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Warum Fotos traurig machen

Ich gebrauche selbstgemachte Fotos so, wie ich einem Menschen was vorsinge, zum Beispiel um über eine Melodie zu sprechen, die wir beide kennen: ich will nicht Kunst produzieren, nicht beweisen, dass ich einmal Gesangsstunden hatte, lächerlich, ich brauche kein schön geschnitztes Zeigestöckchen, wenn ich eine Straßenverbindung auf der Landkarte bezeichnen will. Natürlich weiß ich, dass es eine Kunst ist, gute Fotos zu machen; aber es ist zumindest subjektiv vertretbar, Fotos ohne jede Kunstabsicht herzustellen. Etwa so, wie man sich Notizen macht.

Vorgaben zur Kritik:

  1. Fotos geben vor, aus einer schönen Zeit zu stammen, – jeder ahnt den freundlichen Betrug -, die Personen lächeln, sie sollen den Betrachter für sich gewinnen: man wollte die Situation für ein späteres Erinnern festhalten, vielleicht weiß man, bezweckt es sogar, dass man den Betrachter durch schönen Schein manipuliert. Vielleicht wünscht man, dass das Foto so etwas wie Neid erweckt, man vermutet nicht, dass der wahrscheinlichere Effekt Mitleid ist: „Damals ahnte er noch nicht, dass er bald sterben würde!“ Oder sogar Schadenfreude?
  2. Fotos lassen das Elend, den Niedergang, den Zerfall des Alltags in seine heterogenen Einzelteile optisch attraktiv erscheinen. Man hört und riecht ja nichts, weder Stöhnen noch Gestank. Fotos klammern entscheidende Aspekte aus: z.B. die unerträgliche Hitze, die Mückenplage, die schrille Musik aus den Lautsprechern im Hintergrund. Fotos zielen selten darauf, dass man die Phänomene ergänzt, die nicht optischer Natur sind. Oder umgekehrt: sie spiegeln vor bzw. lassen keinen Zweifel zu, dass der Mensch, der eine Flöte an den Mund setzt, sie auch spielt.
  3.  Fotos stammen aus einer anderen Welt, auch wenn ich selbst darauf abgebildet bin und offensichtlich teilgenommen habe. Ich würde nicht soweit gehen wie Hofmannsthal, nämlich zu sagen, ich sei „mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.“ Ich sehe mich ja nicht nur, wie ich damals war (oder wie ich mich sehen wollte – wer weiß, wie viele andere Fotos ich habe verschwinden lassen); ich ergänze unwillkürlich aus der Erinnerung eine bestimmte (oder verschwimmende) Innenansicht. Ich könnte sie durch Notizen aus der Zeit vervollständigen. Und wenn das Foto an einem Festtag entstand, der mir im Gedächtnis haften geblieben ist, z.B. die Silberhochzeit meiner Eltern , kann ich viele Einzelheiten der äußeren Situation rekonstruieren.
  4. Fotos unterliegen krassen Fehldeutungen. Meine Mutter zeigte gern das Bild einer  jüngeren Freundin und sagte, sie habe ein Problem, weil sie keinen Mann „mitgekriegt“ hat. Es war eher ein Zufallsfoto, auf dem die Dame seitwärts in die Landschaft schaute und zudem nicht lächelte, daher war es für jede Projektion sehnsüchtiger Gefühle geeignet. Ich kannte sie allerdings als eine lebenslustige Person und mochte nicht glauben, dass ausgerechnet dieses Foto ihr Innenleben offenbarte. Vielleicht war sie kurzsichtig und wirkte deshalb beim Blick in die Ferne leicht angestrengt. Und es gab für sie gute Gründe, gerade meiner Mutter ein Foto zu schicken, das nicht suggerierte, sie nehme das Leben allzu leicht. Traurig war sie wohl nicht.

Ich mache einen Versuch:

Opa Familie 1915

„Draußen“ herrscht der Erste Weltkrieg. Der Mann ist nur auf Urlaub. Er ist genauso streng, wie er aussieht. Die Mutter sieht keine rosige Zukunft vor sich, sie wird in der Sekte bleiben, die der Mann aufgegeben hat. Der Junge wird als immer noch junger Mann im Zweiten Weltkrieg sterben. Das Mädchen wird sich mit dem Vater überwerfen, schwere Krankheiten erleben und vier Kinder gebären. Sie wird vom Tag des Fotos an noch fast 90 Jahre leben.

Natürlich lächeln sie alle nicht. Das war damals auf dem Lande nicht üblich. Die Sekte hieß übrigens „Ernste Bibelforscher“.

Aber was ich ausdrücken wollte, war etwas anderes. Ich erinnere mich, dass ich dazu einiges nachlesen wollte. Roland Barthes, Susan Sontag, Siegfried Kracauer, – es soll folgen und irgendwie zur Lösung der Titelfrage beitragen.

Nur vorläufig setze ich ein Foto hierher, das von dem ehemals kleinen Mädchen 1952 geknipst wurde, meiner Mutter. Ich vermute es, denn ihr Stuhl ist leer. Links mein Vater, hinten Tante Bertha, übrigens seine alte Tante, die ihn um mindestens 6 Jahre überlebte, und rechts sitze ich und schaue heraus wie mein Vater. Ich glaube, es ist vor allem die trübe Beleuchtung, die mich beschäftigt, es ist das Licht, das traurig macht. Auch die gefüllte Tasse meiner Mutter. In Wahrheit war es heller. Aber das Bild hat auf andere Weise recht.

Familienkaffee 1952

Ein Factum, das – vielleicht unnötig – traurig stimmt: all den Menschen, die wir auf alten Fotos betrachten, ist unbekannt, was vor ihnen liegt. Wir wissen es, wir kennen es – ihr „Fatum“. Vielleicht ist es ihnen aber gleichgültig, weil sie mit diesem Augenblick einigermaßen zufrieden sind? Sie alle leben (noch) und vergewissern sich dessen im Foto. Aus meiner Innensicht: mit 11 Jahren schien mir die Zukunft jenseits der 20, falls ich sie in Betracht zog, potentiell unendlich. Heute erfüllt mich mein damaliges Nichtwissen – fast ebenso wie das der anderen – mit Mitleid.

***

Aus Susan Sontag: „Über Fotografie“ (Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 1980, 2006)

Seite 14

Fotografieren wird zu einem Ritus des Familienlebens in eben dem Augenblick, da sich in den industrialisierten Ländern Europas und Amerikas ein radikaler Wandel anbahnt. Als jene klaustrophobische Einheit der Kernfamilie, aus einem sehr viel umfassenderen Familienkollektiv herausgelöst wurde, beeilte sich die Fotografie, die gefährdete Kontinuität und den schwindenden Einflußbereich des Familienlebens festzuhalten und symbolisch neu zu formulieren. Jene geisterhaften Spuren, die Fotografien, sorgen jetzt für die zeichenhafte Präsenz der verstreuten Angehörigen. Das Fotoalbum einer Familie bezieht sich im allgemeinen auf die Familie im weiteren Sinne – und ist häufig alles, was davon übriggeblieben ist.

Seite 21

(…) Die Fotografie ist eine elegische Kunst, eine von Untergangsstimmung überschattete Kunst. Die meisten Menschen, die fotografiert werden, haben, gerade weil sie fotografiert werden, etwas Rührendes an sich. Ein häßliches oder groteskes Modell kann rührend wirken, weil es der Fotograf seiner Aufmerksamkeit gewürdigt hat. Ein schönes Modell kann wehmütige Gefühle hervorrufen, weil es, seitdem die Aufnahme gemacht wurde, gealtert, verblüht oder gestorben ist. Jede Fotografie ist ein  memento mori. Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, daß sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit

***

In einem seiner Essays, die zwischen 1920 und 1931 entstanden, denkt Siegfried Kracauer über das Porträt (s)einer Großmutter aus dem Jahre 1864 nach, die damals ein junges Mädchen war.

Die Enkel lachen über die Tracht, die nach der Verflüchtigung ihres Trägers allein den Kampfplatz behauptet – eine Außendekoration, die sich verselbständigt hat -, sie sind pietätlos, und heute kleiden die jungen Mädchen sich anders. Sie lachen und zugleich überläuft sie ein Grausen. Denn durch die Ornamentik des Kostüms hindurch, aus dem die Großmutter verschwunden ist, meinen sie einen Augenblick der verflossenen Zeit zu erblicken, der Zeit, die ohne Wiederkehr abläuft. Zwar ist die Zeit nicht mitphotographiert wie das Lächeln oder die Chignons, aber die Photographie selber, so dünkt ihnen, ist eine Darstellung der Zeit. Wenn nur die Photographie ihnen Dauer schenkte, erhielten sie sich also gar nicht über die bloße Zeit hinaus, vielmehr – die Zeit schüfe aus ihnen sich Bilder.

Das Wort geht mir nach: „Sie lachen und zugleich überläuft sie ein Grausen.“ Ein paar Seiten weiter folgt eine ähnliche Beobachtung:

Als die Großmutter vor dem Objektiv stand, war sie für eine Sekunde in dem Raumkontinuum zugegen, das dem Objektiv sich darbot. Verewigt worden ist aber statt der Großmutter jener Aspekt. [Welcher, bleibt hier unzitiert, siehe unten. JR]  Es fröstelt den Betrachter alter Photographien. Denn sie veranschaulichen nicht die Erkenntnis des Originals, sondern die räumliche Konfiguration eines Augenblicks; nicht der Mensch tritt in seiner Photographie heraus, sondern die Summe dessen, was von ihm abzuziehen ist.

In diesen Sätzen steckt für mein Empfinden mehr Realität als in dem ganzen Photo-Buch von Roland Barthes („Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie“ 1980). Auch der folgende:

Die aktuelle Photographie, die eine dem gegenwärtigen Bewußtsein vertraute Erscheinung abbildet, gewährt in begrenztem Umfang dem Leben des Originals Einlaß. Sie verzeichnet jeweils eine Äußerlichkeit, die zur Zeit ihrer Herrschaft ein so allgemein verständliches Ausdrucksmittel ist wie die Sprache. (S.29)

In diesem Fall bezieht sich Kracauer auf eine Filmdiva seiner Zeit, was sich aber leicht transponieren lässt. Weiter mit Blick auf die Großmutter (mit Blick auf das zweite Foto oben könnte ich auch sagen: der Junge da oben – scheinbar jung -, bin doch ich gewesen, heute fast 25 Jahre älter als mein Vater damals, als er noch 7 Jahre zu leben hatte):

Das Gespenst ist komisch und furchtbar zugleich. Nicht das Lachen nur antwortet der veralteten Photographie. Sie stellt das schlechthin Vergangene dar, aber der Abfall war einmal Gegenwart. Die Großmutter ist ein Mensch gewesen, und zu dem Menschen haben Chignons und Korsett, hat der hohe Renaissance-Stuhl mit den gedrehten Säulen gehört. Ein Ballast, der nicht niederzog, sondern bedenkenlos mitgenommen wurde. Nun geistert das Bild wie die Schloßfrau durch die Gegenwart. Nur an Orten, an denen eine schlimme Tat begangen worden ist, gehen Spukerscheinungen um. Die Photographie wird zum Gespenst, weil die Kostümpuppe gelebt hat. Durch das Bild ist bewiesen, daß die fremden Attrappen als ein selbstverständlicher Zubehör in das Leben einbezogen worden sind. Sie, deren mangelnde Transparenz auf der alten Photographie erfahren wird, haben sich mit den durchsichtigen Zügen früher unzertrennlich gemischt. Die schlimme Verbindung, die in der Photographie andauert, erweckt den Schauder. (…) Auch die Wiedergabe alter Schlager oder die Lektüre einst geschriebener Briefe beschwört wie das photographische Bildnis die zerfallene Einheit neu herauf. Die gespenstische Realität ist unerlöst. Sie besteht aus Teilen im Raum, deren Zusammenhang so wenig notwendig ist, daß man sich die Teile auch anders angeordnet denken könnte. Das hat einmal an uns gehaftet wie unsere Haut, und so haftet unser Eigentum noch heute uns an. Wir sind in nichts enthalten, und die Photographie sammelt Fragmente um ein Nichts. Als die Großmutter vor dem Objektiv stand, war sie für eine Sekunde in dem Raumkontinuum zugegen, das dem Objektiv sich anbot. Es fröstelt den Betrachter alter Photographien. Denn sie veranschaulichen nicht die Erkenntnis des Originals, sondern die räumliche Konfiguration eines Augenblicks; nicht der Mensch tritt in seiner Photographie heraus, sondern die Summe dessen, was von ihm abzuziehen ist.

Quelle Siegfried Kracauer: „Die Photographie“ (Seite 21 bis 40) in: „Das Ornament der Masse“ / Essays / suhrkamp taschenbuch Frankfurt am Main 1977 (1963)

Ein altes Foto, das nicht traurig macht (sondern?), aus dem Album meiner Mutter:

Lohe 1929 Zeppelin Lohe bei Bad Oeynhausen 1929

Des Philosophen ornamentale Rhetorik

Zur Genese vorkultureller Polemik

Man wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis Herfried Münklers Kritik an den beiden Philosophen Sloterdijk und Safranski eine Erwiderung bekommen würde (siehe auch hier). Verwundern konnte jetzt nur die Länge der Sloterdijk-Suada, die vielleicht nur darin ihren Grund hat, dass die Überschrift bereits inhaltlich erschöpfend wiedergibt, was im Gedächtnis haften bleibt: „Primitive Reflexe / In der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdiger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass“.

Das Stichwort Beißwut signalisiert bereits, dass eine feine Unterfütterung möglich wird, Prisen substantiellen biologischen Sandes im Getriebe der philosophisch umgeleiteten Reflexe. Vielleicht auch nur große Metaphern, die man diesem Philosophen mit Vorliebe um die Ohren haut: Beißwut und Reflex gleich „Hund, Pawlowscher“…

Man gewinnt den Eindruck, dass es dem Autor in seinem Artikel quälend lang um die Demonstration des eigenen Niveaus geht, wobei er jedoch auf einige Gags zweifelhaften Geschmacks nicht verzichten mag:

ZITAT

Man darf davon überzeugt sein, Pawlow hätte die Entwicklung der deutschen Debatten mit größtem Interesse betrachtet. Er würde sich in seiner reflexologischen Grundansicht bestätigt fühlen, sofern es tatsächlich oft nichts anderes als Auslöser-Zeichen sind, die bei Teilnehmern an aktuellen Diskussionen den Speichel fließen lassen, sollte es auch bereits digitaler Speichel sein. Bei manchen semantischen Stimuli wie „Grenze“, „Zuwanderung“ oder „Integration“ ist die Futtererwartung des erfolgreich dressierten Kulturteilnehmers so fest fixiert, dass der Saft sofort einschießt. Solange auf Foren genässt wird, darf man vermuten, die Absonderungen blieben harmlos. Pawlows Hund hat nie jemanden gebissen, selbst wenn man ihn mit leeren Signalen abspeiste.

Das geht durchaus in die Nähe historischer CSU-Entgleisungen, die seit Franzjosefs Zeiten vor animalischen Anspielungen nicht zurückschreckten. Der Hinweis, dass Münkler kein kleiner Kläffer ist, im Gegensatz zu einem gewissen Kölner Philosophen, steht noch bevor. Aber die hinrichtende Vokabel für böse Lesarten der von Ornamenten überbordenden Texte liegt schon bereit: Nuancen-Mord.

ZITAT

Man hat zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass in einer alphabetisierten Zivilisation das Lügen eine Variante entwickelt: das absichtliche schlechte Lesen, das heißt die praktische Ausübung des Nuancen-Mords. Es sind naturgemäß politisierte oder politologisierende Intellektuelle, die bei diesem Vergehen die Täterstatistik überproportional bevölkern. Sie fallen dadurch auf, dass sie Ideen umzingeln wie Frauen in Silvesternächten.

Lese ich schlecht? Oder sogar recht und schlecht? Wer hat nun Ideen umzingelt und wer die Frauen in der Silvesternacht? Ist der Mann bei Troste? Wenn er endlich im letzten Viertel seines Textes auf dessen Anlass und Zweck zu sprechen kommt, tut er so, als sei das nur ein beiläufiges Impromptu:

ZITAT

Ein kurzes Wort will ich anfügen zu der Polemik von Herfried Münkler gegen Safranskis und meine Äußerungen über deregulierte Migrationen und übers Ufer getretene Flüchtlings-“Ströme“. Der Fall hat eine aparte Seite, da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist. Münkler jedoch hat sich als Autor von Statur erwiesen. Umso erstaunlicher bleibt seine Fehllektüre-Leistung, die er in einem Artikel dieser Zeitung vor wenigen Wochen zum Besten gegeben hat.

Immerhin: anders als bei Precht sieht er hier nur eine Fehllektüre-Leistung und keinen Nuancen-Mord.

Das alles ist unbegrenzt ausbaufähig, jedes Detail kann paraphrasiert werden. Bis endlich die Stretta der letzten Sätze eine natürliche Coda ergibt:

ZITAT

In der Zwischenzeit, denke ich, sollte Herr Münkler die Gelegenheit nutzen, seine okkasionellen Ungezogenheiten zu überdenken. Offenbar stammen seine polemischen Thesen (er war erregt genug, meine und Safranskis Sorgen-Thesen als unbedarftes „Dahergerede“ zu bezeichnen) doch auch zum Teil aus der Sphäre der vorkulturellen Reflexe, nicht zuletzt aus dem Revierverhalten und dem Streben nach Deutungshoheit. Sind unsere Sorgen nicht zu real, als dass sie auf die Ebene von Gezänk zwischen Krisen-Interpreten gezogen werden dürften? Es kann nicht wahr sein, dass ausgerechnet unter Intellektuellen die unbedingten Reflexe gegenüber den bedingten die Oberhand gewinnen.

Bleibt nur noch eine Nacharbeit auf dem Felde der Kläffer-Komplexe: Was unterscheidet nochmal die bedingten von den unbedingten? Man schaue hier. Und was den Hund schlechthin angeht, hier!

Quelle der Zitate DIE ZEIT 3. März 2016 Seite 39-40 Primitive Reflexe In der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdiger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass. Eine Antwort an die Kritiker. Von Peter Sloterdijk.

Nachtrag 21. März 2016

Ich hätte mir denken können, dass es nicht bei der Entgegnung des Philosophen bleiben würde, und erst mit der neuerlichen Antwort des Politologen wird aus dem polemischen Wortwechsel ein hochinteressanter Diskurs über strategisches Denken und gedankliche Ausweichmanöver. Stoff genug für ein methodisches Seminar. Ich würde viel darum geben, wenn sich auch Rüdiger Safranski dazu äußern würde.

DIE ZEIT 10. März 2016 Seite 42 Weiß er, was er will? Der Philosoph Peter Sloterdijk hat sich vorige Woche in der ZEIR gegen die Kritik von Herfried Münkler gewehrt und ihn einen „Kavaliers-Politologen“ der Kanzlerin genannt. Eine Antwort / Von Herfried Münkler.

Kölner Phase (unrepeatable)

Steve Reich hören lernen

In der Kölner Philharmonie hat sich ein Skandal ereignet, endlich mal, da muss man nicht immer wieder von dem Skandal 1913 beim „Sacre du printemps“ anfangen, oder ich mit meinem Lieblingsbeispiel, das ich 1960 nur vom Tonband eines Freundes gehört habe: Moses und Aron in Berlin unter Hermann Scherchen. Die Proteste bei der Uraufführung waren offenbar live über den Sender gegangen: als Scherchen den protestierenden und randalierenden Zuschauern zurief: „…dann muss ich Sie denen zurechnen, die meine Autoreifen zerschnitten haben und die gedroht haben, mir Vitriol ins Gesicht zu schütten!“ – Ich eilte zu Beginn meines Studiums sofort in eine Aufführung, die ruhig verlief, sehr eindrucksvoll (mit Josef Greindl), mir schien auch, dass nicht Schönbergs Musik die Menschen so erregt hatte, sondern der Tanz ums Goldene Kalb, die Nacktheit der tanzenden Menschen in ihren fleischfarbenen Trikots, ihre bacchantisch zur Schau gestellte, überzeugend gespielte Lüsternheit.

Nichts von alledem in Köln! Im Konzert des Ensembles Concerto, offenbar vor einem Publikum, das gewöhnt ist, in Konzerte Alter Musik zu gehen und das sich dieser Tatsache auch im Verlauf des Konzertes bewusst bleiben will, geschah das Unglaubliche: es wurde das gespielt, was im Programm vorgesehen und auch während des Konzertes im Programmheft nachzulesen war. Was dann aber passiert ist, muss ich nicht aufschreiben, man kann es leicht nachlesen: in Spiegel online, (jedoch: nicht „abgebrochen“, sondern „unterbrochen“!), man studiere auch die Kölner Medien (und klicke sich darin weiter) z.B. hier und vor allem die Beiträge von Seiten des Ensembles Concerto auf Facebook, klicke in den Bericht des Solisten („Noisy dissent disrupts a harpsichord recital“) und in die Stellungnahme des Cellisten Alexander Scherf hier.

Ein Jahr bleibt nun Zeit, die Schande wieder gut zu machen und am 1. März 2017 bestens präpariert aufs neue in die Kölner Philharmonie zu wandern. Mahan Esfahani: auch ich will dabeisein! Im Namen der persischen Musik! Und im Namen der Mbira-Musik Zimbabwes! Im Namen des Bach-Kanons auf dem Haussmann-Porträt!

Es ist nur ein kleiner Ausschnitt – aber keine Kapitulation vor dem Publikum – ein Appetizer – man kann die CD erwerben und die „Piano Phase“ nicht nur vollständig hören, sondern vor allem das Hören üben. Es ist nie falsch, das Hören auch als eine Aufgabe zu betrachten, Musik ist nicht nur eine Bringschuld des Interpreten, sondern ebenso eine Holschuld der Rezipienten. Wenn sie nicht hören (wollen), was da vor sich geht, können sie es nicht dem Interpreten anlasten, der sein Bestes gibt.

Dem Programmheft wäre übrigens durchaus Anregendes zum Prinzip „Wiederholung“ zu entnehmen gewesen:

Auch wenn sie mit ihren Phasenverschiebungen mitunter sehr spielerisch erscheint, ist sie doch eng mit geistigen und spirituellen Fragen verknüpft. Für Piano Phase trifft das in besonderer Weise zu. Einerseits ist es sehr reizvoll, dem musikalischen Verlauf aufmerksam zu folgen, andererseits rufen die Klänge bei entsprechender Einlassungsbereitschaft einen Zustand meditativer Versenkung hervor – wobei beides gleichzeitig erfolgen kann. Steve Reich abstrahiert in Piano Phase von Annäherung und Entfremdung, indem er eine einheitliche Melodiesequenz subtil auseinanderdriften lässt.

(Egbert Hiller)

Wenn man die Struktur auch technisch besser versteht, hätte man die Chance, eine besondere Wahrnehmungsweise zu entdecken. Und ich schwöre: wer es genau weiß, wird mit höchster Aufmerksamkeit, ja, mit Spannung zuhören, was nicht heißt: das Stück hat die gleiche Relevanz wie ein Bach-Konzert. Darum geht es nicht. Nein, ohne dieses Werk wäre unsere Alte Musikkultur nicht in Gefahr. Aber mit der plumpen Verweigerung ist keinesfalls das Abendland verteidigt, – sondern die schiere Dummheit hätte wieder einmal gesiegt.

Als Ziel meiner Überredungskunst noch ein spezieller Hinweis, von besonderem Interesse für Klavierspieler, die imstande sind, mit ihren zwei ineinanderwirkenden Hände eine einfache Tonfolge einzustudieren. Zwei Seiten aus Hans Peter Reutters Satzlehre HIER.

Und hier die Nutzanwendung:

Ausführende: Tinnitus Piano Duo / Tine Allegaert & Lukas Huisman

Nachtrag 3. März 2016: Das seltsame Echo des Kölner Eclats

Kölner Skandal im ST 160303

Ein so großer Bericht auf Seite 3 einer ganz gewöhnlichen Tageszeitung über ein außergewöhnliches Konzert? Ja, und von einem Journalisten, der sonst politische Kommentare schreibt (lesenswerte). Ich vermute, dass also übergeordnete Gründe zum Tragen kommen sollen, keine musikalischen. Das Bild ist ein Blickfänger, die Unterzeile suggeriert jedoch, dass der Musiker auf eine „erzwungene Unterbrechung seines Konzertes“ in dieser Weise reagiert habe: nämlich provokativ schlafend. Verachtung zeigend. War es so? Ist es nicht eins der üblichen Künstlerfotos, die den Interpreten in ungewöhnlichen Posen zeigen, um eine allzu biedere Sicht auf die Podiumssituation zu unterlaufen? Wie hier zum Beispiel:

Mahan Esfahani kl Foto: Marco Borggrefe 2009

Ärgerlich wird es, wenn der längere Teil des verbalen Berichtes unter dem Stichwort „Argwohn des Kulturbetriebes gegen das eigene Publikum“ steht und dann ausgerechnet Handkes programmatische „Publikumsbeschimpfung“ aus dem Jahre 1966 heranzieht. Damals war die Provokation unmissverständlich künstlerisches Ziel der Veranstaltung, wie auch oft bei den Happenings jener Zeit. Es ist aber einfältig, im Zusammenhang mit der aktuellen Situation zu schreiben: „Misstrauen und Verachtung des Publikums gehörte immer schon zur intellektuellen Folklore.“

Im Kölner Konzert wurde ein heute durchaus normales Programm präsentiert, nicht provokativer als etwa Beethovens „Eroica“. Und wenn ein Segment des Publikums – zur Kaffeezeit am Sonntagnachmittag – deutlicher als sonst zeigt, dass es vom Ernst des Spieles auf der Bühne noch nie gehört hat, kann das eigentlich niemanden erschrecken. Aber erst recht nicht zur freundlichen Verständigung mit diesem Segment ermuntern. Ich habe ein ähnlich – sagen wir – kühn aufgebautes Programm an einem Abend (!) in der Kölner Philharmonie erlebt (mit dem Kelemen-Quartett ) und habe nicht nur über die Interpreten, sondern auch über das hoch motivierte, ja, ideale  Kölner Publikum gestaunt.

Nachtrag 19. März 2016

Ein verspätet veröffentlichter Leserbrief im Solinger Tageblatt erinnert mich an die Möglichkeit, Steve Reich im Konzert eines Ensembles, das mit der engagierten Interpretation Alter Musik bekannt geworden ist, ganz anders wahrzunehmen, als es mir, der ich nicht dort war, einleuchtend erschien. Und auch anders als es dem Briefschreiber, mit gutem Grund, berichtenswert erscheint:

Cembalo Philharmonie ST 160318 Solinger Tageblatt 18/03/2016

Steve Reichs „Piano Phases“ (1967) ist ein fast 60 Jahre altes Stück, das immer wieder zu einer Ohren-Übung einlädt, aber es ist alles andere als ein Klassiker, den man immer wieder zu hören wünscht, sagen wir: wie Ligetis „Atmosphères“ (1961). Es gibt – wenn man es einmal kennt -keine neuen Facetten daran zu entdecken. Und wenn die Einführung des Cembalisten etwa (ich weiß es nicht!) den Eindruck erweckt hat, dass das Publikum vorweg eine Nachhilfestunde braucht, kann man sich einen gewissen Unmut erklären, der auch durch einen zu Hilfe eilenden Herrn aus dem Publikum nicht unbedingt gemindert wird.

Um nicht die falsche Klientel zu bedienen, habe ich übrigens im Artikel ganz andere (von mir durchaus gewünschte) Heiligtümer einer öffentlichen Aufführung beschworen:  „Im Namen der persischen Musik! Und im Namen der Mbira-Musik Zimbabwes!“ Und mit der Erwähnung des Bach-Kanons (BWV 1072) meinte ich eine Wiedergabe in perpetuo, die ihn wie (!) eine minimalistische Musik wirken lässt (vgl. u.a. auch Conlon Nancarrow).

Aber ich bin nicht überzeugt, dass man ein typisches Publikum der Alten Musik im Konzert erwecken muss, – übrigens erst recht nicht mit einem Stück von Górecki.

Der punktierte Auftakt

Zum Anfang der Marseillaise

Marseillaise Anfang

Als ich mir kürzlich die syrische Nationalhymne anhörte, geriet ich ins Grübeln: wie auch viele andere Hymnen ist sie mehr ein Kampflied als eine Hymne, jedenfalls will sie aktivieren, nicht zum Tanzen, sondern zum Marschieren. Erkennbar vor allem an dem „punktierten Rhythmus“, allerdings anhebend nur mit einem bloßen Sechzehntel-Auftakt: trotzdem frage ich mich, ob nicht in all diesen Fällen als Vorbild die „Marseillaise“ mit ihrem erweiterten Auftakt gelten kann (der dann im weiteren Verlauf als punktiertes Achtel plus Sechzehntel fortwirkt). Aber woher kommt er, wann hat man die hinreißende Wirkung dieses Anfangs erkannt? Die energetische Ausstrahlung ist anders als in den Tanz-Auftakten der alten barocken Suiten. Bei Wikipedia steht, dass der Anfang eines Boccherini-Quintetts die melodische Anregung gegeben haben könnte. (Jetzt brauchten wir noch den Hinweis, das Roger de Lisle, der Schöpfer der Marseillaise, Flöte gespielt und mit Vorliebe genau dieses Quintett geübt hat…)

Boccherin Marseillaise

Dem Auftakt fehlt jedoch das entscheidende rhythmische Detail, ansonsten: der Zielton der hohen Oktave auch hier – wenn auch Schritt für Schritt wie in „Ein Männlein steht im Walde“, erst der kühne Sprung gäbe den Charakter -, dann immerhin der fallende Dur-Dreiklang und seine Fortführung im a-moll-Dreiklang samt rhythmischer Komprimierung: die Vergleichbarkeit geht bis zum Anfangston des nächsten Taktes. Ja, selbst der Ton f“ auf der Zählzeit 2 des zweiten Taktes entspräche noch dem in der Marseillaise durch Aufwärtssprung erreichten Ton (siehe oben, Zeile 2, 5.Ton). – Auch die syrische Hymne verlässt sich auf die klare Wirkung des Dur-Dreiklangs (von einem arabischen Flair kann nicht die Rede sein) und auf den punktierten (nicht erweiterten) Rhythmus. Der neue Ansatz auf h-moll in der dritten Zeile zeigt jedoch, dass die Melodie im übrigen ganz anders angelegt ist

Syrische Hymne Anfang

Quelle der beiden Hymnen: Reclam Nationalhymnen – Texte und Melodien / Philipp Reclam jun. Stuttgart 2007 (Seite 50 und 188)

Es geht mir aber nicht um einen typologischen Vergleich der Melodien, sondern um den rhythmischen Effekt, den es in dieser Form wohl nicht vor der Französischen Revolution gegeben hat. Vielleicht hat er in der Ausprägung der Marseillaise rein textlichen Ursprung, schwer genug rhythmisch präzise zu artikulieren. Wenn die Trompeten ihn nicht retten, ist der erste Einsatz ist bei Massenaufführungen, z.B. im Fußballstadion, kaum zu erkennen („Allons enfants“), es sind immerhin vier Silben!

Die Märsche seit der Französischen Revolution sind gekennzeichnet durch vorwärtstreibende und punktierte Rhythmen, wie in den Revolutionshymnen und -märschen (Marseillaise) und in der Oper außerhalb Frankreichs, vor allem bei Spontini.

Quelle Riemann-Musiklexikon Sachteil / Schott’s Söhne Mainz 1967 Art. Marsch

Eine Variante, die den Anfang der Marseillaise-Melodie jeden Schwungs beraubt, zitiert Ulrich Schmitt („Revolution im Konzertsaal“ Schott Mainz 1990 Seite 204). Er bezieht sich dabei auf Wilhelm Tappert Wandernde Melodien Berlin 1889 S.59ff. :

Marseillaise Variante 

Um noch einen historisch bemerkenswerten Auftakt in Erinnerung zu rufen:

Beethoven VII Auftakt Beethoven VII: Wo beginnt das Thema?

Gewiss, es ist ein anderer Rhythmus, der diesen Satz beherrscht. Doch auch der, von dem oben die Rede war, kann einen ähnlich obsessiven Charakter annehmen und gerade auf dieses Weise den  Gestus des Kampfes merkwürdig transzendieren. Aber das ist einfach gesagt: Joachim Kaiser war es, der überzeugend auseinandergesetzt hat, wie schwer der Satz zu interpretieren ist, wie wenig ihm manche Pianisten oder Komponisten (Strawinsky) abgewinnen konnten („Beethovens Klaviersonaten“ Fischer 1979, 1994 Seite 483f). Um so deutlicher setzt Jürgen Uhde ihn in einen größeren Zusammenhang. Es soll hier in der Kopie nur angedeutet sein, das Buch gehört zumindest in jede Musikerbibliothek:

Uhde Beethoven

Quelle Jürgen Uhde / Renate Wieland „Denken und Spielen“ Bärenreiter 1988 Seite 56f

An anderer Stelle (in „Beethovens Klaviermusik III“ S. 355) sagt Uhde:

Schon Riezler verglich solche kraftvollen Gebilde mit Gestalten Michelangelos, die eigentlich fest auf dem Boden stehen müßten, sich aber doch schwebend, also gegen die Schwerkraft, verhalten.

Damit bezieht er sich, wie er sagt,  u.a. auf die „Flucht durch die Tonarten im 2. Teil, wie die späteren Triolen, die abseitige Welt des ganz und gar marschfernen Trios.“

Walter Riezler (Beethoven 1936 Seite 239) jedoch sprach allgemeiner vom Spätwerk Beethovens und insbesondere davon, dass „diese Musik auch in Momenten gewaltigster Kraft und Wucht des Ausdrucks mit ‚vergeistigenden‘ Elementen durchsetzt ist. Eines der wichtigsten und häufigsten Geschehnisse hierbei ist, daß die Ganzschlüsse, die der frühere monumentale Stil Beethovens als die tragenden Pfeiler des Baus immer besonders betont, nun sehr oft verhüllt werden.“

Ich zitiere das nur als Andeutung der Schwierigkeiten, die sich beim Hören ergeben, und aus denen eine gewisse Ratlosigkeit resultieren kann, – trotz der durchgehend „revolutionären“, entschlossenen Rhythmen. Ich meine dies als Ermutigung, und nur in diesem Sinne zitiere ich ausgerechnet die folgende Passage aus Joachim Kaisers Buch („Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten“ / Frankfurt am Main 1979, 1994 Seite 487f):

So leicht, so überschaubar in seiner Dreiteiligkeit der B-Dur-Mittelteil des alla Macia auch ist, so zart eingeschlossen in eine rhythmische Sechzehntel-Figur, die am Anfang und am Schluß als „Vorhang“ erscheint, der aufgeht und wieder zugezogen wird: gerade dieses kurze Musikstück läßt eine Grenze erkennen, von deren Vorhandensein auch mal die rede sein muß. Es ist die Grenze des Verbalisierens musikalischer Phänomene. Wie weit reichen Worte? Kurz und grob: viele Jahre lang hielt ich dieses – gar nicht so ungeheuerlich schwierige, manuell oder intellektuell anspruchsvolle – B-Dur-Stück für reizlos, für langweilig, für höchstens bläßlich hübsch. Ich begriff auch, trotz mannigfacher Interpretationen großer Pianisten und kluger Autoren, Beethovens „dolce“-Vorschriften überhaupt nicht. Heute – die Noten haben sich nicht geändert – begreife ich wiederum nicht mehr, was da eigentlich nicht zu begreifen war. Aber hilft es dem Leser, wenn immer dort, wo ich vor fünfzehn Jahren „trocken“ oder „abweisend-abstrakt“ gesagt hätte, nun – in welchen Wendungen auch immer  „innig“, „wunderbar-verhalten-exzentrisch“ umschrieben würde?

Beethoven Trio op 101 Editio Musica Budapest „EMB Study Scores“

Man höre den 2. Satz der Klaviersonate op. 101, im folgenden Video mit Emil Gilels von 4:19 bis 10:22 (das von Kaiser beschriebene und im Notentext wiedergegebene Trio beginnt bei 7:26).

Wenn sich eine unbezwingliche Lust einstellt, das Gesamtwerk zu hören, was fast unvermeidlich ist, – möglichst ohne weitere theoretische „Indoktrination“ -, könnte ein Kurzleitfaden von Jürgen Uhde nicht unnütz sein:

Ein Zustand des Für-Sich-Seins, ebenso stiller, wie leidenschaftlicher Bewegung, der „innigsten Empfindung“ also, wird durch die Fanfaren „Lebhaft. Marschmäßig“ nicht nur unterbrochen, sondern auch zerstört. Wir wissen nicht, wer oder was hier marschiert, jedenfalls ist es eine sehr mächtige Gegenkraft. „Sehnsucht“ prägt den 3. Satz, sie richtet sich deutlich erkennbar rückwärts auf die sanfte Balance der Ausgangslage im 1. Satz, aber auch schon vorwärts auf das Ziel. Dieses indessen ist nur mit größter Anstrengung, mit höchster „Entschlossenheit“ im Finale erreichbar.

Quelle Jürgen Uhde: Beethovens Klaviermusik III / Reclam Stuttgart 1974 / 1991 ISBN 3-15-010151-4 (Seite 336)

Nachtrag 28.06.2016

Wie konnte ich das nur vergessen: der Rhythmus des „Scherzando vivace“, Streichquartett op. 127, dritter Satz. Ganz am Schluss präsentiert er sich sozusagen als Formel:

Beethoven Rhythm op 127

Aber man kommt nicht auf die Idee zu behaupten, er sei durch den Anfang der Marseillaise inspiriert. – Was ich heute beim Wiederlesen allerdings übersah, war die Tatsache, das in dem oben wiedergegebenen Auszug aus dem Buch „Denken und Spielen“ auch dieser Satz aus op. 127 zitiert ist. Man muss die Doppelseite nur nach dem Anklicken nach links rücken, damit die rechte Seite sichtbar wird, – beginnend mit dem Zitat aus der „Großen Fuge“ – als von Beethoven gestifteter Topos schwerelosen Marschierens, selbst im ungeraden Takt.

Nachtrag 30.06.2016

Beethovens Lied „Der Kuss“ op.128 (!) s.a. hier

Rhythmus Der Kuß op 128

Comics

Alte und neue Bildergeschichten

Um 1070

Bayeux Wiki Dan Koehl Normans_Bayeux Bayeux

Detail aus dem Wandteppich von Bayeux / Vollständige Bilderfolge HIER

Quelle By Dan Koehl – Tapestry de Bayeux, CC BY-SA 3.0 Wiki

Über Comics, Mangas, Heiligengeschichten, Wilhelm Busch, Trajanssäule etc. Wikipedia hier.

2013 Kongo (vorletzte Seite)

Kongo Comic Kongo Verlag etc

2016 Neu: Kindheit in Syrien II (Titelseiten)

Der Araber von morgen 1 Der Araber von morgen 2

Aus einer Rezension (nach Perlentaucher):

Durch die kindlich-subjektive Perspektive, konsequent aus der Untersicht gezeichnet, entfaltet die Geschichte aber eine derartig bedrohliche Kraft, dass der Leser sofort in den Bann gezogen wird, verspricht Rühle. Und so taucht er fasziniert in die gelegentlich mit grausam-groteskem Humor erzählten Anekdoten einer Kindheit in Syrien, in welcher der kleine blonde Riad laut antisemitische Parolen schreien muss, um nur ja nicht für einen Juden gehalten zu werden oder in der die Cousine, die ihm kurz zuvor das Zeichnen beibringt, still und folgenlos von der Familie ermordet wird.

Alex Rühle in der Süddeutschen 16.02.2016

Weiteres über das Buch hier

Einzelheiten: Zu Schulbeginn das Absingen der syrischen Nationalhymne. Die Strafe der Lehrerin, Schülern mit dem Lineal auf die Handflächen zu schlagen (so auch noch bei uns in Dorfschulen Ende der 40er Jahre). Das Singen des Alphabetes. Die Cousine interessiert sich für seine Zeichenkünste und gibt ihm Tipps (Perspektive). Das Wort „Haram“, der Schleierzwang u.ä., der syrische Zeichner Mumtaz al-Bahra, Land- und Gewehrbesitz, Spatzen schießen und essen, Strafen am Freitag, Friedhöfe, Traum Frankreich, Schweinefleisch

(Fortsetzung folgt)

Assoziationen

Pop SZ 2007 Süddeutsche Zeitung 6. Juli 2007  Seite 8

Bildlegende: „Diese Melodie spukt durch meinen Traum“ – Pop Art sogar in Teheran, der Hauptstadt Irans: Verschleierte Frauen betrachten im dortigen Museum für Moderne Kunst ein Bild des New Yorker Künstlers Roy Lichtenstein, gemalt im Jahr 1965 (Foto: Reuters)

Lichtenstein Pop Prange

Regine Prange: Roy Lichtensteins Yellow and Green Brushstrokes (1966) – Die Revision der Meisterhand / In: Meisterwerke der Malerei / Von Roger van der Weyden bis Andy Warhol / Reinhard Brandt (Hg) Reclam Leipzig 2001. (Seite 247 – 287)

SZ-ZITAT

Auch wenn es zu einfach ist, die Kulturgeschichte in Zeithäppchen zu zerteilen, doch wenn das 19. das europäische und das 20. das amerikanische Jahrhundert war, so wird diese Blütezeit des Westens schon bald von einem neuen kulturellen Zeitalter abgelöst. Längst ist die globale Ästhetik nicht mehr so unwiderstehlich, wie man glaubt. Zuletzt hat die University of Notre Dame herausgefunden, dass es gerade die vermeintlich kulturell schwächeren Schwellen- und Entwicklungsländer sind, in denen die globale Ästhetik auf dem Rückzug ist. Egal ob in Serbien, Peru oder in Vietnam, regionale Kulturen erobern sich das Publikum zurück. Nur in Europa dominiert der US-Pop noch.

Und längst gibt es globale Kulturschleifen, von denen Amerika und Europa ausgeschlossen sind. Zwischen China, dem indischen Subkontinent, den Golfstaaten und Afrika entsteht eine kulturelle Achse, auf der die westlichen Kulturen schon jetzt  zum Exoticum reduziert sind.

Quelle Süddeutsche Zeitung 7. Juli 2007 Seite 8 POLITIK Andrian Kreye: Pop für die Welt Sehnsucht nach den großen Versprechen: Über den Siegeszug einer weltweiten Ästhetik, die immer öfter an ihre Grenzen stößt/ Kultur und Wissen (Folge 8) Wie die Globalisierung Deutschland verändert.

Fensterecke Mix in meiner Fensterecke

Musik im Märchen

Von der Erschaffung der Geige

Musik im Märchen Tüpker

(Aus dem JR Blog-Archiv 2012)

Musik im Märchen, – ein Thema, das durchaus mit der Realität der Musik zu tun hat. Und auch die Realität des Märchens ist nicht so märchenhaft, wie sie uns vielleicht einmal vorkam. Meist erinnern wir uns an ein paar Märchen der Brüder Grimm, für Kinderohren ausgewählt. Aber Passagen wie die folgenden hätte unsere Oma wohl nicht durchgehen lassen:

„… der Kleine, [der sich nichts mehr wünschte, als Kraft zu gewinnen], ging zu der zweiten Schwester. Aber da verwandelte sich die […] Hexe in ein Mädchen und lief ihm nach. In ein sagen wir – sechzehnjähriges, zwanzigjähriges Mädchen, sehr schön, nur im Bikini, in einem ganz kleinen Badeanzügchen, und sie tanzte um ihn herum: „Janku, Janku, dreh dich um, bin ich schön?“

„Lass mich in Ruhe. Ich bin ein neugeborenes Kindchen.“

„Schau mich an, wie schön ich bin, wie nackt ich bin! Mach keine Ausreden. Komm zu mir!“

Aber er ging weiter. Er war doch noch zu jung für solche Sachen. Das nächste Mal sprang sie zu ihm und wiederholte ihre Worte, aber er gab ihr eine solche Ohrfeige, dass sie zu Wagenschmiere wurde.

Der Kleine wusste genau, dass das die Hexe war. Er lief schnell zurück in ihre Hütte. Dort sah er einen Säbel, der von selbst tanzte und herumsprang und wie der Vollmond glitzerte. Er nahm den Säbel: „Jetzt kann ich die ganze Welt umbringen“. Da holte ihn schon sein Vater ein [und] versetzte ihm so einen Fußtritt in den Arsch, dass er bis nach Hause flog, direkt der Mutter in die Arme.“ (S.102)

Jawohl, ein Märchen. Manchmal sind es also durchaus keine Geschichten für die gute Stube, wo die Kinder lernen, ruhig zu sitzen und sich gesittet zu benehmen. Nebenbei vielleicht auch das Fürchten lernen. Ich habe durch das Buch von Rosemarie Tüpker neues Interesse für die Märchenwelt entwickelt, weil diese Welt offenbar noch von zahllosen Motiven und Wesen erfüllt ist, die ich aus meiner Kinderzeit nicht in Erinnerung habe.

Und im Rückblick erscheinen nun auch „die deutschen Hausmärchen“ in neuem Licht. Allerdings geben sie für die Musik vielleicht weniger her als etwa die Märchen der Roma, zu denen auch die wunderbare Geschichte von der „Erschaffung der Geige“ gehört, die eine zentrale Stellung einnimmt.

Doch der Reihe nach:

Das Buch behandelt zunächst in aller Kürze den Stand der Märchenforschung und ihren Zusammenhang mit Psychologie und Pädagogik, z.B. auch die bedeutsame Wende, die 1977 dank Bruno Bettelheims Buch „Kinder brauchen Märchen“ erfolgte.

Der erste Hauptteil bietet drei tiefenpsychologische Märchenanalysen, beginnend mit der „Erschaffung der Geige“, was letztlich bedeutete: „Wie die Musik entstanden ist“. Dann folgt das (von den Brüdern Grimm bekannte) Märchen vom „Eselein“, das die Laute spielt; es geht um Identitätsfindung und Selbstwerdung, aber auch um die Assoziation eines behinderten Kindes. Niemand traut dem Tier zu, mit diesen Hufen eine so feine Kunst zu erlernen.

Und schließlich das Roma-Märchen vom „Sohn, der gegen seinen Vater kämpft“: die Musik schafft hier „die Verbindung zwischen zwei sozial getrennten Welten, der Königswelt und der armen Welt der Zigeuner.“  Es geht um Libido und Todestrieb, aber die Musik „ist das, was über das Lebensnotwendige hinausgeht, steht für einen doppelten Gewinn: Lust und Kultur.“ Die Pointe der Geschichte besteht dann gerade darin, dass es nicht im Glanz der höfischen Sphäre gipfelt, sondern: „Die Prinzessin verlässt den Königshof und beide leben fortan als Roma.“ Interessanterweise wird diese Umkehrung der märchenhaften Wunschvorstellungen den Zuhörern meist gar nicht bewusst: „Das heißt, es gelingt der Erzählung durch die Musik und [durch] die mit ihr verbundene Figuration von Liebe, Freiheit, Verbundenheit, dass diese Umkehrung der üblichen Verhältnisse ohne Widerstand oder auch nur Verwunderung mitvollzogen wird.“ (S.133)

Durch das ganze Buch von Rosemarie Tüpker, die an der Universität Münster u.a. Vergleichende Musiktherapie lehrt, zieht sich diese Vertrautheit mit lebendigen Zuhörern, und so sind Leser und Leserinnen ausdrücklich nicht nur zum Nachvollzug der Märchen, sondern ebenso zur eigenen Ergänzung und Weiterentwicklung aufgefordert. Man erhält Einblick in eine bisher wenig genutzte intersubjektive Forschungsmethode.

Dem zweiten Teil des Buches „liegt eine textanalytisch vergleichende Analyse von 300 europäischen Volksmärchen zugrunde“, wobei die Musik sich als das Bewegende (also das, was in Bewegung setzt) und als das Verbindende zwischen zwei Welten erweist, auch als das Fremde, als das Begehrte, als Zeugin und Identitätsstifterin wird sie aus dem vielfältigen Material herausgearbeitet. Es gibt einerseits die kulturhistorische Perspektive, zum anderen die psychologischen Perspektiven. Besonders interessant der Zusammenhang von Musik und Identität, der in einer kleinen Gruppe von Märchen ausprägt:

„Die Musik steht dabei für das, was durch den Verlust von Stellung, Rolle und äußerer Erscheinung hindurch als Eigenheit und als ‚eigentliches Wesen’ der Person bewahrt wird. Die Schönheit der Musik steht für die Güte der Person, was sich nach Art der Märchen oft zugleich in ihrer königlichen Abstammung symbolisiert. „Die Musik steht dann für die inneren Werte, die innere Schönheit, das wahre Wesen einer Person, die an ihrer Musik erkannt werden kann. Diese Musik berührt, löst Gefühle und Wünsche aus (…). Charakteristisch ist darüber hinaus, dass jemand Musik für sich allein spielt – dabei aber dann gehört und erkannt wird.“

In einem griechischen Märchen, das im Jahre 1864 aufgezeichnet wurde, findet sich dieses Motiv mehrfach, und gerade die musikalischen Fähigkeiten verweisen auf königliche Abstammung. Zuerst ist es eine Flöte, später tatsächlich ein…, – hören Sie nur:

„In einem Zimmer aber stand ein Klavier, und als er eines Tages glaubte, dass ihn niemand hört, da fing er an und spielte darauf leise, leise und summte ein Liedchen dazu. Die Prinzessin aber belauschte ihn, und als sie ihn so schön spielen und singen hörte, da wurde sie noch mehr in ihrem Glauben bestärkt, dass hinter ihrem Diener ein großes Geheimnis steckte.“ (S.264)

Und wie gehts weiter? Ob Sie’s glauben oder nicht: Die Prinzessin nahm bei ihm Klavierunterricht und über weitere Komplikationen hinweg kam es schließlich zu einer glücklichen Ehe der beiden.

„Das Märchen ist aber damit noch nicht zu Ende, sondern in Gestalt der Tochter wiederholt sich das Schicksal des Schiffbruchs und des Verloren-Gehens von Heimat und Identität in der nächsten Generation.“

Wo auch immer man dieses Buch aufschlägt, liest man sich fest:

Neben der Resonanz, der Widerspiegelung der Gefühle durch die Musik, zeigt das Märchen zugleich eine Umformung von Gefühlen in Musik: Lachen und Weinen werden verwandelt in schöne Musik.

Obwohl immer wieder angemahnt wird, dass die Musik beide oder alle Gefühlsseiten aufzunehmen und auszudrücken vermag, drehen sich die meisten Einfälle doch um die Seite der Trauer. (…) Die durch die Musik ausgelösten Tränen bedeuten eine Transformation. Und auch im Märchen überwindet die Trauer einen früheren Zustand. Es geht darum, zu seinem inneren König zu kommen und da muss man durch Zustände der Dunkelheit und der Trauer hindurch.

Dies ist überhaupt die umfassendste Sammlung europäischer Märchen, in denen Musik vorkommt. Das Buch ist eine Fundgrube für Märchenforscher, Musikwissenschaftler und Psychologen. Und ein Lesevergnügen.

Es hat auch seinen Preis, da helfen keine Heinzelmännchen: 39,80 ¬ .

Rosemarie Tüpker: Musik im Märchen / zeitpunkt musik Reichert Verlag Wiesbaden 2011 ISBN 978-3-89500-839-9

Musik im Märchen Inhalt 1  Musik im Märchen Inhalt 2

Dieser Text wurde im März 2012 als Beitrag zur Sendung „Musik aktuell“ in SWR 2 gesendet.

***

Immer wenn ich wieder einmal in Rosemarie Tüpkers Buch gelesen habe, kehre ich auch in die Märchen-Sammlung meiner Kindheit zurück. Die Märchen der Brüder Grimm in der Ausgabe von 1937 mit Bildern von Ruth Koser-Michaels. Zahlreiche Bilder haben uns Kinder so bewegt, dass wir sie nachgezogen und mit Kohlepapier durchgepaust haben. Das vom Juden nicht. Aber vor allem dieses Buches wegen habe ich auch die Schrift lesen gelernt, genauso früh wie die Schreibschrift in der Schule. (Siehe Fraktur oder „deutsche Schrift“ hier). Ich vermute, dass in neueren Ausgaben das Märchen „Der Jude im Dorn“ gar nicht mehr enthalten ist. Es hat mich fasziniert und zugleich abgestoßen, hat mich aber in keiner Weise in meinem dringenden Wunsch beeinflusst, eines Tages Geige zu lernen. Allerdings hielt ich sie für eine Art Zauberkasten, und als ich endlich eine Dreiviertelgeige mit wunderbar rötlichem Lack geschenkt bekam, war ich enttäuscht, dass sie innen hohl war.

Der Jude im Dorn 1 Der Jude im Dorn 2

Der Jude im Dorn 3 Der Jude im Dorn 4

Der Jude im Dorn 5

Zu diesem antisemitischen Märchen siehe Wikipedia HIER.

Marokko und Java

Nicht ohne Ansehen von Rang und Stand (und Geschlecht)

Ich gehe aus von einem Artikel, den ich vor ein paar Tagen zusammengestellt habe. Otto Jastrow hatte in seiner dort zitierten Rede ein Beispiel gebracht, das mich an bestimmte ethnologische Untersuchungen erinnerte. Es geht um „High and low varieties“ der Sprache, ein Phänomen, das als Diglossia (Ferguson) bezeichnet wird.

Wenn wir uns die verschiedenen Anlässe anschauen, in denen die beiden Varietäten verwendet werden, stellen wird fest, daß sie sich gegenseitig ausschließen. Jede gesellschaftliche Situation erfordert eine der beiden Sprachformen und nur diese. Die Verwendung der jeweils anderen Sprachform in der gleichen Situation würde als unpassend, unangebracht, im schlimmsten Falle sogar als lächerlich oder beleidigend empfunden.

Auch dazu eine kleine Anekdote: Im August 2007 wurde in Marokko ein Journalist verhaftet, der einen offenen Brief an den König veröffentlicht hatte, in dem er bestimmte politische Forderungen erhob. Der Stein des Anstoßes waren jedoch nicht so sehr diese politischen Forderungen, sondern die Sprache, in der sich vorgebracht wurden. Der Text war nämlich in marokkanischem Dialekt, der sog. dāriǧa, abgefaßt. Die Verwendung dieser Sprachform gegenüber dem Monarchen, und dazu noch in geschriebener Form, wurde als Affront wahrgenommen.

Quelle Otto Jastrow: Das Spannungsfeld von Hochsprache und Dialekt im arabischen Raum / (Seite 3) In:  Munske, Horst Haider (Hrsg.): Sterben die Dialekte aus? Vorträge am Interdisziplinären Zentrum für Dialektforschung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 22.10.-10.12.2007.

Ich zitiere den Ethnologen Clifford Geertz, der von seinen unterschiedlichen Erfahrungen in Marokko und Java erzählt:

Man nimmt natürlich an, daß bei jedem Volk Statusunterscheidung und Genusbestimmung Dinge sein werden, die von einiger Bedeutung sind. Was interessant ist und was variiert, ist das Wesen dieser Bedeutung, die Form, die sie annimmt, und das Ausmaß ihrer Intensität. Daß wir in den vorliegenden Fällen nicht nur einen krassen Unterschied in dieser Hinsicht vor uns haben, sondern etwas, das einer direkten Umkehrung nahekommt, wurde mir erstmals bewußt, als meine Ausbilder bei meinen Javanischstudien hartnäckig und akribisch alle Fehler korrigierten, die ich bei der Statusmarkierung machte (und das waren viele – es gibt viele, die man machen kann), während sie Genusfehler mehr oder weniger übergingen, während meine marokkanischen Ausbilder, die wie die Javaner als Universitätsstudenten nicht gerade Traditionalisten waren, nie einen Genusfehler unkorrigiert durchgehen ließen (davon gab es ebenfalls jede Menge und reichlich Gelegenheit, sie zu machen) und an Statusmarkierung, soweit es etwas davon gab, kaum interessiert zu sein schienen. Es schien nicht wichtig zu sein oder nicht sehr wichtig zu sein, ob man das Geschlecht im Javanischen richtig bezeichnete ( in den meisten Fällen war es lexikalisch neutralisiert), solange man keine Fehler bei den Rangabstufungen machte. Im Marokkanischen schien es fast gefährlich zu sein, Genusformen zu verwechseln; es machte jedenfalls meine Lehrer, die ebenso wie die Javaner sämtlich Männer waren, sehr nervös. Rangfragen dagegen wurde kaum Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Sprachen als solche unterstützen diese ungleichartigen Tendenzen, von einigen Erscheinungen der Welt eher mehr Notiz zu nehmen als von anderen und um sie einen größeren Wirbel zu machen. (Das Javanische hat keine Flexionsendungen zur Genusmarkierung, aber es ist grammatisch in minutiös abgestimmte, hierarchisch angeordnete Sprachebenen geschichtet. Das marokkanische Arabisch hat Flexionsendungen zur Genusmarkierung für so ziemlich alle Wortarten, aber überhaupt keine Statusformen.) Doch das ist zu komplex und zu technisch, als daß ich hier darauf eingehen könnte. Was hier bedeutsam ist, in dieser schulmäßigen Demonstration dessen, was kulturelle Analyse ist und was nicht und wie man sieht, daß man sie fast reflexartig vornimmt, ist die Frage, zu welchen Schlußfolgerungen über die marokkanische und die javanische Art, auf der Welt zu sein, diese kontrastierenden Erfahrungen eben in ihrem Kontrastieren führen; welche substantielleren Dinge ins Blickfeld geraten.

Quelle Clifford Geertz: Spurenlesen / Der Ethnologe und das Entgleiten der Fakten / C.H.Beck München 1997 (Seite 57)

Zur javanischen Sprache siehe bei Wikipedia hier. Daraus folgendes:

Das Javanische kennt drei Sprachstile: einen informellen namens ngoko (unter anderem von Höherstehenden gegenüber Niedriggestellten verwendet), eine mittlere Ebene (madya) und einen höflichen und formellen Stil (krama,unter anderem von Niedriggestellten gegenüber Höherstehenden verwendet).

Die Welt der Violine – nicht ganz weltumspannend

Kaum hatte ich die Süddeutsche durch, war auch schon das Violin-Buch bestellt. Es konnte sich nur um eine riesengroße Wiedergutmachung handeln. (In Wahrheit um ein riesengroßes Missverständnis meinerseits.) Ich muss die Rezension wiedergeben, sie ist so gut und überredsam geschrieben, zumal unterschrieben von Harald Eggebrecht, dessen Werk über „Große Geiger“ (München, Zürich 2000) ich immer wieder gern konsultiere:

SZ Violine Eggebrecht 02-16

Wiedergutmachung wieso? Weil das frühere Buch über „Die Violine. Kulturgeschichte eines Instrumentes“ von Yehudi Menuhin (1996 im gleichen Verlag) im letzten, wichtigsten Teil durch einen grotesken Übersetzungsfehler entstellt war: inmitten eines Textes über die Musik Indiens, mit Fotos von Ravi Shankar und z.B. dem virtuosen südindischen Geiger S. Subramaniam, war hartnäckig von Indianern statt von Indern die Rede. Immerhin: 20 Seiten über die „Violinen der Welt“ deuteten an, was dieses Instrument und die Geschichte des Streichens außerhalb Europas für eine Bedeutung hatte. Man hätte sofort in eine neue, korrigierte Auflage des repräsentativ aufgemachten Werkes investieren müssen. Menuhin starb 1999, er hätte es noch erleben können!

Violine Menuhin

10 Jahre sind vergangen, und eine Großtat ähnlichen Formats wird angekündigt. Man liest es in der SZ mit Vorfreude: „Eine Kulturgeschichte des vielseitigsten Instruments der Welt“. Vielleicht überfliegt man das Detail, saugt aber begierig Hinweise auf wie diese: „…nicht nur in Italien, sondern in Europa und in aller Welt bis heute“, ja, da folgt auch noch ein „und und und …“, am Ende sogar etwas zur Frage, „warum es relativ wenige schwarze Geiger gibt; oder wie rasch es asiatische Talente schafften, weltweit erfolgreich zu sein“, ach, hätte ich besser nicht so viel zwischen den Zeilen lesen sollen? Nein, es lohnt sich ja, das Buch zu besitzen. Mag es auch selbst mit falschen Lockungen arbeiten, wie auf dem Klappentext: „Die Violine ist vielleicht das vielseitigste Instrument, das je erfunden wurde. Für Weltmusik, Tanzmusik und Indie-Rock ebenso geeignet wie für Bach und Beethoven, wir es seit jeher im Stehen oder Sitzen gespielt (…)“ – schon sehe ich den Inder auf dem Podium vor mir sitzen, die Geige an den Brust und gegen den Fuß gestützt. Und wenn ich nur ein paar Seiten aufblättere, sehe ich sie tatsächlich: zwei junge indische Geiger und ihnen zur Seite ein Tabla-Trommler. Also nordindische Musik, nicht wahr?

Violine Schoenbaum b SZ ViolineSchoenbaum b

Unter dem Bild der indischen Geiger steht, dass sie „karnatische Musik“ Südindiens spielen, was kaum möglich ist, denn sonst würden sie nicht von einer Tabla, sondern von einer Mrdangam begleitet. Es ist überhaupt ein außerordentlich wirres Kapitel, in dem ich zwar erfahre, dass mein Freund Reinhard Goebel, „Ende des 20. Jahrhunderts ein Meister der Alten Musik“ – „unter einem Karpaltunnelsyndrom litt“, ansonsten kein weiteres Wort über ihn im 730 Seiten schweren Werk. Ein einziges Mal (auf Seite 8) kommt das Wort kamanche vor, aber nur in einem offenbar unverstanden eingefügten Zitat aus Grove’s Dictionary: „Im Iran ist die Violine das einzige westlich Instrument, das ohne Bedenken zur traditionellen Musik zugelassen wird, weil es möglich ist, das gesamte kamanche Repertoire darauf zu spielen.“  (Gerade deshalb kann man es ja auch – wie es meistens geschieht – weiterhin auf der Kamancheh spielen.)

Wahrscheinlich soll auf Biegen und Brechen die Überschrift des Einleitungskapitels gerechtfertigt werden: „Das weltumspannende Instrument“. Vielleicht um die Verwirrung sinnvoller zu machen, steht da auch: „Paradoxerweise kann niemand genau sagen, wann und wo die Geschichte der Violine beginnt.“ Kann niemand sagen? Man kann das aber ganz gut nachlesen:

Nach heutiger Kenntnis entstand die Violine während des frühen 16. Jahrhunderts im oberitalienischen Raum. Spätestens um 1530 dürfte, nach den ikonographischen Zeugnissen zu urteilen, die konzeptionelle Phase im wesentlichen abgeschlossen sein. (…) Bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts dauerte die Standardisierung der Maße.

Quelle MGG (neu) Musik in Geschichte und Gegenwart / Sachteil Bd.9 Kassel 1998 Art. Violine Sp.1606 f (Thomas Drescher)

Weniges in der Musikgeschichte ist so klar, wie die Entstehung der Violine.  Anders steht es allerdings mit der Frage nach dem Beginn und der Verbreitung des Streichinstrumentenspiels (siehe hierzu Werner Bachmann „Die Anfänge des Streichinstrumentenspiels“ Leipzig 1966). Nur wenn man die beiden Fragen miteinander vermischt, entsteht ein solches Kuddelmuddel wie in diesem ersten Kapitel bei David Schoenbaum.

Sprech- und Sprachverwirrung

Koinzidenz beim Lernen ohne Ende

Arabisch lernen SZ 160221 Süddeutsche Zeitung 20./21.Febr.2016 Seite 16

Mit der Notiz in der SZ begann es: dann die Koinzidenz, dass der junge Mann, der uns Arabisch beibringen will, auch die Dialekte einbezieht (sind es Dialekte?).

Vor allem aber, dass zuweilen auch der Anfang in beiden Sprachen frappierend übereinstimmt: „Isch vermisse disch“. „Isch-taa-ti-laak“ – Isch also alles Arabisch, wie der Stuttgarter sagt. Oder wie jetz gleisch: Syrisch.

Screenshot Ichtaatilak

Es wäre aber billig zu fragen – wie sollen wir das in einer Minute lernen? – wenn gerade Ihr nun dafür sorgt, dass sich das deutsche „Isch“ allüberall durchsetzt. Hatten wir nicht schon mit dem Sächsischen genug? Im Kölner Raum bleibt es wenigstens in die Mundart eingehegt („Schakal Fööß“ = „Ich habe kalte Füße“). Solingen ist durch die Benrather Sprachlinie geschützt. Oder vielmehr durch die Uerdinger Linie! Aber bittebitte: Helft uns doch, das weiche deutsche CH zu retten, – wie in „Lächeln“ oder – jetzt ist es heraus – wie in „Reichow“ (auch das O lang und das W nicht mitsprechen). Wenn ich das in Köln jemandem buchstabiere, versteht der mich sofort: „Ach, also Reeischoff“?

Ich bleibe mal in meiner engeren Umgebung (Heimat? Ja, aber frühestens seit 1966) . Was sagt mein alter Ratgeber?

Solinger Sprachschatz  Solinger Sprache Chemie Solinger Sprache reich

Der Solinger sagt also Schemie (wenn er Chemie meint): das muss aus Richtung Köln kommen, aus Leverkusen gar… Aber was sagt er, wenn er Weihnacht meint? Chreßdag , gewiss, aber das Ch – nicht wie K? Ich weiß es nicht. (Doch! Wird von Mundartsprecher bestätigt: Chr wie Kr!) Statt streichen sagt er strieken, statt reichen rieken. Aber wie ist es bei „richtig“?

Solinger Sprache reich

Solinger Sprache richtig  Solinger Sprache richtig a

Wir sind Problemen auf der Spur. Irgendwo beginnt das Werturteil, – wagen wir von „Reinheit der Sprache“ zu reden oder lieber nicht? Die folgende Liste ist hier nicht vollständig wiedergegeben. Unten folgt die genaue Quellenangabe.

Solinger Sprache Mundartwörter Probleme

Dieses Buch ist für traditionsbewusste Solinger eine Kostbarkeit:

Rudolf Picard: Solinger Sprachschatz Wörterbuch und sprachwissenschaftliche Beiträge zur Solinger Mundart / Walter Braun Verlag Duisburg 1974 ISBN 3-87096-121-X

Zurück zum Arabischen! Ich bin auf Grund meiner Recherchen zum vorhergehenden Artikel, auf einen hervorragenden Aufsatz von Otto Jastrow gestoßen. Er behandelt die „Situation der Diglossie, d.h. des funktional geregelten Nebeneinanders von zwei historischen Entwicklungsstufen der gleichen Sprache.“

ZITAT

Das Moderne Hocharabisch ist eine konservierte Form des Klassischen Arabisch. Es genießt hohes Ansehen und dient als Schriftsprache, wird aber nicht muttersprachlich erworben, sondern durch Unterricht erlernt. Im mündlichen und informellen Bereich werden die jeweiligen Dialekte verwendet; sie sind die natürliche Muttersprache der Bevölkerung, genießen jedoch keinerlei Ansehen. Da die Hochsprache in ihrer äußeren Form nicht verändert werden darf, aber auch die Dialekte sich nicht zu modernen geschriebenen Volkssprachen entwickeln dürfen, scheint die Diglossiesituation für alle Zeit festgeschrieben. Dadurch ist das Überleben der Dialekte gesichert, obgleich sie sich untereinander stärker annähern.

Was sich nicht verändert ist aber die Geringschätzung der Dialekte, derer man sich gleichwohl bedient. In seiner Untersuchung zur arabischen Diglossie bezieht sich Jastrow auf die Arbeit des amerikanischen Linguisten und Arabisten Charles A. Ferguson, der auch den Fachbegriff geprägt hat. Besonders hervorzuheben sind die Varietäten des „High“- und „Low“-Sprachgebrauchs. Man kann das insgesamt im Netz nachlesen (s.u.), und es bieten sich interessante Verbindungen in viele Richtungen an (Clifford Geertz). Man stelle sich vor, bei uns wäre das Luther-Deutsch, so wichtig es für die deutsche Hochsprache wurde, verabsolutiert worden. – Ich beschränke mich hier auf eine Dichotomie, die Jastrow entwickelt, um die Geschichte des romanischen Abendlandes von der des arabischen Sprachraums abzugrenzen. (Hervorhebungen durch Fettdruck oder Farbe von mir. JR)

ZITAT

Am ehesten versteht man die soziolinguistische Dynamik, wenn man einen vergleichenden Blick auf die Entstehung der romanischen Sprachen wirft. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches blieb das Lateinische zwar weiterhin die Sprache von Literatur und Wissenschaft, ja durch das Christentum erwuchs ihm noch ein zusätzlicher Prestigegewinn, doch in der Alltagssprache der Bevölkerung in den lateinisch-sprachigen Gebieten setzten sich regionale Varianten durch, die schon bald ein eigenständiges sprachliches Profil entwickelten. Schon nach wenigen Jahrhunderten hatten sich die Frühformen der heutigen romanischen Sprachen herausgebildet. Die frühesten Zeugnisse etwa des Altfranzösischen, Altitalienischen und Altspanischen weisen bereits die Mehrzahl der sprachlichen Züge auf, die diese Sprachen noch heute charakterisieren. Einige Jahrhunderte lang blieben diese frühen Volkssprachen auf den mündlichen Gebrauch beschränkt, während das Lateinische nach wie vor die Sprache von Bildung, Wissenschaft und Kultur war. So kann man wohl für eine längere Zeitspanne eine Situation der Diglossie annehmen, mit Latein als H(igh variety) und den entstehenden Volkssprachen als L(ow variety). Doch spätestens mit der Renaissance vollzog sich der Ausbau der romanischen Volkssprachen zu großen Literatursprachen, die neben der Dichtung nach und nach auch alle Bereiche der Wissenschaft für sich eroberten, sich in der Verwaltung, Rechtsprechung und schließlich sogar in der Kirche durchsetzen. So entstanden die romanischen Nationalsprachen, voll ausgebaute Schriftsprachen von großem Prestige und kultureller Ausstrahlung. Man kann die langsame Zurückdrängung des Lateinischen in Europa bedauern, doch wie reich wurde dieser Kontinent und die gesamte Menschheit durch die romanischen Sprachen beschenkt!

Auch die Geschichte des Arabischen verläuft in vergleichbaren Bahnen, doch nur bis zu einem gewissen Punkt. Das heutige Sprachgebiet des Arabischen, in das sich mehr als zwanzig unabhängige arabische Staaten teilen, ist das Ergebnis der frühen muslimischen Eroberungen des 7. und 8. Jahrhunderts. Nach dem Zusammenbruch der politischen Einheit und der Herausbildung zahlreicher lokaler Regimes entwickelte das gesprochene Arabisch eine Vielzahl von regionalen Varianten, die sich hinsichtlich ihrer Verschiedenheit wie auch des Abstands von der klassisch-arabischen Schriftsprache durchaus mit den frühen romanischen Volkssprachen vergleichen lassen. Zu der gleichen Zeit, als die romanischen Sprachen am Horizont auftauchten, hätten sich auch die regionalen Formen des Arabischen zu Schriftsprachen und Nationalsprachen entwickeln können. Dies geschah jedoch nicht, weil die Regionalsprachen niemals eine geschriebene Literatur entwickelten, sondern bis heute im Zustand rein mündlicher Dialekte verharrten. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte weitgehender Analphabetismus, und die zahlenmäßig kleine Gruppe von traditionell Gebildeten, die lesen und schreiben konnten, bediente sich wie selbstverständlich des Klassisch-Arabischen. Diese Sprachform genoss und genießt das höchste Prestige, weil sie die Sprache der altarabischen Dichtung ist, vor allem aber weil in ihr der Koran niedergeschrieben wurde. Das gibt dem Klassisch-Arabischen ein größeres Prestige als jeder anderen Sprache. Für viele Muslime gilt das Klassisch-Arabische als eine vollendete Sprachform, die sich nicht ändert, sondern sich im Laufe der Zeit immer gleich bleibt. Deshalb darf sich auch niemand erlauben, an der klassischen Sprachform irgend etwas ändern zu wollen. Natürlich mussten sich große Probleme ergeben, wenn man das Klassische Arabisch – eine im 8. und 9. Jahrhundert kodifizierte Sprachform – als moderne Hochsprache für die Gegenwart nutzen wollte, ohne seine äußere Form anzutasten. So verdeckt die äußere Kontinuität von Orthographie und Morphologie die Tatsache, daß sich das moderne Hocharabisch stilistisch und phraseologisch, aber auch syntaktisch sehr stark vom Klassisch-Arabischen entfernt hat. Der notwendige Ausbau des Lexikons wurde weitgehend durch Ausschöpfung der spracheigenen Wortbildungsmöglichkeiten erreicht – Klassisch-Arabisch sträubt sich aus morphologischen, aber auch aus ideologischen Gründen gegen die Entlehnung fremden Wortguts –, doch schimmert häufig das europäische Vorbild durch. Die Sprache der Medien ist auch syntaktisch an die europäischen Vorbilder angepasst, so dass sich die Nachrichten oft wie eine Übersetzung aus dem Englischen lesen. Nach wie vor schleppt das Moderne Hocharabisch jedoch eine Menge von morphologischem Ballast mit sich herum, so z.B. ein obsoletes System der Nominalflexion, die seinem unbefangenen Gebrauch als moderne Hochsprache entgegenstehen. Auf der anderen Seite ist es aber nach wie vor undenkbar, die gesprochenen Regionalsprachen zu Schriftsprachen zu entwickeln, denn das würde als direkter Angriff auf die Vorherrschaft des Hocharabischen verstanden. Deshalb müssen die lebendigen Volkssprachen für immer im Zustand schriftloser Dialekte verharren, denen eine sterile und innerlich ausgehöhlte Schriftsprache gegenübersteht.

Quelle Otto Jastrow: Das Spannungsfeld von Hochsprache und Dialekt im arabischen Raum / In:  Munske, Horst Haider (Hrsg.): Sterben die Dialekte aus? Vorträge am Interdisziplinären Zentrum für Dialektforschung an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 22.10.-10.12.2007.

Aus dem Vorwort von Horst Haider Munske:

Was waren die Ziele der Vorlesungsreihe ‚Sterben die Dialekte aus?‘ ? Die Frage des Titels nimmt die Sorge vieler Menschen auf. Würde im deutschen Sprachgebiet nur noch Hochdeutsch gesprochen, dann wäre das eine spürbare Einbuße im menschlichen Miteinander, der Verlust eines wesentlichen Merkmals regionaler Identität. Zwei Beobachtungen begründen diese Sorge: der Rückgang des Dialektgebrauchs im Alltag und der Dialektverfall bei vielen jüngeren Sprechern. Das eine ist Ausdruck eines Sprachwechsel vieler Dialektsprecher zur prestigeträchtigeren Hochsprache. Das andere ist eine Folge des selteneren Dialektgebrauchs und des Konflikts zwischen Dialekt und Standardsprache. Daraus resultiert vielerorts die Entstehung regionaler Umgangssprachen, die vielleicht die Dialekte von morgen sind.

Aufzufinden im Netz über den Link HIER.  http://www.dialektforschung.phil.uni-erlangen.de/publikationen/dialektliteratur-heute.shtml

Siehe auch den als Fortsetzung gedachten Blogbeitrag Marokko und Java HIER 

Nachtrag zur Solinger Mundart (24.08.20169

Mundart-Geschichte

Solinger Tageblatt 20. August 2016

Wiedergabe hier mit freundlicher Erlaubnis des Autors Kurt Picard

(K.P. ist nicht unmittelbar verwandt mit dem Lexikon-Verfasser Rudolf Picard)

DER SPIEGEL 20.8.2016 

Video „Eine Lektion Arabisch“ HIER. Artikel Seite 105: Gewürgtes A Linguistik Durch die Flüchtlingskrise ist Arabisch zur Modesprache geworden. Doch viele Anfänger wissen nicht, worauf sie sich einlassen. (Autorin: Katrin Elger).

Zitiert ist auch Otto Jastrow. Hocharabisch sei eine „sterile und innerlich ausgehöhlte Schriftsprache:“ (Siehe auch oben, am Ende meines Jastrow-Zitates, in roter Farbe. JR)  Wie siamesische Zwillinge seien Fusha und die Umgangssprachen aneinandergekettet. „Allein sind sie hilflos“.