Lascaux 4 ist fertig? Was geht uns das an!

Die Kinder des Prometheus

Heute in der Tageszeitung (Solinger Tageblatt 10. Dezember 2016)

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Man muss es gesehen haben und vielleicht Fragen gestellt haben über eine Zeit, die ca. 35 000 Jahre zurückliegt. Als wir „Menschen“ geworden waren. Ich (WIR) beginne(n) HIER. Und habe jetzt den Parzinger neben mich gelegt.

Neben der Kunst und der Sprache bildet die Musik eine weitere wichtige Form der Kommunikation, deren älteste Zeugnisse uns aus dem Jungpaläolithikum bekannt sind. Der Mensch des Aurignacien machte Musik, und zwar – zumindest – mit Hilfe von Flöten aus Vogelknochen und Elfenbein, den ältesten bekannten Musikinstrumenten der Menschheit. Während es nicht ungewöhnlich scheint, aus hohlen Röhrenknochen Flöten herzustellen, so ist die aus Elfenbein gearbeitete Flöte aus dem Geißenklösterle, Schwäbische Alp, einzigartig (Abb….). Sie stellt die erste aus Elfenbein gefertigte Hohlform dar – ein kleines Kunstwerk, das nur mit größtem Aufwand zu erschaffen war. Es führt uns einmal mehr die herausragenden technischen Fertigkeiten der Menschen im Aurignacien vor Augen. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich diese Flöten in jenen Höhlen der Schwäbischen Alp fanden, aus denen auch überragende beispiele frühester Plastiken bekannt sind. Der Kontext zwischen bildender Kunst und Musik könnte deutlicher nicht sein. Sie in den Rahmen von Kult und Ritual einzuordnen, ist sicher eine erlaubte Interpretation.

Quelle (aller Zitate und der folgenden Karte): Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus / Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift / C.H.Beck München 2015 (Zitat oben: Seite 89)

Siehe linke Hälfte der Karte, Mitte: Weinberghöhle. Vgl. auch Geißenklösterle. Ganz links, grüner Schriftblock neben „Atlantischer Ozean“, 2.Wort von oben: „Lascaux“

aurignacien-parzinger Scan aus „Kinder des Prometheus“ S.78f

Interessant erscheint die Tatsache, dass die Tiere überwiegend in ruhigen Positionen, mitunter zwar auch in Bewegung dargestellt wurden, jedoch nie in aggressiver Haltung. Szenen etwa, in denen Raubtiere ein anderes Lebewesen reißen oder gar Menschen bedrohen, fehlen völlig in der eiszeitlichen Kunst. Es ist mehrfach darüber spekuliert worden, inwieweit diese künstlerische Ausdrucksform als kultische, ja magische Handlung zu deuten sei. Versuchte der Mensch damals, über die Kunst Einfluss auf die Natur zu nehmen? So hat man vermutet, dass das Zeichnen der Tiere möglicherweise ihre Kraft und ihr Bedrohungspotential bändigen sollte; demnach wäre das Kunstschaffen des frühen Menschen gleichsam ein Weg gewesen, sich der Tierwelt und der natürlichen Umwelt insgesamt zu bemächtigen.

Doch die Deutung der Eiszeitkunst bleibt ein hochspekulatives Unterfangen, bei dem sich kaum sicherer Grund für die Argumentation gewinnen lässt. Schon früh wollte man in diesen Bildern belege für schamanistische Rituale erkennen; insbesondere die oben erwähnten Mischwesen und abstrakte Zeichen wurden mit Trancephasen der Schamanen in Verbindung gebracht. Belegen lässt sich das alles nicht. Die Bilder der Eiszeitkunst sind weitgehend hermetische Repräsentationen ihrer Zeit. Wenn man ihnen diese Fremdheit zugesteht, bedeutet das nicht, dass man der jungpaläolithischen Kultur – unter Einbeziehung dieser Kunstäußerungen – animistische Züge absprechen müsste. Aber wir wissen einfach nicht, ob diese Bilder Platzhalter für Ahnen waren oder in Verbindung mit Jagdmagie, Initiationsriten oder anderen kultischen Handlungen entstanden und zu interpretieren sind. Mit Sicherheit dürfen wir aber davon ausgehen, dass die so reich mit Wandmalereien ausgestatteten Höhlen wie jene von Lascaux oder Altamira oder auch die vielen anderen in Portugal bis Norditalien auch als Kultplätze gedient haben.

Die Eiszeitkunst hat – wie auch immer sie im Einzelnen zu deuten sein mag – die menschliche Kulturgeschichte über 25 000 Jahre lang nachhaltig geprägt. Ihre uns erhaltenen Zeugnisse sind nicht in spontanen, emotionalen Einzelaktionen entstanden; vielmehr wurden die Bilder nach und nach häufig planvoll angefertigt. Viele Generationen haben sie gesehen und ihre Botschaften fortgeschrieben und erweitert – ein Prozess gesellschaftlicher Tradition, an der jeweils die ganze Gruppe teilgenommen hat. Kunst und Symbole des Eiszeitalter konnten nur entstehen und sich entwickeln, weil geeignete soziale und kognitive Vorbedingungen gegeben waren. Solche Darstellungen setzen die Fähigkeit, ja das Bedürfnis zur Mitteilung und zur Kommunikation von ganz bestimmten Inhalten und Botschaften voraus.

Diese Kunst basiert ferner auf der Fähigkeit, in der Vergangenheit zu lesen und in die Zukunft zu denken.

Quelle Parzinger a.a.O. Seite 87f

Glanz und Elend der Sequenz

Zum (zur) „Chanson d’Hélène“

Als eine melodische Sequenz bezeichnet man eine Tonfolge, die mit Intervallschritten gleicher Richtung auf benachbarten Tonstufen nachgebildet wird, aufwärts ebenso wie abwärts. Eine einfache Technik, aus einem gegebenen Motiv heraus sinnvoll fortzuschreiten und einen scheinbar natürlichen Zusammenhang zu stiften. Das kann intensivierend und sogar ergreifend wirken, aber auch ermüden, wenn es zu oft hintereinander geschieht.

Wenn es um die Wirkung des folgenden Liedes geht, hilft es kaum, die Sequenz nur zu benennen oder zu bewerten. Zudem wollen wir auch nichts berücksichtigen, was sich aus der Handlung des Films und aus dem Text ergibt, ebensowenig die Faszination der Stimme und des Gesichtes der Schauspielerin. Was erstaunt, ist wohl zunächst eine gewisse Müdigkeit: die Verweigerung einer konsequenten Fortspinnung und die Taktik der Verzögerung des Abschlusses.

Auf dem 4. Ton des 4. Taktes wird der Lauf der Sequenz beendet, indem der letzte Ton unmittelbar Bestandteil des aufsteigenden Dreiklangs wird, Neues versprechend: um uns dann dessen Zielton, die hohe Oktave, zu verweigern: der „Ersatzton“ F tendiert zurück, abwärts, in die Tonfolge des Taktes 6, der wieder dem Modell der Sequenz(en) folgt; man könnte eine weitere daranhängen, um einen Takt verkürzt, und so einen bündigen Schluss erzielen. Realisieren wir einmal probeweise genau diese (fehlerhafte) Version der beiden Zeilen (Ia), danach folgt die annähernd originale Wiedergabe (Ib). Und wir sehen, dass die Ersatzversion von einer unangenehmen Glätte war…

Ia Didaktische Variante (JR)

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Ib La Chanson d’Hélène (Philippe Sarde)

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Wir lassen freilich auch die Harmonik außer Acht, obwohl sie wesentlich die Wirkung der Melodie stützt. Wenn wir eben meinten, dass wir einen anderen Zielton erwartet haben, der sich (angeblich) aus dem aufsteigenden Dreiklang nach der Sequenz ergeben sollte, hatten wir vielleicht eine ganz andere Melodie im Ohr (wie immer unseren Hörgewohnheiten folgend), eine fast identische, die sich erwartungskonform verhält, dann aber einen ganz anderen Weg der Rückkehr wählt (II):

II Tum Balalaika (Russian/Yiddish)

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Mit Pete Seeger und Ruth Rubin hier.

Stattdessen wählt unsere Melodie Ib ein Ausweich-Manöver und eine leicht stockende Rückkehr. Dass dieses Zögern Methode hat, spürt man, wenn jetzt der Anfang wiederkehrt (9) und nach 4 Takten zur Ruhe kommt, vorzeitig, denn die zweite Takthälfte bleibt leer. Stattdessen scheint es so, als ob der Abschluss im nächsten Takt geruhsam nachgeholt wird, nach den Tönen B und A (13) müsste der Grundton kommen, aber das A verharrt gewissermaßen unschlüssig. Das Klavier „klimpert“ eine Handvoll Töne (14 &15), eine Verlegenheit, noch einmal die Grundtonvorbereitung B und A (16), noch einmal die „Verlegenheit“  (17&18), und wieder die Grundtonvorbereitung (19) mit Verlangsamung („ced.“ = cédez), und es beginnt von vorn, d.h. die nächste Strophe, die im Bass zwar den Grundton einlöst, in der Melodie aber die Ungewissheit des Schwebetones D mit Sequenzmotiv wiederkehren lässt. Erst am Ende der letzten Strophe erreicht sie an dieser Stelle den Grundton.

Die dritte Melodie illustriert das Übermaß der Sequenz, diesmal in aufsteigender Form: kaum vorstellbar, dass sie im Tonfall der Melodie II gesungen würde. Sie trumpft auf, jeder neue Sequenz-Ansatz (3 und 5) wird per Sext-Intervall angesprungen. Nach dem dritten Mal ist es genug – der lang ausgehaltene Ton G markiert zugleich die Rückkehr, inszeniert vom überbietenden hohen B. Nur 2 absteigende Sequenzen, eine „Klimperstelle“ auch hier (13 und 14), sowie eine leicht übertriebene Abschluss-Kadenz (15 & 16). Die Melodie sagt: Ich weiß, was ich will, und bemühe mich nicht, ausgewogen zu erscheinen. Walzertakt, es ist egal. (Meine Notation ist unangemessen.)  „Eins und Eins, das macht Zwei“. Dem „Berliner Herz mit Schnauze“ und Hildegard Knef freundlich zugedacht. (Anfangswerbung bitte überspringen).

III „Eins und Eins, das macht Zwei“ (Charly Niessen)

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Übrigens ähnelt die Vierton-Formel des Chanson d’Hélène den vier absteigenden Tönen der Lamento-Formel, die man z.B. aus Bachs „Ciaconna“ oder aus der „Schutzengel“-Passacaclia von Biber und zahllosen anderen Stücken der Kunst- und Volksmusik kennt. Wozu ja auch der klagende (?) Charakter dieses Liedes passen würde; auch der Bass scheint in diese Richtung zu weisen, biegt aber nach 2 Tönen ab. Tatsächlich hat aber die Melodiegestalt, zumal in Sequenz behandelt, nicht im geringsten mit der Lamento-Bass-Formel zu tun, die eher aufsteigende Gegenlinien provoziert, wie es bei Biber geradezu exemplifiziert wird. Zudem ist der Lamento-Bass viel zu stark, als dass man ihn mit dieser Sequenz vergleichen könnte. Er geht vom Grundton aus und kehrt kraftvoll zu ihm zurück, diese Sequenz aber sinkt von einem „Schwebeton“, der Quinte, abwärts in Richtung Grundton, der erst in einem zweiten Vorgang erreicht wird. In einem Sinkvorgang. Emotional wäre eine sanfte Traurigkeit, ja Müdigkeit zuzuordnen. Und genau das entspricht der Situation und den Texten im Film.

Hélène/Romy: (34:47, im Auto, es regnet) Ich seh dich an, und ich könnte weinen, weil ich so müde bin, müde, dich zu lieben. Ich bin müde, Pierre. Müde dich zu lieben. [MUSIK nur 1 halber Takt als Auftakt]  Pierre: Ich bin auch müde. Immer Erklärungen sprechen, das muss aufhören… ich will auch keine langen Briefe schreiben…

Pierre/Michel (56:00, vor seinem Tode): Glück gehabt, nochmal gut gegangen, war nicht meine Schuld, mein Anzug ist bestimmt hinüber… Bin müde, fühl mich so wohl im Gras… Gleich mach ich die Augen auf. Moment noch. Ich muss erst zu mir kommen. Ich werde Helene sagen, sie soll mich mitnehmen. Aber erst ruh ich mich aus. Ich mach die Augen auf und sag Hélène Bescheid.

Lamento dagegen gehört zur großen Trauer, zum unerbittlichen Gang der äußeren Geschichte, zum mächtigen Pathos des Leidens, auch wenn es leise vorübergeht und sich allmählich auflädt.

biber-schutzengel Biber 1687

Manchem Leser mögen diese Gedankenverbindungen zu weit gehen, besonders bei dem Link zu Hildegard Knef, – ist denn jede geschmackliche Wertung ausgeschaltet? Ja, gewiss!!! denn die Regel Nr. 1 jedes Musikethnologen lautet „Es ist zu fragen: Was liegt vor? nicht aber nicht: Finde ich das schön?“ Wenn ich wertende Vergleiche ziehen müsste, würde ich sagen: das kürzeste Lied aus Schumanns „Dichterliebe“, ja, 1 Takt aus der „Mondnacht“ wiegt 100 Film- oder Bühnensongs dieser Art auf. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass hier – wie so oft – der ganze Film mitschwingt, die regungslosen Gesichter von Romy Schneider und Michel Piccoli, der minutiös erfasste Autounfall, die logische Konstruktion seiner Wiederkehr, die historisierte Realität der Gesellschaft, der Straßen und der Landschaften aus den Vor-Siebziger Jahren in Frankreich, eben – „les choses de la vie“. Die Stimme natürlich: es ist doch die einer ewigen Kindfrau, aus Männerphantasien destilliert. All dies hindert mich, den dummen Text, insbesondere die von Michel Piccoli gemurmelten Phrasen, zu bewerten, – so wenig man eine heilige Handlung nach ästhetischen Kriterien bewertet. Philippe Sarde hat die Musik geschrieben, aber die Verse stammen – ich weiß nicht, woher. Schön werden sie nur, wenn man an Verlaine denkt. Oder ihn nicht kennt… Le ciel est, par-dessus le toit, / Si bleu, si calme ! / Un arbre, par-dessus le toit, / Berce sa palme. /  La cloche, dans le ciel qu’on voit, / Doucement tinte. / Un oiseau sur l’arbre qu’on voit / Chante sa plainte.

Ce soir nous sommes septembre et j’ai fermé ma chambre
Le soleil n’y entrera plus
Tu ne m’aimes plus
Là-haut un oiseau passe comme une dédicace
Dans le ciel

Parlé :
Je t’aimais tant Hélène
Il faut se quitter
Les avions partiront sans nous
Je ne sais plus t’aimer Hélène

Avant dans la maison j’aimais quand nous vivions
Comme un dessin d’enfant
Tu ne m’aimes plus
Je regarde le soir tomber dans les miroirs
C’est la vie

Parlé :
C’est mieux ainsi Hélène
C’était l’amour sans amitié Il va falloir changer de mémoire
Je ne t’écrirai plus Hélène

L’histoire n’est plus à suivre et j’ai fermé le livre
Le soleil n’y entrera plus
Tu ne m’aimes plus

(Fortsetzung folgt)

Ich müsste auch Einzelheiten der gealterten, leicht schrebbelnden Musik benennen, Einzelheiten, die ich nicht missen möchte: das klimpernde Klavier, die aufschluchzenden, in enge Akkorde gepressten Violinen, die ungelenke Achtelbewegung, die schon unter den beiden Einleitungstakten anhebt.

Vgl. auch Albinoni (zu lange Sequenz: wirkt larmoyant, das Stück ist ein Pastiche). Unvergesslich: Bach „Es ist vollbracht“, Beethoven „Ermüdet, klagend“ aus op.110, dies anstelle weiterer Beispiele (die Fassung in g-moll wegen besserer Vergleichbarkeit).

beethoven-klagender-gesang

Was tun, wenn es weihnachtet?

Mehrere Themen, die mir unter den Nägeln brennen. Oder im Herzen, was schwülstiger klingt, aber besser zu dem geplanten Fortgang des Satzes passt: man muss sie behandeln, ehe sie erkalten.

1) Es geht um ein Lied, „La Chanson d’Hélène“ aus dem Film „Die Dinge des Lebens“, den ich erst spät, – aufgrund des Interviews mit Matthias Brandt -, kennengelernt habe. Ich glaube, eine wesentliche Komponente – jedenfalls einen Anteil, der die ausweglose Stimmung des Filmes zumindest vertieft und jederzeit wieder aufruft – bildet die wiederkehrende Melodie, und zwar mit der Stimme Romy Schneiders, die Cover-Fassungen kann ich nicht gelten lassen. Zu dem Erlebnis gehört, dass ich die Melodie letztlich nicht gut gemacht finde. Ein „Trotzdem“ gehört dazu.

2) Es geht um Rom. Da ich neuerdings wieder Max Weber auf CD-Rom durchstöbert habe, mich in mehreren Themen festgelesen habe, vor allem aber in dem Aufsatz „Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur“. Gleich am Anfang stellt er Fragen, die ich immer schon hätte stellen wollen, aber nicht ernst genommen habe. Etwa in der Art wie Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters: „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ Ich weiß: sie hatten nur Befehlsgewalt, aber warum haben sie im Fall Rom, das ja Hunderte von Jahren bestand, aufgehört zu befehlen. Warum ist es untergegangen? Ja, ich weiß, es gibt ein Geflecht von Gründen, aber letztlich steht der Grund, den Max Weber behandelt, auch in Brechts Gedicht. Aber wenn ich danach in die Geschichtsbücher schaue, etwa in den bewährten Überblick von Imanuel Geiss (Seite 118) oder in das frühe Buch von Herfried Münkler über „Imperien“, so suche ich vergeblich.

3) Und schließlich geht es wohl um ein Buch, das ich erst morgen besitzen werde: „Der Klang“, – es ist mir nicht ganz geheuer: es stammt von einem Geigenbauer, enthält offenbar viel Wissenswertes, aber auch ein Glaubensbekenntnis. Und das trifft mich als lesenden Geiger, der auch gern Fragen stellt, irgendwie auf dem falschen Bein. Habe ich doch gerade wieder kursorisch „Das Böse“ von Rüdiger Safranski rekapituliert und darin vorgemerkt, was Kant zu den Versuchen sagt, den Willen Gottes aus seinen Naturwerken oder denen seiner irdischen Helfershelfer herauslesen zu wollen. Er nennt es „Phantome“, und der Geigenklang ist zweifellos ein „Naturwunder“, gehört aber in diesem Sinne auch zu den Phantomen. Passend zur Weichheit, die sich des Gehirns der Menschen gern zur Weihnachtszeit bemächtigt. Auch meine Oma hat gern davon gesprochen und „bis ins kleinste die wunderbaren Zweckzusammenhänge und ihren Nutzen für den Menschen darzulegen“ (Safranski Seite 310) versucht, insbesondere am Beispiel der Blumenblüten und der Bienen. Sie wusste allerdings nichts von dem Fachbuch „Insecto-Theologie“, das im Jahre 1738 erschienen ist: ein „Vernunfft- und schrifftmäßiger Versuch wie ein Mensch durch aufmercksame Betrachtungen der sonst wenig geachteten Insecten zu lebendiger Erkänntnis und Bewunderung der Allmacht, Weißheit, der Güte und Gerechtigkeit des großen Gottes gelangen könne.“

Aber keine Angst: ich spotte nicht. Ich frage nur! Und staune. Hier.

Nachtrag 8.12.2016

Inzwischen besitze ich das zuletzt genannte Buch, nein, nicht die Insecto-, sondern eine Art Violino-Theologie, habe sie von Anfang bis Ende durchgeblättert. Im Namen der Geige: lesen werde ich das nicht. Vielleicht die „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ – aber diese aus historischen Gründen (1796).

Es gibt Übersetzungsfehler, die ähnlich dem – nach Freud – typischen „Versprecher“ eine Wahrheit ans Licht bringen, heute mehr denn je: Auf einer unserer Italien-Tourneen (Collegium Aureum mit dem Tölzer Knabenchor) sahen wir auf den Plakaten in der Stadt unter der Ankündigung in großen Lettern ORATORIO DI NATALE als deutschen Titel: Weichnachtsoratorium. (Siehe am Ende dieses Artikels!)

Nachtrag 20.12. zu Roms Niedergang (Max Weber)

Ich halte den Anfang von Webers Gedanken über Roms Niedergang lieber sofort griffbereit, ehe ich vergesse, was mir bei ihm besonders plausibel erschien. Egal ob es bei Karl Marx vielleicht längst detaillierter ausgeführt wurde. Das Hauptargument der Funktion der Sklaven sollte weiterführen. Zumal es möglich scheint, dass ihre Bedeutung im Christentum eine ganz andere wurde und das Christentum sich im Grunde die bürokratische Ordnung und Verwaltung des Römischen Reiches (der zivilisierten Welt) zunutze machte. Das habe ich undeutlich in Erinnerung, ohne einen konkreten Beleg vorweisen zu können: das Christentum als effektives Verwaltungssystem, das die äußere Ordnung durch eine innere (totalitäre!) ergänzte: die Erfassung jeder menschlichen Seele (samt Körper) von der Wiege bis zur Bahre… Wie gelingt es Weber, unser Interesse zu „erzwingen“?  De te narratur fabula, sagt er. Und ich möchte naseweiß hinzufügen: Tua res agitur. Deine Sache wird betrieben. Jeder weiß, dass die Zeit, „da Pontius Pilatus Landpfleger war“ – samt nachfolgenden Jahrhunderten – uns nicht Hekuba sein kann…  

Das Römische Reich wurde nicht von außen her zerstört, etwa infolge zahlenmäßiger Überlegenheit seiner Gegner oder der Unfähigkeit seiner politischen Leiter. Im letzten Jahrhundert seines Bestehens hatte Rom seine eisernen Kanzler: Heldengestalten wie Stilicho, germanische Kühnheit mit raffinierter diplomatischer Kunst vereinigend, standen an seiner Spitze. Warum gelang ihnen nicht, was die Analphabeten aus dem Merowinger-, Karolinger- und Sachsenstamme erreichten und gegen Sarazenen und Hunnen behaupteten? – Das Reich war längst nicht mehr es selbst; als es zerfiel, brach es nicht plötzlich unter einem gewaltigen Stoße zusammen. Die Völkerwanderung zog vielmehr nur das Fazit einer längst im Fluß befindlichen Entwicklung.

Vor allem aber: die Kultur des römischen Altertums ist nicht erst durch den Zerfall des Reiches zum Versinken gebracht worden. Ihre Blüte hat das römische Reich als politischer Verband um Jahrhunderte überdauert. Sie war längst dahin. Schon anfangs des dritten Jahrhunderts versiegte die römische Literatur. Die Kunst der Juristen verfiel wie ihre Schulen. Die griechische und lateinische Dichtung schliefen den Todesschlaf. Die Geschichtsschreibung verkümmerte bis zu fast völligem Verschwinden, und selbst die Inschriften begannen zu schweigen. Die lateinische Sprache war bald in voller Degeneration begriffen. – Als anderthalb Jahrhunderte später mit dem Erlöschen der weströmischen Kaiserwürde der äußere Abschluß erfolgt, hat man den Eindruck, daß die Barbarei längst von innen heraus gesiegt hatte. Auch entstehen im Gefolge der Völkerwanderung keineswegs etwa völlig neue Verhältnisse auf dem Boden des zerfallenen Reichs; das Merowingerreich, wenigstens in Gallien, trägt zunächst in allem noch ganz die Züge der römischen Provinz. – Und die Frage, die sich für uns erhebt, ist also: Woher jene Kulturdämmerung in der antiken Welt?

Mannigfache Erklärungen pflegen gegeben zu werden, teils ganz verfehlt, teils einen richtigen Gesichtspunkt in falsche Beleuchtung rückend:

Der Despotismus habe die antiken Menschen, ihr Staatsleben und ihre Kultur gewissermaßen psychisch erdrücken müssen. – Aber der Despotismus Friedrichs des Großen war ein Hebel des Aufschwungs. –

Der angebliche Luxus und die tatsächliche Sittenlosigkeit der höchsten Gesellschaftskreise haben das Rachegericht der Geschichte heraufbeschworen. – Aber beide sind ihrerseits Symptome. Weit gewaltigere Vorgänge als das Verschulden Einzelner waren es, wie wir sehen werden, welche die antike Kultur versinken ließen. –

Das emanzipierte römische Weib und die Sprengung der Festigkeit der Ehe in den herrschenden Klassen hätten die Grundlagen der Gesellschaft aufgelöst. Was ein tendenziöser Reaktionär, wie Tacitus, über die germanische Frau, jenes armselige Arbeitstier eines kriegerischen Bauern, fabelt, sprechen ähnlich Gestimmte ihm heute nach. In Wahrheit hat die unvermeidliche »deutsche Frau« so wenig den Sieg der Germanen entschieden, wie der unvermeidliche »preußische Schulmeister« die Schlacht bei Königgrätz. – Wir werden vielmehr sehen, daß die Wiederherstellung der Familie auf den unteren Schichten der Gesellschaft mit dem Niedergang der antiken Kultur zusammenhängt. –

Aus dem Altertum selbst dringt Plinius‘ Stimme zu uns: »Latifundia perdidere Italiam«. Also – heißt es von der einen Seite – die Junker waren es, die Rom verdarben. Ja – heißt es von der andern – aber nur weil sie dem fremden Getreideimport erlagen: mit dem Antrag Kanitz also säßen die Cäsaren noch heute auf ihrem Throne. Wir werden sehen, daß die erste Stufe zur Wiederherstellung des Bauernstandes mit dem Untergang der antiken Kultur erstiegen wird. –

Damit auch eine vermeintlich »Darwinistische« Hypothese nicht fehle, so meint ein Neuester u.a.: der Ausleseprozeß, der sich durch die Aushebung zum Heere vollzog und die Kräftigsten zur Ehelosigkeit verdammte, habe die antike Rasse degeneriert. – Wir werden sehen, daß vielmehr die zunehmende Ergänzung des Heeres aus sich selbst mit dem Untergang des Römerreichs Hand in Hand geht.

Genug davon. – Nur noch eine Bemerkung, ehe wir zur Sache kommen:

Es kommt dem Eindruck, den der Erzähler macht, zu gut, wenn sein Publikum die Empfindung hat: de te narratur fabula, und wenn er mit einem discite moniti! schließen kann. In dieser günstigen Lage befindet sich die folgende Erörterung nicht. Für unsere heutigen sozialen Probleme haben wir aus der Geschichte des Altertums wenig oder nichts zu lernen. Ein heutiger Proletarier und ein antiker Sklave verständen sich so wenig, wie ein Europäer und ein Chinese. Unsre Probleme sind völlig andrer Art. Nur ein historisches Interesse besitzt das Schauspiel, das wir betrachten, allerdings eines der eigenartigsten, das die Geschichte kennt: die innere Selbstauflösung einer alten Kultur.

Jene eben hervorgehobenen Eigentümlichkeiten der sozialen Struktur der antiken Gesellschaft sind es, die wir uns zunächst klar machen müssen. Wir werden sehen, daß durch sie der Kreislauf der antiken Kulturentwicklung bestimmt wurde. –

Die Kultur des Altertums ist ihrem Wesen nach zunächst: städtische Kultur. Die Stadt ist Trägerin des politischen Lebens wie der Kunst und Literatur. Auch ökonomisch eignet, wenigstens in der historischen Frühzeit, dem Altertum diejenige Wirtschaftsform, die wir heute »Stadtwirtschaft« zu nennen pflegen. Die Stadt des Altertums ist in hellenischer Zeit nicht wesentlich verschieden von der Stadt des Mittelalters. Soweit sie verschieden ist, handelt es sich um Unterschiede von Klima und Rasse des Mittelmeers gegen diejenigen Zentraleuropas, ähnlich wie noch jetzt englische und italienische Arbeiter und deutsche und italienische Handwerker sich unterscheiden. – Ökonomisch ruht auch die antike Stadt ursprünglich auf dem Austausch der Produkte des städtischen Gewerbes mit den Erzeugnissen eines engen ländlichen Umkreises auf dem städtischen Markt. Dieser Austausch unmittelbar vom Produzenten zum Konsumenten deckt im wesentlichen den Bedarf, ohne Zufuhr von außen. – Aristoteles‘ Ideal: die autarkeia (Selbstgenügsamkeit) der Stadt – war in der Mehrzahl der hellenischen Städte verwirklicht gewesen.

Quelle Max Weber: Die sozialen Gründe des Untergangs der antiken Kultur. (1896)

Nur noch 2 herausgegriffene Zitate als Hinweis zum weiteren Verlauf des Gedankenganges:

Aber während aus dem Mittelalter die freie Arbeit und der Güterverkehr in zunehmendem Maß als Sieger hervorgehen, verläuft die Entwicklung des Altertums umgekehrt. Was ist der Grund? Es ist derselbe, der auch den technischen Fortschritten des Altertums ihre Schranken setzte: die »Billigkeit« der Menschen, wie sie durch den Charakter der unausgesetzten Kriege des Altertums hervorgebracht wurde. Der Krieg des Altertums ist zugleich Sklavenjagd; er bringt fortgesetzt Material auf den Sklavenmarkt und begünstigt so in unerhörter Weise die unfreie Arbeit und die Menschenanhäufung. Damit wurde das freie Gewerbe zum Stillstand auf der Stufe der besitzlosen Kunden-Lohnarbeit verurteilt. Es wurde verhindert, daß mit Entwicklung der Konkurrenz freier Unternehmer mit freier Lohnarbeit um den Absatz auf dem Markt diejenige ökonomische Prämie auf arbeitsparende Erfindungen entstand, welche die letzteren in der Neuzeit hervorrief. Hingegen schwillt im Altertum unausgesetzt das ökonomische Schwergewicht der unfreien Arbeit im »Oikos«. Nur die Sklavenbesitzer vermögen ihren Bedarf arbeitsteilig durch Sklavenarbeit zu versorgen und in ihrer Lebenshaltung aufzusteigen. Nur der Sklavenbetrieb vermag neben der Deckung des eigenen Bedarfs zunehmend für den Markt zu produzieren.

***

Die Sklavenkaserne vermochte sich nicht aus sich selbst zu reproduzieren, sie war auf den fortwährenden Zukauf von Sklaven zur Ergänzung angewiesen, und tatsächlich wird von den Agrarschriftstellern dieser Zukauf auch als regelmäßig stattfindend vorausgesetzt. Der antike Sklavenbetrieb ist gefräßig an Menschen, wie der moderne Hochofen an Kohlen. Der Sklavenmarkt und dessen regelmäßige und auskömmliche Versorgung mit Menschenmaterial ist unentbehrliche Voraussetzung der für den Markt produzierenden Sklavenkaserne. Man kaufte billig: Verbrecher und ähnliches billige Material solle man nehmen, empfiehlt Varro mit der charakteristischen Motivierung: – solches Gesindel sei meist »gerissener« (»velocior est animus hominum improgorum«).

***

Rückblende 1990 (Handy-Foto JR)

venedig-toelzer-bach-1990

Schubert & Tod

Zweischneidige Höraufgabe

kopatschinskaja-schubert-vorn kopatschinskaja-schubert-rueck Alpha 265 (Foto Julia Vesely)

Dem Rätsel der runden Gebilde im Wald – ich denke sinnloserweise an „Arrival“, aber auch an ein geschmackvoll eingesetztes Soundsystem  – kann ich im Video nachgehen.

Seltsam: der Flirt (oder die Identifizierung) dieser Geigerin mit dem fiedelnden Tod. Es ist (nur) eine Verkleidung, die aus andern Gründen befremdet als der Tod mit seiner Knochenfiedel.

geiger-tod-kopatschinskaja Aus der Fotoserie im Booklet

geiger-tod-rethel Aus meinem Bücherschrank

Quelle Volksbücher der Kunst: Alfred Rethel / Velhagen & Klasings Volksbücher Nr. 22 / Bielefeld & Leipzig 1911 (Seite 32)

Der Eindruck, dass die Inszenierung des „Mädchens“ als Tod – eine bloße Performance-Idee – vor allem als Denkfehler ankommt. Was aber noch nichts über die musikalische Interpretation und Gesamtkomposition sagt. Trotzdem: Erlebt man denn die Szene von innen oder von außen? Ist es nicht eine einsame Konfontation? Wenn man Tr. 5 – die Variationen über „Der Tod und das Mädchen“ – hört, irritiert nicht die angestrengte Tendenz zur Aufhebung der Individualität, wenn die 1. Geigenstimme chorisch gespielt, die Divergenz sogar hörbar wird? Warum soll man die panische Akivität des verlorenen Ichs auf viele Schultern verteilen?

Ich vermute, dass die Live-Wirkung auf der Bühne eine ganz andere ist, die Gruppe, die sich einig ist, jederzeit das solistische Quartett gemeinschaftlich zu übernehmen, hin und wieder einzelne Stimmen nach Bedarf heraustreten zu lassen, Zerbrechlichkeit zuzulassen. Bei 10:45 bis über 11:00 droht es zu misslingen und klingt leicht schäbig. Man fragt, ob man so mit Schuberts Tod verfahren darf: schon im Solisten-Quartett geht es hart an die Grenze. Und wenn ein Schubert-Satz zum Ende kommt, eine Erwartungspause entsteht, darf da eine andere, schwer einzuordnende  Realität antworten, z.B. Gesualdo, der nur aus unserer Entfernung doppelt erratisch wirkt? Schuberts wildes Scherzo also mit Verzögerung, ja, gewiss, es büßt seine Wirkung nicht ein. Natürlich nicht. Und die Kammerorchester-Version passt gut zum rabiaten Tonfall. Ist ein gemeinsames Wüten gemeint?

Ich denke an den Abend mit dem Kelemen-Quartett zurück (hier). Entscheidend war die Live-Aufführung auf und jenseits der Bühne, die Licht-Regie, die Verteilung im Raum, aber das Haydn-Quartett blieb doch ein Ganzes. Ich glaube gern, dass auch der aufgeteilte Schubert in Berlin – samt Intermedien – ein erschütterndes Ereignis war (vielleicht ohne das kokette Spiel mit dem Knochenkostüm?) und man wusste, alle Sätze werden eintreten, der letzte gewissermaßen durch Kurtágs „Kafka“ (Tr.9) herbeigeschrieen.

Und man muss nicht die Litanei vom Ganzen des Werkes herbeten, das man erstens kennt und das sich auch innerhalb des neuen Ganzen herauskristallisiert. Schwierig ist nur, die großen Quartett-Versionen, die man (vielleicht) im Ohr hat, nicht zu vermissen. Der Nachhall am Ende der CD enthält doch eine Spur zuviel Kammerorchester?

Vielleicht ist die Performanz der Musik wirklich ein Weg, den man neuerdings immer wieder gehen muss. Hélène Grimauds „Water“, Igor Levits „Goldberg“-Stille mit Marina Marina Abramović und vieles andere. Vor allem führt er die Neue Musik zurück in die „Gemeinschaft“. Oder verwandelt Alte in Neue Musik. Nehmen wir Kai Schumann mit „Insomnia“ hier. Ich wette: im Konzert wenigstens mit dem Thema der Goldberg-Variationen kombiniert. Oder … haben Sie 10 Minuten Zeit? Ob mit freundlicher Zuneigung oder leisem Widerstand – mir kann es egal sein. Der Komponist ist anwesend und darf entscheiden.

Ein aufrechter Politiker

Und wir? Das Volk der „Wir-sind das Volk“-Schreier?

Eine noch ungeordnete, unkorrigierte Nachschrift (Sendung ab 10:23), probeweise und ergänzungsbedürftig, als Diskussionsgrundlage. Ohne Gewähr. Schreibfehler: JR

Betr.: Markus Lanz ZDF-Sendung 1. Dezember 2016 Gast u.a.: Wolfgang Thierse.

Man kann den gesamten Text auch lesen als eine dramatische Szene auf der Bühne des. „Per aspera ad astra“. Beginnend mit den Verwicklungen – unter Erwähnung des gordischen Knotens – bis hin zu einem Höhepunkt der deutschen Selbstdarstellung. Es scheint mir aber wichtig, den so in Schriftform zu bedenken, wohl bedenkend, dass es sich um eine frei gesprochene Rede handelt, deren Glaubwürdigkeit auch mit Tonfall, Mimik und Gestik der redenden Person(en) verbunden ist.

Wir steigen ein bei Punkt 10:25. Voran ging etwas aktuelle Thematik (Gabriel, Schultz, Erdogan, Putin), es schien zunächst auf die von Lanz bei Politikern gern geübte, insistierende Fragetechnik hinauszulaufen, die den Interview-Partner zermürben soll, aber letztlich das Publikum ebenso nervt wie jenen, letztlich doch nichts – sagen wir – zur Kanzlerkandidatenfrage zutage fördert. Thierses Ermutigung, „laut zu widersprechen“ statt den Despoten nach dem Munde zureden, führt zu der listigen Frage, ob ihm das denn im Moment alles zu „stromlinienförmig“ sei. Bemerkenswert, dass Wolfgang Thierse dank seiner Ernsthaftigkeit nun doch sein ganzes Konzept ungestört entfalten konnte.

***

THIERSE: Wir sind ja in einer ziemlich schwierigen Situation im Moment, wir erleben ja, wie die politische Kommunikation vergröbert, wenn man ans Internet denkt, an die sozialen Medien, Hass gegen demokratische Politiker, Empörung und Wut, die sich auf den Straßen äußert, und Gewalt auch, gegen Ausländer, gegen Minderheiten, auch gegen Politiker, das ist eine ziemlich beunruhigende Situation, – vonwegen stromlinienförmig. Dass es in unserer Politik nicht mehr die abgrundtiefen Unterschiede gibt, zwischen gut und böse, zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und der westlichen Welt, das kann ich nicht für einen Verlust betrachten, sondern … es gibt aber genug demokratische Unterscheidungen, so ähnlich und so gleich sind die politischen Parteien immer noch nicht.

(LANZ: Aber davon einmal ganz ab: Viele derer, die da grade … nicht nur ihre Abneigung, sondern ihrer Wut und ihrem Hass Luft machen, die erreichen Sie ja gar nicht.)

Das sagt sich so leicht.

(Leicht nicht, Herr Thierse, ich finds schlimm, aber…)

Ja, da muss man über Ursachen reden, warum das so ist.

(… Attacken nach Auftritt bei Günter Jauch / Morddrohungen)

(BARBARA RÜTTING bezieht sich – ohne die Pegida-Haltung verteidigen zu wollen – positiv auf den Slogan „Wir sind das Volk“, erinnert an Protestbewegungen der 50er Jahre, kommt schließlich auf die derzeitigen Waffenexporte Deutschlands, auf TTIP u.ä. und meint, die Bevölkerung habe zu recht Wut. „Wir haben dagegen gestimmt“. )

THIERSE: Wer ist wir? Wer darf für sich in Anspruch nehmen, das Volk zu sein? (Rütting: Jeder von uns!) Jeder ist immer nur ein Teil. Und es gibt ganz andere Meinungen dazu. Und die Demokratie ist, sehr nüchtern betrachtet, ein Regelwerk und ein Institutionengefüge zum Erwerb und zur Kontrolle von Macht mit dem Ziel, dass möglichst viele sich an der gemeinschaftlichen Regelung, der gemeinschaftlichen Angelegenheit beteiligen. Demokratie heißt nicht, dass ich jeweils recht bekomme. Sondern in mühseligen Auseinandersetzungen, in Kompromisssuche, in Konsenssuche, in Mehrheitsentscheidungen kommt man dann zu jeweils vorläufigen …. Entscheidungen, die man immer noch kritisieren kann, aber keiner darf für sich in Anspruch nehmen, „ich – oder wir sind das Volk“. (Beifall) Da gibt es große Unterschiede in den Meinungen, und das muss man auch denen sagen, die montags oder an anderen Tagen jetzt unsern wichtigsten Ruf aus dem Jahr 1989 in den Mund nehmen „Wir sind das Volk!“ Damals haben wir diesen Ruf gerichtet gegen die SED-Herrschaften, jetzt richtet sich das gegen Demokraten, gegen Ausländer, gegen Minderheiten, – das ist ein riesiger Unterschied! Und auf diesem Unterschied bestehe ich. (Beifall) (Rütting: da bin ich absolut ihrer Meinung!)

(LANZ: Was macht man damit? (15:50) Also – wenn Sie sagen, man müht sich da ab, man sucht diese Leute zu erreichen, Sie sind ja einer, der dran ist an den Leuten, ähnlich wie ich das vorhin bei Sigmar Gabriel beschrieben habe, der versucht das ja auch immer wieder. Dann rutsch auch schon mal was raus, dann sagt er in Heidenau „Pack“ – was man nicht machen sollte, finde ich, wenn man Vizekanzler dieses Landes ist, oder finden Sie das…)

THIERSE: Nein entschuldigen Sie, die Situation muss man rekonstruieren, er sagte das genau zu Leuten, die ihn wüst beschimpft und bedroht haben. Und dann einem Politiker nicht zu erlauben, die als das zu benennen, was sie in diesem Moment sind, – damit hat er doch nicht alle AfD-Wähler gemeint und alle Protestierenden gemeint, sondern ein ganz bestimm… wenn wir das nicht sehn … wir müssen immer beides miteinander verbringen: klare Abgrenzung gegenüber dem Hasspredigern und den Gewalttätern einerseits, und andererseits den mühseligen Versuch des Gesprächs mit denjenigen, die Sorgen haben, die unsicher sind, die empört sind aus, wie ich finde, erklärbaren, nachvollziehbaren Gründen. (16:49)

(LANZ: O.k., aber wie sprechen Sie denn dann mit denen?)

THIERSE: Es ist ganz schwierig. Ich hab die Erfahrung gemacht. Da steht jemand auf, der alle seine Sorgen in einer Litanei, heftigst, zornig, wütend, hervorbringt, und ich – dann bin ich dran und sage: Könnten wir aus den 30 Themen, die Sie jetzt könnten wir zwei oder drei mal nehmen, damit wir das diskutieren können, – was spricht für die Lösung, was spricht für die Lösung, warum ist das etwas besser? Ich erlebe jedes mal: die Geduld bringen sie nicht auf, sie wollen noch nicht mal zuhören, die gehen dann. Das ist die Schwierigkeit.

(LANZ: Weil es darum gar nicht geht?)

THIERSE: Weil zunächst einmal ein Überdruss (Übermaß) an Empörung und Wut und Aggressivität, und nicht mehr überhaupt die Bereitschaft, – und das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen der Demokratie – die Bereitschaft a) zuzuhören, nicht nur etwas selber zu sagen, sondern auch den Widerspruch, die Antwort des andern, zu hören.

Demokratie lebt auch – deshalb hab ich gesagt, Demokratie ist langsam, man muss wechselseitig zuhören und bereit sein zum friedlichen Streit, und das ist eine andere Definition von Demokratie, friedlicher Streit nach Regeln der Fairness.

(LANZ: Mindestens genau so wichtig wie das, was Sie vorhin sagten, es fast ein bisschen untergegangen, du musst dann auch akzeptieren, dass du nicht recht bekommst. (Richtig) Aber da sind wir drüber weg, das ist vorbei. Da gibt es eine große Masse von Menschen, die wollen…, viele die krakeelen und sagen: wir wollen recht bekommen.)

THIERSE: Weil Sie vorhin danach gefragt haben, was hat sich verändert, was ist schlimmer geworden… da nenne ich mindestens zwei Ursachen, es gibt sicher viel mehr, erstens: das Internet erzeugt eine ganz andere Art der Kommunikation, man spricht ja jetzt davon, das ist jetzt ein Echoraum der eigenen Meinung, das ist gewissermaßen … das Internet ist ein großer kollektiver Stammtisch, ein Sammelsurium von Stammtischen, wo man sich gegenseitig seine Wut erzählt und bestätigt. Aber Demokratie lebt von dem Austausch mit den ganz Anderen, die anderer Meinung sind. Und das zweite ist ohne Zweifel das Thema Flüchtlinge, plötzlich erleben viele Menschen, dass die Globalisierung, dieses Abstraktum, – und Deutschland war bisher Nutznießer der Globalisierung, einer Welt offener Grenzen, wir fast Exportweltmeister (19:01).

Jetzt kommt die andere Seite der Globalisierung: die Fremden, und das Fremde kommt uns näher. Und stellen uns in Frage, unsere Gewohnheiten, unsere Selbstverständlichkeiten, unsere Alltagskultur, und das erzeugt, glaube ich, ich beobachte das vielfältig, Unsicherheiten, Besorgnisse, ich nenne das mit einem vielleicht zu vornehmen Wort, was da entsteht sind „Entheimatungsbefürchtungen“. Das Vertraute, das, worin man so selbstverständlich lebt, das wird in Frage gestellt durch die Anderen. Und darauf reagieren viel abwehrend, aggressiv.

(Kann man das nachzuvollziehen?) Ich kann das nachvollziehen. Ich kann das nachvollziehen, es geht überhaupt nicht… ich versuch das zu beschreiben, zu erklären, damit nichts zu rechtfertigen, aber das kann man doch nachvollziehen, wir leben in einer dramatischen Situation von Veränderungen. Für die wir dieses abstrakte Wort „Globalisierung“ haben, aber was heißt das? Beschleunigung von Entwicklungen, Entgrenzung der Welt, globale Arbeitsteilung, dass sozusagen die Welt nicht mehr draußen ist, sondern sie kommt zu uns, Verschärfung sozialer Gegensätze, ehm, 1% der Weltbevölkerung besitzt 46 % des Weltvermögens, das sind skandalöse Entwicklungen! Und die Politik ist bisher aus sehr verschiedenen Gründen nicht in der Lage gewesen, mit dieser Herausforderung fertigzuwerden. Kann ich natürlich billig (mit dem Finger) drauf zeigen, aber wir wissen doch EINES: nationalstaatlich sind all diese Probleme nicht mehr zu lösen.Und jetzt erleben wir, dass die AfD und andere ringsum, die Rechtspopulisten, genau etwas tun, was ich … Re-Nationalisierung – die Gespenster der Vergangenheit kehren wieder, und sie meinen, die Nation sei die Antwort auf diese Herausforderung. Dann sag ich: Ich glaub das nicht. Ich bin nicht der Meinung wie manche anderen, dass die Nation erledigt ist. Ich glaube, dass die Demokratie noch immer am besten innerhalb von Nationalstaaten funktioniert. (Warum glauben Sie das?)

ja, das ist ja die Realität, – die Hoffnung auf die Vereinten Nationen ist ja getrogen, es gibt keine Welt-Demokratie, man muss sogar sagen: Unsere Art von Demokratie, liberale Demokratie, parlamentarische, ist die Ausnahme in der Welt. Das macht sie so kostbar. Gucken Sie ringsum: Diktaturen, autoritäre Regime, autoritäre Demokratien sind eher die Regel. Und die können sogar wirtschaftlichen Fortschritt organisieren, nehmen Sie das Beispiel China, die große Alternative, – rasanter wirtschaftlicher Fortschritt ohne die Freiheitsrechte des Individuums, ohne Demokratie, das heißt unsere kostbare Offene Gesellschaft und liberale Demokratie ist angefochten durch andere. Und genau deshalb bin ich so leidenschaftlich dabei, sie zu verteidigen, indem ich immer wieder erkläre, dass Demokratie etwas ziemlich Mühseliges ist.

Ich sag immer, wenn junge Leute mich fragen, können Sie uns nicht für Demokratie begeistern? Dann sage ich, – unterhaltend ist sie nicht. Die wirkliche Demokratie, die wirkliche demokratische Politik ist klein, grau, hässlich, schweißtreibend und enttäuschungsbehaftet. Ganz mühselig ist sie!! (Beifall) Weil man – und das ist das Wichtigste! – das macht sie so kostbar, weil nur so, weil sie langsam ist, weil sich nur so möglichst viele an ihren Entscheidungsprozessen beteiligen können, wenn sie’s denn wollen. Aber genau das macht sie so mühselig. Wenn ich alleine meine Willen und meine Meinung durchsetzen könnte, wäre das ganz flott. Diktaturen machen das, die Zeche zahlen immer die andern!

(LANZ: Aber haben Sie nicht das Gefühl, dass da im Moment etwas im Gange ist, was viel gefährlicher, mir Blick z.B. auf die USA, (…..) das sind nicht nur die sogenannten Abgehängten, gut gut rein in eine Mittelschicht, die Abstiegsängste (23:03) Was gibt man denn denen als Antwort?)

THIERSE: Zunächst mal eine ziemlich schwierige Antwort, auch mit Blick auf unsere Wahl demnächst: das ist das unerhört Anstrengende, wir Menschen sind so gestrickt, dass es einen Mechanismus gibt, dem wir auch immer anheimfallen. Je größer, dramatischer und bedrohlicher ein Problemberg ist, dem wir uns gegenübersehen, um so stärker unser Wunsch, geradezu dramatischer unsere Sehnsucht nach den einfachen, radikalen, schnellen Antworten. Nach jemandem, der das Problem wie einen gordischen Knoten löst. Also, fast nicht der Wunsch nach Lösung, sondern nach Erlösung.Und das ist die Stunde der Populisten. Sie bieten die einfachen Antworten, die Nation wieder! Sie bieten die einfachen Schuldzuweisungen: die Ausländer! Vor 80 Jahren: der Jude (du brauchst’n Sündenbock!), ja, Sündenbock. Ich beschreibe das ja, weil man zunächst einmal verstehen kann, dass das so ist. Und dann muss man aber genau darauf antworten: Es gibt diese einfachen Antworten nicht, aber Politik muss ERKLÄREN, warum es schwierig ist, was wir zum, und jetzt geht es nicht nur um Erklären, sondern wir brauchen deutlich mehr sichtbare Anstrengung für sozialen Ausgleich und soziale Gerechtigkeit, eine der Erfahrungen für die Wut und Empörung ist die Wahrnehmung tiefer sozialer Ungerechtigkeit, – das ist ein wichtiger Punkt.

24:40 (LANZ: aber mit Verlaub, Herr Thierse, Wahrnehmung tiefer sozialer Ungerechtigkeit, sagen Sie. In den USA usw. können Sie das für Österreich nachvollziehen? Für Deutschland? )

THIERSE: Entschuldige, das ist immer der spannende Punkt: in allen Umfragen gibt es einen interessanten Widerspruch: die Leute beurteilen ihre eigene Lage immer etwas besser als die Lage des Landes insgesamt und die Lage der Welt. Jetzt gab es den sogenannten Sachsen-Monitor, eine Meinungsumfrage im Auftrag der Sächsischen Staatsregierung. Da passierte folgendes: über 50%, 58% meinen: Deutschland ist überfremdet. In Sachsen gibt es deutlich weniger Ausländer, weniger Fremde als anderswo. Eine Mehrheit sagt, Deutschland geht es wirtschaftlich problematisch, eine Mehrheit sagt, uns persönlich geht es relativ gut. Wir Menschen sind auch so gestrickt, dass wir immer in einer doppelten Welt leben. Die eigene unmittelbare Wahrnehmung, die eigene Situation und dann die Wahrnehmung der Welt insgesamt. Via Fernsehen, via Internet, in den Echokammern des Internets, wo man sich wechselseitig bestätigt, und da entsteht ein Eindruck, den ich gar nicht bestreiten kann, der Eindruck der Weltunordnung, eine Welt voller Konflikte, voll Kriege, unbewältigbare, der Terrorismus, der näherrückt. (26:06) Das alles bestimmt die eigene Weltwahrnehmung. Und auf die reagiert man mit mindest soviel Besorgnis, soviel Ängsten, mit dem Ruf nach der Erlösung davon.

(LANZ: Aber was ist denn die Lösung? Wenn Sie sagen, man muss das sehr ernst nehmen, wir müssen einmal anfangen, dem Problem wirklich ernsthaft zu begegnen. Und wahrscheinlich werden Sie mir nicht widersprechen, wenn ich sage: das was viele Menschen in diesem Land, gerade in Ihrer Generation, was die doch erlebt haben, ist eine Form von Aufgabe der staatlichen Souveränität, beispielsweise im Herbst vergangenen Jahres, als plötzlich sehr sehr viele menschen in dieses Land kamen und der Staat noch nicht mal in der Lage war sicherzustellen, dass klar ist, wer die sind.)

THIERSE: Deswegen sagte ich ja auch, es gehört zur Politik dazu, dass man nicht den Eindruck der Beschönigung und Verharmlosung von wirklichen Problemen macht. (Wer hat das gemacht?) Ja, das hats immer auch gegeben. (Wird das jetzt gemacht?) Das klingt etwas polemischer, als ich meine. Die ständige Wiederholung des Satzes „Wir schaffen das!“ – der ja von der Kanzlerin der Satz der Ermutiguung und der Ermunterung war (LANZ: das war irgendwann eine Provokation!) – ich verstehe diesen Satz! Der wirkte aber, je öfter man ihn wiederholte, bei immer mehr Leuten, so „die weiß gar nicht, wovon sie redet“. Denn da gibt es eine ganz andere Problemwahrnehmung. Und diese Differenz ist gefährlich.

Sichtbar die Überzeugung vermitteln: wir Politiker wissen ziemlich genau, worin die Probleme bestehen. Das ist der erste Schritt, und der zweite Schritt, dann Vorschläge zu machen, wie man das löst. Der zweite Schritt aber verlangt schon wieder Geduld beim Zuhören, denn gibt es nicht mehr die ganz einfachen Antworten. Dass nur so wäre… Und dann muss ich noch sagen, damit wie uns da auch nicht missverstehen, wir reden immer nur über einen Teil der Gesellschaft. Denn Deutschland ist auch emotional gespalten, nicht nur national Denn es gibt ein gut Teil der Bevölkerung, die das gelebt haben, was man so Willkommenskultur nennt, und andere, die das ganze immer mehr als ein Bedrohung empfunden haben. Und da sage ich, wenn ich unterwegs bin, rede ich über etwas, was zunächst mal etwas abstrakt klingt, ich rede darüber, ob wir Deutschen nicht aus unserer Geschichte und unserer Kultur eine bestimmte Art von Selbstbewusstsein gewinnen können. Denn … das ist doch so … wenn man unsere eigene Geschichte betrachtet, kann man lernen, dass wir in vielen langen Phasen unserer Geschichte, in den guten Phasen, Einflüsse, Ideen und Menschen aus Ost und West, aus Süd und Nord aufgenommen haben, und daraus etwas Eigenes gemacht haben: Das Fremde und die Fremden wurden deutsch. Und in den schlechten Phasen waren wir mit Abgrenzungen und Ausgrenzung befasst und das endete in Katastrophen. Deutschland hat mehr als jedes andere Land – weil wir in der Mitte des Kontinents leben – die Erfahrung gemacht, wie das ist, Integration, Aufnahme, bis hin zu der Erfahrung mit 14 Millionen Heimatvertriebenen und Flüchtlingen, mit den Gastarbeitern, und sogar, wenn ich das sagen darf, mit der Vereinigung Deutschlands, man muss nur wissen: das dauert alles ein bisschen länger als man sich wünscht.Selbst die innere Einheit der Deutschen, jetzt sind wir im 27. Jahr, ist immer noch nicht ganz vollendet, es gibt immer noch mancherlei Fremdheiten. Ich sag das, ohne zu beklagen, nur immer nüchterner Blick. Die Integration der Heimatvertriebenen dauerte ungefähr 20 Jahre und ist eine riesige Erfolgsgeschichte geworden für Deutschland. Unser Reichtum und unser Wohlstand beruht auch auf dieser wunderbaren Anstrengung, die gelungen ist. (LANZ: Absolut! Wobei … eine… eine… (Beifall) … der Begriff des Postfaktischen…30:00 geht auf Österreich..)

ENDE dieses Talkshow-Teils mit Wolfgang Thierse bei 33:50 (Insgesamt abrufbar HIER)

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Die Wahrheit der Politik und die Philosophie

Das sind Universalien, die eben nicht individuell sind, sondern von allen konkreten Wahrheiten, die sich der einzelne für seine Selbstgestaltung erwählt oder erfindet, abstrahieren und lediglich die äußeren Bedingungen der Freiheit und den wechselseitigen Schutz vor den gewaltsamen Übergriffen der ‚Wahrheiten‘ der anderen garantieren.

Was wir brauchen, ist eine wahrheitspolitisch abgemagerte Politik ohne Sinnstiftungsambitionen; keine Politik mit Seele, die dann vielleicht nach den Seelen der Bürger greift; wir brauchen eine Politik, die es den einzelnen erlaubt, nach ihren Wahrheiten zu suchen; eine Politik ohne geschichtsphilosophisches Pathos und weltanschauliches Tremolo. Eine Politik, die vielleicht gerade wegen dieser lebensdienlichen Enthaltsamkeit ein wenig langweilig, vielleicht sogar unansehnlich ist: ebenso unansehnlich und gewöhnlich wie unsere gewöhnlichen, alltäglichen, kleinkarierten, egoistischen Interessen, um deren vernünftigen Ausgleich untereinander und mit den natürlichen Lebensgrundlagen sich die Politik zu bemühen hat.

Quelle Rüdiger Safranski: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare. Fischer Frankfurt am Main 9.Auflage 2005 (1993) (Zitat Seite 207)

P.S. Ein entscheidender Punkt in diesem Buch ist die Rolle, die der Phantasie und der Kultur zugestanden wird (kein Künstler liest das mit Begeisterung, aber vielleicht mit Einsicht, und das genügt):

Es kann sein, daß die Kultur das intensitätssteigernde Leiden, die Tragik sucht; die Politik aber muß vom Prinzip der Verhinderung oder Linderung von Schmerzen ausgehen. In der Kultur ist oft sogar Lust an der Gewalt im Spiel; in der Politik aber muß Gewalt verhindert werden; die Kultur sucht nicht nach Frieden, sondern nach Leidenschaft; die Politik aber muß auf den Frieden verpflichtet werden; die Kultur kennt Liebe und Erlösung, nicht aber die Politik, sie muß sich um Gerechtigkeit und Wohlfahrt sorgen. (a.a.O. Seite 208)

Seit heute Morgen

ohligser-heide-20161129_115133-jr JR (Huawei)

Ohligser Heide: Drei-Insel-Teich 29. November

Mehr

P.S.

Übrigens habe ich heute Morgen beim Spazierengehen beschlossen, einen eingeschliffenen Fehler aufzugeben. Aber zugeben werde ich ihn – an dieser Stelle – erst morgen. Vorläufig nur eins: das ist mein Teich, in dieser Farbe, die ich nicht benennen kann; die Luft über ihm kalt, das Wasser in Ufernähe von einer sehr dünnen Eisschicht bedeckt.

Aber was mich weit mehr verfolgt, ist etwas ganz anderes, immer noch, die Suche nach der kleinen gelben Mauerecke, obwohl ich sie doch schon vor 20 Jahren aufgegeben habe, sozusagen auf Anraten der ZEIT-Autors Dieter E. Zimmer, der diesen einen Aufsatz in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte (Weihnachtsausgabe). Ich habe das niemals vergessen. Aber jetzt ist Neues dazugekommen. Einstweilen können Sie ruhig noch suchen, liebe Leserinnen und Leser, nach Prousts „petit pan de mur jaune“ auf Vermeers „Ansicht von Delft“, wie ich einst in dem Proust-Bilderbuch, das ich wohl in den 60er Jahren geschenkt bekommen hatte: „Le Monde de MARCEL PROUST“ (1960) von André Maurois. Hier ist die betreffende Seite, – ein ungelöstes Rätsel. Und genau hier, zwischen des Seiten, fand ich auch den Original-Artikel von Dieter E.Zimmer wieder, nach dem ich ihn schon vorher im Internet gefunden hatte.

proust-maurois Sie monieren mit Recht, dass das Bild nicht vollständig ist. Ich wollte mich ja nur glaubwürdig machen, nicht die Kopie des ganzen, ungeteilten Bildes verstecken. Zunächst aber noch etwas zur Glaubwürdigkeit: der Artikel von damals!

zimmer-proust-artikel

vermeer-ansicht-von-delft

Durch Klicken vergrößern. Noch größer bei Wikimedia HIER.

Allerdings: wir sind auf meine recht zufällige Papiersammlung nicht angewiesen, den Mauerstück-Artikel findet man leicht auf den vorbildlich geordneten Seiten der Zimmerschen Web-Präsenz http://www.d-e-zimmer.de/ oder – wenn Sie dort zu versinken drohen – springen Sie doch sofort hinein in den Link des Artikels: Hier. Und lassen Sie sich dann später noch viel Zeit für die Räume, die sich bei Zimmer auftun. Aber kommen Sie auch zurück: ich habe noch eine Arbeit, die über den Proust-Vermeer weit hinausführt.

Innerhalb der Recherche findet sich eine kurze Geschichte, die von einem Mauerstück handelt, „un petit pan de mur jaune“, das Proust in Vermeers Ansicht von Delft verortet. Die achtfache Konfiguration des „pan de mur jaune“ faltet den achten Band der Recherche in sich selbst zu einer scène en abîme, in der die Schriftsteller-Figur Bergotte stirbt, doch seine zu dreien angeordneten Bücher den Anschein einer Auferstehung erwecken. Nicht das Wort wird Fleisch, sondern umgekehrt, bei Proust wird das Fleisch, wenn es in Stücke zerfällt, Wort. Mit der Auferstehungsszene des Neuen Testaments, die als Erfüllung der Prophezeiung des Alten Testaments zu den Präfigurationen par excellence zählt, thematisiert Proust die Technik der Präfiguration – im Licht der Antizipation seines eigenen Todes.

Im Originaltext findet sich bei dem Wort „Präfiguration“ eine kleine hochgestellte 1, und die entsprechende Anmerkung bezieht sich auf Erich Auerbach und eine Frage, die mich kürzlich bei Dante beschäftigt hat. Siehe hier beim Stichwort „Figur und Erfüllung“. So schließt sich ein Kreis. Die entsprechende Anmerkung im vorliegenden Text lautet:

Hayden White verdeutlicht die Rolle der Präfigurtaion (sic!)  und ihrer Erfüllung im literarischen Text bei Auerbach, der seinerseits in Mimesis immer wieder auf Beispiele aus der Recherche eingegangen ist : „In other words, it is not a matter of an author having an experience, of a historical milieu and then representing it, in a figurative way, in his text. On the contrary, the experience is already a figure and, insofar as it will serve as a content or referent of a further representation, it is a prefiguration that is fulfilled only in a literary text.” (White: Figural Realism , a.a.O., S.93.)

Der Text, aus dem diese Zitate stammen, ist insgesamt – der Farbe Gelb gewidmet. Sie stehen auf der ersten Seite des dritten Kapitels: Kapitel 3 „un petit pan de mur jaune“: Eine Kurzgeschichte in der Recherche (Proust). Die ganze Arbeit, eine Dissertation aus dem Jahre 2005, trägt den Titel:  Gelbe Momente / Ästhetische Materialität in Hofmannsthal und der Avantgarde. Der Name der Autorin ist Sabine Doran. Inhaltliche Übersicht hier, vollständiger Text des Proust-Kapitels hier.

Sie sehen, es wird schwierig. Dieter E. Zimmer hat nicht einfach recht mit der abschließenden Version, dass es keine Rolle spielt, die kleine gelbe Mauerecke (oder was auch immer) auf dem Originalbild dingfest zu machen. Es ist ähnlich wie mit dem kleinen melodischen Motiv, – ob man es nun bei César Franck oder bei Reynaldo Hahn aufdeckt: spielt etwa das Foto und der Name eines bestimmten brasilianischen Mädchens eine Rolle, wenn es um die Melodie „The Girl of Ipenama“ geht“? Ob aber Vermeers junge Dame Perlen wiegt oder kleine gelbe Goldstücke, die linker Hand auf dem Tische vor ihr liegen, das ist durchaus von Bedeutung… Und was ist aus Sabine Doran geworden?

goldwaegerin-von-vermeer Vergrößern bei Wikimedia hier

Die Seitenangabe des Adorno-Zitates auf der letzten Seite des Doran-Kapitels darf ich korrigieren, es ist nicht 371, sondern 369 (meine Ausgabe stammt allerdings nicht aus dem Jahr 1982, sondern 1966, was aber wohl für die Seitennummerierung keine Rolle spielt).

Adorno über „Fülle“

adorno-nihilismus-fuelle

PPS:

Erstens schreibe ich im Post-Postskriptum nichts über die Farbe der Bäume am Drei-Insel-Teich, wie ursprünglich geplant. Zweitens erwähne ich nicht das allererste Schreibmotiv des vorgestrigen Morgens: ich schreibe „heute morgen“ sowieso nicht mehr klein, wie es vor 1996 noch korrekt war und 20 Jahre von mir beibehalten wurde. Drittens schaue ich mir zum Trotz weiterhin Original-Schauplätze mit oder ohne Gelb an:

le-monde-de-marcel-proust Librairie Hochette 1960

2. Dezember 9.00 uhr

Gewissermaßen über Nacht hat Google in meinem Smartphone gearbeitet und aus einer kleinen Serie von Fotos, die ich am Drei-Insel-Teich gemacht habe, ein Panorama-Foto hergestellt. Kunst, für die ich nichts kann. Ist der Wasserspiegel nicht leicht konkav gewölbt? Google sucht Kontakt zu mir, ich soll was uploaden. Auf dass mir regelmäßig solche Kunststücke gelingen! Bitte anklicken, – Wunder der Natur…

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DANTE

Warum ich immer wieder abbreche und ebensooft zurückkehre

Im jüngsten Fall wohl durch den dürftigsten Anlass: Tschaikowskys „Francesca da Rimini“, – ich wollte wissen, welche Textstelle bei Dante zu diesem würdelosen Spektakel sinfonischer Musik geführt haben soll. Sind es wirklich diese wenigen Zeilen? Oder gibt es die ganze Geschichte irgendwo in epischer Breite? (Ja, aber sie ist dumm.)

paoloefrancesca-1 Francesca da Rimini & Paolo Malatesta (hier)

Ich sehe, wie angenehm sich die Übersetzung von Köhler liest; ich werde aber die von Kurt Flasch samt Anmerkungen zum Vergleich heranziehen. Schließlich war es Flasch (in der Bonner Buchhandlung vor ein paar Jahren, Genaueres siehe hier), der mir die folgende Stelle so intensiv eingeprägt hat. Hier spricht also Dante, der von dem römischen Dichter Vergil durch die Unterwelt geführt wird. Es stürmt.

Als ich gehört hatte, wie mein gelehrter Führer die Damen und Ritter alter Zeiten nannte, ergriff mich Mitleid, ich war wie von Sinnen.

Mühsam sagte ich: „Dichter, gerne würde ich mit den beiden sprechen, die dort hinten gemeinsam kommen und im Wind gar so leicht erscheinen.“

Darauf er zu mir: „Du sollst sie sehen, wenn sie erst näher bei uns sind; dann kannst du sie heranbitten, bei jener Liebe, die sie umtreibt, und sie werden kommen.“

Sobald der Wind sie zu uns her geblasen hatte, erhob ich die Stimme: „Ihr schwer gequälten Seelen, kommt uns sprecht mit uns, wenn das denn nicht verboten ist!“

Gleich wie die Tauben, vom Begehr gerufen, mit unbeweglich breiten Flügeln sich durch die Luft zum weichen Nest hin schweben zu lassen, getragen vom Verlangen,

so lösten diese sich ab von der Schar um Dido und kamen auf uns zu durch den üblen Dunst; so stark war mein liebevoller Anruf.

„Belebtes Wesen, du, anmutig und wohlgesonnen, du suchst uns auf hier in der finsteren Luft, uns, die wir doch die Welt mit Blut getränkt haben.

Wäre der Herr der Welt uns freund, wir würden bei ihm um Frieden für Dich flehen, denn du empfindest Mitleid mit unserem rasenden Leid.

Wovon ihr hören und sprechen möchtet, davon wollen wir zu euch sprechen und von euch hören, solange der Wind hier schweigt, wie eben jetzt.

Der Ort, an dem ich geboren wurde, liegt an der Küste, dort, wo der Po hinabfließt, um Ruhe zu finden, samt seinen Begleitern.

Liebe, wie sie in edlen Herzen ach so schnell verfängt, hatte den dort ergriffen, Liebe zu der schönen Gestalt, die mir hernach entrissen wurde. Noch immer komme ich darüber nicht hinweg.

Liebe, die ja keinen Geliebten mit Lieben verschont, sie ergriff auch mich, und ich fand so starkes Gefallen an ihm, dass es mich – du kannst es sehen – noch immer nicht verlässt.

Liebe brachte uns beiden gemeinsamen Tod. KAINSORT erwartet aber den, der uns aus dem Leben gelöscht hat.“ Dies waren die Worte, die die beiden an uns richteten.

Als ich diese gequälten Seelen zu Ende gehört hatte, verhielt ich mit gesenktem Haupt, so lange, bis der Dichter mich ansprach: „Was denkst du?“

Als ich wieder sprechen konnte, antwortete ich ihm: „O je! Wie viele innige Gedanken, wie viel süßes Verlangen führten diese doch zu einem Ende voller Pein!“

Dann aber wandte ich mich zu ihnen und sprach zu ihnen und sagte zu ihnen: „Francesca, deine Qualen stimmen mich traurig und rühren mich zu Tränen.

Aber sag mir: zur Zeit der süßen Seufzer, woran und wie ließ Amor euch euer zögerndes Sehnen erkennen?“

Und sie zu mir: „Nichts schmerzt doch mehr, als an die Zeit des Glücks zu denken, wenn man im Elend ist; das weiß auch dein gelehrter Führer.

Aber da dir so sehr daran liegt, zu hören, wo die erste Wurzel unserer Liebe war, will ich es dir erzählen, nur wird erzählen und weinen dabei eins sein:

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen von Lanzelot, wie den die Liebe packte; wir waren allein und ahnten noch nichts.

Ein paar Male ließ dies Lesen uns schon gegenseitig in die Augen blicken, und wir waren blass dabei geworden. An einer Stelle aber war es um uns geschehen:

Als wir lasen, wie der lächelnde, begehrte Mund von einem solchen Liebhaber geküsst wurde, da hat auch er, der nun nie mehr von mir getrennt ist,

mich heftig bebend auf den Mund geküsst. Den Mittler dabei spielte für uns das Buch und der’s geschrieben hat. Weiterlesen konnten wir an diesem Tag nicht mehr.“

Während die eine Schattenseele dies erzählte, weinte die andere; so sehr, dass mir vor Mitleid die Sinne schwanden, als müsste ich sterben.

Und ich fiel zu Boden, wie ein toter Körper fällt.

Quelle Dante Alighieri: La Commedia Die Göttliche Komödie I Inferno / Hölle Italienisch / Deutsch / In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler / Philipp Reclam jun. Stuttgart 2010 ISBN 978-3-15-010750-8 (Zitat Seite 81 ff)

Ich vergesse nie, wie eindrucksvoll Kurt Flasch, als er in Bonn seine eigene Übersetzung präsentierte, – eine Prachtausgabe, die ich mir dort zugelegt habe – über diesen letzten Satz des fünften Gesangs gesprochen hat, über die Wirkung der wenigen Worte in italienischer Sprache:

e caddi come corpo morto cade.

Vielleicht lese ich deshalb diese Seiten heute mit viel Andacht und Rührung, vergesse den aufdringlichen musikalischen Anlass und will mehr wissen und lernen über diesen Stil, der die Toten lebendiger reden lässt als ich von Lebenden erwarten würde.

A propos „in epischer Breite“: ich übergehe diese dürftige Rechtfertigungsgeschichte, die es tatsächlich gibt. Boccaccio erzählt sie (bei Flasch wiedergegeben Seite 18f).

Lieber erinnere ich mich an das epochale Buch „Mimesis“ von Erich Auerbach, in dem paradigmatische Stellen aus der Literaturgeschichte zitiert und behandelt werden. Ich besitze es seit Jahrzehnten, habe es offenbar einmal ziemlich vollständig gelesen, hätte aber nie mehr sagen können, worin Auerbachs berühmte Methode bestand. Unvergesslich war mir sein Vergleich der Homerischen Weltbeschreibung mit der alttestamentarischen. „Die Narbe des Odysseus“ habe ich daraufhin in einer WDR-Sendung verwendet. Ich vergaß aber nie, wie ich in Auerbachs Dante-Kapitel ein für allemal steckengeblieben bin und überhaupt nicht mehr verstand, wovon er redete. Es hatte mit „figuraler“ Auffassung zu tun. Heute ist das schnell präzisiert, aber damals hätte ich in eine Uni-Bibliothek gehen und Auerbachs großes Dante-Buch suchen müssen, auf das verwiesen wurde, und soviel Aufwand war mir die Sache dann doch nicht wert. (Für eine Bach-Kantate hätte ich es getan.) Heute ist das anders. Aber der Zugang liegt auch im Zeitalter des Internets nicht gerade auf der Hand.

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Quelle Erich Auerbach: Mimesis Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Litaratur. Francke Verlag Bern und München 1946 4. Auflage 1967 (Seite 182/183)

Eine der Unterstreichungen ergibt die erste Frage, der ich nachzugehen suche: von Hegel stammt eine „der schönsten Seiten, die je über Dante geschrieben wurden“??? Ich muss sie finden. Und stoße zuerst auf die Besprechung eines Kenners der mittelalterlichen Literatur, Ernst Osterkamp, allerdings zu – Auerbach, was mir nur recht sein kann. Hier.

Nachtrag, eingeschoben am 7.5.2017

17 Mit „einer der schönsten Seiten, die je über Dante geschrieben wurden“ (183), meint Auerbach einen Passus aus dem Abschnitt „Das romantische Epos“, in dem Hegel über das „eigentliche Kunstepos des christlichen katholischen Mittelalters“ unter anderem sagt: „Statt einer besonderen Begebenheit hat es das ewige Handeln, den absoluten Endzweck, die göttliche Liebe in ihrem unvergänglichen Geschehen und ihren unabänderlichen Kreisen zum Gegenstande, die Hölle, das Fegefeuer, den Himmel zu seinem Lokal und senkt nun die lebendige Welt menschlichen Handelns und Leidens und näher der individuellen Taten und Schicksale in dies wechsellose Dasein hinein“; Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Werke, 20 Bde. (Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1970) Bd. 15 (Vorlesungen über die Ästhetik) 406–07. Quelle dieses Zitates Ulrich Schulz-Buschhaus, Graz s. hier Seite 10.

Auerbach entfaltet tatsächlich auch den erwähnten Gedanken Hegels auf den Seiten 182 bis 185. Und noch an anderen Stellen des Buches „Mimesis“ findet man Erläuterungen zum Begriff der „Figur“ und der figuralen Geschichtsdeutung“. Man versteht, dass

sich Figur und Erfüllung zwar gegenseitig „bedeuten“, daß aber ihr Bedeutungsgehalt keineswegs ihre Wirklichkeit ausschließt; ein figürlich zu deutendes Ereignis bewahrt seinen wörtlichen, historischen Sinn, es wird nicht zum bloßen Zeichen, es bleibt Ereignis; schon die Kirchenväter, besonders Tertullian, Hieronymus und Augustin, haben den figuralen Realismus, das heißt die grundsätzliche Aufrechterhaltung des geschichtlichen Wirklichkeitscharakters der Figuren, gegen spiritualistisch-allegorische Strömungen siegreich verteidigt. Solche Strömungen, die den Wirklichkeitscharakter des Geschehens gleichsam aushöhlen und in ihm nur noch außergeschichtliche Zeichen und Bedeutung sehen, sind aus der Spätantike auch ins Mittelalter hinübergeflossen; der mittelalterliche Symbolismus und Allegorismus ist, wie man weiß, zuweilen überaus abstrakt, und auch in der Komödie findet man viele Spuren davon. Aber das weitaus Überwiegende im christlichen Leben des hohen Mittelalters ist der figurale Realismus (…).

Quelle Auerbach a.a.O. Seite 187 f

Gerade diese letzten Seiten des Dante-Kapitels bei Auerbach sind unerhört wichtig; man muss sie in Ruhe studieren und mit anderen Stellen (Seite 74 bis 77) in Beziehung setzen, bis man verstanden hat, was es mit „Figur“ und „Erfüllung“ auf sich hat.

Damit wird auch klar, weshalb man Dante überhaupt lesen sollte, selbst wenn einem das christlich-mittelalterliche Weltbild fremd und absurd erscheint.  Natürlich geht es nicht darum, sich damit zu identifizieren! So wenig wie, sagen wir, mit dem tibetanischen Totenbuch. Ohne zwischengeschaltete Erläuterungen ist es überhaupt nahezu unmöglich. Es geht einem tatsächlich kaum anders als mit dem uns viel näheren Johann Sebastian Bach, dessen Weltbild (oder: das seiner Zeit) man für die Dauer des Werkes akzeptiert, ohne es in die Gegenwart transportieren zu wollen. Die Musik schafft die Gegenwart; im Fall Dante: die Eindringlichkeit der Bilder verlangt intellektuelle Annäherung.

Allein nie zuvor ist dieser [figurale Realismus] so weit getrieben worden, selbst in der Antike kaum, um die irdische Form der menschlichen Gestalt bis zu einer fast schmerzhaft eindringlichen Anschauung zu bringen. Gerade die christliche Unzerstörbarkeit des ganzen Menschen gestattete ihm dies; und gerade dadurch, daß er es mit solcher Gewalt und mit soviel Wirklichkeit ausführte, brach er die Neigung des irdischen Wesens zur Autonomie Bahn; er schuf mitten im Jenseits eine Welt der irdischen Gestalten und Leidenschaften, die in ihrer Wirkung aus dem Rahmen heraustritt und selbständig wird; die Figur übertrifft die Erfüllung, oder noch eigentlicher: die Erfüllung dient dazu, die Figur noch wirkungsvoller hervortreten zu lassen.

Quelle Auerbach a.a.O. Seite 191

dante-flasch dante-koehler

Kurt Flasch:

Der Leser der Commedia wird mit dem Anfang, also mit dem Inferno beginnen, und darf sich für den Anfang eine personenorientierte, fast impressionistisch-leichte Auswahllektüre erlauben. Ich habe ihm vorgeschlagen, mit den canti 5, 26 und 32/33 zu beginnen. Und dabei alle historischen oder sonstige Details zunächst auf sich beruhen zu lassen. Sich Informationen zu beschaffen, ist heute leichter, als sich zweckfrei Dantes Erfindungen zu überlassen. Die genannten canti zeigen, wie Dante vom Jenseits aus die irdische Welt sah. Hier spricht Dante nicht als Ideologe oder Theologe, sondern als Schöpfer plastischer Gestalten. Diese Texte zerstören das Einheitsbild von ‚Mittelalter‘, diese moderne, diese nostalgische oder despektierliche Abstraktion. Besser spricht man von Jahren und Jahrzehnten, von einzelnen Zentren, Autoren und Kulturlandschaften. Das ‚Mittelalter‘ gab es nicht. Reißen wir diese Mauer ein. Widmen wir uns im Detail Dantes sprachlicher Kunst, seinen Metaphern und sinnlichen Klängen, seinen politischen Visionen und philosophischen Spekulationen.

Quelle Einladung, Dante zu lesen / Von Kurt Flasch / S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 2011 ISBN 978-3-10-015339-5 (Zitat Seite 54 f)

Übersicht bei Wikipedia Hier.

Warum ich damals, als ich mir den DANTE zum ersten Mal kaufte (im Juli 1956) nicht allzuviel gelesen habe, weiß ich wohl, wenn ich nur die entscheidenden Verse des 5. Gesangs auf mich wirken lasse:

„Wir lasen eines Tages, uns zur Lust, / Von Lanzelot, wie Liebe ihn durchdrungen; / Wir waren einsam, keines Args bewußt.

Obwohl das Lesen öfters uns verschlungen / Die Augen und entfärbt uns das Gesicht, / War eine Stelle nur, die uns bezwungen:

Wo vom ersehnten Lächeln der Bericht, / Daß der Geliebte es geküßt, gibt Kunde, / Hat er, auf den ich leiste nie Verzicht,

Den Mund geküßt mir bebend mit dem Munde; / Galeotto war das Buch, und der’s geschrieben: / Wir lasen weiter nicht seit jener Stunde.“

So sprach der eine Geist von seinem Lieben; / Der andre weinte so, daß ich vor Not / Die Sinne fühlte wie beim Tod sich trüben,

Und fiel, wie Körper fallen, wenn sie tot.

Quelle DANTE Die Göttliche Komödie / Übertragen von Wilhelm Hertz / Oktober 1955 Fischer Bücherei Frankfurt Hamburg Der 100. Band

Man sieht, es tut im Deutschen keine Wirkung, wenn die Reime – dem Original zuliebe – vorhanden sind, aber jeden Reizes entbehren, den das Original selbst dann vermittelt, wenn man des Italienischen kaum kundig ist. Und selbst inhaltlich ist diese Version – dank der gespreizten Satzbildung – kaum nachzuvollziehen.

Ich lasse die entsprechenden Verse in der Prosa-Übersetzung von Kurt Flasch folgen, ohne die bei ihm eingefügte Zeilen-Nummerierung zu berücksichtigen, stattdessen setze ich nur die letzten Strophen voneinander ab, um eine leichtere Vergleichbarkeit mit Hertz und Köhler (am Anfang dieses Beitrags) zu ermöglichen.

„Eines Tages lasen wir zum Vergnügen von Lancelot, wie Amor ihn bedrängte. Allein waren wir und ohne jeden Argwohn. Mehrmals ließ, was wir da lasen, uns die Augen erheben; wir sahen uns ins bleiche Gesicht, aber dann kam die einzige Stelle, die uns besiegte. Als wir lasen wie der begehrte lachende Mund von einem solchen Liebhaber geküßt wurde, da küßte dieser Mann, der niemals von mir getrennt wird, mich auf den Mund, zitternd am ganzen Leib.

Den Kuppler Galehaut spielte das Buch und der es schrieb. An diesem Tag lasen wir nicht weiter.“

Während der eine Geist dies sagte, weinte der andre so heftig, daß vor Mitleid mir die Sinne schwanden, als ob ich stürbe.

Ich stürzte hin, wie ein toter Körper fällt.

Quelle DANTE COMMEDIA in deutscher Prosa von Kurt Flasch. S.Fischer Verlag Frankfurt am Main September 2011 ISBN 978-3-10-015339-5 (Zitat Seite 289)

Perlentaucher nachlesen HIER

Ein Zugang zu Botticellis Illustrationen der Commedia:

Vielleicht muss man auch eine meisterhafte italienische DANTE-Rezitation erlebt haben, – hier ist der Canto V interpretiert durch Roberto Benigno. Die letzte Zeile endet bei 8:55 (anschließend Applaus). Ab 7:38 beginnen die oben gerade zitierten Zeilen: „Eines Tages lasen wir zum Vergnügen von Lancelot, wie Amor ihn bedrängte. Allein waren wir und ohne jeden Argwohn.“ – Noi leggiavamo un giorno per diletto / di Lancialotto come amor lo strinse: soli eravamo e sanza alcun sospetto ….

Ich habe schon im ersten Blog-Beitrag zum Thema Dante einen Hinweis zum Mitlesen gegeben, von dem ich mich heute distanziere. Abgesehen von der Fleißarbeit der Textwiedergabe gibt es derart flapsige Bemerkungen im Kommentar, dass man sich dem Verfasser nicht unbedingt anvertrauen mag. Zum Text des fünften Gesangs, den Roberto Benigni zitiert, sei trotzdem derselbe Weg empfohlen: hier.

Differenziert oder radikal denken

Keine Frage

Es gibt eine geheiligte Logik, die mich ärgert. Ich zitiere:

Neulich hat Carolin Emcke den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Alle sind sauer geworden, weil sie Emckes Rede über das Leiden der Homosexuellen- und Transgender-Community so wohlfeil fanden. Sie soll sich mal nicht so anstellen, wissen wir doch alles, sagten die Kommentatoren. Halt’s Maul, Emcke. Wir sind doch längst heilig.

Wir sind es nicht.

Wir sagen: Trump will nichts fürs Klima tun – und buchen eine Stunde später einen Wochenendflug nach London. Wir sagen: Trump betrachtet Frauen als Objekte – und glotzen ein paar Bier später einer vorübergehenden Frau aufs Hinterteil. Wir sagen: Trump ist xenophob – und haben Angst, wenn ein arabisch aussehender Mann mit Rucksack zu uns in die Bahn steigt.

Wir sagen: Trump will den Sozialstaat abbauen. Aber die von uns an die Regierung gewählten Parteien lassen die soziale Schere unerbittlich aufgehen.

Wir haben ein Riesenproblem: Wir sind nicht ehrlich mit uns. Wir sind nicht mehr unaufgeklärt. Wir kennen uns selbst nicht mehr. Wir haben, würde der Analytiker sagen, ein zu dominantes Über-Ich.

 Unsere Werte sind streng und universal. Sie sind so groß, dass wir beständig an ihnen scheitern. Der Komiker Louis CK, der genial ist, weil er immer über das spricht, was niemand aussprechen will, attestierte sich neulich „milden Rassismus“. Er nannte als Beispiel den Besuch in einem Pizzaladen, der von fünf schwarzen Frauen geführt wird. CK gab zu, dass ihm das aufgefallen sei. Milder Rassismus.

Das Problem ist, dass uns solche Beobachtungen unangenehm sind. Das Problem ist, dass diese Geschichte nur ein Komiker erzählen darf. Das Problem ist nicht, dass wir in einer Welt leben, in der uns die Hautfarbe des Gegenübers noch nicht einmal auffällt. Dieses Ideal ist richtig. Das Problem ist, dass wir über unser ständiges Scheitern daran eisern schweigen. Dass wir immer wieder so tun, als würde das Propagieren von Idealen schon bedeuten, dass man ihnen gerecht wird.

Ich breche mein Schweigen. Mir fielen bei diesen Sätzen eines ZEIT-Artikels zwei Erinnerungen ein, die ich immer schon mal zum Thema machen wollte. Das eine: wir (unser Ensemble Collegium Aureum) befanden uns auf einer Japan-Tournee, und gegen Ende – letzte Station: ein Konzert in Sapporo – hatten wir uns an die japanischen Gesichter auf den Straßen und in den Konzertsälen dermaßen gewöhnt, dass sie uns nicht mehr „japanisch“ vorkamen, sondern „normal“. Als schöner sowieso, aber wir differenzierten bereits. Der Moment, an den ich mich erinnere, war in einer überfüllten Bar, in der ich gerade noch etwas trinken wollte: ich kämpfte mich zur Theke durch und konnte meinen Wunsch vorbringen, dabei schaute ich zufällig in den Spiegel hinter der Bedienung und sah zwischen den zusammengedrängten Personen mein eigenes Gesicht – und erschrak heftig: das ist nicht möglich, das kann nicht sein, dieser eine hässliche Typ da, das bin ICH. Ich brauchte einen Moment der Verarbeitung…  Was war geschehen? Ich war in die Falle getappt, – schwerer Rassismus in eigener Sache!

Die andere Geschichte handelt nicht von mir, jedenfalls nicht im wörtlichen Sinne. Zitat:

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre. Es ist auch gesagt: „Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.“ Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.

Ich weiß nicht, ob über den letzten Satz sich nur die ärgern, die „eine Geschiedene“ geheiratet haben. Letztlich ist alles ärgerlich, und zwar im wörtlichen wie im irgendwie erweiterten Zusammenhang oder in abgemilderter Form. Diese Logik der Übertreibung gehört zu den übelsten Eigenarten unter Menschen, – wenn jemand zu mir sagt „ich fürchte, das stimmt nicht ganz“, ihm entgegenzuschleudern: „willst du behaupten, dass ich lüge?!“ Die Logik der Emser Depesche, – eine Aussage durch Verkürzung oder Verschärfung ins Extrem zu wenden. Sie ist damit nicht nur überspitzt, sondern eine andere geworden. Wer so zitiert, der lügt, – es sei denn, er macht nur einen Spaß, wie Louis CK (den ich nicht kenne, bzw. kannte).

Meine Zitierweise des ZEIT-Artikels könnte darüber hinwegtäuschen, ob es sich nun um einen Artikel handelt, den ich empfehlen oder kritisieren möchte. (Durchaus empfehlen!) Es geht ja um das Scheitern unserer Ideale, vielmehr: um unser Scheitern an den Idealen. Was nicht bedeutet, dass wir sie nun schleunigst abschaffen müssten. Umgekehrt heißt es in diesem Artikel:

Das Problem ist, dass wir über unser ständiges Scheitern daran eisern schweigen. Dass wir immer wieder so tun, als würde das Propagieren von Idealen schon bedeuten, dass man ihnen gerecht wird.

Fragwürdig. Doch zunächst zur

Quelle DIE ZEIT 24. November 2016 Seite 80 Rubrik: ANSAGE Der Trump in uns / „Es heißt, Trump sei xenophob – aber wenn ein arabisch aussehender Mann mit Rucksack in die Bahn steigt, haben wir alle Angst. Wir sind nicht ehrlich mit uns“ Von Alard von Kittlitz.

Ich kritisiere nur das „idealistische“ Übertreiben, – wenn einer auf meine Bemerkung, das Konzert habe mir nicht gefallen, antwortet: es war grauenhaft, unerträglich! Gern gebe ich mich postwendend noch päpstlicher und fordere: Für den langsamen Satz wäre zwei Wochen Kerkerhaft die rechte Bestrafung.

Ehrlich gesagt: das maßlos übertreibende Eiferertum ärgert mich auch an der Bergpredigt. Nennt man das denn im Ernst Idealismus?

Mit anderen Worten: Muss ich jetzt in den Kerker? Oder wäre erst die genannte Höllenstrafe angemessen?

P.S. 1.12.2016

Man könnte und sollte viel radikaler widersprechen! Heute ärgert mich der kleine Klammereintrag: / (Durchaus empfehlen!) / Denn diese Selbstanklagen, sobald einer der Tatsache innewird, dass man irgendwelchen Idealen nicht entspricht, sind bloße Augenwischerei. Auch das larmoyante Ringen um „unsere westlichen Werte“ ist oft schwer zu ertragen. Es geht um Selbstverständlichkeiten, nicht nur in „unserer Kultur“, sondern innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft überhaupt. Dass dies kein leerer Begriff ist, dafür sorgt glücklicherweise ein ausführlicher und für alle verbindlicher Schriftsatz: das Grundgesetz.

Was ich ebenfalls empfehlen kann, ist der Gegenartikel in der neuen ZEIT, Schlusspassus:

Was zählt, ist das Vermögen, die Existenz eines Gegners auszuhalten. Es ist auch eine Krankheit unserer postmarxistischen, emanzipatorisch weichgespülten, politisch entmutigten Linken, dass sie meint, alle Aufgaben mit den Mitteln der Aufklärung und Pädagogik lösen zu können – mit dem Gespräch. Deshalb versucht sie so verzweifelt, irgendwelche Brücken zu bauen, und sei es, durch Selbstanklage und Selbstdemütigung. So tief hinunterbeugen kann man sich aber gar nicht, dass man auf das Niveau von Trump und AfD käme. Nicht wir – hier hat das Wir sein Recht – haben das Gespräch schuldhaft unterlassen, sondern die Rechtspopulisten haben das Gespräch abgebrochen. Sie haben den Konsens der Gleichheit und Brüderlichkeit verlassen. Sie sind unsere Gegner. Wir müssen sie nicht therapieren, sondern klein halten.

Quelle DIE ZEIT 1.12.16 Seite 66 Ansage / Kampfansage „Es ist eine Krankheit unserer postmarxistischen, emanzipatorisch weichgespülten, politisch entmutigten Linken, dass sie meint, alle Aufgaben mit den Mitteln der Aufklärung und Pädagogik lösen zu können“ Von Jens Jessen.

Wer bin ich?

Ist die Selbsterforschung ein Weg?

Es stört mich nicht, wenn man mich falsch einschätzt, weil ich Bachs Magnificat so hoch einschätze, Monteverdis Marienvesper ebenso, die ganze Gotik, ja, auch die früheren Kirchenbauten, auch die weniger himmelstrebende Romanik bis hin zu den noch viel schwerer die Erde belastenden Pyramiden. Es wäre lästig, für all dies eine Begründung zu geben, die von meiner begrenzten Person ablenkt – nicht wahr? –  von der ich nicht einmal weiß … (und wenn ja, wie viele …). Mitte der 50er Jahre habe ich angefangen, Nietzsche zu lesen, Kröner-Verlag, Nachwort von Alfred Bäumler, dem Nazi, von dessen Belastung ich nichts wusste. „Jenseits von Gut und Böse“ – das lernte ich immerhin – hat mit 1933 nichts zu tun, aber was es erkenntnistheoretisch bedeutete, ahnte ich nicht, Nietzsche war zu leicht zu verstehen! Dass es ganz anders geht, lernte ich erst 10 Jahre später, durch das Nietzsche-Buch von Karl Jaspers, gedruckt 1936, was in diesem Fall nichts Böses bedeutete. Im Vorwort stand: „Man muß aus bloßer Nietzsche-Lektüre zum Nietzsche-Studium kommen, dieses verstanden als Aneignung im Umgang mit dem Ganzen von Denkerfahrungen, das Nietzsche in unserem Zeitalter war: ein Schicksal des Menschseins selbst, das an die Grenzen und Ursprünge drängte.“ Ich weiß nicht, ob es mir damals gelang. Soweit ich weiß, hat mir dann in den 60ern Marcel Proust mehr bedeutet… was auch nicht falsch war. Doch zurück zu Nietzsche, weil ich eigentlich auf HEUTE hinauswill:

Es giebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass es »unmittelbare Gewissheiten« gebe, zum Beispiel »ich denke«, oder, wie es der Aberglaube Schopenhauer’s war, »ich will«: gleichsam als ob hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als »Ding an sich«, und weder von Seiten des Subjekts, noch von Seiten des Objekts eine Fälschung stattfände. Dass aber »unmittelbare Gewissheit«, ebenso wie »absolute Erkenntniss« und »Ding an sich«, eine contradictio in adjecto in sich schliesst, werde ich hundertmal wiederholen: man sollte sich doch endlich von der Verführung der Worte losmachen! Mag das Volk glauben, dass Erkennen ein zu Ende-Kennen sei, der Philosoph muss sich sagen: »wenn ich den Vorgang zerlege, der in dem Satz »ich denke« ausgedrückt ist, so bekomme ich eine Reihe von verwegenen Behauptungen, deren Begründung schwer, vielleicht unmöglich ist, – zum Beispiel, dass ich es bin, der denkt, dass überhaupt ein Etwas es sein muss, das denkt, dass Denken eine Thätigkeit und Wirkung seitens eines Wesens ist, welches als Ursache gedacht wird, dass es ein »Ich« giebt, endlich, dass es bereits fest steht, was mit Denken zu bezeichnen ist, – dass ich weiss, was Denken ist. Denn wenn ich nicht darüber mich schon bei mir entschieden hätte, wonach sollte ich abmessen, dass, was eben geschieht, nicht vielleicht »Wollen« oder »Fühlen« sei? Genug, jenes »ich denke« setzt voraus, dass ich meinen augenblicklichen Zustand mit anderen Zuständen, die ich an mir kenne, vergleiche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser Rückbeziehung auf anderweitiges »Wissen« hat er für mich jedenfalls keine unmittelbare »Gewissheit«. – An Stelle jener »unmittelbaren Gewissheit«, an welche das Volk im gegebenen Falle glauben mag, bekommt dergestalt der Philosoph eine Reihe von Fragen der Metaphysik in die Hand, recht eigentliche Gewissensfragen des Intellekts, welche heissen: »Woher nehme ich den Begriff Denken? Warum glaube ich an Ursache und Wirkung? Was giebt mir das Recht, von einem Ich, und gar von einem Ich als Ursache, und endlich noch von einem Ich als Gedanken-Ursache zu reden?« Wer sich mit der Berufung auf eine Art Intuition der Erkenntniss getraut, jene metaphysischen Fragen sofort zu beantworten, wie es Der thut, welcher sagt: »ich, denke, und weiss, dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss ist« – der wird bei einem Philosophen heute ein Lächeln und zwei Fragezeichen bereit finden. »Mein Herr, wird der Philosoph vielleicht ihm zu verstehen geben, es ist unwahrscheinlich, dass Sie sich nicht irren: aber warum auch durchaus Wahrheit?« –

Quelle Friedrich Wilhelm Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse – Kapitel 3 (Paragraph 16) zitiert nach „Projekt Gutenberg“ Spiegel.de HIER.

Heute sehe ich das als Anfang eines richtigen Weges, auf dem mich viele andere Bücher begleiteten; ich hebe nur eins hervor, das mich in den 90er Jahren überzeugte, Francis Crick, also näher an der Wissenschaft. Vielleicht notiere ich bei Gelegenheit, was sonst noch alles auf dem Wege lag und jetzt im Bücherschrank hinter mir, z.B. von Antonio R. Damasio: „Ich fühle, also bin ich“ oder, im neuen Jahrhundert, von Joseph LeDoux: „Das Netz der Persönlichkeit / Wie unser selbst entsteht“ , dickleibig und fast ungelesen, in den letzten Jahren dagegen, gründlich durchgearbeitet, Thomas Nagel mit „Geist und Kosmos“.

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Was ist aus Thomas Metzinger geworden? Sein Buch „Bewußtsein“ begann ich am 24.12. 1995. Die SZ-Seite oben stammt aus 2003.

metzinger-bewusstsein-a Und das Gespräch mit Precht aus 2011:

Beachtenswert sind auch die Kommentare mancher Youtube-Besucher: viele Normalverbraucher halten solche Gespräche für Nonsens, weil sie sich der Gewissheit ihrer Innenperspektive nicht berauben lassen wollen. Früher hätten sie gar nicht den Saal betreten, in dem solche Gespräche stattfanden. Jetzt klicken sie rein und werden böse, dass dergleichen erlaubt ist.

Und seit neuestem gibt es das folgende Buch – wieder einmal scheint sich alles zu klären – von Michael Pauen:

pauen

Klarer geht es nicht, eine historische Zusammenfassung und eine neue Systematik. „Alles zu klären“ kann nur bedeuten: erkennen, was fehlt und was noch kommen sollte (falls sich nicht die Voraussetzungen wieder grundlegend ändern).

Warum ich all dies gerade jetzt rekapituliere? Es liegt nicht (nein! bitte nicht!) an der besinnlichen Zeit. Mein Kollege aus WDR-Zeiten, Michael Rüsenberg, dort für Jazz zuständig, veranstaltet eine interessante Reihe mit dem Titel „Gedankensprünge“, und wer einen Blick hineinwirft (HIER), weiß alles. Lesen Sie doch dort schon mal etwas weiter. Schauen Sie auch ins Archiv.

25. Nov.2016 abends

buchhandlung-bonn-161125 Bonn „buchladen 46“ Außen- und Innenperspektive

Kein Zweifel (vgl. Beweisfoto oben), ich war also dort: ab Solingen per Bahn 18:15 h, Zugchaos in Köln, an Bonn 19:20 + Wanderung in die Kaiserstraße, Vortrag bzw. Pauen im Gespräch mit Rüsenberg 20:10 bis 21:40, ab zum Bahnhof, ab Bonn 21:52, in Köln warten, Mr.Clean, und weiter 22:52, zuhaus 23:30 h. Eine Unternehmung von gut 5 Stunden. War es die Sache wert? Wenn man das Versagen der Bahn in Köln, das Getümmel in der Bahn auf der Rückfahrt von Bonn (Freitagabend, junge Leute unterwegs, nette, lebendige, aber sehr viele) etc. all diese Dinge mitbedenkt? Ja. So wie die Fahrt nach Stuttgart damals, mit dem Ziel, mittags Zehetmair mit Bach zu hören, Kind und Enkelin zu sehen und zurück nach Solingen. Ja, genauso! Die Selbstwahrnehmung, das Erleben der eigenen Mühe gehört dazu, wie zu einer Pilgerfahrt! Die Fremderfahrung, man hat beim Weiterlesen auf der Rückfahrt und später zuhaus die Stimme des Autors im Ohr. Dazu passt kein pathetischer Tagebuch-Eintrag. So ist Wissenschaft. Großartig in der geduldigen Kleinarbeit, vertrauenerweckend.

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Nachtrag

Inzwischen kann man Videoclips auch aus der Veranstaltung direkt anklicken: a) Über das Erste-Person-Privileg b) Kontra Erklärungslücken-Theoretiker HIER Die Kluft zwischen Wissen und Bewusstsein.

Der dreifache Dionys in St.Denis

Irrtum oder Betrug? (Zu den Grundlagen der Gotik)

Ich zitiere aus dem historischen Standardwerk „Die gotische Kathedrale“ von Otto von Simpson (Anmerkungen weggelassen, Links hinzugefügt):

Wir erinnern uns: die Abtei von St. Denis verdankte ihre Bedeutung ursprünglich der Tatsache, daß sie die Reliquien des Heiligen und Märtyrers barg, der Frankreich im dritten Jahrhundert zum Christentum bekehrt hatte und daher als Schutzpatron des Königshauses und Reiches galt. Diesen heiligen Dionysius nun hielt man für identisch mit einem Theologen der Ostkirche, der einer der großen Mystiker der christlichen Überlieferung ist. Diesen zweiten Dionysius, den Pseudo-Areopagiten, haben wir bereits kennengelernt: sein Werk war die Hauptquelle der im zweiten Kapitel besprochenen mittelalterlichen Lichtmetaphysik. Über seine Person wissen wir fast nichts. Er war vermutlich Syrer und lebte im späten fünften Jahrhundert. Merkwürdig, wenigstens für unser Empfinden, daß sich mit seinen tiefen mystischen Einsichten ein Hang zur Mystifikation verbindet. So will er den Leser durch mancherlei Anspielungen und Hinweise glauben machen, daß er Zeuge der Sonnenfinsternis beim Tode Christi gewesen sei, das Ende der Jungfrau Maria selbst miterlebt und den Evangelisten Johannes gekannt habe, kurz, daß er kein geringerer als jener vornehme Athener Dionysius gewesen sei, der nach der Apostelgeschichte 17, 34, „Paulus anhing und gläubig wurde“. Alle diese falschen Behauptungen fanden im Mittelalter Glauben, und es scheint unmöglich, den Verfasser von dem Verdacht freizusprechen, er habe mit Absicht jene Verwirrung geschaffen, die lange nach seinem Tode die erstaunlichsten Folgen haben sollte. Die Schriften des Dionysius galten bald als in apostolischer Zeit verfaßt. Sie wurden mit der Andacht gelesen, die man den verehrungswürdigsten Darstellungen des christlichen Glaubens vorbehielt, nur ein weniges schien sie von den inspirierten Schriften der Bibel selbst zu trennen. „Unter den Kirchenschriftstellern“, schreibt Johannes Saracenus in seiner dem Nachfolger Sugers, Odo von St. Denis gewidmeten Übersetzung des Areopagiten, „gilt Dionysius als der erste nach den Aposteln“.

Ein Irrtum zog den zweiten nach sich. Mag der große Syrer auch den ersten verschuldet haben, so gewiß nicht den zweiten. Zwischen 757 und 767 nämlich übersandte Papst Paul I. Pippin dem Kurzen die Handschrift des corpus Areopagiticum. Es ist durchaus möglich, daß der Papst selbst an die Identität des Verfassers mit dem Apostel von Frankreich geglaubt hat. Kaiser Ludwig der Fromme beauftragte den Abt Hilduin von St. Denis, alles Material über „unseren besonderen Schutzheiligen“ zu sammeln, das er in den griechischen Schriftstellern und anderswo zu finden vermöchte. Hilduin unterzog sich dieser Aufgabe mit Begeisterung. Er verfaßte eine Biographie, in welcher der durch Paulus Bekehrte, der Apostel von Frankreich und der Verfasser des corpus Areopagiticum als ein und dieselbe Person geschildert wurden.

Nicht, daß die Schriften des Dionysius solch falscher Beglaubigung bedurft hätten, um Beachtung zu finden. In großartiger Synthese von neoplatonischen und christlichen Anschauungen wird hier eine mystische Schau mit hinreißender Beredsamkeit vorgetragen. Aber so sehr das Mittelalter den Philosophen Plato auch bewunderte, und soviel ihm die christliche Theologie tatsächlich verdankt, die christlichen Theologen haben sich seinem Werk doch nur mit Zurückhaltung genähert. Das gleiche Schicksal hätte dem Pseudo-Areopagiten blühen können. Aber als Schüler des heiligen Paulus wurde er ohne Bedenken in die theologische Tradition des Mittelalters aufgenommen, und als angeblicher Apostel Frankreichs gewann er mit seinem Werk die Herrschaft über die gesamte geistige Kultur dieses Landes. Im zwölften Jahrhundert nahm die Heiligenverehrung im öffentlichen Leben eine so überragende Stellung ein, daß sie sogar die Richtung der Politik, zum mindesten ihren Stil, beeinflußte. Die besondere Verehrung, die man dem Apostel Frankreichs nicht nur als Märtyrer, sondern gerade auch wegen seiner angeblichen philosophischen Werke entgegenbrachte, ist verständlich. Damals erlebte die Scholastik ihre erste Blüte. Ein Zeitalter, das, so fest es auch im Glauben verwurzelt war, schon im Bann der philosophischen Spekulation stand, verlangte nach einem Schutzpatron, der sowohl ein großer Heiliger wie ein bedeutender Denker war. Jedenfalls hat die Verehrung des Heiligen im zwölften und noch im dreizehnten Jahrhundert auch auf die Entwicklung des französischen Denkens einen außerordentlichen Einfluß ausgeübt.

Quelle Otto von Simson: Die gotische Kathedrale /  Beiträge zu ihrer Entstehung und Bedeutung / (1956) deutsche überarbeitete Ausgabe: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1968 und 1972 / ISBN 3-534-04306-5 (Zitat Seite 147 ff)

Mit aller Vorsicht kann man eine solche Aufklärung über die drei Identitäten des Dionysius schon in Stadlers Heiligen-Lexikon (1858-1882) lesen, siehe hier über das Lexikon und hier über Dionysius, wobei wohl nicht nur der Satz vom „Feldgeschrei der Franzosen“ dem Stil der damaligen Zeit geschuldet ist. (JR)