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Parsifal 25. Juli Live-Stream

Warum nicht ernst machen mit der virtuellen  Real-Präsenz. Oder wie bezeichne ich die Situation rasant genug? Ich hörte zwar, es ist inzwischen leichter, Karten für Bayreuth zu bekommen als in früheren Jahren, Gelegenheit für eine reale Mega-Präsenz also. Warum sollte ich mir nicht diesen Traum erfüllen? Nein, früher war es einer, jetzt gibt es andere Träume. Aber warum nicht nach Essen in die Lichtburg fahren und den Parsifal quasi live im Saal miterleben, – leicht zeitversetzt. Warum denn das? Warum mit Publikum, das mich stört, und mit langen Pausen, die ich nicht selbstbestimmt fülle. Falls es wieder heiß ist, würde ich zwischendurch duschen wollen. Und wenn ich es noch liver (zumindest kaum zeitversetzt) am Arbeitstisch miterleben kann, mit dem Klavierauszug vor mir, den ich bis dahin am Instrument gründlich repetiert haben könnte… Außerdem könnte ich immer wieder in Screenshots festhalten, was ich sehe. Ich hätte bis dahin auch Dahlhaus wiedergelesen, und allerhand, was ich aus meiner Wagner-Zeit noch greifbar habe, incl. dieses damals verschlungene Buch von Curt von Westernhagen, bis ihn  Rudolf Stephan in Darmstadt – als noch Carl Dahlhaus mit uns im Café-Zelt (mit Cognac angereicherten) Kaffee trank – im persönlichen Gespräch einen „Troglodyten“ nannte. Wir fragten: Was ist das? („Ein Höhlenbewohner“). 1933 hatte er schon „Richard Wagners Kampf gegen seelischen Fremdherrschaft“ beschrieben. Nach dem Krieg noch sinnvollerweise als Troglodyt aktiv. Doch Dahlhaus (Friedrich Verlag Velber 1971) bleibt:

Dahlhaus Wagner  Dahlhaus Wagner Dialektik

Ja, so recht: das Christentum philosophisch, und – Klingsors arabische Welt? Ein dialektisches Gegenüber, gewiss, etwa eines, das aufgehoben wird?

Hier ist der Termin:

https://www.br-klassik.de/concert/ausstrahlung-775304.html oder man klickt: HIER !!!

Und in diesem Moment kommt (9:58 Uhr) folgender Hinweis:

Unter dem Titel »Zeitgeist« fördert die Audi AG, die zum Volkswagen-Konzern gehört, laut eigenen Angaben »den Dialog mit kreativen Köpfen aus verschiedenen Disziplinen und schafft Raum für kreative Experimente«. Neuestes Ergebnis dieser zeitgeistigen Marketingaktivität, in der nicht mehr simple Werbefilmchen gedreht, sondern »progressive Kunstfilme geschaffen« werden, ist ein etwa zehnminütiges Video, das von Richard Wagners Parsifal »inspiriert« wurde und so ziemlich jedes Klischee, das zwischen dem Firmensitz Ingolstadt und dem grünen Hügel in Bayreuth auf der Autobahn herumlag, aufgenommen hat.

Koinzidenzen, wie ich sie liebe: nachzulesen HIER .

Fazit von Berthold Seliger:

Einen Vorteil immerhin hat das fiasköse [Audi-]Projekt für den Grünen Hügel: Schlimmer als der Black Mountain-Film kann die Parsifal-Neuinszenierung nicht mehr werden.

Bayreuth Audi Screenshot 2016-07-23 08.07.21

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Regisseur Parsifal unlesbar

Heute (22.07.2016) im Solinger Tageblatt (Foto dpa), hier kann man den Artikel nicht lesen, aber man sieht, was in der Titelzeile aus dem Interview mit Regisseur Uwe Eric Laufenberg als brisant hervorgehoben wird: die Sicherheitslage. (Frage im Text: Haben Sie Sorge, dass es sich auf die Inhalte auswirkt, wenn man anfängt, Theaterhäuser einzuzäunen?)

Mich interessierte vor allem ein Satz des Regisseurs:

Ich bin großer Wagner-Fan und beschäftigte mich, seitdem ich in die Oper gehe – also sagen wir, seit ich 15 war – mit diesen Stücken.

Er hat nicht den Ehrgeiz, alles noch einmal zu hinterfragen, was auf der (Hinter-)Hand liegt, – weder Christentum noch Islam. Das ist heute eine aufgeklärte Haltung in einer alles hinterfragenden Welt. Auch dafür könnte man ein Wort mit post- finden.

Ich gehe also vieles am Klavier durch, wie damals (als es noch die Noten meines Vaters waren). Ich lasse mir Zeit, jetzt lerne ich es eben anders als vor 50 Jahren, nicht weil die Hände, sondern das Gehirn dazugelernt hat, und jetzt begreifen sie es besser. Und mein Vater vor 100 Jahren, was hatte er noch vor sich?

„Du siehst, mein Sohn, zum Raum ward hier die Zeit.“

Parsifal Musikalienkauf um 1922

Parsifal Titel  Parsifal Klavier 1

Parsifal Klavier 2  Parsifal Klavier 3

Wagner an Klindworth am 14. Februar 1874 (Parsifal 1882 „Erleichterte Bearbeitung“) :

Kein Mensch spielt doch solch einen Klavierauszug, so wie Sie es sich gedacht haben. […] Also: lieber gleich nur Andeutung, während jetzt der gewöhnliche Klavierspieler doch nur durchkommt, wenn er über die Hälfte der Noten ausläßt.

Quelle siehe unter Klindworth-Wikipedia-Link.

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Vorstellung, man könne das Parsifal-Drama ideologisch retten, wenn man es (gegen Wagner) so auffasst, wie der RING aufzufassen ist (nach Dahlhaus):

Er setzte den Göttermythos musikalisch in Szene; aber er zeigte, durchaus im Geiste Ludwig Feuerbachs, eine Götterwelt, die gerichtet ist, auch wenn sie es noch nicht weiß. Wotan ist ein hilfloser Gott, ein Gott, dessen Zeit vorüber ist. Der Mythos wurde also von Wagner weniger konstruiert als destruiert, oder genauer: er wurde restauriert, um destruiert zu werden. Wenn er die Götter zitiert, so nicht, um sie zu verherrlichen, sondern um sie, wie er es in dem Entwurf von 1848 ausdrückte, der Selbstvernichtung in der Freiheit des menschlichen Bewußtseins preiszugeben. Die toten Götter kehren wieder, um noch einmal zu sterben.

Quelle Carl Dahlhaus: Richard Wagners Musikdramen / Friedrich Verlag Velber 1971 (Seite 111)

Vorweg zur Orientierung: youtube-Gesamtaufnahme Bayreuth 2012 Keine bewegten Bilder, nur Standfotos. HIER Zweiter Akt 1:43:40 Dritter Akt 2:52:37

Kundry 1992 Waltraud Meier, Poul Elming (Barenboim, Kupfer)  HIER (In zweitem Fenster öffnen!)

Kundry Parsifal Kundry Pars Text 1 Kundry Pars Text 2 Kundry Pars Text 3 Kundry Pars Text 4 Kundry Pars Text 5 Kundry Pars Text 6 Kundry Pars Text 7 Die Zahlen bezeichnen Leitmotive

Parsifal Motiv-Tafel Die Leitmotive

Quelle Richard Wagners Musikdramen / Edmund E.F.Kühn / Globus Verlag GmbH Berlin W66 / 1914

Screenshot 2016-07-25 15.55.03 Parsifal  Parsifal Screenshot 2016-07-25 17.17.02

Am Tag danach

Vielleicht ein (vor-) letztes Fazit: Der dritte Aufzug des Parsifal war (und ist) mir schwer erträglich. Und das liegt womöglich weniger am Regisseur als am Komponisten. Mir scheint, dass die Musik, je stärker und positiver sie sich inszeniert, desto weniger überzeugend gelingt. Kein Vergleich zur Götterdämmerung, ganz zu schweigen vom Tristan. Beim Parsifal-Schluss denke ich an die Zukunftsvisionen der Zeugen Jehovas, Titelbilder von „Erwachet!“ oder „Der Wachtturm“, ohne sie diskriminieren zu wollen. Ich erinnere mich an den Film „Das Gewand“: Hollywood – ich muss googeln, es war wohl 1957 etwa, jedenfalls nach „Quo vadis“. Nein, es war 1953 (siehe hier).

Aber ich muss ehrlicherweise betonen: schwach finde ich die Musik, wenn einmal Klingsors Macht gebrochen ist. Und Kundry nur noch ein Schatten ihrer selbst…

Und nun die gute Botschaft

Man kann all dies jederzeit neu überprüfen – der Link „Parsifal“ bleibt aktiv bis Ende dieses Jahres!

Meine Entdeckung bei diesem Anlass: das Wagner-Buch von Claus-Steffen Mahnkopf – ungeachtet der Tatsache, dass ich es schon seit Jahren besitze. Erst jetzt weiß ich es zu schätzen. Doch darüber später mehr.

Nachtrag: Kritik

Ich erlaube mir nicht, das, was ich am Bildschirm gesehen habe, kompetent zu beurteilen. Viel zu selten gehe ich in die Oper, und gerade im Fall Bayreuth habe ich keine Vergleiche, kenne nicht einmal die „klassischen“ Videoaufnahmen ausreichend. Ich verlinke hier also auch eine bemerkenswert kritische Rezension, ohne sie zu kommentieren. Nur im Fall Klaus Florian Vogt würde ich ein großes Fragezeichen setzen. Auch der reinste Tor dürfte stimmlich und gestalterisch nicht so schwächlich wirken. FAZ heute, 27. Juli 2016.

Kritiker(innen) im Nachgespräch: HIER. „Ich fand diesen Abend grauenvoll!“ (Christine Lemke-Matwey)