Hommage an die großen Diven des Orients

Ein ARTE-Konzert sondergleichen – noch abrufbar bis 29.03.2020

 bitte anklicken und auch die kleinen Bilder rechts zur Kenntnis nehmen. Es bleibt interessant ! Zur Originalsendung jedoch nur über den folgenden Link:

HIER

https://www.arte.tv/de/videos/081568-000-A/hommage-an-die-grossen-diven-des-orients/

Ich habe es zum zweiten Mal gehört und gesehen / siehe die Reaktion damals hier im Blog. Jetzt haben wir die Sendung aufgezeichnet, um sie auch nach dem 29. März nicht mehr zu verlieren, und betrachten sie immer aufs neue: Arabische Musik als große Kunst. Man braucht die reale Länge, den Ernst der Aufführung, auch das Erlebnis der allmählichen Abflachung, es gibt keinen unüberwindlichen Graben zwischen hohem Ernst und spielerischer Leichtigkeit, bis hin zu den Dabke-Rhythmen und den Bändern der Terzparallelen am Schluss.

Um an die damaligen Analysen anzuknüpfen und zugleich den fachlichen Anspruch zu dämpfen, würde ich heute sagen: es genügt, mit großer Ruhe dem Verlauf der Melodie-Entwicklung zu folgen und zu versuchen die tonalen Bereiche liebzugewinnen, keinen (!) Ton für unsauber zu halten, es handelt sich gerade um die wunderbarsten Eigenarten des arabischen Tonsystems. Im dritten Teil des Abends werden nur die Skalen verwendet, die „zufällig“ der Dur- oder Mollskala der westlichen Musik entsprechen, auch weiß man natürlich wie eine gefällige, fassliche Melodik dem westlichen Verständnis entgegenkommt, und es ist kein Zufall, dass es dann ein wenig nach Balkan klingt (die „mazedonischen“ Terzen). In den großen Gesängen des Abends , z.B. „Al-Atlal“ nach Oum Kalthoum, genügt es empathisch mitzuerleben, wie der Schwerpunkt sich allmählich verlagert, vom Grundtonbereich aufwärts, welche Tonfiguren bevorzugt werden, wie die Ornamente wirken. Als würden mit ihrer Hilfe erst die Farben der Töne, ihre Charakteristik erzeugt. Manches ist nicht anders als bei Beethoven: bestimmte Entwicklungen, obwohl durch kompositorische Skizze und etwa durch Oum Kalthoums kongeniale Interpretation für immer minutiös festgelegt, erscheinen diese Tongebilde so frei und großartig, als würden sie erst heute, wie am ersten Tag der Schöpfung, erfunden und in den ahnungslosen akustischen Raum gezeichnet. Ahnungslos? Viele Menschen im Publikum könnten mitsingen, zumindest die Orchester-Refrains, sehr eigenartige Melodien des Komponisten Riad Al Sunbati. ( JR)

Pressetext:

91 Min. Länge / Nächste Ausstrahlung am Dienstag, 24. März um 05:00 (!)

Fairuz, Umm Kulthum, Leila Murad, Warda al Djazairan, Asmahan, Mayada Alhenawy – die Namen dieser Diven lassen die Herzen in der arabischen Welt höherschlagen. Im Westen sind diese in ihrer Heimat durchweg berühmten Künstlerinnen dagegen kaum bekannt. Drei junge arabische Sängerinnen interpretieren die Lieder ihrer großen Vorbilder in einem außergewöhnlichen Konzert.

Göttinen, Diven, Idole, Mythen – Seit den 1940er Jahren hat die arabische Welt zahlreiche Frauenstimmen hervorgebracht, die die Herzen von Männern, Frauen und Kindern haben höherschlagen lassen. Ob Umm Kulthum oder Leila Mourad aus Ägypten, Warda al Jazairia aus Algerien, Fairuz aus dem Libanon, Mayada El Hennaway aus Syrien oder die syrisch-ägyptische Diva Asmahan: Die Grandes Dames arabischer Populärmusik haben ganze Kulturkreise fasziniert. Zugleich verkörperten sie die Aufbruchsstimmung eines sich modernisierenden Volkes. Doch bis heute sind die orientalischen Diven und ihre Stücke in Europa kaum bekannt. Um dem entgegenzuwirken, veranstaltete die Pariser Philharmonie im Zuge der Ausstellung „Al Musiqa“ des Musée de la musique, die vom 6. April bis 19. August 2018 stattfand, zwei Wochenenden, die ganz im Zeichen arabischer Musik standen. Dazu lud sie am 12. Mai 2018 drei Sängerinnen dazu ein, im großen Saal die schönsten Stücke der arabischen Legenden neu zu interpretieren: Die libanesische Sängerin und Musikwissenschaftlerin Abeer Nehme, die im religiösen Register ebenso bewandert ist wie im populären, Dalal Abu Amneh aus Palästina, die seit ihrem sechzehnten Lebensjahr von ihren Musikerkollegen gefeiert wird, und Mai Faruk, eine der schönsten Stimmen Ägyptens. Begleitet wurden die drei Sängerinnen vom Orchestre du monde arabe unter der Leitung des palästinensischen Dirigenten Ramzi Aburedwan. Die Lieder handeln von Liebe, Poesie und vom Leben der arabischen Frauen.

  • Regie : Olivier Simonnet

    Mit :
  • Abeer Nehme (3) 01:02:30 bis 01:09:00 bis 01:21:39 / danach alle drei

  • Dalal Abu Amneh (1) 1:30 bis 30:55

  • Mai Faruk (2) 31:03 bis 01:01:01

  • Dirigent:
  • Ramzi Aburedwan

  • Orchester :
  • Arab World Orchestra
  • Land : Frankreich
  • Jahr : 2018

Bildung, Kultur und darüberhinaus

Wie ein fruchtbares Gespräch verlaufen könnte

ZITAT zur heutigen Situation

Die Kulturmaschine fordert die Enthierarchisierung der Kulturformate. Während die klassische Moderne eine klare Hierarchie zwischen Hochkultur und Massen- beziehungsweise Populärkultur sowie öffentlicher und privater Kultur sah und kultivierte, bauen sich diese Hierarchien in der digitalen Welt der Spätmoderne ab. Sämtliche Kulturelemente sind nun auf die gleiche Weise zugänglich und unterliegen den selben Mechanismen der Aufmerksamkeits- und Valorisierungsmärkte. In der digitalen Welt befinden sich die Kulturformate alle auf einer Ebene, die hochgradig plural ist; nur wenige Klicks führen die Rezipienten aka [also known as] User von ihren privaten Urlaubsfotos zu Klassikern der Filmgeschichte, von den Nachrichten ihrer Freundezum Bericht vom Parteitag, vom Porno zu Shakespeares The Tempest oder Innenansichten der Suiten eines Pariser Nobelhotels.

Anmerkung 35

Die formale Gleichheit der Kulturelemente geht mit ihrer Entkontextualisierung einher. Klassische Kulturhierarchien wurden auch über die eindeutige Differenzierung stabilisiert: Bücher in der Bibliothek, Nachrichten im Fernsehen, klassische Musik im Konzerthaus, private Mitteilungen im Brief oder am Telefon. Nun sind jedoch alle diese heterogenen Kulturformate über den „gleichen Kanal“ zugänglich.

Zugleich konkurrieren diese Kulturformate gewissermaßen objektiv auf der gleichen Ebene miteinander: Es findet ein Wettbewerb um Sichtbarkeit und Anerkennung statt, konkretisiert in der Anzahl der Klicks und der Verlinkungen, der Likes und der Rangfolge, den die Suchmaschinen ihnen zuordnen. In diesem Wettbewerb stehen die Urlaubsfotos ebenso wie die Shakespeare-Sonette, das Hotel, der Parteitag oder der Tweet in gleicher Weise. Enthierarchisierung heißt natürlich nicht, dass alles gleich viel wert wäre, im Gegenteil: Mit Blick auf ihr Aufmerksamkeitsprestige sowie ihre valorisierte Qualität unterscheiden sich die Kulturformate drastisch voneinander. Den wenigen äußerst sichtbaren Elementen steht die große Masse der nahezu unsichtbaren gegenüber. Wie in der Ökonomie der Singularitäten herrscht auch im Internet eine ausgeprägte Sichtbarkeitsasymmetrie; und beide Asymmetrien, die ökonomische und die medientechnologische, verzahnen sich miteinander.

Quelle Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten / Zum Strukturwandel der Moderne / Suhrkamp Verlag Berlin 2017 (Seite 240f)

Wo bleibt der Wille zur Bildung durch Bücher?

Eine Merkwürdigkeit: dass diese ganze Diskussion, die um die letzte Jahrhundertwende stattfand, vergessen ist. (Über Dietrich Schwanitz hier).

Was ich früher mal zum Thema notiert habe

  zur Blogseite HIER

Zur Bildung gehört meines Erachtens nicht nur das Lernen (und das heißt eben nicht einfach: der einzelne Mensch vor dem Computer), sondern auch das Gespräch, die Diskussion, – nicht die konfrontative, in der die Teilnehmer letztlich nur die jeweils eigene Position ausbauen und verstärken, sondern die konstruktive, einander ergänzende, durchaus latent competitive Unterhaltung mit einer anderen Person (oder mehreren, ich glaube, nicht mehr als um einen kleinen Tisch passen). Die Runde bei Markus Lanz (eine zur Kamera hin aufgebrochene!) ist etwas anders, weil der Moderator Sonderrechte genießt, die im Gespräch schwer erträglich wären. Trotzdem ist es möglich, dank seines persönlichen Geschicks und seiner Fähigkeit zuzuhören. Vielleicht eher nach dem Muster der Precht-Sendung, in der durchaus drei oder vier kommunizierende Teilnehmer denkbar wären, die sich unterhalten.

  Screenshots ZDF-Sendung

Gesprächstext ausschnittweise

Lanz ab 32:42

So hängt alles mit allem zusammen, und es ist auch klug, die Argumente auszutauschen. Harald Lesch ist bei uns, der ein interessantes Buch mitgebracht hat, eigentlich ist es eher son Streitgespräch, und eigentlich ist es, so hab ich das gelesen, eher die Aufforderung, ein Herzensthema von Ihnen, nämlich Bildung, und die Frage, wie schauen wir auf Wissen, mal wirklich auf den Kopf zu stellen. Was läuft denn, wenn wir ne kleine Analyse mal machen, was läuft denn (..) wenn Sie mal versuch müssten, die fünf wichtigsten Punkte kurz ma skizzieren, – Was läuft grundlegend und prinzipiell nicht gut in unserem Bildungssystem, Ihrer Meinung nach?

33:25 LESCH Also ich glaube, dass insgesamt zu wenig in Zusammenhängen unterrichtet wird. Also wir haben zuviel Schubladen und zu wenig Motivation für alle diejenigen, die alle diejenigen, die irgendwo unterrichtet werden: Warum soll ich mich mit einem bestimmten Thema überhaupt auseinandersetzen? Und dadurch, dass die Fächer so stark voneinander getrennt sind, anstatt sie wirklich zusammenzuziehen, und anhand von einem Phänomen, einem bestimmten Thema sollten möglichst viele Schulfächer sollten daran arbeiten, Klimawandel wäre zum Beispiel son wunderbares Thema, wo man zeigen kann, da sind nicht nur die Naturwissenschaften, sondern natürlich auch Literatur, wie gehen Menschen in den Ländern mit den Gefahren eines verwandelten Klimas um? Was bedeutete das, wenn (Geschichte!) genau, Geschichte natürlich, das Anthropozän als Begriff, der Dirk [Steffens] was ja neulich hier und hat das erzählt, durch den Menschen, ich benutze gern das Wort Kapitalozän, nicht wahr, das Erdzeitalter, das durchs Geld geprägt ist, aber das hats noch nicht so weit gebracht (ML Sie kriegen heute wieder Ärger nach dieser Sendung, Herr Lesch, aber das kriegen wir schon hin. HL ja das ist schon o.k.)

Der Hauptpunkt ist einfach, dass durch diese Klassifikation in einzelne Fächer in unserm Kopf etwas entsteht, das gar nicht der Welt entspricht. Der Welt entspricht nämlich etwas ganz anderes, dass wir nämlich über grundlegende Fähigkeiten verfügen müssen, wie wir uns mit ihr auseinandersetzen müssen. Und ein wichtige davon, die im Abendland sich entwickelt hat, ist eben: zu schreiben, zu lesen und zu rechnen. 34:55 Das heißt: wir können etwas quantisieren, (zu Juli Zeh, die lacht) nicht quantisieren, Pardon, wir haben vorhin über Dekurenz (???) gesprochen, also wir können etwas quantitativ erfassen, in Zahlen nämlich, – Mathematik spielt für uns ne wichtige Rolle: in allen Lebensbereichen ist es wichtig, die Relationen einschätzen zu können, aber wir müssen auch mit Texten umgehen können, also wir müssen den Text lesen können, verstehen können, interpretieren können, also wir müssen auch verstehen, was zwischen den Zeilen steht, und wir müssen natürlich auch selber Texte produzieren können, und diese drei wesentlichen Fähigkeiten im Zusammenhang gebracht mit dieser unglaublichen Informationsmenge, die uns ja heute über die verschiedenen Medien zur Verfügung stehen, das macht heute einen gebildeten Menschen aus 35:33 und dafür sind die Schulen in Deutschland einfach nicht gemacht… ML mal ganz so ganz holzschnittartig runtergebrochen, wer geht da so mit fünf, sechs Jahre in so ne Schule herein, und wer kommt am Ende raus? HL Also das ist interessant, ich glaube, man sollte n Film drehen, so die erste Woche in so ner ersten Klasse, die sind noch total begeistert, das ist so ne Freude, denen zuzugucken usw. – natürlich gibt’s auch den einen oder anderen, der sagt: hm, hier geh ich nicht mehr hin. Aber dann, merkt man… und wenn man jedes Jahr so ein Video von der Klasse machen würde, wie die Lust etwas zu lernen systematisch in die Knie geht (Lauterbach nickt), und dann kommt die Phase, wo vor allem bei Jungen hier vorne (zeigt auf die Stirn) steht: „under construction“, ja? das ist die Pubertät – „Baustelle!“

– da müsste man etwas tun in der Schule, was in Deutschland viel zu wenig gemacht wird – man muss sie tatsächlich dann in den Wettbewerb schicken, Theater spielen, Musik machen, Sport, Kunst, Werken, woran sich eine Person ausprobieren kann, und dann später – weil Sie vorhin gesagt haben, mit der Pubertät hört die Mathematik auf – um später dann wieder einzusetzen – o.k. jetzt bist du so weit, dass du auch mit Abstrakterem, mit abstrakteren Begriffen und Themen auseinandersetzen kannst, alles woran sich eine Person ausprobieren kann und dann später – weil Sie gesagt haben, in der Pubertät hört die Mathematik auf – und dann später wieder einzusetzen und dann zu sagen: o.k., jetzt bist du so weit, dass du dich auch mit abstrakteren Begriffen, mit abstrakteren Themen auseinandersetzen kannst, – dazwischen muss Schule die Gelegenheit geben, dass Persönlichkeiten entstehen, die an ihrer … an ihrer Findung ihrer Identität viel intensiver beteiligt sind, als das momentan der Fall ist. Wir sind einfach zu viele (Beifall) zu viele Kinder, also: das Leben vieler Jugendlicher findet nur zweidimensional statt, also entweder auf dem digitalen Diktator in der Hand oder auf dem Flachbildschirm, auf dem irgendwelche Spiele gespielt werden. Aber das Dreidimensionale, das Leben, das riecht, das anders klingt, wo es dreckig ist, wo irgendwas passiert, was einem möglicherweise nicht gefällt, und wo vor allem die Auseinandersetzung da ist, – bei Aristoteles ist es im Grunde so schön definiert: Der Mensch ist das Tier, das mit andern Menschen zusammenlebt, das zoon politikon, dieses Zusammensein, das ist natürlich der große… der große Punkt, wo man Schule viel stärker machen muss, und das ist auch der Gegenstand unseres Buches, „Wie Bildung gelingen könnte“, hat natürlich damit zu tun, wie diejenigen sich fühlen könnten, die in der Schule sich Tag für Tag treffen, nämlich die, die unterrichten, und die, die unterrichtet werden. 37:46 Exakt“ ML Wenn wir nun zunächst mal den Blick auf die richten, die unterrichtet werden. Eh … Sie plädieren für die Waldorfisierung der Schule (ja), sagen auch, es könnte mal n bisschen gemütlicher zugehen (na klar), sollte n bisschen mehr Raum geben … auf diese Nachricht habe ich 15 Jahre gewartet (HL lacht laut) und habe sie nicht … und Mathe abschaffen in der Pubertät, und morgens um 9 erst anfangen (aber unbedingt!)… Unbedingt??? Einmal kurz: warum? HL der Biorhythmus der meisten Menschen ist tatsächlich so, vor allem der Kinder ist tatsächlich so, dass ab 9 Uhr ist der Organismus ganz anders wach, aufmerksam und in der Lage, auch für längere Zeit ja dann recht heftig zu arbeiten, diese erste Stunde in der Schule ist für viele Kinder einfach (Geste der Müdigkeit) schwierig. ML Steht da nicht die Sorge, dass man so das Leben einfach verschiebt, also dass das eine große Zeitverschiebung wird, HL Aber man sieht es ja in Spanien, in Frankreich, in Italien, überall fängt die Schule später an Karl Lauterbach es gibt ja auch medizinische Hinweise da drauf, dass … es gibt also Studien darüber, wie der Biorhythmus funktioniert, mindestens die Hälfte der Menschen hat genetisch einprogrammiert, dass über Jahrtausende und Jahrtausende, insgesamt über 30.000 Jahre hat sich das entwickelt, also für die Hälfte der Menschheit ist der Biorhythmus so entwickelt, dass man vor 9 Uhr überhaupt die volle Denkfähigkeit noch nicht hat, leider für mich auch so und … (Lachen und Beifall) ML Also der perfekte Schultag, wie sieht der dann aus? 39:28 (….) Sechsjähriger in die Grundschule, dann lernt der erstmal Lesen und Schreiben, Rechnen wichtig, Sie sagen es, mit der Hand schreiben HL Mit der Hand schreiben ist ne ganz wichtige Sache (weil?) ist für unser Gehirn extrem wichtig, also diese Verbindung zwischen Hand und Kopf, ist über die Handschrift eine ganz wichtige Sache, die zur Vernetzung dieses jungen Kopfes sehr stark beitragen. Der nächste Punkt ist die Frage, mit welcher Geschwindigkeit eigentlich die Inhalte präsentiert werden, und Kinder mögen nichts mehr als zu spielen, also sollte man ihnen zum Beispiel Mathematik – Mathematik – Kopfrechnenwettbewerbe als dieses schnelle — Einmaleins zackzackzack  das ist inzwischen aus der Schule fast verschwunden, es gibt ja fast niemanden mehr, der richtig mit dem Kopf rechnen kann, man weiß es … ich weiß nicht, wann der Taschenrechner seine Tür in die Schule gefunden hat, aber damit war klar: muss ich nicht mehr wissen, und heutzutage geht es ja noch viel weiter, weil: das muss ich nicht mehr wissen ist selbst gesellschaftsfähig geworden weil, man kuckt einfach so automatisch bei der Suchmaschine, deren Name nicht genannt werden muss, bei irgendeinem Lexikon, deren Name auch nicht genannt werden muss, und dann weiß man’s und dann hat mans auch schon wieder vergessen. Aber diese grundlegende Fähigkeit, das was ich eben meinte mit diesen drei Dimensionen Schreiben, Lesen und Rechnen, die spielerisch und mit etwas – was an den Musikschulen zum Beispiel das Thema ist (ML Fokussierung!), nämlich: Üben – Üben – Üben – einfach immer, aber diese Übung macht natürlich nur dann Sinn, wenn die Motivation an erster Stelle steht, also: was kann man damit machen? Ich hab mit Gudrun Mebs n kleines Büchlein geschrieben, das hieß „Mit Mathe kann man immer rechnen“, da gehen Kids mit einem Proff, also mit einem Professor, los und ziehen durch die Welt und kucken, wo gibt es überall Mathematik und wo muss man und die sind bei einem Schreiner und der erklärt ihnen, ohne Mathematik kann ich keinen Tisch bauen, kann keinen Stuhl bauen, und sie gehen in den Supermarkt , das kostet so viel und das kostet so viel, aber das ist ja viel teurer usw. und sie gehn auch in ne Bank und wollen dann aber sehen, dass der Bankmitarbeiter im Kopf rechen kann und dass er nicht alles auf seiner Kassenmaschine – also es ist großartig, so, was ich damit sagen will, die Möglichkeit, die Fähigkeit derer, die da unterrichten, auch mal wahrzunehmen, ich meine, wir bilde Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland aus, in allen möglichen fachlichen Inhalten, aber ihnen die Gelegenheiten, die Gestaltungsspielräume zu geben, mit dem Inhalt in der Schule wirklich zur Persönlichkeitsbildung beizutragen, die schlagen wir wieder kaputt, weil wir sie, weil wir diese Schulsysteme so stark beschleunigt haben 42:10 so stark verdichten, von den ganzen Inhalten her, die da präsentiert werden, dass die armen Leutchen, die da unterrichten da, „du ich kann nichts… du, ich würd ja gerne, ich hab gar keine Zeit, am Ende einer Schullaufbahn stehen irgendwelche Zentralprüfungen, ich kann keine Rücksicht darauf nehmen, dass ich bei jedem einzelnen mit verschiedenen Tempi eigentlich arbeiten muss.“ ML Menschen haben unterschiedliche Geschwindigkeiten… HL Es gibt ja auch ne Reihe von Schulen in Deutschland, die das schon machen, es gibt in Jenaplan-Schulen zum Beispiel, die Waldorfschulen sind – da will ich gar nicht auf den anthroposophischen Hintergrund ko…“ ML Die Waldorfisierung der Schulen, – erklären Sie das mal… Was ist damit gemeint? 42:44 HL Es geht darum tatsächlich zunächst einmal für lange Zeit ganz darauf zu verzichten, Kinder zu beurteilen in irgendwelche Zahlen; denen erstmal die Gelegenheit zu geben, irgendwelche grundlegenden Fähigkeiten, also meine großen Drei, dass die die alle erstmal können. Das ist das allerwichtigste. Die müssen richtig schreiben, lesen und rechnen können. Und dann kann man allmählich tatsächlich beginnen, über Wettbewerbssituationen, die man in der Schule ja ständig schaffen kann, tatsächlich sowas zu machen wie Tabellen und Ranking, aber es geht vor allem darum, dass allmählich zu tun und zu sehen, wie Kinder sich entwickeln, diese große Neugier, dieser Enthusiasmus, den man in dem ersten Video in der Grundschule im ersten Schuljahr noch sieht, das ist der eigentliche Schatz, den diese Kinder mitbringen. 43:31 Wenn wir denn in der Schule kaputtmachen, dann (…)

49:49 ML Infrastruktur, öffentlicher Nahverkehr, alles wichtig, keine Frage, aber, Herr Lesch, ich hab Ihr Buch – es ist ja kein wirklich dickes Buch – aber ein sehr interessantes, sehr inspirierendes Buch – schon als etwas anderes verstanden, da geht es schon auch um n bisschen mehr. Es geht auch um die Frage, wie schaffen wir es, kreative, neugierige menschen da rauszukriegen am Ende, die auch in der Lage sind, sich z.B. zu konzentrieren, das ist etwas was mir immer wieder auffällt, wie erleben Sie das , als Professor, wie erleben Sie das bei Ihren Studenten, ich hab neulich ne Untersuchung gelesen, wir waren im Jahre 2000 im Schnitt noch in der Lage, uns 12 Sekunden noch auf eine Sache zu konzentrieren, mittlerweise sind wir bei 8 und Goldfische sind bei 9, das ist ja keine wirklich gute Nachricht… ML Ja, ich unterrichte gern im Aquarium, (Lachen) also es ist in der Tat so, und da hat man natürlich als Hochschullehrer hat man ja, so wie alle Lehrer diese irre Situation, jedes Jahr kommen wieder Menschen aus dem gleichen Alter, man hat so im Laufe der Jahrzehnte dann so ne Erfahrung, man sieht natürlich, also ich hab – da bin ich mit vielen völlig einig – wir erleben eine Reduktion der Aufmerksamkeitsspanne. (Ist so, nicht?) Ist ganz klar, ist ganz klar, und zwar unter anderem mit dem Hinweis: ich muss das in der Vorlesung ja gar nicht so… weil, das kann ich mir ja alles nochmal ankucken, weil: es gibt das Skript digital, es gibt alles mögliche digital, und wenn ich es digital hab, dann habe ichs ja auch alles schon hier oben irgendwie drin. Gut, ich muss noch dran arbeiten, aber das sind Details. Das mach ich so irgendwie nebenher, das kann man auch im Stehen machen, (Handy-Gesten, Lachen ) die Aussicht, man könne ja alles, wenn man nur wolle, dann könne man ja, verursacht Aufmerksamkeitsprobleme, weil man dann braucht man sich ja jetzt nicht zu konzentrieren, weil da gibts vielleicht ganz andere Dinge, auch schon wieder irgendwelche Informationen, also Ruhe zu haben, sich zum Beispiel einem Text zuzuwenden und den laut vorzulesen, also für alle anderen im Saal mal laut vorzulesen, was man da ….. an Deutschlands …. Universitäten … das ist schon interessant. Ne? 51:58 Einen Text so vorzulesen, dass alle gut zuhören und auch vor allen Dingen am Ende nicht nur eine Inhaltsangabe zu machen, sondern eine Zusammenfassung, wo der oder diejenige, die das dann präsentiert hat, auch tatsächlich mal sagen, wie haben sie denn den text verstanden und was ist ihre Position dazu. Das ist z.B. ne Sache, die mir auffällt, und das andere, was mir auch auffällt, ist: die fast flächendeckende Unfähigkeit, über das Theme oder über das Fach, das man studiert, zu sprechen. Im Sinne von: warum mach ich das? und was fasziniert mich daran eigentlich? Als was ist der Grund gewesen, weshalb ich     warum habe ich angefangen Physik zu studieren, und was mach ich denn jetzt so grade? Es gibt nach wie vor diese Top 10 Prozent, die können das, aber ein erheblicher Teil der Studierenden hat überhaupt… also ist gar nicht in der Lage … ich bin jetzt grade mitten in der Prüfungsphase, also, und ich mache mündliche Prüfungen in Physik, das ist für viele Studenten … hnnnyyh… 52:56

(Fortsetzung folgt)

Mozarts Formel

Eine Entdeckung

Zuerst die Kleinigkeit: sie steht im Anhang eines instruktiven CD-Booklets von Florence Badol-Bertrand. Und da ich eigentlich auf die Doppel-CD der großen Drei hinweisen möchte, in der dieser Text mit der Überschrift „Hin zur Katharsis“ sich befindet, lichte ich ihn gleich im Original ab:

Ich war verblüfft, dass die Formel auch in der Sinfonie stecken soll, die ich am frühesten von allen Mozart-Sinfonien im Notentext studiert habe: in der „großen g-moll“. Selbst als wir sie Jahrzehnte später für die deutsche harmonia mundi aufgenommen haben, ist mir entgangen, dass die Formel, die man sofort der großen in C-dur zuordnet, hier ebenfalls real zu hören ist, wenn auch minimal verrätselt. Ich kennzeichne sie jetzt in rot, die bis dato unentdeckt gebliebene.

 

Die Pionier-Zeit des Collegium Aureum mit Franzjosef Maier seit 1965 (parallel zum Concentus Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt). Ich erinnere mich allerdings gut, dass wir (dem Flegelalter noch nicht ganz entwachsen) das Thema zuweilen heimlich verunstaltet haben, während die anderen Streicher begannen, – indem wir an den hinteren Pulten leise spottend mitsangen: „Ich kann das nicht sauber, ich kann das nicht sauber“.

Ich habe die G-moll-Sinfonie als LP nicht mehr zur Hand, aber ich glaube, mit der „Linzer“ 1980 hat unsere Serie der Sinfonien überhaupt angefangen:

   

Zur neuen Aufnahme der Mozart-Sinfonien durch das Ensemble Resonanz

Was mich überrascht und begeistert, ist die Flexibilität im Tempo. Der Mut zur Besinnung, oder die Zeit stillstehen zu lassen, beklommen zu verweilen, nur für den Bruchteil eines Momentes, ohne dass jemand sagen könnte: das Stück fällt auseinander. Ganz auffällig und großartig am Ende der Durchführung der G-moll-Sinfonie, das Festfressen des Getriebes, die Rückkehr zum Haupttempo. Die „Anteilnahme“, die dann wiederum dem zweiten (chromatischen) Thema gilt, – nur ein Beispiel, man merkt es erst, wenn man den Fokus darauf richtet. Es ist wie beim Streichquartett, so organisch (auch das Nicht-Organische) -, dass es einem erst auffällt, wenn man – einfältig genug – am Lautsprecher mitspielen will. Es lebt wirklich, es ist keine Vorführung neuer Lesarten. Natürlich: so schnell habe ich den letzten Satz noch nie gehört, aber wenn es nach dem ersten Abschnitt minimal verhaltener wird und dann wieder zum „Original-Tempo“ zurückführt, die leicht extra gesetzten Akkordakzente, – nie entsteht der Eindruck, dass es wackelt. Es ist eine völlig einleuchtende Verzweiflungsrhetorik (gibt es so etwas?). Fast „absurd“ die scheinbar atonal in den Raum gesetzten Schläge zu Beginn der Durchführung, sozusagen außerhalb jedes metronomischen Zeitflusses. Das ist doch nicht mehr Mozart? Doch, genau das!

Dirigent: Riccardo Minasi.

Harnoncourt über die Trias der drei Sinfonien: „Das ist ein Großwerk, das auch in drei Stücken [hintereinander] gespielt werden kann!“ (Vimeo 2014 735):

ZITAT Website des Ensembles Resonanz zu K.551 Jupiter hier

Im Mittelteil [des Menuetto] – dem Trio – lässt der Komponist schon mal einen Blick auf den Finalsatz erhaschen. Eine Vorform des 1. Themas des letzten Satzes blitzt auf – darüber hinaus ist es eine musikalische Signatur wie die Tonfolge b-a-c-h bei Bach. Mozart verwendet das Thema in zwölf weiteren Werken. Es beginnt mit der berühmten Viertonfolge c-d-f-e. Sie gehört zum Urbestand der Kontrapunktlehre und dient Mozart als markante Kernzelle seines genialen fugenhaften Werkens, die diesen Satz durchzieht und in der Coda mit der Verarbeitung von fünf unabhängigen Themen geradezu unerhört endet. Das eigentlich Wunderliche daran: Dass Mozart die Strenge und Konzentration mit Anmut und Leichtigkeit durchbricht. Nicht versöhnend, sondern parallel bestehend, ständig weiter fließend. Der Satz endet strahlend. Ein Fest des Lebens mit all seinen Facetten. Perfekt in Balance trotz unüberschaubarer Gleichzeitigkeit der Dinge. Die goldene Mitte, der Nabel der Welt. Das Finale der C-Dur-Sinfonie ist ein prächtiges Beispiel dafür, wie kunstvoll Mozart Kunstfertigkeit verbergen konnte. Das Schwere wird bei Mozart leicht, das Alte neu, das Strenge witzig, der Schalk ehrlich. (Text: Maria Gnann)

Das, was mich jetzt überrascht, ist doch nicht ganz neu; ich hätte es leicht in meiner Mozart-Literatur finden können. So in der Taschen-Partitur mit Analyse von Manfred Wagner:

Auf der nächsten Seite weitere Hinweise wie diesen:

Quelle Mozart Sinfonie C-dur KV 551 „Jupitersinfonie“ Einführung und Analyse von Manfred Wagner / Taschen-Partitur mit Erläuterung / Goldmann Schott Mainz 1979

Neu ist wahrscheinlich nur Harnoncourts Idee, die drei Sinfonien als ein Tryptichon zu sehen (und hören zu wollen: so vor allem durch René Jacobs), man vergisst das nie: vom Schlussakkord der Es-dur- nahtlos in den Anfang der g-moll-Sinfonie, zumal  diese ja gar kein richtiges Thema habe…. (siehe hier „H. probt Mozart„). Die motivischen Zusammenhänge zumindest in der Jupiter-Sinfonie hat man schon seit Simon Sechter ständig nachgewiesen. Ich hätte es wissen können seit der Lektüre der Schriften von Johann Nepomuk David, der mir allerdings bei Bach viel zu weit ging: schließlich kann man fast alle nur möglichen Themen auf Tonleiterausschnitte und somit auf nahe Verwandtschaften reduzieren. (So auch der Versuch Helga Thönes, in Bachs Ciaccona lauter Choral-Zitate aneinandergereiht zu hören.)

 .    .    .    .

Quelle Johann Nepomuk David: Die Jupiter-Symphonie / Eine Studie über die thematisch-melodischen Zusammenhänge / Vandenhoeck & Rupprecht Göttingen 1953

Nochmals und noch neuer in großartiger Einheit:  (Die großen drei) MOZART SYMPHONIES 2020 unter der Leitung von Riccardo Minasi.

Zu Hegel

Nichts Neues

Als ich kürzlich in der Wochenzeitung DIE ZEIT auf eine HEGEL gewidmete Doppelseite stieß, wunderte ich mich, eine Frau zu erleben, die sich mit dem zentralen Paradigma „Herr und Knecht“ abgab, ohne ein paar Worte darüber zu verlieren, dass dieses Narrativ auch mit dem Gespann Herrin und Zofe funktionieren würde. Aber daran habe ich gemerkt, dass sie es ernst meinte, obwohl sie überhaupt nicht von diesem Gespann spricht, gleich ob männlich oder weiblichen Geschlechts. Denkbar wäre ja auch eine männlich/weiblich-Konstruktion, genannt Ehe. Kurz und gut, hier könnte sich die Chance bieten, Zugang zu Hegel zu bekommen und einmal sagen zu können, es sind Frauen, die mir in puncto Hegel weitergeholfen haben, ohne einen hochfahrenden Ton anzuschlagen. Und ein Wunder geschieht: Ich verstehe jeden Satz! Fast möchte ich sagen: als ob ich es selbst so hätte sagen können. Aber es war nun einmal jemand anders, eine andere.

Sie sagte:

Mit Hegels Hilfe möchte ich zeigen, wie wir Sozialität und Gewaltlosigkeit als Potenziale der heutigen Zeit verstehen können, die uns möglicherweise in die Lage versetzen, auch andere Potenziale zu bejahen, die unsere historische Gegenwart bereithält. 

Die Phänomenologie des Geistes beginnt mit der sogenannten „sinnlichen Gewissheit“, denn Hegel will die Erfahrung des Lesens mit dem einsetzen lassen, was scheinbar am unzweifelhaftesten ist – mit der sinnlichen Wahrnehmung. Die von den Sinnen gelieferten Gewissheiten erweisen sich zwar als unzureichendes Fundament der Erkenntnis, aber als ebenso unerlässlich für jede zukünftige Form des Wissens. In dem Maße, wie der Text voranschreitet und unsere Erfahrung des Lesens zu dem Ort wird, an dem jedes Argument zugleich entfaltet und demonstriert wird, entdecken wir, dass es eine Unnachgiebigkeit der sinnlichen Welt gibt, die sich ebenso wenig überwinden lässt, wie sich die Beharrlichkeit und Unnachgiebigkeit des Körpers in Hegels frühen theologischen Schriften überwinden ließ, es sei denn in Form von Selbstzerstörung und Tod.

In der Phänomenologie gewinnt der Tod eine zentralere Stellung im Verhältnis von Herr und Knecht, in dem zwei beseelte, lebendige und bewusste Gestalten ihrer Ähnlichkeit innewerden. Diese Anerkennung des eigenen Selbst als eines anderen oder des anderen als des Eigenen wird zum Ausgangspunkt dessen, was man Selbstbewusstsein nennt. Das heißt nichts anderes, als dass Selbsterkenntnis, verstanden als ein Zustand, in dem man sich selbst zum Gegenstand des Wissens macht (und wir sollten im Sinne Hegels hinzufügen: zu einem lebendigen Gegenstand des Wissens), gesellschaftlich ist. Selbstbewusstsein ist niemals vollkommen einsam; es ist abhängig von einer anderen Verleiblichung des Bewusstseins, was bedeutet, dass ich nur als soziales Wesen beginnen kann, über mich selbst nachzudenken. Es ist die Begegnung, die Selbstbewusstsein artikuliert, weshalb das Selbstbewusstsein per definitionem gesellschaftlich ist.

Anmerkung zum Absatz vorher: man könnte meinen, im vorletzten Satz liege ein Druckfehler vor (weil er auch auf „gesellschaftlich ist“ endet), – nein, verkürzt lautet er: Das heißt nichts anderes, als dass Selbsterkenntnis, verstanden als ein Zustand, in dem man sich selbst zum Gegenstand des Wissens macht (…), gesellschaftlich ist.

Merkwürdigerweise höre ich einstweilen gar nichts weiter über das Gespann „Herr und Knecht“ – vielleicht genügt es zum Verständnis des Problems, dass es ZWEI sind, – der Eine und der Andre? Ich zitiere aus einem anderen Text:

Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) braucht die Ausbildung des Selbstbewusstseins notwendig die Anerkennung durch ein anderes Selbstbewusstsein. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ stellt er diesen Gedanken vor. Das Selbstbewusstsein ist dialektisch – es besteht aus zwei entgegengesetzten Komponenten: dem Herrn und dem Knecht. Der Herr ist dabei „für sich“, er genügt sich selbst und will diesen Zustand um jeden Preis erhalten. Der Knecht hingegen begehrt die Gegenstände der Sinnenwelt (zu denen der Herr keinen Zugang hat), weil er nicht körperlich arbeiten muss) und lebt in Furcht vor dem eigenen Tod. Vereinfacht könnte man sagen, der Herr steht für das absolute, der Knecht für das partielle, abhängige Selbst. Beide brauchen sich gegenseitig, da ihnen ohne den anderen etwas fehlt. Hegel beschreibt die Beziehung von Herr und Knecht als Prozess, stellenweise sogar als Kampf, in dem sich das Selbstbewusstsein in gegenseitiger Anerkennung der beiden Parteien formt. 

Was in Bezug auf die Bildung des Selbstbewusstseins noch sehr abstrakt klingt, wird anschaulicher, wenn man es auf die zwischenmenschliche Ebene überträgt. Wie Johann Gottlieb Fichte (1762-1840) darlegt, muss der Einzelne seinen Totalanspruch aufgeben, um in ein soziales Miteinander zu treten.

Nach einer kurzen Erfahrung der Wut und Enteignung scheint in der Begegnung aber leider der Entschluss zu fallen, den anderen zu zerstören. Und es gibt eigentlich nicht die Möglichkeit, zu sagen, dass der eine beschließt, den anderen zu zerstören, während der andere beschließt, sich zu verteidigen. Was mit dem einen geschieht, geschieht auch mit dem anderen. In diesem Augenblick befinden sich die beiden Subjekte in einem Kampf auf Leben und Tod, denn sie sind schockiert, auf ein anderes leibhaftiges Bewusstsein zu treffen, und müssen dieses andere zerstören, um das zurückzugewinnen, was Hegel „Selbstgewissheit“ nennt. Es stellt sich aber heraus: Wenn das andere zerstört werden kann, so kann dies auch dem einen widerfahren. Ihre Leben sind in diesem Sinne miteinander verflochten; die Strategie der Zerstörung bedroht unweigerlich beide. Anerkennung selbst ist immer eine gegenseitige und somit Kennzeichen einer sozialen Beziehung. Mein Leben ist nie allein mein Leben, weil mein Leben a) zu Lebensprozessen gehört, die mich übersteigen und erhalten, und b) zu anderen Leben gehört, gewissermaßen zu all den anderen beseelten und bewussten Gestalten.

Wenn ich das Leben eines anderen zerstöre, zerstöre ich, kurz gesagt, mein eigenes, was nicht heißen soll, ich sei der einzige Akteur des Geschehens. Es heißt vielmehr, dass ich als Lebewesen keine Möglichkeit habe, mich vollständig von anderen Lebewesen zu individuieren. Diese Idee eines lebendigen Gefährten ist ein mögliches Argument für Gewaltfreiheit, das sich Hegels Text entnehmen lässt, auch wenn Hegel selbst diese Argumentationslinie nicht verfolgt.

Nachtrag zur Orientierung: rote Farbe = Judith Butler / blaue Farbe: Thomas Vašek / grüne Farbe (folgt — genaue Quellenangabe erst gegen Ende)

Nur wer den anderen als gleichwertiges, selbstständiges Individuum anerkennt, wird bereits sein, sich moralisch zu verhalten. Somit ist die gegenseitige Anerkennung, die wir heute vielleicht eher als Respekt vor der Integrität des anderen beschreiben würden, die gesellschaftliche Basis, auf der Rechte, Gesetze und Normen entstehen können. Zwischen uns selbst und dem anderen vollzieht sich ein Wechselspiel. Wir können unser Gegenüber darum anerkennen und respektvoll behandeln, weil wir uns selbst in ihm erkennen und auch er uns als Person anerkennt. Ohne den anderen, den Gegenspieler bleibt uns also auch ein Teil von uns selbst verborgen.

Das Subjekt der Phänomenologie des Geistes weiß nicht von vornherein, dass es ein soziales Wesen ist, doch diese Erkenntnis stellt sich infolge des Kampfes auf Leben und Tod ein. Tatsächlich ist es die Abkehr von der Gewalt, durch die das gesellschaftliche Band zum ersten Mal in Erscheinung tritt. Gewalt taucht als konkrete Möglichkeit auf, doch die Erkenntnis, dass Gewalt nicht funktionieren wird, begründet den Sinn des ethischen Gebotes, einen Weg zu finden, wie ich mich selbst und den anderen, ungeachtet des Konfliktes zwischen uns, am Leben lassen kann. In dem Moment, in dem die Zerstörung des anderen als Möglichkeit ausgeschlossen ist, erkenne ich, dass ich an diesen anderen gebunden bin und dass mein Leben irgendwie mit seinem Leben verquickt ist. So wie ich Hegel lese, ist diese Erkenntnis, dass ich an den anderen gebunden bin, a) eine Einsicht in die physische Abhängigkeit voneinander und b) eine wechselseitige ethische Pflicht.

Die beiden Subjekte, die einander begegnen, verändern einander nicht nur wechselseitig, sie entstehen auch aus dem jeweils anderen. Mit anderen Worten: Wenn wir uns fragen, wie ein Subjekt wird, dann sehen wir, dass sich jedes Subjekt aus einer Abhängigkeit heraus entwickelt, aus einem anhaltenden Kampf um Differenzierung. Man kann nicht von Anfang an auf eigenen Beinen stehen; man kann nicht ohne die Hilfe anderer existieren, sicher auch nicht ohne das soziale und ökonomische Netzwerk, auf das die Pflegeperson baut. Jedes Subjekt entwickelt sich zu einem eigenständigen denkenden und sprechenden Wesen kraft einer Formation, die unauflösbar mit Abhängigkeit verbunden ist. Manchmal besitzt diese Abhängigkeit durchaus lustvolle Qualität, doch manchmal ist sie psychisch nicht zu ertragen. Abhängigkeit steckt also voller Ambivalenz.

Mit Axel Honneth und anderen Hegelianern bin ich der Überzeugung, dass wir die Art von Wesen sind, die Anerkennung begehren und durch sie zu einem Selbstverständnis finden. Doch was uns über die erste Szene potenziellen und gegenseitigen Mords hinausgelangen lässt, ist nicht nur die Erkenntnis, dass der andere mir gleicht und mir gleichgestellt ist, dass ihm auf dieselbe Weise Achtung gebührt wie mir. Wenn wir uns als soziale Wesen verstehen lernen, erkennen wir auch, dass wir schon längst auf diejenigen bezogen sind, mit denen wir die Modalitäten der Anerkennung aushandeln, und dass diese Bezüglichkeit jeden von uns definiert. Wir gehören schon vor dem Akt der Anerkennung zueinander – auch wenn es in der von Hegel beschriebenen Szene so aussieht, als stünden sich hier uneingeschränkt erwachsene Individuen gegenüber, die im Laufe einer seltsamen Reise ganz zufällig über eine weitere lebendige Form gestolpert wären.

Der ethische Imperativ, nicht zu töten, erwächst aus der Erkenntnis, dass das, was dem anderen widerfährt, auch mir widerfahren kann. Das soziale Band zwischen uns beruht auf dieser gegenseitigen Anerkennung unserer lebendigen Abhängigkeit. Natürlich sind Abhängigkeit und Unabhängigkeit nicht immer schöne Erfahrungen. Die Abhängigkeit des Arbeiters von einem Brotherrn, der seine Menschlichkeit nicht anerkennt, ist letztlich nicht hinnehmbar. Bei Hegel zeichnet sich hier eine psychoanalytische Einsicht ab, dass Abhängigkeit sowohl notwendig als auch zuzeiten unerträglich ist. Für Freud ist es das Baby, das sich von denen abzugrenzen versucht, auf die es angewiesen ist, obwohl die Abgrenzung nie vollständig gelingt. Mit Freud glaube ich nicht, dass Aggression gänzlich zum Verschwinden gebracht werden kann.

Ich unterbreche, um mein früheres Scheitern an Hegel in Erinnerung zu bringen: hier . Und fahre nachher fort mit einem dritten (oder vierten) Autor (einer Autorin vielleicht?). Wenn Sie fragen: kann man diese Einsichten denn nicht in klare einfache Worte fassen? Solche, die man mit gutem Willen und „gesundem Menschenverstand“ begreifen kann?  Wie man einen Stuhl, eine Pflanze, ein Instrument – mit Händen begreift. Natürlich kann man nicht verlangen, dass sich im Gehirn, das unsere Gedanken bildet, – ja, unsere Spekulationen ermöglicht  -, sich ein Korrelat unserer Hände befindet. Aber…  Ich gebe zwei Buchseiten wieder, die mich überzeugt haben, dass „Spekulation“ in der Philosophie eine andere Sache ist:

 … Aufgabe nichts vorhanden als das Wissen, im allgemeinen die Synthese des Subjektiven und Objektiven, oder das absolute Denken.

Vieles von dem, was mir Schwierigkeiten bereitet, ist übrigens bewundernswert dargestellt in Sahra Wagenknechts Buch „Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelkritik des jungen Marx“ (1996), ich ziehe es immer wieder zu Rate:

Gegenstand der „Phänomenologie“ ist [also] nicht die natürliche oder gesellschaftliche Geschichte im allgemeinen, sondern Die Geschichte des menschlichen Bewusstseins in seiner Auseinandersetzung mit der natürlichen und gesellschaftlichen Außenwelt. Die „Phänomenologie“ ist die universelle Darstellung der verschiedenen erkenntnistheoretischen Einstellungen als jeweils spezifische Versuche, die Realität gedanklich zu bewältigen und das Verhältnis des menschlichen Denkens zu ihr zu bestimmen; sie weist die all diesen Versuchen immanente Dialektik und Widersprüchlichkeit nach, die sie schließlich zur Selbstaufhebung und zum Übergang in die nächsthöhere Bewusstseinsform führen. Und sie deckt die den verschiedenen erkenntnistheoretischen Haltungen impliziten Ontologien auf, d.h. die in jeder Bestimmung des menschlichen Denkens zum Sein untrennbar enthaltene Bestimmung des Seins selbst. Jede Veränderung der Bewusstseinsform zieht daher – für das Bewusstsein, nicht an sich! – eine Veränderung des Gegenstandes des Bewusstseins – nach sich. Beide Seiten – Bewusstsein und Gegenstand – Erkenntnistheorie und Ontologie – bilden insofern von Beginn an eine Einheit; sie unterliegen einer gemeinsamen dialektischen Entwicklung, in deren Resultat – im absoluten Wissen – sich ihre vorausgesetzte Unabhängigkeit voneinander schließlich auch explizit aufhebt. (Seite 32f)

[Hegel:] „Das Selbstbewusstsein ist zunächst einfaches Fürsichsein, sichselbstgleich durch das Ausschließen aller anderen aus sich; sein Wesen und absoluter Gegenstand ist ihm Ich; und es ist in dieser Unmittelbarkeit oder in diesem Sein seines Fürsichseins Einzelnes…“ Die Gegenstände der Außenwelt ebenso wie die der anderen Selbstbewusstseine haben für das einzelne Selbstbewusstsein keine Selbständigkeit und Wahrheit; es ist auf ihre Vernichtung gerichtet. Bezogen auf die Naturdinge verhält es sich so als Begierde. Bezogen auf die anderen Individuen geht es zunächst auf deren Tod, sodann auf ihre Unterwerfung. Im Verhältnis von Herr und Knecht treten die zwei Momente, die das Selbstbewusstsein als einzelnes notwendig an sich hat – Fürsichsein und Sein-für-Anderes -, als zwei Gestalten des Bewusstseins auseinander. Im Prozess der Arbeit erfährt das knechtische Bewusstsein allerdings den Gegenstand gleichermaßen als selbständigen wie auch als rational erkenn- und somit beherrschbaren; durch Einschub des Mittels im Arbeitsprozess wird die Begierde gehemmt; die Auseinandersetzung mit der Außenwelt erhält gegenständliche Form und damit ein Bleiben, das sich über die Befriedigung der unmittelbaren Begierde hinaus erhält; der schlechthin unendliche Progress des organischen Seins, das in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt immer wieder beim gleichen Ausgangspunkt beginnt und daher nie über das einzelne Lebewesen als unmittelbar einzelnes hinauskommt, verwandelt sich damit in den konkreten Prozess fortschreitender Natureinsicht und -bewältigung. In den Produkten seiner Arbeit findet das arbeitende Bewusstsein sich selbst wieder; es kommt zur Anschauung des selbständigen Seins als seiner selbst, bzw. seiner selbst im Anderen. [Seite 41]

Ich vermute, dass es bei jedem neuen Versuch, Hegel zu verstehen, genau so geht wie mir hier bei dieser Abschreibearbeit: Man braucht immer wieder neue Überredungskünste um einzusehen, dass man so lange bei „Präliminarien“ stehen bleiben muss, ehe das Denken überhaupt beginnt, bei den „Prämissen“. Denn man weigert sich unterschwellig einzusehen, dass die Gegenstände des Denkens nicht einfach „zuhanden“ sind. Und so glaubt man, wenn man sich immer wieder dieser Arbeit unterzieht, dass man wieder einmal „stecken geblieben“ ist. Aber genau dies ist die Bewegungsart des allmählichen Verstehens. Sie geschieht nicht umsonst!

Die Aufhebung des Gegensatzes von Bewusstsein und Gegenstand und die Ableitung der wissenschaftlichen  Methode vollzieht sich in der Hegelschen „Phänomenologie“ über mehrere Hauptschritte, die im folgenden skizziert werden sollen. Das, worauf es Hegel ankommt, wird bereits im ersten Abschnitt – „A. Das Bewusstsein“ – sehr deutlich. (Nebenbei bemerkt, enthält dieses Kapitel eine bis heute unübertroffene Widerlegung der Prämissen sämtlicher empiristischer und positivistischer Philosophien, deren Selbstanspruch, jenseits von Materialismus und Idealismus zu stehen und schlechthin objektiv zu sein, Hegel überzeugend ad absurdum führt.)  [Seite 51]

Eine wesentliche Erläuterung dessen, was Hegel im Zusammenhang des spekulativen Satzes den „Gegenstoß“ nennt, finden wir in seiner Lehre von der bestimmten Negation, von der von vornherein festzuhalten ist, daß auch sie nur auf dem spekulativen Niveau plausibel ist. Ihr Grundgedanke ist, daß wenn etwas die Negation von etwas Anderem ist, es selbst durch das bestimmt wird, was es negiert, denn als Negation des Anderen ist es selbst Negation des Anderen. Daraus ergibt sich bei Hegel der berühmte Mehrfachsinn von „Aufheben“: In der Negation i.S. von „vernichtet“ und „bewahrt“, und eine dritte Bedeutung kommt hinzu, wenn man Hegels These hinzufügt, daß durch die bestimmte Negation das Negierte und das Negierende zu einer höheren, konkreten, genauer bestimmten Einheit hinaufgehoben werden. Bei alltäglichen Beispielen macht das alles freilich wenig Sinn: Wie könnte man behaupten, der Mörder von J. F. Kennedy sei als dessen Negation nun selber auch irgendwie Kennedy, und Kennedy und sein Mörder lebten nun in einer höheren, konkreteren Gestalt weiter. Bei spekulativen Sätzen, die die Totalität betreffen, ist das aber ganz anders; hier ist die Negation eine Teilbestimmung der Antinomie oder des Widerspruchs, der sich nach Hegel notwendig ergibt, wenn der Verstand versucht, die Totalität zu denken. Erst hier gilt, „daß  das Negative ebensosehr positiv ist oder daß das sich Widersprechende sich nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhalts, oder daß eine solche Negation nicht alle Negation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist; daß also im Resultate wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert“ (5,49).

Dies kann man unmöglich im alltäglich Sinn verstanden haben, hier wird der Sprung notwendig, ohne den es nicht weitergeht, in das Hegelsche Original (und wieder zurück in die Deutungen).

Hier folgt ein Sprung in meiner Kopie gemäß der obigen Anmerkung S. 68, die sich auf S. 81 bezieht:

Quellen 

DIE ZEIT online „Phänomenologie des Geistes: Warum jetzt Hegel lesen? Dieser Denker der Moderne ist hilfreich. Auch er lebte am Ende einer Epoche. Wie wir. Ein Gastbeitrag von Judith Butler 12. Februar 2020, 16:52 Uhr Editiert am 18. Februar 2020, 14:48 Uhr DIE ZEIT Nr. 8/2020

Thomas Vašek: Philosophie! die 101 wichtigsten Fragen THEIS HOHE LUFT WBG Darmstadt 2017 / Seite 146 Anerkennung Wozu brauchen wir den andern?

Sahra Wagenknecht: Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelkritik des jungen Marx / Aurora-Verlag Berlin1996 Seite 32, 41 und 51

Herbert Schnädelbach: Georg Wilhelm Friedrich Hegel / zur Einführung / Junius Verlag Hamburg 1999 (2007) Seite 24 f

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes / Herausgegeben von Georg Lasson / Zweite Auflage / Der Philosophischen Bibliothek Band 114 Leipzig 1921 / Verlag von Felix Meiner

Nachfrage Und was war nun das Anliegen des Artikels von Judith Butler in der ZEIT vom 12. Februar 2020? Folgen Sie dem Link HIER.

Die täglichen Entscheidungen

…lassen sich kaum „aus dem Bauch heraus“ treffen

Es sei denn, man hat es oft geübt oder einiges dazu gelesen. Das kann die Einschätzung des Kopftuchtragens ebenso betreffen wie die Fan-Proteste beim Fußball oder die Angst vor dem Corona-Virus. Und wenn man in der Presse etwas gelesen hat, wodurch das eigene Für und Wider umgeschwenkt ist (und wieder zurück), neigt man dazu, der Presse die Schuld zu geben. Am besten, so scheint es dann, greift man das vielgebrauchte (und ungewollt eingeübte) Schimpfwort Lügenpresse auf… Falsch! Nichts ist falscher als das: nicht die andere (von meiner vorgefassten abweichende) Meinung ist schuld, sondern die komplexe Sachlage, die fast immer mehrere Sichten gestattet, und dann wäre es einfach eine davon, auf welche ich mich festlege, ohne noch weitere Argumente hinnehmen zu wollen.

Wenn ich es aber offen lasse, bedeutet das nicht, dass es mir egal wird, ich beobachte die Sache mit hoffentlich klarem Sinn für Ambivalenz und entscheide in dem Augenblick, wo es akut wird, und zwar, als geschehe es  „aus dem Bauch heraus“. Aber nur dann.

Auch heute ging es mir so – natürlich auf Grundlage der Presselektüre: sie gibt mir nicht nur Argumente, sondern auch die Zeit, – einfach so als Muße oder auch zum Strukturieren eigener Gedankengänge, die über das wilde Assozieren hinausgehen, – das ja auch einen Sinn hat oder annehmen kann, wie eine Zettelsammlung oder ein großes Blatt Papier, auf dem man (un)willkürliche Einfälle notiert.

Wenn ich die Namen nenne, höre ich schon die Aufschreie: Waaas? Komm mir nur nicht damit, das ist ja eine ganz Linke (oder Rechte), ein Wirrkopf sondergleichen, dieser gelernte Oberlehrer usw. usw., das wäre genau das, was ich günstigenfalls schon hinter mir habe. Ich könnte also zur Sache drängen. Oder mit Ausweichmanövern reagieren. Zum Beispiel indem ich sage, dass ich nichts gegen den Islam habe, außer wenn die Moslems einen „Ungläubigen“ anders traktieren als einen Gläubigen der anderen Schriftreligionen. Oder: Fußball ist ein Sport für Proleten und Professoren und alles dazwischen.

Ich nenne etwa die Namen Sonja Zekri (Kopftuch und Islam), Lothar Müller (Epidemie und Journalismus), Bernd Schwickerath (Fußball und Plutokratie) und gestehe, dass ich während der Lektüre einige Male das Smartphone bemüht habe, Stichworte „Gentrifizierung“ und „Spanische Grippe“. Ich könnte auch Sätze zitieren: „Aber um ihn selbst geht es ja nicht. Hopp ist das Symbol. Für einen gentrifizierten Fußball, den sich Milliardäre als Hobby gönnen. Ein chemisch reines Produkt ohne Fankurven.“ Oder selber erfinden: Die schlimmste Seuche der Neuzeit hat mehr Opfer gekostet als der Erste Weltkrieg. Diesen aber haben sich die Völker zusätzlich geleistet. Das Wort „Spanische Grippe“ hat man erfunden, weil Spanien damals das einzige Land mit freier Presse war und über die Krankheit berichtet hat (nicht nur über den siegreichen Kriegsverlauf wo auch immer).

Ich schließe mit den Quellenangaben und Dank an die Presse.

Quellen 

Süddeutsche Zeitung 29.Februar/1.März 2020 Seite 15 Verhüllen, um zu zeigen (Kopftuch-Urteil und Vorurteil) / Von Sonja Zekri

SZ (wie vor) 29. Februar/1.März 2020 Seite 15 Der Seuchen-Reporter Seit es die moderne Öffentlichkeit gibt, erfassen Infektionskrankheiten die Gesellschaften, ehe die physischen Erreger sie erreicht haben. Mit Daniel Defoes „A Journal of the Plague Year“ beginnt das Zeitalter der Prävention in der Weltliteratur / Von Lothar Müller

WZ/Solinger Tageblatt 02.03.2020 Seite 2 Meinung und Analyse  DFB setzt auf Härte – und die Spirale dreht sich weiter Von Bernd Schwickerath

Des weiteren lese ich (im NMZ Newsletter 28. Februar 2020):

Corona-Virus: Deutsche Konzert- und Tourneeveranstalter bangen um ihre Existenz

Nachdem in Norditalien und der Schweiz größere Musik- und Sportveranstaltungen nicht mehr stattfinden dürfen und auch in Deutschland bereits erste Messeveranstaltungen abgesagt wurden, bangen auch die deutschen Konzert- und Tourneeveranstalter um ihre Existenz.

*    *    *

Was bleibt? Einer der wichtigsten Grundsätze „Komplexität aushalten“.

Sonja Zekri: „Nur in einer Gesellschaft, die Muslimen misstraut, weil sie Muslime sind, ganz gleich, ob gläubig oder säkular, kann die demonstrative Verhüllung zu einem Ausdruck der Selbstbehauptung werden. Sie ist eben nicht Unterwerfungsgeste, sondern auch ein Aufbegehren gegen das Urteil der Mehrheit darüber, wer ein Muslim ist und wie er zu sein hat. Dieses Ineinanderspiel von kultureller Identität und politischem Appell, Abgrenzung und Integrationsbemühen ist, zugegeben, etwas verwirrend.“  (Siehe oben angegebene SZ-Kolumne)

Was bedeutet es eigentlich, wenn im Text „Der Seuchen-Reporter“ das Aufkommen von „Print 2.0“ erwähnt wird? Ich empfehle unter dem Stichwort „Web 2.0“ nachzulesen: Wikipedia hier. Dort besonders unter „Hintergrund“, „Verbreitung des Begriffs“ und „Charakteristika“. Es hatte bei mir mit dem Zwang zur Neugestaltung meines Lebens (nach 2005) durch Wegfall bzw. Reduzierung der „Plattform Rundfunk“ zu tun. Nicht zufällig erscheint im Wikipedia-Artikel dieselbe Jahreszahl auf (davon hatte ich damals keine Ahnung, mir half JMR auf die Sprünge):

ZITAT Wikipedia Print 2.0

Folgende Entwicklungen haben ab etwa 2005 aus Sicht der Befürworter des Begriffs zur veränderten Nutzung des Internets beigetragen:

  • Die Trennung von lokal verteilter und zentraler Datenhaltung schwindet: Auch Anwender ohne überdurchschnittliche technische Kenntnis oder Anwendungserfahrung benutzen Datenspeicher im Internet (etwa für Fotos). Lokale Anwendungen greifen auf Anwendungen im Netz zu; Suchmaschinen greifen auf lokale Daten zu.
  • Die Trennung lokaler und netzbasierter Anwendungen schwindet: Programme aktualisieren sich selbstständig über das Internet, laden Module bei Bedarf nach und immer mehr Anwendungen benutzen einen Internet-Browser als Benutzerschnittstelle.
  • Es ist nicht mehr die Regel, die einzelnen Dienste getrennt zu nutzen, sondern die Webinhalte verschiedener Dienste werden über offene Programmierschnittstellen nahtlos zu neuen Diensten verbunden (siehe Mashups).
  • Durch Neuerungen beim Programmieren browsergestützter Anwendungen kann ein Benutzer auch ohne Programmierkenntnisse viel leichter als bisher aktiv an der Informations- und Meinungsverbreitung teilnehmen (siehe User-generated content)

Soweit der Wikipedia-Artikel „Print 2.0“. Ich hatte damals eigentlich etwas ganz Anderes geplant. Nämlich ein System zu nutzen, das eine neue visuell vermittelte Form des Denkens ermöglichte (und mich irgendwie an die Gedankenentwicklung bei der Ausarbeitung von Radio-Sendungen erinnerte: mit Hilfe großer Papierbögen, auf die sich die einzelnen Motiv-Areale verteilen und mit Linien verbinden ließen. (folgt)

*    *    *

Was ich jetzt lieber geschrieben hätte:

Etwas über einen ZEIT-Artikel von Judith Butler (über Hegels „Herr und Knecht“), dann über Philosophinnen von Hypatia (s.a. hier) bis Judith Butler (nach dem Philosophie-Magazin Sonderausgabe 13 / Oktober 2019), etwas Kritisches über Knausgårds Wiedergabe der Kritik eines Kollegen an Munchs Bildnis seiner Schwester Inger Munch in schwarz, denn mir gefällt das Schwarz (weil ich kein Fachmann bin). Dann vor allem – angeregt durch Judith Butler – über Hegels „Herr und Knecht“ anhand anderer Quellen. (Es geht um Selbst-Bewusstsein, jedenfalls mehr als um Selbstbewusstsein.)

Und auch über die dionysische Erregtheit schriller Instrumente des Altertums, die im Vorderen Orient besänftigt wurden und erst in dieser Form bei uns eine modische Begeisterung für ethnisch inspirierte Melancholie auslösten. Aulos in der griechischen Antike und Memet im alten Ägypten, Duduki in Armenien.

 (Wikipedia hier)

Ockeghem aufs neue

Seine Lieder mit Blue Heron (Erste Schritte)

Anders als damals (hier), ist der aktuelle Anreiz, dem Phänomen Ockeghem näherzurücken, nicht eine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein Klangerlebnis, eine reale CD, und keine heiligmäßige, strenge Missa, sondern „Songs“, die leicht überschaubar sind und inhaltlich einen menschlichen, affektiven Ansatz bieten. Ein Hemmnis bleibt, dass kein deutscher Text vorliegt und dass der Text wegen des vorgegebenen CD-Maßes so klein geschrieben ist, dass man eine Teleskopbrille brauchte, um ihn zu entziffern. Ich werde ihn in einer leicht vergrößerbaren Kopie folgen lassen. Das Youtube-Video verspricht, dass die Interpreten uns vermitteln, was an Ockeghems Kompositionen so faszinierend ist. Und auch das bloße Anhören der CD (ohne besondere Vorkenntnisse) hat seinen besonderen Reiz, es kommen nicht nur fremde Kadenzformeln vor, sondern auch scheinbar vertraute Terzparallelen. Ich empfehle, jedes einzelne Stück sofort mehrfach zu hören und die Wiederkehr des Gleichen zu vermerken, man braucht diese musikalische Orientierung, auch wenn man den Text mitliest auf strophischen Gleichlaut oder refrainartige Zeilen zu achten. Oder einfach im Video darauf zu achten, wie die Mitwirkenden ihre Liebe zu dieser Musik begründen. Alles andere, das wissenschaftliche Quellenstudium, die Aufführungspraxis u.dgl., kann uns erstmal völlig egal sein. Wir wollen etwas vom Lebensgefühl jener frühen Zeit um 1480 in uns nachbilden. So wie wir es auch bei – sagen wir – Dante Alighieri halten würden, für den wir noch mehr als 150 Jahre weiter zurückgehen würden. Es wäre zum Beispiel ganz absurd, dieser Dame preziös dreinblickenden ins Antlitz zu schauen und zu sagen: „Ich möchte sie um keinen Preis kennenlernen“.  Man erlebt es doch täglich, dass man sich vollständig irrt in der Deutung von Gesichtern, gerade in den gängigen Talkshows, wo Leute lange schweigen, ehe sie ins Gespräch gezogen werden und gewissermaßen eine Umwendung unserer Einschätzung um 180 Grad bewirken. „Sprich, damit ich dich sehe!“ hieß es bei Sokrates. Man könnte auch sagen: „Singe, damit ich weiß, wer du bist.“ Man könnte noch für sich selbst hinzufügen: „Gut zuhören, sonst verstehe ich gar nichts.“

Wer ist denn nur diese Dame?

 hier mit Text zum Bild

Lesen Sie den Text und vergrößern Sie das Bild, während Sie es lange anschauen.

 und hier mithören…

Erste Hinführung zu Ockeghem’s Songs:

Blue Heron’s Ockeghem@600 project — to perform all the works of Ockeghem over the next few years (through roughly 2020) — is explained. The video includes interviews with Project Advisor Sean Gallagher (New England Conservatory) and Music Director Scott Metcalfe and generous musical excerpts from Blue Heron’s performances of works of Johannes Ockeghem (c.1420-1497) in early 2015. Gallagher and Metcalfe explain what is captivating and brilliant about Ockeghem’s compositions.

Was haben die Vertreter des Ockeghem-Projekts (Gallagher und Metcalfe) sonst noch zu sagen? Ich habe aus Gründen der Lesbarkeit ihre Texte gescannt und vergrößert. Hier Teil 1:

Der folgende Song im externen Fenster, damit Sie beim Hören den Text mitlesen können: hier.

(Fortsetzung folgt)

Ferne Zeiten

Nach einer traurigen Nachricht

Es fühlt sich an wie ein eigenes Versäumnis, aber die Zeit ist „von selbst“ vergangen. Seit damals, jenen dreieinhalb Wochen, die unauslöschliche Spuren zu hinterlassen schienen. Die große gemeinsame Konzertreise begann in Meknes (29.03.1967), führte durch alle südlichen und östlichen Mittelmeerländer, über Beirut nach Zypern (14.04.1967), gegen Ende noch nach Kabul und Teheran (25.04.1967) – und wenn man nach einem so strapaziösen Monat nicht zerstritten ist, ist man befreundet. Bei uns war es anders. Wir hatten bleibenden Respekt voreinander und ließen einander aus der Ferne grüßen. Ich kannte kaum mehr von ihm als sein aufbrausendes Temperament und diese „Zwei Miniaturen“, die ich mit Begeisterung mitgespielt hatte. Jahrzehnte später – nach seinen großen Erfolgen – schien mir eine gewisse Bitterkeit durchzuschimmern, die Generationen wechselten früh, sobald die 60er vorüber waren. Auch die auf der Reise entstandene Freundschaft mit Rainer Moog hatte sich nicht recht aufrechterhalten lassen, zumal er die Entwicklung der Alten Musikpraxis, der ich folgte, unerträglich fand. Nur Gerhard Peters blieb, wenig später waren wir beide Mitglieder des Collegium Aureum, weitere Orient-Reisen ergaben sich und – weit wichtiger – über Jahrzehnte gemeinsame Konzerte und Aufnahmen für die deutsche Harmonia Mundi.

Der Ohrwurm jener ersten großen Reise war eine Melodie, die wir nicht identifizieren konnten, bei jedem tauchte sie unversehens auf, der eine pfiff sie, der andere summte sie. Hier ist sie. Ich kannte sie aus einem russischen Ballett-Film, den ich in Berlin 1960 mehrmals gesehen hatte. Aber das wusste ich nicht mehr. Das Thema des bösen Zauberers.

In Volker David Kirchners Wikipedia-Artikel (hier) findet sich die Zeile:

Konzertreisen mit dem Kehr-Trio führten ihn nach Südamerika, Nordafrika und in den Vorderen Orient. Diese Tourneen regten ihn zu einer intensiven Beschäftigung mit außereuropäischer Musik an.

Prof. Günter Kehr hatte gute Beziehungen zum Goethe-Institut, so kam auch unsere Tournee zustande. Johannes Hömberg, der ebenfalls in unserm Programm vorkam, hatte einige Jahre in Brasilien dirigiert, war jetzt auf dem Sprung nach München („Goethe“), dann nach Köln und arbeitete schon mit uns an seinen lateinamerikanischen Rhythmen für den Orient. Wenn ich Günter Kehr, bei dem ich auch einige Jahre Kammermusik studiert hatte, später im „Carlton“-Bürohaus des WDR wiederbegegnete (er arbeitete des öfteren mit der Cappella Coloniensis), spielte er gern darauf an, dass ich u. a. durch seine Vermittlung im Libanon (am 16.04.67!) auf eine Stelle im Goethe-Institut Tripoli reflektieren konnte, – zumal mich die arabische Musik reizte, die wir – vorwiegend auf langen Taxifahrten – kennengelernt hatten. Sein wirklicher Schützling und großer Schüler war allerdings Volker David Kirchner, und sie  blieben lebenslang in künstlerischer und menschlicher Verbindung. Auf der Wikipedia-Seite ist das dokumentiert (hier).

 

Unten: Sigrid Forsman und Rainer Moog, Zwischenstation in Tripoli (Libyen)

 Gurgi-Moschee

JR zum ersten Mal in Afghanistan April 1967 (Wiederkehr zu WDR-Aufnahmen April 1974)

Rainer Moog hatte, glaube ich, gerade einen Vertrag bei den Berliner Philharmonikern bekommen; es war keine Frage, wer von den Bratschern das Telemannkonzert während der Tournee spielte. Eine lustige Diskussion mit Kehr gab es mehrfach über einen Lagenwechsel-Ton im langsamen Satz („bitte ohne Rutscher“!), und dann zelebrierte Moog ihn doch wieder mit Schmalz und schenkte dem Dirigenten ein breites Lächeln.

Und plötzlich lag das alles in fernster Vergangenheit. Und es war mir fast entfallen, dass Günter Kehr, den ich als kritischen Geist, als Lehrer und Mitreisenden in lebendiger Erinnerung habe, schon 1989 gestorben ist. Da war er 10 Jahre jünger als ich heute. Und demnächst, am 16. März 2020 würde er 100 Jahre alt werden. Aber Kirchners Tod geht mir näher.

Unerhört – elitär!

Weiteres zum Wuppertaler Klavierkonzert

250 mal Beethoven und mehr

 Fotos hier und unten: David Kremser

 Gehört es zum Kanon?

Op.57 Zweiter Satz. Zum Rückerinnern hier hören (Achtung, am Anfang Werbung weg!). – Natürlich gehören zahlreiche Werke Beethovens, wenn nicht alle, zum Kanon der klassischen Musiktradition des Abendlandes, gerade weil sie in einer ungeahnten Weise revolutionär mit dem „Erbe“ umgingen. Liegt in diesem Satz ein innerer Widerspruch? Ich halte mich einstweilen an George Steiner:

Das Kanonische gilt als Ergebnis eines dynamischen, allmählich zur Kongruenz führenden Prozesses erlebter Wahrheit. Menschen mit normalen (normativen) Fähigkeiten zu Rezeption und Reaktion legen über die Zeiten hinweg Zeugnis ab von einem gemeinsamen Gefühl für überragende Qualität. Jede Generation ist aufs neue dazu aufgerufen. Langsam, aber letztlich doch sicher bildet sich ein Gewirk gemeinsamer Werte und geistiger Bedürfnisse heraus. Es verbleiben Nischen von Dissens, Reste von Zweifeln. Doch die allgemeine Achse ist deutlich.

Entspricht dieses liberale, evolutionäre Modell der Wirklichkeit?

Die Anzahl der Menschen, denen zu einem gegebenen Zeitpunkt in einer bestimmten Gesellschaft Literatur, Kunst und Musik ein tiefes Anliegen ist, für die ein solches Anliegen eine wahre persönliche Investition und eine Erweiterung des Daseins bedeutet, ist klein. Oder um es genauer auszudrücken, wo Genauigkeit essentiell ist: der gewöhnliche Museumsbesucher, der gelegentliche Leser von Dichtung, von anspruchsvoller Prosa, das Publikum klassischer und moderner Musik, ob sie nun aufgeführt, gesendet oder mitgeschnitten wird, hat an einem Ritual von Begegnung und Reaktion teil, das nach der Phase der Ausbildung an höherer Schule und vielleicht auch an der Universität, in der solche Begegnung in ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Funktion geprägt worden sein mag, weniger zur Sphäre echten Engagements gehört als zur Etikette. Bei freier Wahl wird der Großteil der Menschheit dem Fußball, der Fernsehserie, dem Bingospiel den Vorzug geben vor Aischylos. Etwas anderes vorzuspiegeln, also etwa Programme für eine humanistisch hochstehende Zivilisation zu entwickeln, die aus Verbesserungen der Erziehung der Massen hervorgehen könnte – derartige didaktische Projektionen sind im Liberalismus à la Jefferson oder Arnold nicht weniger im Schwange als im Marxismus-Leninismus – ist scheinheiliges Gerede. Diejenigen, die konkret und tatsächlich den Syllabus entwickeln, die das ererbte Bildungsgut an literarischem, künstlerischem und musikalischem Schaffen erkennen, erhellen und vermitteln, sind wenige, sind immer nur wenige gewesen.

So ist schon die Annahme selbst, es gebe eine heranreifende Mehrheit, eine breit fundierte Universalität der Wahrnehmung und der Wahl, auf die sich das liberale, auf Konsens abhebende Modell für die Festlegung und Einstufung von Werten gründet, weitgehend trügerisch. Die Statistiken über die Verbreitung von Kulturprodukten verschleiern den stark beschränkten Status der wenigen, die tatsächlich die vorherrschenden Strömungen und Kriterien initiieren und formulieren. Alle Wertung, alle „Kanonisierung“ (man beachte die durchgehenden theologischen Analoga) ist Produkt einer Geschmackspolitik. Und diese Politik ist ihrem Wesen nach oligarchisch.

Quelle George Steiner: Von realer Gegenwart / Hat unser Sprechen Inhalt? / Edition Akzente Hanser / Carl Hanser Verlag München Wien 1990 / Seite 94 f

Warum ich dies zitiere? Weil ich plötzlich befürchtete, dass die Sympathie für neue, inhaltlich gemischte, grenzüberschreitende Konzertprogramme mich vergessen lassen könnte, dass Kultur uns fordert. Auch überfordert. Daran ändert die Einfügung leichter Stücke in den Ablauf überhaupt nichts; im Gegenteil, man könnte sich aufgerufen fühlen, den Focus auf sie genau so intensiv zu richten, wie auf die schwierigen. Entsprechend kann ich die Schaufenster draußen unter dem Motto anschauen: „dem kreativen Auge wird alles Kunst“, – oder auch: „jedes Mittel, das die Aufmerksamkeit bindet, ist dem Konsum willkommen“.

Ein Konzert ohne Zeigefinger UNERHÖRT Neue Kirche Wuppertal 21.02.2020

 Susanne Kessel mit Eberhard Kranemann

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 Programmfolge

Jan Kopp war also in der Reihe der anwesenden Komponisten der erste, der auch selbst etwas zu seinem Stück sagen konnte (sollte); ich freute mich, zumal ich mich mit dem Werk schon vor Monaten mal intensiver beschäftigt habe, als ich noch plante zur Uraufführung nach Bonn zu fahren; siehe hier. Die Fahrt fiel wegen Unwetters aus. Aber das Werk mit dem Titel „Ahnen“ ließ mich nicht los. Es gab da ein Geheimnis, das mir verschlossen blieb, obwohl die Tonrepetitionen mich immerhin auf die „Appassionata“ lenkten. Und jetzt – erhielt ich einen schweren Dämpfer, weil ich in einem wesentlichen Punkt versagt hatte: mir war der Akkord entgangen, der mit einer entscheidenden, geradezu  programmatischen Bedeutung aufgeladen war. Jan Kopp erzählte von Kirschtorte und gedecktem Apfelkuchen, klar, er führte uns offenbar listig in die Irre, um dann plötzlich die sorgfältig ausgewählte Spezerei von zwei Takten Beethoven vorzuweisen: sie waren es, die ihn vor Jahren als Ohrwurm verfolgten und die er nun gebannt habe. So ähnlich muss er es gemeint haben, und ließ die Pianistin vorführen, was daran besonders sei. Er habe zunächst einmal die Takte umgeschrieben, so, wie sie von einem mittelmäßigen Komponisten hätten stammen können:

Und nun sollte das kommen, was Beethoven stattdessen geschrieben hat, – es sind im wesentlichen zwei expressive Akkorde und der „nachklappernde“ Bass (Vorzeichen bitte wie im Beispiel vorher dazudenken):

„Sie sehen,“ sagte Kopp, „da sind ein paar Kleinigkeiten verändert, aber genau diese Kleinigkeiten, sind es, die Beethoven ausmachen, die für ihn absolut charakteristisch sind. Das hat mich verfolgt, das ist für mich zu einem Ohrwurm geworden. Ich habe das auskomponiert, nichts weiter getan, als dass ich nun über 49 Takte immer wieder diese Kadenz umkreiste, ohne dass es praktisch gelingt, zum letzten Akkord zu kommen … nur ganz am Ende … ganz kurz … und dann ist das Stück auch schon vorbei.“ Leises Gelächter im Publikum.

Und jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen, vielmehr: endlich öffneten sich auch die Ohren, sobald das reale, neue Stück begann, mit den ersten Tönen und den Disharmonien, Farben, Wirbeln, Flageoletklängen, bis hin zum finalen Verschwinden. Diese Beethovensche Akkordfolge hatte den Komponisten die ganze Zeit im Verborgenen bewegt, der vierte Akkord des oben im Druck wiedergegebenen Notenbeispiels: der den fünften heraufbeschwört, der wiederum zwingend in den Dominantseptakkord führt, der nun endlich die zögerliche Auflösung in den Grundakkord zur Folge hat. „Zögerlich“ sage ich, weil sich der Bass erst nachträglich in Richtung Grundton bewegt, das tiefe DES im letzten Takt. Und genau dieser Ton ist es, den Jan Kopp dann letztlich nur noch imaginieren lässt: wir AHNEN ihn in Takt 49 auf der letzten Pause mit Fermate. („Der Rest ist Schweigen“…)

 Handschrift Jan Kopp

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ZITAT George Steiner

Wie eine elementare Einsicht besagt, wissen wir weder etwas über unser Kommen in diese Welt noch etwas über unseren Abtritt. Wir sind Insassen unseres Lebens, nicht seine Erzeuger oder Meister. Dennoch pocht die undeutliche Ahnung einer verlorenen Freiheit oder einer wiederzugewinnenden Freiheit – Arkadien hinter, Utopia vor uns – an die ferne Schwelle der menschlichen Seele. Dieser unbestimmte Pulsschlag regt das Herz unserer Mythologien und unserer Politik. Wir sind Geschöpfe, die zugleich gequält und getröstet werden von den Rufen einer Freiheit, die gerade außerhalb der Reichweite liegt. Doch in einem Bereich kann sich die Erfahrung der Freiheit entfalten. In einer Sphäre der menschlichen Verhältnisse heißt zu sein, frei zu sein. Es ist die unserer Begegnung mit Musik, Kunst und Literatur.

Das ist auf der negativsten Ebene der Fall. Wir haben die äußerste Freiheit, authentische ästhetische Erscheinungsformen gar nicht aufzunehmen, ihnen überhaupt nicht zu begegnen. So wie die überwältigende Mehrheit der Menschen die prägenden Triebkräfte der Kindheit vergisst oder verdrängt, erlebt sie auch die Erfahrung der Verlockung durch Literatur und Kunst nur sehr selten. Oder sie reagiert auf solche Verlockungen nur in ihrer ephemersten, narkotischen Gestalt (narkotisch in genau dem Sinne, in welchem Schund eben selbst kalkuliert, profitorientiert, interessengeleitet und damit unfrei ist). Nichts ist im Alltäglichen näherliegend als am Gedicht, am Gemälde vorüberzugehen, es überhaupt nicht wahrzunehmen. Jedweden Geschmack zu haben oder ebenso sich den Geschmack betäuben zu lassen und die von der Qualität gestellten Anforderungen gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, ist ein universelles menschliches Recht – wobei „Recht“ hier die essentielle Antithese zu „Freiheit“ darstellt. Bei freier Abstimmung, das heißt, wenn man die Wahl hat, mit seiner Freizeit und seinen wirtschaftlichen Ressourcen so zu verfahren, wie man will, wird die überwältigende Mehrheit der Menschen wie schon gesagt Bingo oder einer Plaudershow im Fernsehen gegenüber Aischylos oder Giorgione den Vorzug geben. Es ist das das absolute Recht der Unfreien. Und es ist eine der lähmendsten Notwendigkeiten liberaler und demokratischer Theorien, da sie nun einmal an die Freiheit des Marktes gebunden sind, daß sie dieses Recht schützen und institutionalisieren müssen.

Die Crux liegt auf einer anderen Ebene. Wo in den ontologischen und ethischen Räumen des Interesselosen Ernst auf Ernst trifft, Anspruch auf Anspruch, wo Kunst auf das Dichterische, deren eigener Eintritt ins Dasein und in eine dem Verstehen zugängliche Form unabdingbar kontingent ist, dem rezeptiven Potential eines freien Geistes begegnen, da findet eine existenzielle Verwirklichung von Freiheit statt, soweit wir diese überhaupt kennenlernen können.

Quelle George Steiner: Von realer Gegenwart / Hat unser Sprechen Inhalt? / Edition Akzente Hanser / Carl Hanser Verlag München Wien 1990 / Seite 203 f

Große Worte zweifellos. Ein Buch, das wie aus allen Zeiten gefallen scheint. George Steiner ist am 3. Februar dieses Jahres 91jährig in Cambridge gestorben.

In diesem Sinne sei es erlaubt – ihm und Beethovens Geburtstag angemessen – etwas pathetisch zu werden. Ich bin voller Bewunderung für dieses einzelne Klavierwerk mit dem Titel „Ahnen“, für die Leistung der Bonner Pianistin, für das riesige Projekt , und würde nicht überrascht sein, wenn eines Tages eine umfangreiche Dissertation über diese ungewöhnliche Beethoven-Ehrung geschrieben würde.

Wie wäre es, wenn Sie als geduldige Leser dieses Blogs Beethovens Appassionata  hören würden? Sie beginnen damit, den Ton abzuschalten, die Werbung am Anfang zu überspringen – im Namen des Geistes und der Freiheit – und erleben dann Mauricio Pollini bei der Arbeit, 24 Minuten lang, in der Hoffnung, dass der Markt nicht ein weiteres Mal mit Werbung zuschlägt. ODER: ohne Bild, aber im Klang etwas befriedigender HIER.

Beethoven in Wuppertal

Unerhört, aber gut besucht

Die Überraschung war, wie unterhaltend der Ablauf des „Klavierkonzertes“ sich gestaltete, manches grenzte zweifellos an „Unterhaltungsmusik“, obwohl dieses Wort innerhalb der „Neuen Musik“ schon vor Jahrzehnten obsolet war (um es mit einer Lieblingsvokabel der Adornoadepten von einst zu belegen). Schon der Weg zur Kirche und aufwärts in deren Konzertetage ist ein Erlebnis, für das Luisenviertel in Wuppertal sollte man sich Zeit nehmen, selbst wenn man mit den karnevalsbedingten Polizeikontrollen im Umfeld nichts zu tun hat.

 Der WDR spiegelt sich:

 

Alle Fotos: JR / Letztes Bild: Susanne Kessel in der Reihe der Komponisten, davor, ganz unten links: der Kopf des Veranstalters Martin Stürtzer, in der Mitte unterm Kreuz Jan Kopp, neben ihm Martin Wistinghausen. Ganz links Dietmar Bonnen, dann Eberhard Kranemann; ganz rechts Heinz-Dieter Wilke.

Das Projekt ist also weitergelaufen, über die Grenzen Bonns und Beethovens hinaus; ich hatte damals die Dimensionen nicht geahnt: nicht 250 Stücke sind es geworden, sondern 261, aber nun sollte auch Schluss sein, sehr respektabel. Und live für mich eine nachträgliche Bestätigung: die Komposition von Jan Kopp  (siehe im Blog hier) hat auch nach drei Jahren ihre Faszination behalten, ja sie ist gewachsen. Leider ist das Stück auf der ersten CD des Klavierprojektes noch nicht enthalten:

Aber was auch immer man hört, gerade in der Zusammenstellung des Wuppertaler Konzerts: es ist – wie gesagt – ein ungemein kurzweiliges Programm, ohne stilistische Grenzen, zwischen wilden Ausbrüchen, Rätselcharakter, Pop, Ironie und Schmalz. Am Ende natürlich „Für Elise“. Sehr angenehm: die unprätentiöse Art der Darbietung durch Susanne Kessel, gleichwohl höchst virtuos, eine uneitle Künstlerin, deren Empathie für jedes einzelne Werk unverkennbar ist, auch wenn es aus dem (fälschlich) vermuteten Rahmen fällt, – gute Idee, auch schon mal drei Stücke aneinanderzufügen, die Einführungen der anwesenden Komponisten signalisierten Respekt vor dem Hörvermögen Nichteingeweihter, – so dürften Konzerte sein, durchaus heiter, was dem klassischen Ritual nicht schaden kann. Einerseits mit eingebauten Überraschungen, etwa als amüsante Performance, so zum Beispiel nach der Pause, – per Zufallsfund oder per Stichwahl: hinein in einen Band Beethoven-Sonaten, die Seite herausgerissen – zum Glück keine Urtext-Ausgabe -, auf den Kopf gestellt und vom Blatt gespielt – das war „Beethovenamstück“ von Harald Muenz, ganz zuletzt als Zugabe noch einmal: ein anderes Blatt, ein anderes Stück.

Andererseits ist alles, was man gehört hat, zuhaus am Computer perfekt nachvollziehbar. Nehmen wir das erste Stück des Konzertes nach dem einleitenden ersten Satz der Mondschein-Sonate: „A little moonlight music“ von Kai Schumacher. Im Programm steht dahinter „Vol.3“, d.h. Sie gehen Sie auf die Website www.250-piano-pieces-for-beethoven.com , vielleicht klappt’s auch schon hier, Sie sehen dort das folgende Bild und klicken oben links auf „audio/video“ (dort „Vol.3“) oder auf „Komponisten“.

In jedem Fall stoßen Sie auf Informationen und eine Möglichkeit, das Stück ihrer Wahl im Vimeo zu hören, ohne es gleich downloaden zu müssen oder eine CD zu kaufen. Ein wunderbares Angebot. Einzigartig (glaube ich) auch in der Webtechnik als Einführung in die Vielseitigkeit der Neuen Musik – mithilfe eines einzigen Instrumentes, des Wunderkastens Klavier.

Im Fall Peter Michael Hamel (in der Ansage ließ mich der Name Tyagaraja aufhorchen) hätte unter „Vol. 9“ zum Beispiel folgendes erfahren:

Peter Michael Hamel über sein piano piece „Freude für Beethoven“:

„Umrahmung mittels des klassischen indischen Tala RUPAK 7/8.
Zitat aus der karnatischen Musik des Beethoven Zeitgenossen Tyagaraja aus Madras am Anfang und am Ende.
Zwischendrin: Beethoven Allusionen Anklänge an die seit der Kindheit erinnerten Melodien.“
„Ich liebe dich so wie du mich
am Abend und am Morgen
Noch ist kein Tag wo du und ich
nicht teilten unsere Sorgen“

Und dann – mehr über Hamel als über Beethoven:

Über Ludwig van Beethoven:

„In Kindheitstagen die Gesangsstimmen der Eltern noch vereint: „Ich liebe dich, so wie du mich, am Abend und am Morgen…“ Die knackende LP: der 10-Jährige hört bei der Oma die Siebte unter Furtwängler. Unvergesslich. op.10 Nr 1 cmoll, wenigstens den ersten Satz erlernt, fast alle Klaviervariationen auf das c-moll Thema. Und dann die letzten Streichquartette als Lebensessenz …“

(Peter Michael Hamel, 20.10.2019)

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Es hat mich gefreut zu sehen, dass der WDR die ganze Sache unterstützt, lauter Leute, die ich aus meinem früheren Leben kenne und schätze:

Nachwort 24.02.2020

Ich habe keine Kritik geschrieben, sondern subjektive Gedanken zu einem Konzert wiedergegeben, – leicht zu erkennen, was hätten sonst Fotos aus dem Wuppertaler Luisenviertel damit zu tun: für mich gehörten sie dazu. Ebenso die nicht erwähnte, kurze Begegnung mit dem Kollegen Michael Rüsenberg, der sich wunderte, dass ich nicht gehbehindert bin. Wie kam er darauf? Vielleicht weil ich seit dem Besuch seiner Veranstaltung am 4. Mai 2017 in Bonn bei ihm nicht mehr aufgetaucht bin? (Siehe hier). Vielleicht nur weil ich fürchtete, dass ich es dort wieder so interessant finden würde, dass ich mich zu ganz viel Nacharbeit bemüßigt fühle? Dabei muss man nämlich lange am Schreibtisch sitzen, während ich in Wirklichkeit sehr gerne laufe, vor allem am Strand einer Nordseeinsel oder bei Domburg. Es gibt im täglichen Leben viele kleine Missverständnisse, die der Rede nicht wert sind. Zum Beispiel in der Zeit, als ich noch für den WDR Festivals auf der Kölner Domplatte oder auf dem Marktplatz in Bonn betreute. Weltmusik, wertvolle (welthaltige) Musik verschiedenster Regionen oder Kulturen. Und immer wieder geschah es, dass Ensembles oder Solisten – bevorzugt aus dem Ostblock – nachfragten, wann denn Preisverleihung sei. Leichte Enttäuschung, wenn sie erfuhren, dass es hier um Nebeneinanderstellung des ideell Gleichwertigen gehe, verbunden mit bewussten Kontrasten, auch im Niveau oder in der Komplexität.

So kommt es, dass ich lieber auf  (subjektive) Vertiefung des Verständnisses ziele, und Kritik mit Vorliebe an Kritiken übe, ohne damit eine Art Gutmenschentum hervorkehren zu wollen. Deshalb würde ich auch gern über die Wuppertaler Besprechung meckern, die ich aber nur teilweise mit Hilfe eines Screenshots mehrere Momente lang vor der niedergehenden Leseschranke retten konnte.

  Zitat WZ 22. Februar 2020

Da werden die spektakulären Dinge herausgegriffen, die auch von musikfremden Besuchern auf der nächsten Party erzählt werden könnten. Wenn das Ereignis ausschließlich in den Tönen stattfindet, ergibt das halt ein blasseres Narrativ als wenn der Pianist unter dem Flügel liegt. Das bekannteste Klavierstück von Cage (oder überhaupt, wenn man von „Für Elise“ absieht) ist dasjenige, in dem kein einziger Klavierton erklingt, sondern Stille. Warum auch nicht?

Was mich besonders positiv beeindruckt hat, ist übrigens die Art und Weise, wie Susanne Kessel mit dem Stück eines philippinischen Komponisten umgegangen ist.