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Beethoven wieder mal neu denken?

Beethoven Geck das neue Buch

So lange ich zurückdenken kann, hat mich Beethoven nicht nur Stück für Stück beeindruckt, sondern veranlasst, immer mehr über seine Werke erfahren zu wollen: durch Lesen. Durch die Deutungshoheit anderer, sekundärer Gestalten, – womit ich sie nicht abwerten will. Aber warum habe ich nicht auf die Primärquellen gepocht? Auf das klingende Œuvre, sämtliche Klaviersonaten mit Gulda, Pollini, Brendel? Sämtliche Streichquartette mit dem Alban-Berg-Quartett und anderen, alle Sinfonien usw., es fehlte doch an nichts? Immer war es die Lektüre, die einen Wendepunkt bezeichnete, nur dass ich damals nicht wusste, dass es bei einer Beethoven-Bibel nicht bleiben würde: als ich im Bücherschrank meines Vaters Walter Riezlers „Beethoven“ (1936) entdeckt hatte, auch Heinrich Schenkers Monographie über „Beethovens Neunte Sinfonie / Eine Darstellung des musikalischen Inhalts“ (1912), in späteren Jahren:  Maynard Solomon (1977), Dahlhaus (1987), Geck/Schleuning  über die Eroica (1989), Adorno (1993), die „Interpretationen seiner Werke“ in zwei Bänden (1996), – um nur einige zu nennen, die ich bis heute frequentiere. Der Fall lag anders als bei Bach, Mozart, Schubert, Schumann, Wagner – aber inwiefern? Gab es ein Ziel? Ja. Um es nicht aus den Augen zu verlieren, musste jetzt auch dieses Buch auf den Tisch, sobald ich in meinem Bücherladen die Inhaltsangabe  gelesen und einiges angeblättert hatte.

Beethoven Geck Inhalt 1 Beethoven Geck Inhalt 2 (bitte anklicken)

Ich wusste es in dem Moment, als ich unter den Namen des Inhaltsverzeichnisses Lydia Goehr (Gender!) gelesen hatte, Rousseau natürlich (der mir wider die Natur geht), Johann Sebastian Bach (muss sein!), Jean Paul (weil ich seine Phantastik nie schätzen lernte), Caspar David Friedrich (weil ich seine Transzendenz prekär finde), Tintoretto (weil Kia Vahland heute in der SZ die Restauration der „großen Beweinung“ 1812  so gut analysiert hat), Hölderlin (eine direkte Verbindung würde mich faszinieren), Hegel (Weltgeist etc….),  Hanns Eisler (Utopie?), Elly Ney (Horror), Gilles Deleuze (die schwierigen Franzosen). Ach, und das Wort „sein Universum“ im Titel (weil es wahrhaftig angemessen ist).

Und damit bin ich für heute fertig. Ich habe zu tun.

***

Es war nicht sinnvoll, mit dem Hölderlin-Kapitel zu beginnen. Der Vergleich der „Sturm-Sonate“ Beethovens mit der Patmos-Hymne Hölderlins erscheint mir (auf den ersten Blick) nicht überzeugend. Unverzüglich beginne ich mit endlos scheinenden Präliminarien, wie immer Wikipedia zum Thema , dann die entsprechende Originaltexte (in den dort angegebenen Weblinks), Hölderlin-Interpretationen in verschiedenen Lyrik-Bänden (Geck beruft sich vor allem auf Jürgen Link). Dann muss ich zurück ins Rousseau-Kapitel, weil dort die Sturm-Sonate bereits behandelt wurde. Also: Widerstand gegen Rousseau überwinden, in der damaligen Zeit hatte er Schlüsselfunktion. Ins Schwarze (in mehrfachem Sinne) trifft Geck für mich dort, wo er Goethe heranzieht (im folgenden Zitat lasse ich die Zahlen der Zitiernachweise weg):

Im Fall der Sonate op. 31,2 geht es dabei um kein erzählbares Programm, sondern um Denkformen musikalischer Gestaltung, die zum Anthropologischen und damit auch zum Philosophischen tendieren. Wo es um Dialektik von Ordnung und Freiheit, von naturwüchsiger und geformter Gestalt geht, scheint es angemessen, sich bei Rousseau zu vergewissern. In weiterem Sinne wäre auch Goethes Verständnis von der ebenso produktiven wie unberechenbaren Kraft des Dämonischen zu denken, das er in einem vermutlich an den Sohn August gerichteten Briefkonzept als spezielles Urwort von den Urworten des „Absoluten“, der „moralischen Weltordnung“ sowie der „Systole und Diastole“ – das heißt des beständigen Wechsels von Ein- und Ausatmen – abhebt. Dass er unter dem Dämonischen ein gesetzmäßig nicht zu erfassendes Seinsmoment versteht, erläutert er in Dichtung und Wahrheit: Es handele sich um „eine der moralischen Weltordnung wo nicht entgegengesetzte, doch sie durchkreuzende Macht, so daß man die eine für den Zettel, die andere für den Einschlag [der Kugel in die Scheibenkarte] könnte gelten lassen. Ein starker Vergleich, der sich mit der nötigen Phantasie auf die Situation im ersten Satz der Sturm-Sonate anwenden läßt: Der Scheibenkarte mit den vorgedruckten Ringen entspricht das Schema des Sonatensatzes; die vom Schützen produzierten Einschläge stehen für die spontanen körpersprachlichen Impulse. Das Tertium Comparationis sind die zeitliche und räumliche Unberechenbarkeit sowie die Vehemenz des „Einschlags“. Ansonsten hinkt der Vergleich; denn das Notenbild von Beethovens Sonate erinnert an alles andere als an eine schlichte Scheibenkarte mit verstreuten Einschusslöchern: Sie gleicht vielmehr einer aufwendigen Textur, deren Kompliziertheit einem Hörer, der vor allem auf die narrativen Züge der Musik, also auch auf die „Einschläge“ achtet, freilich gar nicht bewusst wird. Dieser Hörer fragt eher wie Anton Schindler und viele Beethoven-Deuter nach ihm nach der „poetischen Idee“. Wobei das Grandiose an Beethovens Musik und speziell an diesem Sonatensatz ist, dass man sich über die poetische Idee zwar Gedanken machen kann und diese auch aussprechen darf, dass der eigenen Denk- und Erlebnishorizont jedoch keineswegs mit demjenigen der in Noten niedergelegten Komposition verschmilzt: In den Kategorien der Romantik gedacht, bleibt – gottlob – die Distanz zwischen unseren endlichen Vorstellungen und dem unendlichen Deutungsspielraum, den große Musik bietet.

Quelle Martin Geck: Beethoven Der Schöpfer und sein Universum / Siedler Verlag München 2017 (Seite 87 f)

CHORAL & Hymnus

Von Quart, Quinte etc.

Ein Artikel über Intervalle und was sie bedeuten? Der Beitrag droht langweilig zu werden! Aber keine Angst, sie sollen nicht „erschöpfend“ behandelt werden, nicht anders, als sie mich auf einigen Berg- und Waldwanderungen in Südtirol beschäftigt haben. Ein Choral und ein Hymnus reduzierten sich beim inneren Gesang auf die erste Zeile und schließlich auf das allererste Intervall, die aufsteigende oder auch einfach „eintretende“ Quinte, wie man sie aus Bruckners Vierter kennt. Im steten Kontrast zur Quarten-Attacke, wie sie einem aus zahlreichen Jagdliedern und Jagdfanfaren entgegenschallt. Man denke auch an den Anfang des Fliegenden Holländers. Nein, es war kein strahlender Tag, der gesamte Talgrund unter Villanders bis hinab zur Etsch mit Nebel gefüllt. Aber auch ein blau glänzender Himmel hätte die gleichen Notizen ergeben:

Villanders Nebeltal 170914 Blick vom Prackfied 14.09.2017

Quinte u Quart Quinten plus Quarte 2

Notizbuch f „Die beste Zeit“: siehe Notenbeispiel hier

Was sagt das Quint-Intervall (aufwärts steigend oder im Abstand vom Grundton auftretend) als Eröffnung: es sagt etwas völlig anderes als der (üblichere) Quartsprung. Es sagt ELEVATION. Es ist kein Fanfarenstoß, der den Aufbruch signalisiert wie die Quarte, – die nach Aufstieg verlangt, früher oder später… Die Quinte aber evoziert einen Schwebezustand, sie braucht eine geistige Vorstellung, eine präzise Ton-Imagination, die vorgeschaltet werden muss. (Man mache den Versuch und lasse einen Laiensänger unvorbereitet eine aufsteigende Quinte singen: so einfach es scheint, er wird – innerlich, „zur Sicherheit“ – die Terz des Dreiklangs einfügen!)

Die Quarte aber bedeutet: ich verlasse mit Wucht den Ausgangston, und wenn es ein zarter Auftakt ist, doch mit einer latenten Entschlossenheit, – ich will über den Zielton hinaus. Wenn ich aber vom Grundton zur Quinte aufsteige, behalte ich ihn als Basis im Sinn, nehme die Tendenz wahr, zu ihm zurückzukehren, werde zumindest eine Wendung abwärts erwarten und bevorzugen (statt einer erneuten Anstrengung, die mit einem weiteren Aufstieg z.B. zur Sext oder gar zur Sept verbunden wäre). Natürlich wäre es denkbar und möglich, die Spannung zu halten und weiterzutreiben, etwa wie in dem Lied „Die beste Zeit im Jahr“ (siehe obigen Link), was aber nur die Rückkehr, die als Tendenz innewohnt, etwas verzögert: durch neuerliches Verweilen auf der Quint, Absinken auf den nächsttieferen Ton oder weiter in Richtung Grundton.

Langer Einleitung kurzer Sinn (um hier die Katze aus dem Sack zu lassen):

Ich will darauf hinaus, das die beiden Anfangszeilen (Choral / Hymnus) melodisch in etwa „dasselbe“ sagen, – bei Luther allerdings schroff zusammengefasst, bei Monteverdi melismatisch vermittelt. Die überschüssige Kraft wird aufgefangen in einer Zwischenkadenz, die sich auf die Quinte konzentriert.

Choral & Hymnus Zeile Mit Fried LutherChoral & Hymnus Zeile AVE MARIS STELLA Monteverdi

Luther ist sich seiner Kühnheit bewusst, er verlässt den Rahmen der anfangs gesetzten aufsteigenden Quinte nur, um sie mit einer zweiten Quinte, die den Grundton in der hohen Oktave erreicht, zu überbieten. Der kadenzierende Halbsatz danach ist so lapidar, dass er eine zweite Zeile mit dessen Besänftigung dranhängt: „In Gottes Willen“ (während Monteverdi, der den zweiten Quintabstand mit melodischen Zwischenstufen ausgefüllt hatte, in weichem Schwung zum Grundton zurückkehrt).

Choral & Hymnus Luther 2 Zeilen Fortsetzung Luther

Choral & Hymnus Monteverdi 2 Zeilen Fortsetzung Monteverdi

Die Zeile aber, die bei Monteverdi als Antwort auf die Zwischenkadenz der Zeile I folgt, die geschwungene Rückführung zum Grundton E in Zeile II, findet bei Luther ihre Entsprechung in Zeile 3. Wunderbar ist die Asymmetrie der Zeilenordnung, die Dehnung im zweiten Takt der Zeile 3 auf „Herz“, die man ja leicht hätte vermeiden können. Stattdessen wird diese Dehnung noch weiter getrieben, indem die Zeile 4 daran anknüpft und den Abstieg erst unter dem Grundton, auf D, zur Ruhe kommen lässt, „sanft und stille“. Das ist unbeschreiblich.

Dies ist mein Schlüsselerlebnis beim Vergleich der beiden Melodien: immer schon habe ich bei Monteverdi auf dieses „Unterbieten“ des Grundtones gewartet, das bei ihm in Zeile III stattfindet. Und in Zeile IV ganz sanft und stille zurückgenommen wird, indem der Grundton E das Ruhekissen bereitet.

Was macht Luther stattdessen in den Zeilen 5 und 6 ?

Choral & Hymnus Übersicht neu bitte anklicken und vergleichen!

Luthers Zeile 5 ist ein „Klingklang“, ein Läuten der Glocken, fast etwas leichtfertig, der Schwebeton H spielt die Hauptrolle, gewissermaßen als Parenthese: „Wie Gott mir (bekanntlich) verheißen hat“. Und dann kommt der ungeheure Abschluss, die Logik der beiden letzten Monteverdi-Zeilen (deren vorletzte auch mit einem „Klingklang“ begann: G-Fis-A-H, – bevor sie mit dem Ton E „zur Sache“ kommt) wird in Luthers Zeile 6 auf eine große, integrierende Formel gebracht, Zielton D und Zielton E, jedoch paradoxerweise so, dass man es nur als ein sanftes Verklingen auffassen kann: „der Tod ist mein Schlaf worden“…

HÖREN ! !

Monteverdi HIER als Gesamtwerk oder direkt: 1:11:01 Ave maris stella (Melodie beim ersten Mal in den Chorsatz „eingesenkt“, später auch solistisch, unterschiedliche Tempi, Text dazu siehe hier bei XII)

Bach HIER

* * *

Wenn man Melodien in dieser Art zu erfassen sucht, so beschäftigt man sich mit ihrer Einstimmigkeit und darf keinen Augenblick damit rechnen, dass sich derselbe Eindruck ergibt, wenn man sie im harmonischen Kontext bei Monteverdi oder Bach erlebt. Wenn wir etwa die oben hervorgehobene Zeile 5 mit ihrem bewegenden Zielton D in Bachs Kantate 125 anschauen: dort kommt er gerade beim Ton H (auf „sanft“) in seiner Grundtonart e-moll an, beim Zielton D aber wechselt er nach h-moll, im nächsten Takt (immer noch Melodieton D) erscheint g-moll (im Chor: „stille“), das ist ungeheuer ausdrucksvoll, – aber es entspricht keineswegs dem, was wir uns bei der bloßen Melodiebetrachtung gedacht hatten…

BWV 125 sanft und stillle Choral 6. Zeile (2 Töne tiefer lesen!)

Noch eindringlicher deutet Bach die vorgegebene Melodie am Schluss des ganzen Chorsatzes um, – und niemand würde im Ernst die Rechte eines sakrosankten Chorales gegen diese harmonische Vertiefung verteidigen wollen: „der Tod ist mein Schlaf worden“.

BWV 125 Tod Schlaf

Wenn hier die Choral-Melodie am Ende chromatisch in das musikalische Geschehen einbezogen wird, so ist in dem verwandten Anfangschor der Matthäus-Passion die Wirkung des Chorals „O Lamm Gottes unschuldig“, ja, schon der Eintritt des ersten Quintsprungs, so erschütternd, weil er monolithisch-zeichenhaft aus einem unübersichtlichen „Klage-Getümmel“ herausragt, als komme er direkt aus einer anderen Welt (in Bachs Handschrift durch rote Tinte gekennzeichnet) . Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass der ganze Satz in e-moll, der Choral jedoch in G-dur (mixolydisch) steht, wodurch sich – subkutan – ein ähnlicher perspektivischer Abstand zwischen Chor und Choral ergibt wie hier in Kantate BWV 125 „Mit Fried und Freud“. Peter Wollny hat in seinem erhellenden MGG-Beitrag „Choralbearbeitung“ (Sachteil 2 Sp. 836) auf diese Besonderheiten aufmerksam gemacht:

Wollny Bach Choralsätze MGG Art. Choralbearbeitung

Villanders 170911 Blick vom Prackfied 11.09.2017

CHORAL

Mit Fried und Freud ich fahr dahin

Mich fasziniert die Bach-Kantate als Ganzes und im Detail. Gerade auch ihr Choral; ihn auswendig zu lernen und über ihn zu reflektieren, wäre ein erster Schritt, die Bach-Werke zu erschließen, die um ihn kreisen, allen voran die Kantate BWV 125.

Zu Luthers Original HIER

(Das im Wikipedia-Artikel gegebene Musikbeispiel ist ein Exempel, wie man die Melodie grotesk missverstehen kann.)

Über die von Bach vorgefundenen und bearbeiteten Melodie-Versionen HIER
Wikipedia-Artikel über Bachs Kantate BWV 125 HIER

Noten- (und Ton-) Beispiele zur Kantate bei Julian Mincham HIER

Youtube-Aufnahme (Herreweghe) mit Partitur (Alte Bach-Ausgabe), Einzelsätze anklickbar HIER

00:05 – 1. Chorus: ‚Mit Fried und Freud‘ 06:07 – 2. Aria: ‚Ich will auch mit gebrochnen Augen‘ (A) 15:08 – 3. Recitative and Chorale: ‚O Wunder, dass ein Herz‘ (B) 17:30 – 4. Aria (Duet): ‚Ein unbegreiflich Licht‘ (TB) 23:19 – 5. Recitative: ‚O unerschöpfter Schatz der Güte‘ (A) 24:02 – 6. Chorale: ‚Er ist das Heil und selig Licht‘.

***

Bereits an dieser Stelle sei eine Merkwürdigkeit festgehalten, die – den Choral betreffend – in einer anderen Kantate auffällt, jedoch, soweit ich sehe, in der Literatur keinen besonderen Anlass zur Verwunderung gegeben hat: BWV 42 „Am Abend aber desselbigen Sabbats“ Satz 4 Choral. Duetto / Satz 7 (Schluss) Choral:

Satz 4 „Verzage nicht, o Häuflein klein“

Die Worte haben als Grundlage den Vers eines Lieds aus dem 17. Jahrhundert von Jakob Fabricius (ca. 1635). Bach läßt in den Stimmparten des Continuos sowie denen des Tenors flüchtig und subtil diese Stamm-Melodie anklingen.

So im Booklet zur Herreweghe-CD der Autor Nicholas Anderson. Ich erkenne die Anklänge nicht (zumal ich auch die besagte Melodie nicht kenne).

Recherche bei Wikipedia:

Das Lied Verzage nicht, du Häuflein klein entstand unter dem Eindruck der Schlacht bei Lützen. Am Morgen der entscheidenden Schlacht verteilte Fabricius zum Feldgottesdienst ein Liedblatt dieses Textes. Später nannte man dieses Lied auch den „Schwanengesang Gustav Adolfs“.

MELODIE (unter Vorbehalt) hier – auch jetzt erkenne ich keine Verwandtschaft mit Motiven bei Bach. Allerdings denke ich bei den in die Tiefe fahrenden Cello-Figuren – wenn ich sie mir verlangsamt vorstelle – an die berühmte Sarabande der Cello-Suite V c-moll.

Satz 7 „Verleih uns Frieden gnädiglich“ und „Gib unserm Fürsten und der Obrigkeit“. Es handelt sich offenbar um 2 völlig verschiedene Melodien, die wie zwei Strophen eines Chorals unmittelbar aneinandergesetzt sind.

Die Kantate schließt mit einem vierstimmigen Choral unter Begleitung des vollen Orchesters. Der erste Vers enthält Luthers deutsche Übersetzung der lateinischen Antiphon „Da pacem, Dominemit seiner Melodie unbekannten Ursprungs. Der zweite, ein Vers von Johann Walther, ist ein Gebet um Frieden und „gut Regiment“ aller Obrigkeit, der Tradition nach mit Luthers Übersetzung verbunden; auch seine Melodie ist anonymer Herkunft, und stammt aus dem 16. Jahrhundert. Bach hatte diese Verse gerade einige Wochen zuvor in seiner Sexagesima-Kantate, BWV 126, verwendet, doch hat er sie für beide Anlässe neu vertont. (orig.: „set them differently“)

Quelle Nicholas Anderson (Wie zuvor) im Booklet zur Herreweghe-CD.

s.a. hier

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Das Interessante ist beim Choral: die Kräftefluktuation im rein melodischen Verlauf wahrzunehmen, die auch bei jedem starken Cantus Firmus erhalten bleibt, und dann die Verschiebung, die dank der harmonischen oder satztechnischen Behandlung stattfindet. Ich (nur als Beispiel) habe Melodien in meiner Kindheit wie etwas Naturgegebenes gesehen, nicht Korrigibles, aber dann im Harmonielehreunterricht bei Eberhard Eßrich gestaunt, dass man parallel dazu nicht Akkord nach Akkord erfindet, sondern als erstes zur Melodie eine gelungene Basslinie entwirft. Für mich ein Aha-Effekt (so geht also Kontrapunkt!). Und seither versuche ich jeden ausgesetzten Choral vom Bass her zu hören (und die Melodie von vornherein zu kennen).

Aber wie erfasse ich die Melodie an und für sich? Ich versuche, ihrem Verlauf von Ton zu Ton, von Phrase zu Phrase zu folgen. Wie ich es an der arabischen Musik geübt habe, später auch weiter an der indischen. Dann durch Anregungen im Werk von Victor Zuckerkandl. Warum nicht gleich beginnen mit dem Beispiel dieser Luther-Melodie, die alles andere als schematisch gebaut ist? Der Zufall will es, dass mir kein Scanner zur Verfügung steht und ein Foto meiner Skizze doch recht provisorisch aussieht. Zum Nachdenken wird es reichen!

Choral Mit Fried und Freud

Das Nachdenken auf der Bergwanderung hat eine bestimmte motivische Beziehung immer wahrscheinlicher gemacht, ansetzend bei einer Bemerkung im Wikipedia-Artikel über „Luthers Original“ (Link s.o.):

Die dorische Melodie folgt dem Text der ersten Strophe intensiv ausdeutend. Quintaufschwünge, Punktierungen und Melismen drücken die „Freude“ aus, die Molltönung den „Frieden“. Eindrücklich und für musikalische Bearbeiter aller Zeiten inspirierend ist der Abstieg unter den Grundton auf die Textwendung „sanft und stille“.

Auch mir ging genau diese Wendung (Zeile 4) nicht mehr aus dem Kopf. Die Unruhe begleitete mich den ganzen Weg lang, irgendwo und irgendwann ist mir schon ganz Ähnliches begegnet.  Und endlich: Heureka! Immer wieder ließ ich beide Melodien nacheinander an meinem inneren Ohr vorüberziehen, bis mir die eine als Variante der anderen erschien. Sie begannen sich zu vermischen. Ich musste sie nicht nur wiederhören, sondern im Schriftbild vor mir sehen: Ton für Ton, Phrase für Phrase miteinander vergleichen. Und dann hören und nochmal hören und prüfen, ob ich nicht hineinlege, was sie gar nicht sagen will. Hauptbeweisstück könnte der Anfang sein, bei Luther die beiden Quintsprünge nach oben, dann die kadenzartige Wendung über cis zum (Zwischen-) Grundton-Ton H und dessen Verstärkung durch die Extra-Zeile 2. Ich breche für heute ab und weiß, dass ein weiterer Tag sich um diese Phrasen drehen wird.

Siehe HIER.

Reisenotiz zu Bach privat

Eine neue CD in SWR2

Ich nenne den Sender, weil ich dankbar bin: gute Präsentation (Katharina Eickhoff), viele und ausführliche Musikbeispiele, sachkundige Beurteilung von Stimmen; was erzählt wird, kann man auch wirklich hören, kein Sachverständigen-Geschwätz, in der Tat: einzigartige Bach-Interpretationen in einer Compilation, die unwiderstehliches Verlangen erzeugt, genau diese Musikfolge oft zu hören. (Die CD werde ich zuhaus vorfinden!) Man kann auf jpc einen Eindruck davon gewinnen: HIER.

Übrigens war auch der Rest der Sendung von A – Z hörenswert, dank der Auswahl und dank der ohrenöffnenden Moderation, und vor allem: ZEIT, ZEIT, ZEIT, – nichts erinnerte an die heute üblichen Kurz-Rezensionen mit den grässlichen Qualifizierungsklischees unglaubwürdiger „Fachleute“. Natürlich gefällt nicht jedem jedes Wort (die Sofa-Assoziation kann ich entbehren), aber der Text ist perfekt individualisiert: ich nehme alles wohlwollend auf. Ein Lernen ohne Vorsatz. Hier der Moderationsbeginn (zum Namenmerken!):

Bei Bachs unterm Sofa hätte man ja gern mal Mäuschen gespielt. Die CD „Bach privat“ bietet zwar keine neuen Erkenntnisse über das geheime Leben der Bachs, aber sonst ist sie ziemlich schön. Vorneweg hat sie schon mal ein optisch originelles und inhaltlich feinsinniges Cover mit lauter Klingelknöpfen aus Messing, darunter polierte Namensschilder, die obersten zwei zeigen ein vertrautes Wappen: Es ist das Familienwappen der Familie Bach, darunter, auf den weiteren Schildern, die Namen der Musiker, die sich da sozusagen bei Bachs aufs Sofa gesetzt haben: Die Sänger Anna Lucia Richter und Georg Nigl, die Geigerin Petra Müllejans, der Cellist Roel Dieltiens, und der spiritus rector des Ganzen am Cembalo: Andreas Staier.

(zur Fortsetzung HIER)

Man kann übrigens die ganze Sendung (auch der Rest lohnt sich!) nachhören: HIER. Besonders hörenswert die „Behandlung“ der Sängerin der Mahler-Lieder, gerade weil auch die vorsichtige Distanzierung völlig nachvollziehbar ist.

Kein Personenkult, – aber man kann sich auch über die Moderatorin Katharina Eickhoff per google in SWR2 kundig machen: sie erzählt – ohne Selbstbeweihräucherung – wie es dazu kam, dass sie sich auf Stimmen „kaprizierte“. Zunächst also ganz allgemein vormerken: SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs 08.09.2017. Und in diesem Sinne weiter so, Neues erkunden: hier.

Südtirol Ausblick Prackfiederer 170913 Foto JR Ausblick Prackfied 13. Sept. 2017

18.09.2017 

Nach der Rückkehr aus Südtirol finde ich tatsächlich, wie erhofft (und bestellt), die CD vor, die ich auf der Hinreise im Auto kennengelernt habe:

Bach privat cover BACH PRIVAT bei ALPHA CLASSICS 2017

Und entdecke, dank eines Berichtes im Solinger Tageblatt vom September 2014, dass die mir unbekannte Sängerin sich – zumindest damals gerade – in Solingen niedergelassen hatte, von mir aus gesehen gewissermaßen auf dem Nachbarhügel: im Stadtteil „Aufderhöhe“. Den Cembalisten Andreas Staier kenne und schätze ich aus seiner Zeit bei Musica Antiqua Köln, wo ich in den 80er Jahren als Geiger mitwirkte. Später begegnete ich ihm wieder, als er mit unserem Collegium Aureum als Fortepiano-Solist Mozart spielte, – eine unglaubliche Rubatopraxis, die ich nie mehr vergaß.  Andreas Staier ist hier für das Gesamtkonzept des BACH PRIVAT – Programms verantwortlich. Des weiteren möchte ich hervorheben, dass auch das Booklet der CD, – das in der SWR-Sendung, wie in solchen Fällen weithin üblich, gar nicht erwähnt wird -, dem überragenden Niveau der Interpretation entspricht: der Autor ist Prof. Dr. Peter Wollny.  Einen Eindruck vom Umfang und Ziel seiner Arbeit in Leipzig erhält man am eindrucksvollsten anhand der Interviews des Projektes L.I.S.A., dokumentiert →  HIER

BEISPIEL zur Behandlung von „Privatangelegenheiten“ in Bachs Zeit (Abschrift aus Episode 10):

Warum wissen wir so wenig über die Person J.S. Bach?

Peter Wollny antwortet (a.a.O. ab 4:40 bis 6:23):

Im frühen 18. Jahrhundert waren die Leute insgesamt viel privater als wir das heute sind. Die haben davor zurückgeschreckt, Privates mitzuteilen, etwas aus ihrem Denken und Fühlen unmittelbar preiszugeben. Das ändert sich dann: im späten 18. Jahrhundert hat man ja diese wirklich endlosen Folgen von Tagebuchaufzeichnungen und wirklichen Privatbriefen. Aber zur Zeit J.S. Bachs ist es noch anders. Das ist der eine Grund, also die generelle Reserviertheit. Ich glaube, jemand wie Bach würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn er sähe, wie heute mit Reality Soaps und den sozialen Medien, also mit Privatem umgegangen wird, also das war alles ne ganz andere Zeit. Und das zweite ist, dass Bach speziell anscheinend überhaupt sehr ungern Briefe geschrieben hat, sehr ungern Persönliches notiert hat, und nur ganz selten erfahren wir mal so zwischen den Zeilen, was ihn bewegt hat. Und das dritte ist, dass es eine Überlieferungssituation [gibt], dass eben aus dem frühen 18. Jahrhundert überhaupt nur amtliche Schriftzeugnisse erhalten geblieben sind, Schriftstücke mit offiziellem Charakter, in denen man ja ohnehin wenig oder gar nichts Privates preisgibt.

Peter Wollny LISA Projekt

Wir neigen ja dazu, uns Bach – wenn nicht droben auf der Orgelempore – als einsamen Mann in seinem Komponierstübchen vorzustellen, wo er gewaltige Werke konzipierte. In Wahrheit begegnete er unzähligen Menschen, er wirkte im Zentrum einer Messestadt, in der es seit 1701 – nach Amsterdamer Vorbild – Straßenbeleuchtung gab.

Ich liebe den Hinweis, den sein Sohn Carl Philipp Emanuel in einem Brief vom 13.1.1774 an den Biographen J. N. Forkel gab:

Bey seinen vielen Beschäftigungen hatte er kaum zu der nöthigsten Correspondenz Zeit, folglich weitläuftige schriftliche Unterhaltungen konnte er nicht abwarten. Desto mehr hatte er Gelegenheit mit braven Leuten sich mündlich zu unterhalten, weil sein Haus einem Taubenhause u. deßen Lebhaftigkeit vollkommen gliche.

(Hervorhebung JR)

Scherzverwandtschaft

Worüber lacht man im Senegal und warum?

Nachdem ich einmal angefangen habe zu beobachten, inwiefern die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen stimmen müssen, damit Witze funktionieren (siehe über Ciceros Witz hier), muss ich auch diesen schönen Artikel der aktuellen ZEIT (31. August 2017 Seite 7) aktenkundig machen, der glücklicherweise zugleich schon im Internet abrufbar ist. Es begann damit, dass ich nicht lachen konnte, obwohl es eindeutig als Scherz gemeint oder angekündigt war, dieser Einstieg in den Artikel. Gewiss, – ein Scherz ist nicht dasselbe wie ein Witz, trotzdem:

Scherze kennen kein Tabu im Senegal. „Pass auf, morgen schlachte ich dir ein Schwein! Das koche ich dir, das isst du, und du wirst Christin“, sagt der Christ zur Muslimin. „Dein Schwein kannst du selber essen“, schießt die Muslima zurück.

„Ihr wart die Sklaven, wir waren die Könige“, sagt ein Mann aus der Diola-Ethnie zu einem Serer. „Ach was, versklavt wurdet doch ihr!“

Man bespöttelt die angeblich mangelnde Intelligenz des anderen oder sein unvorteilhaftes Aussehen, lacht über religiöse und ethnische Klischees. Jeder im Senegal verspottet irgendeinen anderen. Eigentlich müssten die Menschen hier einander die Köpfe einschlagen. Genau das tun sie aber nicht.

„Eigentlich“? Das Phänomen ist bekannt: mal wirkt es wie eine Neckerei, mal wie eine höhnische Provokation. Die unreflektierte, von Kind an vorgeprägte Einordnung der Äußerungen ist entscheidend. Jeder von uns hat schon mal bemerkt, dass man wissen muss, wie ein Scherz gemeint ist, was dabei mitgedacht wird. Nicht jeder kann jeden Witz erzählen, – der eine wirkt dabei wie ein böser Zyniker, der andere wie ein erwachsener Lausbube (dem man „nichts übelnehmen“ kann). Der Knalleffekt, der zu einem Witz zu gehören scheint, kann ausbleiben. Stattdessen peinliche Stille…

Hätte mein Bruder den Witz erzählt, hätte ich ihn vielleicht nicht auflaufen lassen, aber wenn mein ungeliebter Vorgesetzter ihn eingeflochten hätte, – was wäre wohl meine Reaktion gewesen? Es kommt auf die Konventionen an. Auch auf die Konvention, sich an Konventionen anzupassen oder ihnen, wo immer man sie vermutet, wenigstens zögerlich (prüfend) zu begegnen. Etwa mit der vorsichtigen Distanzierung: … ist mir leider schon bekannt, oder mit der strengen Frage: soll das ein Witz sein? – Der Bruder stand in diesem Beispiel für „Scherzverwandtschaft“: ich weiß intuitiv, ob er es flapsig oder zielbewusst verletzend gemeint hat. Und er weiß, dass ich es weiß. Aber den Fachbegriff gibt es wirklich!  Frz. cousinage à plaisanterie – das Wort (auch paranté plaisantante) kann man googeln:

Outre les groupes ethniques, cette relation peut aussi s’exercer entre clans familiaux, par exemple entre les familles Diarra et Traoré, ou Ndiaye et Diop. Ainsi, un membre de la famille Ndiaye peut-il croiser un Diop en le traitant de voleur ou de mangeur d’arachide sans que personne ne soit choqué, alors que parfois les deux individus ne se connaissent même pas. Il n’est d’ailleurs pas permis de se vexer. Cette impolitesse rituelle donne lieu à des scènes très pittoresques, où les gens rivalisent d’inventivité pour trouver des insultes originales et comiques.

Siehe französische Wikipedia HIER.

Auch die im ZEIT-Artikel gegebenen Beispiele (oder ähnliche) findet man wieder, z.B. hier.

« Il y a toujours un problème de possession en tous cas ! Chacun veut que l’autre soit esclave ! ».

Bref chacun est l’esclave de l’autre, ce qui concilie le sentiment de supériorité et la réciprocité. La hiérarchie proclamée par l’autre groupe est simplement inversée. L’individu ou le groupe ethnique peut toujours se considérer comme le noyau central, l’ego-centre ou l’ethno-centre autour duquel l’autre ne fait que « tourner » : chacun est au centre de son propre point de vue, alors que, par définition, personne ne l’est.

De fait, le cousinage de plaisanterie semble créer un sentiment de « communauté », paradoxalement basé sur la reconnaissance de la différence.

Quelle 

Im ZEIT-Artikel wird eine historische Herleitung gegeben, die an die mittelalterliche Funktion des Hofnarren in Europa denken lässt:

Besuch bei Raphaël Ndiaye, Ethnolinguist, Philosoph und Direktor des Léopold-Senghor-Kulturinstituts in Dakar. Die Scherzverwandtschaft, sagt Ndiaye, gehe auf Soundiata Keïta zurück, den Gründer des legendären Mali-Reiches.

Im Jahr 1235 bestellte dieser anlässlich der Verabschiedung der Reichsverfassung seine Clanchefs ein und beschwor sie, von jetzt an friedlich zusammenzuleben. Vor den versammelten Honoratioren befahl er dem Griot, seinem Hofsänger, ihn zu beleidigen. Der Griot wagte es nicht, alle Anwesenden glaubten, der König wolle seinen Kopf. Keïta aber sagte: „Was kann es meiner Würde anhaben, wenn mich dieser Griot beleidigt, der doch wie ein Verwandter für mich ist?“ Und er forderte seine Gefolgsleute auf, sich als Verwandte zu begreifen, die einander necken, ja sogar beleidigen dürften, ohne dass das zu Streit oder Krieg führe.

„Auch wenn sie die Form des Humors annimmt, hat die Scherzverwandtschaft doch einen ernsten Kern“, sagt Ndiaye. Sie sollte schon damals Schutz bieten vor Krieg, Familienfehde oder gegenseitiger Versklavung. „Wann immer Familien oder Ethnien Frieden miteinander schlossen, erklärten sie sich zu Scherzverwandten“, sagt Ndiaye. „Und das bedeutete: Es soll nie Krieg geben zwischen unseren Nachfahren.“

Quelle DIE ZEIT 31. August 2017 Seite 7 Angela Köckritz: Witz oder Krieg Der Senegal ist stabiler als seine Nachbarländer. Das hat mit einer besonderen Form des Islams und mit Humor zu tun. / Online HIER

Im Wikipedia-Artikel siehe Stichwort „Hofnarr“ HIER unter 3 Hofnarren in Mittelalter und Neuzeit und 4 Narren außerhalb Europas.

Aber wohlgemerkt: der Griot in Westafrika ist alles andere als ein Hofnarr… siehe (außer in Wikipedia) auch beim GOETHE-Institut hier.

Eigengesetzlichkeit der Musik

Geht es um Emotionen?

Es hat sich die Überzeugung eingeschlichen, dass die deutlich spürbare Emotion nicht hinterfragbar ist. Ebenso: dass kein verbaler Einwand stichhaltig ist, der den „wahren Moment“ in Frage stellt. Die Unmittelbarkeit!!! Ein Denkfehler, der nicht dadurch ausgeschaltet ist, dass man das Denken denunziert. So entgeht man nicht dem sogenannten Idealismus. Und ist erst recht kein „Mystiker“. Aber was ist dann „Interpretation des Seins“? Nur ein allzu großes Wort? Nein, man muss notfalls auch Texte übersetzen, die Goethes (Beethovens) Sprache sprechen, aber erst 75 Jahre alt sind.

Erwin Ratz schlägt vor sich zu vergegenwärtigen,

wie wir etwa von dem heiteren, düsteren, majestätischen oder ernsten Charakter einer Landschaft sprechen. So sind auch Ausdruck und Charakter zwar wesentliche Merkmale einer musikalischen Gestalt, und die im Hörer ausgelösten Gefühle sind ihre Wirkung: die Gestalt ist jedoch nicht Ausdruck der Gefühle des Künstlers. Fast könnte man sagen, daß diese Gestalt dem Künstler nach ihrer Erschaffung wie ein selbständiges Wesen gegenübertritt, dessen er sich bedient und dessen Eigengesetzlichkeit er nunmehr folgt. Je größer der Künstler, desto größer sein Einfühlungsvermögen in die notwendigen und möglichen Konsequenzen der einzelnen Gestalten.

Wenn wir den Begriff der Eigengesetzlichkeit, wie ihn die Formalästhetik oder die autonome Musikästhetik aufstellen, in dieser Weise erweitern, so finden wir damit zugleich auch den Zugang zu dem wahren Inhalt und Sinn der Musik, den die Inhaltsästhetik viel zu äußerlich auffaßt. Erst dann nämlich können wir zu einer Ahnung der transzendenten, metaphysischen Bedeutung der Musik gelangen, die zwar die Erfassung der rein musikalischen Vorgänge im höchsten Maße voraussetzt, aber über sie hinausgehend sich ihrem geistigen Hintergrund, dessen Entsprechung die musikalischen Vorgänge darstellen, zu nähern vermag. Von einem solchen Standpunkt aus kann Beethovens Ausspruch: „Musik ist höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“, überhaupt erst in seiner absoluten Gültigkeit verstanden werden. Aus dieser Kennzeichnung der Musik geht eindeutig hervor, daß es sich nicht um subjektive Äußerungen des Künstlers handeln kann; gerade in dem Streben nach vollkommener Objektivierung wird der Künstler der Aufgabe der Kunst gerecht. So spricht aus der Aussage Beethovens die Erkenntnis, daß die Musik jene Gesetzmäßigkeiten widerspiegelt, die der Welt zugrunde liegen. Erst auf dieser Stufe enthüllt sich uns ihr Sinn als Interpretation des Seins. Vielleicht dürfen wir hier noch einen Schritt weitergehen und in der Musik der großen Meister die intuitive Vorausnahme geistiger Ordnungen sehen, die erst in einer fernen Zukunft dem Bau der Welt und ihrer Widerspiegelung in den menschlichen Wesenheiten zugrundeliegen werden. Versuchen wir die Musik unter diesem Aspekt zu begreifen, so wird uns auch jenes ehrfürchtige Erschauern, das sie in uns zu erwecken vermag, verständlich.

Daraus folgt aber auch die ungeheure Schwierigkeit, der wir beim Versuch einer Deutung der Musik gegenüberstehen. Musik deuten heißt nicht nur die Welt deuten, sondern darüber hinaus die Entwicklungstendenzen erahnen, die keimhaft in uns selbst veranlagt sind. Da aber heute fast jedes Gefühl dafür abhanden gekommen ist, daß das menschliche Dasein einen tieferen Sinn hat, ist auch unsere Beziehung zu der Bedeutung, die der Musik im menschlichen Leben zukommt, so problematisch geworden.

Quelle Erwin Ratz: Erkenntnis und Erlebnis des musikalischen Kunstwerks / in: Österreichische Musikzeitschrift 5. Jahrgang, Folge 12 / Wien 1951

Mit Inventionen spielen (2)

Die Verteilung des Hauptmotivs

Invention e Motiv Verteilung

Es liegt auf der Hand: die imitatorische Kombination der beiden Stimmen, hoch und tief, ist zunächst sehr dicht: Takt 1, 2, 3; wird dann entzerrt: Takt 8 (linke Hand solo), 9, 11, 12 (wieder enger + Engführung), Takt 15 (rechte Hand solo), 17, 18, 19 (wieder enger, in erweiterter Gestalt), Takt (21), 22, 23 zusammenfassend, = Ergebnis.

Invention e-moll aa Invention e-moll bb

Interpretatorisch sind die Takte mit den ausgehaltenen Tönen problematisch: durchgetrillert zu aufdringlich, ohne Triller verschwinden sie. (Am Klavier kann man das durch Dynamik lösen, am Cembalo durch „taktvolle“ Tonwiederholung.) Hörübung: Janine Jansen – hier -, wie hält sie bzw ihr Spielpartner es mit diesen Tönen – beide hätten als Streicher nicht nötig zu trillern… Und noch eins (unnütz zu fragen): spielt den zweiten Part die Bratsche oder das Cello? (Die Partner auf der bei youtube verwendeten CD sind Maxim Rysanov, Bratsche, sowie Torleif Thedeen, Cello). Und ein drittes: wo weicht dieser Interpret vom Notentext ab? (Bitte die hier gegebene Klavierfassung vergleichen!)

Lösung: es handelt sich um Oktavversetzungen, die nicht besonders gelungen, aber doch zu verschmerzen sind. Weniger schön: dass 1 Ton verloren geht, nämlich in Takt 13 auf der dritten Zählzeit das c‘ im Bassschlüssel.

Angesichts der motivischen „Arbeit“, die sich in der obigen Tabelle zeigt, ist es erstaunlich, wie sich das Anfangsmotiv in den ersten Takten zu einem Thema rundet. Man kann es leicht zeigen, indem man wieder zum Anfangsakkord zurückleitet, statt zu der weiterführenden Tonart G-dur:

Invention e-moll aa -

Invention e als Thema beenden

Man könnte nun im letzten Takt statt des Schlusstones wieder den ersten Takt einsetzen und so ein kreisförmiges Gebilde schaffen, während die kompositorische Anstrengung natürlich dahin geht, darüber hinauszukommen. Sinnvolles Mittel ist die Sequenz. Erwin Ratz zeigt, wie diese Invention – an sich von einer ähnlichen Anlage wie die Invention Nr. 1 – gleichsam „zu höherer Entwicklungsstufe gelangt“ (Busoni).

Ratz Invention e-moll Anfang

…sie zeigen, – statt das Gebilde abzurunden – die Merkmale der Entwicklung, nämlich „harmonisch in Fluss zu kommen, Beschleunigung der Darstellung, Abspaltung“: es wird eine aus dem ersten Takt abgeleitete Gestalt aufgestellt (Takt 3) und diese Gestalt gelangt zur Sequenz.

Die „Beschleunigung“ der Darstellung ergibt sich hier jedoch nicht durch ein Kleinerwerden der Einheiten, sondern mit Hilfe des poyphonen Prinzips, indem die zweite Stimme in konstruktiv entscheidender Weise dadurch eingreift, daß die Imitation in der Oktave im ersten Takt nun übergeht in die Imitation in der Quint und so die Beschleunigung herbeiführt, die auch in der halbtaktig fortschreitenden Harmonie zum Ausdruck kommt. (In der ersten Invention wird die Imitation im dritten Takt nicht fortgesetzt.)

Quelle Erwin Ratz: Einführung in die musikalische Formenlehre (2. Auflage) Universal Edition Wien 1968 (Seite 61 f)

Wir könnten den Gedanken der Konstruktion hervorheben, für Erwin Ratz jedoch geschieht dies alles im Rahmen einer organischen Regelmäßigkeit, die er im Sinne Goethes auffasst:

So wie in der Natur zu der in mathematischen Gesetzmäßigkeiten erfaßbaren Regelmäßgkeit, wie wir sie in den Planetenbahnen, im Aufbau der Elemente, in den Formen der Kristalle, aber auch im Bereich des Organischen in der Struktur mancher Gewebe oder in der Zahl der Blütenblätter gegeben haben, hinzutritt das Prinzip des Lebendigen, der Metamorphose, der Verwandlung einer Gestalt in die andere, so sehen wir auch in der Kunst die zunächst als polare Gegensätze empfundenen Begriffe Gesetz und Freiheit vereint in Erscheinung treten und können in dieser Synthese die Offenbarung geheimer Naturgesetze im Sinne Goethes erblicken.

Ratz a.a.O. Seite 61

(Fortsetzung folgt)

Stenogramm zu „Titus“

Oder eher zu Teodor Currentzis

Vor langer Zeit habe ich einmal Yehudi Menuhin im Bonner WDR-Studio getroffen, um ihn für die Sendung „Klassik nach Wunsch“ zu befragen (2.1.1985). Er dirigierte damals Mozarts Oper „La clemenza di Tito“, und ich hatte mir vorgenommen ihn zu verlocken, etwas Kritisches über den Inhalt zu sagen. Fehlanzeige: er rühmte die tiefe Menschlichkeit des Werkes und sprach von Frieden und Versöhnung. Daher kommt es auch, dass ich mich für immer mit dem begnügt habe, was Hildesheimer dazu geschrieben hat:

Der „Tito“ hat nicht den Impetus und die Frische, daher nicht die ewig aktuelle Brisanz des zehn Jahre zuvor entstandenen „Idomeneo“, den auch Mozart selbst niemals übertroffen zu haben meinte: das einzige Beispiel der gesamten Opera seria, das strahlend in unsere Zeit überlebt hat, ja, jetzt erst eine Renaissance erfährt. Vergegenwärtigen wir uns aber, daß die Seria als Gattung heute nur höchstens den Wert des Museal-Schönen hat; daß wir sie, da wir in ihren Gestalten nicht uns selbst erkennen vermögen, gewissermaßen in Parenthese hören, so bleibt der „Tito“ dennoch ein Sonderfall: unaufführbar und aufführenswert zugleich, und immer Gegenstand des Experimentes, eine Musik zu retten, die sich an einem wertlosen Papiermonument aufrankt, ohne es, letzten Endes, gänzlich verdecken zu können.

Quelle Wolfgang Hildesheimer: Mozart / Suhrkamp Frankfurt am Main 1980 (Seite 319)

Nun scheint das Experiment vollkommen gelungen, diese Opera seria mit einem wahrhaft ernsten Stück Kirchenmusik zu verbinden, der C-moll-Messe, und einer grandiosen theologisch-philosophischen Idee zuzuordnen, die aus dem desolaten Zustand der Welt abgeleitet ist.

Man höre (ohne Scheu) alles, was  Peter Sellars dazu sagt: die Identität von Täter und Opfer. Aber vor allem das, was  man von Currentzis erfährt. Mit eindrucksvollen Film- und Tonbeispielen, abrufbar HIER (Das ERSTE, Titel, Thesen, Temperamente ttt) und dort auch im Schriftsatz nachlesbar:

„Was mich in meinem Leben in den letzten Jahren am meisten bewegt hat, waren die Reaktionen nach den Terroranschlägen“, sagt Peter Sellars. „Als Tausende spontan auf die Straße gingen, mit Blumen und Kerzen und damit zum Ausdruck brachten, unsere Liebe ist größer als euer Hass, der Bomben legt in Flughäfen oder Bahnhöfen. Ich fragte also Teodor Currentzis, was wäre die Musik für eine solche Demonstration von Trauer und Liebe und er sagte, ohne nachzudenken, das Kyrie der C-Moll Messe.“

Mozarts Sakralmusik unterbricht die Handlung. So wird aus dem etwas kruden Plot ein Appell an das große Ideal der Versöhnung. „Mozarts Zeit war noch nicht reif für die Idee echter Versöhnung“, sagt Sellars. „Vergebung durch einen Herrschenden ist ja keine Versöhnung. Aber um der Gewalt, die heute überall herrscht, entgegenzutreten, brauchen wir Versöhnung, brauchen wir wahre Größe. Und Mozart hat die Musik geschrieben für dieses Größere, zu dem der Mensch fähig ist.“

Die berühmte Arie „Parto!“ ist eine einsame Reise durch Stille und Angst. Sie wächst an dieser schwierigen Rolle, sagt Marianne Crébassa. „Manchmal liegt die eigentliche Handlung ja in der Stille. Nichts zu machen, gegenwärtig zu sein. Das ist auch das, was Teodor Currentzis will. Er sagte immer: Lass dir Zeit. Wenn du eine Phrase gesungen hast, bleib bei dir und dann mach weiter.“

Qui tollis peccata mundi. „Du nimmst hinweg die Sünden der Welt.“ Der Chor bildet zwei Kreise. Einen um den Täter und einen um das Opfer. Es ist das Bild des Abends. Die große Affirmation. Kunst, die daran glaubt, dass Menschen Menschen erlösen. „Titus ist hier ja auch nicht mehr der große singuläre Herrscher“, sagt Sellars. „Er ist immer mit den anderen verbunden, Teil des Ensembles. Mozart zeigt, wie das aussehen könnte. Es geht nicht darum, eine Wahrheit durchzusetzen. Wahrheit, das ist ein Duett. Da werden beide Wahrheiten zu einer neu[n]en – in Zeit und Raum.“

Auch den anderen Film sollte man sich ansehen: über Teodor Currentzis HIER. Und den Text mit der Überschrift: Klang ohne Spiritualität ist nur Geräusch. Ein kleines Foto, T.C. mit hochgerecktem Kopf, wie unter der Dusche, Bildunterschrift: „Ein tiefgläubiger Mann.“ Ich hätte frevlerisch gesagt: Der Jürgen Klopp des modernen Musikbetriebs. Nein, das will ich keineswegs gesagt haben. Wir brauchen diese von ihrem Beruf Besessenen. Soeben hatte er gesagt:

Wenn du Dinge entdecken kannst, die niemand anderes sieht, dann musst du dieser Sache dein Leben und deine Zeit widmen und das in die Welt holen. Musik bedeutet ja nicht, eine Geige zu spielen oder zu singen oder zu komponieren. Musik ist eine Vorstellung, die darüberhinaus geht.

Und dann kommt der Satz vom Klang ohne Spiritualität, – jenem berühmten Satz von Bach nachempfunden, Musik ohne Gott sei nichts als „ein teuflisches Geplärr und Geleyer“. Was in der alten Zeit aber wohl noch jeder unterschrieben hätte. (Bach hat ihn nicht erfunden.)

Currentzis, 45, Grieche mit russischem Pass, hasst Routine, das Wort Berufsmusiker und einen Kunstbegriff, der auf Entertainment zielt. Klang ohne Spiritualität, sagt Currentzis, ist nur Geräusch. Er ist ein tiefgläubiger Mann und redet sehr selbstverständlich von dieser jenseitigen Welt. „Du musst zum Ursprung zurückgehen. Zu dieser ewigen, universellen Stille. Die tragische Schönheit von Klang wahrnehmen, der von hier aus in die Welt kommt. Da ist die Energie. Die Energie ist die Zerstörung der Stille durch diesen ersten Klang.

Selbst Klang sein, statt nur Zuhörer. Bei der Uraufführung von „The Riot of Spring“ schickt Currentzis einen Ton auf die Reise. Musiker spielen ihn nach und lassen andere auf ihren Instrumenten spielen. Ein anwachsender Klang, der alle im Raum einbezieht.

Der ttt-Beitrag im ERSTEN (6.8.2017) stammt – wie diese verschriftlichten Texte – von Angelika Kellhammer.

Man zögert unwillkürlich, es kann doch nicht alles wahr sein – oder: nicht alles wahr bleiben? Mit Beginn der Spielzeit 2018/19 wird dieser Mann nicht weit von uns als Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters wirken. Schwer vorstellbar: eine Mischung aus Berserker und indischem Eremiten, – fest angestellt.

Mir klingt sein Bekenntnis zur Stille und zum wahren Ursprung des Klangs wie das Abstract eines indischen Textes, den ich oft zitiert habe. Aber kann man damit leben und arbeiten? Gewiss, die Hoffnung ist stärker als der Glaube.

Indien Ursprung Musik

Text: Vidya Rao / Quelle: Music Today CD A-92017 Music Appreciation New Delhi 1992

Was mir besonders im Gedächtnis bleiben wird: die Einbeziehung des Klarinettisten ins Bühnengeschehen, auch die kollektiven Bewegungen des Chores oder die angedeutete Choreographie der beiden Sängerinnen im Duett: genau das, was mich auch in einer Johannespassion beeindruckte (hier). Nicht die Show, sondern die sparsame Übertragung der inneren musikalischen Bewegung nach außen. Wenn ich jetzt die Arie des Sesto in einer ganz anderen Aufnahme erlebe, sehe ich auch den Klarinettisten. (Übrigens habe ich mir auch die Noten von IMSLP/Petrucci ausgedruckt.)

 PARTO Titus Noten  PARTO Titus Noten f

Zum Schluss möchte ich betonen, dass ich diesen „Titus“ natürlich nicht gesehen habe; was ich darüber weiß, haben ich nur dem begeisterten Bericht in ttt zu verdanken. Und an der Youtube-Aufnahme mit Vesselina Kasarova (Dirgent Harnoncourt) erkennt man, dass die Musik wohl doch nicht erst unter Teodor Currentzis erfunden wird. Sie wird vielleicht mit allerhöchstem Ehrgeiz neu inszeniert. Und mit einem prophetischen, ja fanatischen Gestus zur Aussage gezwungen: „Wenn du Dinge entdecken kannst, die niemand anderes sieht, dann musst du dieser Sache dein Leben und deine Zeit widmen und das in die Welt holen.“ Das kann einem auch Angst machen.

Der hochgeschätzte Kollege Jan Brachmann hat im November des vergangenen Jahres in der FAZ eine sehr bedenkenswerte Analyse des Currentzis-Hypes geschrieben: HIER. Überschrift: „Wir Terroristen haben wenigstens Mumm“ / Der Dirigent Teodor Currentzis verdreht der Musikwelt gerade den Kopf. Sein Rebellentum ist genau kalkuliert.

Yusef Komunyakaa

Besser spät als nie: eine Entdeckung amerikanischer Dichtung

Ich verdanke sie einem freundlichen Hinweis und nicht zuletzt der eigenen Verblüffung, die wieder einmal mit J.S.Bach zusammenhing. (Der drittletzte Ton ein b oder ein c? Ich glaube dem Cellisten.) Vor allem: was für ein Regieeinfall, sich auf den ersten Teil der Sarabande zu beschränken, – soll etwas offen bleiben? Entscheidend für mich: die oftmalige Wiederholung, der Eindruck des gesprochenen Wortes und endlich die Erschließung der schriftlichen Verständnishilfe. Der aufgefundene Text.

Cello Suite Sarabande

Ab 1:14 Two poems… the first one is titled Grenade … ab 5:47 the second poem is Heavy Metal Soliloquy…

Grenade

There’s no rehearsal to turn flesh into dust so quickly. A hair-trigger, a cocked hammer in the brain, a split second between a man & infamy. It lands on the ground—a few soldiers duck & the others are caught in a half-run—& one throws himself down on the grenade. All the watches stop. A flash. Smoke. Silence. The sound fills the whole day. Flesh & earth fall into the eyes & mouths of the men. A scream trapped in midair. They touch their legs & arms, their groins, ears & noses, saying, What happened? Some are crying. Others are laughing. Some are almost dancing. Someone tries to put the dead man back together: „He just dove on the damn thing, Sir!“ A flash. Smoke. Silence. The day blown apart. For those who can walk away, what is their burden? Shreds of flesh & bloody rags gathered up & stuffed into a bag. Each breath belongs to him. Each song. Each curse. Every prayer is his. Your body doesn’t belong to your mind & soul. Who are you? Do you remember the man left in the jungle? The others who owe their lives to this phantom, do they feel like you? Would his loved ones remember him if that little park or statue erected in his name didn’t exist, & does it enlarge their lives? You wish he’d lie down in that closed coffin, & not wander the streets or enter your bedroom at midnight. The woman you love, she’ll never understand. Who would? You remember what he used to say: „If you give a kite too much string, it’ll break free.“ That unselfish certainty. But you can’t remember when you began to live his unspoken dreams.

© Yusef Komunyakaa

Quelle: https://muse.jhu.edu/article/168507

Heavy Metal Soliloquy

After a nightlong white-hot hellfire / of bluesteel, we rolled into Baghdad / plugged into government-issued earphones, / hearing hardrock. The drum-machines / & revved-up guitars roared in our heads. / All their gods were crawling on all fours. / Those bloated replicas of horned beetles / drew us to targets, as if they could breathe / & think. The turrets rotated 360 degrees. / The infrared scopes could see through stone. / There were mounds of silver in the oily dark. / Our helmets were the only shape of the world. / Lightning was inside our titanium tanks, / & the music was almost holy, even if blood / was now leaking from our eardrums. / We were moving to a predestined score / as bodies slumped under the bright heft / & weight of thunderous falling sky. / Locked in, shielded off from desert sand / & equatorial eyes, I was inside a womb, / a carmine world, caught in a limbo, / my finger on the trigger, getting ready to die, / getting ready to be born.

© Yusef Komunyakaa

Quelle: The New American Poetry of Engagement: A 21st Century Anthology / edited by Ann Keniston and Jeffrey Gray / McFarland 2012 ( ISBN: 978-0-7864-6467-8 )

Wer ist Yusef Komunyakaa?

For myself, I read everything aloud as I am ... as I am writing, because
the ear is a great editor.
I think listening is the most important thing in the creative arts but
also in life.
In the highly technological society it seems to me that instruments are
there to steal bits of what we call "information".
But it isn't knowledge before us, it takes a dialogue.
And any interesting complex dialogue comes out of silence and listening.
I am listening for [or: And listen to?] the music as opposed to the ideas.
The ideas are there, because language is really a composite of symbols
that which comes from the body as opposed to that abstract mental space.
[...]

"What young poets should not do"

1st - to [or: do?] not write for others.
2nd one is: - to not write on a computer.
3rd one: - to not be afraid of surprising oneself.

Des weiteren:

http://www.encyclopedia.com/arts/educational-magazines/ode-drum bzw. HIER

Dank an JMR!!!

Baukörper und Körperbau

Der Architekt spricht und betet

[ZITAT aus Paul Valéry: Eupalinos oder Der Architekt]

O Phaidros, wenn ich eine Wohnstätte erfinde (sei es für die Götter, sei es für einen Menschen) und wenn ich diese Form suche mit Liebe, mich bemühend, einen Gegenstand hervorzubringen, der den Blick erfreue, der sich mit dem Geiste unterhalte, der im Einklang sei mit der Vernunft und mit den zahlreichen Bedingungen, die üblich sind, . . .  so muß ich dir eine befremdliche Sache sagen: Es scheint mir, als sei mein eigener Körper mit dabei . . . Laß mich sagen. Dieser Körper ist ein wunderbares Instrument, und ich überzeuge mich immer mehr, daß die Lebendigen [die Wiedergabe des Gesprächs findet in der Unterwelt statt], die ihn alle in ihrem Dienst haben, ihn nicht in seiner Fülle ausnutzen. Sie gewinnen ihm nur Vergnügen ab, Schmerzen und die unerläßlichen Anwendungen, wie eben zu leben. Manchmal verwechseln sie sich mit ihm; gelegentlich vergessen sie einige Zeit seine Existenz; und bald zu stumpf, bald reine Geister, wissen sie gar nicht, welche allgemeinen Zusammenhänge sie enthalten und aus was für einem unerhörten Stoff sie gemacht sind. Eben durch ihn nehmen sie teil an dem, was sie sehen, und an dem, was sie berühren: sie sind Steine, sie sind Bäume, sie tauschen Berührungen und Hauche aus, mit dem Stoff, der sie zusammenfaßt. Sie berühren, sie werden berührt, sie sind schwer, und sie heben Gewichte, sie rühren sich und tragen mit sich herum ihre Tugenden und ihre Laster; und wenn sie in Träumerei verfallen oder in den unbestimmten Schlaf, so wiederholen sie die Natur der Wasser, sie werden Sand und Wolken . . . Bei anderen Gelegenheiten versammeln sie sich in den Blitz und schleudern ihn! . . .

 Aber ihre Seele weiß durchaus nicht, was mit dieser Natur, die ihr so nahe ist und die sie durchdringt, beginnen. Sie eilt voraus, sie bleibt zurück, sie scheint den Augenblick selbst zu fliehen. Sie erhält von ihm Anstöße und Antriebe, die es mit sich bringen, daß sie sich in sich selbst entfernt und sich in ihrer Leere verliert, wo sie Dünste zur Welt bringt. Ich dagegen aber, unterrichtet durch meine Irrtümer, ich sage im hellsten Licht und wiederhole mir bei jeder Morgenröte: [hier folgt das Gebet an den Körper].

Quelle: folgt weiter unten

***

Ich hatte einige Tage im Garten geschuftet, schubkarrenweise Stein & Erde fortgeschafft, in Schweiß gebadet, und ein Gedanke war nicht wegzuwischen: hält der Körper noch durch? Immer dort hinunter, an der alten, efeuüberwachsenen Eiche vorbei, dem Vogelparadies, abwärts in die Richtung, aus der man das Bussard-Junge unentwegt in den Erlen pfeifen hört. Immer wieder dort hinunter und mit geleerter Karre wieder rauf!

Eiche Juli 2017

Ich dachte an meinen Großvater und keuchte. Aber der rettende Zweit-Gedanke war: Paul Valéry. Ich hätte mehrere Gründe, zu ihm zurückzukehren, an den Schreibtisch. „Die Seele und der Tanz“ oder „Eupalinos“ mit seinem Gebet an den Körper! Und dann, am Donnerstag, kam die ZEIT mit der folgenden Titelseite (bitte anklicken, vergessen Sie auch nicht die ganz kleine, ins Dunkel gerückte Schlagzeile rechts unten in der Ecke!):

ZEIT Körper

Im Innern zwei mächtige Feuilleton-Seiten über Fitnesskultur. Naja, das war zu erwarten. Was mich jedoch beflügelte, stand im Zeit-Magazin, – lachen Sie nur nicht! -, es stammt von einem Chirurgen, in dessen Abteilung Menschen neue Hüften und Knie bekommen. Nein, da liegen meine Probleme nicht; gewonnen hat der Mann bei mir mit der Antwort auf die Frage: „Mussten Sie anfangs Ekel überwinden, als Sie zu operieren begannen?“ Seine Antwort: „An meinem Bereich finde ich eigentlich nichts eklig. Im Gegenteil: Von innen sehen die Gelenke, Knochen und Muskeln richtig ästhetisch aus.“ Ein bewundernswerter Arzt! (Peter Naatz, Chefarzt der Abteilung für Untere Extremitäten und Wirbelsäulenchirurgie im Immanuel-Krankenhaus Berlin.) Und auf die Frage, wie er sich denn selbst sehe – „als Reparateur, Mechaniker, Knochenhauer?“ – entgegnete er:

Weder – noch, für mich ist der Körper keine Maschine. Wenn man sieht, wie komplex und genial das alles aufgebaut ist, wird man eher demütig. Die Knochen etwa sind ja deswegen sehr bruchstabil, weil sie durch die Muskeln und Sehnen aufgespannt und eingebettet sind. Mir ist durch meine chirurgische Arbeit immer klarer geworden, dass man in diesem Verbund nicht unhinterfragt eben mal was austauschen kann. Oft liegt bei einem Problem ja gar keine strukturelle Veränderung des Gewebes vor, sondern das Zusammenspiel zwischen Gelenken, Muskeln und Nerven ist gestört. Die mentale Verfassung des Patienten spielt dabei auch eine große Rolle. So ein Problem kann man nicht nur mit dem Messer lösen.

Quelle Zeit Magazin 13. Juli 2017 (Seite 29) „Ich werde immer ehrfürchtiger vor der Natur“ Wo der Schmerz sitzt, kann Peter Naatz schon am Gang eines Patienten sehen. In seiner Abteilung bekommen Menschen neue Hüften und Knie. Wie ein Chirurg auf den Körper schaut / Von Christine Meffert

[Das Gebet des Eupalinos:]

O, mein Körper, der du mir jeden Augenblick zum Bewußtsein bringst diesen Ausgleich meiner Neigungen, dieses Gleichgewicht deiner Organe, diese richtigen Verhältnisse deiner Teile, die bewirken, daß du bist und dich immerfort erneuest im Schoße der beweglichen Dinge: wache über meinem Werk; lehre mich heimlich die Forderungen der Natur und übertrage mir diese große Kunst, mit der du ausgestattet bist, so wie du bestehst durch sie, die Jahreszeiten zu überdauern und dich zurückzunehmen aus den Zufällen. Gib mir, daß ich in der Verbindung mit dir das Gefühl für die wahren Dinge finde; mäßige, bestärke, sichere meine Gedanken. So vergänglich du auch bist, du bist es sehr viel weniger als eine Laune, du zahlst für meine Handlungen, und du büßest für meine Irrtümer: Instrument des Lebens, das du bist, du bist für jeden von uns der einzige Gegenstand, der sich mit dem Weltall vergleichen läßt. Der ganze Himmelsumkreis hat immer dich zur Mitte; o Gegenstand der gegenseitigen Aufmerksamkeit eines ganzen gestirnten Himmels! Du bist recht das Maß der Welt, von der meine Seele mir nur das Äußere vorstellt. Sie kennt sie ohne Tiefe und so oberflächlich, daß sie manchmal imstande ist, sie in eine Reihe mit ihren Träumen zu stellen; sie zweifelt an der Sonne. . . Von sich eingenommen durch ihre vergänglichen Hervorbringungen, glaubt sie sich fähig, eine Unzahl verschiedener Realitäten zu schaffen; sie bildet sich ein, es gäbe noch andere Welten, aber du rufst sie zurück zu dir, wie der Anker das Schiff zu sich zurückruft . . .

Mein besser erleuchteter Geist wird nicht aufhören, teurer Körper, dich von jetzt ab zu sich zu rufen; noch wirst du, hoffe ich, unterlassen, ihm deine Gegenwart, deinen Beistand, deine Bindungen an den Ort zur Verfügung zu stellen. Denn endlich haben wir das Mittel gefunden, du und ich, uns verbunden zu halten und den unauflösbaren Knoten unserer Unterschiede: ein Werk soll unsere Tochter sein. Wir haben jeder nach unserer Seite hin gehandelt. Du lebtest, ich träumte. meine weiten Träumereien führten zu einer grenzenlosen Ohnmacht. Aber das Werk, das ich jetzt hervorbringen will und das nicht von selbst geschieht, möge es uns zwingen, uns gegenseitig zu antworten, und einzig aus unserem Einverständnis hervorgehen! Aber dieser Körper und dieser Geist, aber diese Gegenwart, unbezwinglich gegenwärtig, und diese schöpferische Abwesenheit, die sich um das Wesen streiten und die man endlich zusammenfassen muß; aber dieses Begrenzte und dieses Unendliche, das wir hinzubringen, jeder nach seiner Natur, jetzt müssen sie sich verbinden, in einer wohlgeordneten Aufrichtung; und wenn wir durch die Gnade der Götter verständig arbeiten, wenn sie untereinander das Überkommene und die Gnade austauschen, Schönheit und Dauer, Bewegungen gegen Linien und Zahlen gegen Gedanken, so wäre es so weit, daß sie endlich ihre wirkliche Beziehung entdeckt hätten, ihre Handlung. Mögen sie sich verabreden, mögen sie einander verstehen mittels des Stoffs meiner Kunst! Die Steine und die Kräfte, die Profile und die Massen, die Lichter und die Schatten, die künstlichen Zusammenfassungen, die Täuschungen der Perspektive und die Wirklichkeiten der Schwerkraft, solches sind die Gegenstände ihres Umgangs, dessen Gewinn endlich jener unverderbliche Reichtum sei, den ich Vollendung nenne.

Quelle Paul Valéry: Eupalinos oder Der Architekt /  Übertragen durch Rainer Maria Rilke / aus: Rowohlts Klassiker der Literatur und Wissenschaft / Französische Literatur Band 11 / März 1962 / Seite 115 ff / Mit Genehmigung des Insel-Verlages, Frankfurt am Main / Umschlagentwurf Werner Rebhuhn unter Verwendung einer Aufnahme, die Valéry als Mitglied der Académie Française zeigt (Foto Ullstein Bilderdienst).

Dieser Band enthält auch die wichtigsten Gedichte Valérys in französischer und deutscher (Rilke) Sprache und den ebenso schönen Dialog „Die Seele und der Tanz“. Am Ende auch noch einen wunderbaren Essay „Zum Verständnis des Werkes“ von Ernst Robert Curtius.

Ich habe dieses „Gebet“ abgeschrieben, um es immer wieder einmal Satz für Satz durchzugehen, durchzu d e n k e n , nicht einfach als schöne Sprache vorüberziehen zu lassen. Jeder Satz hat Sinn. Wobei natürlich im Auge zu behalten ist, dass der (von Freund Phaidros dem Sokrates gegenüber bewundernd zitierte) Baumeister Eupalinos Bauwerke meint, wenn er von „Werk“ spricht, von Werken, die aus dieser Verbindung von Körper und Geist hervorgehen sollen. Wobei dahingestellt bleiben mag, ob wir uns dabei insgeheim moderne architektonisch gestaltete Gebäude oder griechische Tempel vorstellen sollen. Oder ob wir so frei sein sollen, uns Werke denken dürfen, zu denen eben jeder von uns als vergängliches Individuum fähig ist, wenn er die kreative Verbindung zwischen Kopf und Hand „ins Werk“ setzt. Ich gestehe, dass ich bei der harten Gartenarbeit daran gedacht habe, dass eben die von mir (oder uns) gestaltete Natur als Werk gelten könnte, das aus sich selbst heraus – als Natura naturans – mitarbeitet und erst vollkommen wird, wenn die Spur unserer Hand sich wieder verliert. (Die Hand kann aufs neue tätig werden…)

Zugleich weiß ich, dass in diesem Dialog die Kunst des Architekten letztlich mit der Musik in Verbindung gebracht werden soll. Zunächst: dass es Sokrates (Valéry) darum geht zu erfahren, was Eupalinos sagen könnte „in bezug auf jene Bauwerke, von denen er meinte, <daß sie singen>“:

 Ich halte sie [die Künste] aneinander, ich suche die Unterschiede; ich will den Gesang der Säule hören und mir im klaren Himmel das Denkmal einer Melodie vorstellen. Diese Einbildung führt mich sehr leicht dazu, auf die eine Seite die Musik zu stellen und die Architektur, und auf die andere die anderen Künste. Eine Malerei, lieber Phaidros, bedeckt nur eine Oberfläche, die einer Bildtafel oder einer Mauer; und auf ihr täuscht sie Gegenstände vor oder Personen. Ebenso schmückt der Bildhauer immer nur einen Teil unseres Ausblicks. Aber ein Tempel, wenn man an ihn herantritt, oder gar das Innere des Tempels, bildet für uns eine Art vollkommener Großheit, in der wir leben . . .  Wir sind dann, wir bewegen uns, wir leben im Werk eines Menschen!

Er zielt also auf die Musik, und hier breche ich ab, so eindrucksvoll dieses Nachdenken über den Ort der Musik auch ist („als ob der ursprüngliche Raum ersetzt worden wäre durch einen geistig faßbaren und veränderlichen Raum; oder vielmehr als ob die Zeit selbst dich auf allen Seiten umgäbe“). Es soll genügend Anlass bleiben, den Dialog als Ganzes auf sich wirken zu lassen. Unnötig hervorzuheben: er hat NICHTS mit Esoterik zu tun. Mein Artikel hier ist nur eine Erinnerung an diese Aufgabe.

Ich möchte noch einmal zu den Titel-Geschichten der ZEIT vom 13. Juli zurückkehren: Soll ich die „aktuelle“ Auffassung des Körpers sang- und klanglos vom Tisch fegen? Verbirgt sich hinter dem jetzt angedeuteten Weg in die Musik nicht wieder eine Flucht aus der vom Körper eigentlich gemeinten Wirklichkeit? Wirklichkeit als Materialität?

Es ist ein Kapital, sobald Krankenversicherungen für fitte Menschen billiger werden. Mit jeder Trainingseinheit stemmen sich die Fitnessjünger gegen die Schmerzen des Alterns. Oder – freundlicher gesprochen – sie erwerben Anteilscheine am nächsten großen Fortschritt der Menschheit: der Unsterblichkeit.

Quelle DIE ZEIT 13. Juli 2013 Seite 41 Steinzeitkörper im Bioladen Die Fitnesskultur bombardiert uns mit Ratschlägen, wie man richtig zu leben habe. Warum lassen sich das moderne Individualisten so gerne gefallen? Von Marie Schmidt.

Ein Foto aus dem Fitnesszentrum zeigt uns, dass es keine „Muckibude“ mehr ist wie früher, beileibe nicht, sondern ein „Tempel der Sinnstiftung“. Was allein gilt, ist „Die Anbetung des Leibes“. Aus der Innenperspektive bedeutet das in etwa: Unsterblichkeit für ein Leben, „in dem Muskeln und Darm im Mittelpunkt stehen“.

Leben Sie wohl!