Parsifal 25. Juli Live-Stream

Warum nicht ernst machen mit der virtuellen  Real-Präsenz. Oder wie bezeichne ich die Situation rasant genug? Ich hörte zwar, es ist inzwischen leichter, Karten für Bayreuth zu bekommen als in früheren Jahren, Gelegenheit für eine reale Mega-Präsenz also. Warum sollte ich mir nicht diesen Traum erfüllen? Nein, früher war es einer, jetzt gibt es andere Träume. Aber warum nicht nach Essen in die Lichtburg fahren und den Parsifal quasi live im Saal miterleben, – leicht zeitversetzt. Warum denn das? Warum mit Publikum, das mich stört, und mit langen Pausen, die ich nicht selbstbestimmt fülle. Falls es wieder heiß ist, würde ich zwischendurch duschen wollen. Und wenn ich es noch liver (zumindest kaum zeitversetzt) am Arbeitstisch miterleben kann, mit dem Klavierauszug vor mir, den ich bis dahin am Instrument gründlich repetiert haben könnte… Außerdem könnte ich immer wieder in Screenshots festhalten, was ich sehe. Ich hätte bis dahin auch Dahlhaus wiedergelesen, und allerhand, was ich aus meiner Wagner-Zeit noch greifbar habe, incl. dieses damals verschlungene Buch von Curt von Westernhagen, bis ihn  Rudolf Stephan in Darmstadt – als noch Carl Dahlhaus mit uns im Café-Zelt (mit Cognac angereicherten) Kaffee trank – im persönlichen Gespräch einen „Troglodyten“ nannte. Wir fragten: Was ist das? („Ein Höhlenbewohner“). 1933 hatte er schon „Richard Wagners Kampf gegen seelischen Fremdherrschaft“ beschrieben. Nach dem Krieg noch sinnvollerweise als Troglodyt aktiv. Doch Dahlhaus (Friedrich Verlag Velber 1971) bleibt:

Dahlhaus Wagner  Dahlhaus Wagner Dialektik

Ja, so recht: das Christentum philosophisch, und – Klingsors arabische Welt? Ein dialektisches Gegenüber, gewiss, etwa eines, das aufgehoben wird?

Hier ist der Termin:

https://www.br-klassik.de/concert/ausstrahlung-775304.html oder man klickt: HIER !!!

Und in diesem Moment kommt (9:58 Uhr) folgender Hinweis:

Unter dem Titel »Zeitgeist« fördert die Audi AG, die zum Volkswagen-Konzern gehört, laut eigenen Angaben »den Dialog mit kreativen Köpfen aus verschiedenen Disziplinen und schafft Raum für kreative Experimente«. Neuestes Ergebnis dieser zeitgeistigen Marketingaktivität, in der nicht mehr simple Werbefilmchen gedreht, sondern »progressive Kunstfilme geschaffen« werden, ist ein etwa zehnminütiges Video, das von Richard Wagners Parsifal »inspiriert« wurde und so ziemlich jedes Klischee, das zwischen dem Firmensitz Ingolstadt und dem grünen Hügel in Bayreuth auf der Autobahn herumlag, aufgenommen hat.

Koinzidenzen, wie ich sie liebe: nachzulesen HIER .

Fazit von Berthold Seliger:

Einen Vorteil immerhin hat das fiasköse [Audi-]Projekt für den Grünen Hügel: Schlimmer als der Black Mountain-Film kann die Parsifal-Neuinszenierung nicht mehr werden.

Bayreuth Audi Screenshot 2016-07-23 08.07.21

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Regisseur Parsifal unlesbar

Heute (22.07.2016) im Solinger Tageblatt (Foto dpa), hier kann man den Artikel nicht lesen, aber man sieht, was in der Titelzeile aus dem Interview mit Regisseur Uwe Eric Laufenberg als brisant hervorgehoben wird: die Sicherheitslage. (Frage im Text: Haben Sie Sorge, dass es sich auf die Inhalte auswirkt, wenn man anfängt, Theaterhäuser einzuzäunen?)

Mich interessierte vor allem ein Satz des Regisseurs:

Ich bin großer Wagner-Fan und beschäftigte mich, seitdem ich in die Oper gehe – also sagen wir, seit ich 15 war – mit diesen Stücken.

Er hat nicht den Ehrgeiz, alles noch einmal zu hinterfragen, was auf der (Hinter-)Hand liegt, – weder Christentum noch Islam. Das ist heute eine aufgeklärte Haltung in einer alles hinterfragenden Welt. Auch dafür könnte man ein Wort mit post- finden.

Ich gehe also vieles am Klavier durch, wie damals (als es noch die Noten meines Vaters waren). Ich lasse mir Zeit, jetzt lerne ich es eben anders als vor 50 Jahren, nicht weil die Hände, sondern das Gehirn dazugelernt hat, und jetzt begreifen sie es besser. Und mein Vater vor 100 Jahren, was hatte er noch vor sich?

„Du siehst, mein Sohn, zum Raum ward hier die Zeit.“

Parsifal Musikalienkauf um 1922

Parsifal Titel  Parsifal Klavier 1

Parsifal Klavier 2  Parsifal Klavier 3

Wagner an Klindworth am 14. Februar 1874 (Parsifal 1882 „Erleichterte Bearbeitung“) :

Kein Mensch spielt doch solch einen Klavierauszug, so wie Sie es sich gedacht haben. […] Also: lieber gleich nur Andeutung, während jetzt der gewöhnliche Klavierspieler doch nur durchkommt, wenn er über die Hälfte der Noten ausläßt.

Quelle siehe unter Klindworth-Wikipedia-Link.

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Vorstellung, man könne das Parsifal-Drama ideologisch retten, wenn man es (gegen Wagner) so auffasst, wie der RING aufzufassen ist (nach Dahlhaus):

Er setzte den Göttermythos musikalisch in Szene; aber er zeigte, durchaus im Geiste Ludwig Feuerbachs, eine Götterwelt, die gerichtet ist, auch wenn sie es noch nicht weiß. Wotan ist ein hilfloser Gott, ein Gott, dessen Zeit vorüber ist. Der Mythos wurde also von Wagner weniger konstruiert als destruiert, oder genauer: er wurde restauriert, um destruiert zu werden. Wenn er die Götter zitiert, so nicht, um sie zu verherrlichen, sondern um sie, wie er es in dem Entwurf von 1848 ausdrückte, der Selbstvernichtung in der Freiheit des menschlichen Bewußtseins preiszugeben. Die toten Götter kehren wieder, um noch einmal zu sterben.

Quelle Carl Dahlhaus: Richard Wagners Musikdramen / Friedrich Verlag Velber 1971 (Seite 111)

Vorweg zur Orientierung: youtube-Gesamtaufnahme Bayreuth 2012 Keine bewegten Bilder, nur Standfotos. HIER Zweiter Akt 1:43:40 Dritter Akt 2:52:37

Kundry 1992 Waltraud Meier, Poul Elming (Barenboim, Kupfer)  HIER (In zweitem Fenster öffnen!)

Kundry Parsifal Kundry Pars Text 1 Kundry Pars Text 2 Kundry Pars Text 3 Kundry Pars Text 4 Kundry Pars Text 5 Kundry Pars Text 6 Kundry Pars Text 7 Die Zahlen bezeichnen Leitmotive

Parsifal Motiv-Tafel Die Leitmotive

Quelle Richard Wagners Musikdramen / Edmund E.F.Kühn / Globus Verlag GmbH Berlin W66 / 1914

Screenshot 2016-07-25 15.55.03 Parsifal  Parsifal Screenshot 2016-07-25 17.17.02

Am Tag danach

Vielleicht ein (vor-) letztes Fazit: Der dritte Aufzug des Parsifal war (und ist) mir schwer erträglich. Und das liegt womöglich weniger am Regisseur als am Komponisten. Mir scheint, dass die Musik, je stärker und positiver sie sich inszeniert, desto weniger überzeugend gelingt. Kein Vergleich zur Götterdämmerung, ganz zu schweigen vom Tristan. Beim Parsifal-Schluss denke ich an die Zukunftsvisionen der Zeugen Jehovas, Titelbilder von „Erwachet!“ oder „Der Wachtturm“, ohne sie diskriminieren zu wollen. Ich erinnere mich an den Film „Das Gewand“: Hollywood – ich muss googeln, es war wohl 1957 etwa, jedenfalls nach „Quo vadis“. Nein, es war 1953 (siehe hier).

Aber ich muss ehrlicherweise betonen: schwach finde ich die Musik, wenn einmal Klingsors Macht gebrochen ist. Und Kundry nur noch ein Schatten ihrer selbst…

Und nun die gute Botschaft

Man kann all dies jederzeit neu überprüfen – der Link „Parsifal“ bleibt aktiv bis Ende dieses Jahres!

Meine Entdeckung bei diesem Anlass: das Wagner-Buch von Claus-Steffen Mahnkopf – ungeachtet der Tatsache, dass ich es schon seit Jahren besitze. Erst jetzt weiß ich es zu schätzen. Doch darüber später mehr.

Nachtrag: Kritik

Ich erlaube mir nicht, das, was ich am Bildschirm gesehen habe, kompetent zu beurteilen. Viel zu selten gehe ich in die Oper, und gerade im Fall Bayreuth habe ich keine Vergleiche, kenne nicht einmal die „klassischen“ Videoaufnahmen ausreichend. Ich verlinke hier also auch eine bemerkenswert kritische Rezension, ohne sie zu kommentieren. Nur im Fall Klaus Florian Vogt würde ich ein großes Fragezeichen setzen. Auch der reinste Tor dürfte stimmlich und gestalterisch nicht so schwächlich wirken. FAZ heute, 27. Juli 2016.

Kritiker(innen) im Nachgespräch: HIER. „Ich fand diesen Abend grauenvoll!“ (Christine Lemke-Matwey)

Ägypten lieben!

Ich habe den kürzesten und stärksten Titel für diesen Blog-Beitrag gewählt, obendrein als Imperativ, weil ich nicht teilhaben will an den üblichen Bedenken gegenüber allen Ausdrucksformen der arabischen Kultur. Ich kann weder Arabisch lesen noch Arabisch sprechen, und doch hat mich der Klang der arabischen Sprache zutiefst berührt, seit ich ihm zum erstenmal begegnete, und immer wieder. Nicht anders ging es mir mit der arabischen Musik, allerdings ist es vielleicht kein Kompliment, wenn ich sage, dass sie auf mich wie ein berauschendes Getränk gewirkt hat. Noch weniger, wenn ich zugebe, dass die alten Aufnahmen von Oum Kalthoum immer noch eine Sog-Wirkung ausüben, wie ich sie nur von der „unendlichen Melodie“ der Wagnerschen Dramen kenne. Aber es ist so! Und Freund Hans war es, der vor Jahren die Wirkung vertiefte, indem er mir eine neue Übersetzung der Rubayyiat al Khayyam schrieb, samt einer Wort-für-Wort-Transkription des arabischen Textes (siehe ganz unten). – Immer wieder hat er mich teilhaben lassen an seinen literarischen Entdeckungen und mir einzelne Arbeiten für diesen Blog überlassen. Zum Beispiel zuletzt über Latifa az-Zayyât, die „Mutter Courage Ägyptens“ hier. Oder den biographischen Essay über „Sayyed Qutb – vom Dorfkind zum Islamisten“ hier.

Man kann übrigens weitere Essays von Hans Mauritz abrufen, wenn man unter dem folgenden Link zum Autorenverzeichnis geht – oder gleich mit dem Bericht beginnt über „Ahmad Abou Khnegar und die Schlucht am Rande der Wüste“: Hier.

khnegar_wueste_sonne Claudia Ali Foto ©Claudia Ali

Aber heute, nach so vielen Jahren, kommt „yâ duktûr“ – Dr. Hans Mauritz – derart leichtfüßig daher, wie ich ihn selten erlebt habe: mit einem hinreißenden Büchlein über die arabische Sprache und über das unmittelbare sprachliche Umfeld, in dem er seit vielen Jahren lebt. Mit Vergnügen erkenne ich ihn selbst auf der Titelseite:

Mauritz Arabisch Ägyptisch a Mauritz Arabisch Ägyptisch b

Mich animiert die Lektüre alsbald, weitere Publikationen des Verlages anzuschauen – www.kubri.ch oder: HIER . Und der Name Daniel Reichenbach, der unter den Titelzeilen des Buches zu lesen ist, führt zu einer hochinteressanten Thematik: zur arabischen Kalligrafie! Siehe auch zur Kalligrafie in anderen Kulturen hier.

***

Arabisch lernen Ambros Arabisch lernen Klopfer

Arabisch Harder 1968 & 1962 beides eine Zumutung!

Nach wie vor warten die alten Lehrbücher auf mich, vergebens, aber warum soll ich sie nicht neben das neue Büchlein legen und mich fragen, warum damals alle meine Mühen ins Leere liefen, zugleich immer wieder Früchte tragend. Damals (in den 60er Jahren) war auch die Musik schuld, mir ihren täglichen Ansprüchen. Neuerdings aber kam ich vom Arabischlernen aufs Solinger Platt und auf die „Reinheit der Sprache“: nämlich hier. Und heute? Hans Mauritz hilft, da ist neue Hoffnung!

(Fortsetzung folgt später. Festgehalten seien zwischendurch ein paar Links, zu denen ich ausgewichen bin und zu denen ich gern bei nächster Gelegenheit zurückkehren möchte: vielleicht eher im Rahmen eines neuen Artikels…)

HIER Eine Kopie der Oum-Kalthoum-Aufnahme, gut gemacht, aber ohne deren Kraft.

Oum Kalthoum Original HIER (Ausschnitt, durch künstlichen Hall verschlimmbessert)

Die Verherrlichung Oum Kalthoums im Café, das ihren Namen trägt. An der Wand ein Bild ihres Textdichters Ahmed Rami.

HM Foto Oumm Kalthoum u Ahmed Rami Foto Hans Mauritz (Kairo 2013)

„Robayyat al Khayyam“ Text: Ahmed Rami, Musik: Riad as-Sunbati: Die vollständige, originale Aufnahme (ohne zusätzl. Hall, aber nicht unbedingt zwingend visualisiert)

Der Anfang meiner Notation (Transkription des arabischen Textes: Hans Mauritz):

Rubayyat Anfang

Und… könnte vielleicht jemand missbilligend fragen …. wie konntest du nun aus fadenscheinigen Gründen so weit vom Thema der arabischen Sprache  abweichen… und noch viel weiter: vom Thema der vergangenen Woche, Arnstadt, Wechmar usw.???

Ich würde antworten: ganz einfach, das hängt doch alles zusammen! Vorausgesetzt die Ohren bleiben weich und offen. Man kann ohne Irritation nach einer Bachschen Toccata ein arabisches Taqsim hören und weitergehen mit einem Contrapunctus aus der Kunst der Fuge. Und darf ich auch an die kalligrafischen Einlagen und Blumenmuster erinnern? Lassen Sie mich mit einem berühmten Siegel schließen; es wird Ihnen nicht schwerfallen, im Angebot des Verlags Kubri eine arabische Parallele zu finden…

JSB JSB

Ich wähle einstweilen diese:

Wissen ist Licht

Normalität bewahren

Man könnte sagen – und ich habe es mir gesagt -, in Nizza oder in der Türkei könnte die Welt zusammenstürzen, und DU tust so als sei dein nächstes Umfeld, dein Interessenkreis weiterhin das Wichtigste auf der Welt!? Die versunkene Welt Bachs zum Beispiel? Wer aber weiß, ob man dies nicht braucht, um sich abzuschirmen: damit nicht die eigene Welt vorzeitig in sich zusammenstürzt. Aus Höflichkeit gegenüber den Tatsachen sozusagen.

Ja, so ist es. Und das bedeutet ja nicht, dass einen nicht trotzdem die anderen Aspekte fortwährend beschäftigen, die allenthalben in den Medien klug oder weniger klug abgehandelt werden, in Facebook und Twitter sogar mit größter Erregung und zwar millionenfach.

Aber am meisten nachgewirkt hat wieder einmal die Haltung von Herfried Münkler, die ich im Prinzip schon kenne, deren Wirkung sich jedoch verstärkt, wenn ich ihn reden höre. Zum Beispiel in der Tagesschau am 15. Juli, im Gespräch mit Caren Miosga. Es mag zunächst wie Zynismus klingen, ist aber nichts anderes als Stoizismus, die bewährte philosophische Einstellung gegenüber einer Welt, die außerhalb unserer Reichweite liegt. Wer den klaren Verstand walten lässt, wirkt leicht gefühllos, andererseits muss man bedenken, das die grassierende emotionale Heftigkeit oft genug nur der bloßen Selbstdarstellung dient und künstlich ein Mitgefühl forciert, das kostenlos ist, und dessen Kern oft genug einer Prüfung nicht standhält. Selbstverständlich weiß Münkler, dass ein Wort wie „Vergleichgültigung“ in einer Gesellschaft, die Emotionalität per se verherrlicht, rein provokativ wirken muss. Es ist halt das Gegenteil von Panikmache. Die Trauer um nahestehende Menschen, oder um solche, mit deren Schicksal man sich identifiziert, ist davon unberührt.

http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-199933.html

HIER

Text ab 2:22 bis 4:17

MÜNKLER Ich glaube, dass einer der Modi, die unsere Gesellschaft zur Verfügung hat, „mürrische Indifferenz“, auch in diesem Falle eine angemessene Reaktionsweise ist. Wir erleben ja immer wieder Unglücke, Unfälle, und werden damit fertig und führen unser Leben weiter. Nun ist es sicher etwas anderes, ein Verkehrsunfall, eine Flugzeugkatastrophe auf der einen Seite, und ein Anschlag mit einem Täter auf der anderen Seite. Aber wenn wir so tun, als wäre das gewissermaßen in diesem Sinne eine Katastrophe, also die Intention des Attentäters oder des Verbrechers herausdividieren, dann haben wir im Prinzip die Möglichkeit, das was ich „mürrische Indifferenz“ nenne …, wir nehmen das so hin, zur Kenntnis, und nach einigen Tagen führen wir das Leben weiter, wie wir es auch ohne diesen Anschlag vollführt hätten. Das ist eine sehr stabile Abwehrlinie.

MIOSGA Und das bedeutet also, dass wir mit der Gefahr leben müssen? Ist das der Preis, den wir zu zahlen bereit sein müssen, wenn wir eine freiheitliche Gesellschaft behalten wollen?

MÜNKLER Nun leben wir ja sowieso mit Gefahren der unterschiedlichsten Art: dass wir uns infizieren, uns emm .. mit Haushaltsgeräten einen Schaden zufügen und derlei mehr. Und die Statistiker wissen auch, dass die Risiken in diesem Bereich sehr viel größer sind, jedenfalls wenn wir es auf die einzelne Person rechnen, als einem terroristischen Anschlag zum Opfer zu fallen.

Wir müssen eine gewisse Form der Vergleichgültigung psychischer Art – nicht politischer Art, da muss schon reagiert werden -, aber zunächst einmal psychischer Art hinbekommen, um die Wucht dieses Angriffs herauszunehmen und ihn tendenziell ins Leere laufen zu lassen.

Man lese dazu auch den Blog-Beitrag HIER und die dort gegebenen Links.

19.07.2016

Münklers Anspielung auf die Haushaltsgeräte – während wir uns über Terror echauffieren – hat Tradition:

Der Kurzfilm zeigte uns, wie blöd wir eigentlich sind: Zwei Menschen sind seit 2001 bei Terrorattacken getötet worden. Dagegen gab es 6700 tote Fahrradfahrer und 90.000 Leichen durch Unfälle im Haushalt. Die Chance sei größer, eine Million im Lotto zu gewinnen, denn bei einer Attacke zu sterben, so der Bericht.

So in einem STERN-Artikel vom 20. Januar 2015. Der Politpsychologe Thomas Kliche ist zu Gast bei „Hart aber fair“, siehe HIER.

Ich komme darauf durch die Lektüre der Tageszeitung:

Terror ST 160719 (Link folgt)

Angefangen hatte ich oben mit einer Anspielung auf „die versunkene Welt Bachs“. An dem Buch von Volker Hagedorn fasziniert mich aber u.a. das, was vielleicht andere Leser stört: die immer wieder versuchte Anbindung an die gegenwärtige Situation und sei es der mühsame Recherche-Weg des Verfassers selbst. Oder die Bemerkung, – anlässlich der Gräuel des 30jährigen Kriegs: dass damals mehr Menschen gestorben seien als im Zweiten Weltkrieg -, kann man das glauben? Wie bringt er überhaupt die authentischen Berichte von damals ans Licht? (Und warum? könnte der friedliebende Alte-Musik-Hörer in aller Naivität fragen.)

ZITAT

Irreal, diese Chronik im ICE nach Erfurt zu lesen, online, bequem die Seiten ansteuernd, die Happe, Jahrgang 1587, Sohn eines wohlhabenden Waidhändlers, vor 380 Jahren schrieb. Die 1785 Seiten, bis heute aufbewahrt in der Bibliothek der Universität Jena, sind auf einer digitalen Plattform der Universität Göttingen zu lesen, erschlossen mit differenzierter Suchfunktion, rechts das Original, heranzoombar, links die Transkription, in der sich zu jedem unvertrauten Begriff, jedem Namen eine Erläuterung aufklappen lässt. Eigentlich müsste damit besonders Volkmar Happes Hoffnung erfüllt sein, der seine Chronik merklich mit dem Ziel geschrieben hat, mit seiner Schilderung des Elends spätere Leser zur Arbeit an einer besseren Welt zu motivieren. Doch verursacht, je länger der ICE durch eine funklochfreie Strecke fährt, diese Lektüre auch Schwindelgefühle: Zu groß ist der Kontrast, mit Blick aus dem Fenster auf Landschaften, durch die schon lange keine Heere mehr ziehen, zu den Umständen, unter und zu denen Happe seine Seiten füllte.

Dann wieder siegt die Gravitation dieser fernen Realität, mit dem Erfolg, dass die Mitreisenden, der Kaffeeverkäufer, der Zugbegleiter wie durchscheinend werden. Das Mädchen schräg gegenüber, das am rosa Smartphone einer Freundin Banalitäten von einer Party erzählt, wirkt wie die Kunstfigur einer heilen, virtuell erweiterten Welt. Aber die ist ja nicht heil. Auf demselben Weg wie Happes Zeilen erreichen uns die Nachrichten von Gräueln des „Islamischen Staates“, von Leuten, deren Grausamkeiten an Vielfältigkeit hinter dem Dreißigjährigen Krieg zurückbleiben, den Katalog um moderne Waffen, Smartphones und das Internet erweitern, über das sie die ganze Welt an ihren Taten teilhaben lassen.

Quelle Volker Hagedorn: Bachs Welt. Die Familiengeschichte eines Genies. / Rowohlt 2916 / Seite 78

Zur Chronik von Volkmar Happe hier: ( http://www.mdsz.thulb.uni-jena.de/happe/erlaeuterungen.php )

In „Bachs Welt“ hinein per Internet

Endlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen (oder was hat man auf den Ohren?): Ich muss dieses Buch vor dem Computer lesen, um mit gleichbleibendem Interesse dabeizubleiben, – das läuft nur über die Musik, nicht über die endlose Schilderung zahlloser Schlachten, Gräuel und Gemetzel. Ab sofort versehe ich jeden Bach mit seiner Ordnungszahl, und jedes genannte Musikstück versehe ich mit einem youtube-Hinweis. Ich vermute, dass der Autor keine Musik beschreibt, die nicht als Aufnahme vorliegt (absurd wäre, wenn er sich nur an Notenleser wendete).

Also, der erste Schritt ist der, die im Buch genannten Bache mit den Zahlen der im Anhang des Buches gegebenen Ahnentafel zu versehen. Ich befinde mich am Ende des Kapitels zwei, Suhl interessiert mich von vornherein weniger, vielleicht deshalb, weil ich den Städtenamen nur von Hinweisschildern auf der Autobahn kenne und von einem unsäglichen Schlager („ja die Ober-suhler Blasmusik“). Als ob Hagedorn es geahnt habe, beginnt er sein Kapitel mit der Frühgeschichte des Planeten Erde. Das scheint so grotesk, dass ich länger dabei verharren musste, nicht ohne zu lächeln. Aber ja doch! Es ist richtig, unseren Jahrtausend-Bach in diesen großen Kontext zu stellen, und nochmals: JA. Unseren Bach Nr. 24.

Hagedorn Stammbaum

ZITAT

Die Kontinentalplatten haben sich ineinander verkeilt, gequetscht, aufgestaucht zu Fünftausendern im äquatornahen Thüringen. 360 Millionen Jahre ist das her. Neunzig Millionen Jahre später senkt sich das Gelände. Vulkane brodeln, ein tropisches Meer dringt herein, in das Magma quillt, Metalle werden ausgefällt, Eisen, Kupfer, Silber, Mangan, Gold, in weiteren Millionen Jahren von Ablagerungen bedeckt. Wieder hebt sich die Erdkruste, noch 65 Millionen Jahre bis heute, der Thüringer Wald wird erkennbar, aber noch lange kein Mensch, während die Saurier längst verrottet sind. Was Europa wird, ist vom Äquator nach Norden gewandert. Die Zeit rast, nur noch viertausend Jahre bis heute (…).

Meine Güte, wann wird er auf Bach kommen, wie der Pastor in der volksnahen Predigt endlich auf Gott? Sein Ziel aber ist Suhl! Waffen aus dem Eisen der Bergwerke dieser Stadt! Und dann der ganze 30jährige Krieg und die Pest. Und vor allem Bach 4 und Bach 5, und mit dem letzteren werden wir bald bei den Zwillingen 11 und 12 sein, von denen der erstere Johann Sebastian Bachs Vater werden sollte. Doch gemach!

Ich warte noch auf die andere Linie, aus der Bach 13 hervorgehen soll, der genau 300 Jahre vor meiner Generation geboren wurde (1642) und fast am selben Tag wie ich: Johann Christoph, dessen Lamento ich nie ohne Erschütterung hören werde. Als sei es gestern geschrieben worden: wer es nicht kennt, muss es hören und jetzt jede Lektüre unterbrechen. (Für später: Das Lamento wird bei Hagedorn auf den Seiten 125 bis 127 behandelt.)

ZITAT

Johann steht auf. „Ich zeig dir was.“ [Nr. 4 wird seinem Bruder Nr. 5 eine selbstgeschriebene Partitur zeigen]

Mit einigen Notenblättern kehrt er zurück, frisch liniert und beschrieben. Christoph liest. Sechs Stimmen. „Unser Leben“. Zweimal werden die Worte zu Anfang gesungen, in großen Akkorden. Zuerst c-Moll, mit kleiner Bewegung der Mittelstimmen zu G-Dur erleichtert, von dort in einem großen Schritt zu Es-Dur, ein Schritt, der von alten italienischen Quellen dieser Musik kündet und von einem ganzen Leben.

Spätestens hier ist man begierig, die Musik zu hören, nicht wahr? Es geht über diesen Link. Fortsetzung des Zitates zur gleichzeitigen Lektüre:

Unser Leben, sagt Johann in diesen ersten Takten, ist groß, schwer, reich. Aber es ist auch so leicht, dass es verweht. Aus dem B-Dur lösen sich eilige Noten. „Unser Leben ist ein Schatten.“ Der Schatten verflüchtigt sich nach oben in Sechzehnteln des Soprans, dann des Alts, dann beginnen die Schatten, in Terzen geführt wie Flatterbänder, sogar miteinander zu spielen.

Christoph kennt die Worte, sie stehen im Buch Hiob. „Und was du zu erst zu wenig gehabt hast“, übersetzt Luther, „wird hernach fast zunemen. Denn frage die vorigen Geschlechte / vnd nim dir fur zu forschen ire Veter. Denn wir sind von gestern her vnd wissen nichts / Unser Leben ist ein Schatten auff Erden. Sie werden dichs leren vnd dir sagen / vnd ire rede aus irem hertzen erfur bringen.“ Das alles hört er lesend mit in dem Satz, den Johann in Töne gebracht hat. Aber die folgenden Worte kennt er nicht.

Ich weiß wohl, daß unser Leben

oft nur als ein Nebel ist,

denn wir hier zu jeder Frist

mit dem Tode seind umgeben,

drum ob’s heute nicht geschicht

meinen Jesum laß ich nicht!

Drei Stimmen singen das, die zuvor nicht da waren, „Chorus latens“ hat Johann darüber geschrieben, „versteckt“, Alto, Tenore, Basso. Die andern sechs lösen sie lauter ab, sie wiederholen: „zu jeder Frist“. Und so tun sie es wieder mit der sechsten Zeile. Es sind die Lebenden, die von den Toten lernen, vom kleinen Chor aus dem jenseits, ohne den Glanz des Soprans, des Knabenalters, ein Chor der Väter, der den Söhnen das vorspricht, was sie dann in Zuversicht wenden.

Quelle Volker Hagedorn: Bachs Welt Die Familiengeschichte eines Genies / Rowohlt 2016 / S.95f

Hinzuzufügen wäre vielleicht, dass die zitierten Lutherworte nicht gesungen, sondern von Christoph mitgedacht  werden. Bei dem Liedvers handelt es sich um die 4. Strophe des Chorals von Johann Flittner („Ach, was soll ich Sünder machen“), auf den Hagedorn zu Ende des Kapitels näher eingeht.

***

Ein anderes Werk von dem oben genannten Christoph Bach (13), das Hagedorn im gleichen Kapitel ab Seite 132 behandelt, ist hier zu hören:

Von Johann Christoph Bachs (13) Bruder Johann Michael Bach (14) stammt die Komposition mit dem ostinato-ähnlichen „Halt was du hast“ zu dem Choral „Jesu meine Freude“. Er habe damit „die Höhe seiner Kunst erreicht“, schreibt Hagedorn Seite 135 und referiert ausführlich über die Rolle des Chorals im allgemeinen und insbesondere in diesem Werk:

Nun setzt Johann Michael [14] fort, was bei Johann Bach [4] begonnen hat und bei Johann Sebastian [24] die letzte Höhe erleben wird. Er steigert die Kraft des Chorals, indem er ihn zerlegt. Die Choralmelodie, von anderer Musik unterbrochen, beweist gerade dadurch ihre Bindungskraft, dass die Hörer sie weiterdenken und wieder aufnehmen können, zugleich wirkt sie wie etwas immer Vorhand[en]es, Ewiges, das wie durch Fenster zu erblicken ist. Michael stellt den Zeilen von „Jesu meine Freude“ die von „Halt, was du hast“ gegenüber. Während im Choral auf Ehren und Schätze verzichtet wird, glänzen dort die „Krone“ und das „herrliche Reich“, von dem die Offenbarung des Johannes spricht: „Ich komme bald, halt, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!“ Die Krone steht für das Gottvertrauen.

Mit Bach in Arnstadt und Wechmar

Man könnte argwöhnen, dass es bloße Bildungsbeflissenheit sei, wenn jemand von Bach oder Goethe im wörtlichsten Sinne bewegt wird und ausgetüftelte Autostrecken zurücklegt, in bestimmten Städten endlos hin und her läuft, Berge hinauf, in Landschaften schaut und versucht, all dies zu lesen, wie ein vor 200 oder 300 Jahren geschriebenes Buch: wie hat er das gesehen, wie ist er vorangekommen, zu Fuß, zu Pferd oder mit der Postkutsche? Hat er stark übertrieben, als er schrieb, er sei in in 4 Stunden von Weimar bis (Groß-)Kochberg gelaufen. Wieviel Km sind das??? (Es sind 28! durch Vollersroda, Saalborn, Schwarza, Neckaroda.) Im Fall Goethe – ganz krass – will man aber vielleicht einfach wissen: Hat er nun mit Frau von Stein geschlafen oder nicht? In diesem goldenen Haus oder Käfig, – wenn der Hausherr unterwegs war oder mit seiner stillschweigenden Duldung? Nein, es ist keine Bildungsbeflissenheit: es sind bestimmte Zeilen von Goethe, der „Faust“ in der Tonaufnahme unter Gründgens (1957?) – wir kannten vieles auswendig, freiwillig lernend, auch Gedichte, „Urworte.Orphisch.“ Darunter tat ichs nicht. Oder: Sagt es niemand nur dem (oder den?) Weisen, weil die Menge gleicht verhöhnet, das Lebend’ge will ich preisen, das nach Flammentod sich sehnet. Oder alles, was Schubert vertont hat. Ich denke dein! Von Bach gehen mir durchaus nicht täglich die Kontrapunkte der Kunst der Fuge durch den Kopf, aber jederzeit die unglaublichsten Melodien, z.B. „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ oder der Mittelteil des ersten Satzes der Klavier-Partita in c-moll, – wer außer Bach konnte eine so anmutige und schmerzliche Girlande in die Luft zeichnen? Man höre hier, ich meine ab 1:00, aber bitte nicht ohne den pathetischen Anfang…

Und In diesem Saal des Gasthauses Goldene Henne könnte sich die Familie Bach um 1705 getroffen haben… Oder gegenüber in der Goldenen Sonne…

Arnstadt Thüringer Arnstadt Goldene Henne

Und so soll er damals, als junger Mann, ausgesehen haben? (Nein! ich meine natürlich unten!) –  Der Beschreibung nach könnte er z.B. lässig im Orgelspiel innegehalten und sich zurückgelehnt haben. Vielleicht einer göttlichen Eingebung nachlauschend? Aber ich vermute, zugleich soll betont werden soll, – wieviel Kinder er gezeugt hat. Schweigen wir von Jungfer Barbara. Es ist Markttag. Wir dürfen schwätzen.

Arnstadt Denkmal Arnstadt Denkmal b

Arnstadt Marktstand Arnstadt Markt JR1 Arnstadt Markt JR2  Arnstadt Kneipe Kirche Arnstadt Bach-Kirche JR 1  Arnstadt Bach-Kirche JR 2

Arnstadt Bach-Kirche Altar  Arnstadt Bach-Kirche Leuchter JR

Arnstadt Bach-Kirche Orgel   Arnstadt Bach-Orgel allein

Arnstadt Bach-Kirche Crucifixus 2

In Arnstadt gekauft: das soeben erschienene Buch eines Autors, den ich aufgrund seiner Musik-Artikel in der ZEIT schon lange schätze: Volker Hagedorn. „Bachs Welt / Die Familiengeschichte eines Genies“ Rowohlt Reinbek bei Hamburg Mai 2016. ISBN 978 3 498 02817 8 Preis: rund 25 Euro.

Es geht um die Bachs vor Bach bzw. bis in J.S. Bachs frühe Zeit bei seinem Bruder in Ohrdruf, dazu ein „Krimi-Kapitel“ über die Wiederauffindung des Altbachischen Archivs. Ein künftig für jeden Bach-Verehrer unentbehrliches Buch, fabelhaft kenntnis- und materialreich. Trotzdem oder gerade deswegen muss ich hinzufügen: es ist 400 Seiten lang, und man kann es unmöglich in schnellem Tempo lesen. Immer wieder muss man unterbrechen, zurückblättern, Abschnitte und ganze Kapitel zum zweiten Mal lesen. Der Stil – ich schreibe das schweren Herzens – ist eher gelehrt als journalistisch, obwohl es ja von einem Journalisten stammt, der auch noch ein gefragter Musiker ist. Es liest sich etwas schwierig, ist aber keineswegs schwerfällig geschrieben. Vielleicht müsste man es als Lob fassen: der Mann weiß (zu) viel, er verfügt über eine unendliche Stoffmenge, und man könnte nicht sagen, dass irgendetwas daran überflüssig ist. Mein erster Impuls war: dieses Buch möchte ich diesem oder jenem interessierten Freund schenken, – aber ich würde ihm  gleichzeitig einschärfen: es ist eine Zumutung! Du musst es wirklich lesen wollen. Und möglichst in Eisenach, Arnstadt, Wechmar und Ohrdruf gewesen sein.

Das Buch ist unglaublich sorgfältig geschrieben und lektoriert, trotzdem habe ich innerhalb der ersten Viertelstunde einen Druckfehler korrigiert und gebe es weiter, damit der Fluss nicht durch Zweifel unterbrochen wird: auf Seite 19 Zeile 11 soll es nicht Jahrgang 1655 sondern 1555 heißen. Eine andere Stockung als Beispiel: Auf Seite 31 taucht das Wort Waid auf: da ist die Rede davon, dass die männlichen Reisenden am Stadttor von Gotha „in ein Fass urinieren müssen, ein Wegzoll, der von den Färbern der Stadt zur Fermentierung des Waid gebraucht wird“… Ich kenne das Wort Waid nur vom Waidwerk und mag auf Reisen nicht im Smartphone googeln. Aber auf Seite 47 erfahre ich, wie es am 29. Mai 1613 in Thüringen stundenlang hagelte, dass die Geschosse die Größe von Waidballen erreichten und wohl auch die Dächer in Wechmar durchschlugen. Jetzt ist es soweit, also bitte Wikipedia unter Waid. Nein, Färberwaid ist das richtige Wort. Und dort unter „Verwendung“: „Aus diesem Mus wurden faustgroße Bällchen geformt, die sogenannten Waidballen.“ Aha, nicht etwa Taubenei- oder Golfball- oder Kinderkopfgröße: faustdick kam es! Gut, dass wir mal darüber gesprochen haben. – Aber bei dieser wohlwollenden Mäkelei soll es nicht bleiben. Ich muss als Beispiel eine hochinformative Seite zitieren, die verdeutlicht, dass kein Wort überflüssig ist, wenn man einen komplizierten Sachverhalt prägnant und in aller Kürze darstellen will. Vielleicht wird man nur in eine etwas übertriebene Erwartungshaltung gelockt, wenn das Buch gleich mit einem Überfall von Wegelagerern auf den Stammvater Veit Bach und seine Söhne begonnen hat. So kann es unmöglich über 400 Seiten weitergehen, bei solch einem Stammbaum, – den man vor dem rückwärtigen Buchdeckel studieren kann. Man lese doch als erstes das Kapitel Nachbemerkung Seite 397 ff.

Bach Hagedorn a  Hagedorn Bach Inhalt 1  Hagedorn Inhalt 2

Wechmar Landschaft Überfall?

Bachhaus-Suche Wechmar St. Viti (Veit!) Kirche in Wechmar (s.a. hier)

Wechmar Bach-Haus Das Stamm-Nest „unserer“ Bachs in Wechmar

Wenn man das obige Foto anklickt, erkennt man auf dem zweiten Dach ein Storchennest. Es befindet sich in Wirklichkeit auf dem weiter entfernten Schornstein der „Alten Mälzerei“.

Wechmar Störche  Wechmar Bach-Haus Plakat

Der unter dem folgenden Link erreichbare Zeitungsnotiz über einen Storch mit dem Namen Sebastian stammt offenbar vom Mai 2011: hier.

Wechmar Bach-Haus ER

Wechmar Bach-Haus Landkarte

Wechmar Umgebung Überfall!

Das Wort Überfall bezieht sich auf den Anfang des Buches von Volker Hagedorn „Bachs Welt“: da erfindet der Autor tatsächlich einen Überfall auf den ins Heimatdorf zurückkehrenden Veit Bach mit seinen Söhnen. Die Szene hätte damals in einer extrem unsicheren Welt durchaus stattfinden können; ich stelle sie mir gern in dieser friedlichen Landschaft vor. Überhaupt lese ich alles noch einmal und bereue, was bisher an Mäkelei durchschien. Absurd und kleinkariert finde ich die Kritik, die sich ein Rezensent der Zeitung DIE WELT erlaubt, referiert bei Perlentaucher:

Martin Ebel gefällt, wie der Musikjournalist Volker Hagedorn den Alltag der Musikerfamilie Bach nacherzählt. Dass der Autor mitunter fremde Quellen einmontiert, um Lücken zu füllen und es ein wenig lebendiger werden zu lassen, kann Ebel ihm verzeihen, zumal der Autor den Leser ja nicht im Zweifel lässt über sein Vorgehen. Nicht immer interessiert Ebel, was Hagedorn auf seinen Recherchereisen so alles erlebt hat, aber das Musikleben in Arnstadt, Erfurt, oder Eisenach und die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, die Pest-Zeit auch, all das kann der Autor ihm farbig und alltagsnah kredenzen, sodass der Rezensent meint, dabei zu sein. Das tröstet ihn darüber hinweg, dass es für Experten nichts Neues in Sachen Bach nachzulesen gibt. Interessierte Laien kommen in jedem Fall auf ihre Kosten, versichert er.

Was für ein Experte hat denn hier den Experten gespielt??? „Nichts Neues in Sachen Bach“ für Experten, die sich die Wirklichkeit der Bach-Welt vergegenwärtigen wollen? Ist es denn nichts, wenn man „meint, dabei zu sein“??? Und welcher Experte weiß denn, in welcher Form die Realität damals von Musik durchdrungen war (Seite 23!) und wie sie sich in so einzigartiger Form kondensieren konnte? Schon nach den ersten beiden Kapiteln weiß man mehr, fühlt man mehr, als nach zwei Semestern Musikgeschichte, indem man nämlich das Kräftegemenge spürt, das damals in Thüringen und weit darüber hinaus wirkte. Oder wenn es um Italien geht:

Das alles sind nicht Taten einsamer Genies, sondern dicht vernetzter Geister, die auch Traktate schreiben, unzählige Briefe, über Grenzen und Konfessionen hinweg kommunizieren. Dass einer der größten Erneuerer Claudio Monteverdi ist, Kapellmeister am Markusdom im [sic] Venedig, stört die lutherischen Komponisten nicht. Sie begreifen Musik als gemeinsames Projekt gerade zu der Zeit, da in Deutschland die Heere ziehen und die Barbarei sich ausbreitet. (a.a.O. Seite 60)

Wie wunderbar und ideologisch mutig in einem Sachbuch, das Experten jede Menge an unbekannten oder nur zu wenig beleuchteten Fakten bietet!

Mit Goethe in Kochberg und auf dem Kickelhahn

Kochberg d Ich an Goethes Statt?

ZITAT

Als Ehefrau, Mutter und Hofdame der sittenstrengen Herzogin war Charlotte sehr auf ihren guten Ruf bedacht. Bis dahin wußte der Weimarer Klatsch nichts von irgendwelchen Liebesaffären. Ihre Stadtwohnung lag in der Nähe von Goethes Gartenhaus, aber sie vermied es, ihn dort alleine zu besuchen. Sie empfing ihn in ihrer Wohnung, wo oft die Kinder und andere Besucher in der Nähe waren. Der Ehemann allerdings war meistens abwesend. Auf ihrem Landsitz in Großkochberg stand sie weniger unter Beobachtung. Dorthin zog sie sich bisweilen für Monate zurück. Für die Gräfin Götz liegt der Grund dafür offen zu Tage: „Man sagt, daß Lotte den gesamten Winter auf dem Lande verbringen wird, um die üble Nachrede verstummen zu lassen.“ Vielleicht aber wurde diese gerade dadurch angeregt.

Quelle Rüdiger Safranski: Goethe Kunstwerk des Lebens / Carl Hanser Verlag 2013 (Seite 205)

Kochberg a

Der junge Goethe: „Wenn ich mein Herz gegen Sie zuschließen will, wird mir’s nie wohl dabei.“

Kochberg Goethe Der ältere Goethe in ihren Gemächern? (Nur als Statue.)

Aber: wie sagte doch neuerdings ein Kenner der Geschichte? „Ihre Gefühlskälte macht es schwer zu begreifen, was Goethe an ihr fand.“ (Dieter Borchmeyer hier.)

Übrigens ein gutes Büchlein, das man im Schloss kaufen kann und alles Wesentliche, Belegbare, erzählt: GOETHE bei Frau von Stein / Text: Bernd Erhard Fischer / Berlin 2010 ISBN 978-3-937434-33-9 – dieses hier:

Goethe in Kochberg das Theater drinnen

Kochberg c Theater das Theater draußen

Kochberg 1

Kochberg 2  Kochberg 4

Kochberg 6  Kochberg 3

Bei Safranski (Seite 273f) ist über Goethes Besuch in Ilmenau, – in Bergwerksangelegenheiten -, folgendes nachzulesen: Er besteigt „an einem schönen klaren Spätsommerabend [1779] die höchste Erhebung, den Kickelhahn, wo er in einer Jagdhütte übernachtet. Von dort aus schreibt er an Charlotte von Stein, schwelgt in liebevollen Erinnerungen an sie und schildert ihr, wie er sich in Einsamkeit gebettet habe, um dem Verlangen, der Unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen. Daß ihn dort auch ein Brief der Branconi erreichte, verschweigt er; Ihr Brief, wird er ihr später schreiben, hätte nicht schöner und feierlicher bei mir eintreffen können, ihm sei es vorgekommen, als habe sich ein Komet sehen lassen.“ Und Safranski fragt: Die Verworrenheit ? Und meint:

Es war wohl dieses Gefühl, hin und her gerissen zu sein zwischen Charlotte und der Branconi. An diesem unruhigen Abend auf dem Kickelhahn entstand jenes unglaubliche Gedicht der schönsten Beruhigung: [folgt der Text „Über allen Gipfeln“]

Quelle Rüdiger Safranski (wie oben angegeben).

Wir begaben uns auf die Wanderung, um zu sehen, ob das Gedicht noch an der Holzwand der Hütte zu sehen ist, wie man uns erzählt hatte.

Kickel Weg

Kickel 2a  Goethe Kickelhahn

Kickel 5  Kickel 6 Kickel 7 Kickel 8 Kickel 9 Handy-Fotos JR

Kickel xx

Die Ruhe trügt: ich verließ das Häuschen in höchster Eile. (Grund: privat.)

Die alte Stadt und das Fest

Wege an der Rändern der Musik

Rud fest 1 Rud fest 2

Rud fest xx

Rud fest 4

Rud fest 5 Rud fest 6

Rud fest 7

rud fest 9

Rud fest 8

Rud fest 10 Rud fest 21

Rud fest 20 Rud fest 19

Rud fest 22

Rud fest 11 Rud fest 12 Rud fest 13 Rud fest 14 Rud fest 15 Rud fest 16 Rud fest 17

Rud fest 18

Rud fest 27 Schiller und …

Rud fest 24  Rud fest 26

Rud fest 25 … seine Frauen

Rud fest 28

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Rud fest 50 Alle Fotos: E.Reichow

Diese Sicht der Dinge ist zweifellos subjektiv, man muss sich auch die enorme Hitze der Tage dazudenken, das ermattende Herumwandern. Aber ich vermute, die Musik, die Auftritte der Musikgruppen auf den Bühnen und Plätzen, all das wird ohnehin von anderen fabelhaft dokumentiert. Ich empfehle zur Probe eine schöne Reportage aus dem Jahr 2006, als die Bretagne im Mittelpunkt stand: Hier.

Wo mag ich gewesen sein?

Weit im Osten? 

Hier nur zwei Blicke von dort in etwa gleicher Richtung (nach Westen):

Rud 21Uhr15 um 21:15 Uhr

Rud 22 Uhr 02 um 22:02 Uhr

Schauen Sie oben nach rechts unten, unten jedoch nach links oben.

(Jeweils nach dem Anklicken natürlich. Die Lösung des Rätsels folgt unverhofft.)

Immer wieder geht etwas Magisches von diesem Ort aus:

Magic Flute a

Die Vorgänger-CD dieser Neuerscheinung Magic Flute, nämlich Magic Kamancheh, erhielt von der Jury „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ den Jahrespreis 2015, und ich durfte ihn beim Rudolstadt Festival überreichen, weil viele der hier veröffentlichten Aufnahmen im Zusammenhang mit diesem Festival (oder mit dessen künstlerischem Leiter Bernhard Hanneken) entstanden oder compiliert sind. Auch wenn das von Jürgen B. Wolff gestaltete Programmheft auf den ersten Blick mehr auf Massen-Manie als auf die Magie eines einzelnen Instrumentes ausgerichtet scheint: hier ist Platz für alles.

Rudolstadt Festival Programmheft JR & BH Rudolstadt Preis a Rudolstadt JR & BH

Rudolstadt BH Bernhard Hanneken

Die Auflösung des Rätsels: auf den Abend-Fotos erkennt man die Heidecksburg von Rudolstadt. Hinzudenken muss man sich ferne Trommelklänge, die aus dem Heine-Park herauftönen, hinauf zu einem paradiesischen Ort: der Außenterrasse des Panoramahotels am Marienturm.

Die Stationen meiner Reise waren:

  1. Rudolstadts Festival und Übergabe des Schallplattenpreises
  2. Kochberg, Kickelhahn und Goethe
  3. Arnstadt, Wechmar und der junge Bach

Und von alldem soll in den nächsten Beiträgen mit viel Bildern, Buchhinweisen und wenig Worten die Rede sein.

Marienturm a Marienturm b

Vor Sonnenuntergang am Marienturm (Fortsetzung siehe wieder ganz oben)

Näheres hier . (Ein Widerspruch: „die Seele baumeln lassen“ und „Wenn Sie bei offenem Fenster schlafen, werden Sie von den Vögeln des Waldes geweckt“ – um den 10. Juli herum ist es diese eine Mönchsgrasmücke am Abhang und die andere, weiter entfernt. Unentwegt. Ihre Unruhe macht mir Freude, lässt mir allerdings keine Ruhe, – wie könnte meine Seele baumeln? Dort auch ein Zilpzalp. Ich warte auf die Drossel… im Schlosspark Kochberg werde ich sie demnächst am hellen Tag in schönsten Flötentönen erleben.)

Rud Heidecksburg u Felder

Angenehme Zeitgenossen (und andere)

Trappeto im ST 160707

Nun berichtet auch das Solinger Tageblatt, siehe vollständig hier. Dort auch das Foto (Stefan Morgenstern) in Gänze. Deutschlandlandradiokultur reagierte schon ziemlich früh, siehe hier. Und noch direkter hier.

Ich habe keinen Grund zum Stolz (ich bin ja 1966 selber „zugereist“), aber es ist auch mein Stadtteil Solingen-Ohligs. Ich bin also stolz auf unsere Italiener, weil sie sich bei uns wohlfühlen. Wenn man so will, liegen meine anderen Heimaten (die meiner Eltern) in Lohe bei Bad Oeynhausen und in Roggow bei Belgard (heute Polen). Und jetzt hier.

Themenwechsel – dieselbe Zeitung, derselbe Tag, ein anderer Aspekt: sie suchen keine Heimat, die sogenannten Hassprediger. Heimat und Hass haben nichts gemeinsam. Und was sie dort drüben suchen, existiert nicht. (Soweit ich weiß.)

Salafisten in Solingen direkt ins Solinger Tageblatt

Information über „Heimat“ hier, über „Salafismus in Deutschland“ hier.

Die öffentliche Diskussion über Weltanschauung geht weiter, höher und tiefer:

Weltanschauung ST 8. Juli 2016 Seite 7

Kleiderordnung ST 8. Juli 2916 Seite 8

Und weiter mit anderen aktuellen Themen

Meine liebsten Italiener: Trattoria mediterranea hier / Mamma Rosa hier (Spitzenkoch!)
Das Lokal L’oceano, das man im Film über Trappeto sieht, existiert nicht mehr.

Bei Kurzaufenthalt in Hbf Solingen kann man auch schräg gegenüber vom Bahnhof eine sehr gute Pizza bei „Pinocchio“ bekommen.

Beethovens Neue Einfachheit

Opus 127

(Text noch provisorisch. Oder improvisatorisch. Geht vielleicht weiter, wenn wir wieder proben.)

Ich kenne die Assoziationen, die der Titel dieses Beitrags hervorlockt, und nehme sie in Kauf. In dem Moment, da man einräumt, dass dieser bedeutende Komponist, von dem man Größtes erwartet, nichts besonders Bedeutendes sagen will, hat man die richtige (entspannte) Höreinstellung gewonnen. Gehört dazu nicht auch, dass auf ein Opus von solcher Ausdehnung als op. 128 ein leichtfertiges Liedchen folgt? („Der Kuss“).

Wenn ich allerdings dergleichen schreibe oder lese, wird mir ganz unbehaglich. Denn nichts ist einfach, und neu ist nun auch wieder nichts – oder vielmehr ALLES – nach fast 200 Jahren. Ich kann mich nicht einfach darin einrichten. Oder nicht mehr. Wie verhielt es sich eigentlich mit den Mehrheitsverhältnissen, auf die man in der Wiener Kultur nach 1820 rechnen konnte? Hat das Schuppanzigh-Quartett in den damals vergangenen 20 Jahren nicht für angemessenes Publikum gesorgt? Ist vielleicht bloßes Prestige eher messbar? Waren es dieselben Leute, die nun Rossini und Paganini zujubelten? Gab es eine gemeinsame Schnittmenge? Für 1804 galt vielleicht folgendes:

Es ist denkbar, dass Schuppanzighs Konzertpläne für den  Winter 1804/05 Beethoven dazu [zu neuen Quartetten] anregten, denn durch öffentliche Konzerte war er erstmals für die Verbreitung seiner Kammermusik nicht mehr ausschließlich auf den Wiener Adel angewiesen. Der neuartige, geradezu sinfonische Stil seiner nächsten Quartette lässt erkennen, dass er an die akustischen Verhältnisse größerer Konzertsäle dachte.

Quelle Gerd Indorf in : Ludwig van Beethoven / Die Streichquartette (Hrsg. Matthias Moosdorf) Bärenreiter 2007 Seite 66.

„Verbreitung von Kammermusik“. Muss es nicht in jener Zeit, als sie entstand (und ihre Strukturen passgenau der geistigen Situation der Zeit entsprachen), den größtmöglichen Bedarf gegeben haben? Oder: stimmt vielmehr, dass es zu keiner Zeit eine solche Verbreitung von anspruchsvoller Kammermusik wie heute gegeben, rein zahlenmäßig, während sie zugleich nicht mehr passt ? Ist nur Prestige hinzugekommen oder auch Verständnis? „Einfachheit“ hat damals wie heute letztlich nichts mit dem Verlangen des Publikums zu tun, sondern damit, dass andere Stillagen, Sichtweisen, psychische Verhältnisse, gefühlte Relationen zwischen dem Einzelnen und der Masse in den Vordergrund gerückt sind. Also – Unterforderung als Anreiz!?

Gerade für uns heute scheint klassische Musik besonders schwierig, wenn sie sich einfacher gibt. Wenn sie uns entgegenkommt. Sie soll uns doch adeln, über unser Alltagsniveau (und das der anderen) hinausheben. Der Respekt vor Beethovens „Großer Fuge“ ist immens, aber es ist eine Sache des Ehrgeizes zu zeigen, dass man ihr gewachsen ist. Man will ihr nicht ausweichen. „Wie ein roter Faden zieht sich die Betrachtung der Großen Fuge op. 133 durch die Kapitel dieses Buches“, so liest man auf Seite 154. Daher am Ende die Zugabe der DVD „Ein musikalischer Bilderrausch“. Warum aber sollte man sich nicht – sagen wir – grundsätzlich für die Balance der Quartette op. 59 entscheiden?! Und dort stehenbleiben wollen? Wieso soll ich heute mit Hilfe des Visuellen begreifen, dass sich in einem höchst komplexen und schwierigen Werk „alle Facetten des Alltäglichen finden (…) genauso wie Banales und Erhabenes“? Während ich im Leben eine strenge Auswahl treffe.

Der Rausch der Bilder als Brücke der Erfahrung ist ein künstlerischer Versuch einer zeitgemäßen Annäherung an dieses Werk – offen im Ergebnis wie das Leben selbst.

So klingt in diesem Büchlein die Stimme des Leipziger Streichquartetts. Und gerade durch diesen visuellen Ansatz, in diesem Räderwerk der Bilder und Filmsequenzen, zeigt sich diese Stimme nach fast 10 Jahren als besonders zeitbedingt. Und im Fall des Opus 127  finde ich ganz andere Schwierigkeiten und suche nach ganz anderen Deutungen, rein verbalen vielleicht. Vielleicht bedarf es nur einiger Stichworte, um uns bei falschem Kurs den Wind aus den Segeln zu nehmen, den Rausch der intellektuellen Erwartungen zu mäßigen. In diesem Sinne die folgenden Konsultationen.

Quellen 

Joseph Kerman: The Beethoven Quartets / Seite 229 – 238 / Greenwood Press, Westport Connecticut 1966 (Reprint 1982)

Martin Cooper: Beethoven The Last Decade 1817-1827 / Seite 349 – 358) Oxford University Press / Oxford New York 1970 (Reprint 1985)

Basil Lam: Beethoven String Quartets BBC Music Guides Ariel Music London 1975 Seite 75 – 83

(Hrsg. Riethmüller, Dahlhaus, Ringer) Beethoven Interpretationen seiner Werke  Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1996 Band 2 Seite 278 – 291 Streichquartett Es-Dur op. 127 (William Kinderman)

Gülke, Indorf, Korfmacher, Moosdorf, Platen: Ludwig van Beethoven Die Streichquartette / Seite 91 – 96 / Bärenreiter Kassel 2007

Gerd Indorf: Beethovens Streichquartette / Rombach Verlag Freiburg i.Br. / Berlin / Wien 2. Aufl. 2007

Ich hatte bereits an anderer Stelle aus dem CD-Text ( „Auryn’s Beethoven“ TACET T 126) von Thomas Seedorf zitiert:

In keinem seiner vorangegangenen Quartette hat Beethoven jedoch dem langsamen Satz ein solches Gewicht und eine solche Ausdehnung gegeben wie in den Variationen in op. 127; nie zuvor hatte Beethoven im Kopfsatz eines Streichquartetts auf äußere Dramatisierung des musikalischen Geschehens zugunsten einer alle Stimmen des Ensembles erfassenden Kantabilisierung verzichtet; kein anderes Scherzo war bislang aus so minimalistisch miteinander verstrickten Kleinstelementen erwachsen, kein Schlusssatz schließlich hatte je eine solche innere Ruhe bei äußerer Bewegtheit.

Man mag alle formalen Details und biographische Hinweise aus Indorfs zuverlässiger Monographie entnehmen, inhaltlich Weiterführendes hat mir am meisten das Buch von Joseph Kerman gegeben, indem es Fragen beantwortet, die sich mehr beim Spielen des Quartetts stellen als beim Studium der Partitur. Gerade eine gewisse Ratlosigkeit des Musikers angesichts des ersten und des letzten Satzes führt hier zu  einem positiven Ergebnis. Was hilft eine Kantabilisierung der Musik, wenn ich nicht mit Begeisterung in den Gesang einstimme? Wird nicht alles überboten und ausgestochen durch den langsamen Satz? Und schon sieht man den ersten und letzten als lange Verlegenheiten, wohl wissend, dass das nicht richtig ist.

Ich könnte aber auch bei dem technisch vertracktesten Satz den Hebel ansetzen, bei dem dritten: Scherzando vivace, zumal ich schon länger auf den Rhythmus fixiert war (siehe nochmals hier). Und schon fühle ich mich bei Kerman in besten Händen, wenn er das Ganze überblickt:

Song, not drama, grounds the tender first movement of this quartet, and song, however superbly und strongly molded, inspired the theme and variations of the Adagio. 

Somewhere the later movements had to find a place for another quality – for something tougher, more intellectual, and more disruptive. As Beethoven planned the total sequence of feeling, the Finale was to return to the relaxed simplicity of the opening, leaving only the Scherzo to introduce the essential note of contrast. [Dem Oberbegriff Contrast hat Kerman das ganze Kapitel 8 gewidmet, davor stand Voice, danach kommt Fugue.]

Indeed the Scherzando vivace is one of Beethoven’s most explosive pieces, bursting with energy and malice, crackling with dry intelligence. To make the dance movement the center of tension in a cyclic work was in any case unusual, though something of the sort had been accomplished in the earlier Eb Quartet, Op.74.

Internal high contrast, I think one can say without forcing the case, is the clue to the quality of this movement in itself, as well as to its admirably calculated role within the quartet as a whole. (S.230)

Dies und die nächsten Zeilen, die ich später hinzusetzen werde, reichen, um mich für ein paar Stunden Arbeit zu motivieren, – inclusive sorgfältiges Üben des Scherzando-Satzes…

(Fortsetzung folgt)

LINK ZUR MUSIK HIER (Auch zu den Einzelsätzen!)

And then the Finale: one of Beethoven’s sweetest and simplest-sounding, as well as one oft the most perfectly conceived and executed. The folklike tone is so magical and true, so lively and calm, that one feels solemn to talk about subtleties of construction, long-term harmonic relationships, goals and contrast – all that. But folk accents can sound banal just as easily as enchanting. What sets and assures the tone is the way the musical elements are put together. (S.234)

It is the clownish A♮ that emerges as the final irreducible essence. (S.238)