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Kein Meinungsbutton bitte!

Es geht einfacher

Jeder macht die Erfahrung: schreibe ich allzu kurze Mails, kann ich missverstanden werden. Soll ich statt des ausdrücklichen Hinweises „(kleiner Scherz)“ ein Smiley setzen?

Und suche ich Stoff zu diesem (oder jedem anderen) Thema, so finde ich soviel Hinweise, dass es kontraproduktiv wirkt, nämlich entmutigend. So zum Beispiel als ich zögerte, ein Smiley zu setzen – eigentlich nur angesichts der Frage: wird es sich beim Adressaten als gelbes Mondgesicht realisieren oder nur als graues Buchstaben-Konglomerat? – schon schlug ich die lange Geschichte im SPIEGEL auf und versank wenig später im Uferlosen.

Schauen Sie zum Beispiel hier, bei www.emojitracker.com, überlegen Sie, ob Sie die Warnung beachten wollen: Epilepsy Warning emojitracker is an experiment in realtime visualization of all emoji symbols used on twitter. it updates at the speed of updates on twitter in realtime, and thus contains rapidly updating visuals that may possibly cause problems for those sensitive to such things? I’m not sure, but I don’t want to risk it, so here is a warning!

Ich habe die Warnung weggeklickt und und mich auf Anzeichen von Epilepsie beobachtet. Sicher, das Internet erzeugt ohnehin ein mentales Infarkt-Risiko, glücklicherweise aber nicht Herz und Kreislauf betreffend, sondern eben genau das, mit dem der moderne Mensch täglich umgeht. Ich schaue meine CD-Sammlung an und habe die Beklemmung, in der Hölle alles auf einen Schlag hören zu müssen.

Ich muss es vom Tisch bzw. Bildschirm wegbringen, hinein in diesen Blogbeitrag, in ungeordneter Folge, zunächst der SPIEGEL (Vorsicht, es sieht nach Kundenfang aus!), dann der Wiki-Artikel über Meinungsbuttons (Ansteckplaketten), dann die Sammlung im Deutschen Historischen Museum hier, ich brauche auch die Abgrenzung zwischen Emoji und Emoticon hier , erinnere mich, in meinem eigenen Schreibprogramm die Serie von Wingdings gesehen zu haben, mehr darüber hier, natürlich auch Smiley.

Plötzlich fällt mir auch das Wort Sprachnot ein, – bin ich nicht selbst fortwährend damit konfrontiert? Da überfällt mich die entscheidende Lektüre der Gymnasialzeit: der Lord-Chandos-Brief von Hofmannsthal, tatsächlich in diesen Jahren wieder ein Abitursthema: Sprachkritik; Sprachskepsis, Sprachnot…

Was sagt mir all dies? Du bist nicht allein. (kleiner Scherz :))

Ich bemächtige mich des Rilke-Gedichtes:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Und behaupte, dass ich der erste und einzige bin, der sich in diesem Zusammenhang an Peter Handke erinnert, den ich im August 1970 las, wobei mich diese Stelle ganz besonders beeindruckte und sowohl an den Lord-Chandos-Brief als auch an das Rilke-Gedicht erinnerte:

Handke Sprachnot

Quelle Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter – Suhrkamp Frankfurt am Main 1970 Seite 117

PS.

Ich weiß bis heute nicht, was Bloch zuletzt dachte, bevor er die Vorhänge zuzog und hinausging. Leiter, Fahrrad, Brief, Zähneputzen, zwei  Becher … eine Partnerin?

Ob sich Interpretationen mit der Auslegung dieser Passage beschäftigen?

Vom Eichbaum und dem Löwen

Sehr schön schreibt Reinhard Brembeck in seiner Klassikkolumne (SZ 10.02.2015):

In seinem letzten Lebensjahrzehnt versuchte Johann Sebastian Bach immer wieder, riesige Gebilde zu komponieren, die nur auf einem einzigen Thema basieren. Hinter diesem Konzept steckt der mittelalterliche Gedanke, dass die ganze Welt sich auf eine Zelle zurückführen lässt. Bach präsentiert sich also als Vollender einer Jahrhunderte alten Musiktradition. Während ihm neuere Tendenzen fremd blieben, die eine Überfülle oft widersprüchlicher Erscheinungen zu einem Ganzen zu formen versuchten. Tendenzen, die dann in der Wiener Klassik gipfelten. Bachs streng spekulatives Denken brachte zwei ausnehmend rätselhafte Großwerke hervor, die „Kunst der Fuge“ und „Das musicalische Opfer“, in dem er ein angeblich vom Preußenkönig Friedrich II. stammendes Thema in einer Vielzahl von Nummern verarbeitet: Ricercari, Canones und eine Triosonate. Nun überzeugt die Stückfolge des Drucks theoretisch eher als musikalisch, und so haben auch der Tastenspieler Lorenzo Ghielmi, sein die Gambe spielender Bruder und …
***************
Das leuchtet natürlich ein, und es wäre müßig, noch irgendein Wort für Bachs
überzeitliche Geltung einzulegen. Aber der Satz „Während ihm neue Tendenzen fremd
blieben, die eine Überfülle oft widersprüchlicher Erscheinungen zu einem Ganzen zu
formen versuchten“ macht mich nicht glücklich. Hat er wirklich im Musicalischen Opfer
ein Ganzes formen wollen, wie es die Kirkendales in einer ziemlich überspitzten
Weise – als eine einzige große Oratio – verstehen wollten? Nicht vielmehr nur ein
Kunstbuch, eine Sammlung möglichst vielgestaltiger Formen und Techniken?
Andererseits das Wohltemperierte Clavier – durchaus ein Ganzes, wenn auch nicht in
dem Sinn, dass alles aus einer Keimzelle entspringt; sondern ein einziges großes
Dach, unter dem er „eine Überfülle oft widersprüchlicher Erscheinungen“
zusammenzubringen suchte.
Während Beethoven in manchen ausgedehnten Werken tatsächlich alles aus einer
einzigen Zelle hervorwachsen lassen ließ, wodurch die „Überfülle oft widersprüchlicher
Erscheinungen“ durchaus nicht eingeschränkt wurde.
Es ist wie so oft, wenn man etwas auf eine Formel bringen will: der wesentliche
Unterschied liegt außerhalb dieser Formel. Und es ist sehr erhellend, wenn Erwin Ratz
in seiner Formenlehre nachzuweisen sucht, wie Bach und Beethoven im Grunde die
gleichen technischen, formbildenden Verfahren anwenden.
Aber wo liegt nun der grundsätzliche Unterschied, auf den z.B. Furtwängler mit seinem
Wort anspielte, es sei, als vergleiche man den Eichbaum (Bach) mit einem Löwen
(Beethoven). Wo? Auf der Hand natürlich. Oder der Pranke. Vielleicht auch nur auf dem
Blatt.
Aber ich habe noch zu wenig aus Brembecks Kolumne zitiert, der schönste Satz fehlt.
Bach Opfer Ghielmi
Musical Offering (Musicalisches Opfer):
„Tänze des Geistes, der seine Höhenflüge und Spekulationen nicht oberlehrerhaft, sondern wie ein berauschter Sufi unters Volk bringt.“ (Reinhard Brembeck)
Ein Rausch? Trunkenheit ohne Wein? Nur her damit: Dies ist mein Weg.
P.S. 18.02.2015
Die CD ist eingetroffen. Erster Eindruck: Sehr gut, aber … so klingt kein berauschter Sufi. Die Kanons sind zu kurz gefasst, die Pausen zwischendurch zu lang. „Canon perpetuus“ in 1:09 ? Dürfte nicht ein bisschen mehr Wahnsinn durchschimmern? „Cancricans“. Warum nicht vorwärts-rückwärts und wieder vorwärts. Und wieder zurück in den Canon perpetuum und zwar subito und weiter und ohne Pause. Nicht von Bach gewollt? Na und? Aber vielleicht von uns?

Die Schönheit der Logik

Klavierübung der linken Hand und des logischen Harmonieverlaufes

Linke Hand Übung

Der Fingersatz und die Entfaltung in einer runden Sechzehntelkette übt die Weichheit der Handbewegung (es gibt keine Spannung  durch die weit auseinanderliegenden Töne, nicht einmal in Takt 29: der Daumen zerrt nicht am dritten Finger, dieser gibt nach: wozu haben wir ein Pedal?)

Und die Logik? Zugegeben: die rechte Hand fehlt, aber die Töne der linken Hand reichen aus, die Logik des Harmonieverlaufs vollständig zu vermitteln. Es ist günstig, wenn wir schon eine Vorstellung von der harmonischen Logik des Präludiums Nr. 1 aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach haben: es könnte sogar als (seit langem grundlegende) Idee (Erfahrung) noch hinter diesem C-dur-Stück stehen wie hinter einem anderen des gleichen Komponisten. Wenngleich vereinfacht, und – sobald das Endtempo erreicht wird – im Nu vorbeihuschend. Logik ist keine Sache des Tempos. Sie geht einem auf beim Studium der Gedanken und der Fingerfolge in Ruhe und Sorgfalt. Es geht hier um die Einheit von Hand und Gehirn. Be–Greifen.

Hier folgt also BACH (erst später wird an dieser Stelle verraten, welches Stück wir mit der obigen Übung unter einem technischen Vorwand strukturell erfassen wollten. Jeder Pianist wird es auf Anhieb erkannt haben.)

Bach Harmonie-Schema Bitte anklicken!

Identifikation der Linke-Hand-Übung im Chopin Prélude op.28 Nr.1

Chopin Prelude 1

Der interessanteste Teil der Arbeit beginnt jetzt mit den „harmoniefremden“ Tönen der rechten Hand. (Die in blauer Farbe hinzugefügten Taktzahlen dienen der schnelleren Auffindung im ganz oben wiedergegebenen Übe-Schema.)

***

Ebenso: die physiologisch guten Bewegungen der Hände: jeden Takt einzeln wiederholen, bis er sich „schön anfühlt“. Die Hände in Wellen „wie verliebte Schwalben“, einander streifend. Auch Zweitaktgruppen wiederholen, Viertaktgruppen z.B. T.13-16, T.17-20, T. 21-24, T. 25-28.

Auch Pedalbeobachtung: nur linke Hand, aber nicht auf den Tasten liegen lassen, sondern weich nach rechts oben abheben lassen (KIang hören!) und wieder auf dem kleinen Finger landen lassen.

***

Über dem Spielen das Denken wachsam halten: wenn die rechte Hand in der ersten Hälfte des Stückes immer die Zählzeit 1 freilässt (Sechzehntelpause!), aber in den Takten 18 bis 20 diese 1 anschlägt (in den letzten Takten des Crescendos), aber den Höhepunkt, das ff wieder freilässt, ebenso im nächsten Takt, dann wieder einen Takt mit Anschlag auf 1, dann wieder nicht, ab Takt 25 zweimal mit, zweimal ohne, – was bedeutet das? Warum ist das so? Warum hört man ab Takt 29 in der linken Hand als dritten Ton immer ein G, während die rechte Hand einen F-dur-Dreiklang spielt? (Dumme Frage, schwer zu beantworten. Glockenwirkung dieses Ausklingens.)

***

Für Katharina, Sonntag 8. Februar 2015

Nachtrag

Eine kleine Unlogik ab Takt 18 u.ä.: Unter dem oberen Bogen steht eine 5, als handele es sich um eine Sechzehntel-Quintole. Das ist nicht richtig, die 5 Sechzehntel sind nicht gleich lang, die ersten beiden haben den Wert von je anderthalb oder mit anderen Worten: es handelt sich um eine Duole, während wir sonst seit Takt 1 immer 2 Triolen in jedem Takt haben, in diesem Takt aber haben wir in der ersten Hälfte zwei ganz normale Sechzehntel („Duole“), deren zweites auch präzise in die Triole der linken Hand gesetzt werden muss, nämlich genau zwischen den zweiten und dritten Ton der Triole.

Von der Mittelstimme des Daumens der rechten Hand schweigt des Logikers Höflichkeit (Achtel mit Punkt + Sechzehntel): Sechzehntelpausen und Sechzehntelnoten werden stillschweigend in den Fluss der Sechzehnteltriolen eingepasst.

Weitere Übung

Hören, was ein gewisser Paul Barton zu diesem Stück zu sagen hat,sehr nützlich: 8 Minuten auf youtube.

Weiteres von Bachs Wendepunkt

Als Ergänzung zum großen Artikel Reinhard Goebels kann man den frühen Essay lesen, den Robert Hill 1999 für seine CD „Concerto, Fantasia & Fuge“ geschrieben hat. (Und als Ergänzung hören kann man dazu die CD von Andreas Staier.)

Der entscheidende Wendepunkt in Johann Sebastian Bachs Komponistenleben trat wohl ein, als er im Juni 1713 auf Antonio Vivaldis Opus 3 stieß, die Konzerte der Sammlung „Estro Armonico“. Bis dahin hatten die italienischen Konzerte von Tomaso Albinoni, Giuseppe Torelli und anderen Komponisten wichtige Anstöße für die Entwicklung des deutschen Konzertes von Bach und Georg Philipp Telemann geliefert. Es fehlte diesen Modellen jedoch die vollkommene Integrität der Vivaldischen Konzerte aus Opus 3. In ihnen sind die harmonische Architektur, die thematische Struktur aus Ritornell-Episoden sowie eine Nebeneinanderstellung von Tutti- und Solo-Kräften in einer Art koordiniert, die der Form des Allegro im Konzert ein klares Profil und eine eindringliche rhetorische Energie verleiht. Von diesem Zeitpunkt an ist kaum ein Satz in Bachs Musik zu finden, der nicht auf diese entscheidende Begegnung mit Vivaldis Konzertidee Bezug nimmt.

Quelle Robert Hill: Im Konzertstil: Werke für Tasteninstrumente aus den Weimarer Jahren / hänssler edition bachakademie  LC 06047 CD 92.105

Bach Hill Fantasien Cover Titel Dank an BS!

Natürlich ist dieser Einfluss von Vivaldi auf Bach für die Musikwissenschaft nicht neu, doch wichtig ist, ihn immer wieder neu zu entdecken und nachzuvollziehen, ja, neue Worte dafür zu finden. Das frappierende Insistieren auf bestimmten Motiven in BWV 922 (VOR der Vivaldi-Entdeckung) hat ja auch etwas Begeisterndes. Ein fast orientalisches Auskosten einer einzigen melodischen Zelle – allerdings durch Harmoniewechsel!

REINHARD GOEBEL

Der großen Öffentlichkeit aber wurde der Komponist [Vivaldi] erst mit dem fabelhaften Druck des Opus 3, seiner ersten Konzert-Sammlung bekannt – und man war hingerissen und fiel ins Vivaldi-Fieber: ganz zu recht! Denn eigentlich krebste man in Deutschland immer noch in einem verlängerten 17. Jahrhundert herum und suchte verzweifelt nach formal und organisatorisch logischen Lösungen für Beginn und Ende eines Instrumental-Werks, um die Probleme von Zeit und Raum und musikalischer Kohärenz in der Instrumental-Musik zu meistern – in der Vokalmusik hingegen war das Problem nicht so offensichtlich, denn hier vertonte man „am Text entlang“ : neue Worte, neue musikalische Motive…

Und so heißt es bei Forkel über den immerhin schon 25jährigen Bach: „ Er fing bald an zu fühlen, daß es mit dem ewigen Laufen und Springen nicht ausgerichtet sey, daß Ordnung, Zusammenhang und Verhältniß in die Gedanken gebracht werden müsse und daß man zur Erreichung solcher Zwecke irgend eine Art von Anleitung bedürfe. Als eine solche Anleitung dienten ihm die damals neu herausgekommenenen Violinconcerte von Vivaldi. —- Er studierte die Führung der Gedanken , das Verhältnis der selben unter einander, die Abwechselungen der Modulation und mancherley andere Dinge mehr. Die Umänderung der für die Violine eingerichteten, dem Clavier aber nicht angemessenen Gedanken und Passagen lehrte ihn auch musikalisch denken…“

Was Alfred Brendel 1977 zu BWV 922 sagte:

Und dann gibt es ja noch eine Gruppe von Werken besonderer Art, die ganz für Instrumente der Zukunft geschrieben scheinen. Die ungeheuerliche a-moll-Fantasie („Präludium“) gehört zu ihnen. Als Cembalostück scheint sie mir verfehlt. Erst der Flügel erweckt diese ständige Folge von Überraschungen, in der kein Takt preisgibt, wo der nächste hinführen wird, zum Leben.

[Zur Frage, ob das nicht auf eine Romantisierung Bachs hinauslaufe:] Nicht unbedingt. Man sieht in Bach manchmal nur den großen Ordner und Architekten. Dabei hat niemand den Geist der Improvisation unmittelbarer festzuhalten verstanden als Bach in seinen Fantasien. Hat er nicht die Ausführung der Arpeggien in der Chromatischen Fantasie dem Spieler überlassen? Ich glaube übrigens kaum, daß die Romantiker an der a-moll-Fantasie viel Freude gehabt haben. Sicher fanden sie sie verrückt und verworren. Ich erinnere mich an die Zeit, da man den Übertreibungen „romantischer“ Interpretationen solche von abstrakter Trockenheit entgegensetzte. Heute wiederum hören wir Couperin auf dem Cembalo in einer Weise, die mit Paderewskis Aufnahme vieles gemeinsam hat: kein Akkord bleibt unarpeggiert, und die linke Hand schlägt immer vor der rechten an.

Quelle Booklet mit Terry Snow zu Philips LC00171 Decca Music Group 2006 „Italian Concerto“ u.a.

Toleranz

Null Pardon für Götter aller Art?

Götter Presse Solinger Tageblatt 20.01.2015

Buddha gestürzt kl München 05.09.2013

Zu jeder Forderung nach religiöser Toleranz gehört die Frage: Und was ist mit den Ungläubigen? Warum das Gerede über gutes Einvernehmen zwischen „den drei“ Weltreligionen, wenn alle anderen unter ein heimliches Verdikt fallen: was ist mit der Vielgötterei des Hinduismus, – redet sich da jemand heraus mit dem Hinweis, dass man getrost – wie geschehen – Christus mit Krishna gleichsetzen dürfe? Und was ist, wenn der Thron leer bleibt, wie im Buddhismus? In München habe ich gesehen, wie sich Leute über eine umgestürzte Buddhafigur auf dem Viktualienmarkt aufregten, als sei es eine Untat wie die Sprengung des Weltkulturerbes in Bamian durch die Taliban. Wird man eigentlich über „Glauben“ jemals aufgeklärt, während man sich jede wichtige Urkunde durch einen Anwalt „beglaubigen“ lassen muss? Vielleicht war es ein Trick, die Aufklärung mancher Absurditäten grundsätzlich zu behindern, indem man uns bestimmte Paradoxa von Kindheit an einüben ließ: „Credo quia absurdum est“ oder: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“

Ich will diese Sätze nicht ad absurdum führen (z.B. ist das Kind von ganz anderer Seite rehabilitiert, – durch Nietzsches Zarathustra und jede Mutter, jeden Großvater). Ich finde, dass jeder, der „im Namen Gottes“ zu anderen Menschen spricht, verpflichtet werden muss, die Gottesbeweise des Thomas von Aquin aufzusagen und Immanuel Kants Widerlegungen zu interpretieren. Zusatzaufgabe sei die Beantwortung der Frage: Was hat Hegels Weltgeist mit Theologie zu tun?

Oder: eine lange Rede von Jan Assmann anhören und inhaltlich wiedergeben. Zum Beispiel – da es in der Toleranzfrage immer um Offensichtliches und Sichtbares geht – etwas über die Frühzeit des Bildes, den „Iconic Turn im alten Ägypten“, also HIER. (Aber Sie brauchen gut 2 Stunden… ja und? ist es die Sache etwa nicht wert?).

So etwa dachte ich heute morgen ins Unreine, als ich den Artikel über „Verschnippelte Götter“ im Tageblatt gelesen hatte. Ist das denn erlaubt, die „winkende Göttin Shiva“ als Conchita Wurst zu malen. Reicht die Vielarmigkeit, oder ist nicht auch das Lingam zur Geschlechtsbestimmung geeignet? Nein, die Shiva, die ihr vielleicht meint, ist die Tochter von Nina Hagen, nicht der höchste indische Gott (oder einer von den mindestens Dreien).

Aus dem Buch MAYA Der Indische Mythos von Heinrich Zimmer Rascher Verlag Zürich 1936 Seite 355f:

Maya Zimmer 1 Maya Zimmer 2

Zeugung? Geburt? Tod?

Ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass der Indologe Heinrich Zimmer auf den Tag genau 50 Jahre vor mir in derselben Stadt geboren wurde wie ich, in Greifswald; dass es aber nicht zulässig ist, auch eine Parallelität im Todesdatum zu suchen, denn dieses wäre der 20.03.1993 gewesen. Der Schleier der Maya bedecke, was ich an diesem Tag getan habe. (Ich weiß es wirklich nicht. Mit Sicherheit aber war ich nicht in New York.)

—–

Natürlich konnte ich es nicht lassen: was habe ich an diesem 20.03.93 getan? Es lässt sich rekonstruieren, bis ins Detail, wenn ich auch die Tage ringsum ins Auge fasse: vor allem habe ich den Trailer für eine Matinee mit Geoffrey Oryema entworfen (und produziert). Mein Notizbuch ist ziemlich ergiebig, ich werde einen Extra-Blogartikel daraus machen. Die Violinschlüssel bedeuten „Musik“, ich habe sie noch im Ohr. Finde ich sie wieder? Ja, hier ist sie, und ich möchte gleich heulen. Wie damals. Aufarbeitung eines „fatalen“ Datums.

Matinee 1993 Oryema

Fragwürdige Mehrheiten

Politische Diskussionen, besonders zu Wahlzeiten, kommen häufig an den Punkt, dass die Befürchtung formuliert wird, es könnten sich Mehrheiten bilden, die der Demokratie gefährlich werden und in absehbarer Zukunft auch das Prinzip freier Wahlen in Frage stellen könnten. Zuweilen folgt der Hinweis auf die angeblich freien Wahlen, die der arabische Frühling in Ägypten ermöglicht hatte, die jedoch – statt eine Demokratie zu begründen – eine mehr oder weniger radikal islamisch orientierte Masse – die Mehrheit – in die Lage versetzt habe, mit Hilfe einer neuen Regierung alle Andersdenkenden für immer aus dem politischen Prozess auszuschließen. Wie kann man diesen Widerspruch in aller Kürze auflösen?

Der SPIEGEL stellte innerhalb eines Gesprächs mit dem Historiker Heinrich August Winkler genau diese Frage, – warum die normative politische Kultur des Westens, die angeblich so attraktiv für den Rest der Welt sei, dort immer wieder durch echte oder zusammengemogelte Mehrheiten ausgeschaltet werde? Die Antwort, finde ich, so einfach sie klingt, dürfte als Grundkonsens für jede weitere Diskussion zugundegelegt werden, auch in der Auseinandersetzung mit Angehörigen anderer Kulturkreise, selbst solcher, die das irdische Recht nicht als der Weisheit letzten Schluss betrachten. Es gibt kein anderes Recht für alle, solange wir gemeinsam auf Erden leben.

Das zeigt, dass sich das westliche Projekt nicht auf das Mehrheitsprinzip und formal freie Wahlen reduzieren lässt. Ohne Menschen- und Bürgerrechte, ohne unabhängige Justiz, ohne Rechtsstaatlichkeit kann das Mehrheitsprinzip zu autoritären und totalitären Konsequenzen führen. Das hat auch Deutschland erlebt, als es in der Endphase der Weimarer Republik eine negative Mehrheit gegen die Demokratie gab. Die vulgärdemokratische Interpretation des westlichen Projekts hat immer in die Irre geführt.

Darauf wiederum die Frage: Mehrheitsprinzip und Volkssouveränität seien doch wesentliche Teile des westlichen Projekts, – mit welchem Recht man dann ein Wahlergebnis in Frage stellen könne, das einem nicht gefalle? Heinrich August Winkler:

Die Gedanken von Volkssouveränität und repräsentativer Demokratie dürfen nicht isoliert werden von der Idee der Herrschaft des Rechts und der Gewaltenteilung als Bedingungen der Zivilgesellschaft. Wo diese Bedingungen fehlen, kann man nicht von pluralistischer Demokratie sprechen. Das Mehrheitsprinzip alleine reicht nicht aus, um eine freie Gesellschaft hervorzubringen. Das wusste schon der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill vor über 150 Jahren: Tyrannei kann nicht nur von absoluten Herrschern, sondern auch von Mehrheiten ausgeübt werden.

Quelle DER SPIEGEL Nr.1 29.12.2014 Seite 26-29 „Ein neuer Sonderweg“ Spiegel-Gespräch Der Historiker Heinrich August Winkler über den Verrat westlicher Werte durch die USA, den Unterschied zwischen Irak-Krieg und Krim-Krise sowie die Ahnungslosigkeit von Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder. (Zitate Seite 29)

Höchstes Glück der Erdenkinder…

… ist doch die … (nun?) … sei nun … (nein!) … sei nur …

Ja, „sei nur die Persönlichkeit“, so steht es da. Und zwar im Zeichen der Suleika. Aber wie kam ich heute nacht drauf? Heute Nacht? Weil ich vorm Einschlafen über Hamlet gelesen hatte. Und spottete noch, dass es wohl „Enkelkinder“ heißen müsste, frühmorgens vor Heiligabend, und „Persönlichkeit des Großvaters“. Erinnerte mich aber , dass ich Adornos „Glosse über Persönlichkeit“ Ende der 60er Jahre noch nach einer auf Tonband genommenen Radiosendung mit eigner Hand aufgeschrieben habe, von Anfang bis Ende, aber letztlich allein durch das Ende derart motiviert:

Wäre er ein richtiger Mensch, so wäre er nicht länger Persönlichkeit, aber auch nicht unter ihr, kein Reflexbündel sondern ein Drittes. Es blitzt auf in der Hölderlinschen Vision des Dichters: „Drum, so wandle nur wehrlos / Fort durchs Leben, und fürchte nichts!“

Shakespeare Titel  Shakespeare Text Cover gr Shakespeare Text Cover kl

Vielleicht erscheint diese geträumte Bildergeschichte im Nachhinein haltlos übertrieben, selbst mir, denn es ging vorerst nur um Hamlet (nein, zuerst über den Mohren von Venedig, nein, den „Mohren“ von Venedig). Wie kam ich in diesem Zusammenhang noch auf den Buchtitel „Wer bin ich und wenn ja wie viele“? Noch zu behandeln: Wie kam eigentlich Monteverdi in seiner Marienvesper auf „Nigra sum“? Wie schwarz ist Clorinda in seinem Combattimento? (Natürlich ist sie weiß! Aber das ist nicht selbstverständlich, sie musste von Tasso weiß gemacht werden.) Es gibt Arbeit! Lese- und Schreib-Arbeit.

Frank Günther zitiert einen Text von Jacob Burckhardt (1860) über die Renaissance, als man in Italien sämtliche Dinge dieser Welt objektiv betrachten lernt; wobei sich zugleich „mit voller Macht das Subjektive erhebt, der Mensch wird geistiges Individuum und erkennt sich als solches.“ Und fügt hinzu:

In diesem alten Text schwingt selbstbewusster Jubel über das Geleistete und Erreichte: der Glaube an die unwiderruflichen Werte des abendländischen Individualismus. Sie gehören, wie ein fernsehtauglicher Mode-Philosoph kürzlich sagte, längst in die Mülltonne der Geschichte. Die Begriffe Identität und Individualität, unsere Ich-Konstitution, sind nicht zuletzt durch Performanz-Theorien und Neurophysiologie pulverisiert – sie sind Chimären: Ich ist ein anderer. Ich bin viele. Und die numerische Mehrheit der Weltbevölkerung hat sie nie nachvollzogen; sie sind eine westliche Erfindung ohne Nachfolge.

Quelle Frank Günther: Unser Shakespeare / dtv München 2014 ISBN 978-3-423-26001-5

Ich finde, dass der Satz von der Mülltonne nicht der bedeutendste ist, den „ein  fernsehtauglicher Mode-Philosoph“ hätte sagen können, aber für seinen Namen und für seinen wirklich bekanntesten Satz wäre wohl noch Platz gewesen. Denn wer sich auf diese neue Philosophie-Mode eingelassen hat, könnte gerade dadurch auch potentieller Leser dieses von Denis Scheck bei Markus Lanz dringend empfohlenen Shakespeare-Buches geworden sein. Und sich selbst als Individuum im Hamlet-Kapitel wiedererkannt haben.

ZITAT

Denn in ihm, in seinem Selbst, meint Hamlet, lebt etwas anderes, „was Schau weit übersteigt“. Was ist das, was da in ihm lebt?

Es ist eine Frage, mit der Hamlet sich, das ganze weitere Stück über, weit mehr beschäftigen wird als mit seinem Racheauftrag. Sie beschäftigt auch uns heute mehrals die zeitgenössischen Verstehenshorizonte und die religiös-metaphysischen Implikationen eines Königsmodes und des Rache-Konzeptes. Die Figur Hamlet gilt als der erste Mensch der Neuzeit auf der Bühne. Wie der Kulturhistoriker Jakob Burckhardt aufgezeigt hat, war die Renaissance die Geburtsstunde der Individualität. Im Hamlet beobachten wir die theatralische Darstellung der Geburtswehen, mit denen jenes neue Etwas in die abendländische Welt geboren wurde, dessen letzte Nachfahren wir Heutigen sind: Hamlet steht als Archetypus am Beginn der Geschichte unseres „Ich“.

Denn der Einzelne war nicht immer ein „Individuum“: Er war im Mittelalter Teil einer paternalistischen, strikt religiös ausgerichteten Gemeinschaft, einem domestizierenden Kollektiv aus Familie, Clan oder Volk, das für ihn eine vorgegebene Rolle bereithielt und deren Einhaltung die soziale Kontrolle der Gemeinschaft überwachte. Vom Einzelnen wurde die Ausfüllung dieser Rolle verlangt, aber nicht etwa zum Wohle seines Selbst, sondern im Dienst an Gott und Gemeinschaft. Auch die christliche Einzelseele war nur in Beziehung zu Gott gesehen, war dienend ausgerichtet auf den „Herrn“. Mit Misstrauen betrachtete man Abweichungen: Ein persönlicher „Stil“, eine eigene „Handschrift“, „Selbstverwirklichung“ war kein kulturelles Ideal – im Gegenteil: Der Abweichler erschien negativ als Störelement im konformen Ganzen.

Quelle (s.o.) Frank Günther: „Unser Shakespeare“ Seite 66 (oben: Seite 76)

Zur Geschichte von weiß und schwarz, zu Monteverdi und Tasso ein andermal.

Natur global – regional

Ein Grund, nicht nur das Tageblatt zu lesen

Natürlich, es ist unentbehrlich. Ich erfahre nichts über Details aus dem Bergischen Land, meiner unmittelbaren Umgebung, wenn ich die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ lese. Andererseits: was ist die Ursache, weshalb auch Neuigkeiten aus Kunst und Wissenschaft so unterschiedlich behandelt werden: als seien in der Provinz nur Kuriositäten gefragt, in der überregionalen Zeitung aber die Details? Der globale Blick schärft den Sinn für die wesentlichen Dinge auch im Detail. Und gerade weil sie so ausführlich behandelt werden, sind sie auch interessant und bedeuten mehr. Was links den Blickfang und die Schlagzeile ergibt, ist rechts nur eine Randbemerkung wert: „Die Analyse zeigt übrigens auch, dass die Falken enger mit Papageien verwandt sind als mit Adlern.“

ST Tierisch Falken Papageien kl  SZ Falken & Papageien

Mit Recht steht unter dem ausführlichen Artikel (rechts: Süddeutsche Zeitung 12.12.2014) auch ein Autorenname: Hanno Charisius. Man findet den Text nicht im Internet, aber ich habe ihn längst abgeschrieben. So viel Zeit muss sein. (Genau wie früher in den Klöstern, wenn Bruder Charisius mal wieder Vorbildliches aufs Pergament gebracht hatte…)

Man kann aber auch den verschlungenen Weg zu den Originaltexten nachvollziehen: z.B. Hier.

Da wir heute sozusagen in der Rubrik „Vermischtes“ unterwegs sind, darf ich noch einen Video-Link mitteilen, den ich Manfred Bartmann verdanke. Mein Lieblingsinstrument Dan Bao!

Wollen Sie das Instrument womöglich lernen? Oder lernen, wie man’s lernt? Schauen Sie HIER.

Vielleicht suche ich aber gar nicht dies, also etwas was Musik betrifft, sondern die Stille? Und höre, dass jemand sagt: „Stille ist nicht die Abwesenheit von etwas, sondern die Präsenz von allem.“ Gordon Hempton hat das gesagt, und er ist es, der sich oft genug im allerstillsten Gelände der USA befindet. Hier kann man hören, wie still es dort ist. http://onesquareinch.org/

Tui-Übung

Der TUI ist eine Vogelart in Neuseeland. Wikipedia sagt:

Die Stimme des Tui ist recht laut und kraftvoll, der melodische Klang wird oft von abwechslungsreichen klickenden und schnarrenden Geräuschen unterbrochen. Er ist dem der südamerikanischen Glockenvögel (Procnias) zum Verwechseln ähnlich, die Stimme der Glockenvögel weist jedoch deutlich weniger Resonanz auf.

Ich möchte ihn hören und am liebsten beim Singen auch sehen; hier ist eine Möglichkeit, der Vogel wurde aufgenommen im Orana Wildlife Park, Christchurch, Newzealand:

Interessant, dass der Aufzeichner zunächst eine Version mit verlangsamtem Gesang veröffenlicht hatte, bei dem man jedes Detail in tiefer Lage überdeutlich und genau, aber eben auch verfremdet wahrnimmt. Es sei der erste Teil meiner Übung, zwischen diesen beiden Versionen zu wechseln, bis sie ganz vertraut sind.

Als nächste Stufe folgt der Vergleich mit völlig anderen Quellen des Tui-Gesangs, nämlich hier.

http://nzbirdsonline.org.nz/species/tui

Zur Erinnerung und zur besseren Orientierung kann ich mir mit Hilfe des folgenden Fotos Notizen zu den einzelnen Aufnahmen machen:

Tui Beispiele Tui 12 Beispiel Bild

Der Gesang des Tui-Vogels steht am Anfang der Komposition „Couleurs de la cité celeste“ von Olivier Messiaen. Ich lege die Aufnahme auf einem zweiten geöffneten Fenster bereit und stelle jedesmal, wenn ich den Vogel „real“ gehört habe, die von Messiaen gewählte Eröffnungsphrase dagegen, 7 Sekunden (youtube s.u. von Anfang der Aufnahme bis in die Pause nach 7 Sekunden), sofort ein zweites Mal und noch 10 weitere Male.

Es reihen sich mehrere Vogelstimmen aneinander, der Tui kommt noch einmal ab 0:32 (bis 0:40), dann – nach der kleinen Pause – erklingt zum erstenmal die Alleluia-Melodie ab 0:43 (bis 0:52).  Und damit habe ich schon ein paar wesentliche Dinge ins Gedächtnis eingegraben. Ich sollte sowohl die originalen Vogelstimmen wie auch die Umsetzung bei Messiaen imaginieren können…

(Fortsetzung folgt, wenn ich genügt oft geübt habe)

Weitere Bausteine:

Der BENTEVEO aus Argentinien (leider mit Geräuschen von Baufahrzeugen, aber instruktiv):

„Troglodyte Barré“  bzw. „Thryophylus pleurostictus“

Zu vergleichen mit den schönen Beispielen im folgenden Artikel (siehe rechts: cri & chant)

ZITAT

Chant : C’est l’un des chanteurs les plus accomplis du genre thryothorus. Son chant, qui retient fortement l’attention, est un mélange de sifflements, de glougloutements et de trilles dont certaines phrases rappellent fortement ceux du rossignol européen. Les cris comprennent de courts trilles et un ronflement rauque et nasillard ‚jerr-jerr-jerr‘.

http://www.oiseaux.net/oiseaux/troglodyte.barre.html