Archiv der Kategorie: Kunst

Lähmendes Lob

Vom Elend der Musikkritik

Man muss kein Verehrer der Künstlerin Anne-Sophie Mutter sein, um festzustellen, dass die Bewunderer sich an ihr die Zähne ausbeißen, – möchte ich anmerken, um ebenfalls mal mit einem schrägen Bild zu brillieren. Ist sie wirklich eine Vertreterin der musikalischen Molekularküche? Ist es nicht eine Beleidigung, wenn man feststellt, dass sie in Frühlingsgarderobe wie ein schillernder Zitronenfalter aussieht? Warum heißt es, Andris Nelsons inspiriere die Musiker „mit den Handbewegungen eines Hypnotiseurs“, – gibt es denn in seinem Fall nichts Ehrenrühriges, etwa die Gestik eines Brezelbäckers?

Klar, dass beim Violinkonzert von Sibelius zuerst die Atmosphäre der finnischen Wälder assoziiert wird („ein herbes, geheimnisvoll vernebeltes Werk“), dann die teure Stradivari. Aber dann sehr bald die Mutter in der Küche:

Beim leisen Beginn lässt sie die ersten Geigenklänge wie aus dem Nichts auftauchen, um daraufhin hohe Töne hell glänzen zu lassen. Brillanz und Schattierungsreichtum sind enorm. Aber es wirkt auch alles etwas unnatürlich – wie in der Molekularküche, wo nichts mehr so schmeckt und aussieht, wie die Natur es einst schuf. Auf der Bühne macht Anne-Sophie Mutter derweil einen ungemein kostbaren Eindruck – mit perfekt frisierter Mähne und einem hellgelben Frühlingskleid mit großer Schleife auf dem Rücken. Damit wirkte sie wie ein schillernder Zitronenfalter. Mit einem schnellen Bach-Solo bedankte sich die Geigerin, die schon unter Herbert Karajan spielte, für den begeisterten Beifall.

Quelle WAZ (via Solinger Tageblatt) 10.03.2015 (Lars Wallerang)

Verräterisch, dass nach dem „schnellen Bach-Solo“ (eine kurze Nachfrage bei einem beliebigen Orchestergeiger hätte wohl eine Spezifizierung mit „E-dur“ ergeben) noch der ungalante Hinweis auf einen vor vielen Jahren im hohen Alter verstorbenen Dirigenten folgen muss.

Erbarmen mit den klassischen Stars!

Polnische Volksmusik

Notizen (Gedächtnisstützen)

Nach dem gestrigen Konzert im WDR Funkhaus Köln muss ich mir auch visuell in Erinnerung halten, was ich gehört habe und niemals vergessen will: die Kapela Maliszów.

Man kann es nicht einfach auf sich beruhen lassen: eine phantastische Musik im wahrsten Sinne des Wortes, – aber vielleicht überhaupt nicht, wenn man sie ohne jede Vorbereitung hört. Wer hier zufällig reinklickt, weiß möglicherweise kaum, was daran außergewöhnlich sein soll. Es gibt kluge Leute, die sogar Adorno gelesen haben, und sie sagen ohne lange zu überlegen, das sei archaisch, atavistisch, unentwickelt, harmonisch arm, – man darf die Vorurteile gar nicht erst benennen, sonst klingen sie nach Sachverstand statt nach schierer Unbildung. Ich wette, dass kein perfekt „westlich“ ausgebildeter Berufsmusiker, ob Klassik, ob Jazz, notieren könnte, was dieses Mädchen an großer Trommel und Becken traumhaft sicher und locker „aus den Armen schüttelt“. Man ahnt, dass es sich insgesamt um einen Dreiertakt vom Mazurkatypus handelt, man sieht den gleichmäßig klopfenden Fuß des Vaters am Cello, aber es bleibt ein Rätsel, wie sich die flinken Figuren des Geigers und die präzisen, graziösen Schläge über dieses Schema verteilen. Übrigens: seit ich solche Musik kenne, ist Chopin ein anderer Komponist für mich geworden. Ich verstehe, weshalb er sein Leben lang Mazurkas komponiert hat, eine schöner und ergreifender als die andere. Die letzte auf dem Totenbett.

Vor Jahren habe ich ein paar Essays über Chopins Mazurka geschrieben, aber ich wusste noch nicht genug, später war ich auf einem besseren Stand, und ich sollte mich allmählich überwinden, den Vortrag von 2012 (Folkwang Universität), mit dem ich mir viel Mühe gegeben habe (auch mit Notationen!), ins Internet zu setzen, – dann aber nach Warschau und aufs Land zu fahren, um es mal richtig zu lernen!

Im folgenden leider ohne bewegte Bilder, aber sehr lebensecht. Wer kann die Ballada pogórzánska (ab 9:48) ohne tiefe Bewegung hören?

Interessant ist es auch, den Zeitsprung rückwärts ins Jahr 2011 nachzuvollziehen:

Mehr über den Sendetermin des gestrigen Kölner Konzertes finden Sie im Hörfunk WDR 3 HIER. (17. März!)

Grenzerfahrung mit indischer Melodie

Die Bühne vor Beginn des indischen Konzertes

Indisches Konzert leere Bühne 150311

(Pausenbeitrag ©Jan Reichow März 2015, Stand 150303, s.a. hier) Sendedatum: WDR 3 11. März 2015 Konzertpause Liveübertragung aus Bielefeld, Konzertbeginn 20:05 Uhr.

Das Konzert kann inzwischen (Stand 12.03.20159) 30 Tage lang nachgehört werden. Und zwar HIER bzw. https://soundcloud.com/wdr3konzert/nordindische-violine-11-03

Es ist empfehlenswert, den Pausenbeitrag, dessen Text hier nachzulesen ist, als Einführung in das Konzert vorweg zu hören; er beginnt im gerade angegebenen Link  bei 55:16.

Vor Beginn des Konzertes: Abhijit Banerjee und Kala Ramnath auf der Bühne des Kammermusiksaales der Rudolf-Oetker-Halle in Bielefeld 11. März 2015

Indisch Künstler auf Bühne BI 150311

TEXT Pausenbeitrag

Wer einmal für längere Zeit indischer Musik zugehört hat, bewundert vielleicht die Ruhe und Virtuosität, die sie übermittelt, könnte aber wenig über den Bauplan des musikalischen Ablaufs sagen: es gibt keine Einzelsätze, wie in einer Sinfonie oder Sonate der westlichen Klassik. Vielleicht hat man nicht mal ein Thema erkannt oder behalten, geschweige denn, dass man es in etwa nachsingen könnte. Was in Erinnerung bleibt, ist vielleicht nur ein einziges großes Kontinuum, das immer gleiche Tonreservoir, darin immer wieder ähnliche Wendungen. Und dieser Eindruck wird verstärkt durch die Allgegenwart eines einzigen Grundtons, der von Anfang bis Ende durchklingt und selbst im hellen Schlag der Tabla-Trommel wahrnehmbar ist.

1) Musik Kala Ramnath ab 35:01 hoch, bis 35:40 (nach Bedarf unter Text)

Was kann man tun, um festen Boden unter die Füße zu bekommen? Von indischer Seite hören wir immer wieder, dass der Gesang der entscheidende Faktor ihrer Musik ist, – also nicht das meditative Summen und Sirren, das, wie wir meinen, eine Vorstellung von Ewigkeit evoziert, sondern der Atem, der eine gewisse Struktur vorgibt, vielleicht auch die Sprache mit ihren Gliederungstendenzen. Einen entscheidenden Hinweis gibt die Schlagfolge der Tabla-Trommel, die offensichtlich nicht beliebig verläuft, sie ist sogar berechenbar, sie besteht aus fortwährend, gewissermaßen kreisförmig aneinanderhängenden Perioden, und die Melodiestimme hat damit zu tun, sie reagiert darauf, bestätigt die Hauptbetonungen oder widerspricht ihnen. Niemals handelt es sich um bloßen Rhythmus, der den Hintergrund belebt, wie in der westlichen Tanzmusik. Er hat zunächst ein so langsames Tempo, dass wir Schwierigkeit haben, die Grenzen einer großen Periode abzustecken. Nehmen wir den Tala Ektal, der aus 12 Zählzeiten besteht. Ich zähle beim folgenden Thema mit, allerdings nicht von 1 bis 12, sondern – mit Zwischenzählzeiten – zweimal von 1 bis 24, da die Schläge sehr dezent und langsam erfolgen. Zugleich umfasst die damit abgemessene Periode die genaue Länge des Themas oder, wie die Inder sagen, der Composition: sie geht von der Grundton-Ebene aus, steigt allmählich aufwärts, erreicht die obere Oktave und kehrt allmählich wieder zum Grundton zurück, das Ganze dauert anderthalb Minuten, und diese anderthalb Minuten wären, wenn wir weiterhörten, auf lange Zeit das Maß der Dinge, Zeile für Zeile.

2) Musik Rashid Khan Tr. 25 1:32 MITZÄHLEN!

Ohne die Tabla hätte ich die extrem langsam verlaufende Melodie nicht mitzählen können, aber das gilt unter Umständen genauso im schnelleren Tempo: Die in der Trommel rhythmisch präzise ausgeführte Periode ist auch für die Melodiestimme verbindlich, jedoch: sie darf damit spielen. Sie soll es sogar. Sie hat eine höchst sensible rhythmische Freiheit, und diese zu spüren, gehört zu den reizvollsten Erfahrungen der indischen Musik.

Mir hat der Sänger Madhup Mudgal einmal dafür die Ohren geöffnet, eine unvergessliche Lektion: ich hatte es nur vage gefühlt, er aber hat es mir glasklar vorgeführt, wie sich die Melodie zum Rhythmus bzw. zur Tala-Periode verhält; sie kann durchaus einfach gebaut sein, wie im folgenden Beispiel, das Entscheidende ist, wie die Melodie auf dem gegebenen Rhythmus – oder sagen wir ruhig: auf dem „Beat“ – sitzt oder schwebt.

3) Musik Madhup Mudgal*** CD 0:58

Das heißt: die Töne der Melodie müssen nicht mit den Schlägen der Tabla zusammenfallen, ja, gerade dann wirkt alles so schwerelos, das macht ihre Grazie aus, – sofern wir es wahrnehmen und nicht als verwirrend empfinden. Hören Sie nur, der Sänger bringt jetzt noch einmal die pedantische Form, wir würden sagen: es ist seine „preußische“ Version des Themas.

4) Musik M.M.*** ab 1:05 bis 1:21 „preußische“ Version

Und jetzt das gleiche in der freien indischen Gestalt. Die Melodie bewegt sich weich über die Zählzeiten hinweg, ohne sie zu akzentuieren.

5) Musik M.M.*** ab 1:28 bis 1:55 „indische“ Version

Wir denken vielleicht, das sei doch eine einfache Sache, man muss eben nur locker drauf sein, – weit gefehlt! Der Sänger sagt, dass es zum schwierigsten Stoff seiner Lehrzeit gehört habe. 5 Jahre habe er dafür gebraucht, seine musikalische Arbeit sei damals völlig ins Stocken geraten: er musste sich vom klaren Schema lösen, aber ohne es aus den Augen zu verlieren … Und dann befand er sich unversehens auf einem neuen Niveau, unglaublich, er konnte es, und seither kann er problemlos beide Systeme nebeneinander demonstrieren, das pedantische und das künstlerisch entspannte. Ich war fasziniert, – eine ähnliche Erfahrung gibt es ja in der westlichen Klassik: das Tempo rubato, unentbehrlich etwa bei Mozart oder bei Chopin. In Indien aber ist es ein Phänomen, das einen der wesentlichsten Aspekte kennzeichnet: zwischen rhythmischer Strenge und vollkommener Gelöstheit der Interpretation.

Die Geigerin Kala Ramnath kam in ihrem unvergleichlichen Rudolstädter Konzert 2010 nach rund 25 Minuten an einen Punkt, wo sie mit virtuosen Girlanden in verschiedenen Anläufen den Übergang in ein neues Tempo vorbereitete. Sobald es erreicht ist, und das Thema erklingt, werde ich versuchen, wieder mitzählen: Jhaptal heißt diese Periode, die aus 10 Zählzeiten besteht, das habe ich gelesen, – gruppiert in zweimal 5, und diese Fünfer wiederum in 2 + 3 geordnet. Das klingt kompliziert, wird aber durchsichtig, wenn Sie es hören: 1 2 / 3 4 5 // 1 2 / 3 4 5. Doch noch sind wir nicht dort, Kala Ramnath lässt es bei dieser Themenpräsentation nicht bewenden, sie hat noch eine Überraschung in petto. Warten Sie – hier sind die erwähnten virtuosen Girlanden…

6) Musik Kala Ramnath* ab 25:44  bei 26:30 (Stopp) hier hanem wir das Thema, das in den Tala eingebettet ist, und der geht so (zur Musik zählen): 1 2 / 3 4 5 / 1 2 / 3 4 5

  • 27:21 Gesang
  • 28:05 Ansage endet
  • Violine bis 29:04 neu: 31:29

Unmittelbar nach ihrem Gesang verwandelt die Künstlerin also die gesungenen Linien ins Violinspiel. Aus dem Booklet haben wir erfahren, dass eine der Melodien, die sie in dieser Aufnahme singt, von ihrem Lehrer, Pandit Jasraj, stammt. Ist es diese? Was hat sie gesungen? Lassen Sie uns das noch einmal hören, der Text lautet: Tum bin kal na pare, „Ohne dich kann ich mich mir selbst nicht vorstellen“.

7) Musik K.R. noch einmal Gesang ab 27:21 bis ca. 28:00

Wir begeben uns auf die Suche… und haben Glück: zum 50jährigen Bühnenjubiläum des Meisters Pandit Jasraj ist im Jahre 2002 eine Sammlung von 4 CDs mit 51 Kompositionen herausgekommen: und diese hier befindet sich als Nummer 5 auf CD 3, – ein glücklicher Fund, der uns ein paar Wochen beschäftigen könnte, sagen wir, wie der Entwurf einer Sonate in Beethovens Skizzenbuch, die Frage: was ist ins Werk übergegangen, unverwechselbar, was davon hat für immer Bestand? Was also ist für jeden Interpreten verbindlich?

Es ist keine Schande, wenn man vielleicht auf Anhieb gar nicht erkennt, dass es sich wirklich um dieselbe Melodie handelt. Zumal Pandit Jasraj, nicht auf derselben absoluten Tonhöhe singt, was die beiden Versionen schwerer vergleichbar macht. Ich hoffe, dass Sie es hilfreich finden, wenn ich wieder zwei Perioden mitzähle, damit Sie es dann leicht selbst fortführen können.

8) Musik Pandit Jasraj Raga Maru Bihag** ab 0:13 bis etwa 0:40 (unter Text weiter)

Es ist – anders als bei Beethoven – in Indien völlig legitim, wenn sich spätere Interpreten eine solche Komposition aneignen und neue Varianten schaffen. Genau das geschieht hier und führt zu einem wesentlichen Punkt indischen Denkens. „Gestaltung, Umgestaltung, Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung“, wie Goethe sagt.

Sie hören gleich den Übergang zurück zu der Version von Kala Ramnath, die diese Composition etwas straffer fasst, auch die eigenartigen schnellen Gänge einfügt dort, wo Pandit Jasraj die absteigende Ganztonfolge (singen!) bringt. Der Beginn jeder Zeile, jeder Tala-Periode ist der dann folgende Sprung aufwärts (singen!).

9) Musik Pandit Jasraj wieder hoch + Übergang zu Kala Ramnath (dann unter Text)

Jede indische Melodie steht in einem RAGA, und dessen große mit Improvisationen aller Art erfüllte Darstellung ist das Ziel jeder Interpretation. In diesem Thema haben wir in knappen Zügen den gewaltigen Raga Maru Bihag, wenn wir ihn in allen melodischen Feinheiten erfassen wollten, müssten wir die CD von Anfang an hören; wir haben ja in der Mitte eingesetzt. Da es uns aber um leichtere Fasslichkeit geht, springen wir noch weiter; indische Interpretationen befolgen das eherne Gesetz allmählicher Beschleunigung, und jede neue Tempostufe hat auch ein neues Thema, oft eine Kurzfassung des vorhergehenden.

Kala Ramnath neues Thema durchläuft die Oktave aufwärts und abwärts, das beschleunigte Tempo gehorcht einem anderen Tal, genannt Tintal, der aus 4 mal 4 schnellen Beats besteht. Sie werden ihn leicht erkennen, wenn Sie sich vom Tempowechsel erfassen lassen:

10) Musik Kala Ramnath ab ca. 31:00 (neues Thema bei 31:30)

Ich muss es einmal sagen: Schöneres kann man in der Musik selten erleben, diese Sicherheit im Virtuosen und diese Klarheit in der Zeitgestaltung. Der große Geiger Yehudi Menuhin hat einmal gesagt: „wenn ich indische Musik höre, ist das, wie wenn ich Vitamine genommen habe“, und er bezog sich dabei vor allem auf die Reinheit der Intonation, die uns gewissermaßen läutert. Aber auch die bloße Zeitgestaltung tut Wunder, wenn wir sie nur wahrnehmen: die Aufführung dieses Ragas dauert 58 Minuten, ist voll von Improvisation und Spontaneität, und trotzdem sitzt jedes Thema, jedes Detail genau an seinem Platz. Man kann das Meditation nenne, in keinem Fall ist es unverbindliche Träumerei, zu schweigen vom bloßen Dösen, sondern ein sehr intensives Zuhören. Und die beste Chance, da hineinzuwachsen, ist die Einleitung des Ragas, der Alap, in dem man das Gewicht, den Ausdruck jedes Tones erlebt – und es sind pro Raga immer dieselben Töne, immer ähnliche Tonfolgen: man kann sie unmittelbar lernen.Und auch wenn die Tablatrommel einsetzt, – es geht zunächst sehr, sehr langsam, man folgt dem Prinzip der Tonraumerkundung, man gewinnt einen Standort in der Welt, die aus Klängen und Tonfolgen besteht, so paradox es klingt: eine Welt von unerhörter Rationalität und zugleich Freiheit. (letzte Musik beginnt)

Was auch immer nach dieser Konzertpause zu hören sein wird, Sie werden mit diesen Erfahrungen oder ganz ähnlichen – genau wie Schubert es in seinem berühmten Lied sagt – „in eine bessre Welt entrückt“. Sie wird einen anderen Namen tragen als Maru Bihag, aber sie wird nicht Ukraine heißen und nicht Euro oder Staatsbankrott. Diese Melodie, die meditative Version des Themas, das Sie mehrfach gehört haben, hat bei Pandit Jasraj den Text Tum bin kal na pare, „Ohne dich kann ich mich mir selbst nicht vorstellen“, und zugleich wendet er sich an den Gott Krishna, dem er als „Sakhi“ (Freund s.a. hier) dienen möchte. Und der Gott scheint EINS zu sein mit seiner Mutter, zu deren Andenken Pandit Jasraj das Lied im Jahre 1957 geschaffen hat. Ich könnte mir vorstellen, dass Kala Ramnath wiederum es hier ihrem alten Meister gewidmet hat. Schon wenn sie am Anfang darauf anspielt:

11) Musik Kala Ramnath Anfangsversion des „Themas“ ab 4:30

Indisches Konzert Kala Ramnath 150311

KALA RAMNATH

Fotos: E.Reichow

***

Skizzen zur „Composition“ in Maru Bihag

Kala Ramnath*

Maru Melodie Kala R

Pandit Jasraj**

Maru Melodie Jasraj

Skizze zu Madhup Mudgals Dadra-Melodie

A „preußische“ Version B indische (Rubato-)Version

Madhup Mudgal Dadra

Vorübungen

Zum Tala Jhaptal

Es wäre günstig, wenn Sie sich schon einmal mit dem Artikel „Indische Musik SEHEN“ beschäftigt hätten, dann würde ich so anfangen:

a) Auf die erste Seite von „Music in Motion“ gehen und in das Fenster oben rechts eingeben: „Jhaptal“. Sie erhalten dann eine Liste der Raga-Beispiele, in denen die Rhythmus-Periode Jhaptal eine Rolle spielt. (Bzw. zuerst die Kapitel „Genres“ und „Rhythm“. Dann:) Bihagda, Rageshri, Nayaki Kanada, Basant mukhari, Kalashri, Jaijaivanti, Hindol usw., lauter Raga-Namen, die Sie anklicken können.

b) Beginnen Sie also mit Bihagda. Scrollen sie dorthin, wo „Performance by Manjiri Asanare“ steht, weiter unten folgt das Wort „Performance“ und  eine senkrechte Zahlenreihe: sie entsprecht der fortlaufenden Zahlenfolge, die weiter unten, am unteren Rand des Oszillogramms zu erkennen ist. Merken Sie sich aus dem „Performance“-Bericht 120-187: First section of the composition. Am besten auch gleich:193-301: Second part of the composition. 

c) Hören Sie von 1 bis – sagen wir  – 115, folgen Sie dabei mit den Augen den schwarzen melodischen Linien, zugleich der lilafarbenen senkrechten Zeitlinie. Stoppen Sie bei 118.

d) Bei 120 wird das Thema (Composition) beginnen, unmittelbar vor 131 leitet Tabla ihren Zyklus mit einem kleinen Wirbel ein, die betonte Zählzeit 1 (das SAM) liegt genau auf der fetten roten Linie (2:13). Wenn Sie weiterfahren, folgen drei schwächer gezeichnete Linien und die nächste fette rote Linie bei 159 (2:42). Dies ist genau die Länge einer Tala-Periode. Jetzt sollten Sie diese Strecke zählen lernen. Also zurück auf die Stelle unmittelbar vor 131 (2:13) ! 

e) Sie sehen die senkrechte fette rote Linie und in etwas weiterer Entfernung die erste senkrechte graue Linie, und wenn Sie weiterfahren folgt wieder eine rote Linie, allerdings von matterer Farbe, dann wieder eine graue und endlich wieder eine fette rote. Von Rot (fett) bis Rot (fett) schlägt die Tabla-Trommel eine volle TALA-Periode, im vorliegenden Fall die von Jhaptal: sie besteht aus einer Folge von 10 Grundschlägen, die sich in 2 mal  5 gliedern, und diese Fünf wiederum in 2 + 3, das bedeutet: 2 Schläge von Rot (fett) bis Grau, 3 Schläge von Grau bis Rot (matt), – und von hier wiederum 2 Schläge bis zur nächsten grauen Linie und 3 Schläge bis zum nächsten Rot (fett). Da das Tempo relativ langsam ist, die Schläge aber mehrfach unterteilt sind, empfiehlt es sich, das Zähltempo zu verdoppeln, nämlich anstelle von Zweier- und Dreiergruppen Vierer- und Sechsergruppen zu zählen, das bedeutet: Sie haben für jeden Schlag etwa 1 Sekunde, was einen überschaubaren Puls ergibt. Sie würden also pro Periode von 1 bis 20 zählen, mit Betonungen, die der Gliederung entsprechen: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20. Und unmittelbar anschließend wieder von vorn.

f) Während Sie dies üben, beginnen Sie genau zu beobachten, was die Melodie während einer Jhaptal-Periode vollbringt: welchen Ton erreicht sie, wann kehrt sie zum Grundton zurück. Fällt der Beginn einer Periode (Zählzeit 1, genannt „Sam“) immer mit einem wichtigen Melodieton zusammen?

g) Wenn Sie gelernt haben, diese beiden Aspekte gleichzeitig zu erfassen, haben Sie einen Riesenschritt getan… Es wird reizvoll für Sie sein, Jhaptal nun in einem anderen Raga (mit etwas anderem Melodieverlauf) und vielleicht in einem anderen Tempo zu erfassen. Möglicherweise erscheint es dann sinnvoller, von 1 – 10 zu zählen: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 .

h) Nebenbei: dieses Zählen dient der Orientierung, – es ist keine überflüssige Pedanterie. In jedem Menuett der westlichen Musik zählen Sie, wenn auch unbewusst: Sie wissen, dass jeder Takt 3 Zählzeiten hat und mit insgesamt 12 Sechzehnteln gefüllt werden kann. Auch die Wahrnehmung des Talas wird sich irgendwann als Gefühl unterhalb der Bewusstseinsschwelle einfinden. Und im indischen Publikum werden Sie spüren, wie zumindest das Erreichen des Sam, der Zählzeit 1, oft mit einem allgemeinen Seufzer der Erleichterung registriert wird. Wenn sich die Tabla und der Gesang (oder das Melodieinstrument) wissend und mit Bedeutung treffen. Es handelt sich nicht um eine tote Zahlenreihe, sondern um eine dynamisch animierte…

Kunst als Übung

Vergeistigung durch Streichquartett?

Freund Klaus G., dem ich als Dank für den ganzen Beethoven mit dem Belcea-Quartett das Bärenreiter-Taschenbuch über gerade diese Werke schickte, machte mich auf das bemerkenswerte Motto aufmerksam und, dass er den einleitenden Gülke-Essay gelesen habe. Ich wusste nicht, was er sich da zugemutet hatte, las nach und war ein bisschen beschämt. Tatsächlich bin ich nicht verpflichtet, alles auswendig zu kennen, was ich verschenke. Trotzdem fühle ich die Verpflichtung, das zu beherzigen, was ihm nun zum Thema wird. Natürlich das Motto von Auguste Rodin, ich würde es sofort unterschreiben (oder etwa nicht?).

Kunst ist Vergeistigung. Sie bedeutet höchste Freude des Geistes, der die Natur durchdringt und in ihr den gleichen Geist ahnt, von dem auch sie beseelt ist. Die Kunst ist die erhabenste Aufgabe des Menschen, weil sie eine Übung des Denkens ist, das die Welt zu verstehen und sie verständlich zu machen sucht.

Mein Gott! Unterschreiben würde ich nur, dass sie (unter anderem) eine Übung des Denkens ist, gewiss, und dann wohl meist auch eine Freude des Geistes. Vielleicht auch eine Erfahrung des eigenen Ungenügens? Aber die Sache mit der Natur – ist das nicht typisch Bildhauer, kann man diesen Idealismus heute noch teilen? Irgendwo muss sich eine nähere Begründung finden, und schon stecke ich in Peter Gülkes Text, vielmehr, ich bleibe stecken. Ein Beispiel: was für eine Nebenarbeit habe ich zu leisten, um allein einen Passus, den ich gleich folgen lasse, zu verstehen?! Und die andern Leser alle, sind die mit jedem kurz genannten Streichquartett oder mit bestimmten Motiven daraus so vertraut, dass sie lächelnd zustimmen: Jaja, der alte Gülke, recht hat er, wenn er recht hat! Aber ich habe den Satz von der Übung des Denkens nicht umsonst gelesen, – bevor ich Beethoven übe, werde ich Gülke üben müssen: „Beethoven – Musik der anderen Zeit“. Er meint sicher nicht die Zeit – sagen wir – in den Jahrzehnten vor und nach 1815, auch nicht die um 2015, die ich gern in Beziehung setzen würde. Dies ist nur ein Baustein:

Zeitbezug und Historizität vermitteln sich dem Musiker, nicht notwendig als solche reflektiert, im Material, mit dem er umgeht. Beethoven komponiert das dritte der Quartette op. 59, in C-Dur stehend und das Opus abschließend, selbstverständlich bezogen auf kanonische Vorbilder. Mozarts Streichquartett 465 und die „Jupiter“-Sinfonie KV 551. C-Dur hält zwischen dem subdominantischen F-Dur und der Dominantparallele e-Moll ähnlich eine harmonische Mitte wie in Mozarts letzten Sinfonien zwischen Es-Dur und g-Moll; die Introduktion, ohne sichernden Gleichschritt der Achtel und noch chromatischer, radikalisiert diejenige von KV 465; der melodische Gestus der das Allegro eröffnenden Violine erscheint wie eine verkürzte Erinnerung an den melodischen Gestus an entsprechender Stelle bei Mozart, und der liegt nicht weitab von der archetypischen Viertonfolge c-d-f-e aus Mozarts Sinfonie, welche ihrerseits Beethovens Menuett-Thema hinterlegt erscheint – wie dem Andante cantabile in Mozarts Quartett; und wie dessen Sinfonie beendet Beethovens Quartett offenkundig summativ, nicht nur das Werk, sondern die Werkgruppe krönend, eine einzigartige – bei Mozart souveräne, bei Beethoven angestrengte – Verbindung von Kontrapunkt und dialektischer Großform. Eingeweihten bietet Beethoven einen zusätzlichen Hinweis auf den Mozart-Bezug: Mit dem kleinen Schönheitsfehler paralleler Quinten im Übergang vom dritten zum vierten Takt passt sein Finalthema als sechster Kontrapunkt zu den fünfen des „Jupiter“-Finales (dort ab T. 372 übereinander), man könnte jeweils in Ganzen in Beethovens Takten 1-4 g-a-c-h, in den Takten 11ff. d-e-g-f, in den Takten 21ff. g-a-c-h unterlegen usw. und seinen Satz dergestalt verlängernd denken als das in den Wind der Beschleunigung geratene Mozart-Finale.

Quelle Ludwig van Beethoven Die Streichquartette (Gülke, Indorf, Korfmacher, Moosdorf, Platen) Bärenreiter-Verlag Kassel 2007 ISBN 978-3-7618-2108-4  (Seite 11)

Nur wenn ich das als Übung betrachte, für die ich alle Partituren bereitlege, kann mir der Text etwas sagen, so dass ich eventuell antworten kann: nein, das geht mir zu weit, ich will gar kein „Eingeweihter“ sein, der versteht, dass Gülkes (unnötige) gedankliche Prozedur Quinten-Parallelen ergibt. Schon das Wort von der „kanonischen“ Vorbildern hatte ich falsch verstanden und auf die kontrapunktischen Gebilde am Ende des Beethoven-Quartetts und der „Jupiter“-Sinfonie bezogen.

Nicht einmal an die Verwandtschaft des Beethovenschen Menuett-Themas mit der „archetypischen Viertonfolge“ mag ich glauben, auch nicht an die subkutane Bedeutung der Tonarten-Relation in den Dreiergruppen der genannten Werke von Beethoven und Mozart. C-Dur lässt sich immer mit C-Dur in Verbindung setzen, finde ich…

Obwohl ich hier steckengeblieben bin, weiß ich, dass das Ergebnis der Gülke-Lektüre die ganze Übung wert ist. Die „Zeit“ ist das Thema, und ich werde am Ende beherzigen, was ich darüber Neues gelernt habe, – schon im Blick auf Beethovens Widmungsbrief zur Klaviersonate op.109 … (übrigens auch am Anfang einer Dreiergruppe stehend, deren Tonarten- und Motivbeziehungen vielsagend sind).

(Fortsetzung folgt)

Musikalische Krankheitssymptome

Man könnte aus der Haut fahren, wenn die klassische Musik zum Thema einer großen Zeitung gemacht und wieder einmal mit falschen Vorzeichen versehen wird. Der Musiker weiß es sofort, wenn da von EKG und Beethoven die Rede ist, – jetzt kommt die Cavatina aus Opus 130 und die Mär von der Herzrhythmusstörung. Wer weiß, ob wirklich ein amerikanischer Musikwissenschaftler namens Steven Whiting (University of Michigan School) in Zusammenarbeit mit einem Kardiologen namens Zachary Goldberger und dem Medizinhistoriker Joel Howell dafür verantwortlich ist, was man jetzt in der „Welt am Sonntag“ liest. Zunächst einmal: wie die Cavatina, eins der ergreifendsten musikalischen Bekenntnisse überhaupt, charakterisiert wird als „das Ohr umschmeichelnd wie leichter Frühlingswind, der durch die Wipfel streicht“, ein Satz, der zunächst alles aufbiete, „um in einen seligen Schlummer hinüberzugleiten.“ Doch nach etwa dreieinhalb Minuten sei es damit vorbei: „Die Streicher sind dann zwar immer noch nicht laut, doch ihre Klangwogen schwellen nun an. Der Komponist gibt ihnen auch in der Partitur ausdrücklich die Anweisung, dass sie ‚beklemmend‘ spielen sollen. Zum Einschlafen eignet sich das nicht mehr, denn jetzt bekommt man Angst, danach nicht mehr aufzuwachen. Berechtigterweise, wie Forscher jetzt herausgefunden haben. Denn Ludwig van Beethoven verarbeitete in der Cavatina wohl seine Herzrhythmusstörungen. Und nicht nur dort, sondern auch in anderen Kompositionen.“

Zunächst einmal die Lautstärke: zweimal erreicht dieser Satz ein forte, nämlich in Takt 27 und 36, aber nicht an dieser Stelle, über der auch nicht als Spielanweisung „beklemmend“ steht, sondern „beklemmt“, und das steht nicht über den „Klangwogen“, die nun angeblich anschwellen, sondern über Takt 42, in dem die Spielanweisung lautet sempre pp, lediglich über der 1. Geigenstimme, die eine in Fragmente zerrissene Melodie andeutet, steht das Wort „beklemmt“. Erst in Takt 46 beginnt ein Crescendo, auch in Takt 48, aber keines führt zu einem Forte. Es folgt die Reprise der Cavatinen-Melodie, wer kann, darf beruhigt wieder einschlafen.

Beherzigenswerter als jeder Hinweis auf Herzstörungen in dieser Musik ist die Erinnerung eines Beethovenfreundes: Er hat sie wirklicher unter Thränen der Wehmuth komponirt, und gestand mir, daß noch nie seine eigene Musik einen solchen Eindruck auf ihn hervorgebracht habe, und daß selbst das Zurückempfinden dieses Stückes, ihm immer neue Thränen koste.

Wer angesichts dieser Cavatine tatsächlich vom Einschlafen spricht, ist keinen Moment der Aufmerksamkeit wert. Und wer aus einer Klavier-Sonate (op.81a), die vom Komponisten eindeutig auf Abschiedsschmerz und Wiedersehensfreude bezogen ist, eine Wellenbewegung heraushören will, die „bekanntlich ein häufiger Trigger für Herzrhythmusstörungen“ sei, muss nicht widerlegt werden.

Ähnlich absurd ist der folgende Abschnitt:

Der depressive Schumann erschuf – ebenfalls konsequenterweise – seine fröhlichen Werke nur dann, wenn er gerade in einer manischen Phase war, während die farbige Umsetzung der einfachen Klanglinien im „Bolero“ der Tatsache zu verdanken sind, dass sein Verfasser, der französische Komponist Maurice Ravel, so schwer an der linken Gehirnhälfte erkrankt war, dass er keine komplexen Tonfolgen mehr verarbeiten konnte.

 Quelle Welt am Sonntag  (Wissen) 1. März 2015 (Seite 61)  Jörg Zittlau: Beethovens musikalisches EKG / In den Werken berühmter Komponisten spiegelt sich nicht nur ihr Genie wider. Auch ihre Gebrechen spielen eine Rolle.

Nur soviel zu Ravel: er komponierte nach dem Boléro (1928) noch Kleinigkeiten wie das Klavierkonzert für die linke Hand (1929 -1930) und das Konzert für Klavier und Orchester G-dur (1929 -1931) …

Die (glaubwürdigen) Anekdoten zum Boléro werde ich hier nicht wiederholen ( siehe bei Wikipedia hier), – er hat das Werk, wie der Wortwechsel mit Toscanini zeigt, durchaus ernst genommen -, und man darf sagen, dass allein die Raffinesse der Melodie eine Dissertation verdient hätte, nicht nur die Instrumentation und die Idee, – zum erstenmal in der westlichen Musikgeschichte! -, dem separat inszenierten Rhythmus eine Hauptrolle zu erteilen.

Hier gebe ich noch einmal meine Transkription des Boléros zum besten, auf den Grundton G gesetzt, den tiefsten Ton der Geige. So hat jeder Geigenspieler ausgiebig Gelegenheit, über diese unendliche (und unsterbliche) Melodie zu meditieren, eine Melodie, die vielleicht – im alten Sinne – gar keine sein will.

Bolero in G++

Maurice Ravel „Boléro“ (Übertragung: Jan Reichow, hier bei der Arbeit)

Kein Meinungsbutton bitte!

Es geht einfacher

Jeder macht die Erfahrung: schreibe ich allzu kurze Mails, kann ich missverstanden werden. Soll ich statt des ausdrücklichen Hinweises „(kleiner Scherz)“ ein Smiley setzen?

Und suche ich Stoff zu diesem (oder jedem anderen) Thema, so finde ich soviel Hinweise, dass es kontraproduktiv wirkt, nämlich entmutigend. So zum Beispiel als ich zögerte, ein Smiley zu setzen – eigentlich nur angesichts der Frage: wird es sich beim Adressaten als gelbes Mondgesicht realisieren oder nur als graues Buchstaben-Konglomerat? – schon schlug ich die lange Geschichte im SPIEGEL auf und versank wenig später im Uferlosen.

Schauen Sie zum Beispiel hier, bei www.emojitracker.com, überlegen Sie, ob Sie die Warnung beachten wollen: Epilepsy Warning emojitracker is an experiment in realtime visualization of all emoji symbols used on twitter. it updates at the speed of updates on twitter in realtime, and thus contains rapidly updating visuals that may possibly cause problems for those sensitive to such things? I’m not sure, but I don’t want to risk it, so here is a warning!

Ich habe die Warnung weggeklickt und und mich auf Anzeichen von Epilepsie beobachtet. Sicher, das Internet erzeugt ohnehin ein mentales Infarkt-Risiko, glücklicherweise aber nicht Herz und Kreislauf betreffend, sondern eben genau das, mit dem der moderne Mensch täglich umgeht. Ich schaue meine CD-Sammlung an und habe die Beklemmung, in der Hölle alles auf einen Schlag hören zu müssen.

Ich muss es vom Tisch bzw. Bildschirm wegbringen, hinein in diesen Blogbeitrag, in ungeordneter Folge, zunächst der SPIEGEL (Vorsicht, es sieht nach Kundenfang aus!), dann der Wiki-Artikel über Meinungsbuttons (Ansteckplaketten), dann die Sammlung im Deutschen Historischen Museum hier, ich brauche auch die Abgrenzung zwischen Emoji und Emoticon hier , erinnere mich, in meinem eigenen Schreibprogramm die Serie von Wingdings gesehen zu haben, mehr darüber hier, natürlich auch Smiley.

Plötzlich fällt mir auch das Wort Sprachnot ein, – bin ich nicht selbst fortwährend damit konfrontiert? Da überfällt mich die entscheidende Lektüre der Gymnasialzeit: der Lord-Chandos-Brief von Hofmannsthal, tatsächlich in diesen Jahren wieder ein Abitursthema: Sprachkritik; Sprachskepsis, Sprachnot

Was sagt mir all dies? Du bist nicht allein. (kleiner Scherz :))

Ich bemächtige mich des Rilke-Gedichtes:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Und behaupte, dass ich der erste und einzige bin, der sich in diesem Zusammenhang an Peter Handke erinnert, den ich im August 1970 las, wobei mich diese Stelle ganz besonders beeindruckte und sowohl an den Lord-Chandos-Brief als auch an das Rilke-Gedicht erinnerte:

Handke Sprachnot

Quelle Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter – Suhrkamp Frankfurt am Main 1970 Seite 117

PS.

Ich weiß bis heute nicht, was Bloch zuletzt dachte, bevor er die Vorhänge zuzog und hinausging. Leiter, Fahrrad, Brief, Zähneputzen, zwei  Becher … eine Partnerin?

Ob sich Interpretationen mit der Auslegung dieser Passage beschäftigen?

Sayyed Qutb – vom Dorfkind zum Islamisten (II)

Ein biographischer Essay von Hans Mauritz (Teil II ! Teil I siehe HIER)

Für Sayyed Qutb war die Reise nach Amerika alles andere als Erfüllung eines Traums. Um den unbequemen Publizisten loszuwerden, schickt ihn das Erziehungsministerium, vielleicht auf Anordnung des Palastes, auf „Mission“, mit dem vagen Auftrag, in den Staaten über Lehrpläne und Pädagogik zu forschen. Abgrenzung und Ablehnung prägen seine Reise von Anfang an. Bei der Überfahrt setzt er durch, dass er mit moslemischen Passagieren und nubischen Matrosen das Freitagsgebet verrichten darf. Eine betrunkene, halb nackte Dame, die in seine Kabine eindringen will, weist er empört hinaus. Aus seinen Briefen und Aufzeichnungen wird ersichtlich, dass er das Land nicht mit den Augen eines Mannes sieht, der neue Horizonte entdecken will. Auf den Strassen von New York erblickt er Menschen, die „auf der Suche nach ihrer Beute“ fieberhaft dahingetrieben werden, „scharfe funkelnde Blicke, voll von Gier, Verlangen und Lüsternheit“, und begreift, dass sie dabei sind, einem „Leben in Völlerei, Genuss, Gelüsten und Konsum“ nachzujagen. Bald quält ihn das Heimweh und die Sehnsucht nach Freunden: „Wie sehr brauche ich jemanden, mit dem ich über andere Themen als Geld, Filmstars und Automodelle sprechen könnte“. Die amerikanische Kultur sieht er beherrscht von American Football, Cowboy-Filmen, Thrillern und dem seichten Small Talk, der auf Partys herrscht.Was Sayyed Qutb entdeckt, ist ein von Materialismus geprägtes Land, ohne spirituelle Dimension.

Am State College of Education in der Kleinstadt Greeley im Bundesstaat Colorado verbessert er sein Englisch, lässt sich aber sonst nicht ernsthaft auf Studium und Forschung ein. Im Gegensatz zu Taha, der sich in Frankreich allen Prüfungen stellt, um „Diplome zu erlangen, die keiner seiner Mitbürger jemals vor ihm erworben hatte“, ist Qutb zu solchen Herausforderungen nicht bereit. Das Leben in der amerikanischen Provinz beobachtet er scharf und reagiert darauf mit Unverständnis und Ablehnung. Die Amerikaner, meint er, leben nicht in solidarischer Gemeinschaft, sondern abgeschottet, jeder für sich selbst. Ihre Welt hört auf an ihrem Gartenzaun, und Gartenarbeit ist ihre liebste Freizeitbeschäftigung. Was er vermisst, ist wahre Lebensfreude. Zutiefst erniedrigt fühlt er sich, als ihm der Zutritt in ein Kino verwehrt wird, weil man ihn wegen seines dunklen Teints für einen Afro-Amerikaner hält. Heftig attackiert er den Rassismus der Weissen: „Sie sprechen über Farbige, auch über Ägypter und Araber allgemein, als wären sie nur halbe Menschen (…). Ich habe erlebt, wie sie die Farbigen mit verabscheuenswürdiger Arroganz und widerlicher Barbarei behandeln.“ Trotz der zahlreichen Kirchen, meint er, sei niemand so weit entfernt von Spiritualität und Heiligkeit der Religion. Eine Tanzveranstaltung, die in Anwesenheit des Geistlichen in den Räumen einer Kirchgemeinde stattfindet, widert ihn an: „Arme legten sich um Taillen, Lippen trafen auf Lippen, Brüste auf Brüste, und die Atmosphäre war angefüllt mit Leidenschaft“. Den unerfahrenen keuschenTräumer, der einem weiblichen Idealbild huldigt, empört der ungezwungene Umgang zwischen den Geschlechtern und die Freizügigkeit in Sachen Erotik und Sexualität. Sayyed Qutb, der sich schon in Kairo entwurzelt fühlte, den die vom Westen inspirierte Lebensweise abstiess, der in der liberalen Wirtschaftordnung nichts als Egoismus, Kolonialismus und Ausbeutung sah, wird der Aufenthalt in Amerika in seiner radikalen Opposition bestärken und weiter treiben auf einem Weg, der Heil und Rettung allein im Islam sucht.

Abdel Nasser

Nach seiner Rückkehr aus Amerika verstärkt Sayyed Qutb seine Annäherung an die Moslembruderschaft und ihre Positionen. Die amerikanischen Erfahrungen fliessen in seine Schriften ein. In seinem Buch „Der Kampf zwischen Islam und Kapitalismus“ (1951) konstatiert er, dass in Ägypten der Landbesitz noch immer genau so ungerecht verteilt ist wie zur Zeit der Feudalherrschaft. Der Staat schützt nicht die Interessen der Mehrheit, sondern jene der Elite und der ausländischen Investoren. Materielle Abhängigkeit vom Westen hat ideologische Abhängigkeit hervorgebracht, und daraus ist eine Generation von „braunen Engländern“ entstanden, die ihre ägyptisch-arabische und islamische Identität verlieren. Qutbs Angriff gegen den Kapitalismus bedeutet jedoch keineswegs, dass er mit dem Kommunismus sympathisert, denn dessen Atheismus würde die Ägypter ihrer angeborenen Spiritualität berauben.

Im Herbst und Winter 1951/52 erheben sich die Ägypter gegen die britischen Besatzer. In Ismailiyya demonstrieren und sterben Polizisten, Arbeiter, Azharis und Studenten. Gegen den Willen ihrer Führer kämpfen auch Moslembrüder in vorderster Linie. In Kairo Down Town brechen Feuersbrünste aus: vor allem Etablissements, die Ausländern gehören, gehen in Flammen auf, über 700 Betriebe und Geschäfte werden zerstört. Bevorzugte Ziele sind Kinos, Bars, Tanzlokale und Treffpunkte der Schickeria wie das Café Groppi am Midân Talat Harb.

Wenige Tage vor dem Staatsstreich der Freien Offiziere am 23. Juli 1952 kommt es zu einem geheimen Treffen zwischen Abdel Nasser und seinen Verschwörern mit ausgewählten Moslembrüdern im Haus von Sayyed Qutb. Die Freien Offiziziere brauchen die Zusammenarbeit der Moslembrüder, damit diese ihren Einfluss auf die Massen geltend machen. Qutb seinerseits sieht gemeinsame Anliegen wie soziale Gerechtigkeit, nationale Unabhängigkeit und Annäherung an die arabisch-islamische Welt und an die blockfreien Staaten. Er hofft, die Revolutionäre könnten zum Vehikel werden für die Renaissance des Islam. Im August wird er eingeladen, im Offiziersclub von Zamalek einen Vortrag zu halten über „Intellektuelle und spirituelle Befreiung im Islam“. Unter den Zuhörern ist Abdel Nasser selbst, der ihm gratuliert und seinen Schutz verspricht. Qutb wird zu einer Art kulturellen Beraters des Revolutionsrates und träumt davon, eine Führungsrolle als Architekt des neuen Ägyptens zu einzunehmen. Je mehr aber der Revolutionsrat die Kontrolle über den Staat übernimmt, desto mehr trüben sich die Beziehungen zu den Moslembrüdern. Die Offiziere wollen ihre Macht nicht an einen Konkurrenten verlieren, der eine weit grössere Anhängerschaft im Volk besitzt als sie.

Als Nasser im Dezember 1952 die politischen Parteien verbieten lässt, bleibt die Moslembrüderschaft zunächst verschont. Als Reaktion auf die Verschlechterung der Lage tritt Sayyed Qutb im Februar 1953 auch offiziell den Moslembrüdern bei. Er fühlt sich wie neu geboren und avanciert rasch zum Mitglied der Führung und zum Chef der Propaganda-Abteilung. Im Januar 1954 befiehlt Abdel Nasser die Auflösung der Organisation. Mit 450 anderen wird Qutb vorübergehend festgenommen. Als im Oktober 1954 ein Moslembruder auf Nasser schiesst, der vor einer Viertelmillion von Anhängern in Alexandria spricht, ist dies willkommener Vorwand, um mit den Brüdern aufzuräumen. Sie werden vor ein Volkstribunal gestellt und angeklagt, einen blutigen Aufstand geplant zu haben. Qutb wird gefoltert, „anti-gouvernementaler Aktivität“ beschuldigt und zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Von seiner Zelle aus muss er die positiven Errungenschaften des Regimes zur Kenntnis nehmen: Bodenreform und Landverteilung an die kleinen Bauern, Verstaatlichung von Grossgrundbesitz und ausländischem Eigentum, kostenlosen Schulbesuch, Industrialisierung , Nationalisierung des Suez-Kanals und Bau des Aswân-Staudammes, Gesundheitsfürsorge, Bau von Wohnungen für die Armen und Trinkwasser für alle: Anliegen ganz im Geiste Qutbs, aber realisiert von einem Gewaltregime, das nach seiner Überzeugung gegen die Werte des Islam verstösst.

Die „Flitterwochen“ zwischen Säkularen, Modernisten und Sozialisten auf der einen und Traditionalisten und „Islamisten“ auf der anderen Seite haben nur wenige Monate Bestand gehabt. Wie wäre wohl Ägyptens Geschichte verlaufen, wenn statt der Gewaltspirale auf beiden Seiten Kompromiss, Zusammenarbeit und Austausch von Ideen stattgefunden hätte? Stattdessen haben sich die beiden Lager brutal bekämpft. Seit der Revolution von 2011 hat sich der Konflikt verschärft. Die Moslembrüder hatten unter Morsi ihre „Chance“, haben sie verspielt und sind vom politischen Parkett verschwunden. Ihre Aktivisten warten im Gefängnis auf ihren Prozess, andere Islamisten sind abgetaucht und haben sich im schlimmsten Fall jenen angeschlossen, die anderswo einen „islamischen Staat“ errichten wollen. (16)

Sayyed Qutb hat neun Jahre im Tura-Gefängnis verbracht und miterlebt, wie Gefangene geprügelt, gefoltert und von Hunden zerfleischt wurden. Hier, berichten Zeugen, verliert er die letzten Illusionen, was den moslemischen Charakter des Nasser-Regimes angeht. Seine im Kerker entstandenen Schriften „Im Schatten des Islam“ und „Zeichen auf dem Weg“ rechnen ab mit einem Regime, von der er aus eigener Anschauung nur die Konzentrationslager kennt (17). Wer Sayyeds Lebensgeschichte verfolgt, kann nachvollziehen, wie sich ein „aufgeklärter“ Publizist zu einem Denker wandelt, der sein Heil einzig im Islam sucht. Was wir jedoch nicht akzeptieren dürfen, ist das totalitäre Programm, das er nun verkündet und das weiterwirkt bis in den radikalen Islamismus unserer Tage.

„Zeichen auf dem Weg“ zur Gottesherrschaft

Sayyed Qutb analysiert nicht nur das Nasser-Regime, sondern alle Staatsformen, welche die Welt beherrschen, seien sie kapitalistischer, sozialistischer oder faschistischer Natur. Alle sind von Grund auf böse, weil in ihnen die Souveränität الحكيميّة , „al-hakîmiyya“, nicht in Gottes Hand liegt, sondern in der Hand eines Diktators, einer herrschenden Klasse oder Partei (18). Herrschaft des Menschen über Menschen aber führt unweigerlich zu Unterdrückung. Nur die Herrschaft Gottes und seines Gesetzes, der Sharî‘a, in einem durch und durch islamisch geprägten Staat befreit von Tyrannei, Armut, Angst und Laster (19). Staatsformen, in welchen Menschen wie Götzen angebetet werden, gehören für Qutb zu الجاهليّة , „al-jâhiliyya“, der Zeit heidnischer Ignoranz und Barbarei, die vor dem Siegeszug des Islam geherrscht hat und in den Diktaturen des 20.Jahrhunderts auferstanden ist. In solchen Gesellschaften unterdrückt der Starke den Schwachen, häufen Individuen unglaubliche Reichtümer an, verdrängen Materialismus und Egoismus die Sorge um das Wohl der Allgemeinheit und breiten Dekadenz und Unmoral sich aus (20). Als جاهيلي (heidnisch, ignorant, barbarisch) brandmarkt Sayyed Qutb aussereheliche Beziehungen und Homosexualität, und er verurteilt Frauen, die sich ihr attraktives Aussehen und ihren Sexappeal zunutze machen, um im Beruf Erfolg zu haben, statt sich der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Die Jâhilîyya prägt nicht allein die „heidnischen“ Gesellschaftssysteme, sondern hat auch alle moslemischen Gesellschaften der Moderne infiziert, so sehr, dass nicht nur moslemische Regimes, sondern ganze Völker ausserhalb des wahren Islam leben. Auch wer an Allah und seinen Propheten glaubt, betet, fastet und nach Mekka pilgert, verharrt in Barbarei und Ignoranz, solange sein Leben „nicht gegründet ist auf Unterwerfung unter Gott allein.“

Moderne Regimes sind nur schwer zu stürzen, denn sie stützen sich auf Militär und Polizei. Qutb glaubt nicht, dass die Moslembrüder dies ändern, indem sie am politischen Leben teilnehmen, es unterwandern und Schritt für Schritt zur Macht gelangen. Er hofft auch nicht auf einen Aufstand der Massen, denn diese hat man durch Zuckerbrot und Peitsche, durch Gewalt und Propaganda zu gefügigen Untertanen gemacht. Er sieht das Heil allein in einer Avant-Garde, الطليعة „al-Talî’a“ , einer auserwählten Schar von Moslems, welche die Menschen zum wahren Islam zurückführen und zu professionellen Revolutionären werden, welche das Regime zu Fall bringen. „Predigen allein genügt nicht mehr, um die Herrschaft Gottes auf Erden zu etablieren“.

Allahs Herrschaft kann nur errichtet werden, wenn sie sich nicht auf die moslemische Welt beschränkt. Damit sie universal wird, muss zum جهاد „al-jihâd“ aufgerufen werden. Der Verbstamm ج ه د meint „sich bemühen, sich anstrengen, streben, kämpfen“ und „den heiligen Krieg gegen Ungläubige führen“. Der Begriff ist im Koran nicht frei von Ambiguität. Während manche Theologen den Akzent auf „einen geistigen Kampf“ legen, der darauf zielt, Begierden und böse Neigungen zu zügeln, und andere den heiligen Krieg nur dann erlauben, wenn Moslems von Ungläubigen angegriffen werden, rechtfertigen wiederum andere den Jihad als „Krieg gegen alle, die nicht an Allah glauben.“ Sayyed Qutb verkündet, „dass der Islam (die Hingabe an Allah) eine universale Botschaft ist, welche die ganze Welt akzeptieren oder mit der sie Frieden schliessen sollte. (…) Der Islam ist die wahre Zivilisation.“ Seine Botschaft ist totalitär: „Es gibt nichts jenseits des Glaubens außer Unglauben, nichts jenseits des Islam außer Jâhîliyya, nichts jenseits der Wahrheit außer Unwahrheit.“

Zwar ermahnt er ungestüme Kämpfer zur Geduld: die Avant-Garde braucht eine lange Zeit spiritueller Vorbereitung. Ihre Kämpfer sollen sich zurückziehen, sich abschotten von der Welt, um sich von Irrtümern und Lastern nicht kontaminieren zu lassen. Erst nach dieser Zeit des „Rückzugs“ und der erfolgreichen Mission unter moslemischen Massen wird man zum Angriff übergehen. Allahs Religion „hat das Recht, alle Hindernisse zu zerstören, die in Form von Institutionen und Traditionen die Wahlfreiheit des Menschen einschränken (…). Sie greift keine Individuen an, noch zwingt sie sie, ihren Glauben anzunehmen (…). Der Islam verbietet Moslems, ihre Feinde zu foltern und zu erniedrigen.“ Wie diese Avant-Garde aber Institutionen zerstören und Staaten zerschlagen will, ohne auch Unschuldige zu treffen, sagt er nicht.

Durch Intervention des irakischen Präsidenten wird Sayyed Qutb 1964 auf freien Fuss gesetzt, aber weniger als ein Jahr später zusammen mit Tausenden seiner Gefährten wieder festgenommen, weil Nassers Geheimdienste angeblich einen Umsturzversuch der Moslembrüder aufgedeckt haben. Sein Todesurteil führt zu Protesten in der moslemischen Welt. Am 29. August 1966 wird Sayyed Qutb gehängt. Das Problem der islamistischen Gewalt ist damit freilich nicht gelöst. Qutb wird zum شهيد „shahîd“, zum Märtyrer, der für seinen Glauben gestorben ist  (21). Seine „Wegzeichen“ werden zur programmatischen Schrift. Im Oktober 1981, elf Jahre nach Nassers Tod, wird sein Nachfolger al-Sadât von Jihadisten umgebracht. Eine Generation später wird Osama Ben Laden eine Strategie entwickeln, die den Terror exportiert und sich dabei die Errungenschaften moderner Massenkommunikation zunutze macht. Die letzten Monate haben in Syrien und im Irak gezeigt, wozu die Gewalt von Islamisten fähig ist. Wir können nicht entscheiden, ob Sayyed Qutb all dies gebilligt hätte. Was er geschrieben hat, wirkt jedoch programmatisch fort und bietet manchen Interpretationen Raum: „Wir müssen den Ungläubigen den Islam nicht rational erklären (…), wir werden mit ihnen äusserst offen sein: die Ignoranz, in der du lebst, macht dich unrein, und Allah möchte dich reinigen (…), das Leben, welches du lebst, ist niedrig, und Allah möchte dich erhöhen“. Was Sayyed Qutb verschweigt, sind die Konsequenzen: wer sich nicht „reinigen“ und „erhöhen“ lassen will, dem wehe Gott! Wer das folgende Bekenntnis eines IS-Kämpfers von heute liest, kann nicht umhin, an Qutb zu denken: „Der Islam ist die einzig wahre Religion. Weltweit haben wir leider keinen einzigen echten islamischen Staat (…). Wenn man für eine gute Sache tötet, ist das legitim (…). Wenn Allah sagt, es ist erlaubt, solche Menschen zu töten, dann würde ich das auch machen. Ich folge seinen Gesetzen blind (…). Ich würde sogar meine Familie töten, wenn sie sich gegen den islamischen Staat stellt (…) In zwanzig, dreissig Jahren haben wir das geschafft. Wir kämpfen so lange, bis der ganze Planet islamisch ist.“ (22)

Anmerkungen

  1. Taha Hussein, „Kindheitstage“, „Jugendjahre in Kairo“ und „Weltbürger zwischen Kairo und Paris“, Edition Orient, 1985 ff. Das arabische Original الآيام “al-ayâm“, „Die Tage“, ist in drei Bänden 1926, 1940 und 1955 erschienen. Vgl. Hans Mauritz, „Taha Hussein – vom blinden Jungen aus Oberägypten zum Dichterfürsten“, http://www.leben-in-luxor.de/luxor_essays_mauritz_taha.html

  2. Sayyed Qutb, „Kindheit auf dem Lande. Ein ägyptischer Moslembruder erinnert sich“, aus dem Arabischen von Horst Hein, Edition Orient 1997. Das Original ist unter dem Titel طفل من القرية „Tifl min al-qarya“ 1946 erschienen.

  3. Was Taha Hussein a fellol?” siehe HIER

  4. Dabei spielten gerade im geistigen Leben von Musha die Sufi-Orden eine wichtige Rolle. Vgl. Nicholas Hopkins „Sufi Organization in Rural Asyut: The Riffa’iyya in Musha”, in “Upper Egypt. Identity and Change”, The American University in Cairo Press, 2004.

  5. عفريت „’ifrît“ pl. عفاريت“’afârît“ sind Dämonen und Teufel, die im Volksglauben noch heute lebendig sind.

  6. القرينة ist „ein weiblicher Dämon der Frauen, bes. Kindbettdämonin“ (Hans Wehr, Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart.)

  7. Vgl. den Roman von Mansura Eseddin, „Hinter dem Paradies“, Zürich 2011. In einem Interview gesteht die Schriftstellerin, wie sehr sie vom Mysteriösen und Unheimlichen fasziniert ist: „Der Wahnsinn fasziniert mich, die Frage, wie das wilde Tier aus dem Menschen herausbricht (…). Sie würden sich wundern, wie elementar meine Ängste sind“. (H.Mauritz, „Gestohlenes Leben. Die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin“, KEMET 4/2013, pp.73-76). Das Motiv des Zwillings, der sich nachts in eine Katze verwandelt, behandelt Hassan Abd al-Mawgud in seinem Roman „Das Auge des Katers“, Lisan-Verlag, Basel 2006.

  8. Auch heute noch haben ägyptische Eltern die Wahl, ihre Kinder in Staatsschulen oder in von al-Azhar geführten Instituten einzuschulen. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder in Privatschulen, vor allem ausländische Schulen.

  9. „Efendi“ oder „afendi“, plural „afendiyât“ war der Titel für einen europäisch gekleideten Ägypter, für einen Mann aus dem Mittelstand und für Lehrer an staatlichen Schulen.

  10. Wer wie der Schreibende seit langem in Oberägypten gelebt hat, ist mit ähnlichen Schildbügerstreichen vertraut.

  11. العدالة الاجتماعيّة في الاسلا „al-’adâla al-igtimâ’iyya fi al-Islâm“, 1949

  12. „Er begann sich Gedanken zu machen über diesen tiefen Graben, der die Reichen von den Armen trennt.“ („Jugendjahre in Kairo“, p.146.) Vor allem die Cholera-Epidemie von 1947 macht ihm bewusst, wie sehr sein Land „unfähig ist, das zu bekommen, was die freien Völker erlangen: das Gefühl eines Minimums an menschlicher Würde.“ („Au-delà du Nil“, Paris 1977, pp.246 f

  13. Die folgenden Kapitel unserer Arbeit stützen sich auf John Calvert, „Sayyid Qutb and the Origins of Radical Islam“, The American University in Cairo Press, 2011. Zitate, für die keine andere Quelle genannt werden, stammen aus diesem Buch.

14. Nagib Mahfûs, „Mirrors“, AUC, pp.119-122. Die deutsche Übersetzung „Spiegelbilder“, Unionsverlag Zürich, ist vergriffen.

15. „Weltbürger zwischen Kairo und Paris“, p.32

16. Über junge Ägypter, die in Syrien auf der Seite des „Daëch“ kämpfen vgl. Manar Attiya, „ces jeunes qui font la guerre sainte“, al-Ahrâm Hebdo, 24.-30.9.2014, p.24

17. „Tatsächlich ist Qutb überzeugt, dass die Wärter und Folterer in den Konzentrationslagern Gott vergessen haben. Sie beten ihn nicht mehr an, sondern setzen an seiner Stelle Nasser und den Staat zum Götzen ein.“ Gilles Kepel, „Le prophète et le pharaon“, Gallimard, folio histoire, 2012, pp.21ff

18. «al-  hakîmiyya» ist ein Neologismus, gebildet vom Verbstamm ح ك م , der „herrschen, regieren, richten, urteilen, entscheiden, befehlen“ bedeutet.

19. Alle Zitate nach John Calvert, s.o., Anm. 12, pp.212-225

20. „Diese Jahiliyya basiert auf der Rebellion gegen Allahs Herrschaft auf der Erde; sie überträgt den Menschen eine der grössten Eigenschaften Allahs, nämlich die Souveränität, und macht Menschen zu Herren über andere.“ (Shahîd Sayyid Qutb, „Zeichen auf dem Weg“, aus dem Englischen von Muhammed Shukri, TEXT HIER.) 

21. Die „Shiitische Republik Iran“ hat den „Märtyrer Sayyed Qutb“ 1984 mit der Herausgabe einer Briefmarke geehrt.

22. „Erhan A. würde für den islamischen Staat töten“ (Interview mit einem jungen Islamisten, der auf dem Absprung nach Syrien ist), Tages-Anzeiger, „Das Magazin“, nr.40, 2014.

John calvert - Qutb Qutb Wiki Commons

Sayyed Qutb – vom Dorfkind zum Islamisten (I)

Ein biographischer Essay von Hans Mauritz

Kindheit auf dem Lande

                            Qutb das Dorf Musha Das Dorf Musha

Zwanzig Jahre nach Taha Husseins berühmtem Buch „Kindheitstage“ (1) sind unter dem Titel „Ein Kind vom Dorf“ die Erinnerungen eines Autors erschienen, der ebenfalls aus Oberägypten stammte und sein Werk übrigens „Seiner Exzellenz Dr. Taha Hussein“ gewidmet hat (2). Sayyed Qutb سيّد قطب wurde 1906, siebzehn Jahre nach Taha Hussein, im Dorf Musha موشا , fünfzehn km südlich von Assiût, geboren. Auch er wird aus der Enge des Dorfes herausfinden, in Kairo studieren, sich einen Platz im öffentlichen Leben erobern und im Ausland seinen Horizont erweitern. Die Wege der beiden haben sich gekreuzt, bevor das Schicksal sie in ganz entgegengesetzte Richtungen trieb: Taha wurde zum weltbekannten Schriftsteller und Gelehrten, der sich dafür engagierte, dass Ägypten den Weg einer vom Westen inspirierten Entwicklung einschlug, ohne seine Identität zu verleugnen. Sayyed aber wurde vom Kämpfer für nationale Unabhängigkeit zum Vordenker eines radikalen Islamismus, verbrachte Jahre in den Konzentrationslagern Abdel Nassers und bezahlte schliesslich mit dem Tod am Galgen. Die beiden Schriftsteller werden auch heute noch polemisch als Antagonisten einander gegenübergestellt. So erscheint am 24. Oktober 2012 im Internet ein Pamphlet, das Taha Hussein als privilegierten „Pascha“, als Opportunisten und Wendehals verunglimpft. Diesem „bösen“ Intellektuellen wird als Prototyp des Guten Sayyed Qutb gegenübergestellt. Im selben Jahr 1966, als Taha mit dem „Orden des Nils“, der höchsten staatlichen Auszeichnung, geehrt worden sei, habe das Regime den Moslembruder Sayyed Qutb am Galgen gehängt (3).

Beide Bücher sind Zeugnisse des Lebens in einem oberägyptischen Dorf in den Jahren zwischen 1890 und 1920. Aber während in Tahas Autobiografie die Figur des blinden Knaben im Mittelpunkt steht, der aus der geistigen Enge und Ignoranz zum Bewusstsein seiner selbst erwacht, verfolgt Sayyed einen eher anthropologischen und ethnografischen Zweck: er will den „verwöhnten Städtern“ und der neuen Generation die Augen öffnen für die Realität des ländlichen Lebens und ihnen zeigen, was daran erhaltenswert und was zu ändern wäre. Seine Erzählung ist weniger chronologisch als thematisch angelegt in Kapiteln, die dem Volksglauben, der Schule, der medizinischen Versorgung und den hygienischen Verhältnissen, den Machtstrukturen des Dorfes und den Interventionen der staatlichen Obrigkeit gewidmet sind. Mehr als der blinde Taha vermag es der junge Sayyed, die Realität des Dorfes detailgetreu einzufangen. Daraus ist ein Bericht entstanden, der zu einem Dokument des oberägyptischen Lebens in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts geworden ist. Sayyed Qutbs Lebensweg nach seiner Abreise aus dem Dorf dient uns als Zeugnis für den Zusammenprall von Tradition und Moderne, von säkularen und religiösen Kräften und für die Gewaltspirale, welche die ägyptische Politik über Jahrzehnte prägt.

Beide Autoren behandeln ähnliche Themen, wobei der Jüngere bewusst den Wettstreit mit seinem berühmten Vorbild sucht. Aber während Taha sich auf die Scheichs, die „Schriftkundigen“ und Sufis konzentriert, die das religiöse Leben im Dorf bestimmen und irrige Glaubensinhalte vermitteln, schildert Sayyed uns konkrete Fakten über den Aberglauben, der zu phantastischen und skurillen Phänomenen führt (4). Gleich am Anfang seiner Kindheitserinnerungen tritt der „Oberscheich“ auf, ein Besessener, vermutlich ein Epileptiker, der mit zerzausten Haaren und irrem Lachen splitternackt durchs Dorf läuft. Fliehen vor ihm ist sinnlos, denn seine Riesenschritte sind so gewaltig, dass er sich zum Freitagsgebet nach Mekka begeben kann. Er schlägt mit einem Stock um sich, der, so glaubt man, von einem Baum im Paradies gepflückt ist. Ein kranker Körperteil, den er beim Schlagen trifft, wird geheilt. Dieser „Scheich“ ist kein isoliertes Individuum: eine Gemeinschaft von „Heiligen“ hat ihn auserwählt und ihm einen Trank verabreicht, der ihm erlaubt, durch das Stadium der Besessenheit hindurch die Stufen der Heiligkeit hinaufzusteigen. „Er ist kein Mensch mehr wie wir (…) Er ist jetzt mit der Heiligkeit beschenkt und gehört nicht mehr zur irdischen Welt, in der wir leben.“ Freilich kommt es vor, dass dieser Trank so stark ist, dass er jahrelange Besessenheit auslöst: „Durch die Kraft des Trankes überkam den Scheich nach Zeiten ruhiger Heiligkeit immer wieder ein Zustand heftiger, starker Besessenheit. (…) Als dreimal glücklich galt der, dem es gelang, den Rand seines Gewandes zu berühren; derjenige jedoch, der es vermochte, seine Hand zu fassen oder zu küssen, hatte im Diesseits und Jenseits den Sieg errungen.“ Dieser Aberglaube führt zu Verhaltensweisen, wie sie schon Taha Hussein beschrieben hat. In dieser Hinsicht, so scheint es, sind zwei Jahrzehnte durchs Land gezogen, ohne Spuren zu hinterlassen: „Wenn der Scheich ein Bad nahm – was er jedoch nur selten tat – , so war das Wasser, das er benutzte und das das Beste seines Körpers in sich trug, heiliges Wasser. Seine Familie bewahrte es auf, um es portionsweise an die wartenden Auserwählten zu verteilen. Einige von ihnen tranken es, einige wuschen sich damit die Augen, und andere hoben es in Flaschen für Notfälle auf.“

Es ist verständlich, dass in einer solchen Umwelt die Medizin einen schweren Stand hat. Der „Herr Doktor“ ist nur ein Krankenpfleger, den das Kreiskrankenhaus entlassen hat, aber er trägt einen sauberen Arztkittel und praktiziert bedachtsam und verständig. Dennoch glauben nur wenige im Dorf an diesen Vertreter der neuen Medizin: „Der Leser möge verstehen, dass dieser Herr nur der Freund der aufgeklärten Dorfbewohner war (…) im Unterschied zu den anderen, die zu Dorfmethoden und Dorfbadern Zuflucht suchten.“ Die sanitäre Situation des Dorfes liegt im Argen, weil das Bassin in der Moschee nicht nur der rituellen Waschung dient, sondern all denen, die zuhause keinen Brunnen haben. Und da die Häuser selten über Toiletten verfügen, bedient man sich der Dorfmoschee: „ein immer stärker werdender Gestank ging von den Toiletten aus, und die Fliegen sassen abwechselnd auf den offen daliegenden Fäkalien und auf den Gesichtern der Sitzenden.“ Der ungenierte Ton mag stören, aber er zeigt, dass Sayyed Qutb entschieden gegen Rückständigkeit und für den Fortschritt kämpft.

Ein besonderes Kapitel ist den Ifrîten (5) und den Doppelgängern gewidmet. Die Überzeugung, dass in einer alten Mühle böse Geister herumspuken, ist so verankert, dass der Sprung einer Katze aus dem Mühlenfenster einen Knaben derart erschreckt, dass er in Ohnmacht fällt und selbst eine Geisterbeschwörung seinen Tod nicht mehr verhindern kann. Die Ifrîte halten sich in verlassenen Häusern, dunklen Winkeln und in Toiletten auf. „Alle Dorfbewohner glaubten an Heilige und deren Wundertaten, durch die Ifrîte gefesselt oder verbrannt werden konnten, und seit alters her vermischten sich Heiligenlegenden mit schrecklichem Ifrît-Aberglauben“ Bei diesem Aberglauben geht es nicht um vage Gespensterangst, sondern um die Überzeugung, dass der Kosmos von Wesen bewohnt wird, die zu dem Einzelnen in einer ganz konkreten Beziehung stehen. Wenn ein Kind zu Boden fällt, eilt seine Mutter erschrocken herbei, denn der Kleine könnte auf seinen unsichtbaren Doppelgänger aus der anderen Welt gefallen sein: „Denn alle glaubten, dass zu jeder Frau eine Qarîna (6) aus der Welt der Djinnen gehörte. Und jedesmal, wenn die Menschenfrau einen Jungen geboren hatte, brachte die Djinnin ein Mädchen zur Welt und umgekehrt“. Die Beziehung zwischen uns Menschen und „unseren Brüdern“ ist äusserst eng und gefährlich: „Manchmal war das männliche Menschenkind schön; dann war die Qarîna eifersüchtig, weil sie nur ein Mädchen hatte; ihre Eifersucht auf die Schönheit des menschlichen Jungen wuchs, bis sie den Jungen in der siebenten Nacht erwürgte.“ Und tatsächlich, so glaubt man, war sie verantwortlich für den Tod von Sayyeds Bruder. In Wirklichkeit war die Nachlässigkeit in sanitären Dingen schuld: das Kind ist an Tetanus gestorben, weil die Hebamme das Messer nicht desinfiziert hat, mit dem sie seine Nabelschnur abtrennte. Die bösen Geister bringen Kinder um, aber sie entführen sie auch und lassen an ihrer Stelle ein Djinnenkind zurück. Ähnlich verbreitet wie der Glaube an Ifrîte ist der Glaube an das nächtliche Umherschweifen der Seelen. „Die Seelen von Kindern – besonders von Zwillingen – streiften umher, wenn sie schliefen, das heisst sie verliessen den Körper und zeigten sich fast immer in der Gestalt einer Katze (…) Wurde die Katze geschlagen, erkrankte das Kind und spürte Schmerzen an dem Körperteil, wo man die Katze geschlagen hatte; starb das Tier, so starb auch das Kind.“

Dem jungen Sayyed gelingt es nach und nach, sich vom Glauben an Spuk und böse Geister zu befreien, denn in der Schule unterrichten aufgeklärte Lehrer, und nach der Schulzeit kommt er in Kairo in eine andere Welt. „Er verbrachte sein Leben in der Stadt, seine Bildung wurde umfassender, und die Ifrît-Geschichten wurden ihm Anlass zu Scherzen und Spässen. Aber wenn du heute seine Träume und Traumgesichte befragtest, so verkündeten sie dir, dass die Ifrît-Legenden tiefer in seinem Innern leben als die Kultur“. Was Sayyed Qutb 1946 gesteht, gilt auch für Schriftsteller aus der jüngeren Generation (7).

Im Vergleich zu Taha Hussein, der auf die Koranschule und ihren ignoranten Scheich angewiesen war, ist der siebzehn Jahre jüngere Sayyed privilegiert: die staatliche Grundschule hat im Dorf Einzug gehalten, so dass den „Aufgeklärten“ und besser Gestellten für ihre Söhne – etwas später auch für ihre Töchter – zwei Schultypen geboten werden. Überraschend ist, dass für den Knaben zunächst weniger die unterschiedlichen Lehrpläne und Unterrichtsmethoden bei seiner Wahl entscheidend sind als vielmehr Sauberkeit und schickliches Benehmen: „In der Koranschule gab es keine Schulbänke, Pulte und Zimmer, keine Glocke und Klassen, keine Bücher, Schreibutensilien und Hefte. Die Schüler schreiben auf eine Tafel aus Wellblech, und wenn sie etwas auswischen, spucken sie darauf und wischen es mit dem Zipfel ihrer Kleider ab. (…) Dann stiess ihn ab, dass unser Herr Lehrer, wenn er die Tafeln der Schüler mit roter Tinte korrigierte, die fehlerhaften Wörter einfach ableckte.“ In der staatlichen Schule fühlt er sich wohl, zumal er als Sohn eines angesehenen Mannes Privilegien geniesst: da sein Vater Schulleiter und Lehrer regelmässig zum Mittagessen einlädt, „kümmerten sie sich im Unterricht ganz besonders um ihn (…). Er machte täglich Fortschritte, denn ihm wurde das Wissen fast wie im Privatunterricht vermittelt; nur wenige Schüler, lediglich die Söhne reicher Dorfeltern, wurden so liebevoll behandelt wie er.“ Diese Idylle wird getrübt, weil im Dorf Gerüchte zirkulieren, die Regierung wolle, dass man in ihren Schulen den Koran nicht mehr auswendig lernt. Viele Schüler fliehen daraufhin „von der Schule des Unglaubens und des Irrtums, in der die Regierung sie ihres Glaubens berauben wollte, ohne dass sie es merkten“. Der kleine Sayyed jedoch erreicht, in die staatliche Schule zurückkehren zu dürfen, die für ihn ein heiliger Ort geworden ist. Um die Argumente der Gegner zu widerlegen, gibt er sich beim Memorieren des Koran besondere Mühe und stellt eine Gruppe von Jungen zusammen, die im Wettstreit des Rezitierens die Schüler der Scheichs übertrumpfen. Die präzise Kenntnis des heiligen Buches wird Sayyed Qutb zugute kommen, wenn er in seinen späteren Schriften den Koran kommentiert und schliesslich Bücher schreibt, die radikalen Islamismus propagieren (8).

Für Sayyeds Entwicklung sind die Lehrer der staatlichen Schule von besonderer Wichtigkeit. „Er verehrte die Afandiyât fast bis zur Anbetung, denn sie gehörten zur heiligen Schule und sie lehrten, was er nicht wusste, und verstanden, was er nicht verstand“ (9). „Die Schüler und die Dorfbewohner hatten ihnen diesen Ehrennamen gegeben, um sie von den Dorfscheichs, den Koranrezitatoren, zu unterscheiden.“ Ausführlich berichtet er, welche Aufklärungsarbeit ein solcher Efendi im Dorf verrichtet. „Ein junger Schulleiter war an die Schule versetzt worden, der sich intensiv um die ethische und geistige Erziehung der Schüler bemühte und nicht wie seine Vorgänger nur trockene Schulwissenschaft unterrichtete.“ Er beschränkt sich nicht darauf zu verkünden, dass Aberglaube auf Ignoranz beruht, sondern begleitet seine Schüler nachts an Orte, an denen es spukt. „Viele Augen empfingen die Schüler, rote und blaue, die im Dunklen glühten, ohne Zweifel Ifrît-Augen, die Funken sprühten“. Das Experiment gelingt: der Lehrer fängt eines dieser Wesen ein, um zu beweisen, dass es ganz gewöhnliche Kaninchen sind.

Taha Husseins Kindheit auf dem Dorf war von den politischen Ereignissen und der Präsenz des Staates unberührt. Er wird vom Geschehen in seinem Land und in der Welt erst eingeholt, als er an al-Azhar und an der Universität studiert und allmählich aus der traditionellen Welt der Turbanträger in jene der urbanen „Tarbuschträger“ hinüberwechselt. Sayyed Qutb ist privilegiert: er stammt aus einer angesehenen Familie von Grundbesitzern. Sein Vater ist Delegierter der nationalistischen Vaterlandspartei, hat eine Zeitung abonniert, und in seinem Haus versammeln sich Nationalisten und Liberale. Kein Wunder, dass darunter auch die Efendis sind. Der Erste Weltkrieg entfacht Emotionen und Hoffnungen: „Das ganze Dorf stand auf Seiten der Türkei, die als Staat des Kalifats gegen die gottlosen Alliierten kämpfte“, und alle hofften, eine Niederlage der Engländer würde Ägypten zur Unabhängigkeit verhelfen. Ein junger Schulleiter, glühender Patriot, versorgt den Jungen mit Büchern voll vaterländischer Poesie, „zwei seltenen kostbaren Büchern, und beide enthielten Patriotisches, nach denen sich seine glühende Seele sehnte (…). Und als in die Trompete der grossen ägyptischen Revolution geblasen wurde, stellte sich der Lehrer vor die Schülerreihen, hielt eine feurige, patriotische Rede und verkündete, die Schule würde auf unbestimmte Zeit geschlossen“. Der kleine Sayyed, kaum älter als zehn Jahre, schreibt revolutionäre Reden und Gedichte und trägt sie in politischen Versammlungen und Moscheen vor.

Der Staat hat dem Dorf eine Schule beschert, die eine Schicht von Gebildeten entstehen lässt, die für nationale Unabhängigkeit, gegen die Vormundschaft der Briten und die Willkür des Palastes kämpfen. Derselbe Staat jedoch greift rücksichtslos in das Dorfleben ein. Der Arzt aus der Kreisstadt erscheint nicht etwa, wenn ihn die Patienten brauchen, sondern um die Leichen von Ermordeten zu sezieren, falls sich ein Verbrechen nicht wie üblich vertuschen lässt. Er organisiert eine Impfaktion, die Schrecken verbreitet, weil niemand ihren Zweck versteht: „Mütter stürzten in panischer Angst auf die Strasse, um ihre Kinder hastig einzusammeln. Sie verriegelten die Tür, stiegen auf die Dächer und machten sich bereit, von einem Haus zum anderen zu springen.“ Einen ähnlichen Schrecken verbreitet der Kreisarzt, als er die Schüler zu einer Stuhl- und Urinprobe antreten lässt, ohne sie über Sinn und Zweck der Übung aufzuklären. Heikel wird die Lage für jene Schüler, die ihre Bäuche in der Pause bereits geleert haben. „Jetzt kamen List und Solidarität zum Zuge, denn die Schüler hatten ja Brüder, und wann sollten sie ihre Nützlichkeit zeigen, wenn nicht hier? Die Schüler bestürmten ihre Brüder, den kleinen Behälter für sie zu füllen.“ Was aber tun, wenn diese Hilfe verweigert wird? „Da kam der Genius eines Mitschülers auf eine glänzende Idee: in den Toiletten der Moscheen gab es ja genug für alle.“ Der Kreisarzt und seine Delegation nehmen die Proben vertrauensvoll entgegen. Erst später wird bekannt, dass es um eine Statistik über das Vorkommen von Anämie, Bilharzose und Fadenwürmern ging. Die unappetitliche Episode zeigt, wie ein ernsthaftes Anliegen durch inkompetente Umsetzung zur Dorfklamotte wird (10).

Manchmal zeigt der Staat seine brutale Willkür, wie man sie seit Jahrhunderten kennt: ein Trupp von 200 Soldaten überfällt das Dorf, um im Auftrag der Obrigkeit sämtliche Waffen zu beschlagnahmen. „Allen hatte man die Hände mit Stricken gebunden, und alle wurden geohrfeigt und mit Fusstritten traktiert, ohne dass sie ahnten weshalb, ausser dass die Obrigkeit da war, von der man dergleichen kannte. Einige von ihnen hatten noch die türkische Herrschaft erlebt.“ Der Bürgermeister steckt mit Dieben und Kriminellen unter einer Decke und lässt sich von ihnen bestechen. Um seine Kumpane zu schonen, zwingt er die Bauern, jene Waffen herauszugeben, die ihnen zum Schutz der Felder dienen. Wenn einer über keine Waffen verfügt, „dann wehe und ach über das Familienoberhaupt. Er wurde niedergepeitscht, getreten und geschlagen (…) Viele Dorfbewohner mussten ihr Vieh, das Essen für ihre Kinder und den Schmuck ihrer Frauen verkaufen, um die Waffen zu erwerben, die sie angeblich besassen, während sie in Wirklichkeit noch nie eine Waffe getragen hatten (…) die Armen besassen keine Macht wie die Verbrecher und keine angesehene Stellung wie die Reichen.“ Der Staat tritt die Gerechtigkeit mit Füssen. Die kleinen Leute fügen sich, und „der grosse Offizier betrachtete, aufgeplustert wie ein Gockel, zufrieden seinen Triumph, den er über die verfluchten Dorfbewohner errungen hatte.“ Dass derselbe Offizier Jahre später zum stellvertretenden Direktor der Staatssicherheit avanciert, wundert niemanden. Kindheitserlebnisse wie dieses haben sicher dazu beigetragen, dass Sayyed Qutb zum erbitterten Feind jenes Polizeistaates wird, den Abdel Nasser nach 1952 etabliert.

Sayyeds Heimatdorf war ein eher wohlhabendes Dorf, in welchem die Armen in patriarchalischen Strukturen aufgehoben waren. Sie arbeiteten bei einem reichen Verwandten, den sie „mein Onkel“ nannten. „Die gegenseitigen Beziehungen waren von Stolz geprägt; Diener wie in der Stadt oder auf etlichen Latifundien, wo sie wie Sklaven lebten, kannte man nicht.“ „Die soziale Gerechtigkeit im Islam“ (11), wie sie Qutb in seinem späteren Werk propagiert, war in dieser traditionellen Welt zum Teil verwirklicht. Was aber soziale Ungerechtigkeit und bittere Armut sind, erfährt der Knabe in der Erntezeit, wenn Saisonarbeiter im Dorf auftauchen. Diese Fremden, غرباء „ghurabâ‘ , kommen aus abgelegenen Dörfern der Provinzen Qena und Aswân. „Die traurigen und bitteren Lieder dieser Leute besangen Mannhaftigkeit und Schönheit; sie erregten die Seele und die Empfindungen des kleinen Jungen, der ihnen wie verzaubert lauschte.“ Er schreibt Briefe für die Analphabeten und beobachtet sie, wenn sie ihr Mahl einnehmen: „Da gab es also Leute, die Mahlzeiten ohne Fleisch, Butterschmalz, Knoblauch, Zwiebeln und sogar ohne Peperoni essen konnten und das Ganze mit grossem Appetit verschlangen (…) Und der Junge erfuhr, dass die wenigen Piaster, die sie ihren Familien fünf oder sechs Mal im Jahr schickten, das ganze Jahreseinkommen darstellten (…). Aber weder in ihren Augen noch in ihrer Sprache lag eine Spur von Neid oder Hass auf diese schrecklichen Klassenunterschiede.“ Anders als Taha Hussein, dem erst als Student bewusst wird, welche Ungerechtigkeit in seiner Heimat herrscht (12) , hat Sayyed diese schon als Kind erlebt. Er schämt sich für sein Volk und fühlt sich schuldig: „Er ist wahrlich ein Dieb, ein Dieb an jenen Fremden und vielen Millionen Ihresgleichen, die das Gold im Niltal wachsen lassen und dabei Hunger leiden müssen (…). Diese Gedanken überfielen ihn immer wieder, wenn er ein üppiges Mahl einnahm (…) oder die schönsten Wonnen des Lebens zwischen Millionen Ausgebeuteter genoss!“ Die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit wird er sich immer weniger von einem „liberalen“ Regime westlicher Prägung erhoffen als vielmehr von einem Staat, der die „soziale Gerechtigkeit im Islam“ verwirklicht.

Kairo

Wenn der dreizehnjährige Taha Hussein an der Hand seines Bruders durch die engen und lärmigen Gassen des Hussein-Quartiers geführt wird, fehlt ihm die geschützte Atmosphäre seines Dorfes. Aber in dem grossen Haus, in dem er mit Schülern und Lehrern lebt, die meist wie er aus Oberägypten stammen, fühlt er sich nicht fremd. Der tägliche Schulweg endet im grossen Innenhof der Moschee al-Azhar, in dem sich die Studenten um ihre Scheichs scharen, einer Oase der Ruhe, der Besinnung und der Wissenschaft. Taha Hussein hat seine Blindheit zeit seines Lebens als schwere Last empfunden. Aber in gewisser Hinsicht hat sie ihn vielleicht geschützt vor Dingen, die ihm einen Kulturschock verpasst hätten. Der sechzehnjährige Sayyed Qutb dagegen erlebt mit wachen Augen die Metropole in all ihren Widersprüchen (13) : Down Town mit seinen „sündigen“ Vergnügungsstätten und die eleganten Viertel von Garden City und Zamalek sind das Reich der Ausländer und der einheimischen Elite , während die historischen Viertel heruntergekommen sind und in den Arbeiterquartieren Elend herrscht. Die Frauen aus der Oberschicht sind elegant gekleidet und geschminkt, fahren Auto und führen ein Leben, das meilenweit entfernt ist von dem der Frauen aus dem Dorf: „Die Frauen mussten dunkle Kleidung tragen. Nach den Regeln der Dorfgemeinschaft durfte sich nur die junge Frau in den ersten Ehejahren schmücken (…); sollte sie weiterhin auf ihrem Putz, ihrer bunten Kleidung und ihrer Fröhlichkeit bestehen, geriet ihr Lebenswandel in aller Munde, und sie wurde von allen Seiten kritisiert, während ihre Altersgenossin aus der Stadt ihr eigentliches, glanzvolles Leben begann (…).“ Je mehr Sayyed auf dem Weg der Hinwendung zum Islam und zur Tradition voranschreitet, desto schärfer wird er die „verwestlichten“ Frauen der Grossstadt verurteilen und das traditionelle Frauenbild idealisieren.

Erneut ist Sayyed gegenüber Taha Hussein privilegiert, weil ihm die Langeweile erspart blieb, die das Studium an al-Azhar erzeugte. Er besucht eine staatliche Oberschule und beginnt ein Studium an Dar al-Ulûm, دار العلوم , einer pädagogischen Hochschule, die eine gute Ausbildung in arabischer Sprache und Literatur, in traditionellen religiösen Wissenschaften mit Lektionen über Geschichte, Wirtschaft und Politik verbindet. Nach dem Diplom tritt der 27Jährige als Grundschullehrer in den Staatsdienst, unterrichtet in Kairo und in der Provinz, wird Schulinspektor und lässt sich in Helwân, einem damals wohlhabenden Vorort von Kairo, nieder. Er hat seinen Kindertraum verwirklicht, ist selbst ein Efendi geworden und geht seiner Berufung als Publizist und Literat nach. Durch seinen Onkel lernt er ’Abbâs Mahmûd al-’Aqqâd kennen, einen der führenden Dichter jener Zeit, der zu seinem Mentor und Vorbild wird. Sayyed erlangt Zugang zur Welt der Literatur und verkehrt mit Schriftstellern wie Taha Hussein, Tawfîq al-Hakîm und Nagîb Mahfûs, Autoren, die wie er von nationaler Unabhängigkeit und kultureller Renaissance träumen. Unter dem Titel „Das unbekannte Ufer“, الشاطيء المجهول „al-shâti‘ al-maghûl“, veröffentlicht er 1935 seinen ersten Gedichtband, der stark von’al-’Aqqads romantischer Attitude geprägt ist. Qutb präsentiert sich uns als Wanderer auf der Suche nach Wahrheit aus einer geistigen Welt, der die Grenzen des banalen Lebens überschreitet und aufbricht zu unbekannten Ufern. Hier zeigt sich seine Nähe zum Sufismus seiner Heimat und das Unbehagen des „Dorfkindes“ in der grossen Stadt: er fühlt sich entwurzelt, ein Fremder für sich selbst ( غريب بنفس ), aber verankert im kulturellen Universum seines Dorfes. Die Ägypter, glaubt er, verlieren ihre Seele durch den zersetzenden Einfluss westlicher Kultur. Er ruft seine Landsleute auf, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Ägypten besitze Werte wie Moral, Tugend, Ehre und Grosszügigkeit, eine „angeborene Spiritualität, unvereinbar mit dem Materialismus und Individualismus des Westens“, und es gelte, stolz zu sein auf diese Werte, von denen die westliche Welt viel lernen könne. In seiner Besprechung von Taha Husseins Essay „Die Zukunft der Kultur in Ägypten“ betont Sayyed Qutb, Ägypten habe mit seinen arabischen Nachbarn weit mehr gemeinsam als mit den europäischen Nationen.

Mehr und mehr entfernt sich Sayyed Qutb von „aufklärerischen“ Idealen, wendet sich mystischem Gedankengut zu und beschäftigt sich mit der Botschaft des Koran. „Die soziale Gerechtigkeit im Islam“ verkündet, dass allein der Islam die Menschen gleich behandelt und ihre angeborene Würde achtet. Im Gegensatz zum „liberalen“ Wirtschaftssystem schränke er die Freiheit des Marktes ein und verhindere die Ausbeutung, die der Kapitalismus mit sich bringt. Er attackiert die freien Beziehungen zwischen den Geschlechtern, weil sie eine Bedrohung für die Familie sind, und die Musik, weil sie die Moral der Zuhörer untergräbt. Qutbs Entwicklung vollzieht sich allmählich und fast unbemerkt. In seinem autobiografischen Buch „Spiegelbilder“ porträtiert ihn Nagîb Mahfûs wie folgt: modern in Kleidung und Auftreten, eine ausgeglichene Person, höflich in Umgang und Gespräch, jemand, der das Thema Religion vermeidet. Trotzdem strahlt er etwas Befremdendes, fast Unheimliches aus: „Obwohl er sich mir gegenüber immer grosszügig und brüderlich gab, fühlte ich mich nie ganz wohl vor seinem Gesicht und dem Blick seiner hervorquellenden ernsten Augen (…) Er besass die bei Ägyptern so seltene Fähigkeit, seine Geheimnisse zu bewahren.“ (14)

Amerika

Als der Journalist Lutfi el-Sayyed ihm prophezeit, „er werde für Ägypten das werden, was Voltaire für Frankreich ist“ (15) und man ihm rät, sich für ein Stipendium in Frankreich zu bewerben, strebt der junge Taha Hussein mit aller Kraft nach diesem Ziel, unbeeindruckt von Argumenten,die ihn entmutigen wollen: er sei blind, besitze keinen Oberschulabschluss, sein Französisch sei zu schlecht, und für einen Blindenführer reichten die finanziellen Mittel nicht . Sein Leben in Montpellier und Paris ist ganz dem Studium gewidmet. An den Vergnügungen seiner ägyptischen Kommilitonen teilzunehmen, ist dem Blinden versagt. Dem Land, das ihm seine Lebensgefährtin schenkt („die Frau, mit deren Augen ich sah“), wird er ein Leben lang Bewunderung und Dankbarkeit bezeugen. Erst 1956, als nach der Nationalisierung des Suez-Kanals die französische Luftwaffe, zusammen mit Briten und Israelis, Ägypten angreift, gibt er seinen Orden des „Officier de la Légion d’honneur“ zurück. Frankreich ist für Taha das Land des Fortschritts, der Aufklärung und der Philosophen, Amerika für Sayyed eine feindliche Welt, die er ablehnt und verteufelt.

(Fortsetzung folgt, am Ende des nächsten Beitrags auch die Auflistung der Anmerkungen)

Taha Hussein – Sayyed Qutb als Kind – Sayyed Qutb zum Tode verurteilt

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The Black Day of Egypt

Vor 40 Jahren starb Oum Kalthoum

„funeral of umm kalsom sheikh abdul basit is reciting the holy quran with sheikh mustafa ismail“:

Diesen Hinweis verdanke ich Freund Berthold und seinem Hinweis auf die Zeitung The Qietus bzw. diesem Artikel der Zeitung.

HM Foto Oumm Kalthoum u Ahmed Rami kl

Foto: Hans Mauritz 2013 Kairo „Im Café Umm Kalthoum“ Die Sängerin und ihr Textdichter Ahmed Rahmi.