Die Welt der Violine – nicht ganz weltumspannend

Kaum hatte ich die Süddeutsche durch, war auch schon das Violin-Buch bestellt. Es konnte sich nur um eine riesengroße Wiedergutmachung handeln. (In Wahrheit um ein riesengroßes Missverständnis meinerseits.) Ich muss die Rezension wiedergeben, sie ist so gut und überredsam geschrieben, zumal unterschrieben von Harald Eggebrecht, dessen Werk über „Große Geiger“ (München, Zürich 2000) ich immer wieder gern konsultiere:

SZ Violine Eggebrecht 02-16

Wiedergutmachung wieso? Weil das frühere Buch über „Die Violine. Kulturgeschichte eines Instrumentes“ von Yehudi Menuhin (1996 im gleichen Verlag) im letzten, wichtigsten Teil durch einen grotesken Übersetzungsfehler entstellt war: inmitten eines Textes über die Musik Indiens, mit Fotos von Ravi Shankar und z.B. dem virtuosen südindischen Geiger S. Subramaniam, war hartnäckig von Indianern statt von Indern die Rede. Immerhin: 20 Seiten über die „Violinen der Welt“ deuteten an, was dieses Instrument und die Geschichte des Streichens außerhalb Europas für eine Bedeutung hatte. Man hätte sofort in eine neue, korrogierte Auflage des repräsentativ aufgemachten Werkes investieren müssen. Menuhin starb 1999, er hätte es noch erleben können!

Violine Menuhin

10 Jahre sind vergangen, und eine Großtat ähnlichen Formats wird angekündigt. Man liest es in der SZ mit Vorfreude: „Eine Kulturgeschichte des vielseitigsten Instruments der Welt“. Vielleicht überfliegt man das Detail, saugt aber begierig Hinweise auf wie diese: „…nicht nur in Italien, sondern in Europa und in aller Welt bis heute“, ja, da folgt auch noch ein „und und und …“, am Ende sogar etwas zur Frage, „warum es relativ wenige schwarze Geiger gibt; oder wie rasch es asiatische Talente schafften, weltweit erfolgreich zu sein“, ach, hätte ich besser nicht so viel zwischen den Zeilen lesen sollen? Nein, es lohnt sich ja, das Buch zu besitzen. Mag es auch selbst mit falschen Lockungen arbeiten, wie auf dem Klappentext: „Die Violine ist vielleicht das vielseitigste Instrument, das je erfunden wurde. Für Weltmusik, Tanzmusik und Indie-Rock ebenso geeignet wie für Bach und Beethoven, wir es seit jeher im Stehen oder Sitzen gespielt (…)“ – schon sehe ich den Inder auf dem Podium vor mir sitzen, die Geige an den Brust und gegen den Fuß gestützt. Und wenn ich nur ein paar Seiten aufblättere, sehe ich sie tatsächlich: zwei junge indische Geiger und ihnen zur Seite ein Tabla-Trommler. Also nordindische Musik, nicht wahr?

Violine Schoenbaum b SZ ViolineSchoenbaum b

Unter dem Bild der indischen Geiger steht, dass sie „karnatische Musik“ Südindiens spielen, was kaum möglich ist, denn sonst würden sie nicht von einer Tabla, sondern von einer Mrdangam begleitet. Es ist überhaupt ein außerordentlich wirres Kapitel, in dem ich zwar erfahre, dass mein Freund Reinhard Goebel, „Ende des 20. Jahrhunderts ein Meister der Alten Musik“ – „unter einem Karpaltunnelsyndrom litt“, ansonsten kein weiteres Wort über ihn im 730 Seiten schweren Werk. Ein einziges Mal (auf Seite 8) kommt das Wort kamanche vor, aber nur in einem offenbar unverstanden eingefügten Zitat aus Grove’s Dictionary: „Im Iran ist die Violine das einzige westlich Instrument, das ohne Bedenken zur traditionellen Musik zugelassen wird, weil es möglich ist, das gesamte kamanche Repertoire darauf zu spielen.“  (Gerade deshalb kann man es ja auch – wie es meistens geschieht – weiterhin auf der Kamancheh spielen.)

Wahrscheinlich soll auf Biegen und Brechen die Überschrift des Einleitungskapitels gerechtfertigt werden: „Das weltumspannende Instrument“. Vielleicht um die Verwirrung sinnvoller zu machen, steht da auch: „Paradoxerweise kann niemand genau sagen, wann und wo die Geschichte der Violine beginnt.“ Kann niemand sagen? Man kann das aber ganz gut nachlesen:

Nach heutiger Kenntnis entstand die Violine während des frühen 16. Jahrhunderts im oberitalienischen Raum. Spätestens um 1530 dürfte, nach den ikonographischen Zeugnissen zu urteilen, die konzeptionelle Phase im wesentlichen abgeschlossen sein. (…) Bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts dauerte die Standardisierung der Maße.

Quelle MGG (neu) Musik in Geschichte und Gegenwart / Sachteil Bd.9 Kassel 1998 Art. Violine Sp.1606 f (Thomas Drescher)

Weniges in der Musikgeschichte ist so klar, wie die Entstehung der Violine.  Anders steht es allerdings mit der Frage nach dem Beginn und der Verbreitung des Streichinstrumentenspiels (siehe hierzu Werner Bachmann „Die Anfänge des Streichinstrumentenspiels“ Leipzig 1966). Nur wenn man die beiden Fragen miteinander vermischt, entsteht ein solches Kuddelmuddel wie in diesem ersten Kapitel bei David Schoenbaum

(Fortsetzung folgt)