Kategorie-Archiv: Musik

Eigengesetzlichkeit der Musik

Geht es um Emotionen?

Es hat sich die Überzeugung eingeschlichen, dass die deutlich spürbare Emotion nicht hinterfragbar ist. Ebenso: dass kein verbaler Einwand stichhaltig ist, der den „wahren Moment“ in Frage stellt. Die Unmittelbarkeit!!! Ein Denkfehler, der nicht dadurch ausgeschaltet ist, dass man das Denken denunziert. So entgeht man nicht dem sogenannten Idealismus. Und ist erst recht kein „Mystiker“. Aber was ist dann „Interpretation des Seins“? Nur ein allzu großes Wort? Nein, man muss notfalls auch Texte übersetzen, die Goethes (Beethovens) Sprache sprechen, aber erst 75 Jahre alt sind.

Erwin Ratz schlägt vor sich zu vergegenwärtigen,

wie wir etwa von dem heiteren, düsteren, majestätischen oder ernsten Charakter einer Landschaft sprechen. So sind auch Ausdruck und Charakter zwar wesentliche Merkmale einer musikalischen Gestalt, und die im Hörer ausgelösten Gefühle sind ihre Wirkung: die Gestalt ist jedoch nicht Ausdruck der Gefühle des Künstlers. Fast könnte man sagen, daß diese Gestalt dem Künstler nach ihrer Erschaffung wie ein selbständiges Wesen gegenübertritt, dessen er sich bedient und dessen Eigengesetzlichkeit er nunmehr folgt. Je größer der Künstler, desto größer sein Einfühlungsvermögen in die notwendigen und möglichen Konsequenzen der einzelnen Gestalten.

Wenn wir den Begriff der Eigengesetzlichkeit, wie ihn die Formalästhetik oder die autonome Musikästhetik aufstellen, in dieser Weise erweitern, so finden wir damit zugleich auch den Zugang zu dem wahren Inhalt und Sinn der Musik, den die Inhaltsästhetik viel zu äußerlich auffaßt. Erst dann nämlich können wir zu einer Ahnung der transzendenten, metaphysischen Bedeutung der Musik gelangen, die zwar die Erfassung der rein musikalischen Vorgänge im höchsten Maße voraussetzt, aber über sie hinausgehend sich ihrem geistigen Hintergrund, dessen Entsprechung die musikalischen Vorgänge darstellen, zu nähern vermag. Von einem solchen Standpunkt aus kann Beethovens Ausspruch: „Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“, überhaupt erst in seiner absoluten Gültigkeit verstanden werden. Aus dieser Kennzeichnung der Musik geht eindeutig hervor, daß es sich nicht um subjektive Äußerungen des Künstlers handeln kann; gerade in dem Streben nach vollkommener Objektivierung wird der Künstler der Aufgabe der Kunst gerecht. So spricht aus der Aussage Beethovens die Erkenntnis, daß die Musik jene Gesetzmäßigkeiten widerspiegelt, die der Welt zugrunde liegen. Erst auf dieser Stufe enthüllt sich uns ihr Sinn als Interpretation des Seins. Vielleuicht dürfen wir hier noch einen Schritt weitergehen und in der Musik der großen Meister die intuitive Vorausnahme geistiger Ordnungen sehen, die erst in einer fernen Zukunft dem Bau der Welt und ihrer Widerspiegelung in den menschlichen Wesenheiten zugrundeliegen werden. Versuchen wir die Musik unter diesem Aspekt zu begreifen, so wird uns auch jenes ehrfürchtige Erschauern, das sie in uns zu erwecken vermag, verständlich.

Daraus folgt aber auch die ungeheure Schwierigkeit, der wir beim Versuch einer Deutung der Musik gegenüberstehen. Musik deuten heißt nicht nur die Welt deuten, sondern darüber hinaus die Entwicklungstendenzen erahnen, die keimhaft in uns selbst veranlagt sind. Da aber heute fast jedes Gefühl dafür abhanden gekommen ist, daß das menschliche Dasein einen tieferen Sinn hat, ist auch unsere Beziehung zu der Bedeutung, die der Musik im menschlichen Leben zukommt, so problematisch geworden.

Quelle Erwin Ratz: Erkenntnis und Erlebnis des musikalischen Kunstwerks / in: Österreichische Musikzeitschrift 5. Jahrgang, Folge 12 / Wien 1951

Der gestirnte Himmel über mir

… und die Banalität als tägliches Surplus (s.a. hier)

Natur Vimeo

So las ich’s in dem Magazin Natur (Spezialheft August 2017 Seite 7) und war begeistert, dass dergleichen frei angeboten wird. Und kaum hatte ich es angesehen, fing die Mäkelei an: das gigantische Spektakel, die ungeheuerliche Realität, wird von einer schmählichen Musik begleitet, die den Namen nicht verdient.

Das ist aber noch nicht alles: ich hasse die Zeitraffertechnik, wenn sie dazu dient, kosmische Prozesse für den kleinen Fritz, der keine Geduld und darum keine Zeit hat, kurzweiliger zu gestalten. Rasende Wolken ohne Sturm, – gut, sind schneller vorbei. Aber: Blitze ohne Donner, stattdessen Pseudo-Musik, das ist Frevel.

Also mein guter Rat für heute: Ton ausschalten, Vollbild einstellen, abwarten. Und den Film alle 10 sec anhalten.

Als ich in Berlin zu Beginn des Musikstudiums einen Yogakurs bei Swami Dev Murti absolvierte, enttäuschte er mich, weil er uns nur „reinigen“ wollte, Atemwege und Nase, nichts was an Meditation erinnerte: „Der Körper ist wie die physische Welt“, sagte er, „Flüsse, Landschaften, Vegetation, Luftraum, ein Mikrokosmos, der dem Makrokosmos gleicht. Bleibt bei euch!“

Heute ist mir der Körper genug, um Anwesenheit, Präsenz im Raum zu spüren, und deshalb schätze ich schon die physische Violine, diesen leichten Hohlraum mit scharf gespannten Saiten (der mir als Kind allzu unspektakulär schien) und ebenso das Ungetüm des Flügels mit seiner geometrischen Tasten-Phalanx. Und nehme mir vor, nicht überrascht auf das Alter zu reagieren, z.B. eine so banale Störung wie den „Springfinger“, auch „Schnappfinger“ genannt („geh doch mal zum Arzt!“): es betrifft in meinem Fall den lächerlichen kleinen Finger der linken Hand. Man kann wie Paul Valéry Lobgesänge auf den Körper als physiologisches Phänomen schreiben, der – meine ich – nebenbei beansprucht, ICH zu sein. Oder „mir“ persönlich sogar eine ähnliche Konsistenz zuzusprechen, wie er sie ganz von Natur aus realisiert. Aber dann meldet er sich mit solch einer Banalität.

Wikipedia HIER

Ein Hilfsmittel: Hier beginnt mit Reklame = überspringen! (Danach kommt der Arzt… Ich experimentiere noch). Später mehr davon.

Doch zurück zum Anblick der Sterne.

STERNE august-sternkarte-grafik100

Einiges habe ich mir vorgemerkt für Nachtwanderungen an der Nordsee: natürlich fange ich oben an, wo ich mich auskenne (großer Bär, kleiner Bär). Aber wo ist der Orion, der mir doch sonst nie entgeht?

Was mich ansonsten dort interessiert, ja, bewegt: die Insekten. Hier bei uns hat man inzwischen hundertmal gelesen, es sei ein Rückgang des Bestandes um 80% zu verzeichnen sei. Eine Erfindung der Grünen zum Wahlkampf? Es ist offenbar nicht von einer hieb- und stichfesten neuen Studie die Rede, verdächtig oft wird der private Blick auf die insektenfreie Windschutzscheibe erwähnt. Wobei aber auch nicht erwiesen ist, – sagen dann andere -, ob sich nicht die veränderten aerodynamischen Verhältnisse an den Karosserien segensreich ausgewirkt haben könnten. Sollte es sich tatsächlich um eine übergreifende aktuelle Katastrophe handeln, so wäre mir wohl nicht nur die Zukunft der Autoindustrie, der Landwirtschaft und der Grünen-Politik egal, sondern auch der banale kleine Schnappfinger und dieser ganze gestirnte Himmel über mir.

Nachtrag 17.08.2017 (zu den 80%)

Ein Lob an die ZEIT: Nicht selten beantwortet sie mir binnen einer Woche Fragen, die ich nicht lösen konnte. Und wenn dabei eine Name auftaucht, der mir nicht zum erstenmal positiv auffällt, bin ich zufrieden. (Entschuldigung, dass ich von mir rede! Der Name folgt.)

Es geht um das Insektensterben:

Bis heute gibt es in Deutschland keine Anstrengung, mit einem breiten, qualitativ hochwertigen Insekten-Monitoring zu beginnen, weder die Deutsche Forschungsgemeinschaft noch das Bundesforschungsministerium haben bislang etwas unternommen. Die Folge: Obwohl plötzlich öffentliches Interesse für dieses Spezialthema vorhanden ist, obwohl es beinahe zum Politikum geworden ist, kann die Wissenschaft das Phänomen weder anständig beschreiben noch zweifelsfrei die Gründe bestimmen.

Aber es gibt Lichtblicke: Seit 2005 liefern 500 Freiwillige dem Umweltforschungszentrum in Halle Daten über Tagfalter in Deutschland. Noch sind die Reihen zu kurz, doch deutet sich an, dass die Populationen starken jährlichen Schwankungen unterliegen – wie vieles in der belebten Umwelt. Zusammen mit anderen europäischen Daten belegt das Monitoring, dass auf Wiesen und Weiden lebende Arten von 1990 bis 2015 um 70 Prozent zurückgegangen sind.

Das hat Folgen. Schon seit Jahren sind die Bestände von insektenfressenden Vögeln wie Feldlerche, Mönchsgrasmücke oder Singdrossel im Sinkflug. Die Hälfte aller Wildbienenarten Deutschlands stehen als bedroht auf der Roten Liste. Imker beobachten seit Jahren das Phänomen des Völkerkollapses.

Quelle DIE ZEIT 17. August 2017 Seite 29 Auf der Spur der Insekten Verschwinden gerade Käfer, Bienen, Fliegen und Schmetterlinge? Warum es so schwierig ist, das zu beantworten / Von Fritz Habekuss / Der ganze Artikel im Netz HIER

Links zum Tagfalter -Monitoring HIER

Mit Inventionen spielen (2)

Die Verteilung des Hauptmotivs

Invention e Motiv Verteilung

Es liegt auf der Hand: die imitatorische Kombination der beiden Stimmen, hoch und tief, ist zunächst sehr dicht: Takt 1, 2, 3; wird dann entzerrt: Takt 8 (linke Hand solo), 9, 11, 12 (wieder enger + Engführung), Takt 15 (rechte Hand solo), 17, 18, 19 (wieder enger, in erweiterter Gestalt), Takt (21), 22, 23 zusammenfassend, = Ergebnis.

Invention e-moll aa Invention e-moll bb

Interpretatorisch sind die Takte mit den ausgehaltenen Tönen problematisch: durchgetrillert zu aufdringlich, ohne Triller verschwinden sie. (Am Klavier kann man das durch Dynamik lösen, am Cembalo durch „taktvolle“ Tonwiederholung.) Hörübung: Janine Jansen – hier -, wie hält sie bzw ihr Spielpartner es mit diesen Tönen – beide hätten als Streicher nicht nötig zu trillern… Und noch eins (unnütz zu fragen): spielt den zweiten Part die Bratsche oder das Cello? (Die Partner auf der bei youtube verwendeten CD sind Maxim Rysanov, Bratsche, sowie Torleif Thedeen, Cello). Und ein drittes: wo weicht dieser Interpret vom Notentext ab? (Bitte die hier gegebene Klavierfassung vergleichen!)

Lösung: es handelt sich um Oktavversetzungen, die nicht besonders gelungen, aber doch zu verschmerzen sind. Weniger schön: dass 1 Ton verloren geht, nämlich in Takt 13 auf der dritten Zählzeit das c‘ im Bassschlüssel.

Angesichts der motivischen „Arbeit“, die sich in der obigen Tabelle zeigt, ist es erstaunlich, wie sich das Anfangsmotiv in den ersten Takten zu einem Thema rundet. Man kann es leicht zeigen, indem man wieder zum Anfangsakkord zurückleitet, statt zu der weiterführenden Tonart G-dur:

Invention e-moll aa -

Invention e als Thema beenden

Man könnte nun im letzten Takt statt des Schlusstones wieder den ersten Takt einsetzen und so ein kreisförmiges Gebilde schaffen, während die kompositorische Anstrengung natürlich dahin geht, darüber hinauszukommen. Sinnvolles Mittel ist die Sequenz. Erwin Ratz zeigt, wie diese Invention – an sich von einer ähnlichen Anlage wie die Invention Nr. 1 – gleichsam „zu höherer Entwicklungsstufe gelangt“ (Busoni).

Ratz Invention e-moll Anfang

…sie zeigen, – statt das Gebilde abzurunden – die Merkmale der Entwicklung, nämlich „harmonisch in Fluss zu kommen, Beschleunigung der Darstellung, Abspaltung“: es wird eine aus dem ersten Takt abgeleitete Gestalt aufgestellt (Takt 3) und diese Gestalt gelangt zur Sequenz.

Die „Beschleunigung“ der Darstellung ergibt sich hier jedoch nicht durch ein Kleinerwerden der Einheiten, sondern mit Hilfe des poyphonen Prinzips, indem die zweite Stimme in konstruktiv entscheidender Weise dadurch eingreift, daß die Imitation in der Oktave im ersten Takt nun übergeht in die Imitation in der Quint und so die Beschleunigung herbeiführt, die auch in der halbtaktig fortschreitenden Harmonie zum Ausdruck kommt. (In der ersten Invention wird die Imitation im dritten Takt nicht fortgesetzt.)

Quelle Erwin Ratz: Einführung in die musikalische Formenlehre (2. Auflage) Universal Edition Wien 1968 (Seite 61 f)

Wir könnten den Gedanken der Konstruktion hervorheben, für Erwin Ratz jedoch geschieht dies alles im Rahmen einer organischen Regelmäßigkeit, die er im Sinne Goethes auffasst:

So wie in der Natur zu der in mathematischen Gesetzmäßigkeiten erfaßbaren Regelmäßgkeit, wie wir sie in den Planetenbahnen, im Aufbau der Elemente, in den Formen der Kristalle, aber auch im Bereich des Organischen in der Struktur mancher Gewebe oder in der Zahl der Blütenblätter gegeben haben, hinzutritt das Prinzip des Lebendigen, der Metamorphose, der Verwandlung einer Gestalt in die andere, so sehen wir auch in der Kunst die zunächst als polare Gegensätze empfundenen Begriffe Gesetz und Freiheit vereint in Erscheinung treten und können in dieser Synthese die Offenbarung geheimer Naturgesetze im Sinne Goethes erblicken.

Ratz a.a.O. Seite 61

(Fortsetzung folgt)

Oboade (Ghana)

Wiederentdeckungen

Durch die alte CD „Pieces of Africa“ mit dem Kronos Quartet bin ich auf Obo Addy gekommen (CD Tr. 6),

Oboade bei Kronos Quartet

direkt vor Kevin Volans, habe mich an eine unserer ersten afrikanischen Aufnahmen im WDR erinnert, vermittelt durch Dr. Robert Günther: mit dem Ensemble Oboade. (Mustapha Teddy Addy – gehörte er nicht dazu?). Wo sind sie geblieben? Eine interessante Reise in die Vergangenheit, deren Weg ich festhalten möchte: er führt nach Seattle, University of Washington. Hier. Der Name Robert Garfias könnte auch zur Organisation der Reise nach Europa und zum WDR gehören. Hinter ihm verbirgt sich eine ganze Reihe wertvoller Aufnahmen: siehe Hier. Robert Garfias (Wikipedia) Hier. Darin auch Durchklick-Optionen zu wissenschaftlichen Arbeiten von ihm. Falls es nicht funktioniert, wenigstens für die Arbeit zur Mbira-Musik in Zimbabwe ein separater Versuch: Hier: „THE ROLE OF DREAMS AND SPIRIT POSSESSION IN THE MBIRA DZA VADZIMU MUSIC OF THE SHONA PEOPLE OF ZIMBABWE“. (1979/80) Also kurz nach dem Buch von Paul Berliner (1978) herausgebracht, das auch im Literaturverzeichnis steht.

Stenogramm zu „Titus“

Oder eher zu Teodor Currentzis

Vor langer Zeit habe ich einmal Yehudi Menuhin im Bonner WDR-Studio getroffen, um ihn für die Sendung „Klassik nach Wunsch“ zu befragen (2.1.1985). Er dirigierte damals Mozarts Oper „La clemenza di Tito“, und ich hatte mir vorgenommen ihn zu verlocken, etwas Kritisches über den Inhalt zu sagen. Fehlanzeige: er rühmte die tiefe Menschlichkeit des Werkes und sprach von Frieden und Versöhnung. Daher kommt es auch, dass ich mich für immer mit dem begnügt habe, was Hildesheimer dazu geschrieben hat:

Der „Tito“ hat nicht den Impetus und die Frische, daher nicht die ewig aktuelle Brisanz des zehn Jahre zuvor entstandenen „Idomeneo“, den auch Mozart selbst niemals übertroffen zu haben meinte: das einzige Beispiel der gesamten Opera seria, das strahlend in unsere Zeit überlebt hat, ja, jetzt erst eine Renaissance erfährt. Vergegenwärtigen wir uns aber, daß die Seria als Gattung heute nur höchstens den Wert des Museal-Schönen hat; daß wir sie, da wir in ihren Gestalten nicht uns selbst erkennen vermögen, gewissermaßen in Parenthese hören, so bleibt der „Tito“ dennoch ein Sonderfall: unaufführbar und aufführenswert zugleich, und immer Gegenstand des Experimentes, eine Musik zu retten, die sich an einem wertlosen Papiermonument aufrankt, ohne es, letzten Endes, gänzlich verdecken zu können.

Quelle Wolfgang Hildesheimer: Mozart / Suhrkamp Frankfurt am Main 1980 (Seite 319)

Nun scheint das Experiment vollkommen gelungen, diese Opera seria mit einem wahrhaft ernsten Stück Kirchenmusik zu verbinden, der C-moll-Messe, und einer grandiosen theologisch-philosophischen Idee zuzuordnen, die aus dem desolaten Zustand der Welt abgeleitet ist.

Man höre (ohne Scheu) alles, was  Peter Sellars dazu sagt: die Identität von Täter und Opfer. Aber vor allem das, was  man von Currentzis erfährt. Mit eindrucksvollen Film- und Tonbeispielen, abrufbar HIER (Das ERSTE, Titel, Thesen, Temperamente ttt) und dort auch im Schriftsatz nachlesbar:

„Was mich in meinem Leben in den letzten Jahren am meisten bewegt hat, waren die Reaktionen nach den Terroranschlägen“, sagt Peter Sellars. „Als Tausende spontan auf die Straße gingen, mit Blumen und Kerzen und damit zum Ausdruck brachten, unsere Liebe ist größer als euer Hass, der Bomben legt in Flughäfen oder Bahnhöfen. Ich fragte also Teodor Currentzis, was wäre die Musik für eine solche Demonstration von Trauer und Liebe und er sagte, ohne nachzudenken, das Kyrie der C-Moll Messe.“

Mozarts Sakralmusik unterbricht die Handlung. So wird aus dem etwas kruden Plot ein Appell an das große Ideal der Versöhnung. „Mozarts Zeit war noch nicht reif für die Idee echter Versöhnung“, sagt Sellars. „Vergebung durch einen Herrschenden ist ja keine Versöhnung. Aber um der Gewalt, die heute überall herrscht, entgegenzutreten, brauchen wir Versöhnung, brauchen wir wahre Größe. Und Mozart hat die Musik geschrieben für dieses Größere, zu dem der Mensch fähig ist.“

Die berühmte Arie „Parto!“ ist eine einsame Reise durch Stille und Angst. Sie wächst an dieser schwierigen Rolle, sagt Marianne Crébassa. „Manchmal liegt die eigentliche Handlung ja in der Stille. Nichts zu machen, gegenwärtig zu sein. Das ist auch das, was Teodor Currentzis will. Er sagte immer: Lass dir Zeit. Wenn du eine Phrase gesungen hast, bleib bei dir und dann mach weiter.“

Qui tollis peccata mundi. „Du nimmst hinweg die Sünden der Welt.“ Der Chor bildet zwei Kreise. Einen um den Täter und einen um das Opfer. Es ist das Bild des Abends. Die große Affirmation. Kunst, die daran glaubt, dass Menschen Menschen erlösen. „Titus ist hier ja auch nicht mehr der große singuläre Herrscher“, sagt Sellars. „Er ist immer mit den anderen verbunden, Teil des Ensembles. Mozart zeigt, wie das aussehen könnte. Es geht nicht darum, eine Wahrheit durchzusetzen. Wahrheit, das ist ein Duett. Da werden beide Wahrheiten zu einer neu[n]en – in Zeit und Raum.“

Auch den anderen Film sollte man sich ansehen: über Teodor Currentzis HIER. Und den Text mit der Überschrift: Klang ohne Spiritualität ist nur Geräusch. Ein kleines Foto, T.C. mit hochgerecktem Kopf, wie unter der Dusche, Bildunterschrift: „Ein tiefgläubiger Mann.“ Ich hätte frevlerisch gesagt: Der Jürgen Klopp des modernen Musikbetriebs. Nein, das will ich keineswegs gesagt haben. Wir brauchen diese von ihrem Beruf Besessenen. Soeben hatte er gesagt:

Wenn du Dinge entdecken kannst, die niemand anderes sieht, dann musst du dieser Sache dein Leben und deine Zeit widmen und das in die Welt holen. Musik bedeutet ja nicht, eine Geige zu spielen oder zu singen oder zu komponieren. Musik ist eine Vorstellung, die darüberhinaus geht.

Und dann kommt der Satz vom Klang ohne Spiritualität, – jenem berühmten Satz von Bach nachempfunden, Musik ohne Gott sei nichts als „ein teuflisches Geplärr und Geleyer“. Was in der alten Zeit aber wohl noch jeder unterschrieben hätte. (Bach hat ihn nicht erfunden.)

Currentzis, 45, Grieche mit russischem Pass, hasst Routine, das Wort Berufsmusiker und einen Kunstbegriff, der auf Entertainment zielt. Klang ohne Spiritualität, sagt Currentzis, ist nur Geräusch. Er ist ein tiefgläubiger Mann und redet sehr selbstverständlich von dieser jenseitigen Welt. „Du musst zum Ursprung zurückgehen. Zu dieser ewigen, universellen Stille. Die tragische Schönheit von Klang wahrnehmen, der von hier aus in die Welt kommt. Da ist die Energie. Die Energie ist die Zerstörung der Stille durch diesen ersten Klang.

Selbst Klang sein, statt nur Zuhörer. Bei der Uraufführung von „The Riot of Spring“ schickt Currentzis einen Ton auf die Reise. Musiker spielen ihn nach und lassen andere auf ihren Instrumenten spielen. Ein anwachsender Klang, der alle im Raum einbezieht.

Der ttt-Beitrag im ERSTEN (6.8.2017) stammt – wie diese verschriftlichten Texte – von Angelika Kellhammer.

Man zögert unwillkürlich, es kann doch nicht alles wahr sein – oder: nicht alles wahr bleiben? Mit Beginn der Spielzeit 2018/19 wird dieser Mann nicht weit von uns als Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters wirken. Schwer vorstellbar: eine Mischung aus Berserker und indischem Eremiten, – fest angestellt.

Mir klingt sein Bekenntnis zur Stille und zum wahren Ursprung des Klangs wie das Abstract eines indischen Textes, den ich oft zitiert habe. Aber kann man damit leben und arbeiten? Gewiss, die Hoffnung ist stärker als der Glaube.

Indien Ursprung Musik

Text: Vidya Rao / Quelle: Music Today CD A-92017 Music Appreciation New Delhi 1992

Was mir besonders im Gedächtnis bleiben wird: die Einbeziehung des Klarinettisten ins Bühnengeschehen, auch die kollektiven Bewegungen des Chores oder die angedeutete Choreographie der beiden Sängerinnen im Duett: genau das, was mich auch in einer Johannespassion beeindruckte (hier). Nicht die Show, sondern die sparsame Übertragung der inneren musikalischen Bewegung nach außen. Wenn ich jetzt die Arie des Sesto in einer ganz anderen Aufnahme erlebe, sehe ich auch den Klarinettisten. (Übrigens habe ich mir auch die Noten von IMSLP/Petrucci ausgedruckt.)

 PARTO Titus Noten  PARTO Titus Noten f

Zum Schluss möchte ich betonen, dass ich diesen „Titus“ natürlich nicht gesehen habe; was ich darüber weiß, haben ich nur dem begeisterten Bericht in ttt zu verdanken. Und an der Youtube-Aufnahme mit Vesselina Kasarova (Dirgent Harnoncourt) erkennt man, dass die Musik wohl doch nicht erst unter Teodor Currentzis erfunden wird. Sie wird vielleicht mit allerhöchstem Ehrgeiz neu inszeniert. Und mit einem prophetischen, ja fanatischen Gestus zur Aussage gezwungen: „Wenn du Dinge entdecken kannst, die niemand anderes sieht, dann musst du dieser Sache dein Leben und deine Zeit widmen und das in die Welt holen.“ Das kann einem auch Angst machen.

Der hochgeschätzte Kollege Jan Brachmann hat im November des vergangenen Jahres in der FAZ eine sehr bedenkenswerte Analyse des Currentzis-Hypes geschrieben: HIER. Überschrift: „Wir Terroristen haben wenigstens Mumm“ / Der Dirigent Teodor Currentzis verdreht der Musikwelt gerade den Kopf. Sein Rebellentum ist genau kalkuliert.

Vom Reim

…und vom Assoziieren

Ich gehe ganz gern dem Phänomen nach, wie man assoziiert, also das Gedächtnis ohne besondere Anstrengung aktiviert und Netze spinnt zwischen entlegenen Themen. Wir machen uns einen Reim draus. Das ist der Vorgang. Die Vogelstimmen haben zwar nachgelassen, der Gesang jedenfalls; aber was ich da draußen ständig höre, ist der Doppelschrei das jungen Mäusebussards (siehe hier). Gestern ist er gegen die Scheibe unseres Wohnzimmers geflogen, heute saß er auf dem Steinstapel an der Terrasse und sah wohlgefällig dem Treiben der Kleinvögel an der Futterstelle zu. Mein gezücktes Smartphone verscheuchte ihn. Schon als ich wieder die Süddeutsche las – den Artikel von Sonja Zekri – hörte ich ihn wieder aus dem Tal rufen. Und als ich umblätterte und auf den schönen Artikel von Heinz Schlaffer über die neue Baudelaire-Übersetzung stieß, fiel mir ein, dass ich vor mehr als 10 Jahren in einer Mai-Sendung der Reihe „Musikpassagen“ das Thema Vogelstimmen (die Waldamsel) im Zusammenhang mit Trillern und Reimen behandelt habe. (Reime erinnerten mich an Sequenzen, Stichwort „Nessun dorma“.) Anlass genug, an diesem Netz weiterzuspinnen, zumal mir der SZ-Autor kürzlich unvermerkt wiederbegegnet war (hier). Und nun schreibt er über die unterschiedliche Bewertung des Reims im Französischen und im Deutschen. Natürlich fällt mir das Wandruszka-Buch wieder ein und die wunderbare Zeile: „Meine Schwester, mein Kind, denk es, wie lind wärs dorthin zu fliehn“ … es geht dabei um das Wort „douce“, das im Wort „lind“ bei George (Baudelaire-Übersetzung) eine einzigartige Entsprechung gefunden hat, – um des Reimes willen. Also: ich muss rekapitulieren und ausweiten. Der Rest das Tages ist gesichert.

Waldamsel Cover +

AUS EINER SENDUNG IN WDR 3 am 9. Mai 2001, wiederholt am 11. Mai 2006

 „Von Trillern, gereimten Melodien und den ungereimten Strophen der Wald-Amsel“ (Letzter Teil des Skriptes)

Musikpassagen, heute vorübergehend in einem Küsten-Buchwald an der Ostsee, in der Nähe von Stralsund, am Mikrofon ist J.R. Die neue Wald-Amsel-Aufnahme von Walter Tilgner. Wollen wir sie noch ein bißchen weiter sezieren?
Mir scheint, dass das folgende Anfangsmotiv nicht von der signalhaften Antwort getrennt werden darf. Und dann tut sie es doch: bei der dritten Version spinnt sie ein bißchen. Also – drei Ausschnitte jetzt:

34) Sonder-CD 2 24 Tracks / Anfang der Tracks 6 + 8 + 11
Aufnahme von Walter Tilgner (unveröffentlicht)

Hat sie ihren Irrtum bemerkt? Zwei Minuten später liefert sie uns das korrekte Motiv nach, – und fügt unseren altbekannten „Himmelsstürmer“ dran.

35) Sonder-CD 2 24 Tracks / Tr. 13
Aufnahme von Walter Tilgner (unveröffentlicht)

Ein anderes Mal verballhornt sie die beiden Motive, – ich glaube, weil sie etwas aufgeregt ist. Sie kam gerade erst an ihren Platz geflogen.

36) Sonder-CD 2 24 Tracks / Tr. 23
Aufnahme von Walter Tilgner (unveröffentlicht)

Mit einem Glanzstück der Sammlung ungereimter Strophen möchte ich mich von der Waldamsel verabschieden.

37) Sonder-CD 2 24 Tracks „Wald-Amsel“ Tr. 24“ 2’01“
Aufnahme von Walter Tilgner (unveröffentlicht)

38) Vogelhochzeit Tr. 17 Pirol etc. beginnen erst ab 0’50“ (1’55“)
Wergo SM 9004-2 (LC 0846)
darin:
39) 5000 256 4 Beethoven /Brendel Son. G op. 14,2 0’50“
Philips 412575-2

Was ist ein Reim? Der Gleichklang zweier oder mehrerer Silben oder Worte:
Glut, Flut, Blut, alles Vergängliche, Unzulängliche, allzu Bängliche, – solcher Reime im Leben, kann es auch allzu viele geben.
In der Musik aber noch eher; man könnte von Reimen sprechen, wenn ein und dieselbe melodische Linie stufenweise versetzt wird. Das kann wunderschön sein, und wirkt durchaus nicht – was auch möglich wäre – wie die allzu einfallslose Fortspinnung eines Gedankens. Entscheiden Sie selbst, – verübeln Sie mir nur nicht die Vivaldische Jahreszeit! („Winter“)

40) Vivaldi „L’inverno“ Giuliano Carmignola Tr. 11 1’45“
Divox Antiqua CDX 79404
41) Beethoven op. 59, 2 Alban-Berg-Quartett 1’05“
EMI CDC 7471312 (LC 0542)
42) 5006 117 Wagner „Tristan und Isolde“ CD 3 Tr. 11 „Mild u. leise“ 2’02“
Birgit Nilsson /Bayr. Festsp./ Karl Böhm
DGG 419-890-2 (LC 0173)
43) 5039 845 Tr. 15 Albinoni / M.André (g-moll) ab 0’16“ bis 1’38“
44) 5024 052 CD 2 Tr. 16 Bach / Joh.P. / „Es ist vollbracht“ ab 0’04 bis 0’47“
Teldec 9031-74862-2 (LC 6019)
45) 5000 245 CD 2 Tr. 3 Beethoven /Cello A/ Rostrop./Barenb. ab 6’30“ bis 7’40“
Philips 412 256-2
46) Beethoven Sinf. 1 CD 1 Tr. 1 ab 1’18“ bis 1’40“
Teldec 2292-46452-2 (LC 3706)
47) 5033 421 Parvarotti / Puccini Tr.1 „Nessun dorma“ 3’00“
Decca 425099-2 (LC 0171)
48) 5042 582 Zupfg. „Bunt sind schon die Wälder bis 1’07
49) 5031 000 Mozart / Manno Tr. 2 ab 1’08“ bis 2’21“
Arte Nova 74321 464952 (LC 3480)
50) Schubert / Müllerin / Wunderlich Tr. 11 „Mein!“ 2’43“
DGG 423956-2 (LC 0173)

„All ihr muntern Waldvögelein,
Groß und klein,
Endet eure Melodein!
Durch den Hain
Aus und ein
Schalle heut ein Reim allein!
Die geliebte Müllerin ist mein!
Mein!“
Meine Damen und Herren, im Fernseh-Talkshows sagt man an solchen Stellen gern: Das ist ein schönes Schlusswort…. aber wir sind ja noch gar nicht am Ende, und meinetwegen könnte es immer so weitergehen. Es wäre noch viel zu klären.
Ungeklärt bleibt z.B., ob die Vögel Musik machen oder ob nur wir eine Vogelmusik hören. Es könnte sein, dass die Waldamsel bei ihren ungereimten Strophen ein Vergnügen empfindet wie wir, wenn wir in ein Kaleidoskop schauen. Es könnte auch sein, dass die Vögel ein akustisches Orientierungsnetz durch den Wald spannen. Jedenfalls unterhalten sie sich nicht miteinander, selbst wenn sie aufeinander reagieren. Das gibt es ja auch unter Menschen: nicht richtig zuhören, aber auf ein Stichwort warten, um selber loszulegen und nicht wieder aufzuhören…
Ich m ö c h t e daran glauben, dass die Vögel etwas Wichtiges tun; immerhin erreichen sie, dass wir gerührt sind, zuhören und n i c h t selber loslegen…
Andererseits warnt die von mir sehr verehrte Philosophin Susanne K. Langer „vor einer vorschnellen Übertragung der menschlichen Funktionen von Vokalisierungen auf das Tierverhalten. Während Vokalisierungen für den Menschen ihre hervorstechende Bedeutung in der Kommunikation haben, ist es durchaus wahrscheinlich, dass diese bei Tieren vornehmlich einen Selbstbezug haben. Bei Tieren seien Vokalisierungen primär expressive Akte innerer Spannungen. ‘Vokalisierung und ihre verschiedenen funktionalen Ersatzformen Flügelputzen, Beinputzen, Schnabelklappern usw. sind ursprünglich expressive Akte innerer Aufregung und es ist durchaus vorstellbar, dass ihre elementare Motivation die Selbstausdehnung, die Vergrößerung des Akts in einer geräuschvollen Vollendung ist.’“

51) Vorarlberger Rheindelta: Haubentaucher Tr. 3 (5’43“) Walter Tilgner privat
darin folgender Text:

Der Haubentaucher ist Vogel des Jahres. Kennen Sie ihn? Die Haltung seines Körpers gleicht der eines sinkenden Schiffs, aber den Kopf trägt er stolzer als irgendein anderer Wasservogel, wenn wir vom Schwan einmal absehen, der dafür keine Haube hat.
„Die Zerstörung kleiner, schilfgesäumter Teiche führt zum Verlust von Brutplätzen und kann durch die Neuschaffung von Gewässern nicht oder nur unvollständig kompensiert werden. Vor allem aber Störungen durch den menschlichen Freizeitbetrieb an Teichen und Seen können zu Brutausfällen führen und so geeignet erscheinende Gewässer völlig entwerten.“
Es gibt auch Fischer, die im Haubentaucher einen vermeintlichen Konkurrenten sehen. „So wird etwa am österreichischen Almsee durch das Anstechen der Eier immer wieder der Bruterfolg vereitelt.“ (Andreas Ranner Nr. 16/ März 2001)

(Haubentaucher hoch!)

Man kann solche Lautäußerungen so lieb gewinnen
wie die Äußerungen eines Säuglings, von dem man nichts weiß, nichts, nur dass man sich verwandt fühlt über alle Kommunikationsbeschränkungen hinweg.
Und dass man eine Zukunft glaubt.
Es ist schon eine Art Liebe. Ohne logische Begründung.

Die lebensprühende Aufnahme stammte wieder einmal von Walter Tilgner, er hat sie am 17. Juni 1980 im Vorarlberger Rheindelta gemacht. Hoffen wir, dass sie dort auch heute noch möglich wäre.

52) Schubert / Müllerin / Wunderlich Tr. 8 ab: 3’19“ bis (Ende:) 4’03“

Das waren die Musikpassagen auf WDR 3, Fritz Wunderlich wird uns gleich mit Schubert ans Ende geleiten, Hubert Giesen am Klavier. Schöner geht es nicht. Diese Sendung wurde vorbereitet im Studio für Klangdesign, Thomas Bleul an den Reglern; unser Hörertelefon hat die Gratis-Nummer 0800 – 5678 333, falls Sie Fragen oder Anregungen haben.
Am Mikrofon verabschiedet sich J.R.

53) Schubert / Müllerin / Wunderlich Tr. 9 „Des Müllers Blumen“ 3’42“
DGG 423956-2 (LC 0173)
54) Nachtigallen

**********************************************©Reichow 5/2001

Hier eine Belohnung für koreanische Blog-Gäste:

Das schmale Nachschlagewerk von Dr. Otto Bantel stammt aus der Anfangszeit meines Germanistikstudiums: „Grundbegriffe der Literatur“ (Hirschgraben Verlag, Frankfurt am Main 1962), hier die aufschlussreiche Anfangspassage zum Reim:

Bantel über Reim

„… um den heidnischen Stabreim zu verdrängen.“!!! Ein anderes Netz: siehe HIER und später über die Zeitenwende des Jahres 1000 hier.

Zu Otfried von Weißenburg siehe bei Wikipedia hier, auch über die Einführung des Reimes!

Der Reim kennzeichnet eine bevorzugte Stelle im Versgefüge. Der Gleichklang bezieht die Reimworte aufeinander, sie treten als besonders bedeutsam ins Ohr. In ihm schwingt der Dran des Gleichartigen mit, sich zu vereinen. Goethe flicht daher im „Westöstlichen Diwan“ die persische Erzählung ein, nach welcher der Reim als Rede- und Antwortspiel zweier Liebenden erfunden worden sei. Die Romantik sieht im Reim die Veschmelzung der Laute als Sinnbild der Liebe, Tieck weiß im reimenden Dichter seine Sehnsucht, die Laute, die in der Sprache einzeln und unverbunden stehen, näherzubringen, damit sie ihre Verwandtschaft erkennen und sich gleichsam in Liebe vereinen.

in der modernen Dichtung wird, in Abwehr der leeren Reimklingelei, die sich im 19. Jahrhundert breit machte, seine Anwendung differenzierter. Dichter wie Rilke oder Benn suchen nach den seltenen, überraschenden Reimen, wobei oftmals ein inhaltlich gewichtloses Wort in den Reim gebunden wird, so daß der musikalische Reiz nur leicht mittönt und die offene Form des Verses, die dem modernen, vielschichtigen Bewußtsein gemäß ist, kaum angegriffen wird.

Quelle Dr. Otto Bantel: Grundbegriffe der Literatur / Hirschgraben Verlag, Frankfurt am Main 1962 (Seite 70 f, Abkürzungen von mir aufgelöst)

Heinz Schlaffer schreibt über die neue Übersetzung von „Les Fleurs du Mal“ (Baudelaire) durch Simon Werle.

ZITAT

Werles kluges Nachwort unterrichtet den Leser über die unterschiedliche Bedeutung des Reims in der französischen und in der deutschen Verskunst. Im Französischen bietet er sich leicht, zu leicht, an. Er gibt sich mit Nachsilben wie in „tapage“ und „carnage“ oder in „guerrière“ und „meutrière“ zufrieden. Im Deutschen ist er schwerer zu finden, da betonte Stammsilben übereinstimmen müssen. Deshalb berührt der Reim ein französisches Ohr nur schwach, ein deutsches lässt er aufhorchen. Unter den früheren Übersetzungen der „Blumen des Bösen“ rühmt Werle besonders die Wolf von Kalckreuths, die 1907 im Todesjahr des Neunzehnjährigen, erschien. Kalckreuth schwächte das Problem der aufdringlichen Reime ab, indem er viel gebrauchte, blasse den exquisiten vorzog. So reimt er in der letzten Strophe der „Reise“ die Wörter „trinken-Geist-sinken-beweist“, damit sich die Aufmerksamkeit nicht auf das Ende der Verszelle konzentriert. Werle strezut Assonanzen und unreine Reime ein – in derselben Strophe: „Zügen – versengt – liegen – schenkt“ -, um der Monotonie des Gleichklangs zu entgehen. Zugleich verschafft ihm der Verzicht auf den exakten Reim die größere Freiheit bei der Suche nach dem passenden Wort.

Quelle Süddeutsche Zeitung 5./6. August 2017 Seite 18 Ruhm, Satan, dir und Preis Charles Baudelaire hielt die einstige Schönheit im Augenblick ihres Untergangs fest. Simon Werle hat nun den Zyklus „Les Fleurs du Mal“ neu übersetzt. Von Heinz Schlaffer. (Rowohlt 525 Seiten 38 Euro).

(Fortsetzung folgt)

Matinee 1988

Der Name der Konzertreihe Matinee der Liedersänger entstand in einer Zeit, als es noch notwendig war, sie von der Matinee der Liedermacher, die es schon früher gab, abzusetzen. Dr. Alfred Krings hat sie 1974 eingeführt, ebenso wie die „Nachtmusik im WDR“. Auf der Liste, die man hier (oben) anklicken kann, fehlt ein schöner Veranstaltungsort, der mit dem Kölner Funkhaus alternierte, nämlich das Museum Bochum am Stadtpark. (Erst bei dessen Renovierung wechselten wir zum Bahnhof Langendreer.) Und im lichten, freundlichen Museum fand am 2. Februar 1988 die Matinee mit Mimi Fariña statt, initiiert von unserem Mitarbeiter Michael Kleff, Gewährsmann für alles Amerikanische. Er war eng verbunden mit der Singer-Songwriter-Tradition.

Mimi Farina innen Bread & RosesMimi Farina Producer  . . . . . . . . . . . . .Mimi Farina Cover außen Mimi Fariña (1945-2001)

Mimi Farina Kleff Widmung Mimi Farina Kleff Guthrie

Auch schöne Erinnerungen für mich: die von Michael Kleff vermittelten Konzerte, die Moderationen, Radio-Sendungen und überhaupt die angenehme Zusammenarbeit.

Unvergessen das tolle Abschiedsgeschenk 2006, an dem seine Frau Nora nicht unbeteiligt war…

GUTHRIE vorn GUTHRIE rück

Mit Inventionen spielen (1)

Zweistimmig BWV 778 e-moll

Ich übe genau die Inventionen, die Erwin Ratz in seiner Formenlehre im Detail behandelt. Und zwar nach Noten, die schon mein Vater benutzt hat, – sie sind nicht „historisch korrekt“ – und habe das Autograph und andere Ausgaben danebenliegen. (Übrigens kein neuer Vorsatz, ich spiele nebenher vieles andere, immer auch Chopin, oder die vierhändigen Sachen Mozart, Schubert, Fauré für Zweiertreffen.) Hier heißt es also, ich übe korrigierend und zwar nicht mal so, mal so (das auch!), entscheide mich, wie ich das Stück auswendig beibehalten möchte. An dieser Stelle zunächst für notenkundige Zaungäste eine Hörfassung, nicht weil sie „korrekt“ ist, sondern vor allem weil eben die Noten dabei mitzulesen sind, aber eben auch, weil ich sie liebe: eine Version für zwei Streicher (Janine Jansen). Man kommt nicht auf die Idee, dass es cembalomäßiger klingen sollte, und das ist eine gute Ausgangsposition.

Vergleichsfassungen mit Klavier sind leicht zu finden, die eine zu schnell, die andere zu langsam: Glenn Gould (für mich immer leicht missvergnüglich) oder Evgenij Koroliev. Aber die Tempovorstellung ändert sich natürlich, wenn man die Inventionen als Gesamtfolge plant. Beim Cembalo gehe ich gern von Bob van Asperens Einspielung aus, deren Coverbild mich bereits in gute Stimmung versetzt.

Invention van Asperen CD

Die Noten meines Vaters sehen folgendermaßen aus (Universal Edition 1951, Bearbeitung von Julius Röntgen, der ein verdienter Mann ist, man fühlt sich gut betreut; es lohnt sich, seine Biographie zu studieren):

Invention UE e-moll a Invention UE e-moll b

(Die moderne UE-Ausgabe folgt natürlich ganz anderen Prinzipien: siehe hier!)

Was mich von vornherein stört, sind die nicht originalen Phrasierungsbögen: schon im ersten Takt die Überbindung auf die dritte Zählzeit ist ebenso „falsch“ wie die nächste auf die erste Zählzeit (den Praller) oder gar die dann folgenden langen, romantischen Bindungen. Die Triller und alle normalen Praller müssen von oben gespielt werden, nicht mit der Hauptnote beginnend, selbst wenn der Ton vor der Trillerhauptnote derselbe ist wie der, mit dem die Phrase vorher endete, und diese erste Prallernote wird betont. So habe ich es gelernt und bevorzuge doch einen anderen Triller. Ich fürchte mich vor einem Triller, der wie eine Fahrradklingel durchschrillt, jedenfalls im Fall der beiden langen Töne dieser Invention. Ich möchte nicht durch den Triller gezwungen werden, die jeweils andere Hand anders zu spielen, als es ihr gebührt. Aber wenn Glenn Gould das lange d“ (Takt 7ff)  nur anschlägt und sich aufs Weiterdenken verlässt, den Basston H (Takt 15ff) jedoch in ganzer Länge durchttrommelt, obwohl dort nicht einmal ein Praller steht, wüsste ich keinen Grund. Ich würde beide Triller mit der Hauptnote beginnen und „anlaufen“ lassen, und wenn er „klingelt“, dynamisch ganz zurücknehmen. Egal, wie es Bach gemacht hätte. (Wer weiß das schon…) Nichts mehr über bloße Praxis.

Was mich wirklich an den Inventionen fasziniert? Die kontrapunktische Zweistimmigkeit. Dazu nur dies, – für alle, die parallele Terzen schöner fänden:

Invention zwei stimmen parallel & konträr

Ich habe die Oberstimme in Takt 5 nur unwesentlich vereinfacht, um die Terzenparallelen hervorzuheben. Es sieht fast nach Wiedergutmachung aus, wenn gleich danach die radikale Gegenbewegung der beiden Stimmen folgt. Ihre Selbständigkeit muss sichergestellt sein!

Invention parallel & konträr orig

Und wie logisch wirkt es, wenn im nächsten Takt die parallel laufenden Sechzehntel zeitversetzt aufeineinanderfolgen; womit die Verlaufslogik der Unterstimme nach unten fortgeführt wird, in der Oberstimme aber der Sprung nach oben gleichsam als Gegengewicht fungiert.

Invention Takt 5-6 parallel u konträr

(Fortsetzung folgt)

Bach endlich entschlüsselt?

Zur Kunst der Fuge

Gleich mehrfach wurde mir dieser FAZ-Artikel von wohlmeinenden Freunden zugesandt, und die Handschrift Bachs fasziniert mich unmittelbar, immer aufs neue, und der Satz des Pythagoras – was für eine Überschrift! Ich erwarte ein neues „Gödel, Escher, Bach“, mindestens. Und nun? Der Berg kreißte und gebar ein Mäuslein.

Bach Pythagoras FAZ FAZ 26. Juli 2017 Seite N3

Gewiss, die dekadische Tetraktys ist kein Mäuslein. Und über Pythagoras habe ich mich gerade erst wieder auf den Stand gebracht, den ich nie im Leben innehatte. Interessant z.B. hier, unter „diverse mathematische Themen“, darunter „Pythagoras und die Pythagoreer“, jedenfalls für einen mathematischen Laien wie mich. Muss ich mir doch noch das nicht gerade preiswerte Buch von Dentler zulegen, das ich schon 2004 versäumt habe?

Bach Pythagoras FAZ Dorisch aus FAZ-Artikel wie oben 26.7.2017

Was bedeutet eigentlich dieser Satz: „Die pythagoreischen Kennzeichen beginnen bei der Tonart d-Moll, dem alten Dorisch, das Pythagoras über alles stellte“? Wenn es denn wirklich die dorische Kirchentonart wäre. Wenn er sie eindeutig meinte. Warum jedoch schreibt Bach das Vorzeichen b in die Noten, während er die Violin-Solosonate I, die in g-Moll steht, nicht mit den zwei zugehörigen Vorzeichen versieht, sondern nur mit einem, – wie uns immer gesagt wurde: aus dorischen Gründen.

Und noch etwas: meinte eigentlich Pythagoras mit „dorisch“ überhaupt unser (Bachs) Dorisch, das wir als dorische Kirchentonart verstehen? War nicht das, was ER darunter verstand, in Wahrheit unser Phrygisch? Da soll doch im Mittelalter eine Umbenennung erfolgt sein. War es nicht so? Und die männlich-kernige Griechentonart wäre demnach aus unserer Sicht eher eine weiblich-weiche, was bekanntlich ganz unerträglich wäre. – Ich bin kein Fachmann für altgriechische Musiklehre und auch nicht für die Kirchentöne oder Modi des Mittelalters. Ich denke, darüber sollte man aber im Gespräch der Fachleute Triftiges erfahren. Wie auch sonst etwas über eine offenbar schwelende Bach-Problematik… Liegt der Schlüssel bei Pythagoras?

Für mich ein willkommener Anlass zu rekapitulieren: wann fing das eigentlich an? Damals haben wir immer nur Contrapunctus I gespielt, auch bei der Beerdigung König, Fa. Steinhäger in Steinhagen bei Bielefeld (kein Scherz).

Bach Fuge Graeser

Man könnte meinen, es sei ein böses Omen gewesen, dieser Steinhäger-Beginn, aber da war ich längst ein regelmäßiger Gast in der Musikabteilung der Bielefelder Stadtbibliothek, als Albert-Schweitzer-Verehrer kannte ich sein Bach-Buch, aber auch den Spitta. Das andere Datum (1964) bedeutete jedoch einen Neubeginn, vermutlich verbunden mit einer Gesamtaufführung, vielleicht im Kölner Bach-Verein, farbig instrumentiert (Graeser oder Schwebsch? unter Franzjosef Maier, vielleicht Gesamtleitung Herbert Collum). Die Probleme der Instrumentierung waren längst bekannt. Andererseits wusste man seit je, dass Bach selbst mit Um-Instrumentierungen seiner Werke keine Probleme hatte, selbst in solchen Fällen, die für meine kleinliche Geiger-Sicht gar nicht erlaubt sein dürften, also z.B. ein wundersam idiomatisches Werk für Violine solissimo auf ein schnödes Tasteninstrument zu übertragen. Er tat es. Und nun soll er die „Kunst der Fuge“ durch Verweigerung der Instrumentation auf geradezu pythagoreische Weise verrätselt haben!? Mein Gott, – es ist ganz egal, ob Sie die 4 Stimmen am Klavier zusammenstümpern oder auf 4 mittelmäßige Streicher verteilen. Setzen Sie sich doch hin und lassen Sie die Fugen kraft Ihres Geistes vor dem inneren Ohr vorüberziehen. Jeder gute Musiker würde Ihnen von Herzen gratulieren.

Man kennt Hamlets unbesiegbaren Zweifel und weiß: Wahnsinn allein genügt nicht, der Wahnsinn verbindet sich nur allzugern mit Methode, und zwar mit einer Genauigkeit, die schwindlig macht. Ich kann noch so oft sagen: das glaube ich nicht, immer wieder kommt in irgendeiner Form die Antwort: es geht nicht um Glauben, sondern um Wissen. Natürlich nicht um Wissen in unser aller oberflächlichem, grobstofflichen Sinn, sondern um das tiefe Wissen, das in der Frühzeit der Menschheit noch weit verbreitet war. Undsoweiter undsoweiter. Die Logik wird nicht über Bord geworfen, sie gilt an ihrem Platze, und zwar genau so lange, wie sie sich dienlich zeigt. Aber das wahre Wissen geht weit über sie hinaus, umfasst sie, ist selbstverständlich integral und kann sich jederzeit in höhere Sphären zurückziehen. Ich spreche nicht mehr über Dentler und auch nicht über den, den ich zitieren will. Aber jeder, der mit dieser verkünderklaren Stimme spricht, muss damit rechnen, dass auf der anderen Seite nicht alles geglaubt wird, was wie Wissen daherkommt.

ZITAT

So darf  als gesichert gelten, dass die Einprägung des Namens BACH (in allen möglichen Erscheinungsformen) da, wo sie auftritt, eine vom Komponisten bewusst vorgenommene Handlung ist.

Weitaus schwieriger ist die Tatsache zu erklären, dass sich ganz eindeutig Geburts- und Todesdaten des Komponisten sowie die Zahl seiner Lebenstage als Zahlenstrukturen in der Bachschen Musik nachweisen lassen. Dies übersteigt fürs erste unsere Denkmöglichkeiten und mag darum auch zunächst einmal zu heftigem Widerspruch reizen. Doch gerade diese Ebene bildet einen Schlüssel, der uns erkennen lässt, in welcher Weise Bachs Individualität mit dem objektiven Zahlenkosmos der Welt verbunden war. Rudolf Steiner weist im ersten Priesterseminarkurs darauf hin, dass sich gewisse Zahlen „ja doch einfach empirisch aus dem Weltall“ gewinnen ließen; man müsse sich, um diese Empirie durchzuführen, „ein Gefühl erwerben, auch für die innere zahlenhafte Gliederung im Weltenall“. Nun, Bach muss in eminentestem Maße über dieses „Gefühl“, das heißt einen entsprechend organisierten Astralleib, verfügt haben!

Ich möchte daher an diesem Punkt als Arbeitshypothese den Gedanken formulieren, dass im Falle Bachs objektive Zahlengesetzmäßigkeiten des Weltganzen mit persönlich-biografischen in erstaunlicher Weise zusammenfallen. Derartiges – biografische Daten, die zugleich kosmische sind – wird im Allgemeinen nur bei sehr hohen Individualitäten mit einer wichtigen weltgeschichtlichen Mission der Fall sein. Ich möchte diese Hypothese wenigstens mit einem Beispiel untermauern: der kosmischen Einbindung der Zahl 23869, der Zahl der Lebenstage Bachs.

Quelle Frank Berger: Der okkulte Bach / Zahlengeheimnisse in Leben und Werk Johann Sebastian Bachs / Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 2000 / Neuausgabe 2016 (Seite 47f)

In den Text sind – wie üblich – zahlreiche vertrauenbildende Worte eingestreut wie erklären, nachweisen, Denkmöglichkeiten, Widerspruch, erkennen, empirisch, Arbeitshypothese, – und zugleich wird alles, was da tatsächlich verhandelt wird, mit Signalen versehen, die blindestes Vertrauen einfordern: Rudolf Steiner, Priesterseminar, Astralleib, ein Gefühl … für die innere zahlenhafte Gliederung im Weltenall, Bach als eine der „hohen Individualitäten mit einer wichtigen weltgeschichtlichen Mission“, samt der kosmischen Einbindung seiner 23869 Lebenstage…

Da ist jedes weitere Wort überflüssig. – Wir sind in diesem Artikel von Pythagoras ausgegangen, und so sei wenigstens erwähnt, dass er im vorliegenden Buch keine Rolle spielt; an seiner Stelle fungieren die Rosenkreuzer mit ihrer christlichen Zahlenkabbalistik. In Bachs musikalischem Gesamtwerk sollen sich bedeutungsvolle Zahlen finden, „die auf Christian Rosenkreutz direkt verweisen (sowohl dessen Lebensdaten als auch die von Bach selbst in Rosenkreuzer-Zählung)“  und sie „müssen so lange als von Bach bewusst gesetzte Strukturen gelten, bis sich andere Entschlüsselungen dieser Werte nachweisen lassen, die auf andere Bezüge hindeuten.“ (Berger, a.a.O. Seite 63).

Mit anderen Worten: des Entschlüsselns wird kein Ende sein! Nimmermehr! Und wie gesagt (s.o. FAZ-Artikel), jetzt auch auf CD: Ein Vorschlag zur Entschlüsselung der „Kunst der Fuge“.

Das Gespräch Richter / Dentler (siehe Video oben)

Schauen wir einmal genau auf den Punkt, der im Interview mit Hans-Eberhard Dentler geklärt werden soll: wie ergiebig bzw. beweiskräftig ist nun eigentlich der Bezug auf Pythagoras für unser Verständnis der Kunst der Fuge? (Ich habe diesen Teil des Gespräches aufgeschrieben und in 7 Punkte eingeteilt.)

1) 4:04 Bei der Überprüfung der Modalitäten bzw. der Ausgaben und Bearbeitungen der „Kunst der Fuge“ kam ich eben zu dem Schluss, dass nicht eine einzige eine Gültigkeit, eine wirklich künstlerische Gültigkeit beanspruchen kann, und so sagte ich mir selber, ich möchte auf die Quellen zurückgreifen, die absolut sicher sind. Ich möchte die Fakten kennenlernen, ja, das heißt das Autograph, das übrigens nicht viele Leute kennen, ja, man muss ja die Faksimile-Ausgabe bei sich zu Hause haben, und dann den Erstdruck, der problematisch ist, ja weil Bach ja bei der Erstellung des Erstdruckes, bei dem er selbst beteiligt war, wie man weiß, darüber verstarb. Seine Beteiligung ging ja bis zum 13. Contrapunctus.

Was ist Ihrer Meinung nach bei dieser Befassung das wichtigste, an der Kunst der Fuge, am Werk?

2) Wie ich vorgehe, war absolute Partiturtreue. Wichtigste Erkenntnis bei diesem Studium war, das ist, dass ich zur Überzeugung gelangte, dass hier ein wirkliche Besetzung im Rätsel vorliegt. D.h. sie ist bisher einfach noch nicht erkannt worden, und was gab mir diese Sicherheit dabei? Als ich eine wirklich außerordentliche Entdeckung machte, nämlich: ich fand die Tetraktys im Autograph vor: MUSIK HOCH

3) 6:14 Die Tetraktys ist eine mathematische Formel, eine pythagoreische Formel, und sie zeigt an, dass hier pythagoreisches Gedankengut das Fundament darstellt. Denn schon im Altertum galt die Tetraktys als Zeichen für Pythagoras persönlich, weil man sich scheut, den Namen Pythagoras auszusprechen. Es ist also sozusagen ein Markenzeichen, und das hat Johann Sebastian Bach im Autograph ganz deutlich getan, und zwar nicht nur einmal.

Und wo finden Sie im Werk die Tetraktys?

4) Im Autograph und zwar nach den ersten 8 Fugen, mit dem ersten Kanon beginnen, „Canon im hypodiapason“, das sind die ersten drei Worte, die Bach geschrieben hat, im Autograph, es ist eine Reinschrift, und hier stellt sie sich folgendermaßen dar, diese mathematische Formel, was ist die Tetraktys? Die sogenannte heilige 4, die auf der Zehnzahl beruht, 1 bis 2 bis 3 bis 4 gleich 10 [1 – 2 – 3 – 4 = 10]. ???????????????????????????????????????????????????????????????

Welche Maxime war Ihnen bei der Suche nach der richtigen Besetzung die wichtigste?

5) Absolute Partiturtreue!

Und welche Entdeckung haben Sie bei dieser Suche nach Partiturtreue gemacht?

6) Entdeckung würde ich es nicht nennen, aber … Erkenntnis. Nämlich, dass die Besetzung im Rätsel verborgen ist. In der Partitur.

Und wie kommen Sie darauf?

7) Ich konnte also zehn pythagoreische Kennzeichen destillieren: Erstens das Rätselprinzip, dass Bach gar keine Besetzungsangaben macht, nicht einmal seinen Namen nennt, dass es sonst keine Erklärungen gibt.

Dann das dualistische Prinzip: Kontrapunkt. Dass die Gegenteile sozusagen die Prinzipien der Dinge darstellen, das ist streng pythagoreisch. Es gibt ja eine Gegensatztafel, eine sogenannte Gegensatztafel bei den Pythagoreern, und da ist ja der Kontrapunkt, da gibt es nichts Expliziteres als den Contrapunctus. Dann das Spiegelprinzip; wir wissen ja, dass zahlreiche Spiegelfugen in der Kunst der Fuge vorhanden sind, ich nenne hier Contrapunctus XII, 1 und 2, Contrapuncus XIII, 1 und 2, da gibt es noch weitere Spiegelfugen.

Dann die Tetraktys selbst, die noch andere Bedeutungen hat, wurde sogar als Eidesformel des Pythagoras damals gebraucht.

Dann zum Beispiel ganz wichtig die Zahl 4 ist stellvertretend für die Tetraktys, sie ist sozusagen das ordnungsstiftende Prinzip.

Dann gibt es – und das können wir festmachen an verschiedenen Dingen, z.B. 4 Halbe [meint: 4/2 Takt] , also den Stylus antiquus [stile antico], auf den anspielen … so sind ja die ersten drei Fugen im Autograph geschrieben.

Dann, dass wir z.B. 4 verschiedene Fugentypen haben, einfache Fugen, Doppelfugen, Tripelfugen, dann die Quadrupelfuge, sollte noch ne weitere geschrieben werden.

Dann das Monadenprinzip, wir haben eine Tonart, wir haben ein Prinzip, ein Grundthema, dann die dorische Weise, das d-Moll, was sich von der dorischen Weise herleitet, und das soll die bevorzugte Tonweise von Pythagoras gewesen sein, ist in alten Quellen bezeigt, auch bei Iamblichos zum Beispiel. Dann der Zusammenhang mit der Sphärenmusik, weil der Pythagoräer dachte: unsere Musik ist nichts anderes als die Nachahmung der Sphärenmusik, und da wir das nicht hören können, sondern nur Pythagoras, wie er selbst sagt, hat er uns Abbilder geschaffen. Das heißt, das ist also auch ein Hinweis auf die Partitur, sie soll gespielt werden. Es sind Abbilder, und hier, warum er es nicht sagt, warum es im Rätsel begriffen ist, das ist ein didaktisches Mittel. Weil die Pythagoräer anhand der Rätsel lehren.

Ja, und zu guter Letzt die Oktavdefinition, Quarte, Quinte, nach Philolaos, und die sogenannten pythagoreischen Konsonanzen, auf die Bach ganz besonders Rücksicht nimmt in seiner Kanonreihe, ja, er nimmt auch griechische Termini anstelle von italienischen, es ist also ein Hinweis, und dann zu guter Letzt muss man wissen, dass die Fuge schon bei Platon, aber dann noch mehr bei Plotin ein Symbol darstellt: es ist nämlich – Fuge im philosophischen, im theologische Bereich bedeutet „Rückkehr zu Gott“. [11:28]

Kommentar JR:

Der Gesprächsverlauf ist bar jeder Logik, und selbst wenn ich einkalkuliere, dass es im Video Schnitte gibt, die nicht von den Gesprächspartnern gewollt sind, erkennt man, dass eine Klärung gar nicht angestrebt wird. Was also hat es mit der Tetraktys auf sich, von der Dentler in Punkt 2) sagt, er habe sie im Autograph vorgefunden: aufgeblendete Musik erhöht die Spannung, aber dann folgt in Punkt 3) nur ein Definitionsversuch, was die Tetraktys bei Pythagoras sei und der Hinweis, es sei das „Markenzeichen“ des Pythagoras, das auch Bach „ganz deutlich“ für sich eingesetzt habe, „und zwar nicht nur einmal“. Der Gesprächspartner hakt nach: Wo denn? (Er will eine genauere Angabe haben.) Die Antwort ist nur scheinbar genauer:  „Im Autograph und zwar nach den ersten 8 Fugen“. Vielleicht in der Überschrift des nun folgenden Kanons? Wer in den Dokumenten nachschaut, – was beileibe nicht so schwierig ist, wie Dentler behauptet, – hat tatsächlich den Eindruck, dass hier eine Zäsur zu denken ist: der seltsame Haken hinter dem mittleren Notensystem (in der Handschrift), das reichhaltige Ornament im Druck. Aber wer will das wohl nach dem Studium der Noten bestreiten? Und wer braucht dafür die Tetraktys, die zu der Zahl 8 eigentlich nichts Gravierendes aussagt, nichts, was nicht ebenso in der bloßen Fugenfolge stünde: Eine Zäsur ist sinnvoll.

Bach Kunst der Fuge älter 8 EndeBach Kunst der Fuge 8 Ende

Der Interviewer hat offenbar aufgegeben und belässt die Frage nach der Tetraktys im Ungewissen. Stattdessen der Schwenk, welche Maxime denn bei der Suche nach der richtigen Besetzung die wichtigste war. Und die an Plattheit nicht zu überbietende Antwort:  „Absolute Werktreue“. Dann die Aufzählung der „pythagoreischen Kennzeichen“, die in ihrer Allgemeinheit auch auf eine Sammlung von Küchenrezepten anwendbar wäre. Und das Fehlen von etwas (z.B. des Namens) als besonders deutlichen Hinweis für etwas zu werten. Und das Wort Fuge, – als musikalischer Terminus neben Conductus und Motetus zum ersten Mal erwähnt bei Jacobus von Lüttich um 1330 –  unbedingt im Sinne des Plotin (ca. 250 n.Chr.) als φυγη mit Bezug auf Gott verstehen zu wollen, oder sogar nach Plato, jedenfalls unabhängig von der Vorstellung polyphoner Gebilde, denen der Begriff seit dem späten Mittelalter untrennbar zugeordnet ist. Schließlich das ahistorische Verständnis des Dorischen. Ich fürchte, wer von Weisen und der dorischen Tonweise spricht, hat von Kirchentönen noch nichts gehört. Es schreit zum Himmel. So auch der irgendwie beweiskräftig gedachte – weil von Dentler erstmals dem Pythagoras zugeschriebene – Zusatz zum Nachtgebet der Thomaner. (Siehe obiges youtube-Video bei 13:40). Schön, davon gehört zu haben. Und nun zurück zu Bach.

***

3. August 2017 16:15

Aus einem Mailwechsel, der mir soeben zur Kenntnis gebracht wurde:

Vielleicht hätte Herr Richter mal bei Bach digital nachsehen sollen, wann das Berliner Autograph P 200 entstanden ist: 
  1. Die ersten acht Fugen schon 1742 (also Contrapunctus 1, 3, 2, 5. 9. 10a, 6 und 7) plus der Canon in Hypodiapason.
  2. Die nächsten Fugen und Kanons erst im Zeitraum 1742-1746.
Immerhin war das Autograph fertig, LANGE BEVOR Bach Mitglied in der Mizlerschen Sozietät wurde.
(…)
Wie naiv kann man eigentlich sein???
***
P.S. (JR)
Übrigens hätte man mit dem Buch von Peter Schleuning schon seit 1993 auf einen
hervorragenden Kenntnisstand kommen können, hier nur ein Vorgeschmack:
Schleuning Fuge Ornamente
Quelle Peter Schleuning : Johann Sebastian Bachs >Kunst der Fuge< / Ideologie,
Entstehung, Analyse / dtv/Bärenreiter München Kassel u.a. 1993
ZITAT (Seite 56 f):
Der Pionier moderner Bearbeitungen für Ensemble – ihre erstaunliche Zahl und Art ist verzeichnet bei Kolneder (…) – ist Wolfgang Graeser. Nach einer offenbar planmäßigen Unterdrückung der historischen Fakten zur Frage der Besetzung konnte er jene orchestrale „Gesamt“-Aufführung 1927 in der Leipziger Thomas-Kirche vorbereiten, die für die Aufnahme der „Kunst der Fuge“ über Jahrzehnte dasjenige sicherte, was ihrem Verständnis besonders abträglich ist: Erschütterung. Auch eine Bemühung von Heinrich Husmann um „Die >Kunst der Fuge< als Klavierwerk“ konnte nichts daran ändern. Die Ästhetik des frühen monumentalen Tonfilms hatte auch Bachs Musik ergriffen und ergreifend gemacht.
Dies spricht selbstverständlich keineswegs gegen heutige Aufführungen in Ensemble-Besetzung. So erscheint mir, was die Deutlichkeit der Stimmverläufe und der thematischen Arbeit betrifft, die Darstellung mit Saxophon-Quartett optimal.
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Soweit Peter Schleuning.
.
In diesem Sinne: damit wir nicht in tiefster Betroffenheit verharren, lasse ich unsern
Artikel mit einem Foto ausklingen, das mir ein Freund aus Leipzig nach dem Besuch
der Thomaskirche zuschickte. Titel „Bachs Fugen“ :
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Bachs Fugen

Orient Oboe

Bachs Shanaï ?

Hier (die folgende Musik erscheint im separaten Fenster; event. Reklame wegklicken)

Daya Shankar Screenshot 2017-07-30

An manchen Tagen kreuzen sich alle möglichen Zeiten, Interessen, Orte und Erinnerungen in einem Individuum, das eben zuweilen am Radio oder PC auch ich allein sein kann:

Die Bach-Kantate am heutigen Sonntagmorgen auf WDR 3, die begleitende Lektüre des Buches von John Eliot Gardiner „Musik für die Himmelsburg“, das Referat, das ich etwa im WS 62/63 früh morgens unausgeschlafen bei Gustav Fellerer gehalten habe (Thema: die Kantate „Es werden aus Saba alle kommen“, s.a. hier), die noch greifbare Taschen-Partitur, die als einzige der Bach-Kantaten noch von meinem Vater stammt, mit meinen Unterstreichungen und einem einzigen Eintrag meines Bruders, der damals noch in Mainz Vorlesungen bei Arnold Schmitz hörte („Die  Bildlichkeit der wortgebundenen Musik J.S. Bachs“, – das Buch, das mein Bruder seit 17.2.60 besaß, ging damals unvermerkt in meinen Besitz über). Beim WDR-Folkfestival auf dem Domplatz Ende der 70er Jahre gelang es unserer Redaktion, zwei Nadasvaram-Spieler aus Madras einem Massenpublikum nahezubringen (die Fernsehkollegen waren entsetzt über die geplante Länge des Auftritts). Unser eindrucksvolles Oboen-Festival Oktober 1988  (gemeinsam mit Oboist Christian Schneider, Düsseldorf, s.a. am Ende dieses Artikels) wird bezeugt durch das Programmheft; ahnungslos aus indischer Sicht: der Feuer-Raga Dipak! Er hätte alles in Flammen aufgehen lassen können (wenn man an ihn glaubt), – wurde aber gar nicht gespielt. Was Gardiner über Da-Caccia-Oboen schreibt, folgt später. Die Begegnungen mit Michael Niesemann (s.u. im Buch von Gardiner, Foto: Robert Workman) und sein fabelhaftes Spiel bleiben mir immer in Erinnerung (seit der C-dur-Ouvertüre 1986 bei Musica Antiqua Köln s.u.).

Goebel Miitwirkende C-dur Niesemann

Schilfrohr TitelSchilfrohr Shannai

Saba Text Noten Oboe da caccia

Arnold Scherings Vorwort 1930:

Saba Text 1 Saba Text 2Saba Text Noten letzte Seite die letzten Takte 1. Coro

Auf meines Bruders Frage „symbolisch?“ würde ich heute antworten: Ja, gewiss, denn wenn sie wirklich aus Saba ALLE gekommen sind, werden sie am Ende auch mit EINER Stimme in Oktaven singen. Ansonsten liebe ich die Vielfalt, ja die Differenzen der Kulturen und staune, dass der große Bach-Interpret Gardiner sie unversehens ins Auge fasst:

In der „Saba“-Kantate […] setzt Bach auf hohe Hörner, die etwas Majestätisches und Antiquiertes haben, Blockflöten, deren hohe Tonlage traditionell mit orientalischer Musik assoziiert wird, und vor allem Oboe da caccia, die – für heutige Ohren – stark an die mazedonische Zurna erinnern, an die nordindische Sahnai oder die Nadaswaram aus Tamil Nadu an der Südspitze der indischen Halbinsel (zweifellos das lauteste Blasinstrument der Welt, das nicht zu den Blechinstrumenten zählt). Mit ihrem eindringlichen Klang scheinen diese „Jagdoboen“ der Welt von Marco Polo und der Karawanen der Seidenstraße anzugehören. man kann sich kaum vorstellen, dass der auf Blasinstrumente spezialisierte Leipziger Instrumentenbauer Johann Eichentopf diese großartige moderne Tenoroboe mit gekrümmtem Rohr und glockenförmiger Messingstürze um 1722 erfunden haben könnte, ohne auf der Leipziger Messe eines dieser orientalischen Vorbilder gehört zu haben (siehe Tafel 21).

Bach war von diesem neuen Instrument fraglos fasziniert (ähnlich wie 100 Jahre später Berlioz von der Erfindung des Saxhorns), denn er machte in mindestens 30 Chorwerken ausgiebig davon Gebrauch – nicht zuletzt im Eingangsritornell von BWV 65. Er zeigt sein schillerndes orientalisches Orchester hier von der Schokoladenseite, so dass wir die drei Weisen aus dem Morgenland und die mit Geschenken beladene „Menge der Kamele“ (Jesaja 60,6) schon in würdevoller Prozession vor unserem geistigen Auge vorüberziehen sehen, bevor im Kanon die Sinstimmen einsetzen. Mit einem erneuten Vortrag des in Oktavparallelen gesetzten Themas, diesmal durch sämtliche, auf fünf Oktaven verteilte Sing- und Instrumentalstimmen, schließt diese eindrucksvolle Fantasie, und die Karawane kommt vor der Krippe zum Stehen.

Quelle John Eliot Gardiner: Johann Sebastian Bach Musik für die Himmelsburg Carl Hanser Verlag München 2016 (Seite 409 f)

Wie schön sich doch BACH am heutigen Sonntagmorgen zur Pilgerfahrt nach Vrindaban gesellte: auf WDR 3. Bei mir zuhaus gleich mehrere offene Türen einrennend:

HörZu Geistliche Musik

Aber, um Missverständnisse zu vermeiden, auch bei allerweitester Auslegung: ein früher Multikulti-Freund war Bach nicht, oder nur, was etwa Italien, Frankreich, Polen anging. Ein Kosmopolit – – – –  ja, vielleicht, – aber in jedem Fall ein ganz und gar lutheranischer, und da hätten wir schon fast eine contradictio in adjectu. Ich zitiere aus Kantate BWV 187:

Was Creaturen hält das große Rund der Welt! Schau doch die Berge an, da sie bei tausend gehen. Was zeuget nicht die Fluth? Es wimmelt Ström‘ und Seen. Der Vögel großes Heer zielt durch die Luft zu Feld. Wer nähret solche Zahl, und wer vermag ihr wohl die Nothdurft abzugeben? Kann irgendein Monarch nach solcher Ehre streben? Zahlt aller Erden Gold ihr wohl ein einig Mal?

Mein Vorschlag: in einer Aufführung der Kantate „Sie werden aus Saba alle kommen“ das erste (T.7f) und das letzte (T.51f) Unisono, ja, allein diese beiden – blitzsauber im Maqam Rast zu singen und zu spielen.

Kleiner Scherz. Der nahöstliche Wohlklang würde der Gemeinde unvergesslich in die Knochen fahren. – Aber im Ernst, ich wünschte, es käme im Verlag Laaber endlich ein Lexikon der Holzblasinstrumente heraus, und darin fände man nicht nicht nur die Oboe da caccia, sondern auch die Zorna, die Shanaï und die Nadaswaram. Und der Autor meiner Wahl wäre Prof. Christian Schneider.

Oboen Programmheft 1988 Aus dem Programmheft 1988

Schneider Christian 1 170801 Christian Schneider 2017 (Foto: E.Reichow)

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A propos WDR 3: in der Abendschiene ab 23:04 Uhr ist schon wieder Musik gestrichen und durch Wort ersetzt worden.  „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat“, hätte man hier sogar noch indische Shanaï-Musik hören können, Volks- und Kunstmusik aller Höhenlagen…