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Der Chill-Faktor

Ist „Gänsehaut“ bemerkenswert?

(Eine Notiz vom vergangenen Jahr, Abfallprodukt, ich veröffentliche sie nur, um sie los zu sein. Heute würde ich verschiedene Fragezeichen einschieben und vor allem einen neueren Aufsatz von Ferdinand Zehentreiter als Ausgangspunkt wählen, Thema: „Warum Musik keine ‚Sprache der Gefühle‘ darstellt“.)

Ganz unbedarft fühlte ich mich nicht angesichts dieses Themas: jedenfalls war es schon vor 1998, als ich über mehrere Radiosendungen hinweg versuchte, den emotionalen Wirkungen von Musik systematischer nachzugehen, auch indem ich um Feedback vonseiten des Publikums bat, woraus ein Menge Hörerpost resultierte. Ich glaubte auf dem rechten Weg zu sein, nahm 1998 an der Geneva Emotion Week (Université de Genève, Faculté de Psychologie et des Sciences de l’Education) – und kehrte ziemlich konsterniert zurück. Vielleicht hätte ich alles gründlich aufarbeiten sollen, dann hätte ich das Problem vom Hals gehabt. Soll die Wissenschaft doch weiter ihre Messungen anstellen, – sind es nicht durch die Bank Leute, die von den wirklichen Wirkungen der Musik wenig Ahnung haben? Immer dieses Gerede von den Emotionen… Was von den Laien völlig unterschätzt wird, ist der gedankliche Anteil der Musik.

Ich würde zunächst einen Aspekt völlig ablösen: die physisch spürbaren und benennbaren Effekte wie Gänsehaut und Tränen. Sie wären meiner Meinung nach separat von den emotionalen Wirkungen zu behandeln, die vorrangig aus der Introspektion stammen und allzuleicht verfälscht und übertrieben werden, auch irreführende Fragestellungen nach sich ziehen.

Ein Beispiel:

Universaler Chill-Effekt – Musik berührt uns im Innersten. Musik ist eine universelle Sprache der Gefühle. Nicht umsonst spricht man vom «Gänsehaut-Effekt», den wir beim Hören von Musik erfahren. Sie kann uns überwältigen und tief wie keine andere Kunst berühren – über alle Kulturen hinweg. Nur wenige Menschen zeigen sich immun gegen die Reize der Musik, die auch unser Filmerlebnis prägt. «Kulturplatz» trifft den Basler Filmkomponisten Niki Reiser. Einen, der weiss, wie ein Soundtrack klingen muss, damit ein Film sein Publikum erreicht. (Siehe hier.)

Dass die Musik eine universelle Sprache sei, „über alle Kulturen hinweg“, ist leeres Gerede. Wunschdenken. In der Musikethnologie gibt es zahllose Belege des vollständigen Versagens interkultureller Kommunikation. Bei jeder komplexeren Musik muss die Hör-Methode regelrecht eingeübt sein, möglichst schon in der Kindheit.

Ich beginne mit eigenen Erinnerungen, die das Phänomen Gänsehaut betreffen, den frühesten, die ich dingfest machen kann, und es entspricht wohl wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass sie erst mit der Pubertät auftauchen.

J.S.Bach: Matthäus-Passion „Barrabam“ – Schrei

Richard Wagner: Höhepunkt der Lohengrin-Vorspiels (Beckenschlag)

Bach „Ciaccona“: eine Stelle in einer bestimmten Interpretation (siehe hier)

(Ich habe all dies schon mehrfach zur Sprache gebracht, z.B. hier,  und sollte jetzt sondieren, was aus dem Zehentreiter-Ansatz an neuen Einsichten gewonnen werden kann.)

Erinnerung an die Gegen-Kultur

Patti Smith 2016 (s.a. hier)

Patti 1 Patti 2 Patti 3 Patti 5 Patti 5 Patti 6 Handy JR

oben: Lichtburg Essen 10. August 2016 / unten: Damrosch Park NYC 20. Juli 2016

Patti a Screenshot Patti b Screenshot

Siehe z.B. ab 13:20 („Holy“)

Assoziationen

Roszak Gegenkultur Cover Roszak Gegenkultur Inhalt ZEN

Der rezitierte Text in geschriebener Form , das vollständige Gedicht in deutscher Sprache, der Wikipedia-Artikel über den Hintergrund des Gedichtes.

Über Patti Smith: ZEITmagazin 11. März 2010 Christoph Amend: Die Überlebende / Sex, Drogen, Rock’n’Roll: Die Sängerin Patti Smith hat alle Extreme überstanden. Aber wie? HIER.

Einzeltitel „Ghost Dance“ ab 26:25 bis 31:13 Text hier. Youtube Studio hier. Live 2006 hier.

Einzeltitel „When Doves Cry“ ab 37:05 bis 43:46 Text hier. Youtube hier.

Einzeltitel „Southern Cross“ ab 52:02 bis 1:00:59 Text ?. Youtube ?.

(Fortsetzung folgt)

Geheime Gedanken, offenbar

Beginnt die Wahrheit mit einer Entschleierung?

Es gibt verschiedene Wege, die sogenannte Realität zu unterwandern. Zum Beispiel auch diesen: von einer sogenannten Realität zu sprechen, so als wisse man von vornherein, dass dahinter noch etwas ganz anderes steckt als Realität. Ja „dahinter“ natürlich, nicht etwa seitlich davon, oder davor, was ja möglich wäre, als täuschende Folie etwa, das farbige Glas wird da gern als Beispiel genommen, auch die rosarote Brille. Aber da bietet sich der gleiche Vorgang an: die Folie abziehen, die Durchsichtigkeit der Dinge erhöhen. Und seitlich? Wer sagt denn, dass es nur ein Ding, eine Sache zu ergründen gibt, ich muss die Relation zur Nachbarschaft beachten, schon um die Höhe und Breite des von mir herausgegriffenen Phänomens zu erfassen.

Die Analogien liegen so nah, dass wir schon nicken, ehe sie ausgesprochen sind. Man muss eine Oberfläche durchstoßen, man muss zum Kern der Sache kommen, sieben Schleier müssen abgelegt werden – und dann kommt was zum Vorschein? Hinter dem verschleierten Bild zu Sais befand sich – ja was nun? – die Götterstatue, die Jungfrau oder die Wahrheit. Die sogenannte Wahrheit, möglichst in handlicher, mit der Hand begreifbaren Form. Oder nur sichtbar? Aber wer daran rührt, wird seines Lebens nicht mehr froh.

Wer nach innen will, hat immer recht. Aber ob er wirklich dort war, ist schwer nachweisbar. Was erfährt man durch bloße Innenschau, was erfährt der andere durch meine verbale Beichte? Ist es ein Entblößungsmechanismus, ist da etwas, oder entdeckt man, was man vorher oder zugleich hineingelegt hat. Wieviel Pubertäres steckt in dem Vorgang, Unaufgeklärtes? Im Mittelpunkt der Liebesmystik des Novalis stand ein 12jähriges Mädchen (sie starb mit 15).

Novalis: Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.

Ist das ein Glaubenssatz? Oder etwa Realität? Eine Tatsachenbehauptung wie „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Man kann Realität auch bei Google eingeben und hat reiche Auswahl. (Eine Schülerin meinte: „Denken ist wie googeln, nur krasser.“) Am Ende eines ZEIT-Artikels steht der schöne Merksatz: Realität ist stets das, was wir dafür halten.

Als Wahrheit gilt vielen das grobe Benennen der angeblichen Fakten, die schiere Taktlosigkeit.

Wer bin ich? Der, der ich damals war (mit 25) oder der, der ich nächstes Jahr (nach all den Arbeiten, die ich mir vorgenommen habe) sein werde. Ob eine Frau diesen Satz immer noch anders beantwortet als ein Mann? Sie will so sein wie sie früher mal war, aber mit dem Bewusstsein von heute. Er will so sein wie er ist, aber nicht sterben.

Thomas Mann münzte auf den alten Fontane, was dieser über seinen Vater geschrieben hatte: „So wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich.“

Was bedeutet der Rilke-Satz aus den ‚Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘:

Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.

Sobald du (im Überschwang) ein Bekenntnis abgelegt hast, hast du eine Marke gesetzt, an der deine Liebe fortan gemessen wird. Ebbe und Flut wirst du durch Täuschungsmanöver ausgleichen müssen.

***

ZITAT

Und jetzt ist dieser enthemmte Alles-muss-mitgeteilt werden-Narzissmus aus der Pöbelmaschine [Facebook, Twitter JR] ins Real Life geschwappt. Die Psychologen konstatieren vor allem in der Beziehungskommunikation eine Art Quantensprung in die Geheimnislosigkeit. Der infantile und hemmungslose Zwang, sich ununterbrochen erklären zu müssen, wird mit absoluter Liebe und Ehrlichkeit verwechselt. Bei „Honestyexperiment.com“ können Paare eine dreißigtägige Ehrlichkeitskur buchen mit „Tipps, die einander näherbringen“. [Siehe hier .JR]

Liebe wird aber doch nicht besser oder näher, wenn man keine Geheimnisse mehr voreinander hat. Keine Frau muss sich zur Dokumentation von Vertrautheit und Wertschätzung die Zähne putzen, während er auf dem Klo sitzt, jedenfalls nicht im selben Zimmer. (…)

Etwa mit vier Jahren fangen Kinder an zu verstehen, dass sie Dinge über sich selbst wissen, die Eltern nicht wissen. Das ist der Anfang der Selbstabgrenzung, ein enorm wichtiger Moment zur Identitätsfindung. Mit fünf begreifen sie dann, dass sie darüberhinaus andere Informationen besitzen, die Eltern nicht haben. Mit dem Geheimnis beginnt die Autonomie. beides kann man zerstören. Eltern, die sagen, ihre Kinder haben keine Geheimnisse vor ihnen, werden von Psychologen als problematisch eingestuft. Sie lesen neuerdings – das gehört zum Helikoptern* offenbar dazu – sogar die Tagebücher ihrer Teenager, die sie „zufällig“ beim Aufräumen gefunden haben. Teenager, die Geheimnisse vor ihren Eltern haben können, sind autonomer, disziplinierter, besser im Abgrenzen, und, das vor allem: Sie haben schweigen gelernt. Wenn sie Anwälte werden wollen, oder Ärzte, Journalisten oder gute Ehepartner, werden sie diese Fähigkeiten brauchen können. Als Politiker übrigens auch.

Quelle Süddeutsche Zeitung 6./7. August 2016 Seite 49 Alles muss raus / Diskretion ist aus der Mode gekommen. Paare leben unter dem Diktat permanenter Offenheit – dabei brauchen wir das Geheimnis. Von Evelyn Roll.

* Zu dem Begriff „Helikoptern“ siehe hier.

***

In der Zeit, als ich mich viel mit Mystik beschäftigte, auch mit C.G.Jung, und in der Musik als Geiger „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ auf die Kunst der Bogenführung übertragen wollte, begann ich ebenso intensiv Marcel Proust zu lesen. Alles schien zusammenzufließen in ein Leben, das mit Wahrheitsfindung zu tun hatte, ein Wort wiederum, das in derselben Zeit durch Fritz Teufel einen urkomisch ironischen Klang bekommen hatte. Ich fühlte mich Proust nahe, wenn ich am Ebertplatz in Köln die Rotdornbäume blühen sah, ich besuchte regelmäßig den botanischen Garten, die Flora, vertiefte mich in exotische Blüten. Ich sah entfernte Kirchtürme, besonders im Abendlicht, mit seinen Augen, – habe ich etwa darauf gewartet, dass sich sich aufklappen und ein Inneres, die Wirklichkeit, preisgeben? Es war ja nicht ganz naiv, was ich erwartete, durchaus nicht.

Da der Kutscher, der nicht zum Reden aufgelegt schien, auf meine Bemerkungen kaum eine Antwort gab, blieb mir nichts anderes übrig als mangels anderer Gesellschaft mich ganz meiner eigenen zu überlassen und zu versuchen, mir meine Kirchtürme nochmals vorzustellen. Bald darauf war es, als ob ihre Umrißlinien und besonnten Flächen wie eine Schale sich öffneten und etwas, was mir in ihnen verborgen geblieben war, nunmehr erkennen ließen; es kam mir ein Gedanke, der einen Augenblick zuvor noch nicht in meinem Bewußtsein war und der sich in meinem Hirn zu Worten gestaltete, und die Lust, die mir soeben der Anblick der Türme bereitet hatte, war so gesteigert dadurch, daß ich, von einer Art Rausch erfaßt, an nichts anderes dachte. In diesem Augenblick – wir waren schon weit von Martinville entfernt – erkannte ich sie von neuem, diesmal ganz schwarz, denn die Sonne war untergegangen. Durch eine Wendung des Weges wurden sie mir für Sekunden entzogen, dann zeugten sie sich ein letztes Mal, dann sah ich sie nicht mehr.

Die besonnten Flächen öffneten sich wie eine Schale, – war es bei dem Mystiker Jacob Böhme nicht der Widerschein des Sonnenlichtes in einer goldenen Schale, der die Ekstase auslöste?  Der entscheidende Punkt bei Proust jedoch kommt erst wenige Zeilen später: die Macht der Wörter – jenseits aller ersehnten Ekstasen:

Ohne mir zu sagen, daß das, was hinter den Türmen von Martinville verborgen war, einem wohlgeklungenen Satz entsprechen mußte, da es mir ja in Gestalt von Worten, die mir Freude machten, aufgegangen war, bat ich den Doktor um Bleistift und Papier, und trotz der Stöße des Wagens verfaßte ich, um mein Bewußtsein zu entlasten und aus Begeisterung das folgende kleine Stück Prosa, das ich später wiederfand (….).

Quelle Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit / In Swanns Welt I / werkausgabe edition suhrkamp / Übersetzt von Eva Rechel-Mertens / Frankfurt am Main 1964 (Seite 240)

Der neunjährige Jean-Paul Sartre entdeckt das Schreiben:

Die Schreiberei, meine Schwarzarbeit, hatte kein Ziel, und plötzlich wurde sie zum Selbstzweck. Ich schrieb, um zu schreiben. Ich bedauere es nicht. Hätte man mich nämlich gelesen, so wäre ich in Versuchung geraten, Wohlgefallen zu erregen, ich wäre wieder bezaubernd geworden. Dank meiner Heimlichkeit wurde ich wahr.

Und schließlich gründete sich der Idealismus des Intellektuellen auf den Realismus des Kindes. Ich habe es oben bereits gesagt: da ich die Welt durch die Sprache entdeckt hatte, nahm ich lange Zeit die Sprache für die Welt. Existieren bedeutete den Besitz einer Approbation irgendwo in den unendlichen Verzeichnissen des Wortes; Schreiben bedeutete, daß man dort neue Wesen einschrieb oder daß man – dies war meine hartnäckigste Illusion – die lebenden Dinge mit der Schlinge der Sätze einfing. Wenn ich die Wörter geschickt kombinierte, so verfing sich das Objekt in den Zeichen, und ich konnte es halten. Ich begann damit, mich im Luxembourg durch das glänzende Scheinbild einer Platane faszinieren zu lassen: ich beobachtete sie nicht, ganz im Gegenteil, ich vertraute der Leere, ich wartete; nach einem Augenblick kam ihr echtes Blattwerk hervor unter dem Aspekt eines einfachen Eigenschaftswortes oder bisweilen eines ganzen Satzes. Dann hatte ich das Universum um eine wahrhaft schwingende Art von Grün bereichert. Meine Entdeckungen brachte ich niemals aufs Papier; sie sammelten sich, wie ich dachte, in meinem Gedächtnis. In Wirklichkeit vergaß ich sie. Allein sie gaben mir eine Vorahnung meiner künftigen Rolle: ich würde es sein, der Namen vergibt. Seit vielen Jahrhunderten warteten in Aurillac vage Ansammlungen von Weiß darauf, feste Umrisse und einen Sinn zu erhalten; ich würde aus ihnen richtige Monumente machen. Als Terrorist kam es mir nur auf ihr Sein an: durch die Sprache würde ich es erschaffen. Als Rhetoriker liebte ich nur die Wörter: ich würde Wortkathedralen errichten unter dem blauen Auge des Wortes Himmel. Ich würde für die Jahrtausende bauen. Nahm ich ein Buch, so konnte ich es zwanzigmal öffnen und schließen, sah aber sehr wohl, daß es sich nicht veränderte. Indem er über die unverwüstliche Substanz des Textes glitt, war mein Blick bloß ein winziger Zwischenfall an der Oberfläche, er störte nichts, er nutzte nichts ab. Ich hingegen, passiv und vergänglich, war ein geblendetes Insekt, das in die Lichter eines Leuchtturms geraten war; wenn ich das Arbeitszimmer verließ, so erlosch ich, während das Buch, unsichtbar in der Finsternis, nach wie vor glänzte: für sich allein. ich würde meinen Werken die Heftigkeit dieser verzehrenden Lichtstrahlen geben, und so würden sie später, in zerstörten Bibliotheken, den Menschen überleben.

Quelle Jean-Paul Sartre: Die Wörter / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 1965 Aus dem Französischen mit einer Nachbemerkung von Hans Mayer (Zitat Seite 139 f)

Was haben diese philosophischen Ansätze mit unserer (!) aktuellen Situation zu tun? Es ist nicht nur mein privates Problem. Man könnte ja auch fragen, ob nicht der entscheidende Punkt darin liegt, wieviele Menschen beteiligt sind. Der einzelne Mensch mit seinem Weg ins eigene Innere dürfte uns äußerst suspekt sein. Alles, was er sagt, bedarf der Wechselwirkung mit anderen Perspektiven. Die Selbsttäuschung muss ausgeschlossen werden. In redlicher Auseinandersetzung.

Vielleicht scheint es wirklich nur so, als ob die Unwahrheit, die Unsachlichkeit, die Lüge im öffentlichen Leben, in der Politik ein ganz anderes Gewicht hat. Sie arbeitet durchaus nicht mit glänzenden Visionen, sondern mit der realen Angst. Was nach der Lektüre des folgenden SZ-Artikels zunächst weiterwirkte, war der Satz: „Angst, zumal wenn sie partiell begründet ist, kann man schüren, Realismus nicht. Das ist der strategische Nachteil aller Sachlichkeit.“ (A.Zielcke) Und noch ein anderer Satz: „Die Demokratie ist stärker als jedes andere politische System auf Realismus aufgebaut.“

Aber: der Nachweis einer Lüge, das Beharren auf den realen Fakten, ist bei einem bestimmten Typus von Lügen oft wirkungslos, nämlich bei Lügen nationalistischer Tonart. Sie verbinden sich mit wahrheitsresistenten Parolen, wie z.B. „take back control“, – wer will die Lage nicht im Griff haben? -, da erübrigt sich ein Faktencheck. Mehr Kontrolle unsererseits kann doch nicht schaden.

ZITAT

Natürlich stehen in jedem politischen System Wahrheitsfragen in einem Spannungsverhältnis zu Wertefragen. Programmatische Ziele wie Imperium, nationale Glorie, Volksherrschaft, Gerechtigkeit, Europa oder sonst eine politische Vision erheben sich über nackte Tatsachen, auch wenn sie sich nicht völlig von der Realität lösen können. Umgekehrt, das lehrt uns die moderne Erkenntniskritik, sind selbst „reine“ Tatsachenaussagen nicht frei von subjektiven Vor-Annahmen und Interpretationen. Aber trotz dieses unvermeidlichen Dunkelfelds zwischen Faktum und Wertung wusste man zu allen Zeiten, politische Lügen von Meinung oder Irrtum zu unterscheiden.

Die Lüge zielt auf einen absichtlich herbeigefrührten Wahrnehmungsfehler ihres Adressaten. Wenn Wissen Macht ist, dann ist Lüge Machtmissbrauch. Sie funktioniert nur, wenn der Adressat sich auf die Wahrhaftigkeit seines Gegenüber verlässt. „Die Lüge muss, um erfolgreich zu sein“, sagte schon Augustinus, „das Vertrauen in die Wahrheit der menschlichen Rede voraussetzen, das sie zugleich zerstört.“

Und in Demokratien zerstört die politische Lüge die Wahrheit der öffentlichen Rede. Wahrscheinlich ist die Demokratie bei allen ihren ideellen Werten stärker als jedes andere System auf Realismus aufgebaut. Keiner weiß das besser als der lügende Volksvertreter.

Quelle Süddeutsche Zeitung 2. August 2016 Seite 9 Zeit der Lügen Stimmt es, dass Politiker immer öfter die Unwahrheit sagen? Oder ist das nur der Eindruck, weil das die allgegenwärtigen Faktenchecks behaupten? Von Andreas Zielcke.

***

Die große Gemeinschaft ist das eine. Darüber kann man sich täuschen. Aber welches ist das erwünschte nahe, überschaubare Umfeld? Nur die Familie, der enge Freundeskreis? Genügt der direkte Austausch mit wenigen „Auserwählten“, oder gar mit imaginären Personen, mit Büchern, mit Heiligen oder heiligen Schriften, oder: mit dem Internet?

„Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet…“

Wäre es denkbar, sich abzuschließen, sich ganz auf sich selbst zurückzuziehen? Wie ein Mönch? (Das Wort Mönch kommt von „monos“ – allein.) Allein im Angesicht des Absoluten. Schon ist das Gegenüber da. Wie bei Caspar David Friedrich – vor dem Meer. Oder in der bürgerlich idyllisierten Klause – als „geigender Eremit.“ Die Resonanz der Ewigkeit. Solissimo (Bachs Idee). Das Kloster, das einfache Leben, überhaupt: die Vereinfachung, die Beschränkung des Gesichtsfelds.

Gibt es da einen Umschlag in Allmachtsphantasien, vielleicht beginnend mit einem Bund der Gleichgesinnten?

Zunächst: der Mönch ist nicht allein! Er muss sich absichern. Notfalls durch Kampftechniken?

Caspar_David_Friedrich_-_Der_Mönch_am_Meer_-_Google_Art_Project

Man kann sich Anregungen holen in dem Absatz „Kampf und Krieg“ des Wikipedia-Artikels Mönchtum, der allerdings (lt. Vorbemerkung) noch nicht abgesegnet ist.

Ich habe oben zwei Goethezeilen zitiert, die uns jetzt weiterführen sollen, – wenn es denn geht:

Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet / das Lebend’ge will ich preisen, / das nach Flammentod sich sehnet.

Flammentod? Man sollte sich über die Problematik des Gedichtes „Selige Sehnsucht“ genau informieren, bevor wir den angedeuteten islamischen Hintergrund weiter verfolgen: vielleicht wiederum anhand eines Wikipedia-Artikels. Hier.

Nun halte ich Verse eines iranischen Mystikers unserer Zeit dagegen:

Mein Leben lang habe ich mich danach verzehrt, das Antlitz des Geliebten zu erblicken. ich bin ein Falter, der begierig die Flamme umkreist, eine Schote mit dem Samen der wilden Raute, die im Feuer röstet. Sieh meinen befleckten Mantel und diesen Gebetsteppich der Heuchelei. Werde ich sie eines Tages vor der Tür der Schenke in Fetzen reißen können?

Makaber genug, bezieht sich der Dichter dann auf einen der berühmtesten islamischen Mystiker, Mansur Al-Halladsch, der im Jahre 922 in Bagdad als Ketzer öffentlich verbrannt wurde, nachdem aus seinem Munde die Stimme des göttlichen Geliebten gesprochen hatte: „Ich bin die absolute Wahrheit.“ Und der eben zitierte Dichter fühlt sich von der Leidenschaft des großen Vorgängers durchdrungen und sagt: „Meines Herzen Liebe / hat den Mansur in mich gebracht, /  (…) / Wein aus Deinem randgefüllten Becher / hat mich ewig werden lassen. / Durch das Küssen des Staubes deiner Schwelle / bin ich mit dem Geheimnis vertraut geworden.“

Wollen Sie den Namen des Dichters erfahren, der in dieser Weise nicht nur mit irgendeinem Geheimnis vertraut wurde, sondern der absoluten Wahrheit teilhaftig geworden ist und von der eigenen Ewigkeit Gewissheit erlangt hat?

Er heißt Ruhollah Chomeini. Wie Goethe im Divan-Gedicht spricht er als Eingeweihter zu Eingeweihten:

„Oh, mein geistlicher Freund […] hüte dich, diese Geheimnisse, die ich dir mitteile, zu verraten […]. Diese innere Religiosität ist eine Ehrerweisung des Schöpfers, die vor Fremden geheimgehalten werden muss, denn ihr Verstand reicht nicht aus, um dies zu begreifen.“

Ich zitiere hier aus einem Aufsatz, in dem Persönlichkeiten behandelt werden, die für eine bestimmte Prägung religiöser Gewalt einstehen: 1. Bernhard von Clairveaux, 2. Ruhollah Chomeini und 3. bedeutende Vertreter des Zen-Buddhismus. Beispiele für „Mystiker und ihr Engagement für den Krieg“. Der Titel dieser Abhandlung ist: „Selbstlos töten im Namen des Einen. Mystik und die Ausrottung des Bösen in der Welt.“ Der Autor heißt Reiner Manstetten, sein Beitrag gehört zur Dokumentation einer Tagung, die unter dem Titel „Mystik und Totalitarismus“ im Auftrag des Internationalen Jacob-Böhme-Institutes veröffentlicht wurde (Weißensee-Verlag, Berlin 2013). Eine Hauptkapitel dieses Buches ist überschrieben: „Mystik-Rezeption im Dritten Reich“ und klärt über Zusammenhänge auf, die man über jede politische Verdächtigung erhaben wähnte. Ich jedenfalls, über viele Jahre hinweg.

Eine großartige Aufklärung hatte schon 2007 Rüdiger Safranski in seinem Buch „Romantik. Eine deutsche Affäre“ betrieben. Das Siebzehnte Kapitel sei zu regelmäßigem Studium an allen Gymnasien und in privatester Ferien-Idylle empfohlen. „Romantische Geisteshaltung als Vorgeschichte. Weltfremdheit, Weltfrömmigkeit und weltstürzender Furor.“ Und wenn man glaubt, Safranski neuerdings in die Abstellkammer zeitgenössischer Philosophie verfrachten zu können, lese man aufs neue: „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare“ (1993) und auch „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“ (1997/1999).

Denkbare und lebbare Bücher gerade in einer Zeit der sich verfestigenden autoritären Strukturen. Keine Geheimlehren.

Nachtrag 25. August 2016

Die heutige ZEIT erinnert daran, dass es mit dem Wunsch nach  Entschleierung, der Offenlegung aller Gedankengänge in der Politik (und in der breiten Öffentlichkeit) eine besondere Sache ist: diese vollständige Transparenz ist nicht möglich und auch nicht wünschenswert. Man lese:

DIE ZEIT Seite 10 Gero von Randow: Lob der Verschleierung / Die Enthüllungsplattform WikiLeaks fordert von Politik und Diplomatie die totale Transparenz. Das ist nicht nur weltfremd, sondern grundfalsch.

Normalität bewahren

Man könnte sagen – und ich habe es mir gesagt -, in Nizza oder in der Türkei könnte die Welt zusammenstürzen, und DU tust so als sei dein nächstes Umfeld, dein Interessenkreis weiterhin das Wichtigste auf der Welt!? Die versunkene Welt Bachs zum Beispiel? Wer aber weiß, ob man dies nicht braucht, um sich abzuschirmen: damit nicht die eigene Welt vorzeitig in sich zusammenstürzt. Aus Höflichkeit gegenüber den Tatsachen sozusagen.

Ja, so ist es. Und das bedeutet ja nicht, dass einen nicht trotzdem die anderen Aspekte fortwährend beschäftigen, die allenthalben in den Medien klug oder weniger klug abgehandelt werden, in Facebook und Twitter sogar mit größter Erregung und zwar millionenfach.

Aber am meisten nachgewirkt hat wieder einmal die Haltung von Herfried Münkler, die ich im Prinzip schon kenne, deren Wirkung sich jedoch verstärkt, wenn ich ihn reden höre. Zum Beispiel in der Tagesschau am 15. Juli, im Gespräch mit Caren Miosga. Es mag zunächst wie Zynismus klingen, ist aber nichts anderes als Stoizismus, die bewährte philosophische Einstellung gegenüber einer Welt, die außerhalb unserer Reichweite liegt. Wer den klaren Verstand walten lässt, wirkt leicht gefühllos, andererseits muss man bedenken, das die grassierende emotionale Heftigkeit oft genug nur der bloßen Selbstdarstellung dient und künstlich ein Mitgefühl forciert, das kostenlos ist, und dessen Kern oft genug einer Prüfung nicht standhält. Selbstverständlich weiß Münkler, dass ein Wort wie „Vergleichgültigung“ in einer Gesellschaft, die Emotionalität per se verherrlicht, rein provokativ wirken muss. Es ist halt das Gegenteil von Panikmache. Die Trauer um nahestehende Menschen, oder um solche, mit deren Schicksal man sich identifiziert, ist davon unberührt.

http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-199933.html

HIER

Text ab 2:22 bis 4:17

MÜNKLER Ich glaube, dass einer der Modi, die unsere Gesellschaft zur Verfügung hat, „mürrische Indifferenz“, auch in diesem Falle eine angemessene Reaktionsweise ist. Wir erleben ja immer wieder Unglücke, Unfälle, und werden damit fertig und führen unser Leben weiter. Nun ist es sicher etwas anderes, ein Verkehrsunfall, eine Flugzeugkatastrophe auf der einen Seite, und ein Anschlag mit einem Täter auf der anderen Seite. Aber wenn wir so tun, als wäre das gewissermaßen in diesem Sinne eine Katastrophe, also die Intention des Attentäters oder des Verbrechers herausdividieren, dann haben wir im Prinzip die Möglichkeit, das was ich „mürrische Indifferenz“ nenne …, wir nehmen das so hin, zur Kenntnis, und nach einigen Tagen führen wir das Leben weiter, wie wir es auch ohne diesen Anschlag vollführt hätten. Das ist eine sehr stabile Abwehrlinie.

MIOSGA Und das bedeutet also, dass wir mit der Gefahr leben müssen? Ist das der Preis, den wir zu zahlen bereit sein müssen, wenn wir eine freiheitliche Gesellschaft behalten wollen?

MÜNKLER Nun leben wir ja sowieso mit Gefahren der unterschiedlichsten Art: dass wir uns infizieren, uns emm .. mit Haushaltsgeräten einen Schaden zufügen und derlei mehr. Und die Statistiker wissen auch, dass die Risiken in diesem Bereich sehr viel größer sind, jedenfalls wenn wir es auf die einzelne Person rechnen, als einem terroristischen Anschlag zum Opfer zu fallen.

Wir müssen eine gewisse Form der Vergleichgültigung psychischer Art – nicht politischer Art, da muss schon reagiert werden -, aber zunächst einmal psychischer Art hinbekommen, um die Wucht dieses Angriffs herauszunehmen und ihn tendenziell ins Leere laufen zu lassen.

Man lese dazu auch den Blog-Beitrag HIER und die dort gegebenen Links.

19.07.2016

Münklers Anspielung auf die Haushaltsgeräte – während wir uns über Terror echauffieren – hat Tradition:

Der Kurzfilm zeigte uns, wie blöd wir eigentlich sind: Zwei Menschen sind seit 2001 bei Terrorattacken getötet worden. Dagegen gab es 6700 tote Fahrradfahrer und 90.000 Leichen durch Unfälle im Haushalt. Die Chance sei größer, eine Million im Lotto zu gewinnen, denn bei einer Attacke zu sterben, so der Bericht.

So in einem STERN-Artikel vom 20. Januar 2015. Der Politpsychologe Thomas Kliche ist zu Gast bei „Hart aber fair“, siehe HIER.

Ich komme darauf durch die Lektüre der Tageszeitung:

Terror ST 160719 (Link folgt)

Angefangen hatte ich oben mit einer Anspielung auf „die versunkene Welt Bachs“. An dem Buch von Volker Hagedorn fasziniert mich aber u.a. das, was vielleicht andere Leser stört: die immer wieder versuchte Anbindung an die gegenwärtige Situation und sei es der mühsame Recherche-Weg des Verfassers selbst. Oder die Bemerkung, – anlässlich der Gräuel des 30jährigen Kriegs: dass damals mehr Menschen gestorben seien als im Zweiten Weltkrieg -, kann man das glauben? Wie bringt er überhaupt die authentischen Berichte von damals ans Licht? (Und warum? könnte der friedliebende Alte-Musik-Hörer in aller Naivität fragen.)

ZITAT

Irreal, diese Chronik im ICE nach Erfurt zu lesen, online, bequem die Seiten ansteuernd, die Happe, Jahrgang 1587, Sohn eines wohlhabenden Waidhändlers, vor 380 Jahren schrieb. Die 1785 Seiten, bis heute aufbewahrt in der Bibliothek der Universität Jena, sind auf einer digitalen Plattform der Universität Göttingen zu lesen, erschlossen mit differenzierter Suchfunktion, rechts das Original, heranzoombar, links die Transkription, in der sich zu jedem unvertrauten Begriff, jedem Namen eine Erläuterung aufklappen lässt. Eigentlich müsste damit besonders Volkmar Happes Hoffnung erfüllt sein, der seine Chronik merklich mit dem Ziel geschrieben hat, mit seiner Schilderung des Elends spätere Leser zur Arbeit an einer besseren Welt zu motivieren. Doch verursacht, je länger der ICE durch eine funklochfreie Strecke fährt, diese Lektüre auch Schwindelgefühle: Zu groß ist der Kontrast, mit Blick aus dem Fenster auf Landschaften, durch die schon lange keine Heere mehr ziehen, zu den Umständen, unter und zu denen Happe seine Seiten füllte.

Dann wieder siegt die Gravitation dieser fernen Realität, mit dem Erfolg, dass die Mitreisenden, der Kaffeeverkäufer, der Zugbegleiter wie durchscheinend werden. Das Mädchen schräg gegenüber, das am rosa Smartphone einer Freundin Banalitäten von einer Party erzählt, wirkt wie die Kunstfigur einer heilen, virtuell erweiterten Welt. Aber die ist ja nicht heil. Auf demselben Weg wie Happes Zeilen erreichen uns die Nachrichten von Gräueln des „Islamischen Staates“, von Leuten, deren Grausamkeiten an Vielfältigkeit hinter dem Dreißigjährigen Krieg zurückbleiben, den Katalog um moderne Waffen, Smartphones und das Internet erweitern, über das sie die ganze Welt an ihren Taten teilhaben lassen.

Quelle Volker Hagedorn: Bachs Welt. Die Familiengeschichte eines Genies. / Rowohlt 2916 / Seite 78

Zur Chronik von Volkmar Happe hier: ( http://www.mdsz.thulb.uni-jena.de/happe/erlaeuterungen.php )

In Zeitlupe üben!

An manchen Tagen hat man Glück, und schon hagelt es alltägliche Einsichten, die man nur vergessen hat, täglich penibel umzusetzen.

Zwei Beispiele der letzten 2 Stunden:

a) Beim Geigeüben – in den leichteren Dont-Etüden (die ich gar nicht genug loben kann, gerade gegenüber den schweren und bekannteren, die „24 Vorübungen zu Kreutzers und Rodes Etüden für die Violine“ von Jacob Dont, Op. 37, revidiert von Hans Sitt. Verlag C.F.Peters Frankfurt/M, London, NewYork) die Nr. 7 in a-moll „Vivace“, hier die Schlusszeilen:

Dont Bogenwechsel

Es gibt darin immer wieder Saitenwechsel, die eine heftige (?) Bewegung hin zur E-Saite erfordern, und dieser Aufprall gerät oft zu heftig, weil der Bogen dann zu einer Springbewegung neigt, die abgefangen werden muss. Besonders auffällig im zweiten Takt der zweiten Zeile, zweite Sechzehntelgruppe: man befindet sich in der 4. Lage, den Ton c“ (3. Finger D-Saite) erreicht man im Aufstrich, und unmittelbar danach folgt im Abstrich das hohe e“‘. Wenn man es in Zeitlupe ausprobiert, weiß man genau, was passiert: der Aufprall geht zu sehr im rechten Winkel auf die Saite, dadurch wackelt die Bogenstange und erzeugt ein unschönes Geräusch. Abhilfe: man hält inne nach der Bewegung zur E-Saite und lässt den Bogen nicht senkrecht auf die Saite prallen, sondern „schräg“, statt des rechten Winkels denkt man sich die Linie der Winkelteilung, sozusagen in den Abgrund zwischen E-Saite und Unterarm.

Das Anhalten und die Zeitlupe wirken Wunder.

b) Beim Klavierüben  – Chopin-Impromptu Nr. 1 As-dur op.29

Chopin Impromptu Triller

Dass man nach der Leggiero-Girlande die Trillerkette der rechten Hand ebenso intensiv aber anders übt, liegt „auf der Hand“, auch, dass es um Stärke und Brillanz geht. Weniger vielleicht, dass die linke nicht irgendwie arpeggiiert, sondern – genau wie rechts der Trillerton a“ nach den Vorschlägen (Achtung: kein b“ einfügen!) – mit dem Basston ES auf die Zeit beginnt, den nächsten Ton A ruhig und stark folgen lässt, dann den linken Daumen mit Schwung auf den obersten Ton GES wirft, der durchaus nach dem Trillerakzent der Oberstimme kommen darf, als leicht verspätete Zählzeit (der Basston ES war pünktlich), die Verspätung gibt ihm besonderes Gewicht, ihm und der Zweiergruppe, die er mit dem folgenden C bildet. Genau so in den beiden Zweiergruppen des nächsten Taktes, und erst im übernächsten Takt wird der stärkste Ton – Zählzeit 1 mit Akzent! – noch überboten durch das Weiterbinden auf den dritten Ton, das AS, das zusammen mit dem Melodieton des“‘ als Fortissimo herausragt: das Intervall Quart+Oktave im ff wirkt wie eine Überdissonanz – durch Leere.

All dies zu üben, pedantisch in Zeitlupe, nicht „erregt“, sondern rein technisch, mit Pedal genau zu den Phrasierungen der Zweiergruppen… das macht riesig Spaß. (Während die Musik zugleich etwas ganz anderes als Spaß ausdrückt. Die junge Generation wird an dieser Stelle mit einem gewissen Recht das Wort „GEIL“ benutzen.)

Heute neu!

Der versprochene Text zum Nachlesen (und etwas zum Nachhören)

Solinger Klaviertrio-Konzert Moderation JR 8.Mai 2016 – neuerdings angehängt hier

Ein kleiner Zusatz im Text Mendelssohn, der der Fortsetzung bedarf, – hier !

Dies nur vorläufig zur Erinnerung für mich selbst. Für kurze Zeit. Mal sehn.

***

Aber – gerade zurück von der Bank und vom gegenüberliegenden Bahnhof – kann ich auch die dort neu erworbenen Nachrichten nicht aussparen: DER SPIEGEL und die Süddeutsche Zeitung. Daniil Trifonow interessiert mich, seit ich ihn im Fernsehen mit dem Geiger Kavakos erlebt habe. Und jetzt in den letzten Tagen: wie er Schumann spielt (siehe hier). Das Interview im Spiegel ist sehr lesenswert. Ich gebe zunächst nur einen Satz wieder, den ich aus privaten Gründen sofort unterschreiben will. (Der einschlägige Blog-Leser weiß warum!) Bitteschön:

„Da jeder Ton zählt, fällt es auch leicht, sich ihn zu merken.“ (Daniil Trifonow im Spiegel)

Als nächstes wäre der Essay von Slavoj Žižek über Transgender zu nennen, dann der Artikel über Zahlenkunde, mit dem Lockruf einer „Weltformel“ und der Überschrift „Befreundete Kurven“, zur Abschreckung schaue man http://www.lmfdb.org/.

Süddeutsche Zeitung: durchaus das Gespräch mit Udo Lindenberg. „Hoch im Norden“ usw. hatte ich 1974 mit beim Spanien-Urlaub in Calpe, dazu viel Heinrich Schütz mit den Regensburgern („Er weidet mich auf einer grünen Aue“), – für mich ist das jetzt alles spanisch gefärbt. Lindenberg: „Und ganz wichtig sind übrigens die Liedermacher der damaligen Zeit gewesen, Hannes Wader, Degenhardt. Es gab gemeinsame Auftritte, die ersten Polit-Dinger, Liedermacher-Kongresse.“ S.a. hier.

Dann: „Der Wahn vom gesunden Essen“ Von Kathrin Burger. Seite 16. „Doch warum werden vormals gelobte Lebensmittel wie etwa Kuhmilch plötzlich als Bedrohung wahrgenommen? Woher kommen diese Vergiftungsfantasien? ‚Über das Essen wird heute die soziale und kulturelle Identität abgeleitet“, sagt Klotter. Also: Weil ich anders esse, zum Beispiel vegan, bin ich Fleischessern und sogar Vegetariern moralisch überlegen.“ Ich wüsste gern das Datum (1962?), wann ich schlagartig aufgehört habe, vegetarisch zu essen und nicht mehr Hagebuttenmehl, Brennesselpulver, milchsaures Gemüse mit in die Mensa zu schleppen. Motiv: mich nicht mehr durch die Ernährungsart von anderen unterscheiden zu wollen.

Vor allem aber: der Vorbericht von Jens Bisky zu dem heute beginnenden Hegel-Kongress in Bochum. „Wie haben Sie das gemacht, Herr Philosoph?“

Und was man da liest, klingt ähnlich unbedingt, wie das, was man von Daniil Trifonow erfährt. (Gestern nach dem Konzert in der Raketenstation sprach ein ergriffener Leiter des Museumsvereins noch ein paar Grußworte, die in den Ruf mündeten: „Ändert euer Leben!“ Ob es Absicht oder Versehen war, diese Variation auf den Rilke/Sloterdijk-Imperativ?)

Ich muss ausführlicher zitieren, – wenn ich nur erst ausreichend Zeit mit den Instrumenten verbracht habe …

(Fortsetzung folgt)

Wer sich mit den Werken (…) Hegels nicht beschäftigen will, dem steht ein großes Repertoire vorgefertigter Ausreden zur Verfügung. Da schlummert das verschmutzte Etikett vom „preußischen Staatsphilosophen“, obwohl die Republikaner, Radikalen und Revolutionäre des 19. Jahrhundert oft in Hegels Schule gegangen sind, bevor sie ihr, nicht immer zu ihrem Vorteil, entliefen; da lauert die seit Jahrzehnten modische Kritik am „Systemzwang“, als ließe die Wahrheit sich erkennen, ohne aufs Ganze zu gehen; da meldet sich auch die Bescheidenheit, in unserer Zeit könne man doch so nicht mehr philosophieren. Ach.

Die Urteile, Vorurteile und Ausreden widersprechen dem Eindruck unvoreingenommener Lektüreversuche. Hier meldet sich eine Philosophie, die mehr will als ein Gärtlein bestellen, an dem man nur selbst und zwei Nachbarn Vergnügen haben. Hier wird das Denken weder fader Unmittelbarkeit noch leeren Abstraktionen überantwortet. Alles ist Bewegung, gerichtet, mit Fortschritten, aber nicht zum Stillstand kommend. Schon deswegen bedarf es einiger Anstrengung, Hegels Gedankengang zu folgen, das muss man trainieren.

Es gebe „kaum ein philosophisches Werk, dessen Zugänglichkeit so von einer gediegenen Lesefertigkeit abhängt wie das Hegels“, schreibt Pirmin Stekeler-Weithof in einem Aufsatz mit dem schönen Titel „Hegel wieder heimisch machen“.

Quelle Süddeutsche Zeitung 17. Mai 2016 Seite 12 / Wie haben Sie das gemacht, Herr Philosoph? Ein internationaler Kongress würdigt in Bochum die Akademie-Ausgabe der Werke Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Aber noch fehlen wichtige Bände. Von Jens Bisky.

Wichtig ist, dass er nochmal auf Pirmin Stekeler-Weithof aufmerksam macht (dessen Name auch erst geübt sein will), „der vor zwei Jahren einen dialogischen Kommentar zur ‚Phänomenologie des Geistes‘ veröffentlicht hat.“ Dazu siehe hier und hier.

Und am Ende des Artikels steht ein mutiger, ja, beinah drohender Satz:

Um den Versuch, Hegel zu verstehen, kommt, wer unsere Welt begreifen will, nicht umhin. Wer darauf verzichtet, zahlt einen hohen Preis.

Das hat nicht einmal unser letzter Klassenlehrer in der Oberprima – ein Nietzsche-Verehrer par excellence – uns zu sagen gewagt. Vielleicht mit Rücksicht auf Nietzsche.

Aber hier – und im heutigen Alter – sitzt es! Und man hat das Gefühl, nachsitzen zu müssen.

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Am Tag danach liest sich alles anders. Auch Daniil Trifonow.

Nach der geduldigeren Lektüre des Žižek-Artikels möchte ich die Transgender-Frage für mich ruhen lassen (froh und dankbar, dass immerhin der Schandfleck §175 verschwunden sein wird, der während unserer Schulzeit noch in vieler Hinsicht – auch für Unbetroffene – eine verheerende Rolle spielte), wenn sie sich tatsächlich in erster Linie als ein Toiletten- oder gar Mülltrennungsproblem darstellt. Ich denke zwanghaft an einen gezeichneten Witz (von Robert Gernhardt?), in dem der Knochenmann eine Toilette sucht, wo er heimlich eine Zigarette rauchen kann. Und er findet zwischen den Türen D und H tatsächlich den Buchstaben T für Tod auf einer mittleren Tür, hinter der er verschwindet. Und alsbald quillt Rauch hervor. – Mein Fehler: ich kann nicht ernst bleiben. Am Ende wird es sogar Pflicht, sich auf der Suche nach Einmaligkeit eine nie dagewesene Geschlechtlichkeit zu suchen. (Nein, ich habe nichts gegen Conchita, aber gegen ihren Nachnamen habe ich ein Vorurteil.)

***

Daniil Trifonow. Im Grunde sagt er (oder fragen ihn die SPIEGEL-Leute) nichts Wesentliches über Musik, nur über Technik. Die Namen, die er nennt – abgesehen von den Bach-Kantaten, die er angeblich sämtlich als eine Art regelmäßiger Morgen-Übung gehört hat – zeugen durchweg nicht von einem neuen Blick in die Realitäten der Musik: Rachmaninow (und die orthodoxe Kirche), Schnittke, Messiaen (mit Turangalila), Prokofiew. Das stufenweise Üben (zuerst die Noten aufschlagen, dann das Stück vom Blatt spielen, dann loslegen), mein Gott, auch diese modische Lehre von „awareness“ und den „Zeitzonen“, also: dass mir soeben Vergangenes, unmittelbar Gegenwärtiges und Bevorstehendes im Kopf präsent sind, gleichzeitig, ja, was soll uns das sagen? Es ist – gelinde gesagt – nichtssagend. Noch nichtssagender, ausweichender und irreführender die abschließende Aussage über Musik und Politik:

Die Kunst ist in solchen Zeiten eines der wichtigsten Mittel zur Verständigung zwischen Völkern und Kulturen. Wenn wir in Russland Musik aus anderen Ländern hören oder wenn im Ausland russische Musik gehört wird, verstehen wir alle uns besser. Die Musik ist eine Brücke. Sie ist ein Stück Ewigkeit jenseits aller Schlagzeilen und Ereignisse.

Völker und Kulturen? Mit diesen Platitüden endet das Interview. Und dann folgt noch der Hinweis auf ein Privatkonzert, ein Video: die Gavotte aus dem Ballett „Cinderella“ von Prokofiew HIER, nur für den SPIEGEL…

Etwas weniger tiefgründig vielleicht hier ?

Zumindest hätten wir damit eine echte Brücke geschlagen, zwischen Klavier und Geige.

Was war und ist „Rausch“?

Von physischen und künstlichen Paradiesen

Benn Cover rückBenn Cover vorn 1959

Benn Text aBenn Text b Textprobe

Dämon Rausch Cover 1958

Hamsun Pan 25.Mai 1959

Hauptmann Soana 1959

Soana Text Textprobe

Watts Natur 1962 Watts Inhalt

Rausch Cover Mai 1998

Lesch Kosmos Screenshot 2016-05-11 22.06.06 ZDF Leschs Kosmos Mai 2016

Die Sendung „Auf Droge: Die Sucht in uns„. 10. Mai 2016 / 23:00 / Nachträglich abrufbar unter dem Link neben dem seltsamen Bild, das ich als Screenshot aus der Sendung ausgewählt habe, um mich von den romantischen Büchern und Phantasien meiner Jugend abzusetzen. Daneben lief ohnehin immer ein anderer Strang, der ebenfalls von Gotfried Benn ausging und auf Klarheit und Methodik setzte, Marcel Proust und Robert Musil waren ausschlaggebend. – Heute stellt sich die Frage, ob ein solcher Lebenslauf nicht schon in der ersten Phase scheitern könnte, weil die Realisation der imaginären Paradiese so einfach scheint. Jugendlichen von heute würde ich keins der abgebildeten Bücher, die mich einmal bewegten, ans Herz legen. Nur den Film, – mit einer kleinen Vorwarnung: vermutlich wirkt der Moderator nicht cool, vielmehr: nur gespielt cool, aber der Film als Ganzes ist unerhört wichtig für alle Jugendlichen: es geht um ihr Leben.

***

13.05.2016

Freund BS macht mich darauf aufmerksam, was ich damals gewissermaßen versäumt habe, eins der besten Bücher über künstlich hervorgerufene Rausch-Erfahrungen, nämlich Ernst Jüngers „Annäherungen. Drogen und Rausch„, veröffentlicht im Jahre 1970. Zweifellos in einer suggestiven Sprache geschrieben, aber vielleicht zu spät für mich? Zum Glück.

Man lese die kluge Rezension der Neuerscheinung (Klett-Cotta Stuttgart 2008) von Christophe Fricker in „literaturkritik“ hier. Und die Leseprobe des Essays von Volker Weidemann über „Ernst Jüngers Drogenfahrten“ hier. Ich hebe in meinem kurzen Zitat daraus einen Satz rot hervor, der mir wohl damals schon wichtiger gewesen wäre als alle schönen Worte:

ZITAT (Volker Weidemann)

Der Jünger der Annäherungen sucht das Glück, das Abenteuer, längst auf anderen Wegen. Die Drogen gaben ihm eine Ahnung jenes großen »Jenseits«. Der Cannabis-Schock in Halle ließ ihn von seinen Drogen-Fahrten allerdings für lange Zeit Abstand nehmen. Dreißig Jahre machte er Pause. Der Schrecken muss wirklich sehr groß gewesen sein. Denn das Leiden, das Leiden unter der Öde des Diesseits wuchs: »Wir fliegen zu den Polen und zum Monde und bringen die Öde mit«, schrieb er. Jünger suchte das Geheimnis. Und er findet in diesem Buch unendlich viele, schöne Bilder für jenes Geheimnis, für die Sehnsucht danach. Nicht so sehr in den Protokollen, die er – quasi im Live-Mitschnitt auf seinen LSD-Trips zum Beispiel – mitschrieb. An ihnen sieht man eher, wie wenig hochfliegend und staunenswert sich die als so erstaunlich erlebten Trips dann später nüchtern lesen. Aber selbst wieder nüchtern geworden erinnert er sich überwältigt: »explodierende Frühlingssträuße«, »Schleifen der Unendlichkeit«, »mächtiges Walten des Lichts«. Jünger ist in Hochstimmung und beschreibt es auch so: »Da staunen selbst die Götter« notiert er einmal.

(Fortsetzung folgt)

Sinnstiftung?

Ein scheinbar hochtrabendes Wort 

Die Essenz eines Artikels zeigt sich selten in der Überschrift. (Auch nicht im Blog: da folgt sie oft genug einer kurzfristigen Laune und dem Anreiz, einen Anreiz zu bieten.) Im heutigen Fall hätte ich auch schreiben können: „Das Projekt moderner Wissenschaft“ oder „Die generationenübergreifende Wahrheitssuche“ – aber wer weiß, ob ich dabei selbst die Motivation behalten hätte, die im Fall des ZEIT-Artikels im Namen des Autors lag, der mir als Philosoph positiv in Erinnerung ist: Michael Hampe. Die Überschrift jedenfalls (Warum lügen und betrügen Wissenschaftler?) hat mir lediglich signalisiert: Genau, so ist es doch überall, sie sind alle bestochen. Und selbst der Untertitel hat mich nicht angestachelt: „Wie kann man der moralischen Entkernung der westlichen Demokratien entkommen? Ein Plädoyer wider die enthemmte Konkurrenz der Einzelkämpfer.“ Ich glaube, solche gutgemeinten Appelle führen zu nichts, – so meine vorläufige Reaktion, bis ich auf die Zeilen stieß, die ich mehrfach lesen musste. Durchaus mit einer leicht erklärlichen Skepsis, – wenn dabei urplötzlich ein religiöser Hintergrund zum Vorschein kommt:

Sofern akademische  Ausbildungs- und Anreizsysteme vor allem Personen fördern und anstellen, die auf ihren persönlichen Erfolgt in der Konkurrenz blicken, unterminieren sie selbst das Projekt moderner Wissenschaft: die generationenübergreifende Wahrheitssuche, für die nur Personen geeignet sind, die ihr eigenes Erkenntnisleben für das gemeinschaftliche Erkenntnisinteresse opfern können, etwa indem sie feststellen, dass alles, was sie bisher für wissenschaftlich richtig hielten, sich als falsch herausgestellt hat. Die Fähigkeit, das einzugestehen, ist […] überhaupt das wesentliche Kriterium für einen Wissenschaftler. Die Fähigkeit zur Einsicht und vor allem zur öffentlichen Darstellung der Fehlerhaftigkeit des eigenen Erkennens dürfte jedoch kaum den Erfolg in kurzfristigen Konkurrenzen um Posten und Fördermittel begünstigen.

(…)

Wie alle kollektiven Projekte, die in einer Gemeinschaft verfolgt werden und die über einen Zeitraum laufen, der die Lebensspanne des Einzelnen übertrifft, geben sie dem endlichen einzelnen Leben einen es selbst überschreitenden Horizont: Wer sich an diesen Projekten beteiligt, hat an etwas Anteil, was in Bedeutung und Dauer die eigene Existenz übertrifft. Aufgeklärte Wahheitssuche und soziale Demokratie übernehmen deshalb Funktionen der Erlösungsreligionen: Sie gaben auf eine säkulare Weise einzelnem Leben einen überindividuellen Bezugsrahmen, der die Endlichkeit der partikularen Existenz auf tröstliche Weise relativierte. So wie in Erlösungsreligionen das einzelne Leben Teil der von Gott gestifteten Ewigkeitsperspektive war und in ihr aufgehoben war, sind in der aufgeklärten Wahrheitssuche einzelne Forschende im kollektiven Prozess der Erkenntnis „aufgehoben“, leisten zu ihm einen Beitrag, der eventuell erst lange nach dem endlichen Forscherleben Früchte tragen wird. In diesen Sinnhorizont eintreten zu können machte das Großartige eines Forscherlebens aus.

Zu schön, um wahr zu sein? Lesen Sie doch selbst den ganzen Artikel. Mich erinnerte die Gedankenführung an ein Buch, das ich nun suchen werde, um das Muster zu vergleichen.

Quelle DIE ZEIT 4.Mai 2016 Seite 44 Warum lügen und betrügen Wissenschaftler? Datenfälschungen haben den Ruf zahlreicher Universitäten beschädigt. Die Schummelei beschränkt sich aber nicht auf die Wissenschaft. Wie kann man der moralischen Entkernung der westlichen Demokratien entkommen? Ein Plädoyer wider die enthemmte Konkurrenz der Einzelkämpfer.  Von Michael Hampe.

Siehe auch: hier.

Lies das Gedicht, das mit der Zeile endet: „Was aber bleibet, stiften die Dichter“ – und immer – wie jetzt gerade – leicht verfälscht zitiert wird: korrekt hier.

Und wenn die Frage entsteht, wer eigentlich die Indier sind, die in der letzten Strophe genannt sind: wahrscheinlich sind die „West-Indier“ gemeint, bzw. die Schiffer von Bordeaux, die  auf der Garonne bis dahin kreuzen müssen, wo „meerbreit / Ausgehet der Strom“, welche also nun wieder lossegeln. (Nach Jochen Bertheau S. 117)

(Fortsetzung folgt)

Exkurs zum Sinn (mit & ohne Sinn)

Sinn Spirit aus HörZu-Radio aktuell (14-20 Mai)

Sinn Halm Sinn Becker

Ein Vorschlag, Chopin zu verbessern

Nur für aufgeklärte Pianisten

Chopin verschlimmbessert Mittelteil Impromptu Op.29 „gesäubert“ (s.u.)

Brief an K. zu op.29

Du fühltest Dich also an das andere Impromptu (cis-moll) erinnert, nur dass Dir hier (im As-dur) vieles weniger glatt einging, vor allem wenn der Mittelteil beginnt, – so merkwürdig stockend in der linken Hand, mit nachgelieferten Basstönen, leeren Stellen am Taktanfang, unnötigen Dissonanzen zwischen Melodieton rechts und Akkord links und anderes mehr. Man hat den Eindruck, er ist erst auf der Suche nach der richtigen Melodie, sie gelingt ihm nicht richtig. Daher diese Ausweichungen … und schließlich der Neubeginn eine Oktave höher.  – Tja, das habe ich mir fast gedacht, deshalb habe ich versucht, die Melodie von Anfang an zu verbessern, nur in der linken Hand habe ich alles beim alten gelassen. Fürs erste jedenfalls. Ich frage mich (und Dich), warum die linke Hand eigentlich die Melodie nicht geradlinig unterstützt. Sondern ihr immer wieder den Vortritt lässt. (Das hört ja später auf, da gibt es dann keine Pause mehr auf der ersten Zählzeit. Warum nicht?)

(Ein Blick auf die – in der Erinnerung – fast verwechselbaren Melodien:)

Chopin Impromptu cis-moll Mittelteil op.66 (posth.) *1834 publ. 1855

Chopin Impromptu Fis-dur F-Teil op.36 *1840

Weshalb diese typologische Ähnlichkeit noch nirgendwo behandelt wurde, ist mir ein Rätsel. Stattdessen immer wieder die Erwähnung Bellinis. Hat schon jemand seine Melodien daraufhin untersucht? Zu den Impromptus und zur verspäteten Veröffentlichung des op.66 siehe zunächst Wikipedia hier. Dort ist auch dessen Anfangsmotiv mit einem angeblich ähnlichen von Moscheles zusammengestellt. Wesentlicher scheint mir jedoch die Abwandlung dieses Motivs, dergestalt, dass es – wie auch das am Anfang von op. 29  – auf den Kern der Ur-Melodie verweist! Vollends wunderbar wird die ökonomische Inventionsarbeit des Komponisten, wenn man diesen As-dur-Anfangstakt nach Ges-dur transponiert und dann auf die ersten Takte des Impromptu op. 51 schaut.

Impromptu cis Motiv op.66 Impromptu As Motiv op.29 Impromptu Ges Motiv op.51

Und weiter!

Impromptu As Melodie op.29 Übergang zum Mittelteil und Melodie orig.

Alle Beispiele aus der von mir präferierten Ausgabe Paderewski / Instytut Fryderyka Chopina Polskie Wydawnictwo Musycznet Warschau 1949 / Sämtliche Werke 1960 erworben in Ost-Berlin.

Brief an K. zu op.29

Als nächstes käme der Schritt, in Worte zu fassen (freie Fahrt für Phantasie!), was der Komponist von hier an mit der schrittweise verfremdeten Melodie sagen will. Warum spielt er sie nicht einfach von A-Z, wie ich das oben angedeutet habe? Warum unterbricht er sich selbst, moduliert so geheimnisvoll, kehrt zurück, warum sagt er die Dinge immer wieder zweimal, einmal stark, einmal den eigenen Worten (Tönen) nachsinnend, warum geht er nicht direkt auf die Spitzentöne zu, nach denen er aufwärts „die Hände reckt“?  Was ist das Ziel seiner Aussage? Das Fortissimo oder die Rückkehr ins atemlose Figurenwerk? Virtuosität oder Unrast! Charmante oder – panische Unrast. Ja, ist es denn überhaupt heiter gemeint? Und am Schluss – der zerfallende Choral – ist das wirklich ein auflösendes, erlösendes Ende?

Du findest selbst die Antwort.

Liebe K., ich habe noch einen Vorschlag, Chopin bei seinem Impromptu zu Hilfe zu eilen, – er hat sich verzählt: er setzt lauter Vier-Takt-Gruppen hintereinander, das ist klar, aber dann plötzlich, in Takt 16 verzählt er sich. (Achtung: möglicherweise bluffe ich?) Oder er kann sich nicht bremsen, wenn er einmal chromatisch in Fahrt ist, – da hilft nichts, es wird doch einfach zuviel!!! Schon bin ich zur Stelle und kann Überflüssiges nahtlos heraustrennen, schau nur:

 Impromptu As leicht verkürzt

Siehst Du, jetzt sind wir pünktlich bei der Wiederkehr des Anfangs. Die Pünktlichkeit ist eine deutsche Tugend, von der weder Polen noch Franzosen viel halten. Da dürfen wir nachhelfen!

Du sagst: es ist gar keine Wiederkehr, er geht jetzt einen ganz anderen Weg?! Siehst Du, auch mit der Logik hapert es bei diesen Romantikern… Ein guter Formaufbau verläuft wie eine gute Melodie, nämlich quadratisch.

Streng logisch denkende Musiker nennt man daher auch Quadratköpfe.

Mit Statistik hinters Licht

Medizin, Pharma, Kommerz

„Gibt es einen Zusammenhang zwischen Tierliebe und Mindestlohn?“

Sie wissen es nicht? Dann sehen Sie diese Sendung bis mindestens Minute 13:40 – und versuchen Sie zu stoppen…

Pharma Screenshot 2016-04-12 10.17.31

… noch bis 11.4.2017 in der ARD Mediathek abrufbar: HIER 

http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Die-Story-im-Ersten-Im-Land-der-L%C3%BCgen/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=34622130

Von wegen „Lügenpresse“ – diesem Hinweis der HörZu bin ich gefolgt:

Pharma-Sendung Hinweis zu Akte D HIER (nicht mehr abrufbar) – jedoch HIER.

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Private Rechtfertigung: Warum dieser Hinweis (es geht dir doch angeblich immer um Kultur)? Ja, das heißt aber nicht, dass es daneben kein „reales“ Leben gibt.

In einem Tagebuch, das ich nicht führe, müsste stehen, dass ich zwar heute nacht diese Sendungen gesehen habe, aber aufgewacht bin am Morgen (um Punkt 8 Uhr!) mit der innerlich laut gehörten Melodie „Der Morgenstern ist aufgegangen“, wobei ich darüber staunte, wie gewaltig (und unschuldig) sie gebaut ist: der Abstieg über eine ganze Oktave: „Hoch über Berg und tiefem Tal“!!! Danach kehrte ich zu meinem augenblicklichen Lieblingsthema zurück: betr. die verschiedenen Gestalten der aufsteigenden Chopin-Melodie (Mittelteil Impromptu As-dur, anders im cis-moll), die in f-moll, mit ihren immer neuen Ansätzen, der zunächst stockenden Begleitung, – nie habe ich eine angemessene Beschreibung dieses Wunders gelesen. Und dann kam ein gedanklicher Themenwechsel zu der Lothringer Weise „Ist das nicht der Morgenstern“ , das Aufsuchen des Textes, die überwältigende Erinnerung, wie das in der Neumeyer-Bearbeitung in Oktaven gesungen wurde, die Bestellung der alten LP (widerstrebend per Amazon). Ich sitze also am Computer, eigentlich: um zum Thema der Nacht zurückzukehren. Zu den Pharma-Lügen. Stelle mir vor, krank zu sein, wie mein Freund. Aber als erstes erschien mir eben der Morgenstern, vielmehr er lag mir in den Ohren. Deshalb musste es damit weitergehen. Dies alles klingt fast unglaubwürdig, aber genau so war es. Allerdings habe ich auch gefrühstückt (1 Apfelsine), die Zeitung gelesen (sehr genau die Seite über Böhmermann, große Zustimmung für Ulli Tückmantel, anschließend den Bericht über den der Lehrerin verweigerten Handschlag in der Schweiz). Und – unentwegt die erwähnten Melodien im Sinn – wieder zurück an den Schreibtisch, wegen des Morgensterns.

Lothringer Lieder & Balladen aus ‚verklingenden Weisen‘ von Louis Pinck in Sätzen von Fritz Neumeyer [Vinyl Doppel-LP] [Schallplatte]
Gertraut Stoklassa,Theo Altmeyer,Chor der ev. Singgemeinde Bern,Fritz Neumeyer (Leitung),Louis Pinck (Komponist),Franz Beyer,Zoltan Racz,Hans-Georg Renner,Eckard Schmidt,Josef Brejza
Zustand: Neu
Verkauft von: baagad

Ich verstehe, wie es zu Marienerscheinungen kommen kann, wenn man jung ist und an Wunder glaubt. Man sieht Zeichen und Wunder, wo man bereit ist sie zu sehen. Und man sieht sie nicht, wenn man andere Erklärungen in Betracht zieht. In meinem Fall: ich denke fast immer an Melodien oder an Musik, was Wunder, wenn sie auch von selbst kommen. Ein weiteres Beispiel: ich erwähnte oben die Zeitungslektüre:

ST Schweiz Handschlag Solinger Tageblatt 12.4.2016 Mehr davon.

Und ich erhalte wenig später eine SMS von M. aus dem Zug, beigefügt eine Visitenkarte, Kommentar: „Herr Prof. Dr. Xxx, ein Syrer mit Haus in H., nach seiner Pensionierung als Islamwissenschaftler heute noch in der Halalistik tätig. Im Auftrag einer japanischen Firma hat er das große Halal-Gutachten für den brunesischen und indonesischen Markt gefertigt. Leckere Dattelpralinen bot er mir an.“

Schon wieder ein Wunder, nicht wahr?

Mich interessiert, ob es schon einen Wikipedia-Artikel über die Wissenschaft (?) der Halalistik gibt. Oder über das große Halal.

A propos: ich muss ein bestimmtes Signal in Bachs erstem Brandenburgischen nachschauen. (s.u.)

Noch einmal kehre ich zurück zum Morgenstern. Die frühe Gestalt der alten Melodie (die der Praetorius-Fassung Modell stand) finde ich nicht, und in der Gesangbuchfassung (EKG 1954) fehlt mir gerade das lange Melisma „hoch über Berg und tiefe Tal“ (keine moderne Gemeinde könnte das, ohne abzuschlaffen).

Morgenstern EKG

In „Deutsche Lieder / Texte und Melodien / Ausgewählt und eingeleitet von Ernst Klusen“ Insel Verlag Frankfurt am Main 1980 findet sich auf Seite 801 die folgende Fassung (Seite 233 sogar der Text eines wunderschönen alten Liebesliedes „De morgensterne hefft sick upgedrungen“, wie in Wikipedia, aber nicht nur zwei, sondern 7 Strophen, an Stelle „der lieben Engel Schar“ singt hier noch „de leve nachtegal“); man beachte die Talfahrt des Melismas in der dritten Zeile.

Morgenstern Klusen Quelle wie angegeben

22.08.2016 Zur Bemerkung betr. Bach: hier nur ein kleiner Gag (von Halal zum Halali). Aber in der Tat erfährt man interessante Details zur Bedeutung der Jagdmotive in Bachs 1. Brandenburgischen Konzert bei Peter Schleuning (Bärenreiter 2003).