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Letzte Worte zum Klima

Es eilt wirklich! (Panikmache?)

Wetterkunde ist nicht mein Metier, ich bin auch kein Anhänger von Verschwörungstheorien, und über ein ewiges Leben in einer anderen Welt weiß ich absolut nichts. Aber es ist mir nicht egal, wie es auf dieser Welt in 50 oder 100 Jahren aussieht. Dafür muss ich mich nicht auf meine Enkel berufen. Auch wenn ich keine Freunde, keine nahen Verwandten und nicht mal den klitzekleinsten Nachfahren hätte, – wie könnten mir die Kriege und Katastrophen der Zukunft gleichgültig sein!? Ebensowenig wie die Vergangenheit oder – die Gegenwart. Soll denn alles vergebens gewesen sein, von Homer bis Beethoven?!

Ich kann mir andererseits gern Schopenhauers Sicht zueigen machen. Ein Luxus irgendwie. Oder auch die des Mephistopheles, – das wäre also der Geist, der stets verneint; „denn alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“

Aber all dies doch nicht ohne Begründung. Wenn die Umwelt ihren Schutz nicht wert ist oder im Moment anderes wichtiger ist, so möchte ich wissen, warum. In jedem Fall interessieren mich auch gut begründete Gegenmeinungen. Zum Beispiel: Das System Mensch ist auf Untergang gepolt. Und da die Dinge ihren Gang gehen, ist es irgendwann soweit. Ausgerechnet in meiner Lebenszeit, wer konnte das ahnen? In den 1950er Jahren war für mich klar, dass es ewig aufwärts gehen wird, wenn ich nur positiv gestimmt bin und genügend übe. – Und jetzt? Kann man denn das System Mensch, wenn es so schlecht funktioniert, nicht einfach umpolen?

 siehe HIER (Eric Gujer)

 Screenshot (nicht anklickbar)

Die Aufzeichnung der ANNE-WILL-Sendung HIER

Harald Lesch in diesem Gesamtmitschnitt ab 26:37 / Vorweg im ERSTEN: Infos hier

Das Interview mit Greta Thunberg HIER

Harald Lesch s.a. im früheren Blog-Beitrag:

Brand an Land, Müll im Meer

Starke Meinungen

Schöne Sätze von Anne Will

Sie bringt es auf den Punkt. 2007 soll sie im SPIEGEL gesagt haben: „Wenn die große Koalition als Regierung jetzt nichts Großes leistet, bekommen die Volksparteien ein echtes Problem, sich überhaupt noch so zu nennen.“ Jetzt wird sie gefragt, ob sie zufrieden sei, dass sie vor neun Jahren die Wahlergebnisse von heute vorhergesagt habe.

ZITAT

Nein. Ich bin eher traurig darüber, was sich entwickelt hat. Offener Rassismus, wachsende Fremdenfeindlichkeit, immer mehr politisch motivierte Straftaten, das dürfte es in unserem Land nicht geben. Und ich bin wirklich entsetzt darüber, mit welcher Verachtung, mit welcher Aggressivität auf dem „System“ herumgetrampelt wird, von dem all die, die das tun, ja in immensem Maße profitieren.

Was daran beschäftigt Sie am meisten?

Die Frage, ob Menschen für Fakten und Belege überhaupt noch empfänglich sind oder ob inzwischen nur noch Gefühle und Stimmungen verfangen. Und natürlich fragen wir uns: Wie reagieren wir darauf mit der Sendung? Können wir das auflösen? Oder bedienen wir das gelegentlich sogar, weil wir Zuspitzungen suchen? Was mache ich in der Sendung mit einer rein populistischen Argumentation, die keine faktische Rückbindung mehr hat, die allein auf der Behauptung fußt: Das fühlen die Menschen aber! Das finde ich außerordentlich problematisch.

Können Sie da Beispiele nennen?

Wenn etwa einfach und ohne jeden Beweis behauptet wird, man dürfe in Deutschland nicht mehr alles sagen. Wenn behauptet wird, alle Medien seien gesteuert, würden Sachverhalte verdrehen, würden wesentliche Informationen zurückhalten, weil diese nicht in irgendeine Linie passten.

Woher kommt dieser Siegeszug des Post-Faktischen?

Früher bekam jemand mit starken Meinungen ohne jeden Beleg an der Theke nur die Zustimmung von den zwei, drei anderen, die da saßen und vielleicht nickten. Jetzt finden sich übers Netz schnell ganze Gruppen, richtige Echokammern, die jede auch noch so absurde These liken. Damit fühlt sich der Einzelne in einer Weise bestärkt, die ich für absolut gefährlich halte.

Was kann man dagegensetzen?

Gegensetzen kann man guten Journalismus: Sagen, was ist, sauber seine Arbeit machen, aufpassen, nicht nachlassen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung 1./2./3. Oktober 2016 Seite 58 DAS INTERVIEW Anne Will übers REDEN (Fragen: Evelyn Roll)

Der Begriff des Post-Faktischen ist kurios, aber neuerdings in aller Munde; insbesondere, seit Angela Merkel ihn gebraucht hat. Man muss ihn nur googeln und erfährt mehr als einem lieb ist. Und wenn man den Namen Donald Trump dazusetzt, geht es ins Uferlose. Wie absurd auch immer, das Wort wird stufenweise nobilitiert, in die Nähe einer philosophischen Perspektive gerückt.

Schon Friedrich Nietzsche sagte, dass es keine Fakten gebe, nur Interpretationen. Diesen Gedanken griffen postmodernistische und relativistische Denker auf, um zu argumentieren, dass jede Version eines Ereignisses eine eigene Realität habe, dass Unwahrheiten „eine alternative Sichtweise“ darstellten, weil sowieso alles relativ sei. In den vergangenen 30 Jahren sickerte dieses Denken durch in die Medien, in die Gesellschaft und in die Politik.

Constantin Wißmann im CICERO (hier)

Es ist auch nicht falsch, das „Postfaktische“ als eine neue Dimension des Lügens anzusehen. Christian Bos erläuterte das im Kölner Stadtanzeiger und erinnerte an einen amerikanischen Philosophen, der den „Bullshitter“ erfunden hat.

Egal, ob man nun lügt oder die Wahrheit sagt, man spielt dasselbe Spiel. Der eine beugt sich den Fakten, der andere widerspricht ihnen frech. Vor 30 Jahren [?] identifizierte der amerikanischen Philosoph Harry G. Frankfurt in einem kurzen Essay noch eine dritte mögliche Position. Eine, die das Spiel um Wahrheit und Lüge schlicht ignoriert, die einfach gar keinen Bezug mehr auf die Fakten nimmt: Den „Bullshitter“. Gemeint ist der Dummschwätzer, der Märchenonkel und Schwachsinnsverbreiter, der – betritt er das Feld des Politischen – schnell zum Demagogen werden kann, zum Hetzer. „Der Bullshit“, schreibt Frankfurt, „ist ein mächtigerer Feind der Wahrheit als die Lüge.“

Quelle: http://www.ksta.de/24814972 ©2016 (s. hier).

Der Essay erschien nicht vor 30 Jahren, sondern vor gut 10 Jahren. Siehe auch hier. Ich verdankte das Büchlein seinerzeit dem Freund Berthold Seliger, ohne dass ich die Bedeutung recht erfasst hätte. Jetzt ist die Zeit endlich reif… Übrigens darf man in geeigneten Fällen auch ein zischendes deutsches Wort verwenden.

bullshit-a

ZITAT

Niemand kann lügen, sofern er nicht glaubt, die Wahrheit zu kennen. Zur Produktion von Bullshit ist solch eine Überzeugung nicht erforderlich. Wer lügt, reagiert auf die Wahrheit und zollt ihr zumindest in diesem Umfang Respekt. Ein aufrichtiger Mensch sagt nur, was er für wahr hält, und für den Lügner ist es unabdingbar, daß er seine Aussage für falsch hält. Der Bullshitter ist außen vor: er steht weder auf der Seite des Wahren noch auf der des Falschen. Anders als der aufrichtige Mensch und als der Lügner achtet er auf die Tatsachen nur insoweit, als sie für seinen Wunsch, mit seinen Behauptungen durchzukommen, von Belang sein mögen. Es ist ihm gleichgültig, ob seine Behauptungen die Realität korrekt beschreiben. Er wählt sie einfach so aus oder legt sie sich so zurecht, daß sie seiner Zielsetzung entsprechen.

Quelle: Harry G. Frankfurt BULLSHIT Suhrkamp Frankfurt am Main 2006 ISBN 3-518-58450-2 (Seite 62/63)