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Eine glückliche Zeit? (4)

Fortsetzung nach dem Musiktitel mit Rabih Abou-Khalil 9’20“ (Moderation der Sendung “Musik zum Kennenlernen” 24.3.1993).

NAYLA hieß diese Komposition von Rabih Abou-Khalil, der selbst die arabische Laute ‚Ud spielte. Außerdem hörten Sie: SONNY FORTUNE, Alt-Saxophon; Glen Moore, Bass, sowie Glen Velez und Ramesh Shotam, Percussion.

Notizbuch gestrichener Abschnitt

Meine Damen und Herren: Hörer und Hörerinnen dieses Programms – WDR 3 – sind kluge Köpfe, das ist bekannt. Man sagt ihnen aber auch nach, daß sie am liebsten das hören, was sie schon kennen. Es wäre verständlich, weil solches Verhalten Sicherheit vermittelt. Die guten alten Werte! Bach – Beethoven – Brahms! Aber was ist das für eine Sicherheit, die die gegenwärtige, reale Situation ausklammert? Unsere Unsicherheit ist eine ganz andere als die des 19. Jahrhunderts, – und sie ist nicht durch alte Lösungen und Versprechungen zu beheben, – wenn auch wir deren Reiz weiterhin nachzuvollziehen vermögen.

5) CARUS „Strom der Zeit“ 12 / 1’52“

„Der Strom der Zeit“, Friedrich Silcher, gesungen vom Carus-Quintett. Es ist merkwürdig, daß die musikalische Sprache des 19. Jahrhunderts unseren Herzen immer noch am nächsten zu stehen scheint, obwohl die alten Worte des Trostes nicht mehr recht funktionieren, noch weniger die alten optimistischen Ideologien vom Fortschritt der Menschheit. Aber es gibt ein bemerkenswertes Indiz: wir genießen, ja, wir ertragen diese Musik nur noch, wenn sie perfekt dargeboten wird. Bedenken Sie einmal, wie das Beethoven-Violinkonzert geklungen haben mag, als es der Geigen-Virtuose Franz Klement am 23. Dezember 1806 aus einer handgeschriebenen Stimme vom Blatt gespielt hat. Der entscheidende Faktor in einem solchen Konzert war die Phantasie des Zuhörers: er dichtete mit an der Geschichte, die ihm da vorgeführt wurde. So wie Sie freundlicherweise bis zu einem gewissen Grade meine Versprecher ignorieren und den Inhalt wichtiger nehmen.

Schuberts Lieder für Männerquartett haben sicher in seinem Freundeskreis, solistisch für bestimmte Gelegenheiten eingeübt, ihre Wirkung getan. Und erst unter der Pflege durch gewaltige Männerchöre wurden sie rettungslos plattgedrückt. Heute bietet nur noch eine perfekte kammermusikalische Interpretation die Chance, diese Lieder wiederzuentdecken als das, was sie sind, als Kostbarkeiten vom Rang der Sololieder. Das Carus-Quartett aus Stuttgart hat sich dieser Aufgabe angenommen und zeigt neben Schubert auch andere „Chor“-Komponisten in einem neuen Licht. Demnächst – am kommenden Samstag in der Nachtmusik im WDR, live auf WDR 3 von 22-23 Uhr. Konzert im Kölner Funkhaus, Eintrittskarten gratis an der Konzertkasse des WDR, heute nur noch bis 17.30 Uhr und morgen früh wieder ab 11 Uhr bis 13.00 Uhr, nachmittags von 16 – 17.30 Uhr. „Wehmut“, Text von Heinrich Hüttenbrenner, Musik von Franz Schubert.

(6) „Wehmut“ Romantic Vocal Tr.4  4’53“

Das Carus-Quintett, am kommenden Samstagabend 22 Uhr, Nachtmusik im WDR, Funkhaus Köln. „Romantische Lieder a cappella“. Meine Bemerkungen über das 19. Jahrhundert und die „alten guten Werte“ zielten natürlich auf die gegenwärtige Situation, die solche Verse, wenn sie nicht von Schubert vertont wären, nur noch parodistisch verstehen könnte: „dass Auge grambetränet … schließet sich nicht zu.“ Oder „Der Strom, aus Felsen quillend, die Berge lieben nicht. Nur’s arme herz, das fühlend, so leicht vom Kummer bricht.“

Das Terem-Quartett aus St. Petersburg beschäftigt sich tatsächlich eher parodistisch mit der Tradition; es überspitzt zum Virtuosen hin, spielt mit den alten Elementen und macht eine unterhaltsame Show daraus. „St. Petersburger Nächte“ – am Samstag, den 3. April in der Nachtmusik im WDR, 22 Uhr. Hildburg Heider-Zan wird das Konzert moderieren, und sie stellt Ihnen das Quartett in dem folgenden Beitrag vor.

(7) TEREM-Quartett 16’20

Ein Beitrag von Hildburg Heider-Zan über das russische Terem-Quartett, das am 3. April in unserer Nachtmusik zu erleben ist.

Meine Damen und Herren, am kommenden Samstag setzen wir zu später Stunde im Musikatlas auf WDR 5 unsere Sendereihe „Zur Weltgeschichte der Volksmusik“ fort; es geht um die Geschichte der EPEN, also jene großen gesungenen Gedichte, in denen sich die Menschen seit grauer Vorzeit ihrer heroischen Ahnen und somit ihrer eigenen Identität versichern. Man wird sehen: HOMER ist nur einer unter vielen; und wenn man heute mit Erstaunen in der Zeitung liest, daß demnächst die Stadtmauer Trojas ausgegraben wird, um die Achill den Hektor geschleift hat, daß man soeben die Überreste der untergegangenen Legionen des Varus im Wesergebirge freigelegt hat, – es geht nichts verloren – – –  außer dem wichtigsten – der Musik ….  Und dennoch müßte unser Erstaunen noch viel größer sein, wenn wir erfassen, was uns alles auf diesem Gebiet erhalten geblieben ist – rund um den Globus. Oder … trägt diese globale Erweiterung des Gesichts- und Gehörfeldes nur zur verschärften Wahrnehmung der Krise des modernen Bewußtseins bei?

Es ist kein Zufall, daß die Märzausgabe der Neuen Zeitschrift für Musik ein Sonderheft zu der Frage „Weltsprache Musik?“ mit dem Beitrag eines Komponisten beginnt: Titel „Nähe und Ferne. Die zeitgenössische Musik und die große weite Welt“. Autor: Reinhard Febel. Es ist auch kein Zufall, daß eine der intelligentesten Einführungen in die zeitgenössische Musik, – ein unscheinbares Taschenbuch für 14.80 DM, Titel: „Happy New Ears. Das Abenteuer, Musik zu hören“. Autor: der Dirigent + Komponist Hans Zender, – daß dieses Buch immer wieder die Relation unserer Kultur zu den anderen Kulturen reflektiert.

Ich bringe bis kurz vor Schluß dieser Sendung Beispiele aus der „Weltgeschichte der Volksmusik“ Abteilung: EPEN und Zitate aus Hans Zenders Buch. Ganz zum Schluß möchte ich allerdings dem Carus-Quintett die Aufgabe abvertrauen, eine Brücke zum Radiokonzert zu bauen, das mit Gesängen des kühnen Gesualdo lockt, mit Motetten und geistlichen Konzerten von Monteverdi über Schein und Bach zu Brahms.

Zum Schluß:

a) Strom der Zeit (12) 1’32“

b) Nachtgesang Mendelssohn (14)  3’36“

Absage: Das war unsere Musik zum Kennenlernen, heute mit J.R. Zuletzt sang das Carus-Quintett, das am kommenden Samstag zu Gast ist in der „Nachtmusik im WDR“, Funkhaus Köln, Großer Sendesaal, 22 Uhr; Liveübertragung auf WDR 3.

Notizbuch Trailer Terem

Dazu stelle man sich eine besonders flinke Musik vor. (Die Veranstaltung war voll!) Wenn ich mich recht erinnere, war es aus dem Bereich Weltmusik die erste Gruppe , die von der Konzertagentur Berthold Seliger betreut wurde. (Es war auch der Beginn einer bis heute währenden Freundschaft…)

Und wie ging’s weiter? Die Planungen in der gleichen Zeit betrafen natürlich das ganze Jahr und aktuell eins der schönsten Konzerte, die ich in Erinnerung habe, am 4. Mai 1993:

Pandit Jasraj 1993

Eine glückliche Zeit? (3)

Prof. Dr. Robert Günther

Robert Günther April 1993

Diese nette Postkarte berührte mich auch durch das herbstliche Foto (Achim Bednarz) vom Eingang der Universität Köln. Irgendwo oben links waren die Fenster des Musikethnologischen Instituts, in dem sich vor 25 Jahren unsere Wege getrennt hatten. Bis dahin hatte für mich die Aussicht bestanden, sein Nachfolger als Assistent von Prof. Marius Schneider zu werden, stattdessen bot sich nun die Chance, beim WDR anzufangen. Und unsere mediale Zusammenarbeit (sowie die mit dem Japanischen Institut Köln in Gestalt des hervorragenden Günther-Schülers Heinz-Dieter Reese) begann.

Uni Köln

Günther Anzeige0003

Robert Günther (1929–2015) by Ric Trimillos ICTM
I am saddened to share news of the passing of Robert Gūnther, ethnomusicologist
emeritus at the University of Cologne, on he morning of 4 January 2015. He was assistant professor when I was a Fulbrighter at the University of Cologne in 1964-66, and we have maintained a close friendship ever since. I just visited him and his wife Ellen last 16 December (see photo). Robert lived a productive and constructive life that touched so many of us and did much for international understanding and for ethnomusicology, sometimes in ways not always recognized.
In 1997 he was visiting ethnomusicologist at the University of Hawai‘i and initiated the University of Cologne Gagaku Ensemble (Japanese court music) in collaboration with our UHM gagaku teacher, Masatoshi Shamoto, in 2000. He was a good friend and an unfailingly generous host. I will miss him greatly.

Quelle ICTM Bulletin 2015 Seite 5 *** Ricardo Trimillos

Die schönen Rilke-Zeilen der Todesanzeige seien hier wiederholt:

Nicht sind die Leiden erkannt,

nicht ist die Liebe gelernt,

und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.

Einzig das Lied überm Land

heiligt und feiert.

Eine glückliche Zeit? (2)

Fortsetzung nach dem Stück MIDARE (Moderation der Sendung „Musik zum Kennenlernen“ 24.3.1993).

Das klassische japanische Kotostück MIDARE, gespielt von MAKIKO GOTO. In demselben Konzert am 12. Februar im Japanischen Kulturinstitut Köln wirkte auch Junko Ueda mit, eine Meisterin der 5-saitigen laute Biwa und des alten epischen Gesangs. Davon gleich noch eine Kostprobe. Das Konzert, das wir in voller Länge im Musikatlas auf WDR 5 senden werden, fand aus Anlaß der Tagung des ICTM statt: dies ist das Kürzel für „International Council of Traditional Music“, eine Organisation, die der UNESCO angehört; ihre Aufgabe besteht darin, das Studium, die Praxis, die Dokumentation, die Bewahrung und Verbreitung von traditioneller Musik und Tanz aller Völker zu unterstützen. Die Tagung wurde ausgerichtet von der Abteilung Ethnomusikologie des Musikwissenschaftlichen Institutes der Universität zu Köln; die Kompetenz dieser Abteilung wurde schon durch das Textheft zum japanischen Konzert eindrucksvoll bestätigt. Da las man über den Ritualgesang SHOMYO des japanischen Buddhismus, der sichj aus indischen und chinesisch-koreanischen Ursprüngen zu einer eigenständigen Vokalmusik meditativen Charakters entwickelt hat: z.B. zu melismatischen Gesängen, „in denen einzelne Silben des Textes auf langgezogenen, melodischen Linien intoniert werden, die gleichsam mosaikartig aus einzelnen, genau profilierten (…) Melodieformeln zusammengesetzt sind. (…) Es ist Gesang im Sinne einer Lautwerdung des Atems, der Essenz des Lebens, und es läßt sich eine deutliche Korrelation zwischen der stilistischen Komplexität dieser Gesänge und ihrer Wirkkraft im religiös-meditativen Kontext der buddhistischen Liturgie feststellen.“ Hier ein melismatischer Opfergesang während des Ausstreuens stilisierter Blütenblätter aus Papier, – ein Reinigungsritus für den Liturgieplatz. Der Text, der im japanischen Original nur 10 Silben umfaßt, lautet auf deutsch:

„Ich hoffe darauf, am Ort der Erleuchtung zu sein, und will Buddha Weihrauch und Blumen darbringen.“

(3) SANGE (Nr. 1 a des Konzertes) 0’00 – 7’11“

„Gesang zu fallenden Blüten“, ein buddhistischer Ritualgesang aus Japan, vorgetragen von Junko Ueda. Die Künstlerin war auch beteiligt am Round-Table-Gespräch des folgenden Tages. Thema: „Ethnomusikologie in der Verantwortung: Ziele, Möglichkeiten und Grenzen von Verbreitung, Wirkung und Anwendung ethnomusikologischer Forschung.“

Ich kann die einzelnen Statements hier nicht wiedergeben, nicht einmal zusammenfassen, wenn ich nicht den Musikanteil dieser Sendung unangemessen kürzen will. Außergewöhnlich war immerhin, daß die Wissenschaftler nicht unter sich im elfenbeinernen diskutierten, sondern auch Museumsleiter, Pädagogen, Studenten, Verleger, Komponisten, Künstler und Medienvertreter hinzugezogen hatten. Unter ihnen auch der arabische Musiker Rabih Abou-Khalil, der durch seine Arbeit im Westen seit Jahren gezeigt hat, daß die Kulturen in ihrer gegenseitigen Reflexion durch ethnomusikologisches Schubladendenken nicht zu erfassen sind. Und das weiß natürlich auch die Ethnomusikologie, wie die Kölner Tagung gezeigt hat. Hören Sie Rabih Abou-Khalil.

(4) RABIH Abou-KHALIL Tr. 9 9’20“

ICTM-Runde 1993 1

Ein Teil der ICTM-Runde: ganz links Prof. Dr. Robert Günther als Leiter der Konferenz, in der Mitte Jan Reichow, ganz rechts Rabih Abou-Khalil. (Ist er’s wirklich? Ich habe ihn doch zum Kölner Bahnhof gefahren. Sah er damals aus wie ein Student? Nein, vgl. auch hier.)

ICTM-Runde 1993 2

Ich kann mich nicht an alle Namen erinnern: neben mir auf der linken Seite Prof. Helmut Schaffrath (der schon ein Jahr später, mit 51 Jahren verstarb), dann Rabih Abou-Khalil, dritter von rechts Prof. Artur Simon aus Berlin, daneben Junko Ueda und ein Übersetzer.

ICTM-Runde 1993 3

(Die Abschrift des Notizbuches wird später fortgesetzt, zunächst aber weiteres zum Thema Musikethnologie in Köln).

Eine glückliche Zeit? (1)

Aus dem Notizbuch März 1993 (anknüpfend an eine Idee des Blogbeitrags hier)

Die Arbeit der Abteilung Volksmusik des WDR wird mehr und mehr auch außerhalb des Sendegebietes beachtet. Im Frühjahr ’92 brachte die Zürcher Zeitung in ihrer Wochenendbeilage (?) einen halbseitigen Bericht unter dem Titel …. Die NZfM widmet ihr Märzheft ’93 vollständig der Frage „Weltsprache Musik?“ und kommt zu dem Fazit, daß die Leistungen anderer Kulturen in deutschen Medien skandalös ignoriert werden – außer im Sendegebiet von Berlin und Köln. „Ein Radiohörer in Bayern braucht ungefähr ein ganzes Jahr, will er soviel Musik fremder Kulturen hören, wie es einem Hörer in Berlin oder Köln an einem einzigen Tag möglich ist.“ Die Lage in Köln gilt als vorbildlich: „Der WDR ist der einzige deutsche Rundfunksender, in dem der Musik der Welt eine eigene Redaktion zugestanden wird – unter Umgehung der starren Trennung von U- und E-Musik, die dem deutschen Musikhörer ansonsten vorgeschrieben wird.“

In demselben Heft findet sich eine Besprechung der Tonträger-Serie „Edition World Network“ „aus der Schatzkammer des WDR“: „Inhaltlich dokumentieren die 14 CDs Jahre verantwortungsbewußter Produzententätigkeit im Ethnobereich, die nicht von kommerziellen Erwägungen geprägt sind, und so das Wesentliche festhält, das sich nun, im Nachhinein, auch noch als Kassenschlager erwiesen hat.“

In den Kultur-Notizen desselben Heftes findet sich unter dem Stichwort noch ein ausführlicher Hinweis auf die „erfolgreiche Sendereihe Zur Weltgeschichte der Volksmusik“ im Musikatlas des Westdeutschen Rundfunks. Ein guter Instinkt leitete die Abtlg. Öffentlichkkeitsarbeit; die Rückseite dieses Heftes, das durch die Hände der meisten Musikfreunde in Deutschland gehen wird, ziert eine schön gestaltete, ganzseitige Anzeige mit der Übersicht aller Sendezeiten: Folk – Volksmusik – Musik der Völker – im WDR.

Und dann steht auf der nächsten Seite in einem Kästchen das Wort MIDARE und ein kleiner Moderationstext:

Dies ist wohl das berühmteste Stück der alten Kunstmusik Japans… hier erklingt es im Japanischen Kulturinstitut aus Anlass der Tagung des ICTM; das ist die Abkürzung für „International Council for Traditional Music“ – mit diesem Wort hilft man sich gern, wenn man Volksmusik und Kunstmusik der alten Kulturen gleichermaßen umfassen will.

Wiederum die nächste beschriebene Seite zeigt den Entwurf eines Programmtips für die Matinee „Bluegrass … oder dergleichen … eins steht aber fest: PETER ROWAN kommt! Ins Museum Bochum und in WDR 1 Sonntag um 11 Matinee der Liedersänger.“

Nächste Seite: WDR Programmtip „Wollen Sie zu Ferienbeginn eine Gratisreise – in die gute alte Zeit? Nachtmusik im WDR: Romantische Lieder mit dem CARUS-Quintett. Samstagabend um 10: zuhaus live auf WDR3, real und gratis im Kölner Funkhaus. (Alternativ-Version: Heute abend um 10.)

Also: das Datum stand kurz bevor. Auf dem nächsten Blatt folgt der Text zu ABGEHÖRT – Neue Schallplatten 22.3.93 / Das war ein Montag. Ich könnte diesen Text also am Wochenende vorher geschrieben haben – zum Beispiel am besagten „Todestag“, dem 20. März 1993.

Und da fällt mir ein: an einem der nächsten Arbeitstage passierte es wohl, dass ich gestürzt bin, im Treppenhaus des Carltonhauses, das der Musikabteilung als Bürohaus diente; ich hatte mir bei Hans Engel aus der oberen Etage eine CD ausleihen wollen: bei der eiligen Rückkehr knickte ich auf der drittletzten Treppenstufe und stürzte hinunter. Das Band am Knöchel war angerissen, was ich aber noch nicht wusste, ich musste zur Sendung rüber ins Funkhaus, saß dort im Studio, während mein Fuß bedrohlich anschwoll. Zur Rückkehr musste jemand aus dem Büro kommen, um mich zu stützen. Am selben Tag wurde ich zur Ambulanz ins Krankenhaus geschafft. Ich weiß das so genau, weil ich am darauffolgenden Samstag zur Livesendung Nachtmusik mit dem Carus-Quintett auf Krücken erschien, die ich während der Moderation vor mein Pult legte.

Jetzt weiß ichs: gestürzt bin ich erst am 24. März, als ich wegen der Mittagssendung „Musik zum Kennenlernen“, die ich wahrscheinlich ebenfalls am Wochenende ins Heft geschrieben hatte, in Zeitdruck war, wahrscheinlich wegen einer CD mit Rabou Abou-Khalil, die ich beim Kollegen Hans Engel entleihen zu können hoffte.

Für mich ist all das so erinnerungsträchtig, dass ich die Sendungen jetzt abschreibe. (Damals las ich sie direkt aus meinem Notizbuch vor, ich verschmähte den Gebrauch der Schreibmaschine, und Computer gab es noch nicht.)

ABGEHÖRT – Neue Schallplatten 22.3.93

(14) (Central Java) 1’41“

Ich glaube nicht, daß Sie solche Musik schon einmal gehört haben, und wenn Sie einen Moment lang an den Kölner Karneval gedacht haben, liegen Sie ganz schön daneben. Äußerster Ernst ist angesagt: seine Majestät, der Sultan von Yogyakarta, Zentral-Java!

Die Niederländer bzw. die Engländer in Gestalt der Ostindischen Kompanie gaben seit dem 17. Jahrhundert den Ton an, den herrischen Ton ihrer Blechkapellen. Der Kolonialismus ging so: zuerst kamen die Händler, dann die Missionare – und dann die Soldaten, um den friedlichen Austausch von Gütern und Geist mit äußerstem blutigen Nachdruck zu betreiben. Ist es nicht merkwürdig, daß die Blechblasmusik zwei charakteristische Ausprägungen fand? Die Militärkapelle und den Posaunenchor.

Das Volk der Batak auf Sumatra wurde erst 1861 von der Rheinischen Mission zum protestantischen Glauben gebracht. Wenn es dort nun bei einem christlichen Begräbnisritual folgendermaßen klingt, – liegt dann nicht irgendwie ein Mißverständnis vor?

(11) Lagu Daerah Tapanilu 2’10“

Nein, kein Mißverständnis, – welcher Posaunenchor hätte je eine zündendere Musik zur Beerdigung gespielt, – natürlich auch hier nur zur Beerdigung eines älteren Herrn, der eine fröhliche, zahlreiche Kinder- und Enkelschar hinterläßt. Der Tod eines Kindes oder eines Jugendlichen „ohne Geschichte“ hätte der Kapelle einen wahrhaft traurigen Psalm entlockt. –

Darf ich Ihnen jetzt die Master Saphi Band vorstellen? Eine Hochzeitsband aus Varanasi in Benares, INDIEN. Einen solchen Schulbuch-Walzer hätten wir aus dem Subkontinent der kompliziertesten Rhythmen wohl kaum erwartet. Er ist so schlimm, daß es schon wieder herrlich ist!

(8) Chechiri Waltz 4’26“

Und nun NEPAL; ebenfalls Hochzeitsmusik, aufgenommen im Kathmandutal, Kupondol, Patan. Krishna Das and the Modern Light Music Brass.

(4) Rajanati Kumati 5’14“

Ich weiß, daß viele Menschen, besonders zartbesaitete Klassik-Freunde, innerlich oder sogar radiokonkret abschalten, wenn sie mit Blasmusik traktiert werden. Aber glauben Sie mir bitte, daß sich hier auf dem Umweg über fremde Kulturen ein hochinteressantes Feld auftut. Natürlich ist die Trompete das Instrument der Herrschaft und des Krieges, aber sie ist auch das Instrument Louis Armstrongs! Und … wissen Sie, welche Faszination die Militärmusik auf Gustav Mahler ausgeübt hat? Eine Faszination zwar, die der Faszination jener Maus vergleichbar ist, die beim Anblick der Schlange erstarrt, – aber nicht nur: auch eine Spur von Teilnahme, Identifikation, Allmachtsgefühl läßt sich nicht leugnen. FANFARE AN GOTT in NEPAL.

(1) + (2) Salami Dhun

„Frozen Brass“ – Gefrorenes Blech (messing) ist der erste Teil einer Dokumentation von Blechblaskapellen der ganzen Welt; nach dieser CD „Asien“ wird eine weitere mit dem Thema „AFRIKA/KARIBIK“ folgen. Verantwortlich für die Veröffentlichung ist wieder eibnmal das Label Pan Records, beziehbar in Leiden/Niederlande. Erwähnenswert, daß diese CD, wie bei Pan Records üblich, auch ein höchst informatives englisches Booklet enthält. Hier noch einmal die Stationen:

NEPAL, INDIEN, SUMATRA, CENTRAL JAVA, WEST JAVA, MOLUKKEN, SULAWESI, PHILIPPINEN.

(12) Lagu Daerah Tapanuli 5’34“

WDR 3 Musik zum Kennenlernen 24.3.93 heute aus der Redaktion VM, im Studio ist J.R.

(1) YOMIGATSE ISUTSU NO UTA (14’42“) (Nr. 6 des Konzertes v. 12.2.) nach ca. 3 Min. darüber:

„Mein Herz rast, rast einem Ziel entgegen. Ein Licht strahlt in mir, es ist mein Herz! Es wird explodieren … welche Gefahr!  (…)

Wolken, Wolken, wie schön anzusehen, wie sorgenvoll, wie klagend und weit sich ausdehend … Wo sind sie nun hin?“

Musik wieder hoch

Ich weiß nicht, ob das, was ich eben gelesen habe, im japanischen Original gute Lyrik ist, in der deutschen Übersetzung macht es nicht unbedingt den Eindruck … Doch die Geschichte ist anrührend: Während der Komponist TADAO SAWAI im Jahre 1979 diese Musik erdachte, fielen ihm Verse ein, die sein eigener Sohn im Alter von 13 jahren verfaßt hatte, Verse, in denen der Junge Gefühle der Ungewißheit und Unsicherheit angesichts des Erwachsenwerdens ausdrücken wollte, eben diese Verse, von denen ich zwei verlesen habe. Die Komposition heißt: „Fünf Gedichte, die sich in Erinnerung bringen“, und versucht, die Aussagen der Gedichte in Klanggebärden zu übertragen.

Musik wieder hoch

Das Instrument heißt KOTO, mit wissenschaftlichem Namen WÖLBBRETTZITHER, denn das obere Brett des langen, rechteckigen, schmalen „Kastens“ ist gewölbt; 13 Saiten sind der Länge nach darübergespannt, jede verläuft über einen einzelnen Steg; rechts von ihm wird die Saite angerissen, links kann die Spielerin die Tonhöhe der Saite verändern. Die Spielerin heißt Makiko Goto; sie wirkte am 12. Februar in einem japanischen Konzert mit, das im Japanischen Kulturinstitut aus Anlaß der Tagung des ICTM stattfand. Ehe ich Ihnen erkläre, was es mit dieser Abkürzung auf sich hat, hören Sie noch etwas Musik. Die Komposition MIDARE aus dem 17. Jahrhundert ist wohl das berühmteste Solostück der traditionellen Musik Japans. es kann Ihnen unverhofft aus der Musikberieselungsanlage eines Hotels in Tokio entgegentönen, innerhalb eines Chopin-, Grieg- und Bach-Klangteppichs. Das tut seiner Schönheit keinen Abbruch. MIDARE heißt wörtlich „Unordnung“, was sich darauf beziehen soll, daß die 12 Abschnitte, aus denen das Stück besteht, nicht – wie in anderen Stücken – alle von gleicher Länge sind. Wahrscheinlich entgeht uns diese UNORDNUNG völlig, da wir die einzelnen Abschnitte sowieso nicht genau identifizieren. Aber vielleicht sollte man eher von UNREGELMÄSSIGKEIT sprechen, die wir intuitiv auch als einen Reiz des Stückes ausmachen: es nutzt sich nicht ab, ebensowenig wie der Anblick eines japanischen Gartens, der nur aus einer Sandfläche und wenigen, scheinbar willkürlich darauf verteilten Steinen besteht.

(2) MIDARE (Nr. 5 des Konzertes) 7’55“

(Fortsetzung folgt) Rückblick:

Koto-Spielerin 1989

Foto (Ausschnitt) vom 6. Juli 1989 (Prof. Robert Günther)

Koto Foto Widmung Günter

Notizbuch März 1993

Notizbuch 1993

Lektüre März 93

Notizbuch 93 Eich

Das neue Concerto ist da!

Was ist „Concerto“? Das Magazin für Alte Musik. (Im Internet noch nicht auf dem neuesten Stand. Aber materialiter – physisch – wie neugeboren. Mit einem Nachruf, der mir am Herzen liegt. Bitte anklicken:)

Concerto JR Franzjosef

Franzjosef Maier - Burghardt Foto

Franzjosef Maier (1925-2014)

Collegium aureum 1980

Das Collegium aureum 1980 vor Schloss Kirchheim (Foto: harmonia mundi / P.Richter). Von links nach rechts: Wolfgang Neininger, Rolf Schlegel, Ruth Nielen, Franzjosef Maier, Werner Neuhaus, Günter Vollmer, Horst Beckedorf, Hans Deinzer, Heinrich Alfing, Walter Lexutt, Jan Reichow, Franz Beyer, Helmut Hucke, ???, Heinz-Otto Graf, Ulrich Beetz, Rudolf Mandalka, Klaus Botzky, Barthold Kuijken, Christian Schneider, Gerhard Peters, ???,Günter Pfitzenmaier, Jann Engel, Robert Bodenröder, Friedrich Held.

Toleranz

Null Pardon für Götter aller Art?

Götter Presse Solinger Tageblatt 20.01.2015

Buddha gestürzt kl München 05.09.2013

Zu jeder Forderung nach religiöser Toleranz gehört die Frage: Und was ist mit den Ungläubigen? Warum das Gerede über gutes Einvernehmen zwischen „den drei“ Weltreligionen, wenn alle anderen unter ein heimliches Verdikt fallen: was ist mit der Vielgötterei des Hinduismus, – redet sich da jemand heraus mit dem Hinweis, dass man getrost – wie geschehen – Christus mit Krishna gleichsetzen dürfe? Und was ist, wenn der Thron leer bleibt, wie im Buddhismus? In München habe ich gesehen, wie sich Leute über eine umgestürzte Buddhafigur auf dem Viktualienmarkt aufregten, als sei es eine Untat wie die Sprengung des Weltkulturerbes in Bamian durch die Taliban. Wird man eigentlich über „Glauben“ jemals aufgeklärt, während man sich jede wichtige Urkunde durch einen Anwalt „beglaubigen“ lassen muss? Vielleicht war es ein Trick, die Aufklärung mancher Absurditäten grundsätzlich zu behindern, indem man uns bestimmte Paradoxa von Kindheit an einüben ließ: „Credo quia absurdum est“ oder: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“

Ich will diese Sätze nicht ad absurdum führen (z.B. ist das Kind von ganz anderer Seite rehabilitiert, – durch Nietzsches Zarathustra und jede Mutter, jeden Großvater). Ich finde, dass jeder, der „im Namen Gottes“ zu anderen Menschen spricht, verpflichtet werden muss, die Gottesbeweise des Thomas von Aquin aufzusagen und Immanuel Kants Widerlegungen zu interpretieren. Zusatzaufgabe sei die Beantwortung der Frage: Was hat Hegels Weltgeist mit Theologie zu tun?

Oder: eine lange Rede von Jan Assmann anhören und inhaltlich wiedergeben. Zum Beispiel – da es in der Toleranzfrage immer um Offensichtliches und Sichtbares geht – etwas über die Frühzeit des Bildes, den „Iconic Turn im alten Ägypten“, also HIER. (Aber Sie brauchen gut 2 Stunden… ja und? ist es die Sache etwa nicht wert?).

So etwa dachte ich heute morgen ins Unreine, als ich den Artikel über „Verschnippelte Götter“ im Tageblatt gelesen hatte. Ist das denn erlaubt, die „winkende Göttin Shiva“ als Conchita Wurst zu malen. Reicht die Vielarmigkeit, oder ist nicht auch das Lingam zur Geschlechtsbestimmung geeignet? Nein, die Shiva, die ihr vielleicht meint, ist die Tochter von Nina Hagen, nicht der höchste indische Gott (oder einer von den mindestens Dreien).

Aus dem Buch MAYA Der Indische Mythos von Heinrich Zimmer Rascher Verlag Zürich 1936 Seite 355f:

Maya Zimmer 1 Maya Zimmer 2

Zeugung? Geburt? Tod?

Ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass der Indologe Heinrich Zimmer auf den Tag genau 50 Jahre vor mir in derselben Stadt geboren wurde wie ich, in Greifswald; dass es aber nicht zulässig ist, auch eine Parallelität im Todesdatum zu suchen, denn dieses wäre der 20.03.1993 gewesen. Der Schleier der Maya bedecke, was ich an diesem Tag getan habe. (Ich weiß es wirklich nicht. Mit Sicherheit aber war ich nicht in New York.)

—–

Natürlich konnte ich es nicht lassen: was habe ich an diesem 20.03.93 getan? Es lässt sich rekonstruieren, bis ins Detail, wenn ich auch die Tage ringsum ins Auge fasse: vor allem habe ich den Trailer für eine Matinee mit Geoffrey Oryema entworfen (und produziert). Mein Notizbuch ist ziemlich ergiebig, ich werde einen Extra-Blogartikel daraus machen. Die Violinschlüssel bedeuten „Musik“, ich habe sie noch im Ohr. Finde ich sie wieder? Ja, hier ist sie, und ich möchte gleich heulen. Wie damals. Aufarbeitung eines „fatalen“ Datums.

Matinee 1993 Oryema

As Time goes by…

Eigentlich liebe ich diesen Song aus „Casablanca“ nicht besonders, jedenfalls weniger so für sich (als Musik) als so, verbunden mit der Atmosphäre des Films, aber anderen bedeutet er – glaube ich – so wie so viel mehr, und das hat sicher gute Gründe .

Gegen Ende des Jahres 2014 erhielt ich die Mail eines alten Freundes, die mit den Sätzen schloss:

Wie kommt es nur, dass die Zeit einem mal rasend, mal schleichend vorkommt? (Gut: dass sie schleicht, wenn man wartet, ist ja bekannt.)
Voriges Jahr Ende Dez. waren wir in Palma – und das kommt mir mindestens wie 2 Jahre vergangen vor. Wahrscheinlich, weil soviel zwischendurch war – was mir wiederum viel zu wenig war. Wenn E. nicht ein bisschen bremsen würde, wäre ich vermutlich die Hälfte des Jahres woanders. Immer mit dem Druck im Rücken: Irgendwann sorgt die Natur schon für ein abruptes Ende. Und da das Reisen aufhört, wenn nur einer ausfällt, ist die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch.

Und ich antwortete mit dem Hinweis auf ein Buch, in das ich selbst immer mal wieder gern hineinschaue: Douwe Draaisma: „Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Von den Rätseln unserer Erinnerung“. (Piper Verlag 2006 / 2009)

Und nun lese ich noch einmal das kostbare Büchlein „Orte und Nicht-Orte“ von Marc Augé und sehe einen größeren Zusammenhang, der auch meinen Großvater einschließt. Doch zunächst erschrecke ich, dass der Fall der Mauer in Berlin erwähnt wird, denn die Lektüre dieses Buches schien mir mindestens 30 Jahre zurückzuliegen:

…doch können wir uns dem Problem der Zeit aus einer anderen Perspektive nähern, im Tageslicht von einer banalen Beobachtung nämlich, die wir täglich machen können: Die Geschichte beschleunigt sich. Kaum haben wir Zeit gehabt, ein wenig älter zu werden, da ist unsere Vergangenheit bereits Geschichte. Meine Generation hat in ihrer Kindheit und Jugend die stille Nostalgie der Veteranen des Ersten Weltkriegs kennengelernt, die uns zu sagen schien, daß sie die Geschichte (und welche Geschichte!) erlebt hätten und daß wir niemals wirklich verstehen würden, was das bedeutete. Heute gehen die sechziger, die siebziger und die achtziger Jahre ebenso schnell in die Geschichte ein, wie sie daraus hervortraten. Die Geschichte ist uns auf den Fersen. Sie folgt uns wie ein Schatten, wie der Tod. Die Geschichte – das heißt ein Folge von Ereignissen, die von vielen als Ereignisse verstanden werden (die Beatles, 1968, der Algerienkrieg, der Fall der Mauer in Berlin, die Demokratisierung der Länder des Ostens, der Golfkrieg, der Zerfall der Sowjetunion), eine Folge von Ereignissen, von denen wir annehmen dürfen, daß sie in den Augen der Historiker von morgen oder übermorgen Gewicht haben werden und zu denen jeder von uns – obschon er sehr wohl weiß, daß er in diesem Geschehen keine gewichtigere Rolle gespielt hat als Fabrice in Waterloo – ein paar Umstände oder partikulare Bilder hinzufügen könnte, als wäre es jeden Tag weniger wahr, daß die Menschen, die ja die Geschichte machen (wer sollte es sonst tun?), nicht wissen, daß sie sie machen. Ist es nicht gerade diese Überfülle (auf einem Planeten, der täglich kleiner wird; davon wird noch zu reden sein), die diffizile Probleme für den Historiker der Zeitgeschichte schafft?

Quelle Marc Augé: „Orte und Nicht-Orte“ S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 1994 (Seite 35f) ISBN 3-10-000516-3

Aufbruchsstimmung

Aber womit beginnen?

(Natürlich, ich weiß es, schiebe es beiseite, um Ersatzhandlungen auszuführen, „Übersprung“ oder wie heißt es, das Hauptthema kann noch ein paar Stunden warten. Oder Tage?)

Zunächst also die Presse, die für soviel Anregung oder auch Aufregung sorgt. Die Themen müssen knapp sein, wenn Beethoven ins Zentrum der Seite „Wissen“ rückt. Nein, auf die rechte Seite, links pariert der Artikel „Wenn Frauen zur Nixe werden. TREND Wasserliebende Mädchen und Frauen tauschen ihren Badeanzug gegen Bikinioberteil und Fischschwanz.“ Bravo, gut für „Beethovens Werkstatt. Wie das Genie mit den Noten kämpfte“. Links unten: „Schon Ahnen des Menschen konsumierten Alkohol. STUDIE Biologen analysieren Enzym zum Alkoholabbau.“ Gottseidank, der Abbau funktioniert bis heute! Aber wie lange dauert es jeweils? Tage oder Wochen? Tage und Zeilen?

ST nach Neujahr 2015 Bitte anklicken!

Also, hier muss auf jeden Fall noch der Link zum Beethoven-Haus folgen, damit ich die Original-Skizzen studieren kann. Auch das nimmt Zeit! Es kann dauern!!! Dann die Frage, ob ich die Klassik nicht naiv überbewerte. Oder vielmehr grotesk unterbewerte. Der neue Link liegt mir vor. Aber noch fällt mir dazu nur ein, wie man (ich?) einst über die Liebe dachte: der Gegenstand der Liebe sei so heilig, dass man ihn nie und nimmer berührt. Was für ein unvergessliches Kapitel in der Werk-Einführung zu Robert Musil von Kaiser/Wilkins (1962), ich meine über die „Fernstenliebe“ oder so. Oder Goethes oder Philines „Wenn ich dich liebe, was geht’s dich an.“ Beginne ich einfach mit dem Titel „Aufbruchsstimmung“ und danach endlich weiter in Moritz Eggerts Blog-Folgen. (Fortsetzungen eventuell später hier eruieren.)

Neben diese Symptome einer resignativen Dekadenz trat zeitgleich um die Jahreswende eine Aufbruchstimmung, die für den „neuen Menschen“, wie er in Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ angekündigt worden war, eine geistige und körperliche Befreiung von bisher geltenden Normen bedeutete. Vor allem Künstler suchten nach neuen Lebensformen unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen und gruppierten sich in Gemeinschaften, um ein Leben im Einklang mit Natur und Kunst führen zu können. Damit verbunden war häufig ein neues Bewußtsein für den Körper, der nun nicht mehr in Kleidern versteckt und deformiert werden sollte, sondern sich in Licht und Luft bewegen durfte; der menschliche Körper wurde als ausdrucksstarkes Sprachorgan entdeckt. Die Freikörperkultur und der Ausdruckstanz nahmen hier ihren Ursprung. Hinzu kam die Weiterentwicklung der Fotografie sowie die Entstehung des Films um 1999, die eine Fixierung von Bewegungsabläufen ermöglichte und eine neue Wahrnehmungsästhetik einleitete.

Ich halte erschrocken inne: meine Zitattechnik im Neuen Jahr grenzt an Fälschung. Ich vertraue auf meinen Leser, der ich vor allem selbst bin und bleiben werde. Ich habe Zeit, meine Quellen offenzulegen. Monate, Jahre! (Nur nicht warten, bis ich alles vergessen habe.) Die Sache mit der Freikörperkultur gehört natürlich zu dem Artikel über den Bikini „Wenn Frauen zur Nixe werden“. Ich halte meinem Tageblatt die Treue! Schon wegen der blauen Zeile: „Im Wasser ist man geschmeidig, man bleibt unberührbar“. Es lebe die Soziologie! Ein Neujahrsbrief hat mir Neues über Adornos Charakter gebracht, – ich möge bitte Peter Sloterdijk lesen: Zeilen und Tage. Seite 157 f („In der Frankfurter Rundschau findet sich ein Artikel, der an Golo Manns Rückkehr aus dem Exil erinnert. Im Jahr 1963 sollen Horkheimer und Adorno“ usw. usw. vonwegen, – werde ich denn alles vorwegnehmen?)

ST WISSEN nach Neujahr 2015

Ein Autograph der Kreutzer-Sonate studieren? Hier! (Unter „Beethoven-Haus Bonn, NE 86“ oben weiterblättern 1-13 !)

Quellen 

Solinger Tageblatt 5. Januar 2015 Seite 22

Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Eine Analyse der Jugendstilarchitecktur 1890-1910 WBG Darmstadt Sonderausgabe 2010 ISBN 978-3-534-23652-7 Zitat Seite 15 (absichtliche Errata: Jahreswende statt Jahrhundertwende und 1999 statt 1900 JR).

Wahre Freundschaft

Wer alte Briefwechsel liest (etwa solche, die man exemplarisch im Gleimhaus Halberstadt studieren kann, siehe hier), wundert sich, was für ein inniger Ton in der Zeit der Empfindsamkeit zwischen Männern aufkam. Oder auch zwischen Geschwistern wie Fanny und Felix Mendelsssohn Bartholdy. In der heutigen, sexuell konnotierenden Zeit denkt man alsbald an Homosexualität oder inzestuöse Zusammenhänge. Weit gefehlt. Es wäre an sich selbstverständlich, von einem Wechsel der Sitten und Gebräuche auszugehen, statt immer noch wie in den 60er Jahren mit fabelhafter Sicherheit von heute auf früher zu schließen, insofern ist ein Spiegel-Artikel wie der aktuelle höchst innovativ. Silvia Bovenschen wird über zeitgenössische Karriere des Begriffs Freundschaft befragt, der offenbar den Höhenflug der romantischen Liebe ablöst.

Sehr offensichtlich vollzog sich ein solcher Wandel mit der Epoche der Empfindsamkeit im späten 18. Jahrhundert. Vornehmlich unter Literaten bildete sich ein sonderlicher Freundschaftskult heraus. Auch heterosexuelle Männer beteuerten einander die innigste Liebe. In ihren Briefen ist von wollüstigen Tränen die Rede, von herangeschwollenen Herzen und letzten Küssen.Tatsächlich haben die Männer die gleichen Wortfolgen auch in Liebesbriefen an die Frauen verwendet. Zugrunde lag eine Sprachnot. Man zelebrierte die Freundschaft im Vokabular der Liebe. Es fehlte eine Sprache, ein Programm für die Freundschaft. Sie hatte eine andere Bedeutung bekommen als ein Bündnis des neuen aufgeklärten Bürgertums, eine Angelegenheit von Gleichen unter Gleichen. Auf uns wirkt der damalige Sprachgebrauch grotesk, und auch damals konnte sich dieser Kult nur kurze Zeit behaupten.

Und heute? Gilt das gleiche wie für die Liebe:

Der Soziologe Niklas Luhmann hat einmal gesagt, dass eine Frau, die Romane gelesen hat, erkenne, wann sie liebt. Wenn man eine wortmächtige und anschauliche Beschreibung für ein Gefühl kennenlernen konnte, wird man empfindungsweiter. Vermutlich habe ich mich mit dieser Formulierung endgültig ins Unzeitgemäße verabschiedet.

Quelle DER SPIEGEL 29.12.2014 „Eine kleine Teufelei“ Spiegel-Gespräch. Die Autorin Silvia Bovenschen über Verrat, die banalen Seiten der Freundschaft und den Missbrauch eines uralten Menschheitsbegriffs (Seite 121 bis 123)

(Fortsetzung folgt)