Das Spiel mit zwei Realitäten

Wie nur konnte es geschehen, dass Helene Fischer ausgepfiffen wurde?

Gewiss, es ist peinlich, den Erklärungsversuchen zuzuhören. Leider habe ich es live verpasst, weil ich genau diese Viertelstunde anderweitig genutzt habe. Und nachher wunderte ich mich nur, dass die Pause länger gedauert hat, als von mir berechnet. Die arme Helene F., aber wie tapfer sie es doch verdaut hat: immer mit Blick auf das Millionenpublikum, von dem sie auch nicht den allerkleinsten Schwachkopf vergrätzen will.

Selbst mir, der ich keinen einzigen ihrer Songs gerne durchstehe, allerdings auch zu denen gehöre, die im Stadion keine Fan- oder Vereinshymne mitsinge, steht bei der leisesten Vorstellung von der Atmosphäre im Stadion glasklar vor Augen: die Formensprachen des Fußballs und der Popmusik passen nicht zusammen. Es sind zwei völlig verschiedene Spannungswelten. Jeder muss das wissen und fühlen! Ich bin vielleicht kein Maßstab, aber ich hatte früh ein Faible für Spontan-Chöre. Da wusste ich noch nichts von den Übungsprozessen und den Einpeitschern vor den Fan-Blöcken. Mein erstes wirklich großes (nicht sehr spannendes) Livespiel, das ich im Berliner Olympia-Stadion miterlebt habe, Paraguay gegen Schweden am 15. Juni 2006 (siehe HIER), ist mir aber unvergesslich, hat mich (irgendwie) erregt, es war real wie das tiefe Grün des Rasens, aber richtig aufgeregt hat mich vor allem die überlaute Musik aus den Lautsprechern, die von vornherein jeden Fan-Gesang unterband; sie wäre nur erträglich, wenn sie wenigstens sporadisch ein spielbezogenes Mitsingen oder auch Mitgröhlen erlaubt hätte. Was in diesem Fall schwierig war, weil die Paarung Paraguay/Schweden innerhalb der Weltmeisterschaft weder durch Brisanz des Spiels noch durch massenpsychologische Wirkung Funken schlagen konnte.

Mit Recht erinnerte Helene Fischer jetzt daran, dass auch sie schon in demselben Stadion vor vollbesetzten Rängen gesungen hat; sie weiß zwar, dass es andere Leute waren, die bei ihr gesessen haben, und vor allem: Leute, die einer anderen Sache wegen gekommen waren. Sie wollten Gefühl, aber nur ein winziges Spektrum davon und dies auch um den Preis der Selbsttäuschung. Damit hat Fußball nichts zu tun. Da geht es um „Realität“ (Eindeutigkeit, Parteilichkeit, Sieg, Geld, Tabelle, Spielregeln, physische – von außen beurteilbare – Leistungen usw.).

Der Denkfehler der Veranstalter im vorliegenden Fall war: Helene Fischer hat ein Millionen-Publikum, Fußball hat ein Millionen-Publikum, da kann man nichts falsch machen, wenn man sie zusammenlegt. Aus Geschäftsgründen. Die Musik und die Pause – ein scheinbar zweckfreier Raum, das könnte doch einen neuen Deal ergeben? Und nun der schwere Fehler der Sängerin, – nicht genug, dass sie unter Verdacht stand, BVB-Fan zu sein -, sie wollte alles richtig machen und verdeutlichen, dass sie in einer anderen Sphäre wirkt (Herz, Harmonie und Ausgleich), flötete also im Vorfeld, dass sie für keine der spielenden Mannschaften Partei ergreift: dass sie beide liebt. Nur Hohngeschrei kann darauf antworten!

Nicht nur eine Pop-Sache. (Das Image des Rockmusikers lebt von der Suggestion, dass er Ernst machen könnte, – bis hin zum Zerschlagen seines Instrumentes.) Aber nehmen wir an, Sie lassen sich vom Fußball hinreißen und genießen die aufgeheizte Atmosphäre des Stadions. Zugleich sind Sie ein Fan Beethovens. Zwei Seelen wohnen in Ihrer Brust, aber auch hier gibt es Berührungspunkte. Z.B. die Idee der bewegten Masse, des gemeinsamen Arbeitens, des Aufbäumens, des Umschlags der Energien. „Seid umschlungen Millionen!“ Könnte man Ihnen eine Freude machen, wenn in der Fußballpause eine Beethoven-Ouvertüre, z.B. „Egmont“, gespielt würde? Nie und nimmer, wenngleich die Egmont-Musik mit einem Siegestaumel endet: kein Beethoven-Sieg lässt sich mit dem „wirklichen“ Sieg auf dem Fußballplatz in Einklang bringen. Die Musik ist ein „Als ob“, und jeder weiß es. Die Musiker sitzen nicht in Kampfanzügen auf dem Podium.

Fußball ist Ernst! Jedenfalls: so, als sei es kein Spiel. Helene Fischer aber ist kein Ernst; sie ist Pop. Die vorgespielten Emotionen von „Atemlos“ oder „Herzbeben“ haben mit der Seele des Fußball-Fans überhaupt nichts zu tun, – er kann sich atemlos hüpfen und angesichts bestimmter Tor-Situationen Herzklopfen bekommen, aber ansonsten reagiert er auf dem Platz herzlos. „Große Gefühle“ sind vorhanden als Aufputsch und in Gestalt eines vorweggenommenen Triumphes – dazu dient auch Händels Hymne aus „Zadok the Priest“: Sie ist so zugerichtet, dass sie in kurzen Stößen mitvollziehbar, aber auch nach Bedarf repetierbar ist. Erstaunlich trotzdem, dass das Fußball-Volk, das noch nie ein Oratorium gehört hat, die barock jubelnden („ausrastenden“) Chöre als Klassik-Emblem hinnimmt: sie funktionieren und scheinen das Geschrei der Fans wirkungsvoll zu überhöhen.

Die Organisatoren haben verkannt, wozu die Pause da ist: zur vorübergehenden (!) Abspannung, aber nicht mit der Bereitschaft, ein anderes Großereignis mal eben in Konkurrenz treten zu lassen: nur Würstchenessen und Bier. Und Klo. Die Pause entspannt nur „provisorisch“, jedenfalls wenn das Spiel bis dahin gut war, – vor allem lädt sie auf.

Wie ist es beim Super-Bowl? Wieso geht es dort – mit einem großen Auftritt? Ich kenne mich nicht aus, die psychologische Situation bei Eintritt der Pause muss eine andere sein. Über welche Zeitstrecke zieht sich das Spiel hin? Vielleicht besteht kein Gesprächsbedarf, keine strittige Schiedsrichterentscheidung und dergleichen, kein Sinnieren über mögliche strategische Maßnahmen der Trainer. (Man könnte bei Gumbrecht nachlesen.)

Und was die Klassik angeht: sie hat hier nichts verloren. Man muss ja bereit sein, dem Aufbau ihrer speziellen Sphäre zu folgen. Sie braucht für ihre Bindungen unsere Freiheit. Sie setzt Bildung voraus. Auch Zeit! Eine Viertelstunde Klassik bringt nichts, auch nicht außerhalb eines Fußballspiels. Der Raum und die Bühne müssen – außen und innen – geschaffen werden. Eine Situation der Aufnahmebereitschaft gehört dazu. Zu vergleichen auch die ähnliche Thematik in diesem Versuch: HIER.

Und vor vielen Jahren habe ich mir anlässlich des erwähnten Fußballspiels in Berlin einen Satz von Clifford Geertz abgeschrieben, der zwar den balinesischen Hahnenkampf betraf. Es wäre aber gar nicht so abwegig, an dieser Stelle wirklich weiterzudenken:

Der Hahnenkampf erreicht es, verschiedene Erfahrungen des Alltags in einem Brennpunkt zu bündeln, von denen er sich als „nur ein Spiel“ absetzt und an die er als „mehr als Spiel“ wieder anschließt. So schafft er etwas, das man vielleicht nicht typisches oder allgemeines, sondern eher paradigmatisches menschliches Ereignis nennen könnte, denn es sagt nicht so sehr, was geschieht, sondern eher, was in etwa geschehen würde, wenn das Leben – was ja nicht der Fall ist – Kunst wäre und so eingeschränkt wie bei Macbeth und David Copperfield von Gefühlen bestimmt sein könnte.
So ermöglicht es der endlose, endlos neuinszenierte Hahnenkampf dem Balinesen, eine Dimension seiner Subjektivität zu entdecken – ähnlich wie bei uns die wiederholte Lektüre von Macbeth. (…)
Doch hier begegnen wir wieder einer jener Paradoxien, wie sie – gleich gemalten Gefühlen und folgenlos bleibenden Handlungen – in der Ästhetik immer wieder auftauchen: Da diese Subjektivität nicht eigentlich existiert, bevor sie organisiert wird, erschaffen und erhalten Kunstformen genau diese Subjektivität, die sie vermeintlich nur entfalten. Streichquartette, Stilleben und Hahnenkämpfe sind nicht einfach Widerschein einer vorweg existierenden Empfindung, die analog wiedergegeben wird; sie sind für die Hervorbringung und Erhaltung solcher Empfindungen konstitutiv.

Quelle Clifford Geertz: Dichte Beschreibung / Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme / Frankfurt am Main 1983

Mozarts Wiener Geige

Wie? Wieso denn – Wien?

Hat er sich denn nicht beim Umzug nach Wien – so wie von Salzburg –  auch von der Violine endgültig verabschiedet? Als Wendepunkt könnte man seine Paris-Reise (und – vielleicht – den Tod seiner Mutter auf der Reise) betrachten. Eine beinah schöne Vorstellung: dass diese Erschütterungen ihn zum Genie machten.

Mozart 11. Sept.1778 an seinen Vater

Ich versichere Sie, daß mir diese Reise nicht unnützlich war – in der Composition versteht es sich; denn das Clavier – spiel ich so gut ich kann. Nur eins bitte ich mir zu Salzburg aus, und das ist: daß ich nicht bey der Violine bin, wie ich sonst war, – keinen Geiger gebe ich nicht mehr ab; beim Clavier will ich dirigiren, die Arien accompagniren.

Mozarts Costa

Wenn da die Costa-Violine in Wien nicht wäre.

Mozarts Costa seitlich

Zur Erinnerung: der unglaubliche Qualitätssprung zwischen den großen Violinkonzerten 1775 und der Sinfonia concertante für Violine und Viola 1779, noch in Salzburg. Der langsame Satz: vielleicht dem Andenken der Mutter? Mozart ist jetzt nicht mehr Konzertmeister, sondern Hoforganist. Auch „am Clavier“ oder am Cembalo sitzend.

Mozarts Violinen (Text von Ulrich Leisinger)

Es mag merkwürdig erscheinen, dass Mozart  zwei Geigen – die Salzburger Konzert-Violine und die Costa-Violine – besessen haben soll. Das Rätsel kann gelöst werden, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass diese Instrumente nicht gleichzeitig, sondern nacheinander benutzt wurden.

Die Überlieferung der Mittenwalder Konzert-Violine über Mozarts Schwester lässt vermuten, dass dieses Instrument stets in Salzburg verblieben ist. Die Annahme liegt auf der Hand, dass Mozart bei seiner Abreise nach München am 5. November 1780 keine Geige im Gepäck hatte, denn er beabsichtigte sicherlich, die Premiere von Idomeneo in zeitüblicher Praxis vom Cembalo aus zu leiten. Wenn die Klotz-Geige dann beim letzten Besuch in Salzburg im Sommer und Herbst 1783 nicht nach Wien mitgenommen wurde, könnte dies bedeuten, dass Mozart das Instrument nicht mehr dringend benötigte – am wahrscheinlichsten deshalb, weil er inzwischen eine andere Violine erstanden hatte. Die Costa-Violine – ein überdurchschnittlich gutes, zugleich aber mit dem Baujahr 1764 recht neues und damit wohl seinerzeit nicht übermäßig teures Instrument – konnte diese Lücke ohne weiteres füllen. Den „Beweis“, dass Mozart – entgegen eines weit verbreiteten Missverständnisses – auch am Anfang der Wiener Zeit auf eine eigene Violine nicht verzichtet hat, liefern die Fragmente von Sonaten für Klavier und Violine KV 402 bis KV 404 aus der Zeit seiner Eheschließung mit Constanze Weber. Die Sonate KV 403, die aufgrund des Schriftbilds und des Wasserzeichens sicher auf das Jahr 1782 datiert werden kann, trägt von Mozarts Hand die Überschrift, „Sonate Premiere. Par moi W: A: Mozart pour ma très chère Epouse“; die Sonate KV 402, die als Sonata IIda [seconda] bezeichnet ist, huldigt im Allegro Constanzes Fugenliebe, die er am 20. April 1782 in wärmsten Worten Vater und Schwester schildert. Einen Beleg, dass Constanze, für die diese Werke nachweislich bestimmt waren, Violine gespielt haben könnte, gibt es nicht. Das gut informierte Jahrbuch der Tonkunst von Wien und Prag für das Jahr 1796 führt Constanze  im Abschnitt  Virtuosen und Dilettanten von Wien jedenfalls nur als Pianistin und Sängerin an: „Mozart, Madame, spielt Klavier und singt ganz artig.“ Wenn nun die Sonaten dem häuslichen Musizieren des jung vermählten Ehepaars dienen sollten, so muss Constanze daher den Klavier-Part, Wolfgang den Violin-Part übernommen haben – wofür er aber ein (eigenes) Instrument benötigte.

Aus dem Booklet-Text zur CD Mozarts Costa-Violine

Mit Dank an Prof. Dr. Ulrich Leisinger (Stiftung Mozarteum Salzburg) für die Abdruckgenehmigung (6.12.2016).

Mozarts Costa CD-Inhalt

mozart KV 402 Fugen Exposition

Kannte Mozart Bachs Kanon 10 aus dem „Musikalischen Opfer“?

Bach Mus Opfer Kanon

A propos Fuge: Kennen Sie dies Thema?

Clementi op24,2

Es handelt sich um den Anfang der Sonate op. 24/2 von Muzio Clementi. Und jeder erkennt – das Fugen-Thema aus Mozarts Zauberflöten-Ouvertüre. … also gar nicht Mozarts Thema? Bei der Neuherausgabe seiner Werke im Jahre 1804 sah Clementi an dieser Stelle Grund genug, in einer Anmerkung dezent auf seine Priorität hinzuweisen: „Cette sonate, avec la Toccata qui suit, a été jouée par l’auteur devant Sa M. J. Joseph II. en 1781; Mozart étant présent.“ (Die Zauberflöte aber entstand im Jahr 1791, – das wollte er wohl sagen.)

Doch zurück zur Mozarteums-CD (den Instrumenten und den Interpreten). Eine sehr hörenswerte Aufnahme, deren Live-Charakter man erst wahrnimmt, wenn man über den Beifall eines Publikums erschrickt. ist es die Geige, die so schön klingt, oder die Geigerin, die so schön spielt? Esther Hoppe über die Costa-Violine in einem Interview von Radio Swiss 2015 (Quelle hier):

Mozart kaufte diese Geige für seine eigenen Konzerte während seiner Zeit in Wien. Man wusste, dass es diese Geige gibt und dass sie aus dem Hause Dalla Costa ist, aber man wusste nicht, wo sie sich befand. Vor zwei Jahren hat sich der Besitzer dieser Geige, der sie als Amateurmusiker regelmässig zu privaten Zwecken spielte, gemeldet und wünschte, dass das Instrument zu Mozarts Geburtsort zurückkehren möge. Eine Gönnerin hat es daraufhin zu einem fairen Preis erworben und der Stiftung Mozarteum Salzburg übergeben.
Mir wurde die Ehre zuteil, das Instrument in einem Konzert der Öffentlichkeit vorzustellen. Seither durfte ich zwei weitere Konzerte darauf spielen, aber dass sie mir so kurzfristig für mein Festival zur Verfügung gestellt werden konnte, war nicht selbstverständlich.

Es war schon ein sehr spezielles Gefühl, auf dem Instrument zu spielen, mit dem Mozart selber seine Werke aufführte. Vom Spielen her war ich nicht einmal erstaunt, dass ich keine Schwierigkeiten hatte, ja sie mir sogar vertraut vorkam. Der Geigenbauer Dalla Costa hatte seinerzeit für Amati gebaut und der Zufall will es, dass Gioffredo Cappa, von dem meine eigene Geige stammt, ebenfalls für Amati gearbeitet hat. Allerdings ist der Klang der Mozart-Geige sehr viel heller. Man hat wirklich das Gefühl, dass sie zu Mozarts Musik passt und ihn vielleicht auch inspiriert hat. Aber es kann sein, dass hier der psychologische Aspekt ein bisschen mitspielt.

Um mehr über Violinistin Esther Hoppe zu erfahren, habe ich mich auf youtube-Recherche begeben. Dort fand ich ein hochinteressantes Dokument, das die Mozarteums-Professorin 2015 bei der Arbeit zeigt: HIER. Oder beim ARD-Wettbewerb 2007 (Beethoven Tripel-Konzert 2. und 3. Satz) HIER.

Costa-Violine Programm Der reale Programmablauf

Wenn man sagen kann, dass die Violine sozusagen das „Original-Instrument“ ist, so vielleicht auch, dass der Flügel (Graf 1839) sogar für Schubert viel zu spät ist, so würde ich gern hinzufügen: das ist doch völlig egal. Wäre es denn erstrebenswert, eine Original-Aufführung (welchen Jahres auch immer) anzustreben? Ehrlich gesagt, hätte ich gern – zumindest zwischen den Sätzen einen Hauch Original-Atmosphäre, ein deutliches Husten aber keinesfalls unausweichlich für die nächsten 100 Original-Hör-Situationen im Auto oder im Wohnzimmer.

Nachtrag am 7. August 2019

Über 2 Jahre hinweg gehört dieser Beitrag zu den meistaufgerufenen im Blog. Liegt es an Mozart oder an der Musikwissenschaft? (Auch dieser hier wird überraschend häufig angeklickt.) Oder liegt es an der Feinarbeit des Salzburger Professors Ulrich Leisinger? Der folgende Ausschnitt aus der heutigen Süddeutschen Zeitung deutet in diese Richtung:

Quelle: Süddeutsche Zeitung 7. August 2019 Seite 9 Lückenloser Mozart Im Salzburger Mozarteum wurde zum ersten Mal die vollständige Fassung der c-Moll-Messe aufgeführt / Von Helmut Mauró

Sehr lesenswert (und im Wikipedia-Artikel hier noch nicht berücksichtigt).

Nachtrag am 3. November 2020 (Mozarts Salzburger Geige)

https://www.swr.de/swr2/musik-klassik/christoph-koncz-spielt-auf-mozarts-geige-104.html

Und noch einmal, direkt anklickbar, das Video:

19.11.2020 Heute im Zeit-Magazin ein größerer Beitrag über genau diese Salzburger Geige und die Aufnahmen, die mit Christoph Koncz entstanden sind. Damit ist das Thema für mich erledigt. Ein Hype von und für Laien, man muss es nicht weiter hochspielen. Zitat:

In den vergangenen Jahrzehnten kamen immer wieder Violinisten in Mozarts Geburtshaus vorbei, um auf ihr zu spielen, mal für ein paar Minuten, nur um sie auszuprobieren, mal ein ganzes Konzert lang. Ein Instrument muss regelmäßig gespielt werden, sonst klingt es immer schlechter. Manchen Musikern liefen bei der Begegnung Tränen über die Wangen, einer fiel vor der Geige auf die Knie.

Das Zitat auf dem Titelblatt des Magazins hat allerdings damit gar nichts zu tun. Es bezieht sich auf ein sehr lesenswertes Gespräch mit Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock.

*    *     *

Noch ein letzter Blick in das Booklet zur CD „Mozarts Costa-Violine“ mit dem Foto von Esther Hoppe und dem Abschluss des Textes von Prof. Karl Leisinger.

 (Foto: Retho Ubezio)

Und was entdecke ich da? Den Namen Josef-Stefan Blum, das ist derjenige „Zwischenhändler“, der mir 1964 meine heutige Geige verkauft hat, eine alte Maggini-Kopie, zugleich an Freund Hanns-Heinz in Köln-Brück eine „Pistucci“; dort haben wir auch vorher die beiden Geigen verglichen, auf Band gespielt und lange darüber geratschlagt. Blum hatte den Ruf, die ganze Cappella Coloniensis, in der er selbst auch mitspielte, mit alten Violinen versorgt zu haben, und so lernten wir uns kennen, – um uns dann für immer aus den Augen zu verlieren.

Ist Vogelgesang Musik?

Das Buch ist da. Hat Hollis Taylor die Antwort? 

Hollis Taylor Bird Music cover a Hollis Taylor Mird Music cover b

Hollis Taylor: Is Birdsong Music? Outback Encounters with an Australian Songbird / Indiana University Press Bloomington & Indianapolis USA 2017

Zur Kombination Forschung & Leben im Schaffen der Komponistin Hollis Taylor

Hollis Taylor SCHARFF Buch Buch Seite 219 (Ausschnitt)

Hollis Taylor SCHARFF CD Titel CD II, Tr. 4 (Booklet, Ausschnitt)

Quelle 1 Buch siehe oben (Seite 219) und (bei Amazon) hier

Quelle 2 CD siehe Artikel im Blog hier und (bei bücher.de) hier.

Über Constance Scharff und Hollis Taylor siehe im Blog hier.

(Eine Abschrift des Bonner Vortrags von C. Scharff ist in Arbeit, wird hier im Blog nachlesbar.)

Zur Lektüre des Buches von Hollis Taylor gehören die von ihr zusammengetragenen Hör-Beispiele der Website www.piedbutcherbird.net HIER (im Buch etwas versteckt angegeben auf Seite 85). Achtung: auf dieser Seite den Link 4 notes and calls anklicken, dort erwartet einen die Auflistung der Klangbeispiele (AUDIOS) 1 – 21. Die hier gleich folgende Teil-Liste ist nur ein visuelles Muster (Screenshot), der wiedergegebene Abschnitt ab AUDIO 15 gehört im Buch (!) zu den Seiten 98 – 107. Auf Seite 107 wäre das AUDIO 21 abzurufen. Der Text davor „ROSS RIVER RESORT CAMPGROUND, 2012“ ist größtenteils identisch mit dem CD-Text zu CD II Tr. 14 „ROSS RIVER for contrabass recorder“, wo allerdings die Jahreszahlen 2014 und 2010 genannt werden; es könnte sich um eine andere Abmischung handeln. Oder um einen Irrtum hier oder dort. (Es ist im Grunde für uns irrelevant.)

Hollis Taylor Beispiele Screenshot 2017-05-25

Die Klangbeispiele 22 – 27 findet man unter 5 songs .

Die Klangbeispiele 28 – 48 findet man unter 6 musicality .

Zugegeben: es braucht einige Zeit, um sich zurechtzufinden. Und was ich einstweilen noch vermisse, sind die großen Butcherbird-Soli (ohne Vermischung mit Kompositionen wie auf den beiden CDs „absolute bird“), etwa ein ähnliches wie das von David Lumsdaine veröffentlichte, „Pied Butchbirds of Spirey Creek“ (1983), das Hollis Taylor in ihrem Buch auf Seite 143f bespricht. Sie hat sich sogar an den gleichen Ort begeben, Spirey Creek im Warrumbungle National Park:

I managed to record soloists several miles away in both directions; those songs do not resemble the 1983 recording. Bushfires ravaged 80 percent of the park in 2013, and I have not yet returned to check how the birds have fared.

(Fortsetzung folgt)

Heimaten

Feld und Wald um Hackhausen

Mai Buchengang 170521

Ein Rundweg, der mir seit 50 Jahren bekannt ist, durch einen lichten Buchenwald, um eine riesiges Kornfeld herum, am Schloss Hackhausen vorbei (das man kaum sieht, nur das Fachwerkhaus nebenan), zurück durch den höhlenartig geformten Hainbuchengang. Ein Rundweg, den man erreicht, wenn man den Viehbach – über die kleine Holzbrücke und unter der Schnellstraße durch – hinter sich gelassen hat. Nach allem was ich am Wochenende gelesen oder im Film gesehen habe (Schamanen in Nepal und der Cracticus nigrocularis in Australien), kann ich nicht umhin, diese Eindrücke als Folie über die Wirklichkeit zu legen: ein schamanischer Rundweg, vergleichbar dem Helikopterflug über das Flußtal Uttar Ganga, hinauf zur Jenseitsgrenze, der abschließende Durchgang durch das mit blauen Steinen geschmückte Nest der Laubenvögel, obwohl diese Landschaft zugleich – seit damals, als ich hier (jenseits des Viehbaches) „sesshaft“ wurde – überlagert und durchsetzt wurde mit Erinnerungen an den Teutoburger Wald (1955) oberhalb Bielefeld und die weite rurale Hügellandschaft auf der Lohe bei Bad Oeynhausen (1950). Ich könnte mir aus echten Erinnerungen und freien Phantasiereisen geradezu einen eigenen Mythos schaffen und diesem magischen Spazierweg heilende Kräfte zuschreiben. Nebenbei gibt es im Buchenwäldchen eine winzige Laube mit dem (wundertätigen?) Marienhäuschen, von dem gesagt wird, der Solinger Sänger Alfons Holte habe es errichtet (jedenfalls regelmäßig gepflegt). Wie gesagt: „könnte“! Es wäre möglich! Ich könnte Kindern und Kindeskindern davon erzählen, als sei es Realität. Eine Botschaft. Allein mir fehlt der Glaube. Unermüdlich der krähende Hahn in einem Garten am Bussche-Kessel-Weg und die fernen Glocken der Kirche St. Joseph in Ohligs. Waldesdunkel. Heute noch findet man hier – wie zum Beweis der ewigen Wiederkehr des Gleichen – eine von Kindern aus Totholz gebaute „Bude“, so wie wir sie einst in Hobergs Busch unweit der Steinkuhle angelegt haben, in der wiederum ein namenloser Bach zwei Molch- oder Frosch-Teiche gebildet hatte, die wir aufsuchten, wenn unsere kleinen Scherbengärtchen am bemoosten Fuß der Buchen fertig ausgestaltet waren. Schöne Nester! Ja, hier im Dickicht der Mythos der Kindheit, und dort oben die Bedrohung in riesiger Wolkengestalt, Kraftwerke bei Dormagen oder weiter in Richtung Niederrhein. Allzuwenig Blüten im Krautbereich der Wiese und am Rand des Roggenfeldes. Weder Kamille noch Mohn oder Kornblume. Doch die Waldrandgebiete sind immer noch akustisch markiert als Herrschaftsbereich von Zaunkönig und Rotkehlchen. Dieses beobachtet seit alters den Menschen mit Sympathie bei der Gartenarbeit, hat das allerdings, wie mir Kenner erzählten, hier draußen bei den Wildschweinen gelernt. – Also die übliche Mischung aus Wirklichkeit und meinen Projektionen.

Mai Buchenwald 170521

Mai Kiefern 170521 Mai alre Eiche 170521

Mai Feldweg 170521 Mai Wiese Wolke 170521

Mai Waldfachwerkhaus 170521 Mai Gundermann 170521 Alle Fotos oben: ER

Hackhauser Mai 2017 b Überquerung Viehbach (Styx)Hackhauser Mai 2017 x In Erwartung der MaikäferHackhauser Mai 2017 k Kinderversteck

Hackhauser Mai 2017 j Kraftwerke

Hackhauser Mai 2017 e  Hackhauser Mai 2017 y Fotos Handy JR

1952 (nicht ohne meine Katze)

Lohe Katze Blickrichtung: Hobergs Busch.

2017 Die Bilderwelt von damals – für immer.

Mai Holunder JR 170521 Fast der Weg („Foor“) in die Steinkuhle.

Dank an JMR für das schöne Wort „Heimaten“, das er (mit „th“) bei Adalbert Stifter fand:

»… und Vögel flogen nach diesen und jenen Richtungen, wie nach verschiedenen Heimathen«

Schamanismus

Frage an Michael Oppitz: Hat die Ethnologie etwa den früheren Platz der Philosophie eingenommen? Geht es in der Ethnologie um die realen Probleme wirklicher Menschen?

Schweizer Fernsehen vom 9. März 2008 – Sternstunde Philosophie – Über Schamanismus

ZITAT

(52:00) Das ist der Auftrag! Das ist der alte Auftrag von Marcel Mauss, der gesagt hat, – einer unserer alten Ahnen, einer unserer Vor-Schamanen, wenn man so will: Was zählt in der Ethnologie, ist der und der Melanesier von der und der Insel. Und das unterschreibe ich vollkommen. Und das ist ein Punkt, der für die Ethnologie von großem Interesse ist. Nämlich – sozusagen die Zoombewegungen, die sie vollzieht. Sie ist die Wissenschaft des Konkreten, es geht immer um ganz spezifische Dinge, dieses Dorf, den und den, der so und so heißt, in dem und dem Dorf, und seine Position innerhalb dieser lokalen Gesellschaft, – das ist das Heranzoomen sozusagen, eine Tätigkeit, die jeder Feldforscher betreiben muss. Dann aber muss er die Kamera sozusagen wieder zurückziehen, und eine weitere, eine distanzierte Perspektive einnehmen. Und dieses Wechselspiel der Distanzen, nah und fern, konkret und abstrakt, konkret und verallgemeinert, das sind Vorgänge, das sind Gedankenbewegungen, die der Ethnologe vollzieht. Als natürlich vollzieht, weil sie gewissermaßen in seiner Tätigkeit angelegt sind. Und das ist auch letzten Endes – abgesehen davon, dass die Ethnologie auch holistisch ist, sie beschäftigt sich mit allem, was der Fall ist in realen Gesellschaften – ist die Ethnologie von daher gesehen auch eine transdisziplinäre Wissenschaft, und vielleicht aufgrund dieser Tatsache verdient sie zumindest auch eine ähnliche Position zu haben wie die Philosophie. (55:02)

ZITAT vom Anfang der Sendung:

Mich fasziniert [am Schicksal der schriftlosen Kulturen], dass viele dieser Traditionen verschwinden, in die Stimmlosigkeit absinken werden, bevor man sie aufgezeichnet hat. Und mich fasziniert das, weil in diesen mündlichen Überlieferungen ein Schatz verborgen liegt, der eine Bedeutung hat, die sicherlich jener ähnelt, die wir von den großen epischen Traditionen in Europa kennen, wie etwa die Ilias oder die Odyssee.

… sagt also Michael Oppitz am 9. März 2008. Ich bin ihm 1990 zum ersten Mal in Gestalt eines Buches begegnet, ohne ihn recht wahrzunehmen. Dennoch kann ich jetzt genau dort anknüpfen. Das Internet samt Youtube musste erst erfunden werden, mein Metier: das Radio allein, die Tonaufnahme, das Ohr vermag in manchen Fällen zwar viel, in diesem Fall und damals fast nichts.

Michael Oppitz 1989

Dass ich all dies heute wieder auf den Tisch lege, hat einen bestimmten Grund, den ich erst zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle ausbreiten möchte.

Für Unerschrockene: ein 75minütiger Vortrag über die Schamanentrommel HIER.

P.S.

Da ich mich verschiedentlich mit dem Thema Witz und Lachen beschäftigt habe, mit dem Bedauern, nur wenig darüber aus andern Kulturen zu kennen, zitiere ich hier eine Seite aus dem Buch von Michael Opitz, einen Abschnitt aus seinem (O) Gespräch mit Ahmad Alasti (A):

O: (…) Prügeleien in religiösen Ritualen mögen jemanden vielleicht verwundern, der an die Stille einer katholischen Kirche denkt. Hier jedoch kommen sie vor. Im Schamanentum der Magar gehen das Heilige und das Profane eine derartige Verschmelzung ein, daß die Atmosphäre eines Dritten entsteht, das weder das eine noch das andere ist. Ich sagte ja bereits, Schamanismus ist Alltag. Das schien mir diese Prügelszene handfest zu illustrieren.

A: Wollte der Betrunkene komisch werden, weil ihr da wart und ihn auch noch filmtet?

O: Er hatte uns nicht angerempelt. Wahrscheinlich hat er in seinem trunkenen Gesichtsradius nicht einmal die Kamera bemerkt. Aber natürlich gibt es diese lauten und lästigen Witzbolde, die aus allem ihre dummen Scherze herausklopfen wollen und ihre blöden Visagen in die Kamera stecken, um, in der Hoffnung auf einen Lacherfolg von seiten der Menge, ein Gesicht schneiden. Das nimmt man einmal mit auf. Diese Form von Scherz läuft sich bald von selbst tot und wird sogar dem für Gelächter Anfälligsten bald langweilig und schal.

A: Es gibt Sequenzen in dem Film, wo sich die Leute übereinander lustig machen. Ermutigte sie die Anwesenheit der Kamera dazu? Ich erinnere eine Stelle, in der ein Gehilfe ein Loch aushebt, in dem der Lebensbaum des angehenden Schamanen später eingepflanzt wird. Der das Loch gräbt, sagt: „Wir graben das Grab eines Schamanen“, woraufhin der Schamane entgegnet: „Warum begraben wir hier nicht einen Glücksspieler?“

O: Dabei mußt du wissen, der Lochausheber war einer der größten Glücksspieler im Dorf. Es war also ein direkter Gegenschuß von seiten des Schamanen, ein spontaner Witz. Wir haben es hier mit einer Gesellschaft zu tun, wo das Witzemachen zu den großen sozialen Funktionen zählt. Das sind keine Brahmanen, die immerzu jammern und niemals mit Gelächter aus sich herausgehen. In dieser rauhen und lauten Gesellschaft hat der Humor einen hohen Stellenwert. Dauernd wird jemand hochgenommen, ständig gehen säuische Anspielungen hin und her. Dabei ist eine wesentliche Einschränkung zu beobachten: Manchen Verwandtschaftsklassen ist es untersagt, mit bestimmten anderen Witze zu reißen, egal ob schlüpfrig oder nicht. Die Witzbeziehungen werden so zum Ausdruck des Heiratssystems und seiner Regeln. Die du nicht heiraten kannst, mit denen kannst du auch keine dreckigen Witze tauschen.

A: Nach deinem Film habe ich den Eindruck, daß es dort bei den Magar zwischen Schamanen und Laien keine scharfen Grenzen der Etikette gibt. Die einen können mit den anderen einen gelockerten Verkehr pflegen. Trotzdem: Gehören die Schamanen einer besonderen Klasse an? Genießen sie einen besonderen Status?

O: Wir haben eine Szene gedreht, die wir nicht in unseren fertigen Film aufgenommen haben. Wenn ich sie dir schildere, wirst du sehen, wie der Humor auch die Beziehung zwischen Schamanen und Laien bestimmt. Ein älterer Mann hatte für seine erkrankte Tochter durch einen Schamanen eine Heilungsséance in seinem Haus veranstalten lassen. Während der Sitzung hörte man ihn immer wieder sagen: „Das ist doch alles Unsinn, alles, was ihr hier macht, ist Hokuspokus, die ganzen Sitzungen und das dauernde Getrommel, alles Schrott. Ich glaube nicht an die Wirksamkeit dieser Rituale. Alles Unsinn.“ Er sagte dies mit einem Zwinkern, mitten in die Rituale hinein, die in seinem eigenen Hause und mit seinem Geld durchgeführt wurden. Es konnte also nicht stimmen, daß er sich keine Erfolge von der Sitzung versprach. Es war Scherz. Eine Gesellschaft, die diese Art von Scherz und gespielter Kritik zuläßt, muß ziemlich gesund sein, besser drauf als die gegenwärtige des Iran.

Quelle Michael Oppitz: Kunst der Genauigkeit / Wort und Bild in der Ethnographie / Trickster Verlag München 1989 / ISBN 3-923804-33-4 (Seite 106f)

ZITAT über den Zoom (s.a. oben!)

Michael Oppitz Zoom

Zurück an den Anfang des youtube-Filmes ganz oben!

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20. Mai 2017 nachmittags. Die erwartete Prachtbox ist eingetroffen. Die Arbeit – das Vergnügen – kann beginnen:

Michael Oppitz 2017

Michael Oppitz 2017 Booklet

Michael Oppitz 2017 Inhalt

Über die Schätze hinaus, die er selbst bereitstellt, verweist Michael Opitz in seinem Buch auch auf Tondokumente, die von anderen Forschern an anderen Orten Nepals aufgezeichnet wurden; auch Landkarten dieser Regionen kann  man dort finden:

www.dhyang-dhyang-voldemeer.ch bzw. hier.

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Zu den 3 Tondokumenten der CD

Oppitz CD Booklet info

Dies ist die technische und inhaltliche Information (S.55), die ein Mitlesen des gesungenen Textes erlaubt. Allerdings gibt es nicht drei, sondern auf CD I (mit Somarani und Hargameni) sieben Tracks, auf CD II (mit Kubiram) drei Tracks. Man muss also selbst herausfinden, an welcher Stelle man sich befindet, wenn man auf Tr. 2 oder Tr. 5 springt. (Tr.5 der CD I = Beginn von Hargameni!) 

Auf Anhieb möchte man sagen, dass die Melodiezeile , – mit kleinen Varianten, die dem jeweiligen Wortlaut angepasst sind -, immer gleich bleibt: CD I in Tr. 1 und 2 auf den Tönen a – cis – h – a, in Tr. 3 einen Halbton höher, in Tr. 7 einen Ganzton tiefer.

CD I Tr.1, 13:55 geht über in Tr. 2, 12:20 geht über in Tr. 3, 6:07 geht über in Tr. 4, 10:17 geht über in Tr. 5, 9:59 unmittelbar in Tr. 6,10:54 unmittelbar in Tr. 7, 7:11.

CD II Tr. 1, 2:43 geht über (Trommelwechsel) in Tr. 2, 23:15 geht über in Tr. 3, 17:45 einige Worte der Interpreten nach Abschluss. (Tonhöhe muss noch geklärt werden: Tr. 1 auf g, Tr. 2 auf a(-), Tr. 3 auf g.)

Ab Seite 60 gibt es Auskunft über „Formale Merkmale des gesungenen Verses“ sowie  eine Skizze zum Metrum und den Trommelschlägen:

Oppitz CD Booklet Metrum

Auf Flügeln des Gesanges

Ich schwöre: als mir die Überschrift dieses Artikels einfiel, habe ich nicht an Mendelssohns Lied gedacht, sondern nur an den Cracticus nigrogularis aus der Familie der Würgerkrähen, auch Metzger-Vogel genannt. Und dann überwältigte mich die Erinnerung an die Melodie und daran, dass im Text von Lotosblumen, Veilchen und den Fluren des Ganges die Rede sei, und ich konnte nicht widerstehen, das Lied hier einzubinden, auf die Gefahr hin, dass es mich Überwindung kosten würde, all dies gegen ein geflügeltes Flötenspiel im australischen Busch einzutauschen.

Hollis absolute bird Vorbild: Cracticus nigrogularisHollis absolute bird rück Hollis Taylor: Eigene Werke 2017

Hollis Taylor Thesis Screenshot 2017-05-19 Doktorarbeit 2008

(Erklärung folgt)

Der wirkliche Zugang zu Hollis Taylor’s  Welt: HIER.

Zum Bild-Kapitel über bowerbird aesthetics siehe auch bei Wikipedia über Laubenvögel.

Marenzios Figuren

Material zur Rhetorik der frühen Madrigale

Der erste Schritt könnte sein, sie schön zu finden. Sinnlich schön! Für mich begann es mit den Vorlesungen, die ich bei Dietrich Kämper in der Kölner Musikwissenschaft hörte (1967). Er war der erste Dozent, der Schallplatten einsetzte und das Hören der behandelten Werke nicht Privatsache sein ließ. (Was in der Musikethnologie die größte Selbstverständlichkeit war: Hören und Aufschreiben, also: ganz genau hinhören). Er legte das Deller Consort auf, dessen außerordentliche Interpretation alter Musik ich im Juli 1967 live in St.Maximin erlebt hatte. Nie im Leben werde ich das vergessen. Wir spielten dort mit dem Collegium Aureum für Harmonia Mundi ; auch die gemeinsame Aufnahme mit Monteverdis „Tirsi e Clori“ entstand dort. (Erst kurze Zeit später trennten sich die deutsche und die französische HM.)

Eingedenk dieser Begegnung soll auch „meine“ Renaissance nach 50 Jahren mit Madrigalen beginnen. Und mit Bildern. Und mit neuem Blick auf die Rhetorik, von der ich damals noch gar nichts wusste. Und später habe ich sie nur auf Bach bezogen studiert. Dies zum Eingewöhnen:

Dieses Video ist leider nicht mehr abrufbar. Gehen Sie stattdessen gleich auf das Marenzio-Madrigal, das unten näher behandelt wird. Hier im externen Fenster. Lassen Sie es dort im Wartestand. (Achtung: Beginn mit ein paar Sekunden Werbung!)

MADRIGALI di LUCA MARENZIO Ausführende: Concerto Italiano, Rinaldo Alessandrini

Inhalte gelöscht! Liste entfernt!

Leider ist das Madrigal, das ich gesucht habe, nicht dabei. Ich gebe die Liste, falls jemand Einzeltitel nachschlagen will. Das was ich suche, brauche ich aus autodidaktischen Gründen, es steht bei Unger im Anhang:

Marenzio a Marenzio b

Immerhin, hineinhören kann man HIER Tr.4 bis etwa Takt 16. Ein weiterer Lernvorgang: die 5 Stimmen in einen spielbaren Klaviersatz übertragen (ist aber leider nur bedingt sinnvoll, wegen der Stimmüberschneidungen), die Klangphantasie darf sich daran entzünden. Aber zunächst, – wer war Luca Marenzio? Siehe Wikipedia hier.

Eine recht gute Einführung könnte man hier studieren, wenn sie nicht ein paar kleine Stolpersteine enthielte, die vielleicht übersetzungsbedingt sind. Z.B. wenn nicht klar zu sein scheint, wer historisch von wem übernimmt, – so jedenfalls nicht: „Burmeister übernimmt und integriert die Analyse, die Unger in seiner Schrift Die Beziehungen zwischen Musik und Rhetorik im 16.-18. Jahrhundert vorgeschlagen hat.“

Ich beschränke mich deshalb ganz und gar auf meine Quelle: Hans-Heinrich Unger (1941 bzw. 1985). Den Text und die Übersetzung entlehne ich der Internet-Quelle Lucio Ivaldi.

Quando i vostri begl’occhi un caro velo  Wenn Eure schönen Augen ein teurer Schleier,
Ombrando copre semplicetto e bianco, einfach und weiß, mit Schatten umhüllt,
D’una gelata fiamma il cor s’alluma, wird mein Herz von einer eisigen Flamme erleuchtet,
Madonna; e le midolle un caldo gelo   oh Herrin; dann überläuft es mich kalt und heiß,
Trascorre si, ch’a poco a poco io manco, so dass ich allmählich vergehe
E l’alma per diletto si consuma.               und sich meine Seele vor Entzücken verzehrt.
Così morendo vivo; e con quell’arme     So lebe ich sterbend; und mit diesen Waffen,
Che m’uccidete, voi potete aitarme.       die mich töten, könnt Ihr mich retten.

***

Dies ist nur ein Anfang, der mich verpflichten soll… Aber zunächst etwas, das eher zur Abschreckung geeignet ist:

Unger Marenzio b Zum Lesen bitte anklicken!Unger Marenzio c Quelle: Unger a.a.O. S. 137 f

Hier folgt eine besser lesbare Wiedergabe des Marenzio Madrigals (realisiert von Allen Garvin). Zu beachten ist, dass die Großtakte unterteilt wurden, so dass sich eine andere Zählung ergibt. Daher habe ich diejenige der UNGER-Wiedergabe nachgetragen. Die roten Zahlen entsprechen der im vorigen Beispiel wiedergegebenen Aufzählung der verwendeten rhetorischen Figuren 1) bis 17). Auf die Wiedergabe der Erläuterungen, die sich in Ungers IV. Kapitel (Seite 62 bis 89) befinden, habe ich verzichtet, da sie sich mit Hilfe der obigen Tabelle einigermaßen aus dem Notenbilde erschließen lassen. Nur eins sei hervorgehoben: „Mimesis“ bedeutet hier „Nachspotten eines zuvor gesagten Wortes oder Ausspruches“ (Gottsched), einfach gesagt: es handelt sich um Wiederholung. Ein „Noema“ unterschiedet sich von der Umgebung durch seine einfache Gestaltung: z.B. homophone Abschnitte in ansonsten polyphoner Landschaft.

Marenzio Partitur rhetor a Marenzio Partitur rhetor bMarenzio Partitur rhetor c

Übrigens ist man heute nicht mehr in erster Linie auf Ungers Buch von 1941 angewiesen, dessen Nachdruck, soweit ich weiß, vergriffen ist. Im Lexikon MGG (Sachteil, Band 6, Sp. 814-852) etwa gibt es einen hervorragenden Artikel von Hartmut Krones, dessen Inhaltsangabe hier folgt:

Rhetorik MGG

Mehr über Marenzio aus dem Booklet der oben wiedergegebenen CD (das Original ist so klein gedruckt, dass man es nur mühsam lesen kann, – aber es lohnt sich):

Mimesis

Zu Erich Auerbachs Buch (und weiteren Begriffsbestimmungen)

Auerbach Mimesis Cover 4. Auflage 1967

Wahrscheinlich im Germanistik-Studium Köln empfohlen von Dorothee Sölle oder Herbert Singer. Lektüre alle paar Jahre wiederholt, ohne letztlich Klarheit über den wegweisenden Entwurf des Ganzen zu gewinnen. Neuer Anlauf 2017, anlässlich der allmählichen Erschließung des Begriffs „Figura“ bei der Beschäftigung mit Dante (hier) und nach dem Eintreffen des Büchleins „Mimesis und Figura“ (mit Auerbachs Aufsatz, der dem Buch Mimesis 1938 voranging).

Auerbach FIGURA cover Vorsatz, MIMESIS neu zu erarbeiten

Auerbach Inhalt Mimesis = Dargestellte Wirklichkeit in der Literatur

Wikipedia-Artikel zu einzelnen Kapiteln:

I Opferung Isaaks, Tora II Titus Petronius III Ammianus Marcellinus IV Gregor von Tours V Rolandslied VI Chretien de Troyes VIII Dante Aligieri IX Giovanni Boccaccio X Antoine de la Sale XI François Rabelais XII Michel de Montaigne XIII William Shakespeare XIV Miguel de Cervantes XV Jean de la Bruyère XVI Abbé Prévost XVII Friedrich Schiller XVIII Stendhal XIX die Brüder Goncourt XX Virginia Woolfe

Wissenswert, was in dem zweiten Buch („Mimesis und Figura“) zu lesen ist über die mindere Bedeutung der Kapitel II – V oder sogar IV:

Eine Reihe von Kapiteln in Mimesis gilt der Lektüre von Autoren und Werken, die wenig kanonisch und die, gemessen an klassischen Stilidealen, einigermaßen disparat und »disproportioniert« wirken, Autoren und Werke, die heute allenfalls von Spezialisten gelesen werden. Ich denke hier an den Roman des Petronius (II. Kapitel) ebenso wie an das historiografische Werk des Ammianus Marcellinus (III. Kapitel) oder die Frankengeschichte Gregor von Tours (IV. Kapitel) oder die Verse der Oxforder Handschrift des Rolandliedes (V. Kapitel).

schreibt Friedrich Balke, und weiter:

Quelle Friedrich Balke: „Mimesis und Figura / Erich Auerbachs niederer Materialismus) (s.o. Buch Mimesis und Figura Seite 13-88)

*    *    *

Abgrenzung gegenüber der Mimesis in der Musik (oder Versuch der Parallelisierung?) – Anverwandlung  (Darstellung) der musikalischen Wirklichkeit:

Mimesis in Musik Inhalt 1 Mimesis in Musik Inhalt 2

Auszug aus der Inhaltsübersicht des Buches: Forschendes Üben Wege instrumentalen Lernens / Über den Interpreten und den Körper als Instrument der Musik / Renate Wieland & Jürgen Uhde (Bärenreiter Kassel 2002)

Zitat aus dem oben (gelbes Cover!) abgebildeten Buch „Mimesis und Figura“:

Einem Studenten, der sich darüber beklagte, er verstehe ein Gedicht von Mallarmé nicht, riet Auerbach, er solle es auswendig lernen. (Fortsetzung im Folgenden:)

Mimesis und Figura Doppelseite

Ich mache insbesondere auf die Textstelle darin aufmerksam:

Die Beschreibung der pointillistischen Rekonstruktion kann auch als mimetische Neuerschaffung beschrieben werden und schließt als solche Auerbach ein weiteres Mal an rhetorische Traditionen an, in deren Zentrum der Begriff der imitatio steht. Diese von Mimesis zu unterscheiden ist ein traditionell schwieriges Problem (…).

***

Wie funktioniert Auerbachs Methode, eine beispielhafte Auswahl zu interpretieren?

Anstelle etwa einer gewaltigen Literaturgeschichte? Mit seinen eigenen Worten so wie die neue Literatur selbst:

(…) den großen äußeren Wendepunkten und Schicksalsschlägen wird weniger Bedeutung zugemessen, es wird ihnen weniger Fähigkeit zugetraut, Entscheidendes über den Gegenstand herzugeben; hingegen besteht das Vertrauen, daß in dem beliebig Herausgegriffenen des Lebensverlaufes, jederzeit, der Gesamtbestand des Geschicks enthalten sei und darstellbar gemacht werden könne; man hat mehr Vertrauen zu Synthesen, die durch Ausschöpfung eines alltäglichen Vorgangs gewonnen werden, als zur chronologisch geordneten Gesamtbehandlung, die den Gegenstand von Anfang bis Ende verfolgt, nichts äußerlich Wesentliches auszulassen bestrebt ist und die großen Schicksalswendungen gleich Gelenken des Geschehens scharf heraushebt. Man kann dies Vorgehen moderner Schriftsteller mit dem einiger moderner Philologen vergleiche, welche meinen, es lasse sich aus einer Interpretation weniger Stellen aus Hamlet, Racine oder Goethe und über die Epochen gewinnen als aus Vorlesungen, die systematisch und chronologisch ihr Leben und ihre Werke behandeln; ja man kann die vorliegende Untersuchung selbst als Beispiel anführen. Etwas wie eine Geschichte des europäischen Realismus hätte ich niemals schreiben können; ich wäre im Stoff ertrunken, ich hätte mich in die hoffnungslosen Diskussionen über die Abgrenzung der verschiedenen Epochen, über die Zuordnung der einzelnen Schriftsteller zu ihnen, vor allem aber über die Definition des Begriffs Realismus einlassen müssen; ich wäre ferner, um der Vollständigkeit willen, genötigt gewesen, mich mit Phänomenen zu befassen, die mir nur flüchtig bekannt sind, so daß ich mir die Kenntnisse über sie ad hoc hätte anlesen müssen, was, nach meiner Überzeugung, eine mißliche Art ist, Kenntnisse zu erwerben und zu verwerten; und die Motive, die meine Untersuchung führen, und um derentwillen sie geschrieben wird, wären unter der Masse von materiellen Angaben, die längst bekannt sind und in Handbüchern nachgelesen werden können, vollständig versunken.

Quelle Mimesis a.a.O. Seite 509

Ähnliches hat Adorno mehrfach angesprochen, z.B. als er zur „Charakteristik Walter Benjamins“ schrieb:

Die kritische Einsicht des späten Nietzsche, daß die Wahrheit nicht mit dem zeitlos Allgemeinen identisch sei, sondern daß einzig das Geschichtliche die Gestalt des Absoluten abgebe, hat er, ohne sie vielleicht zu kennen, als Kanon seines Verfahrens befolgt. Das Programm ist formuliert in einer Notiz zum fragmentarischen Hauptwerk, daß „das Ewige jedenfalls eher ein Rüsche am Kleid ist als ein Idee.“

Quelle Theodor W. Adorno: Prismen Kulturkritik und Gesellschaft / dtv München 1963 (Seite 235)

***

Die Beziehung der Begriffe „Mimesis“ und „Figura“ zur Musik scheint mehr oder weniger zufällig, jedenfalls als eine äußerliche Assoziation, die mit der Sache selbst nicht zu tun hat. Und doch wird man leicht eines anderen belehrt, wenn man in Auerbachs Abhandlung auf den Namen Quintilian kommt, der in der musikalischen Figurenlehre eine Schlüsselstellung einnimmt; sie hat den einfachen Grund, dass die Rhetorik seit dem Mittelalter zu den wichtigsten Schulfächern gehörte und für alle Künste maßgeblich war. Aufgrund dieser Priorität besteht für den Literaten Auerbach noch kein Grund, die Musik zur Notiz zu nehmen, sehr wohl aber für die Musikwissenschaft, die Quellengeschichte dieses Begriffes auch im Blick auf die Musik zu betrachten.

[D]ie Rhetorik erfuhr nicht nur ihre Übertragung in die Musik, sie erlebte in dieser neuen Umgebung auch eine Übersteigerung ihrer Kunstmittel, die in der gewöhnlichen Prosarede, ja wohl auch in der Dichtung unmöglich gewesen wäre. Eine solche Häufung der Figuren, eine derartige Gegensätzlichkeit z.B. im Vortrag, wie es in der Musik nicht nur möglich, sondern sogar erwünscht ist, würde jeden Redner der Lächerlichkeit preisgeben.

Quelle Hans-Heinrich Unger: Die Beziehungen zwischen Musik und Rhetorik im 16.-18. Jahrhundert / Konrad Triltsch Verlag Würzburg 1941 / Nachdruck Georg Olms Verlag Hildesheim 1985 (Seite 145)

In der Einleitung dieses wichtigen Werkes aus der Schule Arnold Scherings findet sich auch der Hinweis, wie es überhaupt mit der Verbindung zwischen Musik und Rhetorik, die noch bei Beethoven eine Rolle spielte, zuendegehen konnte:

Erst die in der Romantik aufkommende musikalische Laienästhetik hat diese engen Beziehungen zwischen den beiden Künsten Musik und Rhetorik zerrissen; diesen romantischen Ästhetikern war die Musik eine Kunst aus himmlischen Höhen und nebelhaften Fernen, schemenhaft und unbegreiflich, bis schließlich bei Hanslick die musikalische Ästhetik zu bloßem Formalismus erstarrte.

Stellt man diesen Anschauungen die Urteile der Ästhetiker etwa des 18. Jahrhunderts entgegen, so muß sofort die große Klarheit und Sicherheit in allen Fragen des praktischen Musiklebens und seiner ästhetischen Beurteilung in die Augen springen. Man hat sogleich den Eindruck, daß sie für ihre Ansichten und Beurteilungen ein festes, gesichertes Fundament besitzen, das der romantischen Ästhetik fehlt. Die Erklärung für diese Tatsache liegt auf der Hand: die Ästhetiker des 18. Jahrhunderts, wie Heinichen, Mattheson, Scheibe usw., waren mitten im praktischen Musikleben stehende M u s i k e r, die Ästhetiker der Romantik dagegen – Denker und Philosophen, unter deren Einfluß sich die auf festem Boden stehende Musikanschauung oft genug zu bloßer übersinnlicher Spekulation verflüchtigte. (a.a.O. Seite 1f)

Zu beleuchten wäre auch der verhängnisvolle Einfluss Rousseaus auf das romantische Denken, dem sogar Beethoven – obwohl seine kompositorische Wissenschaft noch aus den alten Quellen schöpfte – in dem Motto seiner Missa solemnis huldigte: „Von Herzen – Möge es wieder – Zu Herzen gehn!“ Und irgendwie stimmt das ja auch, wenn man das gesamte Handwerk, das beherrscht wird, verinnerlicht hat. Und schon glaubt jeder Laie, dort tief im Innern stehe es ihm von Geburt an zur direkten Verfügung. Und der Fachmann und Republikaner Beethoven bestätigt es von höchster Warte, – ohne dass es dadurch richtiger wird.

(Fortsetzung folgt)

Toleranz gegenüber Intoleranz?

Nach Markus Lanz

Den Gag mit dem sich reimenden Namen des Moderators im Titel wollte ich mir sparen, ebenso wie eine wohlfeile Distanzierung von dieser Art Talkshow, in der es durchaus nicht selten gelingt, kontroverse Themen so zu führen, dass sie sehr bedenkenswerte Perspektiven eröffnen. Wie in diesem Fall der Konfrontation zweier Islamkritiker, die am Ende doch zum einvernehmlichen Urteil kommen: der individuell auftretende Islam sei friedlich und menschenverbindend, als Massenideologie jedoch gefährlich und menschenverachtend. (Alltägliche mitmenschliche Praxis gegen Machtpolitik.)

Hamed Abdel-Samad, Politologe
Der Islamkritiker erklärt in seinem aktuellen Buch „Ist der Islam noch zu retten?“, weshalb die Religion seines Erachtens nicht reformierbar ist.

Ulrich Kienzle, Journalist
Der Nahost-Experte gibt eine Einschätzung zu Hamed Abdel-Samads Religionskritik. Er sagt: „Der Islam ist gefährlich und nicht gefährlich zugleich.“

Es begann mit dem Begriff „Leitkultur“ und lief letztlich auf die Frage hinaus: Muss man gegenüber intoleranten Weltanschauungen Toleranz walten lassen? Ist Hamed Abdel-Samad schon zu weit gegangen, als er als Redner bei der AfD aufgetreten ist – mit dem Risiko, von dieser Partei für ihre ideologischen Zwecke instrumentalisiert zu werden? Letztlich distanziert er sich heute: er würde es kein zweites Mal tun. – Andere Frage: Hätte Angela Merkel beim Staatsbesuch in Saudi-Arabien ein Kopftuch tragen sollen? Sie tat es nicht. Aber darf sie den Panzerverkauf an ein solches Regime tolerieren?

Diese Sendung ist inzwischen zum Nachhören freigeschaltet: HIER. Ab 4:35 bis 38:55. Abrufbar bis zum 12.8.2017.

Ich finde, jeder Mensch sollte sich mit diesen Fragen beschäftigen, sie tauchen in verschiedensten Maskierungen allerorts auf – seit jeher und selbst innerhalb der friedlichsten Familie. Es ist unnötig, sich vom Ernstfall überraschen zu lassen. Wie ist es z.B. wenn jemand von mir Solidarität (die Unterschrift zu einem Aufruf) verlangt, während ich zweifle? Wenn jemand bei mir Empathie für seine Antipathien gegen xy einklagt? Und, falls ich sie verweigere, mich an den Pranger stellt?

Hier ein plausibler Klärungsversuch:

In dem Wertekatalog, der sich etwa im deutschen Grundgesetz wiederfindet, steckt eine Grundsatzentscheidung der Gesellschaft, dass Grundrechte, etwa das auf Leben, Gleichberechtigung, Religions- oder Meinungsfreiheit, keinesfalls verletzt werden dürfen. In der Verfassung liegen ethisch-politische Festlegungen, und Abweichungen davon müssen oder dürfen sogar nicht toleriert werden.

Hier wird man vielleicht auch das eingangs genannte Problem des Verhältnisses unserer Gesellschaft zum Islam ansiedeln müssen – und wie so oft genauer differenzieren: Insofern fundamentalistische Strömungen im Islam gegen die Wertefestlegungen unserer Gesellschaft verstoßen, müssen sie nicht toleriert werden. Eine Religion, die versucht, eigene Vorstellungen, die unseren gesellschaftlichen Wertvorstellungen widersprechen, mit welchen Mitteln auch immer in der Gesellschaft durchzusetzen, muss man nicht tolerieren.

Das gilt übrigens für andere Religionen ganz genauso, namentlich auch für die christlichen, in denen es ebenfalls fundamentalistische Strömungen gibt. Und das gilt nicht, weil der Fundamentalismus selbst intolerant ist, sondern weil er gegen die ethisch-politischen Grundsätze unseres Zusammenlebens verstößt. Soweit aber lediglich kulturelle Unterschiede bestehen, hat der Islam wie alle Kulturen, Religionen und Weltanschauungen ein Recht darauf, toleriert zu werden. Dazu gehört seine Ausübung durch die Gläubigen und das Errichten von Gotteshäusern in demselben Umfang, in dem man es auch anderen Religionen gestattet. Auch das gehört zu den ethischen Grundsätzen unserer Gesellschaft.

Quelle Dr.Dr. Rainer Erlinger im SZ-Magazin Heft 10/2011 Süddeutsche Zeitung / Abrufbar HIER.

Aber mit diesen Grundsätzen allein ist es nicht getan. (Wie steht es z.B. mit der Toleranz im Alltag. „Wie … ordnet man die häufigen kleinen Probleme des Alltags ein? Wenn unterschiedliche Vorlieben, Interessen oder Bedürfnisse aufeinanderprallen?“ In diesem Artikel wird auch Karl Poppers „Paradoxon der Toleranz“ behandelt:

 Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. (1944)

Quelle Erlinger a.a.O. / siehe auch im Originaltext Popper hier.

(Fortsetzung folgt)