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Multikulti ist tot – ?

Ja, totgesagt wider besseres Wissen.

Diese gefürchteten Parallelgesellschaften, gegen die allenthalben gewettert wird, ohne dass man eigentlich weiß, was man damit meint. Ich konzentriere mich gern auf die geliebten Italiener, die ebenfalls oft bis heute noch kein korrektes Deutsch können. (Siehe auch hier.) Wir lieben sie. Wir haben von ihnen draußen sitzen gelernt, auf Stühlen, an kleinen Tischen. Ein wichtiges Kulturgut. Die Deutschen habe es gelernt von einer Leitkultur des Vergnügens: am Leben unter der Sonne und im lichtdurchfluteten Halbschatten.

Nun gut, es gibt auch noch andere Argumente. Ich empfehle die Lektüre der neuen ZEIT. Zitat:

Deutschland besteht seit Generationen, auf jeden Fall schon lange vor Ankunft einer nennenswerten Menge von Fremden, aus einer Vielzahl von Parallelgesellschaften. Sie verstehen sich nur mühsam, manche hassen sich, die meisten ertragen einander seufzend. Es gibt Familien mit faschistischer und Familien mit antifaschistischer Vergangenheit. Es gibt kommunistische und antikommunistische, katholische und protestantische Traditionen. Sie alle schlagen sich auch in Habitus und Lebensgewohnheiten nieder. Das Tattoo markiert nur eine der aktuellen Scheidelinien, an denen das gegenseitige Verständnis endet. Warum sollte der Schleier so viel schlimmer sein?

Mit anderen Worten: Der Begriff der Leitkultur richtet sich nicht zuvörderst an Migranten. er bedroht jeden einzelnen Deutschen in seiner Lebenswelt. Wer ist im Besitz der Leitkultur? Wer darf definieren, was gilt? mein Nachbar oder ich? Der Sinn und Segen einer pluralistischen Gesellschaft, die keine privilegierten Lebensweisen kennt, besteht vor allem darin, die Bürger daran zu hindern, übereinander herzufallen, um dem Einzelnen die Wahl seiner Gewohnheiten zu lassen. Aber natürlich hat es immer Gegner des modernen Gewimmels, des Durcheinanders der Stile und Sitten gegeben. Manches spricht dafür, dass die vehemente Ablehnung der Flüchtlinge nur Ausdruck einer schon zuvor virulenten Überforderung ist, die man indes nicht artikulieren wollte.

Wozu die Erfinder des Leitkulturbegriffs seinerzeit zu feige oder zu faul waren, hat die AfD nun präzisiert. Man sieht sogleich die gewaltige Sprengkraft, die in jeder einzelnen Facette der Definition steckt. „Die Ideologie des Multikulturalismus“ – schon diese erste Formulierung setzt zum Angriff an. Denn der Multikulturalismus, mag man ihn mögen oder nicht, ist gerade keine Ideologie (mehr), er ist Realität.

Quelle DIE ZEIT 22. September 2016 Sprengstoff Leitkultur Der gefährlichste Begriff der AfD: Mit der Forderung nach kultureller Einheit des Landes bedroht die Partei nicht nur die Zuwanderer, sondern jeden einzelnen Deutschen in seiner Lebenswelt. Von Jens Jessen. [Hervorhebungen in roter Schrift: JR]

Solinger Tageblatt 1. Oktober 2016

schlagzeile-leitkultur

Ja, was ist deutsch?

Man schaue sich einmal die vielzitierten Sätze von Nietzsche an – in ihrer ganzen Umgebung, in dem Buch „Jenseits von Gut und Böse“, übersehe aber auch nicht, dass damals (1885) auch die klügsten Menschen noch in Rasse-Kategorien dachten und uns als ein „Volk der ungeheuerlichsten Mischung und Zusammenrührung der Rassen“ sehen konnten. Als Psychologe ist er groß, nicht als Biologe, wenn er etwa Goethes „zwei Seelen“ in einer Brust als viel zu wenig erkennt, – dass man sich damit arg an der Wahrheit vergreife, hinter der Wahrheit um viele Seelen zurückbleibe. Man sehe auf den folgenden Seiten rechts oben die vielzitierten Sätze über die Frage „was ist deutsch?“, – eben nicht als abgerundeter (vielstrahliger) Aphorismus. Und das gehört zum Programm des Buches, wie es schon in seiner Vorrede (siehe ganz unten) zum Ausdruck  gebracht ist. Nichts ist bei Nietzsche eindeutig, dogmatisch und systemfixiert gedacht. In diesem offenen Sinne ist er zu lesen. Auch wenn er von Europa spricht.

nietzsche-was-ist-deutsch Nietzsche über „Was ist deutsch?“

nietzsche-vorrede-jenseits Nietzsche über die (deutsche?) Seele

Geheime Gedanken, offenbar

Beginnt die Wahrheit mit einer Entschleierung?

Es gibt verschiedene Wege, die sogenannte Realität zu unterwandern. Zum Beispiel auch diesen: von einer sogenannten Realität zu sprechen, so als wisse man von vornherein, dass dahinter noch etwas ganz anderes steckt als Realität. Ja „dahinter“ natürlich, nicht etwa seitlich davon, oder davor, was ja möglich wäre, als täuschende Folie etwa, das farbige Glas wird da gern als Beispiel genommen, auch die rosarote Brille. Aber da bietet sich der gleiche Vorgang an: die Folie abziehen, die Durchsichtigkeit der Dinge erhöhen. Und seitlich? Wer sagt denn, dass es nur ein Ding, eine Sache zu ergründen gibt, ich muss die Relation zur Nachbarschaft beachten, schon um die Höhe und Breite des von mir herausgegriffenen Phänomens zu erfassen.

Die Analogien liegen so nah, dass wir schon nicken, ehe sie ausgesprochen sind. Man muss eine Oberfläche durchstoßen, man muss zum Kern der Sache kommen, sieben Schleier müssen abgelegt werden – und dann kommt was zum Vorschein? Hinter dem verschleierten Bild zu Sais befand sich – ja was nun? – die Götterstatue, die Jungfrau oder die Wahrheit. Die sogenannte Wahrheit, möglichst in handlicher, mit der Hand begreifbaren Form. Oder nur sichtbar? Aber wer daran rührt, wird seines Lebens nicht mehr froh.

Wer nach innen will, hat immer recht. Aber ob er wirklich dort war, ist schwer nachweisbar. Was erfährt man durch bloße Innenschau, was erfährt der andere durch meine verbale Beichte? Ist es ein Entblößungsmechanismus, ist da etwas, oder entdeckt man, was man vorher oder zugleich hineingelegt hat. Wieviel Pubertäres steckt in dem Vorgang, Unaufgeklärtes? Im Mittelpunkt der Liebesmystik des Novalis stand ein 12jähriges Mädchen (sie starb mit 15).

Novalis: Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.

Ist das ein Glaubenssatz? Oder etwa Realität? Eine Tatsachenbehauptung wie „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Man kann Realität auch bei Google eingeben und hat reiche Auswahl. (Eine Schülerin meinte: „Denken ist wie googeln, nur krasser.“) Am Ende eines ZEIT-Artikels steht der schöne Merksatz: Realität ist stets das, was wir dafür halten.

Als Wahrheit gilt vielen das grobe Benennen der angeblichen Fakten, die schiere Taktlosigkeit.

Wer bin ich? Der, der ich damals war (mit 25) oder der, der ich nächstes Jahr (nach all den Arbeiten, die ich mir vorgenommen habe) sein werde. Ob eine Frau diesen Satz immer noch anders beantwortet als ein Mann? Sie will so sein wie sie früher mal war, aber mit dem Bewusstsein von heute. Er will so sein wie er ist, aber nicht sterben.

Thomas Mann münzte auf den alten Fontane, was dieser über seinen Vater geschrieben hatte: „So wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich.“

Was bedeutet der Rilke-Satz aus den ‚Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‘:

Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.

Sobald du (im Überschwang) ein Bekenntnis abgelegt hast, hast du eine Marke gesetzt, an der deine Liebe fortan gemessen wird. Ebbe und Flut wirst du durch Täuschungsmanöver ausgleichen müssen.

***

ZITAT

Und jetzt ist dieser enthemmte Alles-muss-mitgeteilt werden-Narzissmus aus der Pöbelmaschine [Facebook, Twitter JR] ins Real Life geschwappt. Die Psychologen konstatieren vor allem in der Beziehungskommunikation eine Art Quantensprung in die Geheimnislosigkeit. Der infantile und hemmungslose Zwang, sich ununterbrochen erklären zu müssen, wird mit absoluter Liebe und Ehrlichkeit verwechselt. Bei „Honestyexperiment.com“ können Paare eine dreißigtägige Ehrlichkeitskur buchen mit „Tipps, die einander näherbringen“. [Siehe hier .JR]

Liebe wird aber doch nicht besser oder näher, wenn man keine Geheimnisse mehr voreinander hat. Keine Frau muss sich zur Dokumentation von Vertrautheit und Wertschätzung die Zähne putzen, während er auf dem Klo sitzt, jedenfalls nicht im selben Zimmer. (…)

Etwa mit vier Jahren fangen Kinder an zu verstehen, dass sie Dinge über sich selbst wissen, die Eltern nicht wissen. Das ist der Anfang der Selbstabgrenzung, ein enorm wichtiger Moment zur Identitätsfindung. Mit fünf begreifen sie dann, dass sie darüberhinaus andere Informationen besitzen, die Eltern nicht haben. Mit dem Geheimnis beginnt die Autonomie. beides kann man zerstören. Eltern, die sagen, ihre Kinder haben keine Geheimnisse vor ihnen, werden von Psychologen als problematisch eingestuft. Sie lesen neuerdings – das gehört zum Helikoptern* offenbar dazu – sogar die Tagebücher ihrer Teenager, die sie „zufällig“ beim Aufräumen gefunden haben. Teenager, die Geheimnisse vor ihren Eltern haben können, sind autonomer, disziplinierter, besser im Abgrenzen, und, das vor allem: Sie haben schweigen gelernt. Wenn sie Anwälte werden wollen, oder Ärzte, Journalisten oder gute Ehepartner, werden sie diese Fähigkeiten brauchen können. Als Politiker übrigens auch.

Quelle Süddeutsche Zeitung 6./7. August 2016 Seite 49 Alles muss raus / Diskretion ist aus der Mode gekommen. Paare leben unter dem Diktat permanenter Offenheit – dabei brauchen wir das Geheimnis. Von Evelyn Roll.

* Zu dem Begriff „Helikoptern“ siehe hier.

***

In der Zeit, als ich mich viel mit Mystik beschäftigte, auch mit C.G.Jung, und in der Musik als Geiger „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ auf die Kunst der Bogenführung übertragen wollte, begann ich ebenso intensiv Marcel Proust zu lesen. Alles schien zusammenzufließen in ein Leben, das mit Wahrheitsfindung zu tun hatte, ein Wort wiederum, das in derselben Zeit durch Fritz Teufel einen urkomisch ironischen Klang bekommen hatte. Ich fühlte mich Proust nahe, wenn ich am Ebertplatz in Köln die Rotdornbäume blühen sah, ich besuchte regelmäßig den botanischen Garten, die Flora, vertiefte mich in exotische Blüten. Ich sah entfernte Kirchtürme, besonders im Abendlicht, mit seinen Augen, – habe ich etwa darauf gewartet, dass sich sich aufklappen und ein Inneres, die Wirklichkeit, preisgeben? Es war ja nicht ganz naiv, was ich erwartete, durchaus nicht.

Da der Kutscher, der nicht zum Reden aufgelegt schien, auf meine Bemerkungen kaum eine Antwort gab, blieb mir nichts anderes übrig als mangels anderer Gesellschaft mich ganz meiner eigenen zu überlassen und zu versuchen, mir meine Kirchtürme nochmals vorzustellen. Bald darauf war es, als ob ihre Umrißlinien und besonnten Flächen wie eine Schale sich öffneten und etwas, was mir in ihnen verborgen geblieben war, nunmehr erkennen ließen; es kam mir ein Gedanke, der einen Augenblick zuvor noch nicht in meinem Bewußtsein war und der sich in meinem Hirn zu Worten gestaltete, und die Lust, die mir soeben der Anblick der Türme bereitet hatte, war so gesteigert dadurch, daß ich, von einer Art Rausch erfaßt, an nichts anderes dachte. In diesem Augenblick – wir waren schon weit von Martinville entfernt – erkannte ich sie von neuem, diesmal ganz schwarz, denn die Sonne war untergegangen. Durch eine Wendung des Weges wurden sie mir für Sekunden entzogen, dann zeugten sie sich ein letztes Mal, dann sah ich sie nicht mehr.

Die besonnten Flächen öffneten sich wie eine Schale, – war es bei dem Mystiker Jacob Böhme nicht der Widerschein des Sonnenlichtes in einer goldenen Schale, der die Ekstase auslöste?  Der entscheidende Punkt bei Proust jedoch kommt erst wenige Zeilen später: die Macht der Wörter – jenseits aller ersehnten Ekstasen:

Ohne mir zu sagen, daß das, was hinter den Türmen von Martinville verborgen war, einem wohlgeklungenen Satz entsprechen mußte, da es mir ja in Gestalt von Worten, die mir Freude machten, aufgegangen war, bat ich den Doktor um Bleistift und Papier, und trotz der Stöße des Wagens verfaßte ich, um mein Bewußtsein zu entlasten und aus Begeisterung das folgende kleine Stück Prosa, das ich später wiederfand (….).

Quelle Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit / In Swanns Welt I / werkausgabe edition suhrkamp / Übersetzt von Eva Rechel-Mertens / Frankfurt am Main 1964 (Seite 240)

Der neunjährige Jean-Paul Sartre entdeckt das Schreiben:

Die Schreiberei, meine Schwarzarbeit, hatte kein Ziel, und plötzlich wurde sie zum Selbstzweck. Ich schrieb, um zu schreiben. Ich bedauere es nicht. Hätte man mich nämlich gelesen, so wäre ich in Versuchung geraten, Wohlgefallen zu erregen, ich wäre wieder bezaubernd geworden. Dank meiner Heimlichkeit wurde ich wahr.

Und schließlich gründete sich der Idealismus des Intellektuellen auf den Realismus des Kindes. Ich habe es oben bereits gesagt: da ich die Welt durch die Sprache entdeckt hatte, nahm ich lange Zeit die Sprache für die Welt. Existieren bedeutete den Besitz einer Approbation irgendwo in den unendlichen Verzeichnissen des Wortes; Schreiben bedeutete, daß man dort neue Wesen einschrieb oder daß man – dies war meine hartnäckigste Illusion – die lebenden Dinge mit der Schlinge der Sätze einfing. Wenn ich die Wörter geschickt kombinierte, so verfing sich das Objekt in den Zeichen, und ich konnte es halten. Ich begann damit, mich im Luxembourg durch das glänzende Scheinbild einer Platane faszinieren zu lassen: ich beobachtete sie nicht, ganz im Gegenteil, ich vertraute der Leere, ich wartete; nach einem Augenblick kam ihr echtes Blattwerk hervor unter dem Aspekt eines einfachen Eigenschaftswortes oder bisweilen eines ganzen Satzes. Dann hatte ich das Universum um eine wahrhaft schwingende Art von Grün bereichert. Meine Entdeckungen brachte ich niemals aufs Papier; sie sammelten sich, wie ich dachte, in meinem Gedächtnis. In Wirklichkeit vergaß ich sie. Allein sie gaben mir eine Vorahnung meiner künftigen Rolle: ich würde es sein, der Namen vergibt. Seit vielen Jahrhunderten warteten in Aurillac vage Ansammlungen von Weiß darauf, feste Umrisse und einen Sinn zu erhalten; ich würde aus ihnen richtige Monumente machen. Als Terrorist kam es mir nur auf ihr Sein an: durch die Sprache würde ich es erschaffen. Als Rhetoriker liebte ich nur die Wörter: ich würde Wortkathedralen errichten unter dem blauen Auge des Wortes Himmel. Ich würde für die Jahrtausende bauen. Nahm ich ein Buch, so konnte ich es zwanzigmal öffnen und schließen, sah aber sehr wohl, daß es sich nicht veränderte. Indem er über die unverwüstliche Substanz des Textes glitt, war mein Blick bloß ein winziger Zwischenfall an der Oberfläche, er störte nichts, er nutzte nichts ab. Ich hingegen, passiv und vergänglich, war ein geblendetes Insekt, das in die Lichter eines Leuchtturms geraten war; wenn ich das Arbeitszimmer verließ, so erlosch ich, während das Buch, unsichtbar in der Finsternis, nach wie vor glänzte: für sich allein. ich würde meinen Werken die Heftigkeit dieser verzehrenden Lichtstrahlen geben, und so würden sie später, in zerstörten Bibliotheken, den Menschen überleben.

Quelle Jean-Paul Sartre: Die Wörter / Rowohlt Reinbek bei Hamburg 1965 Aus dem Französischen mit einer Nachbemerkung von Hans Mayer (Zitat Seite 139 f)

Was haben diese philosophischen Ansätze mit unserer (!) aktuellen Situation zu tun? Es ist nicht nur mein privates Problem. Man könnte ja auch fragen, ob nicht der entscheidende Punkt darin liegt, wieviele Menschen beteiligt sind. Der einzelne Mensch mit seinem Weg ins eigene Innere dürfte uns äußerst suspekt sein. Alles, was er sagt, bedarf der Wechselwirkung mit anderen Perspektiven. Die Selbsttäuschung muss ausgeschlossen werden. In redlicher Auseinandersetzung.

Vielleicht scheint es wirklich nur so, als ob die Unwahrheit, die Unsachlichkeit, die Lüge im öffentlichen Leben, in der Politik ein ganz anderes Gewicht hat. Sie arbeitet durchaus nicht mit glänzenden Visionen, sondern mit der realen Angst. Was nach der Lektüre des folgenden SZ-Artikels zunächst weiterwirkte, war der Satz: „Angst, zumal wenn sie partiell begründet ist, kann man schüren, Realismus nicht. Das ist der strategische Nachteil aller Sachlichkeit.“ (A.Zielcke) Und noch ein anderer Satz: „Die Demokratie ist stärker als jedes andere politische System auf Realismus aufgebaut.“

Aber: der Nachweis einer Lüge, das Beharren auf den realen Fakten, ist bei einem bestimmten Typus von Lügen oft wirkungslos, nämlich bei Lügen nationalistischer Tonart. Sie verbinden sich mit wahrheitsresistenten Parolen, wie z.B. „take back control“, – wer will die Lage nicht im Griff haben? -, da erübrigt sich ein Faktencheck. Mehr Kontrolle unsererseits kann doch nicht schaden.

ZITAT

Natürlich stehen in jedem politischen System Wahrheitsfragen in einem Spannungsverhältnis zu Wertefragen. Programmatische Ziele wie Imperium, nationale Glorie, Volksherrschaft, Gerechtigkeit, Europa oder sonst eine politische Vision erheben sich über nackte Tatsachen, auch wenn sie sich nicht völlig von der Realität lösen können. Umgekehrt, das lehrt uns die moderne Erkenntniskritik, sind selbst „reine“ Tatsachenaussagen nicht frei von subjektiven Vor-Annahmen und Interpretationen. Aber trotz dieses unvermeidlichen Dunkelfelds zwischen Faktum und Wertung wusste man zu allen Zeiten, politische Lügen von Meinung oder Irrtum zu unterscheiden.

Die Lüge zielt auf einen absichtlich herbeigefrührten Wahrnehmungsfehler ihres Adressaten. Wenn Wissen Macht ist, dann ist Lüge Machtmissbrauch. Sie funktioniert nur, wenn der Adressat sich auf die Wahrhaftigkeit seines Gegenüber verlässt. „Die Lüge muss, um erfolgreich zu sein“, sagte schon Augustinus, „das Vertrauen in die Wahrheit der menschlichen Rede voraussetzen, das sie zugleich zerstört.“

Und in Demokratien zerstört die politische Lüge die Wahrheit der öffentlichen Rede. Wahrscheinlich ist die Demokratie bei allen ihren ideellen Werten stärker als jedes andere System auf Realismus aufgebaut. Keiner weiß das besser als der lügende Volksvertreter.

Quelle Süddeutsche Zeitung 2. August 2016 Seite 9 Zeit der Lügen Stimmt es, dass Politiker immer öfter die Unwahrheit sagen? Oder ist das nur der Eindruck, weil das die allgegenwärtigen Faktenchecks behaupten? Von Andreas Zielcke.

***

Die große Gemeinschaft ist das eine. Darüber kann man sich täuschen. Aber welches ist das erwünschte nahe, überschaubare Umfeld? Nur die Familie, der enge Freundeskreis? Genügt der direkte Austausch mit wenigen „Auserwählten“, oder gar mit imaginären Personen, mit Büchern, mit Heiligen oder heiligen Schriften, oder: mit dem Internet?

„Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet…“

Wäre es denkbar, sich abzuschließen, sich ganz auf sich selbst zurückzuziehen? Wie ein Mönch? (Das Wort Mönch kommt von „monos“ – allein.) Allein im Angesicht des Absoluten. Schon ist das Gegenüber da. Wie bei Caspar David Friedrich – vor dem Meer. Oder in der bürgerlich idyllisierten Klause – als „geigender Eremit.“ Die Resonanz der Ewigkeit. Solissimo (Bachs Idee). Das Kloster, das einfache Leben, überhaupt: die Vereinfachung, die Beschränkung des Gesichtsfelds.

Gibt es da einen Umschlag in Allmachtsphantasien, vielleicht beginnend mit einem Bund der Gleichgesinnten?

Zunächst: der Mönch ist nicht allein! Er muss sich absichern. Notfalls durch Kampftechniken?

Caspar_David_Friedrich_-_Der_Mönch_am_Meer_-_Google_Art_Project

Man kann sich Anregungen holen in dem Absatz „Kampf und Krieg“ des Wikipedia-Artikels Mönchtum, der allerdings (lt. Vorbemerkung) noch nicht abgesegnet ist.

Ich habe oben zwei Goethezeilen zitiert, die uns jetzt weiterführen sollen, – wenn es denn geht:

Sagt es niemand, nur den Weisen, weil die Menge gleich verhöhnet / das Lebend’ge will ich preisen, / das nach Flammentod sich sehnet.

Flammentod? Man sollte sich über die Problematik des Gedichtes „Selige Sehnsucht“ genau informieren, bevor wir den angedeuteten islamischen Hintergrund weiter verfolgen: vielleicht wiederum anhand eines Wikipedia-Artikels. Hier.

Nun halte ich Verse eines iranischen Mystikers unserer Zeit dagegen:

Mein Leben lang habe ich mich danach verzehrt, das Antlitz des Geliebten zu erblicken. ich bin ein Falter, der begierig die Flamme umkreist, eine Schote mit dem Samen der wilden Raute, die im Feuer röstet. Sieh meinen befleckten Mantel und diesen Gebetsteppich der Heuchelei. Werde ich sie eines Tages vor der Tür der Schenke in Fetzen reißen können?

Makaber genug, bezieht sich der Dichter dann auf einen der berühmtesten islamischen Mystiker, Mansur Al-Halladsch, der im Jahre 922 in Bagdad als Ketzer öffentlich verbrannt wurde, nachdem aus seinem Munde die Stimme des göttlichen Geliebten gesprochen hatte: „Ich bin die absolute Wahrheit.“ Und der eben zitierte Dichter fühlt sich von der Leidenschaft des großen Vorgängers durchdrungen und sagt: „Meines Herzen Liebe / hat den Mansur in mich gebracht, /  (…) / Wein aus Deinem randgefüllten Becher / hat mich ewig werden lassen. / Durch das Küssen des Staubes deiner Schwelle / bin ich mit dem Geheimnis vertraut geworden.“

Wollen Sie den Namen des Dichters erfahren, der in dieser Weise nicht nur mit irgendeinem Geheimnis vertraut wurde, sondern der absoluten Wahrheit teilhaftig geworden ist und von der eigenen Ewigkeit Gewissheit erlangt hat?

Er heißt Ruhollah Chomeini. Wie Goethe im Divan-Gedicht spricht er als Eingeweihter zu Eingeweihten:

„Oh, mein geistlicher Freund […] hüte dich, diese Geheimnisse, die ich dir mitteile, zu verraten […]. Diese innere Religiosität ist eine Ehrerweisung des Schöpfers, die vor Fremden geheimgehalten werden muss, denn ihr Verstand reicht nicht aus, um dies zu begreifen.“

Ich zitiere hier aus einem Aufsatz, in dem Persönlichkeiten behandelt werden, die für eine bestimmte Prägung religiöser Gewalt einstehen: 1. Bernhard von Clairveaux, 2. Ruhollah Chomeini und 3. bedeutende Vertreter des Zen-Buddhismus. Beispiele für „Mystiker und ihr Engagement für den Krieg“. Der Titel dieser Abhandlung ist: „Selbstlos töten im Namen des Einen. Mystik und die Ausrottung des Bösen in der Welt.“ Der Autor heißt Reiner Manstetten, sein Beitrag gehört zur Dokumentation einer Tagung, die unter dem Titel „Mystik und Totalitarismus“ im Auftrag des Internationalen Jacob-Böhme-Institutes veröffentlicht wurde (Weißensee-Verlag, Berlin 2013). Eine Hauptkapitel dieses Buches ist überschrieben: „Mystik-Rezeption im Dritten Reich“ und klärt über Zusammenhänge auf, die man über jede politische Verdächtigung erhaben wähnte. Ich jedenfalls, über viele Jahre hinweg.

Eine großartige Aufklärung hatte schon 2007 Rüdiger Safranski in seinem Buch „Romantik. Eine deutsche Affäre“ betrieben. Das Siebzehnte Kapitel sei zu regelmäßigem Studium an allen Gymnasien und in privatester Ferien-Idylle empfohlen. „Romantische Geisteshaltung als Vorgeschichte. Weltfremdheit, Weltfrömmigkeit und weltstürzender Furor.“ Und wenn man glaubt, Safranski neuerdings in die Abstellkammer zeitgenössischer Philosophie verfrachten zu können, lese man aufs neue: „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare“ (1993) und auch „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“ (1997/1999).

Denkbare und lebbare Bücher gerade in einer Zeit der sich verfestigenden autoritären Strukturen. Keine Geheimlehren.

Nachtrag 25. August 2016

Die heutige ZEIT erinnert daran, dass es mit dem Wunsch nach  Entschleierung, der Offenlegung aller Gedankengänge in der Politik (und in der breiten Öffentlichkeit) eine besondere Sache ist: diese vollständige Transparenz ist nicht möglich und auch nicht wünschenswert. Man lese:

DIE ZEIT Seite 10 Gero von Randow: Lob der Verschleierung / Die Enthüllungsplattform WikiLeaks fordert von Politik und Diplomatie die totale Transparenz. Das ist nicht nur weltfremd, sondern grundfalsch.

Ein Vorschlag, Chopin zu verbessern

Nur für aufgeklärte Pianisten

Chopin verschlimmbessert Mittelteil Impromptu Op.29 „gesäubert“ (s.u.)

Brief an K. zu op.29

Du fühltest Dich also an das andere Impromptu (cis-moll) erinnert, nur dass Dir hier (im As-dur) vieles weniger glatt einging, vor allem wenn der Mittelteil beginnt, – so merkwürdig stockend in der linken Hand, mit nachgelieferten Basstönen, leeren Stellen am Taktanfang, unnötigen Dissonanzen zwischen Melodieton rechts und Akkord links und anderes mehr. Man hat den Eindruck, er ist erst auf der Suche nach der richtigen Melodie, sie gelingt ihm nicht richtig. Daher diese Ausweichungen … und schließlich der Neubeginn eine Oktave höher.  – Tja, das habe ich mir fast gedacht, deshalb habe ich versucht, die Melodie von Anfang an zu verbessern, nur in der linken Hand habe ich alles beim alten gelassen. Fürs erste jedenfalls. Ich frage mich (und Dich), warum die linke Hand eigentlich die Melodie nicht geradlinig unterstützt. Sondern ihr immer wieder den Vortritt lässt. (Das hört ja später auf, da gibt es dann keine Pause mehr auf der ersten Zählzeit. Warum nicht?)

(Ein Blick auf die – in der Erinnerung – fast verwechselbaren Melodien:)

Chopin Impromptu cis-moll Mittelteil op.66 (posth.) *1834 publ. 1855

Chopin Impromptu Fis-dur F-Teil op.36 *1840

Weshalb diese typologische Ähnlichkeit noch nirgendwo behandelt wurde, ist mir ein Rätsel. Stattdessen immer wieder die Erwähnung Bellinis. Hat schon jemand seine Melodien daraufhin untersucht? Zu den Impromptus und zur verspäteten Veröffentlichung des op.66 siehe zunächst Wikipedia hier. Dort ist auch dessen Anfangsmotiv mit einem angeblich ähnlichen von Moscheles zusammengestellt. Wesentlicher scheint mir jedoch die Abwandlung dieses Motivs, dergestalt, dass es – wie auch das am Anfang von op. 29  – auf den Kern der Ur-Melodie verweist! Vollends wunderbar wird die ökonomische Inventionsarbeit des Komponisten, wenn man diesen As-dur-Anfangstakt nach Ges-dur transponiert und dann auf die ersten Takte des Impromptu op. 51 schaut.

Impromptu cis Motiv op.66 Impromptu As Motiv op.29 Impromptu Ges Motiv op.51

Und weiter!

Impromptu As Melodie op.29 Übergang zum Mittelteil und Melodie orig.

Alle Beispiele aus der von mir präferierten Ausgabe Paderewski / Instytut Fryderyka Chopina Polskie Wydawnictwo Musycznet Warschau 1949 / Sämtliche Werke 1960 erworben in Ost-Berlin.

Brief an K. zu op.29

Als nächstes käme der Schritt, in Worte zu fassen (freie Fahrt für Phantasie!), was der Komponist von hier an mit der schrittweise verfremdeten Melodie sagen will. Warum spielt er sie nicht einfach von A-Z, wie ich das oben angedeutet habe? Warum unterbricht er sich selbst, moduliert so geheimnisvoll, kehrt zurück, warum sagt er die Dinge immer wieder zweimal, einmal stark, einmal den eigenen Worten (Tönen) nachsinnend, warum geht er nicht direkt auf die Spitzentöne zu, nach denen er aufwärts „die Hände reckt“?  Was ist das Ziel seiner Aussage? Das Fortissimo oder die Rückkehr ins atemlose Figurenwerk? Virtuosität oder Unrast! Charmante oder – panische Unrast. Ja, ist es denn überhaupt heiter gemeint? Und am Schluss – der zerfallende Choral – ist das wirklich ein auflösendes, erlösendes Ende?

Du findest selbst die Antwort.

Liebe K., ich habe noch einen Vorschlag, Chopin bei seinem Impromptu zu Hilfe zu eilen, – er hat sich verzählt: er setzt lauter Vier-Takt-Gruppen hintereinander, das ist klar, aber dann plötzlich, in Takt 16 verzählt er sich. (Achtung: möglicherweise bluffe ich?) Oder er kann sich nicht bremsen, wenn er einmal chromatisch in Fahrt ist, – da hilft nichts, es wird doch einfach zuviel!!! Schon bin ich zur Stelle und kann Überflüssiges nahtlos heraustrennen, schau nur:

 Impromptu As leicht verkürzt

Siehst Du, jetzt sind wir pünktlich bei der Wiederkehr des Anfangs. Die Pünktlichkeit ist eine deutsche Tugend, von der weder Polen noch Franzosen viel halten. Da dürfen wir nachhelfen!

Du sagst: es ist gar keine Wiederkehr, er geht jetzt einen ganz anderen Weg?! Siehst Du, auch mit der Logik hapert es bei diesen Romantikern… Ein guter Formaufbau verläuft wie eine gute Melodie, nämlich quadratisch.

Streng logisch denkende Musiker nennt man daher auch Quadratköpfe.

Vom Kitsch

Gesunder Menschenverstand und Alltagsästhetik

Das begegnet einem jeden Tag: Jemand sagt aus tiefstem Herzen, was ihm gefällt, und man kann ihm nicht recht beipflichten. Das hat mit Ästhetik nichts zu tun. Sich wohlfühlen, in der Sonne liegen, etwas sagen, was auf der Hand liegt und ein großes Wesen darum machen, dass es so ist wie es ist. Ja, kannst du denn nicht dankbar sein? Willst du etwa behaupten, Monet hat nur Kitsch gemalt? Usw., usw., es gibt 100 Möglichkeiten, jemandem zum Vorwurf zu machen, dass er nicht in den Chor einstimmt. Es verunsichert die anderen. Ja, und muss man sie nicht in ihren Sorgen ernstnehmen? Sie da abholen, wo sie stehen? Natürlich, aber ja doch. Deshalb darf man auch kein „Dislike“ drücken, wo über Kunst abgestimmt wird und viel gefühlt wird… Übrigens auch über Nicht-Kunst. Der Sonnenuntergang ist immer noch ein Thema. („Das würde man doch keinem Maler abnehmen!“)

Man fällt unentwegt Werturteile. Die Frage ist: Muss ich eigentlich Werturteile fällen? Was ich mir an die Wand hänge und zur steten Erinnerung im Blickfeld behalten will, – muss das etwa Kunstkriterien genügen? (Nein, – aber Geschmackskriterien?) Die Musik, die zufällig läuft und die ich nicht abstelle, – muss sie wertvoll sein? (Mir sagte mal jemand, er werde durch schlechte Musik kontaminiert.) Fest steht: sobald ich Musik höre (oder Ähnliches, z.B. Vogelgesang, entfernte Stimmen oder Rufe), muss ich den Ablauf Ton für Ton beobachten oder sogar analysieren. Auch wenn ich es auf Anhieb banal oder überflüssig finde. Das ist eine alte Gewohnheit. Vielleicht seit der Zeit, als ich ein paar Jahre lang arabische Musik aufgeschrieben habe, die erst durch diese genaue Beobachtung (in der Wiederholung) ihre Schönheit oder Besonderheit enthüllte. Auch manche klassische Musik hat sich so erschlossen, durch ständige Wiederholung. Erst in der Neuen Musik hat sich dieses Mittel zuweilen als wirkungslos erwiesen. (Es funktionierte „tadellos“ bis zu Schönbergs Monodram Erwartung.)

Eine sehr interessante Erfahrung, wenn sich nach einem anfänglichen Wohlgefallen – schließlich Überdruss einstellt. Auch angesichts bestimmter Stimmungen, für die ich ursprünglich empfänglich war, z.B. beim langsamen Satz des Concierto d’Aranjuez, – oder bei der oben auf dieser Seite zugänglichen Pavane von Fauré, während ich die von Ravel sozusagen künstlich vor Abnutzung schütze (sie soll kostbar bleiben: nur Klavier! Orchesterfassung meiden!). Was ist mit Bildern im Hotel, mit denen ich mich abgebe, obwohl ich sie nicht schön finde. Dekorativ? Geschmacklich neutral? Oder sogar lügnerisch? Was erwarte ich denn? (Blumen gehen immer???) Brauche ich etwa, wenn ich mich in der Nähe des Meeres befinde, auch noch Meeresbilder? Aber welche denn? Lieber kahle Wände?  Ein Beispiel aus der Realität:

Kunstbild b

Es irritiert: manchmal sieht es so plastisch aus, als sei es ein Relief. Oder eine Nische in der Wand mit den dargestellten Gegenständen („in echt“). Ich trete näher heran und erkenne sogar die Wiedergabe von Lackbrüchen, als handele es sich um einen Jahrhunderte alten Niederländer. Zur Erläuterung liest man: MARCHÉ aux FLEURS. Ja, genau. Und den Namen: Kathryn White.

Kunstbild a

Man findet sie unter der Adresse http://www.kathrynwhite.com/. Man kann Originale kaufen. Und die Dinge gibt es wirklich. Und das Konzept.

The Art of Kathryn White fuses contemporary materials and techniques with traditional methods. Her versatility allows her to paint in both oils and watercolors and in the centuries-old medium of egg tempera.

All dies hat mit Ästhetik wenig zu tun. So wenig wie die Musik, die ungebeten an mein Ohr dringt. Wenn ich ein Buch über Ästhetik studiere, habe ich alle alltäglichen Irritationen ausgeschlossen. So wie Hegel den „gesunden Menschenverstand“, den er durchaus kennt, aus seinen Überlegungen über Geist oder Bewusstsein ausschließt. Wäre es aber auch möglich, dass ich mich auf einer abstrakten Ebene recht klug verhalte, auf der Ebene des gesunden Menschenverstandes aber tölpelhaft?

Wie nun, wenn die meisten Leute, die so tun, als hätten sie Hegel längst in der Tasche, wirklich nur so tun, als hätten sie…? Und die andern schweigen, weil sie wissen, dass sie es nicht beurteilen können?

Der ungeduldige Leser wird vielleicht fragen: Bitte zur Sache! Ist es nun Kitsch? Oder nicht? Was ist mit dem Sonnenuntergang, dem gestirnten Himmel über dir, dem Blick in die weite Landschaft, was ist mit dem abstrakten Denken, – was mit der Pavane von Fauré, der feinsinnigen Darstellung bloß dekorativer Gegenstände?

Ich erfahre, dass jemand ein schwieriges Buch „Zeile für Zeile“ gelesen hat, und er kommt zu einem Urteil, das mich vermuten lässt, er hat nur nach den belastenden Indizien gesucht, die ihn sagen lassen können: dein Buch ist schlechte Theologie. Du stehst auf der anderen Seite. Und weg mit dem Buch, in den Orkus damit!

Wie sagt Hegel?

Von allen Wissenschaften, Künsten, Geschicklichkeiten, Handwerken gilt die Überzeugung, daß, um sie zu besitzen, eine vielfache Bemühung des Erlernens und Übens derselben nötig ist. In Ansehung der Philosophie dagegen scheint jetzt das Vorurteil zu herrschen, daß, wenn zwar jeder Augen und Finger hat, und wenn er Leder und Werkzeug bekommt, er darum nicht imstande sei, Schuhe zu machen, – jeder doch unmittelbar zu philosophieren und die Philosophie zu beurteilen verstehe, weil er den Maßstab an seiner natürlichen Vernunft dazu besitze. – Es scheint gerade in den Mangel von Kenntnissen und von Studium der Besitz der Philosophie gesetzt zu werden und diese da aufzuhören, wo jene anfangen.

Wir befinden uns noch in der Vorrede des Werkes, an das ich mich zu Anfang dieses Artikels dunkel erinnerte, – was mir noch deutlicher wird im folgenden Satz über das „natürliche Philosophieren“, das man ja auch auf den Schild heben könnte (oder vielmehr: gerade nicht).

Dagegen im ruhigeren Bette des gesunden Menschenverstandes fortfließend, gibt das natürliche Philosophieren eine Rhetorik trivialer Wahrheiten zum besten. Wird ihm die Unbedeutendheit derselben vorgehalten, so versichert es dagegen, daß der Sinn und die Erfüllung in seinem Herzen vorhanden sei, und auch so bei anderen sein müsse, indem es überhaupt mit der Unschuld des Herzens und der Reinheit des Gewissens u. dgl. letzte Dinge gesagt zu haben scheint, wogegen weder Einrede stattfinde, noch etwas weiteres gefordert werden könne.

(…)

Indem jener sich auf das Gefühl, sein inwendiges Orakel, beruft, ist er gegen den, der nicht übereinstimmt, fertig; er muß erklären, daß er dem weiter nichts zu sagen habe, der nicht dasselbe in sich finde und fühle; – mit anderen Worten, er tritt die Wurzel der Humanität mit Füßen. Denn die Natur dieser ist, auf die Übereinkunft mit anderen zu dringen, und ihre Existenz nur in der zustande gebrachten Gemeinsamkeit der Bewußtsein[e]. Das Widermenschliche, das Tierische besteht darin, im Gefühle stehen zu bleiben und nur durch dieses sich mitteilen zu können.

Quelle Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes (Herausgegeben von Georg Lasson) Zweite Auflage Leipzig 1921 (Vorrede Seite 46f)

Der geduldige Leser wird den Bezug auf das Tierische, wenn es um seine Gefühle geht, sehr übel nehmen und, wenn er überhaupt die Auseinandersetzung fortzuführen bereit ist, entgegnen: Das kann dein Ernst nicht sein. Bleib doch bitte bei der Sache: Was ist denn nun konkret mit dem Kitsch?

(Fortsetzung folgt)

Projekte, die nicht enden

Von den Dauerthemen im Blog

Es sind die, die einen fortwährend beschäftigen und an denen man arbeitet. Trotzdem ergibt der Blog durchaus kein „Psychogramm“ des Bloggers. Im Gegenteil, nur das, was sich in einer Form abarbeiten lässt, die für ihn selbst und für andere ergiebig ist, soll Eingang finden. Ich will es vor allem leichter auffinden, wiederlesen und weiter behandeln können. Viele Themen, die die Öffentlichkeit beschäftigen (und so auch mich) bleiben draußen, z.B. das Thema der Kölner Silvesternacht: es wird so extensiv und intensiv in den Medien diskutiert, mit Kommentaren, Analysen und Talkshows bedacht, es gibt keinerlei Grund, sich im Blog daran zu beteiligen, gewissermaßen jeglicher Diskussion enthoben, als könne man von hier aus im Alleingang die Welt verändern. (Zu rekapitulieren jedoch etwa das erste Bild: hier. Themenkreis erweitern, – z.B. betr. Regensburger Domspatzen…)

Man kann sich aber zu Jahresbeginn kaum der Tendenz entziehen zu resümieren oder vielmehr, unerledigte Themen fortzuschreiben: virulent zu halten. Sie sind nicht mit ein paar Blogeinträgen von der Seele, im Gegenteil. Sie sind allgegenwärtig, – auch wenn ich mit dem Zug nach Köln fahre, um das Musikgeschäft Tonger in der wieder einmal neuen Geschäftsstelle aufzusuchen (was waren das für Zeiten, als sie noch meinem Büro schräg gegenüber lag!), oder mit dem Auto – wie gestern – nach Bonn und mir eine bestimmte CD vorgenommen habe, z.B. Tetzlaffs Bach-Solosonaten. Diese aus einem bestimmten Grund: weil ich so viele neue Versionen auf youtube gehört habe (Sviridov, Kadesha etc.), dass ich seine Position rekapitulieren möchte. Vor allem aber das Bach-Thema: Gil Shaham brachte mich (mit seinem inspirierten CD-Text) auf die Kantate BWV  150, die ich heute Nacht um halb 4 hören musste, – wegen der Ciaccona -, obendrein in einer Aufnahme, die aus „meinen“ 80ern stammt: hier).

Also: was soll ich tun, und was auf Eis legen? Ein Beispiel: Geigeüben = täglich Brot, schon wegen der weiterlaufenden Quartett-Praxis, natürlich Klavierüben = ebenfalls Grundnahrungsmittel, das „Wohltemperierte“, und nach wie vor Chopins gis-moll-Etüde – fast täglich seit April 2015 (siehe hier). In diesem Jahr beginnt auch wieder ein Durchgang Beethoven und Wiederholung der späten Klavierstücke von Brahms.

Aber was ich weitertreiben müsste, wären die Themen Bach (solissimo), Indien (Shivkumar Sharma, Kala Ramnath), Kamanchay (in allen Formen), Rudolstadt Juli 2016, die Idee des Festivals (Vielfalt, nebeneinander), die Stilhöhen der Kulturen (incl. Country, Pop etc.) parataktisch, Fuge (barocke „Zeit“ = Tempus fugit), was auch bedeutet: Struktur, das von innen (aus der Zelle) Organisierte, das sich organisch Evolu(tion)ierende. Von hier zu Beethoven, Schubert.

Ein leichter Termindruck (morgen Quartettprobe) Schumann op. 41 Nr. 3, Fortsetzung (ab Satz 2)  anknüpfend an den Beitrag hier.
Die Stimme (zweite Geige) sagt wenig, das Ohr dagegen: über alle Maßen schön! (Partitur bei IMSLP bzw. Petrucci.) So auch Arnfried Edler (Seite 168):

Das dritte Quartett präsentiert den seltenen Fall eines scherzoartigen (jedoch nicht als Scherzo überschriebenen) Satzes (Assai agitato) in Variationenform, dessen harmonischer und rhythmischer Duktus gelegentlich an Schuberts Variationensatz aus dem d-moll-Streichquartett („Der Tod und das Mädchen“) gemahnt.

Schumann op 40 3 zweiter

Die größten Momente jedoch bietet der langsame Satz des dritten Quartetts durch sein fesselndes polyphones Wechselspiel über einem ostinaten punktierten Rhythmus im Mittelteil.

In der Tat! Und die Zweite Geige wird zum Geheimnisträger mit dem punktierten Rhythmus, der einem leisen memento mori gleicht.

Was ist anders bei Schumanns Quartetten, anders z.B. als bei Mendelssohn, dem er sie gewidmet hat, oder anders als bei Beethoven, seinem großen Vorbild?

Martin Geck schreibt:

Über ein kammermusikalisches Werk von Georges Onslow hatte Schumann einige Jahre zuvor in seiner Neuen Zeitschrift für Musik bemerkt, es sei „ein wahres Quartett, wo Jeder etwas zu sagen hat, ein oft wirklich schön, oft sonderbar und unklar verwobenes Gespräch von vier Menschen, wo das Fortspinnen der Fäden anziehend wirkt. Damit hatte er Goethes Charakterisierung des Streichquartettes als Unterhaltung unter vier vernünftigen Leuten zielbewusst eine Wendung in Richtung Fantastik gegeben, der er nunmehr selbst folgt. Seine Quartette sind daher vielleicht aufregender als die gleichzeitigen Mendelssohns, aber auch weniger eingängig; jedenfalls erschließen sie sich nicht unbedingt beim ersten Hören, da die vier Stimmen obligat behandelt werden. [Was heißen soll: jede hat Wesentliches beizutragen, keine ist „nur für Begleitung“ zuständig; sie sind gleichberechtigt. JR]

Quelle Martin Geck: Robert Schumann / Mensch und Musiker der Romantik / Biografie / Siedler Verlag München 2010 (Seite 191)

Es gibt unter dem Stichwort „Komponiermethoden“ ein paar hochinteressante Seiten in Peter Gülkes Schumann-Buch, die gerade dieses Streichquartett op.41,3  betreffen. Ich reiße nur zwei Sätze aus dem Zusammenhang, – man nehme sich Zeit, sie zu bedenken:

Schumanns Wahrnehmung der großen Formen bezieht ihre spezifische Intensität wesentlich daher, daß er „im Augenblick … sein“ und ihn perpetuieren will, die Formen aber Verknüpfungen oberhalb der Unmittelbarkeit des den Augenblick besetzenden Klingens erfordern, also nicht erlauben, ungestört dort zu verweilen.

(…)

Dem entspricht, daß er, der den Faden ungern abreißen läßt, Unterbrechungen oder durchschaubare Überbrückungen nicht mag und, wo er sie nicht vermeiden kann, drastische Ostensionen vorzieht – das jäh herumgerissene Steuer im Dritten Streichquartett, überdeutlich signalisierende Fermaten im ersten Satz oder die ihnen ähnelnden Barrieren (….) im Finale der Vierten Sinfonie.

Quelle Peter Gülke: Robert Schumann / Glück und Elend der Romantik / Paul Zsolnay Verlag Wien 2010 (Seite 166 f)

… drastische Ostensionen – das jäh herumgerissene Steuer:

Schumann op 41,3 Scharnier

***

Weiteres Streichquartett-Ziel: 25. Januar 2016  Kölner Philharmonie Kelemen Quartett siehe hier. Mehr über Murray Schafer!

Murray Schafer Tuning 1977

Mehr von Murray Schafer: Hier !

Merkzettel Papua

Was ich mir noch in Ruhe ansehen wollte

Dirk Steffens über Papua-Neuguinea / HIER /  Z.B. über Kannibalismus ab etwa 40:00 (… wurde gern bestimmten Völkern zugeschrieben, wenn die Entdecker einen Vorwand brauchten, sie auszurotten)

ZDF Mediathek Terra X: Faszination Erde  | 22.11.2015 

Papua-Neuguinea – Das verhexte Paradies

Ein faszinierender Garten Eden im Pazifik

Paradiesvögel und Krokodilmenschen, Kängurus, die auf Bäumen leben, und Vögel, die das Brüten einem Vulkan überlassen. Menschen, die sich in über 800 verschiedenen Sprachen verständigen und bis heute ihre magischen Rituale pflegen: Was hat Papua-Neuguinea so vielfältig und fremdartig gemacht?

Ein Film über die Dreharbeiten: auf facebook HIER   Länge: 3:41

Bemerkenswert die Worte (bei 2:25): „Die Probleme kommen immer … immer … vom Ton. Es ist gar nicht das Bild, das so schwer herzustellen ist, sondern der Ton. Auch jetzt wieder….“

Dirk Steffens auf Papua N Screenshot 2015-11-25 11.08.49 Screenshot facebook Beitrag Dirk Steffens

Warum all dies für mich? Um die entsprechenden Bücher und CD-Sammlungen zu aktivieren. Steven Feld „Sound & Sentiments“, Artur Simon „Irian Jaya“, Berliner Museum Ausstellungskataloge, Hans Christoph Buch über den Maler Nolde 1913 in Papua-Neuguinea

„Das Kolonisieren war eine brutale Angelegenheit und wenn eines Tages die Geschichte neu geschrieben würde, müssten die Europäer mit all ihren Humanitätslehren sich in Höhlen verkriechen“, notierte Nolde später, als er auf dem Dampfer Waldemar plötzlich einer Horde Ureinwohner gegenüberstand, die gewaltsam verschleppt, auf Schiffe verladen, weil deutsche Pflanzer Arbeitskräfte brauchten. „Die dunklen, schreckhaft geweiteten Augen der Menschen, aus denen Unverständnis und blankes Entsetzen über den Untergang ihres Volkes spricht“.

So Buchs Fazit von Noldes Reise.

Hans Christoph Buch: Nolde und ich. Ein Südsee-Traum. Kometen der Anderen Bibliothek, Aufbau Verlag, Berlin, 123 S., 18,00 Euro, ISBN 978-3-8477-3003-3

Asmat Cover

Museum für Völkerkunde Berlin 1996 ISBN 3-88609-381-6

 Irian Jaya CD   Artur Simon
Voices Rainforest Cover   Steven Feld
Wikipedia-Artikel zur Musik Neuguineas HIER
Die Frage entsteht, wieso Steven Feld, der grundlegende Arbeiten über die Kaluli (Bosavi) geschrieben hat, hier nicht vorkommt. Es sieht nach Absicht aus…
Vgl. zunächst hier.

Kampf der Klaviergiganten: Chilly Gonzales meets Igor Levit

Ein selten blödes Kultur-Event

Es ist nicht zu fassen, wie man auf absurde Art versuchen kann, an dem künstlichen Hype um Igor Levit teilzunehmen, während man ihm zugleich jede Möglichkeit nimmt, das zu realisieren, was er wirklich kann. Und wie er es mit sich machen lässt! Nur gute Miene bewahren, cool bleiben.

Vielleicht soll die Online-Zugabe mit Bach & Schostakowitsch etwas wiedergutmachen, aber ich mag sie gar nicht zur Kenntnis nehmen, da die Aspekte-Sendung ein Ekel-Gefühl zurückgelassen hat (nicht etwa die Musik, sondern diese Art der Klassikvermeidung, indem man vorgibt, sie zu präsentieren!), das mir kaum noch erlaubt, in der Mediathek nachzusuchen. Aber man soll diese Entgleisungen nicht unkommentiert lassen, eines Tages gibt es dann doch wieder den Grimme-Preis dafür, und man möchte nicht dabeigewesen sein! Bitte schön: HIER.

Ein alberner Zirkus. Ähnlich, wenn ein französischer Blockflöten-Virtuose beim Echo-Preis vorgeführt wird: Schlangenbeschwörer Maurice Steger mit einer Art Hummelflug von Vivaldi. Mimikweltmeister Lang Lang natürlich, immer dabei, er muss gleich zweimal in der Ehrenriege sitzen mit seinen Fake-Mozart-Noten, und dann dieser Orgel-Athlet Carpenter, und Gottschalk, Gottschalk, Gottschalk, man sehe und staune hier und  hier

Und dann diese niedlichen Kleinen von der FIT-Ausbildungs-AKADEMIE. Und der niedliche fast Hundertjährige. Und wie furchtbar, wenn am Ende auch noch das Artemis-Quartett abgefeiert wird, zu dritt,  Trauer über Trauer…

Jedem Klassiker ist es offenbar eine Ehre, als Popstar abgehandelt zu werden. Kürzlich in der ZEIT:

Konsequenterweise kann heutzutage ein Pianist, der Beethovens Diabelli-Variationen eingespielt hat, nicht mehr danach gefragt werden, warum er dieses Stück so und nicht anders interpretiert hat, sondern danach, ob er auch Hip-Hop hört. Niemand käme heute auf die Idee, Kendrick Lamar zu fragen, ob er auch den späten Beethoven hört. Während der popkulturelle Diskurs sich heute im hermetischen Checker-Milieu entfaltet, müht sich der Museumsdirektor mit pädagogischem Begleitprogramm um einen niedrigschwelligen Zugang, als müsse er sich für seine Kunst schämen.

Quelle DIE ZEIT 22. Oktober 2015 Seite 49 Altes von der Popfront Über die Mühe, sich über die Hochkultur zu erheben. Von Alexander Cammann.

Fragen zum Checker-Milieu? Hier beginnen. A propos Kendrick Lamar… hier.

Nachtrag

Aus einem Interview mit Igor Levit:

Hören Sie, wie andere Leute Ihres Alters, Hiphop? Und wenn ja, nehmen Sie diese Musik ernst?

Ich könnte 75 Mal hintereinander Kendrick Lamar hören. Ich kann diese Musik gar nicht ernst genug nehmen. Und ich glaube, ich kann und will auch gar nicht verhindern, dass sich das festsetzt in mir und dass das womöglich Spuren in meinem Spiel hinterlässt.

Quelle FAZ 18.10.2015 online hier.

Auch dieses Interview ist ein Beispiel, wie unglaublich naiv und unbedarft die Fragen eines Journalisten sein können, der von Berufs wegen eigentlich nur wirklich neugierig sein müsste. Wunderbar, wenn dann die Antworten kürzer werden als Fragen:

Der sympathischste aller Gottesbeweise geht so: Es gibt, bei Bach, bei Mozart, bei Beethoven eine Schönheit, die nur dadurch zu erklären ist, dass göttliche Inspiration am Werk war. Ist das Quatsch?

Ja.

***

Fazit für mich? Ich werde mir mehr von Kendrick Lamar anhören, vielleicht nicht 75 mal hintereinander, aber wer weiß… Jemand, der die Diabelli-Variationen und die letzten Sonaten von Beethoven spielen kann, gibt mir einen solchen Hinweis nicht vergeblich! (Egal was Alexander Cammann dazu meint.)

***

Was ich nicht erwartet hätte: ein paar Stunden später bin ich wieder in einer Aspekte-Sendung gelandet, Kendrick Lamar ist zu Gast und wird interviewt. Ich war auf den Universal-Seiten, habe viel Musik gehört, ich habe Textseiten („Lyrics“) gesucht und studiert oder wie soll ich sagen… Habe selten so oft das Wort „Motherfucker“ gehört. Mein Gott, wo bin ich hier aufgeschlagen? Von Gottesbeweisen ist nicht mehr die Rede, ER muss ganz in der Nähe sein, der Teufel ebenso und überhaupt. Aber ich werde hören, hören, hören und Videos sehen, bis mir Hören und Sehen vergeht. Ich habs versprochen! Im Namen Beethovens!!!

Ein Rapper, dem sein Glaube viel bedeutet, einer der sagt „Gott hat mich berufen, Leute mit meiner Musik zu bewegen“ und dennoch einer voller Zweifel: Kendrick Lamar im Gespräch mit Gerald Giesecke.

Nehm‘ ich doch ein thematisch zu mir passendes Stück: Es geht um Sünde oder Sünder, ein weißer Sarg kommt drin vor, ich werde den Text mitlesen, bis mir schwarz vor Augen wird, also vielleicht nicht gerade 75 mal.

http://genius.com/Kendrick-lamar-bitch-dont-kill-my-vibe-lyrics

Und die Musik, das Video. Muss es sein? Es muss sein!

http://www.universal-music.de/kendrick-lamar/videos/detail/video:322047/bitch-dont-kill-my-vibe

DANK AN BERTHOLD

Statt eines Reisetagebuches

Jerusalem Heidelberg Mannheim Ludwigshafen Jerusalem

Heidelberg Hauptstraße her Heidelberg Hauptstraße hin

Heidelberg Plakate d Heidelberg Plakate e

Heidelberg Plakat x        Heidelberg Plakate c

Heidelberg Neue Aula Schluss Heidelberg Jerusalem Programm Karte

Heidelberg Religion rettet nicht „RELIGION RETTET NICHT!“

Heidelberg Plakate a Heidelberg Plakate b  Heidelberg Neue Aula der Universität

HH Ludwigshafen bzw Mannheim  Hinweis a

Processed with VSCOcam with g3 preset Mannheim Eos 4a EOSHH Ludwigshafen Museumskonzert 5 HH Ludwigshafen Museumskonzert 7

HH Ludwigshafen Museumskonzert 2  HH Ludwigshafen Museumskonzert 3

HH Ludwigshafen 0 Einführung JMR

HH Ludwigshafen 01  HH Ludwigshafen Museumskonzert 15

HH Ludwigshafen Museumskonzert 23a  HH Ludwigshafen Museumskonzert 22

HH Ludwigshafen Museumskonzert 17 x HH Ludwigshafen Museumskonzert 21 y HH Ludwigshafen Museumskonzert 40 z

HH 0 HH 00

HH a PLAY SOMETHING. HH Poesie x

HH Orch  HH Orch b

HH alle Schluss  HH Heilige

HH Bildwand  HH Mus Miró

(Fortsetzung folgt, vielleicht)

Nachtrag

Am letzten Tage dieser Reise nahm Navid Kermani  in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen und hielt zu diesem Anlass eine Rede, die ich gern live im Fernsehen mitbekommen hätte. Inzwischen habe ich das Versäumte mit Hilfe der Mediathek nachgeholt; es scheint unsere Jerusalem-Thematik zu ergänzen, als sei es so geplant gewesen. Man gehe dem Link nach, der jetzt am Ende des Artikels „Wolkenlektüre“ eingefügt ist.

Allerdings ist die Kritik ebenso bedenkenswert: siehe hier in der Süddeutschen Zeitung.

13. Oktober

1913 Geburtstag meiner Mutter

Gertrud jung Gertrud R älter

2015 

vormittags Quartettprobe: Schumann op. 41,2 (1842 – „kammermusikalisches Jahr“) mit den +74ern Odenthal, Reichow, Naumann, Blees

Schumann zw Geige

abends Afghanistan 1974 (vor 41 Jahren) WDR 3 23.05 – 24.00 Uhr Soundworld

Screenshot Afghanistan Sendung

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Nachtrag

Eine Kleinigkeit, die mir heute morgen auffiel, will ich vormerken: es gibt bei Schumann verschiedene (kurze) Stellen, in denen erste und zweite Geige im Einklang spielen, d.h. nicht in Oktaven, sondern absolut unisono. Dass habe ich noch bei keinem anderen (früheren) Komponisten bemerkt. Natürlich: Klangverstärkung. Aber zunächst klingt es auch nach Verlegenheit.

Noch zur Wissenschaft: da werden nur formale Eigenarten angemerkt, nicht herausragende Schönheiten,wie im langsamen Satz. Darin auch das merkwürdige „Gewürm“ , das nach dem – von Schumann so genannten – „Tiefkombinatorischen“ bei Bach klingt…

Schumanns Streichquartett unter der Lupe

Was sagt der Wissenschaftler?

Hier seine Worte:

Kennzeichnend für die Kopfsätze von Schumanns Quartetten ist bei umrißhafter Beibehaltung der Sonatenhauptsatzform die Bildung relativ fest gefügter formaler “Sektionen”, deren erste in allen drei Werken der im Sinne einer “dreiteiligen Liedform” angelegte Hauptthemenkomplex in der Exposition darstellt.

Im Fall des Quartetts op. 41,2 handelt es sich also um die „Sektion“, die im ersten Satz – wie in Sonaten und Sinfonien – üblicherweise Exposition genannt wird: der Hauptthemenkomplex, der hier im Sinne einer dreiteiligen Liedform behandelt sein soll. Folgende Aufteilung müsste damit gemeint sein:

A 0:00 bis 0:35 0:35 bis 1:09 1:09 bis 1:30 + Überleitungstakte 1:39 / Wiederholung bis 3:07

Thematisches Material wird ausgebreitet, B es wird fortgeführt, imitierend und modulierend behandelt, erweitert. C  Neue Tonart, Motive aus A und B, Abgesang und Rück- bzw. Weiterleitung nach 3:07. Ab 3:16 Beginn der Durchführung. Was hat es damit auf sich?

Gegenüber der Exposition stellt die Durchführung nichts grundsätzlich Neues dar, ist sie doch nicht mehr – wie in der Klassik – der Ort der größten Konzentration motivischer Verarbeitungsprozesse. Vielmehr tritt hier das Mittel der sequenzierenden Bewegung durch Weitung des durchmessenen tonalen Raumes in den Vordergrund, bei prinzipieller Beibehaltung der Gliederung in geschlossene Abschnitte.

Die Durchführung beginnt (siehe oben) bei 3:07, die Reprise dessen, was die Exposition präsentiert hat, folgt ab 4:31. Der Wissenschaftler sagt dazu:

Die Reprise gestaltet Schumann […] auffallend schematisch, er traut mithin der „poetischen Kraft“ der Thematik zu, die Spannung über die Wiederholung hinweg aufrechtzuerhalten (ganz ähnlich wie in den zahlreichen Wiederholungen der erweiterten dreiteiligen Formen z.B. in den Novelletten).

In der Tat, es ändert sich wenig, abgesehen davon, dass hier der Teil C in die Haupttonart zurückgeführt wird und bei 5:50 endet, oder – auch nicht: er dehnt sich in eine Coda, um dann – vor 6:12 – um so abrupter „Schluss zu machen“.

Quelle Arnfried Edler: Robert Schumann und seine Zeit / Laaber-Verlag 1982  (Seite 166 f)

Der nächste Schritt wäre, die Binnenstrukturen zu untersuchen, und ich möchte auch hier den Anregungen Arnfried Edlers folgen, indem ich die im vorigen Beitrag schon zitierten Sätze zur Exposition wiederhole und weiterzitiere:

Die Unangemessenheit dieses Terminus der Formenlehre [Exposition] tritt gegenüber der Thematik jedoch in eklatanter Weise zutage, welche nämlich dem auf leichte Auffaßbarkeit gerichteten Korrespondenzprinzip des Liedes in vielfacher Hinsicht zuwiderläuft: Komplexionen des Rhythmus, insbesondere die für Schumann charakteristischen Synkopierungen durch Überbindungen über die Taktgrenzen hinweg sowie Schwerpunktverschiebungen, Aushöhlung des spannungsvollen Gleichgewichts von Vordersatz und Nachsatz entweder durch reine Wiederholung oder durch deren Gegenteil, die völlige Asymmetrie der korrelierenden Teile, stellen Elemente dar, die aus Schumanns zuletzt entstandenen reifen Klavierwerken stammen und nun auf den Quartettstil transformiert angewendet wurden, dessen Satztechnik sich Schumann durch intensive Haydn- und Mozart-Studien angeeignet hatte. Darüber hinaus tritt gerade in der Kammermusik die Sequenzstruktur der Schumannschen Melodik besonders unverdeckt hervor. Durch solche Verfestigung einzelner Sektionen des Satzes zu geschlossenen Formgebilden unterscheidet sich Schumanns Formdenken grundlegend von demjenigen, das Beethovens späten Quartetten zugrundeliegt. Doch geht ein entscheidendes Moment darin ein: das Prinzip der fortwährenden Um- und Weiterbildung der Motive, das sich bei Schumann ebenso innerhalb der Sektionen abspielt, wie es auch die gegeneinander abgeschlossenen formalen Episoden des Sonatensatzes untereinander assoziativ verknüpft: der tendenziell grenzenlose Beziehungsreichtum, von Beethoven als Ausgleich zur Verlagerung des Kontrastprinzips auf die unterste  strukturelle Ebene in seinen Spätstil eingeführt, wird von Schumann, im assoziativ „erzählerischen“ Sinne umgedeutet, aufgenommen und als entscheidendes Gegengewicht zu den auseinanderstrebenden Tendenzen der episodenhaften Formsektionen verwendet. Diese einzelnen Sektionen entsprechen „poetischen Situationen“, und ihre Verbindung, ähnlich der Verfahrensweise in der Klaviermusik, auf die Weise der kontrastierenden Nebeneinanderstellung, ohne jede Vermittlungs- und Überleitungspartien, die etwa bei Mendelssohns Quartetten op. 44 eine bedeutsame Rolle spielen.

Ich schreibe dies ab, weil es sinnvoll ist, wenngleich aufgrund der gedrängten Stilistik nicht auf Anhieb einleuchtend, „den Sinn freigebend“. Ich vertiefe mich in jeden Satz, weil er etwas Bedenkenswertes meint, nicht Jargon präsentiert. Aber ich hege auch den Wunsch, es für andere Leser zu erschließen, die nicht gewohnt sind, in Musik mehr als eine Reihe schöner Momente wahrzunehmen. Und verzichte auf die (naheliegende) Verwendung von Notenbeispielen, um stattdessen zu ermöglichen, sekundengenau Hörbeispiele aufzurufen, – etwa anknüpfend an die rot gekennzeichneten Stichworte. (Es wäre gut, die youtube-Musik des vorigen Beitrags in einem zweiten Fenster parat zu halten.)

Synkopierungen: im Grunde nur eine Überbindung der 1. Geige über die Taktgrenze, wodurch die Zählzeit 1 verschleiert wird: das Thema steigt in 2 Tönen auf und landet mit einem kleinen Schlenker in der höheren Oktave, und genau nach diesem Ton folgt der übergebundene Ton: man kann sich nicht sicher sein, in welcher Taktart man sich befindet, ob 3/4 oder 6/4, und wenn wir nach einem erneuten 2-Ton-Aufstieg bei 0:12 auf dem akzentuierten hohen Ton  landen, spüren wir kaum, dass wir soeben die erste reguläre 8-Takt-Periode hinter uns haben. Und hier folgt nun die erwähnte Sequenzstruktur: in drei Wellen wird die absteigende Figur der 1. Violine, die jeweils mit Akzent beginnt, einfach höher gesetzt (als „Sequenz“), beim dritten Mal pausieren die anderen Streicher für einen Takt und assistieren erst wieder, wenn es weitergeht, – übrigens wieder mit einer Überbindung, die zu einem neuen Zielton tendiert: genau dort übernimmt die 2. Geige die Initiative, bei 0:20, und sie versucht es mit bloßer Wiederholung statt Sequenzierung, bis 0:28, und daraus kann wiederum die 1. Geige etwas machen: sie akzentuiert nun taktweise, in die höhere Region aufsteigend, und wiederum halten die andern – quasi erstaunt – einen Moment still: bei 0:31. Und nun achten Sie bitte auf die 2. Geige! Leider wird sie sofort von der 1. überboten, aber immerhin: alles thematisch, – das nennt man imitatorische Arbeit. In der Verfestigung einzelner Sektionen erkennen wir zugleich das Prinzip der fortwährenden Um- und Weiterbildung der Motive.

Noch ungeklärt blieb hier, was unter Vordersatz und Nachsatz zu verstehen ist. Der irreführende Doppelgebrauch des Wortes „SATZ“ (eben auch für die 4 Sätze des ganzen Werks) sollte hingenommen werden; wer es genauer wissen will, schaue hier. Der Nachsatz ist gewissermaßen eine Antwort auf den Vordersatz, meist in gleicher Länge. (Insofern unterscheidet er sich vom täglichen Gespräch, wo das Widerwort oft viel länger als die Vorgabe dauert…) 

(Fortsetzung folgt, z.B. hier)