Archiv der Kategorie: Natur

Schumanns Streichquartett op.41 Nr.2

Für die Probe am 13. Oktober: Kennenlernen, wiederholtes Hören, Statements sammeln

Zum Variationensatz: das Thema ist angelehnt an die Idee des Albumblatts op. 124,13:

Schumann Albumblatt 124,13 Ein Screenshot aus „Petrucci“

Zur späten Opuszahl 124 Nr.13 (die Neufassung mit Variationen jedoch in Opus 41, Nr.2 ), – die Jahreszahl verrät es: das „Albumblatt“ entstand schon 1832, das Streichquartett 1842. Das neue Thema im 2. Satz des Streichquartetts hier zum Vergleich bei 6:16.

Übrigens: wie kommt es, dass dieser Aufnahme letzte Überzeugungskraft fehlt? Das Ensemble ist engagiert. Ist es also das Klangbild? Die Schärfe? Ich will nicht undankbar sein: alles ist präsent, und meine Sache ist es, zunächst das Werk zu studieren.

(Welche Aufnahmen gibt es zum Vergleich?) https://www.youtube.com/watch?v=Kivt5tNNI1M

Die Wissenschaft (Arnfried Edler) beschäftigt sich mit den Schumann-Quartetten vor allem im Vergleich zum späten Beethoven, mit Hinweis aber auch darauf, dass Schumann sich die Satztechnik des Quartettstils „durch intensive Haydn- und Mozart-Studien angeeignet“ habe. Und weiter:

Kennzeichnend für die Kopfsätze von Schumanns Quartetten ist bei umrißhafter Beibehaltung der Sonatenhauptsatzform die Bildung relativ fest gefügter formaler „Sektionen“, deren erste in allen drei Werken der im Sinne einer „dreiteiligen Liedform“ angelegte Hauptthemenkomplex in der Exposition darstellt. Die Unangemessenheit dieses Terminus der Formenlehre tritt gegenüber der Thematik jedoch in eklatanter Weise zutage, welche nämlich dem auf leichte Auffaßbarkeit gerichteten Korrespondenzprinzip des Liedes in vielfacher Hinsicht zuwiderläuft: Komplexionen des Rhythmus, insbesondere die für Schumann charakteristischen Synkopierungen durch Überbindungen über die Taktgrenzen hinweg sowie Schwerpunktverschiebungen, Aushöhlung des spannungsvollen Gleichgewichts von Vordersatz und Nachsatz entweder durch reine Wiederholung oder durch deren Gegenteil, die völlige Asymmetrie der korrelierenden Teile, stellen Elemente dar, die aus Schumanns zuletzt entstandenen reifen Klavierwerken stammen und nun auf den Quartettstil transformiert angewendet wurden, dessen Satztechnik sich Schumann durch intensive Haydn- und Mozart-Studien angeeignet hatte.

Quelle Arnfried Edler: Robert Schumann und seine Zeit / Laaber-Verlag 1982  (Seite 166)

Damit ist genügend Stoff vorgegeben, den Bau des ersten Satzes – nein, nur der Exposition bis 1:38, dann folgt die Wiederholung – über das bloße Spielen hinaus zu ergründen. Aber auch die kritische Prüfung, ob denn eine „Aushöhlung des spannungsvollen Gleichgewichts“ als positiver Effekt, der aus „reifen Klavierwerken“ stammt, gewertet werden kann. (Oder nur ungeschickt gekennzeichnet ist.) Ich werde die Sache in einem neuen Blog-Beitrag angehen.

***

Und 2 Stunden später kommt die Brahms-CD mit dem Artemis Quartet, sie ist dem Andenken Friedemann Weigles gewidmet. Wie oft habe ich mir in diesen Wochen das youtube-Video angesehen und konnte es nicht fassen. So wenig wie die herzzerreißende Lebendigkeit dieser neuen, vorläufig letzten CD. (Eine Musik, an der wir uns im Frühjahr 2014 abgearbeitet haben.)

Artemis Brahms

(Fortsetzung folgt )

Indien, Musik und Drogen 1969

Indische Sicht 

Neben den Teenagern gab es noch ein andere große Gruppe – bekannt als „Hippies“ – die zu meinen eifrigen Bewunderern wurden. Ich fand es sogar noch schwieriger, sie zu einem Verständnis und einer Wertschätzung unserer Musik aus dem richtigen Blickwinkel zu bringen. Der Grund dafür war, glaube ich, daß viele von ihnen verschiedene Arten halluzinogener Drogen nahmen und unsere Musik als Teil ihrer Drogenerfahrungen benutzten. Obwohl mich anfangs ihre Auffassung von indischer Musik als „psychedelischer“, geistiger und erotischer Erfahrung verletzte, merkte ich später, daß das nicht allein ihre Schuld war. Ich entdeckte, daß einige selbsternannte amerikanische „gurus“ in den letzten Jahren falsche Informationen über Indien verbreitet und gesagt hatten, fast alle bekannten Asketen, Denker und Künstler nähmen Drogen. Diese „gurus“ behaupteten sogar, man könne nicht richtig musizieren, meditieren und nicht einmal  das heilige Wort OM aussprechen, ohne unter dem Einfluß solcher Drogen zu stehen.

(…)

Indien wird nun überlaufen von ungewaschenen, rebellischen jungen Leuten; es ist wirklich traurig, die jungen Amerikanier und Europäer aus guten Familien zu sehen, die versuchen, auf diese Weise in Indien irgendeine Art von Spiritualität und Seelenfrieden zu finden. Sie merken nicht, daß sie nicht der echten indischen Religion, Philosophie und Denkungsart folgen, sondern sich wegen der Verbindungen mit Drogen und, in gewissem Maße, mit Sex, zu einigen der offen pervertierten und degenerierten Denkschulen hingezogen fühlen.

Bei einem meiner letzten Besuche in den Vereinigten Staaten kamen einige junge Männer zu mir, um Sitar zu lernen. Als ich sie zuerst sah, flößte mir ihr Aussehen Mitleid ein – sie waren blaß und anämisch und hatten glänzende, glasige Augen, ihre Hände hingen zitternd vor ihren schmutzigen Körpern, und sie zeigten eine seltsame, unnatürliche Nervosität. Als ich später merkte, daß einige recht begabt waren, wurde ich noch trauriger. Ich erfuhr dann, daß diese Jungen nicht nur gewohnheitsmäßig Marihuana rauchen, sondern auch LSD, Methedrin und Heroin nahmen. Ich versuchte verständnisvoll zu sein, und erklärte ihnen, sie müßten zuerst diese Gewohnheiten ablegen, bevor ich in Betracht ziehen könne, sie zu unterrichten. Doch sie antwortete mir mit den gleichen Worten, die ich inzwischen von Hunderten von anderen gehört habe – sie fühlten sich durch Drogen so viel „bewußter“, wären so viel geistvoller, und alles schiene viel schöner.

Quelle: Ravi Shankar – Meine Musik mein Leben Einleitung von Yehudi Menuhin  Nymphenburger Verlagshandlung München 1969 (Seite 185 f)

Westliche Sicht

Ich habe Ali Akbar Khan zum ersten Mal live spielen hören, als ich im Herbst 1969 als Erstsemester am Reed College in Portland, Oregon, anfing. Ich hatte seine Musik schon viel gehört und manchmal mit der Gitarre dazu gejamt, aber ich hatte noch keine Gelegenheit gehabt, ein Konzert zu erleben. Als guter Hippiejunge bereitete ich mich mit einer kräftigen Dosis Meskalin vor, meiner damaligen Droge der Wahl. Auf meinem Platz in der ersten Reihe war ich wie hypnotisiert von der Musik. Aber nach dem Konzert ging das Feuerwerk für mich erst richtig los. Die Leute liefen herum, redeten über den nächsten Tag, und ich saß ehrfürchtig da und fragte mich, warum alle aufgestanden waren. Die Musik spielte doch weiter!!! Der Raga, der Tala, alles lief weiter, und ich war der einzige, der das bemerkte. Die Gespräche um mich herum WAREN der Raga und das Trapsen der Füße WAR der Tala. Ich erlebte eine göttliche Darbietung der Musik der Sphären, des Liedes des Lebens! Wir haben natürlich alle transzendentale Drogenerlebnisse, aber wie viele davon dauern länger an als bis zum nächsten Sonnenaufgang? Diese Erfahrung ist jedenfalls immer noch bei mir. Ali Akbar Khan hatte mich auf die Ebene reinen Klanges gebracht, wo die Musik Gott berührt, wo die Musik Gott IST. Und damit hat er mein Leben in neue Bahnen gelenkt.

Quelle: Jais Blog – Ali Akbar Khans göttliche Musik – Notizen von Jai Uttal In: India Instruments  Rundbrief September / Oktober 2015 HIER (unter 5.) s.a. http://jaiuttal.com/

Ich erinnere mich, dass ich Anfang der 60er Jahre auch mit solchen Gedanken spielte, mir auf Biegen und Brechen neue Welten erschließen wollte, Aurobindo las und auch – mit Goethes „Faust“ als Schulerfahrung im Rücken – allen Ernstes magische Breviere anschaffte , die mir irgendwie beweiskräftig erschienen… irgendwie …. das ging vorbei, und als ich echter indischer Musik begegnete, konnte ich sie mit Esoterik nicht mehr verwechseln.

Wolff Indien  Magie Toxikologie  a Magie Toxikologie b

„Blutmond“

Vergangene Nacht viertel nach 4 Kurparkwiese Bad Cannstatt

Eos Mond 20150928 a

Copyright flickr.com/photos/eosmaiajohanna

 ***

Mehr davon bzw. darüber bei ZEIT online (im Vorfeld seit 25.9.) Achtung: die Bezeichnung „Blutmond“ stammt aus der Zeit des Aberglaubens und wird heute von der Bild-Zeitung favorisiert.

Dank an Eos!

Beethovens unsterblichste Geliebte …

… war natürlich die Musik.

Aber warum fragen wir weiter nach der Frau, die er mit Worten bedacht hat, wie keine andere, – oder nur eine andere. War es Josephine, war es Antonie?

Nun hat wieder einmal ein Berufener eine Entscheidung getroffen, die zugleich einer posthumen Scheidung gleichkommt: Josephine war’s, nicht Antonie. Aber die größte Musik hat der Meister doch dieser, und nicht der anderen gewidmet.

Der Artikel endet allerdings mit Worten, die alles relativieren:

Eine solche „Rekonstruktion“ der Ereignisse wirke zwar „plausibel“, doch balanciere das Ganze „auf der hauchdünnen Grenze zwischen Fakten und Fiktion“. Es zählt die Intuition: Nur Beethovens Musik kann das definitive, immer neu zu sprechende Schlusswort sein.

Eben: die Diabelli-Variationen und die Sonate op. 110, obwohl man – wie auch schon mal behauptet wurde – auf deren Kopfthema den Namen Josephine singen kann (s.u.), und die Sonate op. 111 (diese zumindest in der englischen Publikation) sind Antonie gewidmet, die Sonate op. 109 jedoch Antoniens Tochter Maximiliane. (Der Widmungsbrief ergibt eine Geschichte für sich.)

Ich beziehe mich auf den Wochenend-Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 19./20. September 2015, Seite 67 (Rätsel-Seite) :

Dem Geheimnis auf der Spur / „Mein theuerstes Wesen“ / Wer war Beethovens „Unsterbliche Geliebte“? Der mysteriöse Liebesbrief des Komponisten gibt bis heute Rätsel auf. Von Wolfgang Schreiber.

Im Text erfährt man, dass der Artikel sich auf den belgischen Musikwissenschaftler Jan Caeyers mit seiner „exzellenten Beethoven Biografie“ stützt („Der einsame Revolutionär“, 2012).

Während meine Überzeugung sich in erster Linie auf die uralte Biographie von Maynard Solomon stützt. Ich bin bereit umzuschwenken, wenn denn die Wahrscheinlichkeit für die andere Lösung (Josephine) soviel größer ist. Ich neige zwar dazu, mir sofort ein Buch zu kaufen, sofern es mir wirklich zu meinem Glück zu fehlen scheint, dieses jedoch nicht, selbst wenn wenn es von erlauchten Rezensenten propagiert wird:

Der Brief „An die unsterbliche Geliebte“

Und Carl Czerny, Schüler von Beethoven, wird als „lebende Jukebox“ tituliert, die im Hause des Fürsten Lichnowsky auf Opuszahl-Zuruf des Hausherrn das gewünschte Werk aus dem Interpretenärmel schüttelt. Oder wenn Beethoven als „Composer in residence“ des Theaters an der Wien bezeichnet wird, als seien die Arbeit an der Oper „Leonore“ und deren qualvolle Erweiterung zum späteren „Fidelio“ eine angelsächsische Frühgeburt der Salzburger Festspiele gewesen. Und wenn er erörtert, ob Antonie von Brentano als eine der „Unsterbliche Geliebte“Kandidatinnen in die engere Wahl komme, dann folgert Caeyers, die schöne, aber verheiratete Dame, deren Mann dauernd um sie war, habe wohl kaum mit Beethoven „ein Aufhupferl in der Damentoilette“ hinlegen können.

Wenn Caeyers aber gleichzeitig das Lebensdrama der jungen Witwe Josephine von Brunsvick entwirft, die, einst Klavierschülerin des sofort entflammten Meisters, sich zweimal unglücklich verehelichte, doch in einer gewissen Nacht in Karlsbad wohl mit Beethoven schlief, das daraus entstandene Kind aber ihrem Ex, mit dem sie gerade in Scheidungsverhandlungen stand, unterschob, dann wird der Biograph trotz aller illustrierten Bettvorlegerei zum nüchternen Aktenkundler, der den berühmten, nie abgeschickten Brief „An die unsterbliche Geliebte“ (es muss Josephine gewesen sein!) vom 3. Juli 1812 liest wie eine Anleitung zum überglücksschwänglichen rasenden Unglücklichsein. Und der voyeuristisch so glanzvoll wie dezent unterhaltene Leser nimmt es gerne hin, wenn dann dem lyrisch-poetisch punktierten Beginn der As-Dur Sonate op. 110 ein sehnsuchtsstammelndes „Joooo-se-phiii-ne“ rhythmisch unterlegt wird.

Quelle Frankfurter Allgemeine Zeitung 7.3.2012 Der Lebenslaufbursche Ludwigs des Großen / Die Beethoven-Biographie von Jan Caeyers lässt nichts aus, erklärt viel und hält sich raus: Vermessung eines epochalen Klangraums, gebaut von einem Ungewöhnlichen. Von Gerhard Stadelmaier. (Siehe hier).

Nein, das Buch kommt mir nicht ins Haus! Der Ton gefällt mir nicht! Ein Stammeln zu Beginn dieser Sonate??? Ich glaube, der Mann ist von allen „überglücksschwänglichen rasenden“ Geistern verlassen.

Ich empfehle die Lektüre des Kapitels aus der Solomon-Biographie von 1977/1979 ISBN 3-570-00054-0 und zwar Seite 186 bis 212, vor allem aber zum Gegenchecken der Fakten die durchaus kritisch sichtenden Wikipedia-Artikel:

Unsterbliche Geliebte,   Josephine Brunsvik,   Antonie Brentano

Zitatauswahl:

Gegen Josephine als Adressatin sprechen allerdings die fehlenden Nachweise zu einer Reise nach Prag und Karlsbad.

Zusammengenommen erscheint es äußerst fraglich, ob Josephine im Sommer 1812 Wien überhaupt verlassen hat. Ist das tatsächlich nicht der Fall, kommt sie als mögliche Adressatin des Briefs nicht in Frage.

Ursprünglich wollte Beethoven alle drei letzten Klaviersonaten (op. 109, 110 und 111) Antonie Brentano widmen.

Nachtrag 20.10.2015

Zitat aus einem Brief des Freundes B.S., dessen Meinung ich sehr schätze:

Noch eine kurze Anmerkung, wenn Du erlaubst: Die Beethoven-Biografie von Jan Caeyers habe ich mit großem Gewinn gelesen (und kleine Teile daraus auch in meinem Musik-Buch „verwertet“). Ja, der Ton, den Du anhand Deiner Zitate schiltst, ist wirklich komisch, wobei ich denke, daß das eher einer unzulänglich-flapsigen Übersetzung geschuldet sein dürfte, denn Cayers argumentiert ja größtenteils sehr ernsthaft, das sieht ihm sonst eigentlich nicht ähnlich. Und ich bin auch kein Experte der Geschichte(n) um den Brief an die „unsterbliche Geliebte“ – aber das, was im Untertitel steht, also „der einsame Revolutionär“, führt Cayers sehr gut aus, und darauf kam es mir an. Er erklärt detailliert die Napoleon-Begeisterung (und auch die für die französische Revolution, also gegen das Wiener Herrschaftssystem), aber auch, wie Beethoven sich aus Gründen davon abwendet. Und er beschreibt gleichzeitig die eigentlich fast unaushaltbare Einsamkeit Beethovens, die vielleicht aber doch auch Movens seines Werkes war (zumindest „unter anderem“). Also, ich habe das gesucht in dem Buch, was ich dort auch gefunden habe, und würde Deinem Verdikt „kommt nicht ins Haus“ deutlich widersprechen!

(Also: bei Gelegenheit – um der Gerechtigkeit willen – doch dieses Buch von Cayers inspizieren. Allerdings erscheint mir gerade das Thema Revolution & Napoleon erschöpfend beschrieben in dem Buch von Martin Geck und Peter Schleuning: „Geschrieben auf Bonaparte“ Beethovens „Eroica“: Revolution, Reaktion, Rezeption. Rowohlt 1989. Ja, lieber Freund: der stärkste Akzent auf Prometheus, das würde auch zu Dir passen!)

Wie spießig ist Streichquartett?

Ich gebe zu: ein oberflächlicher Blick über den vorigen Blogeintrag weckt bei vielen (nicht nur jungen) Leuten allein wegen dieser youtube-Ansichten peinliche Aversionen, – das bürgerliche Ensemble mit 4 Streichinstrumenten ist sowas von retro!

Natürlich ein dummes Vorurteil: sobald man sich in die Musik versenkt, – sagen wir: beginnend mit Beethoven op. 59, erst viel später Mozart und Haydn dazu – spürt man: es ist so gigantisch, so himmelstürmend, so diesseitig und so jenseitig, man gehört einem Geheimbund an, der in die nächsten und fernsten Dinge dieser Welt eingeweiht ist und stufenweise zur Erleuchtung führt. Ich übertreibe nur wenig. Man kann natürlich auch mit seiner Spießer-Natur haushalten und in der restlichen Zeit Buchsbäume schneiden oder todesmutig versuchen, dem Zünsler mit Calypso-Gift den Garaus zu machen.

Ich will der Sache mal nachgehen, die ich schon in den 80er Jahren hörte: die Platte des Kronos-Quartetts war die meistverkaufte Kammermusik aller Zeiten, so hieß es vollmundig. Aber das Wort „Kammermusik“ klingt ja schon spießig genug, etwa so wie „Mittagsschlaf“ oder „Abendspaziergang“.

Aber davon später, erstmal ein Beispiel (ich habe wenig Zeit, weil ich mein Zweite-Geigenstimme Schumann für die morgige Probe verinnerlichen will), und zwar etwas ganz anderes:

Ich habe mich auch gefragt: was ist aus dem Quartett geworden, das damals am 4.12.2011 in Bloomington so überzeugend Schumanns op. 41 Nr. 1 gespielt hat, vielleicht in einem Examens-Konzert der Hochschule, und bin dem 1. Geiger Timothy Kantor nachgegangen: ich habe ihn als 2. Geiger in „The Afiara Quartet“ wiedergefunden. Hier in action:

Stichworte und Links zu weiteren ungewöhnlichen Quartett-Assoziationen, ansetzend beim Blick auf den ersten Youtube-Link oben:

Das Kronos-Quartet und – „Purple Haze“, was einfach der Titel des Stücks von Jimmy Hendrix ist, mir aber zugleich das „Turtle Island String Quartet“ in Erinnerung ruft. Ich habe die CD (1998) mehrfach in WDR-Sendungen eingesetzt:

Turtle Island Cover Turtle Island Quartet & HIER

Ich sehe da unter den Mitgliedern Benjamin von Gutzeit … erinnere mich an einen kurzen Briefwechsel mit seinem Vater Anfang der 90er Jahre über „alternatives Violinspiel“,  und entdecke einen interessanten Bericht über den Werdegang des Sohnes in der nmz online (14.2.2013): Unterwegs im Neuland: Benjamin von Gutzeit, Bratscher im Turtle Island String Quartet, im Gespräch von Theo Geißler – HIER.

Da ich in Solingen lebe und mich immer wieder über die großartige Entwicklung des hiesigen Orchesters „Bergische Symphoniker“ unter Peter Kuhn wundere (zugleich ärgere über die Ignoranz des hiesigen lokalpolitischen Journalismus und einiger Klein-Politiker im benachbarten Remscheid), berichte ich gern von dem ausgezeichneten Konzertmeister Mihalj Kekenj. Er führt ein interessantes musikalisches Doppelleben: als Solist hat er mit dem Orchester z.B. hervorragend das D-Dur-Konzert von Mozart und Tschaikowsky-Violinkonzert gespielt, – wofür ich meine Hand ins Feuer lege -, ansonsten wirkt er in seiner Freizeit als Hiphop-Musiker in der Düsseldorfer Szene und hat keine Scheu, beide Sphären zu verbinden, ohne sich dabei auf billige Mixturen einzulassen:

Für mich ist das gar nicht gegensätzlich. Ich spiele Geige seit ich sechs bin und entdeckte Hip-Hop für mich, da war ich zwölf. Beides ist zusammen in mir gewachsen. Das ist völlig natürlich für mich. (…)

Für mich fühlt sich die kammermusikalische Besetzung sogar noch richtiger an als ein großes Orchester. Das ist ganz reduziert auf das, was klassische Instrumente und Soulgesang hervorbringen.Bei meinen Projekten ist klar geworden, dass Soulsänger oder Rapper ganz natürlich mit einem klassischen Ensemble spielen können. Das ist kein Widerspruch.

Aus einem Interview mit der DW am 20.10.2013, aufzufinden HIER

(Fortsetzung folgt)

Was macht diesen Streichquartett-Satz schwierig?

Schumann: op. 41 Nr. 1 Adagio

Wer diesen Satz nur hört, nie selbst gespielt hat, wird es kaum erraten. Selbst ein Pianist, der natürlich Noten lesen kann, könnte in die Partitur schauen und ihre Tücken nicht erfassen. Und ich spreche von den äußerlichen Tücken der Ausführung, nicht vom Gehalt. Man höre die folgende Aufnahme (wenn man sich ganz ins youtube-Fenster begibt und dort auf „Mehr Anzeigen“ klickt, kann man sofort auf das Adagio 14:12 springen):

In einer anderen Aufnahme – mit dem Amaryllis-Quartett – kann man zum Vergleich bei 14:31  beginnen.

Man erfasst das Problem leichter, wenn man den Anfang und einen späteren Ausschnitt im Notentext sieht:

Schumann Adagio Schumann Adagio b

Wenn man das Stück noch nicht kennt und unmittelbar mit dem Vom-Blatt-Spielen beginnt, wird die zweite Geige nach dem ersten Ton unterbrechen und den Cellisten fragen: Was hast du für Notenwerte? Und der wird etwa sagen: Ich habe eine Synkope, der die 1 fehlt. Und dann kommen durchgehende Sechzehntel. Mein dritter Ton fällt auf Zählzeit 2.

Aber dann, wenn nach dem dritten Einleitungstakt das Thema in der ersten Geige kommt: das Zusammenspiel mit zweiter Geige und Cello dürfte kein Problem sein, aber die Bratsche stiftet Verwirrung. Wie sitzt ihr Rhythmus? So wie im Beispiel unten unter a), aber – allzuleicht hört man (oder nur einer der anderen drei Spieler) eine falsche Betonung, nämlich wie in b), richtet sich danach und verunsichert alle anderen: sie spielen nicht mehr haarscharf synchron.

Schumann Adagio rhythm irreführend

Bei der Wiederkehr des Themas im Cello (siehe Notenbeispiel weiter oben) spielt die erste Geige ein Pizzicato (s.a. hier in Reihe 2), das rhythmisch genau der Bratschenbegleitung am Anfang (hier Reihe 1 Bsp. a) ) entspricht. Dank des leicht percussiven Pizzicato-Effekts neigt man aufs neue dazu, es so zu hören wie in Reihe 1 b); erschwerend wirken die Synkopen der zweiten Geige. Es ist wichtig, in diesem Takt genau die Sechzehntel weiterzudenken, die im Takt vorher von der Bratsche gespielt werden. Achtung: hier steht zwar diminuendo., aber nicht ritardando.

Ein neuer Versuch, die Verzahnung der Stimmen am Klavier einzuprägen; rot gekennzeichnet sind die „Löcher“: dort gibt es keinen regulären Impuls auf der 3. Zählzeit. Und man muss wissen, dass das nächste Sechzehntel in der Mittelstimme (Viola) eben nicht die 4. Zählzeit markiert, sondern ihr vorangeht. (Das ist natürlich kein Problem, wenn man der Bratsche ohnehin die ganze Zeit zuhört, – was ihr ja auch guttut.)

Schumann Adagio Auszug

Wenn dies alles „sitzt“, könnte man beginnen wahrzunehmen, was der musikalische Sinn des scheinbar labilen rhythmischen Gefüges ist: die Zählzeiten verschwinden zu lassen… losgelöst, schwerelos dahinzuschweben, – dahinzuschwimmen ohne zu schwimmen. Es  l e b t  – ohne sich zu scheuen, an manchen Stellen innezuhalten, so dass die vier Stimmen Zeit haben, das Material hin und her zu wenden, es intensiv zu bedenken. Welches Material? Den Dreiklang aufwärts und abwärts, und die überall zeichenhaft sich windende Schlangenlinie.

Der Klang der Kreide

Über Geräusche des täglichen Lebens (Vergangenheit)

Schulsituation / Finde ich auch das Geräusch des Griffels? / Die Sammlung WWS

Zunächst zum Griffel: zum Nebeneffekt – beim Schreiben mit dem Griffel auf die kleine Schultafel entstanden die Quietschgeräusche, die man zu den unangenehmsten zählt. Warum? Ich bin nicht sicher, ob es die letzte Auskunft der Wissenschaft ist, über die Dieter E. Zimmer 1987 in der ZEIT berichtet hat, – sie hat jedenfalls einiges für sich:

Die Forscher nahmen sich im Interesse der Wissenschaft zusammen und erzeugten dieses Geräusch mutwillig. Sie ließen eine dreizinkige Metallforke über eine Steinplatte ratschen. Dieses Geräusch schickten sie dann durch ihre elektronischen Apparate. Ihre Vermutung war die, daß das Unangenehme an ihm sein Anteil an hohen Frequenzen darstellt – ist es nicht seine Schrillheit, die uns so nervt? So filterten sie einzelne Frequenzen heraus, Das Geräusch blieb unangenehm auch dann, wenn ihm seine schrillen hohen Frequenzen genommen waren. Einzelne Frequenzen waren anscheinend für seine Schauderhaftigkeit überhaupt nicht verantwortlich. Deren Geheimnis wollte sich im Akustiklabor nicht preisgeben. Da begannen sie in der Natur zu suchen. Und siehe da, dort fand sich ein spektographisch ähnliches Geräusch: der Warnruf japanischer Affen.

Quelle (zum Weiterlesen): „Das gräßliche Geräusch“ in: DIE ZEIT 16. Januar 1987 (HIER)

Bevor ich zum Thema (Anlass des Blogeintrags) komme, rekapituliere ich kurz meine persönlichen Rahmenbedingungen. Es fing an mit den faszinierenden Anregungen, die von Kevin Volans ausgingen; er war es, der immer wieder beteuerte, dass man zu seinen Aufnahmen aus Südafrika, insbesondere Lesotho) immer den Klanghintergrund der Natur und des Alltags mitdenken müsse. Ich war ein willfähriges Opfer, da mich seit je nicht nur Vogelgesang, sondern jeder tierische Laut, das belebte Rauschen, die Geräusche der Bäume und der Meeresbrandung, der Bauernhöfe und der Bäche in den Bergen bewegte. Oder mehr: mit Erinnerungen aus der Kindheit verschmolz (Ostsee Strandbad Eldena, Lohe bei Bad Oeynhausen, Langeoog, Misburg „Am alten Saupark“). Die Dörfer, aber die Städte ebenso: Beirut 1969, Jabukovac in Ostserbien 1979,  Ftan im Unterengadin seit 1982, Dublin 1983, Tenganan auf Bali 1995 usw., unvergessliche Klangbilder. Schluss!

Um 1980 gab das Buch von Murray Schafer (s.u.) eine äußere Grundlage der „Gefühle“, viele andere Stationen – vermittelt durch die Natur-Aufnahmen von Walter Tilgner, die enzyklopädischen Soundscape-Anverwandlungen von Hans Ulrich Werner (HUW), die CDs und das Kaluli-Buch von Steven Feld – bis hin zu SOUND DES JAHRHUNDERTS (Gerhard Paul / Ralph Schock) 2013, ein mächtiger Band, dessen erste Präsentation in meinem verlorenen Blog steckt. Hier eine Reprise:

Murray Sc hafer The Tuning 1977   Sound des Jahrhunderts Cover neu  2013                       s.a. Besprechung hier (samt Intervention eines meiner Anreger).

Sound des Jahrhunderts Inhalt 1a Sound des Jahrhunderts Inhalt 2a

Und nun dies: es gibt – in der Nachfolge von Murray Schafer und seinem „World Soundscape Project“ – eine große europäische Initiative der Sammlung von Klängen aller Art, Klänge, die sich wandeln und die für immer verloren gehen können. Einzelklänge ebenso wie Klanglandschaften („Soundscapes“). Das Projekt heißt WWS – Work With Sounds.

Ich würde vermuten, dass es sich um ein ein „never ending project“ handelt, aber es sind Daten vorgegeben, die darauf schließen lassen, dass Ende dieses Monats ein Großteil der Arbeit geschehen ist, oder durch eine Erneuerung der Initiative vorangetrieben werden muss:

What does WWS do?

WWS is recording the endangered or disappearing sounds of industrial society – including sounds people try/tried to protect themselves from. During 1st September 2013 and 31st September 2015 we will record at least 600 sounds in their original settings. Every sound will also be documented: What and where is it? And how did we record it?

WWS will be creating a soundscape of industrial Europe.

Zudem sind diese Geräusche oft durch die entsprechenden Filmaufnahmen ergänzt, und all dies ist per Internet verfügbar und unterliegt ähnlichen (also wenig restriktiven) Copyright-Bedingungen wie Wikipedia (Wikimedia, Wiki Commons). Siehe hier. Beispielseite als Screenshot:

WWS Screenshot 2015-09-13 07.04.09

Ein guter Kampf?

Heldengedenken

Rhodt Weltkrieg gr Rhodt Weltkrieg Detail kl Rhodt /Pfalz (Foto JR)

War es ein guter Kampf?

Die Gemeinde hat das Denkmal „IHREN IM WELTKRIEG GEFALLENEN SÖHNEN“ gewidmet. Es gab erst einen, vermutlich entstand es also nach dem Ersten Weltkrieg, die Tafeln rechts dagegen listen die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs auf: 1941, 1942, 1943, 1944, 1945.

„Ich habe einen guten Kampf gekämpft“ – versteht man es so, wie es bei Horaz gemeint ist: Dulce et decorum est pro patria mori – Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben?

Möglicherweise gewinnen die Worte einen anderen Klang, wenn sie nicht den gefallenen Soldaten in den Mund gelegt werden, sondern als ein Zitat aus anderer Quelle zu verstehen sind? In der Tat: sie stammen aus der Bibel, aus dem 2. Brief des Paulus an Timotheus, Kapitel 4, Vers 7:

Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; hinfort ist mir beigelegt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir der HERR an jenem Tage, der gerechte Richter, geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen,   die seine Erscheinung liebhaben.

Um was für einen guten Kampf handelt es sich? Er galt der Verbreitung des Christentums – soweit ich weiß – ohne Gewalt, damals noch, man sehe hier. Ist es nicht Blasphemie, ein ähnlich gutes Gewissen nach diesen Weltkriegen zu bezeugen, in Stein gemeißelt? Es ist wie Falschmünzerei, wenn man dabei wirklich auf den biblischen Anklang des Satzes gebaut hat.

Damals entstand ein berühmtes englisches Gedicht mit dem Titel Dulce et Decorum est, es trug den Titel in böser Ironie, genau so, wie man auch diese Denkmalinschrift absichtlich missverstehen möchte: vgl. also HIER.

Der Dichter Wilfred Owen „fiel fast auf die Stunde genau eine Woche vor dem Waffenstillstand südlich von Ors am Canal de la Sambre à l’Oise während der Zweiten Schlacht an der Sambre. Er wurde für seine Tapferkeit und die Führung des Einsatzes posthum mit dem Military Cross ausgezeichnet. Als die Nachricht von seinem Tod seine Heimat erreichte, läuteten die Kirchenglocken der Stadt gerade den Friedensschluss aus.“

Quelle Wikipedia Wilfred Owen.

Und wo in den Vogesen gewesen?

In Bremendell, Obersteinbach, von dort in die Pfalz nach St. Martin und Rhodt, am Ende in den Dom zu Worms, 5.-7. September 

Worms Dom Fenster150906  Worms Dom Fenster 15-09-07

Worms Dom 15-09-07

Worms Dom Miniatur 15-09-07

Blatt mit Tropfen 15-09-07

Obersteinbach Chez Anton 15-09-06

Bremendell Idyll 15-09-05

Bremendell Felsen 15-0905

Pfalz Rhodt 150907

Pfalz St Martin Herbstlaub

Pfalz St Martin 15-09-06

Pfalz St Martin Hotel 15-09-06

(Fotos: E. Reichow)

Also: wo gewesen? Im südlichen Pfälzerwald und in den nördlichen Vogesen, in der Nähe von Ludwigswinkel (deutsch) oder Obersteinbach (französisch), traditionsreiches Hotel „Chez Anthon“ (4. Bild von oben), darunter Wohnwagen auf „La Bremendell“, nicht weit davon der „Luchsfelsen“. Anlass: Familienfest (Teile aus Solingen, Bonn, Mainz, Wiesbaden, Stuttgart). Weiter unten: Rhodt bei Regen in der Pfalz, ganz unten St. Martin, Hotel St. Martiner Castell.

Nachthelle

Letzte Nacht in Aufderhöhe a Vergangene Nacht in Aufderhöhe

Wetter Gegenwärtiger Sonnentag

Schubert-Rekapitulation:

Die Nacht ist heiter und ist rein,
Im allerhellsten Glanz:
Die Häuser schaun verwundert drein,
Stehn übersilbert ganz.

In mir ist’s hell so wunderbar,
So voll und übervoll,
Und innen waltet’s frei und klar,
Ganz ohne Leid und Groll.

Ich fass‘ in meinem Herzenshaus
Nicht all‘ das reiche Licht:
Es will hinaus, es muß hinaus, –
Die letzte Schranke bricht!

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Unsere Freundschaft begann mit Schubert: ich hatte die von Hans Winking produzierten Aufnahmen der Schillerlieder mit Prégardien und Staier („Schöne Welt, wo bist du?“) in einer Radiosendung hervorgehoben, das war wohl 1994, und er rief mich spontan an. Er war ein guter Kollege, ein aufmerksamer, kritischer und einfallsreicher Gesprächspartner. Jetzt ist er am 18. August 67jährig überraschend gestorben. Er hatte Energie für weitere 20 Jahre.

Winking 15.3.2013 Im Bürgermeisterhaus Essen-Werden März 2013

Unser letzter Kontakt: er hatte in meinem Blog gelesen, dass ich plante, die Bayreuther Tristan-Übertragung live am Computer zu hören. Per Mail kam am 7. August seine launige Warnung:

Tristan?

… im Fernsehen. Und dann noch dirigiert von diesem Herrn Thielemann und zu allem Überfluss auch noch inszeniert von dieser Katharina W. Nee, nee, nix für mich. Das Stück ist viel zu gut, um so verramscht zu werden. Vielleicht kann man es auch garnicht inszenieren. Ich für meinen Teil, mein lieber Jan, sitze zwar z.Zt. noch in Essen-Werden, werde mich aber heute am Abend in einem Wiener Beisl mit einer schönen Frau befinden…

Herzliche Grüße, bis bald mal? Bin am Dienstag wieder hier.

Hans

Leider hat es kein Wiedersehen gegeben. Nur die Trauerfeier am 26. August in Essen-Werden.

Warum diese Musik? Siehe hier. (Hans Winkings Moderation in „Mein Lieblingsstück“.) Leider nicht mehr abrufbar…