Schlagwort-Archiv: Erich Auerbach

Mimesis

Zu Erich Auerbachs Buch (und weiteren Begriffsbestimmungen)

Auerbach Mimesis Cover 4. Auflage 1967

Wahrscheinlich im Germanistik-Studium Köln empfohlen von Dorothee Sölle oder Herbert Singer. Lektüre alle paar Jahre wiederholt, ohne letztlich Klarheit über den wegweisenden Entwurf des Ganzen zu gewinnen. Neuer Anlauf 2017, anlässlich der allmählichen Erschließung des Begriffs „Figura“ bei der Beschäftigung mit Dante (hier) und nach dem Eintreffen des Büchleins „Mimesis und Figura“ (mit Auerbachs Aufsatz, der dem Buch Mimesis 1938 voranging).

Auerbach FIGURA cover Vorsatz, MIMESIS neu zu erarbeiten

Auerbach Inhalt Mimesis = Dargestellte Wirklichkeit in der Literatur

Wikipedia-Artikel zu einzelnen Kapiteln:

I Opferung Isaaks, Tora II Titus Petronius III Ammianus Marcellinus IV Gregor von Tours V Rolandslied VI Chretien de Troyes VIII Dante Aligieri IX Giovanni Boccaccio X Antoine de la Sale XI François Rabelais XII Michel de Montaigne XIII William Shakespeare XIV Miguel de Cervantes XV Jean de la Bruyère XVI Abbé Prévost XVII Friedrich Schiller XVIII Stendhal XIX die Brüder Goncourt XX Virginia Woolfe

Abgrenzung gegenüber der Mimesis in der Musik (oder Versuch der Parallelisierung?) – Anverwandlung  (Darstellung) der musikalischen Wirklichkeit:

Mimesis in Musik Inhalt 1 Mimesis in Musik Inhalt 2

Auszug aus der Inhaltsübersicht des Buches: Forschendes Üben Wege instrumentalen Lernens / Über den Interpreten und den Körper als Instrument der Musik / Renate Wieland & Jürgen Uhde (Bärenreiter Kassel 2002)

Zitat aus dem oben (gelbes Cover!) abgebildeten Buch „Mimesis und Figura“:

Einem Studenten, der sich darüber beklagte, er verstehe ein Gedicht von Mallarmé nicht, riet Auerbach, er solle es auswendig lernen. (Fortsetzung im Folgenden:)

Mimesis und Figura Doppelseite

Ich mache insbesondere auf die Textstelle darin aufmerksam:

Die Beschreibung der pointillistischen Rekonstruktion kann auch als mimetische Neuerschaffung beschrieben werden und schließt als solche Auerbach ein weiteres Mal an rhetorische Traditionen an, in deren Zentrum der Begriff der imitatio steht. Diese von Mimesis zu unterscheiden ist ein traditionell schwieriges Problem (…).

***

Wie funktioniert Auerbachs Methode, eine beispielhafte Auswahl zu interpretieren?

Anstelle etwa einer gewaltigen Literaturgeschichte? Mit seinen eigenen Worten so wie die neue Literatur selbst:

(…) den großen äußeren Wendepunkten und Schicksalsschlägen wird weniger Bedeutung zugemessen, es wir ihnen weniger Fähigkeit zugetraut, Entscheidendes über den Gegenstand herzugeben; hingegen besteht das Vertrauen, daß in dem beliebig Herausgegriffenen des Lebensverlaufes, jederzeit, der Gesamtbestand des Geschicks enthalten sei und darstellbar gemacht werden könne; man hat mehr Vertrauen zu Synthesen, die durch Ausschöpfung eines alltäglichen Vorgangs gewonnen werden, als zur chronologisch geordneten Gesamtbehandlung, die den Gegenstand von Anfang bis Ende verfolgt, nichts äußerlich Wesentliches auszulassen bestrebt ist und die großen Schicksalswendungen gleich Gelenken des Geschehens scharf heraushebt. Man kann dies Vorgehen moderner Schriftsteller mit dem einiger moderner Philologen vergleiche, welche meinen, es lasse sich aus einer Interpretation weniger Stellen aus Hamlet, Racine oder Goethe und über die Epochen gewinnen als aus Vorlesungen, die systematisch und chronologisch ihr Leben und ihre Werke behandeln; ja man kann die vorliegende Untersuchung selbst als Beispiel anführen. Etwas wie eine Geschichte des europäischen Realismus hätte ich niemals schreiben können; ich wäre im Stoff ertrunken, ich hätte mich in die hoffnungslosen Diskussionen über die Abgrenzung der verschiedenen Epochen, über die Zuordnung der einzelnen Schriftsteller zu ihnen, vor allem aber über die Definition des Begriffs Realismus einlassen müssen; ich wäre ferner, um der Vollständigkeit willen, genötigt gewesen, mich mit Phänomenen zu befassen, die mir nur flüchtig bekannt sind, so daß ich mir die Kenntnisse über sie ad hoc hätte anlesen müssen, was, nach meiner Überzeugung, eine mißliche Art ist, Kenntnisse zu erwerben und zu verwerten; und die Motive, die meine Untersuchung führen, und um derentwillen sie geschrieben wird, wären unter der Masse von materiellen Angaben, die längst bekannt sind und in Handbüchern nachgelesen werden können, vollständig versunken.

Quelle Mimesis a.a.O. Seite 509

Ähnliches hat Adorno mehrfach angesprochen, z.B. als er zur „Charakteristik Walter Benjamins“ schrieb:

Die kritische Einsicht des späten Nietzsche, daß die Wahrheit nicht mit dem zeitlos Allgemeinen identisch sei, sondern daß einzig das Geschichtliche die Gestalt des Absoluten abgebe, hat er, ohne sie vielleicht zu kennen, als Kanon seines Verfahrens befolgt. Das Programm ist formuliert in einer Notiz zum fragmentarischen Hauptwerk, daß „das Ewige jedenfalls eher ein Rüsche am Kleid ist als ein Idee.“

Quelle Theodor W. Adorno: Prismen Kulturkritik und Gesellschaft / dtv München 1963 (Seite 235)

***

Die Beziehung der Begriffe „Mimesis“ und „Figura“ zur Musik scheint mehr oder weniger zufällig, jedenfalls als eine äußerliche Assoziation, die mit der Sache selbst nicht zu tun hat. Und doch wird man leicht eines anderen belehrt, wenn man in Auerbachs Abhandlung auf den Namen Quintilian kommt, der in der musikalischen Figurenlehre eine Schlüsselstellung einnimmt; sie hat den einfachen Grund, dass die Rhetorik seit dem Mittelalter zu den wichtigsten Schulfächern gehörte und für alle Künste maßgeblich war. Aufgrund dieser Priorität besteht für den Literaten Auerbach noch kein Grund, die Musik zur Notiz zu nehmen, sehr wohl aber für die Musikwissenschaft, die Quellengeschichte dieses Begriffes auch im Blick auf die Musik zu betrachten.

[D]ie Rhetorik erfuhr nicht nur ihre Übertragung in die Musik, sie erlebte in dieser neuen Umgebung auch eine Übersteigerung ihrer Kunstmittel, die in der gewöhnlichen Prosarede, ja wohl auch in der Dichtung unmöglich gewesen wäre. Eine solche Häufung der Figuren, eine derartige Gegensätzlichkeit z.B. im Vortrag, wie es in der Musik nicht nur möglich, sondern sogar erwünscht ist, würde jeden Redner der Lächerlichkeit preisgeben.

Quelle Hans-Heinrich Unger: Die Beziehungen zwischen Musik und Rhetorik im 16.-18. Jahrhundert / Konrad Triltsch Verlag Würzburg 1941 / Nachdruck Georg Olms Verlag Hildesheim 1985 (Seite 145)

In der Einleitung dieses wichtigen Werkes aus der Schule Arnold Scherings findet sich auch der Hinweis, wie es überhaupt mit der Verbindung zwischen Musik und Rhetorik, die noch bei Beethoven eine Rolle spielte, zuendegehen konnte:

Erst die in der Romantik aufkommende musikalische Laienästhetik hat diese engen Beziehungen zwischen den beiden Künsten Musik und Rhetorik zerrissen; diesen romantischen Ästhetikern war die Musik eine Kunst aus himmlischen Höhen und nebelhaften Fernen, schemenhaft und unbegreiflich, bis schließlich bei Hanslick die musikalische Ästhetik zu bloßem Formalismus erstarrte.

Stellt man diesen Anschauungen die Urteile der Ästhetiker etwa des 18. Jahrhunderts entgegen, so muß sofort die große Klarheit und Sicherheit in allen Fragen des praktischen Musiklebens und seiner ästhetischen Beurteilung in die Augen springen. Man hat sogleich den Eindruck, daß sie für ihre Ansichten und Beurteilungen ein festes, gesichertes Fundament besitzen, das der romantischen Ästhetik fehlt. Die Erklärung für diese Tatsache liegt auf der Hand: die Ästhetiker des 18. Jahrhunderts, wie Heinichen, Mattheson, Scheibe usw., waren mitten im praktischen Musikleben stehende M u s i k e r, die Ästhetiker der Romantik dagegen – Denker und Philosophen, unter deren Einfluß sich die auf festem Boden stehende Musikanschauung oft genug zu bloßer übersinnlicher Spekulation verflüchtigte. (a.a.O. Seite 1f)

Zu beleuchten wäre auch der verhängnisvolle Einfluss Rousseaus auf das romantische Denken, dem sogar Beethoven – obwohl seine kompositorische Wissenschaft noch aus den alten Quellen schöpfte – in dem Motto seiner Missa solemnis huldigte: „Von Herzen – Möge es wieder – Zu Herzen gehn!“ Und irgendwie stimmt das ja auch, wenn man das gesamte Handwerk, das beherrscht wird, verinnerlicht hat. Und schon glaubt jeder Laie, dort tief im Innern stehe es ihm von Geburt an zur direkten Verfügung. Und der Fachmann und Republikaner Beethoven bestätigt es von höchster Warte, – ohne dass es dadurch richtiger wird.

(Fortsetzung folgt)

DANTE

Warum ich immer wieder abbreche und ebensooft zurückkehre

Im jüngsten Fall wohl durch den dürftigsten Anlass: Tschaikowskys „Francesca da Rimini“, – ich wollte wissen, welche Textstelle bei Dante zu diesem würdelosen Spektakel sinfonischer Musik geführt haben soll. Sind es wirklich diese wenigen Zeilen? Oder gibt es die ganze Geschichte irgendwo in epischer Breite? (Ja, aber sie ist dumm.)

paoloefrancesca-1 Francesca da Rimini & Paolo Malatesta (hier)

Ich sehe, wie angenehm sich die Übersetzung von Köhler liest; ich werde aber die von Kurt Flasch samt Anmerkungen zum Vergleich heranziehen. Schließlich war es Flasch (in der Bonner Buchhandlung vor ein paar Jahren, Genaueres siehe hier), der mir die folgende Stelle so intensiv eingeprägt hat. Hier spricht also Dante, der von dem römischen Dichter Vergil durch die Unterwelt geführt wird. Es stürmt.

Als ich gehört hatte, wie mein gelehrter Führer die Damen und Ritter alter Zeiten nannte, ergriff mich Mitleid, ich war wie von Sinnen.

Mühsam sagte ich: „Dichter, gerne würde ich mit den beiden sprechen, die dort hinten gemeinsam kommen und im Wind gar so leicht erscheinen.“

Darauf er zu mir: „Du sollst sie sehen, wenn sie erst näher bei uns sind; dann kannst du sie heranbitten, bei jener Liebe, die sie umtreibt, und sie werden kommen.“

Sobald der Wind sie zu uns her geblasen hatte, erhob ich die Stimme: „Ihr schwer gequälten Seelen, kommt uns sprecht mit uns, wenn das denn nicht verboten ist!“

Gleich wie die Tauben, vom Begehr gerufen, mit unbeweglich breiten Flügeln sich durch die Luft zum weichen Nest hin schweben zu lassen, getragen vom Verlangen,

so lösten diese sich ab von der Schar um Dido und kamen auf uns zu durch den üblen Dunst; so stark war mein liebevoller Anruf.

„Belebtes Wesen, du, anmutig und wohlgesonnen, du suchst uns auf hier in der finsteren Luft, uns, die wir doch die Welt mit Blut getränkt haben.

Wäre der Herr der Welt uns freund, wir würden bei ihm um Frieden für Dich flehen, denn du empfindest Mitleid mit unserem rasenden Leid.

Wovon ihr hören und sprechen möchtet, davon wollen wir zu euch sprechen und von euch hören, solange der Wind hier schweigt, wie eben jetzt.

Der Ort, an dem ich geboren wurde, liegt an der Küste, dort, wo der Po hinabfließt, um Ruhe zu finden, samt seinen Begleitern.

Liebe, wie sie in edlen Herzen ach so schnell verfängt, hatte den dort ergriffen, Liebe zu der schönen Gestalt, die mir hernach entrissen wurde. Noch immer komme ich darüber nicht hinweg.

Liebe, die ja keinen Geliebten mit Lieben verschont, sie ergriff auch mich, und ich fand so starkes Gefallen an ihm, dass es mich – du kannst es sehen – noch immer nicht verlässt.

Liebe brachte uns beiden gemeinsamen Tod. KAINSORT erwartet aber den, der uns aus dem Leben gelöscht hat.“ Dies waren die Worte, die die beiden an uns richteten.

Als ich diese gequälten Seelen zu Ende gehört hatte, verhielt ich mit gesenktem Haupt, so lange, bis der Dichter mich ansprach: „Was denkst du?“

Als ich wieder sprechen konnte, antwortete ich ihm: „O je! Wie viele innige Gedanken, wie viel süßes Verlangen führten diese doch zu einem Ende voller Pein!“

Dann aber wandte ich mich zu ihnen und sprach zu ihnen und sagte zu ihnen: „Francesca, deine Qualen stimmen mich traurig und rühren mich zu Tränen.

Aber sag mir: zur Zeit der süßen Seufzer, woran und wie ließ Amor euch euer zögerndes Sehnen erkennen?“

Und sie zu mir: „Nichts schmerzt doch mehr, als an die Zeit des Glücks zu denken, wenn man im Elend ist; das weiß auch dein gelehrter Führer.

Aber da dir so sehr daran liegt, zu hören, wo die erste Wurzel unserer Liebe war, will ich es dir erzählen, nur wird erzählen und weinen dabei eins sein:

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen von Lanzelot, wie den die Liebe packte; wir waren allein und ahnten noch nichts.

Ein paar Male ließ dies Lesen uns schon gegenseitig in die Augen blicken, und wir waren blass dabei geworden. An einer Stelle aber war es um uns geschehen:

Als wir lasen, wie der lächelnde, begehrte Mund von einem solchen Liebhaber geküsst wurde, da hat auch er, der nun nie mehr von mir getrennt ist,

mich heftig bebend auf den Mund geküsst. Den Mittler dabei spielte für uns das Buch und der’s geschrieben hat. Weiterlesen konnten wir an diesem Tag nicht mehr.“

Während die eine Schattenseele dies erzählte, weinte die andere; so sehr, dass mir vor Mitleid die Sinne schwanden, als müsste ich sterben.

Und ich fiel zu Boden, wie ein toter Körper fällt.

Quelle Dante Alighieri: La Commedia Die Göttliche Komödie I Inferno / Hölle Italienisch / Deutsch / In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler / Philipp Reclam jun. Stuttgart 2010 ISBN 978-3-15-010750-8 (Zitat Seite 81 ff)

Ich vergesse nie, wie eindrucksvoll Kurt Flasch, als er in Bonn seine eigene Übersetzung präsentierte, – eine Prachtausgabe, die ich mir dort zugelegt habe – über diesen letzten Satz des fünften Gesangs gesprochen hat, über die Wirkung der wenigen Worte in italienischer Sprache:

e caddi come corpo morto cade.

Vielleicht lese ich deshalb diese Seiten heute mit viel Andacht und Rührung, vergesse den aufdringlichen musikalischen Anlass und will mehr wissen und lernen über diesen Stil, der die Toten lebendiger reden lässt als ich von Lebenden erwarten würde.

A propos „in epischer Breite“: ich übergehe diese dürftige Rechtfertigungsgeschichte, die es tatsächlich gibt. Boccaccio erzählt sie (bei Flasch wiedergegeben Seite 18f).

Lieber erinnere ich mich an das epochale Buch „Mimesis“ von Erich Auerbach, in dem paradigmatische Stellen aus der Literaturgeschichte zitiert und behandelt werden. Ich besitze es seit Jahrzehnten, habe es offenbar einmal ziemlich vollständig gelesen, hätte aber nie mehr sagen können, worin Auerbachs berühmte Methode bestand. Unvergesslich war mir sein Vergleich der Homerischen Weltbeschreibung mit der alttestamentarischen. „Die Narbe des Odysseus“ habe ich daraufhin in einer WDR-Sendung verwendet. Ich vergaß aber nie, wie ich in Auerbachs Dante-Kapitel ein für allemal steckengeblieben bin und überhaupt nicht mehr verstand, wovon er redete. Es hatte mit „figuraler“ Auffassung zu tun. Heute ist das schnell präzisiert, aber damals hätte ich in eine Uni-Bibliothek gehen und Auerbachs großes Dante-Buch suchen müssen, auf das verwiesen wurde, und soviel Aufwand war mir die Sache dann doch nicht wert. (Für eine Bach-Kantate hätte ich es getan.) Heute ist das anders. Aber der Zugang liegt auch im Zeitalter des Internets nicht gerade auf der Hand.

auerbach-dante-hegel

Quelle Erich Auerbach: Mimesis Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Litaratur. Francke Verlag Bern und München 1946 4. Auflage 1967 (Seite 182/183)

Eine der Unterstreichungen ergibt die erste Frage, der ich nachzugehen suche: von Hegel stammt eine „der schönsten Seiten, die je über Dante geschrieben wurden“??? Ich muss sie finden. Und stoße zuerst auf die Besprechung eines Kenners der mittelalterlichen Literatur, Ernst Osterkamp, allerdings zu – Auerbach, was mir nur recht sein kann. Hier.

Nachtrag, eingeschoben am 7.5.2017

17 Mit „einer der schönsten Seiten, die je über Dante geschrieben wurden“ (183), meint Auerbach einen Passus aus dem Abschnitt „Das romantische Epos“, in dem Hegel über das „eigentliche Kunstepos des christlichen katholischen Mittelalters“ unter anderem sagt: „Statt einer besonderen Begebenheit hat es das ewige Handeln, den absoluten Endzweck, die göttliche Liebe in ihrem unvergänglichen Geschehen und ihren unabänderlichen Kreisen zum Gegenstande, die Hölle, das Fegefeuer, den Himmel zu seinem Lokal und senkt nun die lebendige Welt menschlichen Handelns und Leidens und näher der individuellen Taten und Schicksale in dies wechsellose Dasein hinein“; Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Werke, 20 Bde. (Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1970) Bd. 15 (Vorlesungen über die Ästhetik) 406–07. Quelle dieses Zitates Ulrich Schulz-Buschhaus, Graz s. hier Seite 10.

Auerbach entfaltet tatsächlich auch den erwähnten Gedanken Hegels auf den Seiten 182 bis 185. Und noch an anderen Stellen des Buches „Mimesis“ findet man Erläuterungen zum Begriff der „Figur“ und der figuralen Geschichtsdeutung“. Man versteht, dass

sich Figur und Erfüllung zwar gegenseitig „bedeuten“, daß aber ihr Bedeutungsgehalt keineswegs ihre Wirklichkeit ausschließt; ein figürlich zu deutendes Ereignis bewahrt seinen wörtlichen, historischen Sinn, es wird nicht zum bloßen Zeichen, es bleibt Ereignis; schon die Kirchenväter, besonders Tertullian, Hieronymus und Augustin, haben den figuralen Realismus, das heißt die grundsätzliche Aufrechterhaltung des geschichtlichen Wirklichkeitscharakters der Figuren, gegen spiritualistisch-allegorische Strömungen siegreich verteidigt. Solche Strömungen, die den Wirklichkeitscharakter des Geschehens gleichsam aushöhlen und in ihm nur noch außergeschichtliche Zeichen und Bedeutung sehen, sind aus der Spätantike auch ins Mittelalter hinübergeflossen; der mittelalterliche Symbolismus und Allegorismus ist, wie man weiß, zuweilen überaus abstrakt, und auch in der Komödie findet man viele Spuren davon. Aber das weitaus Überwiegende im christlichen Leben des hohen Mittelalters ist der figurale Realismus (…).

Quelle Auerbach a.a.O. Seite 187 f

Gerade diese letzten Seiten des Dante-Kapitels bei Auerbach sind unerhört wichtig; man muss sie in Ruhe studieren und mit anderen Stellen (Seite 74 bis 77) in Beziehung setzen, bis man verstanden hat, was es mit „Figur“ und „Erfüllung“ auf sich hat.

Damit wird auch klar, weshalb man Dante überhaupt lesen sollte, selbst wenn einem das christlich-mittelalterliche Weltbild fremd und absurd erscheint.  Natürlich geht es nicht darum, sich damit zu identifizieren! So wenig wie, sagen wir, mit dem tibetanischen Totenbuch. Ohne zwischengeschaltete Erläuterungen ist es überhaupt nahezu unmöglich. Es geht einem tatsächlich kaum anders als mit dem uns viel näheren Johann Sebastian Bach, dessen Weltbild (oder: das seiner Zeit) man für die Dauer des Werkes akzeptiert, ohne es in die Gegenwart transportieren zu wollen. Die Musik schafft die Gegenwart; im Fall Dante: die Eindringlichkeit der Bilder verlangt intellektuelle Annäherung.

Allein nie zuvor ist dieser [figurale Realismus] so weit getrieben worden, selbst in der Antike kaum, um die irdische Form der menschlichen Gestalt bis zu einer fast schmerzhaft eindringlichen Anschauung zu bringen. Gerade die christliche Unzerstörbarkeit des ganzen Menschen gestattete ihm dies; und gerade dadurch, daß er es mit solcher Gewalt und mit soviel Wirklichkeit ausführte, brach er die Neigung des irdischen Wesens zur Autonomie Bahn; er schuf mitten im Jenseits eine Welt der irdischen Gestalten und Leidenschaften, die in ihrer Wirkung aus dem Rahmen heraustritt und selbständig wird; die Figur übertrifft die Erfüllung, oder noch eigentlicher: die Erfüllung dient dazu, die Figur noch wirkungsvoller hervortreten zu lassen.

Quelle Auerbach a.a.O. Seite 191

dante-flasch dante-koehler

Kurt Flasch:

Der Leser der Commedia wird mit dem Anfang, also mit dem Inferno beginnen, und darf sich für den Anfang eine personenorientierte, fast impressionistisch-leichte Auswahllektüre erlauben. Ich habe ihm vorgeschlagen, mit den canti 5, 26 und 32/33 zu beginnen. Und dabei alle historischen oder sonstige Details zunächst auf sich beruhen zu lassen. Sich Informationen zu beschaffen, ist heute leichter, als sich zweckfrei Dantes Erfindungen zu überlassen. Die genannten canti zeigen, wie Dante vom Jenseits aus die irdische Welt sah. Hier spricht Dante nicht als Ideologe oder Theologe, sondern als Schöpfer plastischer Gestalten. Diese Texte zerstören das Einheitsbild von ‚Mittelalter‘, diese moderne, diese nostalgische oder despektierliche Abstraktion. Besser spricht man von Jahren und Jahrzehnten, von einzelnen Zentren, Autoren und Kulturlandschaften. Das ‚Mittelalter‘ gab es nicht. Reißen wir diese Mauer ein. Widmen wir uns im Detail Dantes sprachlicher Kunst, seinen Metaphern und sinnlichen Klängen, seinen politischen Visionen und philosophischen Spekulationen.

Quelle Einladung, Dante zu lesen / Von Kurt Flasch / S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 2011 ISBN 978-3-10-015339-5 (Zitat Seite 54 f)

Übersicht bei Wikipedia Hier.

Warum ich damals, als ich mir den DANTE zum ersten Mal kaufte (im Juli 1956) nicht allzuviel gelesen habe, weiß ich wohl, wenn ich nur die entscheidenden Verse des 5. Gesangs auf mich wirken lasse:

„Wir lasen eines Tages, uns zur Lust, / Von Lanzelot, wie Liebe ihn durchdrungen; / Wir waren einsam, keines Args bewußt.

Obwohl das Lesen öfters uns verschlungen / Die Augen und entfärbt uns das Gesicht, / War eine Stelle nur, die uns bezwungen:

Wo vom ersehnten Lächeln der Bericht, / Daß der Geliebte es geküßt, gibt Kunde, / Hat er, auf den ich leiste nie Verzicht,

Den Mund geküßt mir bebend mit dem Munde; / Galeotto war das Buch, und der’s geschrieben: / Wir lasen weiter nicht seit jener Stunde.“

So sprach der eine Geist von seinem Lieben; / Der andre weinte so, daß ich vor Not / Die Sinne fühlte wie beim Tod sich trüben,

Und fiel, wie Körper fallen, wenn sie tot.

Quelle DANTE Die Göttliche Komödie / Übertragen von Wilhelm Hertz / Oktober 1955 Fischer Bücherei Frankfurt Hamburg Der 100. Band

Man sieht, es tut im Deutschen keine Wirkung, wenn die Reime – dem Original zuliebe – vorhanden sind, aber jeden Reizes entbehren, den das Original selbst dann vermittelt, wenn man des Italienischen kaum kundig ist. Und selbst inhaltlich ist diese Version – dank der gespreizten Satzbildung – kaum nachzuvollziehen.

Ich lasse die entsprechenden Verse in der Prosa-Übersetzung von Kurt Flasch folgen, ohne die bei ihm eingefügte Zeilen-Nummerierung zu berücksichtigen, stattdessen setze ich nur die letzten Strophen voneinander ab, um eine leichtere Vergleichbarkeit mit Hertz und Köhler (am Anfang dieses Beitrags) zu ermöglichen.

„Eines Tages lasen wir zum Vergnügen von Lancelot, wie Amor ihn bedrängte. Allein waren wir und ohne jeden Argwohn. Mehrmals ließ, was wir da lasen, uns die Augen erheben; wir sahen uns ins bleiche Gesicht, aber dann kam die einzige Stelle, die uns besiegte. Als wir lasen wie der begehrte lachende Mund von einem solchen Liebhaber geküßt wurde, da küßte dieser Mann, der niemals von mir getrennt wird, mich auf den Mund, zitternd am ganzen Leib.

Den Kuppler Galehaut spielte das Buch und der es schrieb. An diesem Tag lasen wir nicht weiter.“

Während der eine Geist dies sagte, weinte der andre so heftig, daß vor Mitleid mir die Sinne schwanden, als ob ich stürbe.

Ich stürzte hin, wie ein toter Körper fällt.

Quelle DANTE COMMEDIA in deutscher Prosa von Kurt Flasch. S.Fischer Verlag Frankfurt am Main September 2011 ISBN 978-3-10-015339-5 (Zitat Seite 289)

Perlentaucher nachlesen HIER

Ein Zugang zu Botticellis Illustrationen der Commedia:

Vielleicht muss man auch eine meisterhafte italienische DANTE-Rezitation erlebt haben, – hier ist der Canto V interpretiert durch Roberto Benigno. Die letzte Zeile endet bei 8:55 (anschließend Applaus). Ab 7:38 beginnen die oben gerade zitierten Zeilen: „Eines Tages lasen wir zum Vergnügen von Lancelot, wie Amor ihn bedrängte. Allein waren wir und ohne jeden Argwohn.“ – Noi leggiavamo un giorno per diletto / di Lancialotto come amor lo strinse: soli eravamo e sanza alcun sospetto ….

Ich habe schon im ersten Blog-Beitrag zum Thema Dante einen Hinweis zum Mitlesen gegeben, von dem ich mich heute distanziere. Abgesehen von der Fleißarbeit der Textwiedergabe gibt es derart flapsige Bemerkungen im Kommentar, dass man sich dem Verfasser nicht unbedingt anvertrauen mag. Zum Text des fünften Gesangs, den Roberto Benigni zitiert, sei trotzdem derselbe Weg empfohlen: hier.