare Zwischenräume gibt. Das war eine tolle Zeit. Mein erstes Examen war schlecht, dass zweite besser, auch wegen dieser praktischen Erfahrung. Ich weiß noch, wie ich einmal als Vertreter der Staatsanwaltschaft gegen ein homosexuelles Paar – das war ja damals strafbar -, unerfahren wie ich war, ein übertrieben hohes Strafmaß beantragt habe. Der Richter hat mich nur angeschaut: „Herr Kollege, meinen Sie das im Ernst?“ Werde ich nie vergessen. (Seite 51)

(JR) Ich vermute, dass dieses „Motiv“ im Verlauf des Buches wiederkehren wird, mit veränderten Vorzeichen. Das wäre jedenfalls geschickt. (Und ich werde es vermelden.) An dieser Stelle folgen nur noch die Sätze:

Irgendwann war keine Zeit mehr für solche Dinge, weil wir Politik gemacht haben, nicht wahr, Herr Hirsch?

Ein geschickter Schachzug, den Leser wachsam zu halten… Das nächste Kapitel ist überschrieben: „Engagement für eine liberale FDP“.

Wunderbare,typische Sätze in diesem Buch:

Hirsch: Ich sehe sehr vieles, was Sie dargestellt haben, ganz anders.

Baum: Ja, das habe ich mir gedacht.

(Seite 132)

Quelle: Gerhart Baum / Burkhard Hirsch: Der Baum und der Hirsch. Deutschland von seiner liberalen Seite. In Zusammenarbeit mit Gabriela Herpell und Thomas Bärnthaler / Propyläen Ullstein Buchverlage Berlin 2016 ISBN 978-3-549-07471-8