Archiv der Kategorie: Naturwissenschaft

Wie die Vögel fliegen

Oder: wie Dichter den Vogelflug deuten

Hölderlin:

Wieder ein Glück ist erlebt. Die gefährliche Dürre geneset,

Und die Schärfe des Lichts senget die Blüte nicht mehr.

Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,

Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,

Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen

Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.

Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist

Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.

Gerne begegnen sie sich, und irren untereinander,

Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.

Denn so ordnet das Herz es an, und zu atmen die Anmut,

Sie, die geschickliche, schenkt ihnen ein göttlicher Geist.

Quelle Friedrich Hölderlin. Aus: Stuttgart hier

***

Stifter:

Und so schritten sie nun mit einander fort; über Hügel zu Hügeln, über Felder zu Feldern – und oft konnte man den Jüngling sehen, wie er an einem Wiesenbache den Hund wusch und ihn mit Gräsern und Laubwerk troknete – oft, wie sie ruhig neben einander gingen – und oft, wie der Hund neben seinem Herrn stand und die Augen zu ihm empor richtete, wenn dieser auf einer Anhöhe stille hielt und weit und breit über die Auen schaute, über die langen Streifen der Felder, über die dunkeln Fleken der Wäldchen und über die weißen Kirchthürme der Dörfer.

An dem Wege des Wanderers wallten oft die Wellen des Kornes, das jemanden gehören mußte, Zäune umgaben es, die jemand gezogen haben mußte, und Vögel flogen nach diesen und jenen Richtungen, wie nach verschiedenen Heimathen.

Quelle Adalbert Stifter. Aus: Der Hagestolz hier

***

Benn:

(…) so fallen die Tage,

bis der Ast am Himmel steht,

auf dem die Vögel einruhn

nach langem Flug.

Quelle Gottfried Benn: Aus „Ach, das ferne Land“ Statische Gedichte / Arche Zürich 1948

(Fortsetzung folgt)

Dank an JMR für Hölderlin und Stifter

 

Kleine Barthes-Recherche

Die bürgerliche Singstimme

Nur um das Ergebnis einer Irritation und einer Suche festzuhalten: in dem Magazin Musik & Ästhetik Heft 79 Juli 2016 las ich einen erhellenden Text von Ferdinand Zehentreiter mit dem Titel „Warum Musik keine ‚Sprache der Gefühle‘ darstellt / Eine erfahrungstheoretische Kritik“ (Seite 54 -68). Ins Stocken geriet ich bei Anmerkung 5: Hat denn Roland Barthes wirklich über Gérard Souzay geschrieben? Ich erinnere mich nur an die Gegenüberstellung Fischer-Dieskau / Charles Panzéra.

Barthes zitiert bei Zehentreiter Musik & Ästhetik Heft 79

Allerdings ist hier ausdrücklich von der vollständigen Sammlung der Mythen des Alltags die Rede, und im Nachwort meiner Suhrkamp-Ausgabe entdecke ich jetzt die Notiz:

Unser Band enthält eine Auswahl aus dem 1957 in Paris erschienenen Buch Mythologies. Fortgelassen wurden in der deutschen Ausgabe einige kürzere Texte des ersten Teils, deren Thematik und Bedeutung einem mit den Verhältnissen in Frankreich wenig vertrauten Leser nur unzureichend sich erschlossen hätten.

Der Name Gérard Souzay hätte mich allerdings elektrisiert, da ich um 1964 noch ein Konzert mit ihm Kölner Gürzenich erlebt hatte. Das Internet führt weiter: Zumindest der Anfang des Originaltextes von Barthes ist offenbar zuverlässig auf der Website eines Stimmphysiologen wiedergegeben:

Les principaux signes de l’art bourgeois. Cet art est essentiellement signalétique, il n’a de cesse d’imposer non l’émotion, mais les signes de l’émotion. C’est ce que fait précisément Gérard Souzay : ayant, par exemple, à chanter une tristesse affreuse, il ne se contente ni du simple contenu sémantique de ces mots, ni de la ligne musicale qui les soutient : il lui faut encore dramatiser la phonétique de l’affreux, suspendre puis faire exposer la double fricative, déchaîner le malheur dans l’épaisseur même des lettres; nul ne peut ignorer qu’il s’agit d’affres particulièrement terribles. Malheureusement, ce pléonasme d’intentions étouffe et le mot et la musique, et principalement leur jonction, qui est l’objet même de l’art vocal. Il en est de la musique comme des autres arts, y compris la littérature : la forme la plus haute de l’expression artistique est du côté de la littérature, c’est-à-dire en définitive d’une certaine algèbre : il faut que toute forme tende à l’abstraction, ce qui, on le sait, n’est nullement contraire à la sensualité.

Das hilft mir auf die Sprünge und gibt Gelegenheit, ein etwas anderes Umfeld wahrzunehmen, außerhalb des gewohnten der Musik und der Ästhetik, nämlich hier [ http://www.revoice.fr/Pages/RolandBarthesetlavoix.aspx ]

Ich erinnere mich übrigens an eine Aufnahme der „Jahreszeiten“ von Haydn (Neville Marriner 1980) mit Dietrich Fischer-Dieskau, wo dieser ebenfalls (vor Ausbruch des Gewitters, Simon: „O seht! Es steigt in der schwülen Luft am hohen Saume des Gebirgs von Dampf und Dunst ein fahler Nebel auf.“) versucht, dem Adjektiv des Nebels eine gespenstisch fahle Färbung zu geben, – lächerlich, ein „pléonasme d’intentions“, genau wie ihn Barthes beschreibt. In diesem Fall wohl eine der Manieriertheiten, die „Fi-Di“ im Laufe seiner Entwicklung eher mehr als weniger pflegte. (Unvergesslich die frühen Interpretationen, etwa der „Lieder eines fahrenden Gesellen“ unter Furtwängler.)

Weltwissen der Zoologen

Weißdorn – Rotdorn – Bienen – Buchfinken

Falls Sie die beiden Bücher von Peter Wohlleben gelesen haben und zu der Meinung neigen, dass sich ein neues Bild vom Wesen der Pflanzen und Tiere anbahnt, kann ich Ihnen die Lektüre des aktuellen Spiegels empfehlen. Da wird durchaus nichts ironisiert. Die SPIEGEL-Geschichte heißt:  Tiere sind auch Menschen. Der Förster Peter Wohlleben hat einen Bestseller über das Seelenleben von Hunden, Pferden, Hühnern geschrieben – und an Universitäten ist „Human Animal Studies“ das Trendfach. DER SPIEGEL 30/2016 (23.Juli Seite 110 bis 113). Am besten, Sie sehen sich einmal den kurzen Film, den der Spiegel darüberhinaus liefert. Fazit: „Glück hängt nicht von der Gehirngröße ab!“ (Wohlleben) FILM hier.

ZITAT

Es gab Zeiten, da hat man vom menschlichen Geist recht dürftig gedacht. Die Sonderstellung des Menschen ist nur dadurch gewahrt worden, daß die Vorstellungen vom Tier noch viel simpler waren. Heute ist uns dies durch die Entdeckungen der jüngsten Zeit ganz gründlich vergangen! Wir müssen sehr hoch von der tierischen Weltbeziehung denken, auch wenn wir unsere Aussagen über das Erleben dieser schwer zugänglichen tierischen Innerlichkeit mit größter Zurückhaltung machen.

Die Anregung zu neuem Denken über tierisches Innenleben stammen nicht etwa nur aus der Erforschung des Schimpansen oder anderer Tiere, die ihrer Organisation nach uns besonders entsprechen. Was unsere Auffassungen wandelt, sind gerade die Erfahrungen an Tieren, die unserer eigenen Organisation fernstehen, die gar nicht unmittelbar mit uns verwandt sind; die Psyche der Zugvögel, der Umgang der Bienen mit dem Himmelslicht und ähnliche Erscheinungen zeigen uns die tierische Weltbeziehung in einem neuen, fremden Licht und mahnen uns an das Geheimnis dieser im Keim bereits vor jeder Erfahrung erblich vorbereiteten Eingliederung in die Umgebung. Sie zeigen uns das Rätselhafte unseres eigenen Welterlebens in einem neuen Licht.

Das erste Buch (über die Bäume) von Peter Wohlleben erschien 2015 und das Exemplar, das ich mir vor ein paar Tagen zugelegt habe, stammt aus der 21. Auflage!!!! Ich weiß nicht, wieviel 1000 verkaufte Bücher das bedeutet, ich weiß auch nicht seit wann das Buch bis vor kurzem an der Spitze der Spiegelbestsellerliste stand, es wurde jetzt gerade auf den zweiten Platz verdrängt durch das neue Buch (über das geheimnisvolle Seelenleben der Tiere), ebenfalls von Peter Wohlleben. Nun haben Sie hoffentlich aufmerksam das Zitat gelesen, das ich eben eingerückt hatte. Jetzt will ich auch das Datum einblenden, das ich meist bei Anschaffung eines Buches unter meinen Namen setze:

JR Datum Bielefeld

Zugegeben: es war ein Taschenspielertrick von mir, mit dem ich den erfolgreichen und begnadet erzählenden Förster keineswegs unglaubwürdig machen wollte. Das neue Trendfach jedoch, das der Spiegel konstatiert, reflektiert eine Forschung, die schon seit über 50 Jahren im Trend liegt. Und ich habe mein Bild von den Tieren immer in diesem Trend gehalten: „Die Entdeckung des tierischen Bewusstseins“ von Marian Stamp Dawkins 1995, „Der Geist der Tiere“ – Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion herausgegeben von Dominik Perler und Markus Wild 2005. Und das Buch, aus dem ich oben zitiert habe, stammt von Adolf Portmann: „Neue Wege der Biologie“ Deutsche Buch-Gemeinschaft, München 1962.

Ich bitte um Entschuldigung.

***

Ein Gespräch der FAZ mit Marcel Beyer vom 15.05.2008, das ich aus Anlass der Verleihung des Büchner-Preises 2016 nachgelesen habe (Link von JMR), hat in meiner Erinnerung manches in Bewegung gebracht, dem ich nachgehen muss. Allein das Wort „Weltwissen“ in der Überschrift… Aber der Zusammenhang geht weiter: die frühen Jahre ab 1960, die Gespräche mit Freund Hans Mauritz, der damals bereits bei Hugo Friedrich in Freiburg studierte. Wahrscheinlich hat er mich auch auf Marcel Proust gebracht. Ebenso auf Ernst Robert Curtius.

Portmann Weltwissen Portmann Weltwissen Text

FAZ 2008 Marcel Beyer im Gespräch: Mich fasziniert das Weltwissen der Zoologen Die Frage ist: Was interessiert den Dichter an der Forschung?

ZITAT

Sie wollen im Ernst behaupten, dass Proust sich aus Bienenbüchern Ideen für seine Hauptfigur geholt hat?

Bienenbücher hat er auf jeden Fall gelesen, Proust war ja ein großer Fan von Maurice Maeterlinck und hat dessen „Leben der Bienen“ gekannt. Und auch sonst war er, was Bienen angeht, informiert. Aber ich will gar nicht auf das Wissen des Autors hinaus, sondern schauen, was für ein Konzept Proust von seiner Figur hat. Insbesondere in dieser berühmten Szene, in der sich der Erzähler vom Duft des Weißdorns betört, in denselben schmeißt. In jedem Gartenbuch wird darauf hingewiesen, dass der Weißdorn scheußlich riecht. Er duftet einfach nicht. Also habe ich mich gefragt: Ist das denn ein Mensch, der sich so verhält wie eine Biene, die sich vom Weißdorn angezogen fühlt? Mal sehen, was dabei herauskommt.

Quelle:  HIER FAZ 15.05.2008 Mich fasziniert das Weltwissen der Zoologen In Marcel Beyers Roman „Kaltenburg“ sind die Protagonisten Wissenschaftler: Zur Zeit arbeitet der Autor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Was interessiert den Dichter an der Forschung? Die Fragen stellten Jürgen Kaube und Julia Voss.

Es gibt in diesem Interview eine Stelle, die bei mir einige Zweifel an der zoologischen Kompetenz des Schriftstellers auslöst (und nicht nur an dieser), da sagt er:

Ich habe den Eindruck, dass für einen Zoologen ein ästhetischer Reiz etwas ganz anderes ist als für mich. Den Roman „Kaltenburg“ hat in der Schlussfassung ein berühmter schwedischer Ornithologe gelesen und sehr hilfreiche Korrekturen angebracht. Das waren zum einen sachliche Korrekturen, dann kam aber auch dieser Moment, da hieß es im Manuskript „der Buchfink singt wunderbar“. Da schreibt mir der Ornithologe an den Rand: „Der Buchfink singt nicht wunderbar, sondern scheußlich“.

Einerseits muss dies ein Ornithologe gewesen, der – salopp gesagt – nicht alle Tassen im Schrank hatte. Andererseits antwortete auf die Nachfrage des Interviewers, wie denn nun der Buchfink wirklich singe, der für das richtige Wort zuständige Mann: „Er knarrt“. Und das ist nun absolut danebengegriffen. Was auch immer der Buchfink an leicht unterschiedlichen Rufen von sich gibt, – typisch ist der „Schlag“ und der abschließende Kurztriller, der je nach Heimatregion des Vogels durchaus unterschiedlich ausfallen kann. Es gibt bekanntlich Dialekte beim Buchfinken. Aber es gibt weder in der Toscana noch im Engadin noch in Schweden Buchfinken, die knarren. Wenn Marcel Beyer gesagt hätte, der Gesang eines Rotkehlchens gleiche dem Quietschen einer Schranktür, könnte ich es nachvollziehen, obwohl ich es besser weiß (man muss dem Vogel nur näher sein). Aber ein singender Buchfink schlägt und zwar nicht scheußlich, sondern kraftvoll.

***

Was ist nun mit dem Weißdorn? Ich muss weiter ausholen. Da ist also zunächst Marcel Proust, meine Suche nach der verlorenen Stelle begann HIER und wurde fortgesetzt HIER. Und endlich begann ich in meinen Originalen zu suchen, das fing ja wohl damals mit dem Swann-Auszug an:

Proust Swann 1960 Proust Swann 1960 Walser

Erst später begann ich, mir die Einzelbände der Gesamtausgabe peux-à-peux anzuschaffen. Und darin, gleich in Band 1 auf Seite 184 f steht die Passage über Weißdorn und auf Seite 186 geht es um die Entdeckung der rosa Blüten. Nie habe ich den Vergleich vergessen, wenn Erdbeeren in Quark gedrückt werden (oder so ähnlich). Ich las mit vorsätzlicher Intensität: Denn von besonders „lesemoralischer“ Wirkung war übrigens in dem Sonderband „Eine Liebe von Swann“ die Beigabe gewesen, die auch im obigen Randtext hervorgehoben wird: Martin Walsers „Leseerfahrungen mit Marcel Proust“. Unvergesslich ist aber vor allem Proust-Essay von Curtius und darin vor allem das Kapitel mit der Überschrift „Kontemplation“. Die Erfüllung einer großen Hoffnung schien sich anzukündigen, die (Wieder-)Herstellung eines Urvertrauens.

*** An dieser Stelle wird der Proust-Text folgen, den ich andächtig abschreiben werde.

Für mich erhob sich summend darüber [über dem kleinen Pfad in die Felder] der Duft der Weißdornhecken. Diese Hecken bildeten in meinen Augen eine unaufhörliche Folge von Kapellen, die unter dem Schmuck der wie auf Altären dargebotenen Blüten verschwanden; unter ihnen zeichnete die Sonne auf den Boden ein lichtes Gitterwerk, so als fiele ihr Schein durch ein Kirchenfenster; ihr Duft strömte sich so voll und überquellend aus, wie ich ihn vom Altar der Muttergottes stehend verspürt hatte und die ebenso geschmückten Blüten trugen eine jede mit gleicher gedankenloser Miene ihr schimmerndes Strahlenbündel aus Staubgefäßen, feine glitzernde Rippen im spätgotischen Stil wie die, die in der Kirche das Gitter der Empore durchzogen oder die Kreuze der Buntglasfenster, die aber hier die weiße sinnliche Fülle von Erdbeerblüten hatten. Wieviel naiver und bäuerlicher wirkten im Vergleich dazu die Heckenrosen, die in wenigen Wochen im vollen Sonnenschein den gleichen ländlichen Weg erklimmen würden, mit der glatten Seide ihres rötlichen Mieders bekleidet, das der leiseste Hauch zerflattern machte.

Aber ich mochte mich noch so lange vor dem Weißdorn aufhalten, ihn riechen, in meinen Gedanken, die nichts damit anzufangen wußten, seinen unsichtbaren, unveränderlichen Duft mir vorstellen, ihn verlieren und wiederfinden, mich eins fühlen mit dem Rhythmus, in dem sich seine Blüten in jugendlicher Munterkeit und in Abständen, die so unerwartet waren wie gewisse musikalische Intervalle, hierhin und dorthin wendeten; sie entfalteten für mich auf unbestimmte Zeit hin den gleichen Reiz in unerschöpflicher Fülle, aber ohne daß ich tiefer in ihn einzudringen vermochte, so wie es gewisse Melodien gibt, die man hundertmal hintereinander spielt, ohne in der Entdeckung ihres Geheimnisses einen Fortschritt zu machen.

Die Krise des Vertrauens in ein biologisches „Weltwissen“ à la Proust oder Portmann kam in den 80er Jahren (siehe hier), bei mir persönlich, in der Öffentlichkeit jedoch meldet es sich heute wieder in Gestalt dieses überaus beredsamen Försters, der wohltuend den mystischen Aspekten, die seit Maeterlinck en vogue waren, aus dem Wege geht.

Termiten 1960 JR

Es begann damals mit dem Buch über die Termiten, dem bald auch das gelbe Buch über „die Seele der weißen Ameise“ folgt. Was ich damals natürlich noch nicht wusste (und auch nie von selbst merkte) war die Tatsache, dass Maeterlinck in großem Stil bei Marais abgeschrieben hat (siehe hier). Ich vermute, dass er es mit einer erfolgreicheren Philosophie ausgestattet hat. Und gerade diese hat mich fasziniert.

Maeterlinck Termiten Maeterlinck Termiten Fazit

Marais weiße Ameisen Maeterlinck Biene ganz

Über Maeterlinck siehe auch in der folgenden Sendung des Deutschlandfunks HIER.

Anmerkung zum Anthropomorphismus

Der „neue Trend“, den Tieren menschliche Gefühle zu unterstellen, ist vorwissenschaftlich und irreführend, kann vielleicht manchen Tieren nützen (wachsende Bereitschaft ihren Lebensraum zu schützen), hat aber auch für Tiere nachteilige Folgen, wenn der Mensch sie in ihren Bedürfnissen missversteht, diese Möglichkeit jedoch neuerdings wieder guten Gewissens ausschließt.

Der Storch, der im brandenburgischen Ort Glambeck alle Spiegelbilder auf Fensterscheiben und lackierten Flächen für Rivalen hält und entsprechend traktiert, ist ein anderes Beispiel. Er ist nicht eifersüchtig, sondern von der „Natur“ falsch programmiert. (Einerseits gibt es in der natürlichen Welt der Störche keine massiven Spiegel, andererseits könnte gerade dieser Storch an einer individuellen Fehlbildung leiden.)

Ich vermute aber, dass der Förster Wohlleben zur Aufklärung beiträgt. Wenn man sein Bäume-Buch gelesen hat, erscheint vielleicht sogar der Proustsche Weg der Einfühlung in die Pflanzenwelt als feinsinnige Illusion und bleibt ein Weg ins eigene Innere.

In halber Höhe eines nicht zu ermittelnden Baumes war ein unsichtbarer Vogel bemüht, sich den Tag zu verkürzen; mit einem lang angehaltenen Ton versuchte er die Einsamkeit auszuloten, aber er erhielt eine so klare Antwort, eine Art Resonanz aus nichts als Schweigen und tiefer Ruhe, daß es schien, als hielte er nun für immer den Augenblick fest, den er eben noch versucht hatte, schnell zum Enteilen zu bringen. 

Proust (Bd. 1, a.a.O. Seite 184) lauscht in die Natur wie später der intime Vogelkenner und Naturmystiker Olivier Messiaen, – anthropomorphisch. Nachzugehen wäre auch den Momenten, in denen er erwartet, dass die Naturphänomene sich öffnen, gewissermaßen „aufklappen“ wie die magischen Kirchtürme in der Ferne. (S.a. Martin Seel in seiner Ästhetik der Natur zum einsamen Vogelruf. )

Wohlleben beide Cover

Wieviel Hirn darfs denn sein?

Kurzfassung eines langen Artikels

Schnell stellte sie fest, dass nicht einmal Gewissheit bestand, aus wie vielen Neuronen das menschliche Gehirn überhaupt besteht. Dieses Unwissen schien ihr unerträglich. Sie beschloss die Hirnzellen auszuzählen.

Das Ergebnis bestätigte ihren Verdacht, dass der Mensch Rekordhalter bei der Neuronenzahl ist. In seinem Großhirn sind 16 Milliarden Nervenzellen miteinander verdrahtet – rund dreimal so viele wie beim Elefanten. Nicht im bloßen Hirnvolumen, sondern in der Zahl der grauen Zellen schien also das Geheimnis menschlicher Intelligenz zu liegen. Dicht an dicht drängeln sie sich offenbar in seiner Großhirnrinde.

Wie aber schaffte es Homo sapiens – anders als seine tierischen Vettern -, die vielen Milliarden Neuronen in seinem Gehirn zu ernähren? Auch darauf hat Herculano-Houzel eine Antwort: das Kochen habe den entscheidenden Unterschied ausgemacht. Erst das Feuer habe die Menschwerdung ermöglicht.

Durch das Kochen steigerte der Urmensch den Kalorienertrag seiner Nahrung, er ersparte sich mühselige Kauarbeit und verringerte die Kosten der Verdauung.

Und so trat Homo sapiens die Herrschaft über den Planeten Erde an.

Quelle: DER SPIEGEL 29/2016 (Seite 121) Johann Große: Die Lehren der Hirnsuppe / Evolution / Eine brasilianische Neurobiologin hat die Nervenzellen von Mensch, Affe und Elefant gezählt – und glaubt, so das Erfolgsrezept des Homo sapiens gefunden zu haben.

Mir scheint die Sache mit dem Kochen und dem Ersparen mühseliger Kauarbeit allzu einfach. Ich habe schon des öfteren über drastische Veränderungen in der Lebensweise der Menschen gelesen (Sesshaftwerdung, Ackerbau etc.), auch über den Gebrauch des Feuers etc., konsultiere jedoch zunächst den bewährten Richard Dawkins, der sich ausführlich und mit der Evolution des Gehirns (und mit dessen Volumen im Verhältnis zum Körper) beschäftigt, merkwürdigerweise aber nur ein paar Seiten dem Feuer (bei den „Ergasten“, Vorfahren des Homo sapiens) widmet. Ihm ist die Differenzierung der Software des Gehirns offenbar wichtiger als deren Energieversorgung.

Nachtrag 1. September 2016

Heute können wir endlich die Frage klären, ob jeder Vollrausch tatsächlich 10.000 Hirnzellen abtötet. Aber im Moment … kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern, wo ich die Auflösung gelesen habe. Jedenfalls stammt meine Verunsicherung (mal wieder) vom Anfang der 60er Jahre, als ich meiner Freundin die Wohltaten der Weines verbal zu vermitteln suchte.

Scherz beiseite: Christoph Drösser hat dazu in seiner Rubrik „Stimmt’s?“ in der ZEIT eine schöne Rechnung präsentiert:

Abgesehen davon, dass unser Gehirn sehr üppig mit Nervenzellen ausgestattet ist (geht man von 100 Milliarden Hirnzellen aus, würde das rein rechnerisch für zehn Millionen Räusche reichen): Diese Warnung, die wohl aus der Zeit der Prohibition in den USA stammt, ist völlig aus der Luft gegriffen.

Danke, das genügt. Selbst wenn es nur 16 Milliarden wären, wie oben erwähnt, gäbe es keinen Anlass zur akuten Beunruhigung. Drösser zählt die Symptome auf, die uns allen bekannt sind, – betreffend Gleichgewichtssinn, sprachliche Artikulation und Erinnerungslücken -, und bemerkt:

Aber all diese Symptome weisen nicht auf den Tod von Gehirnzellen hin, sondern auf eine gestörte Kommunikation zwischen ihnen. Tatsächlich mindert Alkohol die Signalübertragung in den Dendriten, den „Kabeln“ unseres Denkapparats – aber nicht auf Dauer. Ist der Kater überwunden, ist auch das Gehirn wieder einsatzfähig.

Quelle DIE ZEIT 1. September 2016 Seite 32 „Stimmt’s?“ von Christoph Drösser.

Sinnstiftung?

Ein scheinbar hochtrabendes Wort 

Die Essenz eines Artikels zeigt sich selten in der Überschrift. (Auch nicht im Blog: da folgt sie oft genug einer kurzfristigen Laune und dem Anreiz, einen Anreiz zu bieten.) Im heutigen Fall hätte ich auch schreiben können: „Das Projekt moderner Wissenschaft“ oder „Die generationenübergreifende Wahrheitssuche“ – aber wer weiß, ob ich dabei selbst die Motivation behalten hätte, die im Fall des ZEIT-Artikels im Namen des Autors lag, der mir als Philosoph positiv in Erinnerung ist: Michael Hampe. Die Überschrift jedenfalls (Warum lügen und betrügen Wissenschaftler?) hat mir lediglich signalisiert: Genau, so ist es doch überall, sie sind alle bestochen. Und selbst der Untertitel hat mich nicht angestachelt: „Wie kann man der moralischen Entkernung der westlichen Demokratien entkommen? Ein Plädoyer wider die enthemmte Konkurrenz der Einzelkämpfer.“ Ich glaube, solche gutgemeinten Appelle führen zu nichts, – so meine vorläufige Reaktion, bis ich auf die Zeilen stieß, die ich mehrfach lesen musste. Durchaus mit einer leicht erklärlichen Skepsis, – wenn dabei urplötzlich ein religiöser Hintergrund zum Vorschein kommt:

Sofern akademische  Ausbildungs- und Anreizsysteme vor allem Personen fördern und anstellen, die auf ihren persönlichen Erfolgt in der Konkurrenz blicken, unterminieren sie selbst das Projekt moderner Wissenschaft: die generationenübergreifende Wahrheitssuche, für die nur Personen geeignet sind, die ihr eigenes Erkenntnisleben für das gemeinschaftliche Erkenntnisinteresse opfern können, etwa indem sie feststellen, dass alles, was sie bisher für wissenschaftlich richtig hielten, sich als falsch herausgestellt hat. Die Fähigkeit, das einzugestehen, ist […] überhaupt das wesentliche Kriterium für einen Wissenschaftler. Die Fähigkeit zur Einsicht und vor allem zur öffentlichen Darstellung der Fehlerhaftigkeit des eigenen Erkennens dürfte jedoch kaum den Erfolg in kurzfristigen Konkurrenzen um Posten und Fördermittel begünstigen.

(…)

Wie alle kollektiven Projekte, die in einer Gemeinschaft verfolgt werden und die über einen Zeitraum laufen, der die Lebensspanne des Einzelnen übertrifft, geben sie dem endlichen einzelnen Leben einen es selbst überschreitenden Horizont: Wer sich an diesen Projekten beteiligt, hat an etwas Anteil, was in Bedeutung und Dauer die eigene Existenz übertrifft. Aufgeklärte Wahheitssuche und soziale Demokratie übernehmen deshalb Funktionen der Erlösungsreligionen: Sie gaben auf eine säkulare Weise einzelnem Leben einen überindividuellen Bezugsrahmen, der die Endlichkeit der partikularen Existenz auf tröstliche Weise relativierte. So wie in Erlösungsreligionen das einzelne Leben Teil der von Gott gestifteten Ewigkeitsperspektive war und in ihr aufgehoben war, sind in der aufgeklärten Wahrheitssuche einzelne Forschende im kollektiven Prozess der Erkenntnis „aufgehoben“, leisten zu ihm einen Beitrag, der eventuell erst lange nach dem endlichen Forscherleben Früchte tragen wird. In diesen Sinnhorizont eintreten zu können machte das Großartige eines Forscherlebens aus.

Zu schön, um wahr zu sein? Lesen Sie doch selbst den ganzen Artikel. Mich erinnerte die Gedankenführung an ein Buch, das ich nun suchen werde, um das Muster zu vergleichen.

Quelle DIE ZEIT 4.Mai 2016 Seite 44 Warum lügen und betrügen Wissenschaftler? Datenfälschungen haben den Ruf zahlreicher Universitäten beschädigt. Die Schummelei beschränkt sich aber nicht auf die Wissenschaft. Wie kann man der moralischen Entkernung der westlichen Demokratien entkommen? Ein Plädoyer wider die enthemmte Konkurrenz der Einzelkämpfer.  Von Michael Hampe.

Siehe auch: hier.

Lies das Gedicht, das mit der Zeile endet: „Was aber bleibet, stiften die Dichter“ – und immer – wie jetzt gerade – leicht verfälscht zitiert wird: korrekt hier.

Und wenn die Frage entsteht, wer eigentlich die Indier sind, die in der letzten Strophe genannt sind: wahrscheinlich sind die „West-Indier“ gemeint, bzw. die Schiffer von Bordeaux, die  auf der Garonne bis dahin kreuzen müssen, wo „meerbreit / Ausgehet der Strom“, welche also nun wieder lossegeln. (Nach Jochen Bertheau S. 117)

(Fortsetzung folgt)

Exkurs zum Sinn (mit & ohne Sinn)

Sinn Spirit aus HörZu-Radio aktuell (14-20 Mai)

Sinn Halm Sinn Becker

Des Philosophen ornamentale Rhetorik

Zur Genese vorkultureller Polemik

Man wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis Herfried Münklers Kritik an den beiden Philosophen Sloterdijk und Safranski eine Erwiderung bekommen würde (siehe auch hier). Verwundern konnte jetzt nur die Länge der Sloterdijk-Suada, die vielleicht nur darin ihren Grund hat, dass die Überschrift bereits inhaltlich erschöpfend wiedergibt, was im Gedächtnis haften bleibt: „Primitive Reflexe / In der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdiger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass“.

Das Stichwort Beißwut signalisiert bereits, dass eine feine Unterfütterung möglich wird, Prisen substantiellen biologischen Sandes im Getriebe der philosophisch umgeleiteten Reflexe. Vielleicht auch nur große Metaphern, die man diesem Philosophen mit Vorliebe um die Ohren haut: Beißwut und Reflex gleich „Hund, Pawlowscher“…

Man gewinnt den Eindruck, dass es dem Autor in seinem Artikel quälend lang um die Demonstration des eigenen Niveaus geht, wobei er jedoch auf einige Gags zweifelhaften Geschmacks nicht verzichten mag:

ZITAT

Man darf davon überzeugt sein, Pawlow hätte die Entwicklung der deutschen Debatten mit größtem Interesse betrachtet. Er würde sich in seiner reflexologischen Grundansicht bestätigt fühlen, sofern es tatsächlich oft nichts anderes als Auslöser-Zeichen sind, die bei Teilnehmern an aktuellen Diskussionen den Speichel fließen lassen, sollte es auch bereits digitaler Speichel sein. Bei manchen semantischen Stimuli wie „Grenze“, „Zuwanderung“ oder „Integration“ ist die Futtererwartung des erfolgreich dressierten Kulturteilnehmers so fest fixiert, dass der Saft sofort einschießt. Solange auf Foren genässt wird, darf man vermuten, die Absonderungen blieben harmlos. Pawlows Hund hat nie jemanden gebissen, selbst wenn man ihn mit leeren Signalen abspeiste.

Das geht durchaus in die Nähe historischer CSU-Entgleisungen, die seit Franzjosefs Zeiten vor animalischen Anspielungen nicht zurückschreckten. Der Hinweis, dass Münkler kein kleiner Kläffer ist, im Gegensatz zu einem gewissen Kölner Philosophen, steht noch bevor. Aber die hinrichtende Vokabel für böse Lesarten der von Ornamenten überbordenden Texte liegt schon bereit: Nuancen-Mord.

ZITAT

Man hat zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass in einer alphabetisierten Zivilisation das Lügen eine Variante entwickelt: das absichtliche schlechte Lesen, das heißt die praktische Ausübung des Nuancen-Mords. Es sind naturgemäß politisierte oder politologisierende Intellektuelle, die bei diesem Vergehen die Täterstatistik überproportional bevölkern. Sie fallen dadurch auf, dass sie Ideen umzingeln wie Frauen in Silvesternächten.

Lese ich schlecht? Oder sogar recht und schlecht? Wer hat nun Ideen umzingelt und wer die Frauen in der Silvesternacht? Ist der Mann bei Troste? Wenn er endlich im letzten Viertel seines Textes auf dessen Anlass und Zweck zu sprechen kommt, tut er so, als sei das nur ein beiläufiges Impromptu:

ZITAT

Ein kurzes Wort will ich anfügen zu der Polemik von Herfried Münkler gegen Safranskis und meine Äußerungen über deregulierte Migrationen und übers Ufer getretene Flüchtlings-“Ströme“. Der Fall hat eine aparte Seite, da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist. Münkler jedoch hat sich als Autor von Statur erwiesen. Umso erstaunlicher bleibt seine Fehllektüre-Leistung, die er in einem Artikel dieser Zeitung vor wenigen Wochen zum Besten gegeben hat.

Immerhin: anders als bei Precht sieht er hier nur eine Fehllektüre-Leistung und keinen Nuancen-Mord.

Das alles ist unbegrenzt ausbaufähig, jedes Detail kann paraphrasiert werden. Bis endlich die Stretta der letzten Sätze eine natürliche Coda ergibt:

ZITAT

In der Zwischenzeit, denke ich, sollte Herr Münkler die Gelegenheit nutzen, seine okkasionellen Ungezogenheiten zu überdenken. Offenbar stammen seine polemischen Thesen (er war erregt genug, meine und Safranskis Sorgen-Thesen als unbedarftes „Dahergerede“ zu bezeichnen) doch auch zum Teil aus der Sphäre der vorkulturellen Reflexe, nicht zuletzt aus dem Revierverhalten und dem Streben nach Deutungshoheit. Sind unsere Sorgen nicht zu real, als dass sie auf die Ebene von Gezänk zwischen Krisen-Interpreten gezogen werden dürften? Es kann nicht wahr sein, dass ausgerechnet unter Intellektuellen die unbedingten Reflexe gegenüber den bedingten die Oberhand gewinnen.

Bleibt nur noch eine Nacharbeit auf dem Felde der Kläffer-Komplexe: Was unterscheidet nochmal die bedingten von den unbedingten? Man schaue hier. Und was den Hund schlechthin angeht, hier!

Quelle der Zitate DIE ZEIT 3. März 2016 Seite 39-40 Primitive Reflexe In der deutschen Flüchtlingsdebatte erleben Rüdiger Safranski und ich Beißwut, Polemik und Abweichungshass. Eine Antwort an die Kritiker. Von Peter Sloterdijk.

Nachtrag 21. März 2016

Ich hätte mir denken können, dass es nicht bei der Entgegnung des Philosophen bleiben würde, und erst mit der neuerlichen Antwort des Politologen wird aus dem polemischen Wortwechsel ein hochinteressanter Diskurs über strategisches Denken und gedankliche Ausweichmanöver. Stoff genug für ein methodisches Seminar. Ich würde viel darum geben, wenn sich auch Rüdiger Safranski dazu äußern würde.

DIE ZEIT 10. März 2016 Seite 42 Weiß er, was er will? Der Philosoph Peter Sloterdijk hat sich vorige Woche in der ZEIR gegen die Kritik von Herfried Münkler gewehrt und ihn einen „Kavaliers-Politologen“ der Kanzlerin genannt. Eine Antwort / Von Herfried Münkler.

…mehr als alle Schulweisheit?

Staunen über unklare Begriffe

Hätte ich doch vorgestern bloß keinen Engel ins Spiel gebracht. Heute kommt die neue ZEIT, und auch sie findet keinen passablen Ausweg: „Mit Engelszungen“ steht auf der Titelseite und parallel dazu ein rationaler getönter Artikel mit dem Titel „Endloses Staunen“. Ulrich Greiner meint: „Die Weihnachtsgeschichte hat märchenhafte Züge, doch ihre Wahrheit hängt nicht an der Wahrscheinlichkeit“. Schrecklich. Dabei auch manchmal richtig. Hier ist der Übergang:

Die Verheissung, dass Geschichten auf bestürzende Weise unser Verständnis der Welt (und damit auch die Welt) verändern können, ist nicht auf die Bibel beschränkt. Sie ist eine fortwährende Quelle der Literatur. Das Projekt der „Romantisierung“ bedeutete für Novalis, dem „Gemeinen einen hohen Sinn und dem Bekannten die Würde des Unbekannten“ zu geben. Auch Rilke glaubte, die künstlerische Bewältigung selbst des Schrecklichen lasse einen „großen, positiven Überschuss“ zurück: „als ein Dasein-Aussagendes, Sein-Wollendes: als einen Engel“.

Da ist er wieder: der Bote aus einer anderen Welt. Niemand wird beweisen können, dass es Engel gibt; aber auch nicht, dass es sie nicht gibt. Als ihm der Geist erscheint, sagt Hamlet zu Horatio: „Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt.“

Auch davon erzählt die Weihnachtsgeschichte.

Quelle DIE ZEIT 23. Dezember 2015 Mit Engelszungen Die Weihnachtsgeschichte hat märchenhafte Züge, doch ihre Wahrheit hängt nicht an der Wahscheinlichkeit. Von Ulrich Greiner.

Nein, unerträglich, noch einmal dieses Shakespeare-Zitat, nur diesmal zu Weihnachten! Es passt auch zu Ostern und erst recht zu Pfingsten. Nein, nirgendwo passt es außer an Ort und Stelle, im Drama, – wo es aber auch nicht etwa dem Aberglauben eine Bresche schlagen soll. Schon das deutsche Wort „Schulweisheit“ tendiert in die falsche Richtung, „philosophy“ steht bei Shakespeare, und nicht dieser spricht, sondern Hamlet, eine Dramenfigur, nicht der offizielle Vertreter einer alternativen Philosophie. Und gerade Hamlet ist „kein Garant für die Existenz von Paraphänomenen, sondern im Gegenteil das Urbild des skeptischen Wissenschaftlers.“(Lambeck). Nicht umsonst macht er die Vermutung, der Geist habe ihn getäuscht, falsifizierbar und kommunizierbar, indem er einen Test veranlasst. Ich folge hier dem Kapitel „Das Hamlet-Argument“ in Martin Lambecks Buch „Irrt die Physik / Über alternative Medizin und Esoterik“ Verlag C.H.Beck München 2003/2005 Seite 116 f.

Es geht letztlich weder um Hamlet noch um Shakespeare, es geht um den Geltungsbereich wissenschaftlicher und philosophischer Logik, kurz auch „Denken“ genannt. Inakzeptabel ist schon die Suggestion des bereits zitierten Satzes: „Niemand wird beweisen können, dass es Engel gibt; aber auch nicht, dass es sie nicht gibt.“

Man lese den Blog-Eintrag von Josef Honerkamp, der ebenfalls von dem Hamlet-Zitat ausgeht, – um über Denkfehler zu reflektieren: Hier.

***

Aber auch das Staunen kann nicht als Freibrief für Mystizismus gelten. Zuweilen dient es nur dazu, die Ruhigstellung des Denkens zu beschönigen. Ich denke weniger, also bin ich. Klingt doch sehr gut. Je nachdem, was man unter Denken versteht. Wiederverzauberung um jeden Preis: Und deshalb rückt man „Spukhafte Fernwirkung“, „Geisterteilchen“  und die „Oberfläche des Pluto“ in den Mittelpunkt, man kann drauf schwören: Als spukhafte Fernwirkung ist die Suggestion zu erwarten, dass das profane Denken auch im Nahbereich wenig Sinn hat, wir mögen also auf die Zauberwirkung weiterer Forschung warten. Es erinnert mich an die „Wendezeit“ von Fritjof Capra: den Fußweg des Schritt-für Schritt-Denkens zu überspringen und sich lieber mit Hilfe der Teilchen-Physik ins Zentrum des Universums zu beamen. Dort warten lauter erleuchtende Geheimnisse… So auch hier in dem anderen Seite-1-Artikel der aktuell-weihnachtlichen ZEIT:

ZITAT

„Man wird nicht sagen dürfen, dass die Physik die Geheimnisse der Natur wegerkläre“, schrieb der Philosophie-affine Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, „sondern dass sie sie auf tieferliegende Geheimnisse zurückführe.“ So gesehen ist das gesamte Diesseits ein unerschöpflicher Quell des Staunens. Es genügt schon die Hand auszustrecken.

Und damit ist der Autor zum Anfang seines Artikels zurückgekehrt:

In jedem Moment rasen durch diese Hand unsichtbare Teilchen, die aus dem Herzen der Sonne stammen. Neutrinos heißen sie und sind nicht nur unsichtbar, sondern passieren praktisch ungehindert den Körper. Unvorstellbar? Besser! Die Erkenntnis aus acht Jahrzehnten Teilchenphysik.

Die Neutrinos sind ein Beispiel dafür, wie viel Erstaunliches jeder vermeintlich profane Augenblick birgt – sobald wir ihn mit kindlichem Gemüt betrachten, mit Neugier statt routiniertem Desinteresse.

… und so weiter, und so weiter, so ähnlich hat es meine Oma mir auch erklärt,  „steht aber doch immer schief darum, denn …“ nun? nun? … bloß kein Goethe an dieser Stelle! So wenig wie Shakespeare. Ich weiß, das Staunen steht hoch im Kurs, zuweilen auch irreführend „Ungläubiges Staunen“ genannt. Und dabei lasse ichs bewenden.

Quelle der eingerückten Zitate DIE ZEIT 23. Dezember 2015 Endloses Staunen Geisterteilchen, spukhafte Verschränkung, neue Cousins: Kaum zu glauben, was Forscher 2015 herausfanden. Von Stefan Schmitt.

Haben die Tiere auch Weihnachten?

Man könnte meinen, sie stimmen uns soviel menschlicher als die ärmsten Menschen, und verlocken uns zu weihnachtlich-weichen Zugeständnissen, die wir später dem Realismus zuliebe leicht ad acta legen können. Ochs und Esel gehören zu Stall und Krippe, und nachher muss alles wieder sorgfältig verpackt werden, bis nächstes Jahr zur selben Zeit, alle Jahre wieder. Aber wieviel Zeit habe ich schon in der Kindheit vertan, mit diesen Phantasien der großen Versöhnung, der ewigen Freundschaft zwischen Mensch und Tier, obwohl ich im Grunde mehr von der Wildheit fasziniert war, von der Möglichkeit, dass die vorübergehend domestizierte Gewalt des Löwen oder des Wolfs jederzeit wieder hervorbrechen konnte, denn dies musste der eigentliche Grund für die Dauer-Begleitung durch den Engel, der ich gern gewesen wäre. Man traute dem Frieden nicht. Und deshalb musste ich soviel über das Bild nachdenken, das über dem Bett meiner Großeltern hing, mit der Bildunterschrift: „Friede“. Der Engel, der Palmzweig, das farbige Bild genügten nicht, das Wort musste drunterstehen, damit man die Botschaft glaubt. (Mein blasser Internet-Abzug versagt uns sowohl Farbe wie Wort. Ich gebe jedoch den Namen des Malers und den Link zur Recherche: William Strutt.)

William_Strutt_Peace_1896

Tiere ZEIT

Tiere Titelbild natur

Die Wissenschaft vom wahren Wesen des Tieres ist nicht neu. Das folgende Buch erschien vor 10 Jahren, das weiter unten abgebildete vor mehr als 20 Jahren.

Geist der Tiere 2005

Bewusstsein der Tiere 1994

Gestern noch (22.12.) hätte dieser Beitrag ernst ausgehen können, heute lag die Süddeutsche auf dem Tisch und stimmte mich um, wie so oft mit der Rubrik „Das Streiflicht“. Endlich weiß ich wieder, woher das Bildmotiv eines animalischen Weltfriedens kommt, nicht aus der Offenbarung, sondern aus dem Buch Jesaja.

Auch für die Geistlichen wird’s nun allmählich eng. Wer jetzt noch keine Weihnachtspredigt hat, wird wachen, lesen, lange Briefe… – nein, er wird hauptsächlich lesen, und zwar zweckmäßigerweise in der Heiligen Schrift, die auszudeuten sein Beruf ist. Wo stehen die ergiebigsten Stellen? Bei Jesaja, keine Frage, und wenn unser Mann dort ins elfte Kapitel hineinschaut, wird er auf die Vision stoßen, wonach eines gesegneten Tages die Wölfe bei den Lämmern wohnen und der Pardel [siehe Abbildung ganz oben: rechts, etwas zurück] bei den Böcken [nicht im Bild] liegt, nicht zu reden davon, dass dann die Löwen Stroh essen wie die Ochsen. Von der Sache mit den Löwen wird der Prediger die Finger lassen, erstens, weil er Zweifel daran hat, ob die Ochsen wirklich Stroh essen und ob man das den Löwen empfehlen soll, zweitens aber, weil von dem babylonischen König Nebukadnezar berichtet wird, dass er für seinen Hochmut dem Wahnsinn verfiel und eine Zeit lang Gras fraß wie die Ochsen. Bei solchen Sujets läuft die Predigt schnell aus dem Ruder.

Quelle Süddeutsche Zeitung Seite 1 „Das Streiflicht“ 22. Dezember 2015

Aber zufrieden bin ich dennoch nicht mit Jesaja 11 Vers 6 : Es ist also doch kein Engel, der den Palmzweig führt, sondern – meiner allzu kindlichen Identifikation allzu genau entsprechend – „ein kleiner Knabe“? Und das Stroh fehlt. Ebenso die klar benannten Bären. Und der Löwe ist nicht jung.

Jesaja Tiere

Ich schließe mit einer gewissen Enttäuschung und halte mich schadlos, indem ich – einem Prediger gleich – in den Büchern blättere, die nun einmal auf dem Tische liegen. Wenn nun aber die Bilder und Phantasien meiner Kindheit wieder Besitz von mir ergreifen? Ich werde sie bannen, auch wenn sie quasi archetypisch eingebrannt wurden: meine liebsten Bilder in den Grimmschen Märchen, die ich damals noch vorgelesen bekam, habe ich mit Bleistift nachgezeichnet und mit Hilfe von Kohlepapier durchgepaust auf ein weißes Blatt, wo ich sie wie ein Wunder betrachtete. Von meiner Hand gewirkte Wunder.

Friede (Detail) 20151222_161947   Reh & Kind schlafend

Bad Cannstatt zum Beispiel

Oder meinen Sie, Stuttgart sei eine tiefere Stadt?

ZITAT

Die Sehkraft des Homo sapiens beruht auf einem winzig kleinen Energiespektrum, nämlich 400 bis 700 Nanometer im elekromagnetischen Spektrum. Das übrige Spektrum, das das Universum durchdringt, reicht von Gammastrahlen mit einer Wellenlänge von wenigen Billionstes des für den Menschen sichtbaren Bereichs bis hin zu Radiowellen, die billionenmal länger sind. Tiere leben in ihren eigenen Ausschnitten aus dem Universum. Schmetterlinge zum Beispiel finden den Pollen und Nektar der Blumen über die Muster von UV-Licht, das die Blütenblätter reflektieren (unter 500 nm) – diese Muster und Farben können wir nicht sehen. Wo wir einfach eine gelbe oder rote Blüte wahrnehmen, schillert für die Insekten ein buntes Gewirr von hellen und dunklen Flecken und konzentrischen Kreisen. (E.O.Wilson S. 49)

Selbst wir beide können unsere Wahrnehmungen nicht vergleichen:

Stuttgart Hund 20151218

ZITAT

Auch was den Geruchssinn angeht, ist der Mensch einer der am schlechtesten gerüsteten Organismen der Erde – wir riechen so wenig, dass wir zur Beschreibung von Gerüchen auch nur über ein winziges Vokabular verfügen. Meist nutzen wir dafür lediglich Vergleiche wie „zitronig“, „säuerlich“ oder „übel riechend“. Für die meisten anderen Organismen dagegen, von Bakterien über Schlangen bis zum Wolf, sind geruchs- und Gescmackssinn überlebenswichtig. Wir verlassen uns auf abgerichtete Hunde, die uns durch die Welt des Geruchs führen, um einzelne Personen zu verfolgen oder minimale Spuren von Sprengstoff oder anderen gefährlichen Chemikalien aufzuspüren.

Ohne Messinstrumente ist unsere Spezies auch für andere Arten von Reizen ganz unempfänglich. (E.O.Wilson S. 50)

Quelle O.E. Wilson: Der Sinn des menschlichen Lebens / C.H.Beck München 2015

Stuttgart Park Arkaden 20151218

Stuttgart Bad 20151217

Stuttgart Sappho 20151218

Allerdings bin ich mit Messinstrumenten anderer Art ausgestattet, so dass diese mich – mein Alter verkennend – bei der  Wiederbegegnung mit einem Gedicht in der Straßenbahn alarmieren. Und vollends beim Anblick eines prominenten Namens in der König-Karl-Straße an himmlische Spezereien denken lassen. Der Naturwissenschaftler spricht von den komplexen Mechanismen des Belohnungssystems im Gehirn. Ich dagegen hänge Geschichten nach, die Peer Gynt erfunden haben könnte.

Stuttgart Klaiber 20151219 Klaibers Café

Peer Gynt Programm  Schauspielhaus Stuttgart

Peer Gynt Programmheft a    Peer Gynt Programmheft b

Peer Gynt Programmheft c   Peer Gynt Programmheft d

Ich bin nicht einverstanden mit der Kritik, die ich in Spiegel online lese, obwohl sie durchaus nachvollziehbar ist, – wie auch die Inszenierung und Herrichtung der Vorlage im Theater. Empfehlenswert die Besprechung in Nachtkritik, samt Durchsicht verschiedener Kritiken, Spiegel online inbegriffen.

„Ich ist ein anderer“ – sollte ich noch einmal rekapitulieren, was ich seinerseit zu diesem Thema geschrieben habe, nämlich hier? Muss ich mich korrigieren oder differenzierter fassen? Noch einmal bei Rimbaud beginnen: In einem Brief an Paul Demeny vom  15. Mai 1871, dem sogenannten zweiten Seherbrief, steht der vielzitierte Satz „Je est un autre.“ Auf den sich auch Bernd Isele bezieht, ohne ihn direkt zu thematisieren. – Vielleicht ein andermal…

Um hier stattdessen auf das Gedicht in der Straßenbahn zurückzukommen, – die lateinische Fassung kann ich (fast) auswendig – nein, genau genommen nur bis „eripit sensus mihi“, und der letzten Moral-Strophe habe ich mich ohnehin immer verweigert :

Ille mi par esse deo videtur,
ille, si fas est, superare divos,
qui sedens adversus identidem te
spectat et audit

dulce ridentem, misero quod omnis
eripit sensus mihi: nam simul te,
Lesbia, aspexi, nihil est super mi
vocis in ore,

lingua sed torpet, tenuis sub artus
flamma demanat, sonitu suopte
tintinant aures, gemina teguntur
lumina nocte.

Otium, Catulle, tibi molestum est,
otio exultas nimiumque gestis;
otium et reges prius et beatas
perdidit urbes.

Diese Fassung stammt von Catull, das Original ist griechisch, ein Gedicht von Sappho, ich kopiere es aus meinem Schulbuch:

Sappho a

Sappho b

Nebeneinandergestellt sieht man die beiden Gedichte hier. Ein Beispiel, wie die Wissenschaft sich mit „Sappho und Catull“ auseinandersetzt, ist hier nachzulesen, – eine Arbeit von Günther Jachmann.

Eine deutsche Übersetzung … findet man …. in der Straßenbahn (Foto s.o.) von Bad Cannstatt nach Stuttgart Charlottenplatz, von wo aus man in 5 Minuten zum Schauspielhaus gelangt.

Eine schöne Catull-Übersetzung im korrekten Rhythmus (der verantwortlich ist für befremdende Wortformen wie „genüber“ oder „starrt die Zunge“ – statt erstarrt) gibt Otto Weinrich im Textband der dtv Bibliothek (München 1974 ISBN 3-423-06028-X):

Wie ein Gott – so will mir der Mann erscheinen,
mehr als Gott – so dieses zu sagen statthaft –
der genüber sitzend nur immerfort dich
anblickt und hört dein

süßes Lachen! Wahrlich um alle Sinne
bringt dies mich Unseligen. Wenn mein Blick nur
dir begegnet, Lesbia, gleich verstummt, ach
Lesbia, meine

Stimme, starrt die Zunge, ergießt sich lohend
Feuer in die Glieder, im Ohre klingts und
dröhnts, die Augensterne umschattet doppelt
nächtliches Dunkel. –

Müßiggang, Catullus, erweckt dir Leiden,
Müßiggang verlockt dich zu frechem Schwärmen,
Müßiggang hat Könige einst gestürzt und
blühende Städte.

Auf ein zeitgenössisches Catull-Projekt sei an dieser Stelle hingewiesen, angesiedelt u.a. in Bad Cannstatt: HIER.

Die folgende Sappho-Übersetzung von Wilhelm Heinse entwende ich aus einem Link für Schüler und gelobe, bis an mein Lebensende ein gelehriger Schüler zu sein:

Gleich den Göttern scheint mir der Mann zu sein, der
deiner Schönheit Pracht gegenüber sitzt
und zu dem du hinbeugst den Nacken; der dein Geflüster
hört und das Lächeln voll Lustbegierde.
Ha, mir hat es das Herz in der Brust erschreckt!
Denn sobald ich dich nur erblickte, kam kein einziger
Laut mehr aus mir, gebrochen war die Zunge, ein feines
Feuer unterlief urplötzlich die Haut mir.
Vor den Augen wird es mir dunkel, mir braust’s in den Ohren,
kalte Schweiße rinnen herab auf einmal,
ganz ergreift ein Zittern mich; blasser bin ich
denn Heu, und als stürb‘ ich in kurzem, bleibt aus mir der Atem.
Alles muß gewagt sein -!

Vom Dilemma der Demokratie

Biologie oder Philosophie?

Es ist kein Zufall, dass das scheinbar natürliche menschliche Zusammenleben nur dank künstlichster Konstruktionen katastrophenfrei funktioniert. Wenn überhaupt … (die Grundgedanken lassen sich genauso in einer alten Solinger Hofschaft wie in einem Berliner Plattenbau, in einem Dorf auf Sri Lanka oder einer Metropole der Antike nachvollziehen. Ich denke zum Beispiel an die Gruppe der Häuser 6 bis 34 unmittelbar neben oder vor mir, die durch eine eigene Verwaltung zusammengefasst sind).

Ich erlaube mir, etwas weiter auszuholen: einmal bei unseren Vorfahren vor drei Millionen Jahren, dann bei Immanuel Kant im Jahre 1795. (Siehe auch hier). Beides beruht nicht auf meinen eigenen Recherchen, der eine Punkt auf dem neuen Buch des Evolutionsforschers E.O. Wilson, der andere auf dem großen ZEIT-Artikel von Thomas Assheuer (vor zwei Wochen). Mein Eigenanteil besteht nur darin, diese beiden Punkte gegen- oder miteinander abzuwägen. keinesfalls will ich behaupten, dass mir das Problem seit 60 Jahren sonnenklar ist. Es dämmert erst.

Huxley 1955  Kant Vom ewigen Frieden

ZITAT (2015)

Bis vor drei Millionen Jahren waren die Vorfahren des Homo sapiens überwiegend Pflanzenfresser; wahrscheinlich zogen sie in Gruppen von Ort zu Ort, wo sie Früchte, Wurzeln und andere pflanzliche Nahrung sammeln konnten. Ihre Gehirne waren unwesentlich größer als die des modernen Schimpansen. Erst vor einer halben Million Jahre unterhielten Gruppen der vormenschlichen Art Homo erectus Lagerstätten mit kontrolliertem Feuer – also einen „Nistplatz“ -, von denen aus sie auf Futtersuche auszogen und mit Nahrung zurückkamen, darunter ein erheblicher Fleischanteil. Ihr Gehirn war auf eine mittlere Größe zwischen dem des Schimpansen und dem des modernen Homo sapiens angewachsen. Begonnen hatte dieser Trend wohl ein oder zwei Millionen Jahre zuvor, als der frühe vormenschliche Vorfahre Homo habilis in seiner Ernährung mehr und mehr auf Fleisch setzte. Als sich dann Gruppen auf einer gemeinsamen Lagerstätte zusammenfanden und ein zusätzlicher Vorteil aus kooperativem Nestbau und gemeinsamer Jagd entstand, nahm die soziale Intelligenz zu, und zugleich wuchsen die Zentren für Gedächtnis und logisches Denken im präfrontalen Cortex an.

Wahrscheinlich kam es zu diesem Zeitpunkt in der Ära des Homo habilis zu einem Konflikt zwischen der Selektion auf individueller Ebene, bei der Individuen mit anderen Individuen derselben Gruppe konkurrieren, und der Selektion auf Gruppenebene, bei der verschiedene Gruppen miteinander konkurrieren. Die Gruppenselektion förderte Altruismus und Kooperation unter den Mitgliedern derselben Gruppe; es entwickelte sich ein in der gesamten Gruppe angeborenes Moralempfinden, ein Sinn für Gewissen und Ehre. Der Wettstreit zwischen diesen beiden Selektionskräften lässt sich in etwa so darstellen: Innerhalb der Gruppe gewinnen Egoisten gegen Altruisten, aber Gruppen von Altruisten gewinnen gegen Gruppen von Egoisten. Oder sehr stark vereinfacht: Die Individualselektion förderte die Sünde, die Gruppenselektion dagegen die Tugend.

Das führte schließlich zu dem ewigen Konflikt des Menschen, eine Folge aus der vorgeschichtlichen Multilevel-Selektion. Wir schwanken in wenig stabilen, sich ständig verändernden Positionen zwischen beiden Extremkräften, die uns erschaffen haben. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir uns einer davon ganz unterstellen und damit die Ideallösung für unseren politisch-sozialen Grabenkampf finden. Würden wir ganz den instinktiven Bedürfnissen nachgeben, die sich aus der Individualselektion ergeben, so hätte das die Auflösung der Gesellschaft zur Folge. Überlassen wir uns dagegen der Gruppenselektion, so würden wir zu engelsgleichen Robotern – einer Art übergroßer Ameisen.

Der ewige Konflikt ist keine Versuchung, mit der Gott die Menschheit auf die Probe stellt, und genauso wenig das Machwerk des Teufels. Es ist einfach nur eine Entwicklung, die sich so ergeben hat. Vielleicht war es nur mit diesem Konflikt möglich, dass sich im Universum Intelligenz auf der Höhe des menschlichen Verstands und spziale Gefüge überhaupt herausbilden konnten. Irgendwann werden wir einen weg finden, mit unserem angeborenen Konflikt zu leben, und vielleicht erfreuen wir uns sogar daran, weil wir ihn als Urquell unserer Kreativität erkennen.

Quelle E.O. Wilson: Der Sinn des menschlichen Lebens / Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke / Verlag C.H. Beck München 2015 / ISBN 978 3 406 681707 (Zitat Seite 31 ff)

Und nun – nach dem Naturwissenschaftler und (nicht zu vergessen:) Ameisenforscher Wilson – der Philosoph Immanuel Kant, in der Darstellung von Thomas Assheuer:

Kant war Aufkärer, aber kein Träumer. Schwärmer mochte er nicht. „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Torheit, Eitelkeit, Herrschsucht und Zerstörungslust gehörten zum Menschen dazu, dieser habe nun einmal einen „hang zum Bösen“, später sprach Kant gar vom „radikal Bösen“. Eine tiefe „Unvertragsamkeit“ präge den Menschen, eine „ungesellige Geselligkeit“.

Diese „ungesellige Geselligkeit“ bedeutete: Die Menschen können einander nicht leiden und mögen doch nicht voneinander lassen. Sie ziehen sich in die „Vereinzelung“ zurück – und spüren zugleich ein Ungenügen an ihr. Deshalb suchen sie Gesellschaft und geben sich eine gemeinsame Ordnung, genauer: eine Rechtsordnung, in der alle Mitglieder ihre schöpferischen Anlagen in Freiheit entfalten können. Die dialektische Pointe lautete also: Es ist die soziale „Unvertragsamkeit“, die die Menschen dazu bringt, sich eine republikanische Verfassung zu geben. Dabei sind die Bürger der Kantschen Republik zugleich Urheber wie auch Adressaten ihrer Gesetze, einen König von Gottes Gnaden brauchte es nun nicht mehr. Der König konnte gehen, die Bürger machten das jetzt selbst.

„Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür der anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit vereinigt werden kann.“

Das war Kants berühmte republikanische Verfassung, seine genial einfach demokratische Idee. 1795 schießt ihm dann dieser atemberaubende Gedanke durch den Kopf: Wenn sich die einzelnen Bürger durch den freine Gebrauch ihrer Vernunft eine rechtliche Ordnung geben können – warum soll das den „unvertragsamen“ Nationen untereinander nicht auch gelingen? Gewiss, noch befinden sich die Völker im wilden Naturzustand und führen Krieg gegeneinander, doch das dürfe nicht das letzte Wort der Geschichte sein.

Eines Tages, so prophezeit er in seiner Altersschrift unter dem ironisch gemeinten Titel Zum ewigen Frieden , würden die Völker ihres Leides überdrüssig, gäben „ihre wilde (gesetzlose) Freiheit auf“ und fänden weltweit zu einem „Föderalismus freier Staaten“ zusammen. Und wieder befördert der Antagonismus der Menschen den Frieden des Rechts: „Die Natur hat also die Unvertragsamkeit des Menschen, selbst der großen Gesellschaften und Staatskörper (…), wieder zu einem Mittel gebraucht, um in dem unvermeidlichen Antagonismus derselben einen Zustand der Ruhe und Sicherheit auszufinden (…): aus dem gesetzlosen Zustande der Wilden hinaus zu gehen, und in einen Völkerbund zu treten: wo jeder, auch der kleinste, Staat seine Sicherheit und Rechte (…) erwarten könnte.“

Quelle DIE ZEIT 3. Dezember 2015 Seite 49 f Was nun Herr Kant? Er war der Philosoph der Vernunft und des Friedens. Warum er gerade in Kriegszeiten aktuell ist. Von Thomas Assheuer.

(Fortsetzung folgt)

Hinzuzufügen wäre, dass heute offenbar in Paris der Durchbruch eines ersten weltweiten Konsenses – also unter Beteiligung aller Völker – gefeiert werden darf. Man kann es kaum glauben, aber es wäre ein historischer Tag. Nicht den Frieden betreffend, aber immerhin eine gemeinsame Zukunft: das Weltklima.

Nachtrag 15.12.2015

Und dem wiederum wäre heute z.B. hinzuzufügen, was ich soeben in der SZ las:

Eigenwillig erscheint, dass Schellnhuber gerade die wachstumsbegeisterte Angela Merkel von seiner ständigen Politikerschelte ausnimmt. Schließlich ist Deutschland von den Pro-Kopf-Emissionen her alles andere als ein Klimavorreiter. Und auch die angeblichen Emissionsreduktionen seit 1990 sind in Wahrheit Emissionsverlagerungen, weil unsere Konsumgüter eben zunehmend aus den Schwellenländern stammen. Trotz aller technischen Alternativen zu Kohle und Öl könnte darum außer Technik auch ein genügsamerer Lebensstil nötig sein.

Quelle Süddeutsche Zeitung 15.12.2015 Seite 15 Die Klima-Welt aus Forschersicht Hans Joachim Schellnhubers Buch zum Pakt von Paris. / Von Felix Ekardt

Falls Sie diesem letzten Link nachgegangen sind und Ihnen ein Wikipedia-Banner aufgedrängt wurde: auch dazu gibt es heute einen SZ-Artikel (Seite 20), dessen Überschrift schon einiges aussagt:

Wikipedia erzürnt die Basis Ein Banner auf der Webseite wirbt jährlich mit immer höheren Spendenzielen – dabei hat das Online-Lexikon keine Geldsorgen. Im Grundsatz geht es um die Frage, wie viel Geld eine Freiwilligen-Organisation einnehmen darf. Von Angela Gruber.