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Nachhaltiges aus der Popwelt

In der Wochenendausgabe der SZ lese ich ein Interview mit Fred Kogel. Da springt kein Funke über, muss ich sagen. Obwohl es ein paar winzige Gemeinsamkeiten gibt. („Delilah“ Ende der 60 Jahre, „Prince“ Ende der 80er Jahre). Daran waren vielleicht die Kinder oder die Kindheit schuld. Aber was jetzt hängen bleibt, ist die volle Dröhnung, die sein vierjähriges Kind bekommt:

Absolut, ich wollte ihn ja eigentlich unbedingt schon zum AC/DC-Konzert in München mitnehmen. Meine Frau hatte aber Bedenken: die Lautstärke! Jeden Morgen auf dem Weg ins Büro nehme ich den Leo ja mit in den Kindergarten im Auto, das ist unsere Musikzeit. Ich glaube, er ist der einzige Vierjährige, der sich komplett auskennt in der Armada zwischen Rod Steward, Led Zeppelin und Mark Ronson. „Uptown-Funk“, das liebt er. Genauso wie Prince, da ist er voll drin, zumindest Luftgitarre beherrscht er.

Ich fürchte, seine Frau hat recht, – der Instinkt, sich die Ohren zuzuhalten, wenn sie Schaden nehmen, wird dem Vater zuliebe („unsere Musikzeit“!) desensibilisiert. In 40 Jahren wird sich der Kleine womöglich nicht mal mehr beim Vater bedanken können …

Und wie war’s in dessen Kinderzeit?

Ich komme ja aus einem musikalischen Elternhaus. Mein Vater war Opernsänger, meine Mutter Ballettmeisterin und Solotänzerin in Frankfurt. Ich kann heute noch 50, 60 Opernpartien auswendig singen, weil ich als Kind oft zehn Mal in den Inszenierungen am Gärtnerplatz war, in denen mein Vater auftrat. Meist saß ich in der Intendantenloge gleich neben der Bühne. Meine Lieblings-Spielopern sind die Opern meiner Kindheit, „Der Barbier von Sevilla“, „Hoffmanns Erzählungen“ oder „Zar und Zimmermann“.

Das ist schön und gut, aber die Frage, wie sich diese frühkindliche Prägung ausgewirkt hat, bekommt eine Antwort, die dringend einer Korrektur bedarf:

Bei mir war es ein wenig wie bei Obelix, der in den Zaubertrank gefallen ist: Ich habe die komplette Ladung Klassik abbekommen. Kein Wunder, dass irgendwann die Gegenreaktion kommen musste. Ich bin zum Rocker mutiert, auch aus dem Gefühl heraus, gegen den Musikgeschmack meiner Eltern revoltieren zu müssen.

Falsch! Das war keine komplette Ladung Klassik, sondern eine komplette Ladung Spielopern! Und das ist ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Man könnte ja sogar behaupten, dass das typische Opernpublikum ein komplett anderes ist als das Publikum der klassischen Sinfonie- oder gar der Kammerkonzerte. Und wenn man dann noch der Ansicht ist, dass man damals das falsche Instrument gelernt hat, nämlich Klavier, und nie erfahren hat, dass dieser schwarze Kasten einem – dank realer Imaginationsfähigkeit –  die ganze Welt der Musik zu erschließen vermag, dann bezieht man eben seine Weisheit aus dem „Pullacher Supermarkt, die hatten dort immer einen Plattenständer“…

Natürlich kann diese Musik ein Leben lang neue und neueste und noch neuere Erfahrungen produzieren, die allerdings niemals tiefer in das hineinführen, was Musik im „eigentlichen“ Sinne ausmacht. Woher sollen es die Jugendlichen auch wissen? Die Frage lautet ja nur: Ist Musik für die heutigen Jugendlichen noch ein Statement? Und Fred Kogels Antwort ist entsprechend dürftig:

Ich glaube schon, vor allem im Hip-Hop und im Rap. Da gibt es eine enge Verbundenheit der Fans zu ihren Musikern. Das typische Produkt in den Charts hat aber einen starken Marketing-Charakter. (…)

Ich habe früher noch auf den Erscheinungstag einer Platte gewartet. In der Bravo hatte ich meist schon davon gelesen, es gab ja nicht so viele Informationsquellen. Man musste sparen, um sich die Platte leisten zu können, man war froh, sie in den Händen zu haben. So etwas schafft Emotionen. Der größte Unterschied zu früher ist, dass Teenager heute meist nur für eine kurze Zeitspanne eine enge Beziehung zu einzelnen Musikern oder Bands aufbauen. (…)

Ja, man muss sich nur die Facebook- und Youtube-Erscheinungen ansehen. Sängerinnen wir Rihanna oder Taylor Swift, die über riesige Fankreise weltweit verfügen, haben die digitale Verfügbarkeit perfektioniert. Diese Phänomene leben mehr vom Lifestyle und vom Look als von der Nachhaltigkeit der Musik. (…) Aber die Flüchtigkeit ist kein neues Phänomen, auch bei uns gab es früher Bands wie [xyz]. Haben die nachhaltige Musik gemacht? Nein.

Quelle Süddeutsche Zeitung 1./2. August 2015 (Seite 54) Fred Kogel über MUSIK.

(Fortsetzung folgt)

Nachtrag 3. August (Aspektwechsel anstelle einer Fortsetzung)

Aus dem Blog von Berthold Seliger (Hier):

31.07.2015 – 13:54

In der „FAS“ schreibt die formidable Klassik-Expertin Eleonore Büning einen interessanten kleinen Aufsatz zum Thema „Warum schreiben Popkritiker über alles, nur nicht über die Musik?“ (steht leider nicht online, kann/will die FAZ/FAS nicht…)
Frau Büning weist darauf hin, daß Popmusik musikalisch sozusagen einfallslos ist, daß sie sich der musikalischen Bausteine, die seit dem 17. Jahrhundert vorhanden und bekannt sind, mehr oder minder ohne Verfeinerung oder gar Weiterentwicklung bedient: „Die Bausteine für eine Rockballade oder einen Schlager unterscheiden sich nicht grundsätzlich von denen für ein Schubertlied oder eine Gluckarie oder ein Monteverdimadrigal oder ein neapolitanisches Volkslied oder ein jiddisches Wiegenlied: Kadenzformel, Dreiklang, Terzfall, Sextsprung, Lamentosekunde, Auftakt und Synkope – was halt die gute, alte Musikrhetorik so an emotionalen Stimulantien hergibt. Das funktioniert seit Jahrhunderten tadellos…“
Mal abgesehen davon, daß ich bezweifle, daß die meisten Popmusiker und Popkritiker auch nur eine Ahnung von Kadenzformeln, Terzfall, Sextsprung oder Lamentosekunden haben (und damit meine ich nicht, daß sie nicht wissen, wie das heißt, sondern, daß sie diese Stilmittel weder kennen noch bewußt einsetzen…), hat Frau Büning völlig Recht, wenn sie sagt: „Das Wesentliche am Pop ist nicht die Musik, es ist die mit musikalischen Mitteln geweckte große Emotion, es sind die dadurch transportierten mehrheitsfähigen Bekenntnisse, Identifikationsmodelle, Lebenswelten, Selbstdarstellungskonzepte.“
Und daß sie von einem Popkritiker erwartet, daß er uns solche sozialen und politischen Phänomene, eben: das Gesellschaftliche an der Popmusik erklärt. In der Realität (und wenn ich über die Musikkritik nöle, dann immer in dem Wissen, daß es da draußen auch ein paar wirklich hervorragende PopkritikerInnen gibt, die BalzerBruckmaierWalter und wie sie alle heißen – eben die geliebten und bewunderten Ausnahmen, die die Regel bestätigen…), in der Realität also passiert leider das Gegenteil: Endloses Zitieren von Songtexten und das noch endlosere Name-Dropping sind die Regel. Nochmal Eleonore Büning:
„Was nützt es, zu wissen, in welcher inzwischen aufgelösten Band Y oder Z der Rhythmusgitarrist der Gruppe O, P oder Q schon mal vorher gespielt hat, wenn schon die Gruppen A oder B nur den Leuten bekannt sind, die neben dem Kritiker in der Fankurve saßen? Manchmal denke ich, diese hochnäsigen Kollegen von der Popmusikfraktion, die schon so jung so verknöchert herumschwadronieren, verstecken sich und ihre Meinung hinter Gebirgen von Namen aus demselben Grund, aus dem sich die klassischen Musikkritiker früher hinter Wällen aus Adornozitaten versteckt haben: Es handelt sich um Verteidigungswälle. Adorno nannte solche sich abkapselnden Gruppen von Musikliebhabern, die mit ihrem exklusiven Musikgeschmack unter sich bleiben wollten: ‚Ressentimenthörer’.“

Aus dem Handgelenk

Die eindrucksvollen Auftritte des Geigers Leonidas Kavakos könnten manchen jungen Violinspieler veranlassen, nicht nur den Ernst und die musikalische Intensität des genialen Griechen zum Vorbild zu nehmen, sondern auch zu vermuten, dass seine Technik in allen Details nachahmenswert ist. In der Tat: sie funktioniert und fügt sich zwanglos allen Absichten des Interpreten, soweit ich das beurteilen kann. Dennoch muss man wohl feststellen, dass die Bogenführung bzw. die Bewegung des rechten Arms und insbesondere die Herausstellung des rechten Handgelenks einer altertümlichen Lehre folgt, die vielleicht nicht ohne Grund von der Entwicklung des modernen Violinspiels aufgegeben wurde. Man kann das an verschiedensten Stellen nachlesen, aber viele Geiger lesen wenig, um keine wertvolle Übe-Zeit zu verlieren. Daher dieser Blogbeitrag. Der Unterschied fällt auf Anhieb ins Auge: links Leonidas Kavakos Quelle: youtube), rechts Christian Tetzlaff (Quelle: youtube), beide hervorragende Virtuosen und Musiker! Es geht hier nicht um ein Ausspielen des einen gegen den anderen, sondern allein um das rechte Handgelenk:

Kavakos Screenshot 2015-07-15 Tetzlaff Screenshot 2015-07-15 20.39.14

Ich kenne keinen Geiger, der das Handgelenk so anwinkelt und den Ellbogen so dicht am Körper hält wie Kavakos, – und erinnere mich an mein antiquarisch erworbenes Exemplar der Geläufigkeitsstudien von Schradieck, an deren Rand ein Lehrer geschrieben hatte: „Etwas unter dem Arm halten!“ Das war früher so üblich: der Ellbogen am Körper sollte die Hauptleistung ans Handgelenk delegieren. Auch eine historische Violinschule von 1913 illustriert das (Foto links oben), wobei die Position der Finger anders ist als bei Kavakos.

Violinschule ca 1913

Es ist offenbar die alte deutsche Praxis, die auch im Vorwort eines erhellenden Buches von Percival Hodgson im Jahre 1958 beschrieben wird, wenn auch auf Campagnoli bezogen:

Violin Bowing Motion Study x

Quelle Percival Hodgson: Motion Study and Violin Bowing / American String Teachers Association Urbana 1958 (Introduction S. IX)

Schon Carl Flesch beschrieb 1929 die verschiedenen Methoden der Bogenhaltung in seinem grundlegenden Werk „Die Kunst des Violinspiels“ sehr genau, und er bebilderte auch die von ihm abgelehnten Usancen, wie hier:

Flesch Foto

Er berief sich in seinen Ausführungen auf den Mediziner Friedrich Adolf Steinhausen und dessen Buch „Physiologie der Bogenführung auf den Streichinstrumenten“ (1903) und meinte:

Steinhausen war der erste Theoretiker, der die Kraftquellen als im Ober- und Unterarm lagernd erkannte und dem bis dahin maßlos überschätzten Handgelenk sowie den Fingern eine nur vermittelnde Rolle zugestand. Seine Ansicht hat sich nicht nur durch ihre zwingende Logik, sondern vor allem durch die Bestätigung in der praktischen Ausübung als richtig erwiesen.

Carl Flesch: Die Kunst des Violinspiels I. Band: Allgemeine und angewandte Technik. Verlag Ries & Erler Berlin 1978 (Seite 38)

Aber ganz so apodiktisch muss man es wohl doch nicht sehen, zumal wenn man beachtet, dass diese „zwingende Logik“ die eines Physiologen war, der selbst nur Hobbygeiger war, und dass der Berufsgeiger Flesch als Künstler (und Kollegenkritiker) durchaus nicht unanfechtbar war. Die verschiedenen Stile der Bogenführung haben – je nach individueller Prädisposition – vielleicht doch ganz unterschiedliche Vor- oder Nachteile. Der Vater „der“ russischen Geigenschule, Leopold Auer, selbst Schüler Joseph Joachims, schrieb in aller Vorsicht und eingestandener Subjektivität:

When I say that the hand should be lowered – or rather that the wrist should be allowed to drop when taking up the bow – and that as a consequence the fingers will fall into position on the stick naturally and of their own accord, I am expressing a personal opinion based on long experience. I myself have found that there can be no exact and unalterable rule laid down indicating which one or which onesd of the fingers shall in one way or another grasp and press the stick in order to secure a certain effect. Pages upon pages have been written on this question witzhout definitely answering it. I have found it a purely individual matter, based on physcal and mental laws which it is impossible to analyse or explain mathematically. Only as the result of repeated experiment can the individual player hope to discover the best way in which to employ his fingers to obtain the desired effect.

Joachim, Winiawski, Sarasate and others – every great violinist of the close of the last century – had each his own individual manner of holding the bow, since each one of tzhem had a differently shaped and proportioned arm, muscles and fingers. Joachim, for instance, held his bow with his second, third and fourth fingers (I except the thumb), with his first finger often in the air. Ysaye, on tzhe contrary, holds the bow with his first three fingers, with his little finger raised in the air. Sarasate used all his fingers on the stick, which did not prevent him from developing a free, singing tone and airy lightness in hies passagework. The single fact that can be positively established is that in producing their tone these gerat artists made exclusive use of wrist-pressure on the strings. (The arm must never be used for that purpose.) Yet which of the two, wrist-pressure oder finger-pressure, these masters emphasized at a given moment – which they used when they wished to lend a certain definite colour to a phrase, or to throw into the relief one or more notes which seemed worth while accenting – is a problem impossible of solution.

Incidentally, we may observe the same causes and the same effects in the bow technique of the virtuosi of the present time. They may have nothing in common either in talent or temperament, yet, notwithstanding this fact, each one of them will, according to his own individuality, produce a beautiful tone.

Quelle Leopold Auer: Violin Playing As I Teach It / Dover Publications, New York, 1980 (1921) ISBN 0-486-23917-9 (Seite 12 f.)

Eine wunderbare Passage, – sofern man auch im Violinspiel eine gewisse Toleranz gelten lassen will und die beiden ganz oben abgebildeten Violinisten nicht gegeneinander ausspielen will.

Man könnte Leonidas Kavakos, der bei Josef Gingold studiert hat, sogar an der Bogenhaltung seines berühmten Lehrers messen, dürfte aber nicht übersehen, dass dieser von physiologisch völlig anderer Statur ist und – nebenbei – auch wohl nie einen solchen Beethoven-Zyklus wie sein griechischer Schüler gespielt hat.

Gingold Screenshot 2015-07-15 20.58.02 Josef Gingold (Quelle)

Mag sein, dass Kavakos sein violinistisches Körper- und Fingerspitzengefühl noch am Griechischen Konservatorium entwickelt hat, bei Stelios Kafataris, vielleicht auch schon bei seinem Vater und im Kontakt mit der griechischen Volksmusik (siehe hier). Vielleicht sogar durch eigenes Denken und Arbeiten?

***

Wer von diesen technischen Aspekten des Violinspiels jetzt noch nicht genug hat, der lese getrost weiter auf den sehr instruktiven Blog-Seiten von Stefan Maus: Hier.

Nachtrag 11. April 2018

Ein schönes Beispiel aus der irischen Volksmusik: Der fabelhafte Fiddler Frankie Gavin spricht über Bogentechniken und empfiehlt u.a. die alte Methode, ein Buch unter den rechten Arm zu klemmen: siehe das instruktive Video HIER , zum Thema Bogenarm ab 8:11 bis 9:18 (Fazit: zu große Bewegungen nehmen dem Arm Energie).

Stuttgart-Fahrt 1

Die fatale Tendenz, surreale Momente zu generieren*

Stuttgart Fahrkarte y

TAZ-Lektüre

Stuttgart Hinfahrt am Rhein Ausblick z Stuttgart Hinfahrt am Rhein Loreley y

Aperghis CD-Mittel-Foto

Aperghis Halb-Portrait-Foto

STUTTGART Bahnhof 1

STUTTGART Bahnhof 2

Augen

Stutt Pri 1 unscharf Pri 10 Juli 2015 y

Stutt Flügelperspektive Stuttgart Angekommen y

Lex Moderne Lieblingsbild 1955

Quelle Knaurs Lexikon moderner Kunst Th. Knaur Nachf. Verlag München 1955

*Wie konnte sich das Wort „generieren“ gleich bei seiner Geburt so degenerierend entzaubern? Ich kenne es in dieser Form erst seit 1986, nicht länger, nämlich seit es die Kölner Philharmonie gibt. Da musste man als Veranstalter Konzertkarten generieren. Ich bin sicher, dass heute auch jede Bahnkarte generiert wird. Lächerlich! Bis dahin waren die wichtigsten Wörter dieses Stammes GENESIS, GENUS, GENERATION, GENEALOGIE. Nahe beim Genius. Auch: Genius Loci. Wie hier und heute.

Waheit pur: nicht von dieser Welt!

Revolution nach Lektüre von ZEIT und Brigitte?

Ich frage mich, wie konservativ ich eigentlich bin. Warum DIE ZEIT und welche Artikel? Voriges Mal so viele, dass das Blatt jetzt noch fast ungelesen (aber auf vielen Seiten angelesen) neben mir auf dem Schreibtisch liegt (als Aufgabe), heute nur dieser 1 Artikel (abgesehen von – ausgerechnet – Josef Joffes Kolumne über die MAGNA CHARTA = 800 Jahre): der Lyriker Uwe Kolb und sein Sohn, der Hip-Hopper oder Rapper Mach One. Den im Artikel erwähnten Rap Schweinegrippe gebe ich hier nicht zum Durchklicken (ist mir zu provokativ & wirklich zu „unanständig“), aber doch einen anderen, damit klar ist, wovon die Rede ist. (Auch die Kommentare lesen!)

HIER  https://www.youtube.com/watch?v=kEHntTg4ZS0

Mach One sagt:

Was die You-Tube-Klicks angeht, bin ich selbst überrascht. Der Song  Schweinegrippe, der ja wirklich Blödsinn ist, hat jetzt fast eine Million Aufrufe. ich stelle mir dann immer hundert Verrückte vor, die vor ihrem Computer sitzen und klicken und klicken und klicken.

 Und ich stelle mir einen Kontrast vor. Könnte man in Afrika so viele Klicks mit einer Provokation erzielen? Oder auch nur mit „Blödsinn“?

ZITAT

Me: What makes you unique?

JAY A: Diversity; Singing across different genre – R&B, Hip Hop, Afro Fusion and a different Rap style.

Me: I first knew you when I heard your song ‘On Me ft Amina’, before that, had you worked on any other projects that we probably would want to listen to?

JAY A: My first song was titled „Clap your Hands“, a hip hop track with Jamaican fusion.

Me: Man, how do you cope with all the love ladies show you, considering that you are in a relationship?

JAY A: That is what makes this industry very challenging, I have been able to strike a good balance between the two keeping it very professional.

Quelle: Hier

Ich komme darauf, weil mich ein Bildbericht in der Frauenzeitschrift Brigitte sehr bewegt hat, so dass ich mich via Internet wieder einmal in Kenya umgeschaut habe. Ich kam auf etwas ganz anderes, aber ich habe den Versuch gemacht habe, die Rechte für ein paar der motivierenden Fotos zu bekommen, um sie hier zu präsentieren. Noch hoffe ich: der Fotograf Sergio Ramazzotti antwortete unter schwierigsten Mail-Bedingungen aus Burundi.

Das heißt: die Foto-Serie Kenya zu dem folgenden Text:

Kenya – Bach to the future / An extraordinary music school inside Nairobi’s largest slum

Music, wrote Claude Lévi-Strauss, is „a machine to suppress time“. In Korogocho, one of Nairobi’s largest slums, since some time ago music has also helped to suppress space, to make people forget the squalor and violence, to heal the wounds of the soul, and in some cases to open a door toward a future which, for those born on the edge of the huge open dump that is the symbol of the slum, wasn’t even possible to dream of. Before 2008, in Korogocho no one had ever heard play a piece by Bach or Beethoven. That was the year when a young Kenyan decided to found a school of classical music for children and adolescents in the heart of the shantytown, right next to the dump site. Some of those children have now reached a place whose existence they didn’t even suspect – the Nairobi conservatory – and have before them a future as musicians. But even for the less talented, music is the only opportunity to suppress the time and space in which, in Korogocho, it is often too painful to live.

Text: Sergio Ramazzotti

***

Eine Sache liegt mir noch auf dem Herzen: NGOMMA las ich dort oben auf dem Video, ein uraltes Wort, das ich aber zum ersten Mal mit zwei M geschrieben sehe. Es gibt mir Anlass, an den südafrikanischen (weißen) Musikethnologen zu erinnern, durch den ich das Wort überhaupt kennengelernt habe, – in einer Schrift, die sich an (schwarze) Afrikaner wendet. Und zwar mit eben diesem Begriff, der – offenbar weil jeder ihn kennt – in keiner Zeile des Buches erwähnt wird. NGOMA (Trommel).

Ngoma  Ngoma eine Art Vorwort

NGOMA An Introduction to Music for Southern Africans By Hugh Tracey / Longmans, Green & Co. London Cape Town New York / 1948

Rechts: Eine Art Vorwort vor dem Vorwort des Autors – fromme Wünsche eines Afrikaners 1945 „I do not mean to condemn foreign music at all but I am trying to advise my own people to reclaim our old music and to try to find ways in which we can improve it.“

***

26.06.2015 Inzwischen ist Sergio Ramazzoti wieder in seine Heimat zurückgekehrt und hat mir das Einverständnis zur Wiedergabe einiger Fotos gegeben. Ich kann mir keinen schöneren Kontrast vorstellen als diese Bilder, – sowohl zu der Einstellung eines deutschen Jugendlichen in Berlin, der mit seiner Instrumentalisierung des Internets jeder braven bürgerlichen Musiktradition Hohn spricht, ohne sie überhaupt in Betracht zu ziehen. Als auch zur puristischen Vision der Trennung fremder und eigener Musik. Und zu diesen Relikten westlicher Musikkultur, die in einer gottverlassenen, düsteren Region Afrikas für einen utopischen Hoffnungsschimmer sorgen und früher oder später etwas ganz Eigenes schaffen werden.

Fotos: „Courtesy of Sergio Ramazzotti/Parallelozero“

Ramazzotti Kenya Cello (bitte anklicken)

Ramazzotti e

Ramazzotti a

Ramazzotti d Geiger Kenya

ZITAT (Schwur eines Ghetto-Schülers)

Ich werde diese Violine lieben und beschützen,

als wäre sie mein eigener Sohn.

Fotos © Sergio Ramazzotti http://www.parallelozero.com/ Mit freundlicher Genehmigung für diesen Blog. Eine unvergleichliche Fundgrube: bitte schauen Sie weiter HIER !!!

Die reine Geste

Eine Entdeckung der Süddeutschen Zeitung

Vielleicht keine wirkliche Entdeckung, oft ist es die Tatsache, dass es gelingt, die Bedeutung einer Sache ins Bewusstsein zu heben und sogar verschiedenste Saiten in Schwingung zu versetzen. In diesem Fall müsste das Lob dem Autor Lothar Müller gelten, der den Artikel überschrieb „Herrschaft der Zeigefinger“ und darunter: „Die neuesten Bedienungstechnologien haben einen sehr alten Fluchtpunkt: die Geste.“ Er wiederum könnte das Lob an die Firma Volkswagen weitergeben (wenn es denn sein muss), die „den Schritt vom physischen Minimalkontakt zur berührungslosen Kommunikation mit den Dingen angepeilt [hat], die Ablösung der Handbewegung von dem Gerät, an das sie adressiert ist.“ Bei Volkswagen geht es mit Blick auf die „mittelfristige Zukunft“  um ein Golf-Modell, „in dessen Cockpit [!!]  der Touchscreen einen Teil seiner Aufgaben an die reine Geste abgibt: das Öffnen und Schließen des Schiebedachs, die Verstellung der Sitze.“

Das Wort dafür heißt: „Gestensteuerung“ – aber was den Leser elektrisieren könnte, ist die „reine Geste“. Könnte es nicht aus einem Dinggedicht von Rilke stammen? Aber lesen Sie doch selbst, neuerdings ist dies möglich, auch in der „Süddeutschen“, leider noch nicht durch bloßen Blickkontakt auf das Wörtchen hier, ich entscheide mich an dieser Stelle für das schwierige Wort Klickkontakt, kein Doppelklick, aber immer noch der rechte Zeigefinger auf der linken Maustaste, jedenfalls, sofern Sie Rechtshänder sind. [Pause. Bitte gleich den angeklickten Artikel gelesen haben!]

Ich erinnerte mich an eine Stelle bei Adorno, die mir sinnloserweise kritisch in Erinnerung blieb: er beklagte die damals neue Verbreitung des Türknaufs anstelle der Türklinke, die es bis dahin erlaubt hatte, eine Tür behutsam zu  öffnen und zu schließen. Letztlich war das nicht besonders gravierend, wenn man z.B. heute das manische Wischen auf dem Smartphone-Display erlebt und dies – sagen wir – mit einer Flageolet-Tonreihe vergleicht, die sich beim kunstvollen (!) Gleiten über eine Geigensaite einstellt, – ganz zu schweigen von einer ähnlichen aber künstlichen Klingeltonreihe, die man der Funktion des Smartphonewischens zweifellos anheften könnte. (Kinder, verachtet mir das manuell erzielte Flageolet nicht! Das eine unterscheidet sich vom andern wie Tag und Nacht!!!)

Sehr wichtig war mir also auch Lothar Müllers Erinnerung an das Werk von Siegfried Giedion, das Adorno gewiss schon aus seiner Zeit in Amerika bekannt war („Mechanization Takes Command“ 1948), ich muss nur die erste Seite des Inhaltsverzeichnisses rekapitulieren, – unglaublich, was für ein Ansatz!

Giedion Mechanisierung Titel  Giedion Mechanisierung Inhalt

Der Verlag möge mir diese stumme Geste einer fotomechanischen Wiedergabe verzeihen. Sie wird zu unzähligen Käufen des haptischen Buchprodukts führen, mehr als zum Beispiel alle uns winkenden Fingerzeige im zukünftigen VW-Golf.

ISBN 5-610-00729-X Siegfried Giedion: Die Herrschaft der Mechanisierung – Ein Beitrag zur anony,men Geschichte. Mit einem Nachwort von Stanislaw von Moos. Herausgegeben von Henning Ritter. Athenäum Sonderausgabe Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1982 / 1987

Im SZ-Artikel heißt es:

Die Überführung des ehemaligen Knopfdrucks in die Geste, die sowohl den Knopf wie das Drücken ersetzt, ist dafür charakteristisch. Das Drücken von Knöpfen, das Ziehen von Hebeln, das Umlegen von Schaltern waren Bewegungen, die im Zuge der ersten industriellen Revolution zu Standardbewegungen sowohl im modernen Produktionsprozess wie in den modernen Haushalten wurden.

Es waren Handbewegungen, die aus der Mechanisierung und Industrialisierung der alten Handarbeit hervorgingen.

Könnte ich also verkürzend sagen: Aus der mit dem Gebrauch des Werkzeuges verbundenen Handbewegung (der Geste) wurde ein Knopfdruck (eine auf das Minimum reduzierte Geste), aus dem Knopfdruck eine symbolische Geste ohne materiellen Kontakt?

Ältere Jahrgänge mögen sich noch an den Kraftaufwand erinnern, der das journalistische Einhämmern auf Typenhebel-Schreibmaschinen zu einer für Film und Comic so attraktiven Tätigkeit machten. Die Reduzierung des Kraftaufwandes begann schon in der mechanischen Ära, zum Beispiel durch die elektrische Schreibmaschine. Diese Reduzierung des mechanischen Elementes setzte sich über die Fernbedienung und ihre Geschwister als Grundtendenz bis in die Touchscreen-Technologie des digitalen Zeitalters hinein fort. Die Fingerkuppe wurde dabei zum sensitiven Zentralorgan der Hand, die immer schon das Zentralorgan im stummen Dialog mit den Dingen gewesen war.

Mit der von ihrem dinglichen Adressaten gelösten reinen Geste rückt ein Kommunikationsmedium ins Zentrum, das seine Energie aus dem menschlichen Körper bezieht.

Da ist sie also: die „reine Geste“. Allerdings in dieser merkwürdigen Verbindung zu einem „Zentrum, das seine Energie aus dem menschlichen Körper bezieht.“ Es ist verlockend, dies am Klavier zu bedenken, das bereits einen hohen Grad an Mechanisierung darstellt. Zudem die heutigen Musikerfahrungen mit Kopfhörern oder Lautsprechern, ergänzt durch die heute ermöglichte oder sogar geforderte Loslösung vom materiellen Ballast traditioneller Instrumente, die noch mit Fingern und Händen bearbeitet werden mussten. Dank der „digitalen Revolution der Musik“, die Harry Lehmann als eine neue Musikphilosophie beschrieb (Mainz 2012). Nahe liegt auch die Erinnerung an das Primat des stummen Lesens, das an die Stelle des halblauten Vortrags oder der Übergangsform des Mitbewegens der Lippen beim Lesen. Aber diese Praxis taugt nicht zur Verallgemeinerung, keinesfalls für eine auf Musikinterpretation bezogene Analogie. So wenig ein Schauspieler sich seinen Text durch stummes Lesen aneignen wird, so wenig findet die ideale Aufführung eines musikalischen Werkes – wie gerade mancher Laie glaubt – in der Imagination des Künstlers statt. Sie ergibt sich in der Auseinandersetzung mit der Materie. Wodurch die Bedeutung der Imagination durchaus nicht entwertet ist.

Renate Wieland und Jürgen Uhde haben gemeinsam ein grundlegendes Buch zum Thema geschaffen (Quellenangabe s.u.), Untertitel: „Über den Interpreten und den Körper als Instrument der Musik“, darin ein großes, wunderbares Kapitel über  „Die gestische Spielbewegung“.

ZITAT

Erfahrbar werden musikalische Gesten in der freien dirigentischen Bewegung, in der Spielbewegung und sublimiert in der geistigen Mimesis reiner Imagination. Gleich in welcher Ebene, immer sind es Experimente im Raum. Affekte waren ursprünglich ja Handlungen, bezogen auf ein Objekt draußen, im Prozess der Verinnerlichung haben sie sich von ihrem Gegenstand gelöst, aber immer noch sind sie bestimmt von den Koordinaten des Raums. Die Sprache erinnert uns allerorts an den Zusammenhang von Affekt und Bewegung und daran, wie seine gesten sich im Raum verhalten. Sie spricht von Hochmut, von Erhebung und Neigung, von Weit- und Engherzigkeit, von rücksichtsvoll und vorlaut etc. Es gibt mithin etwas wie gestische Koordinaten; sie können helfen zu fragen, wie der gestische Impuls aus dem Inneren sich in den Raum entwerfen, wie er in ihm sich ausbreiten will, welche Richtung dominiert: Ist seine Energie eher vertikal oder horizontal aktiv? Strebt sie mehr nach vorne oder nach hinten? Hinauf oder hinab? Nach rechts oder links? Wirken die Kräfte mehr zentrisch oder exzentrisch? Zeigt die Geste eher ein „In sich hinein“, wie es bei Schumann einmal heißt, oder eher ein „Aus sich heraus“? Welche Amplitude wählt sich der Ausdruck? Wie also wölbt sich der gestische Bogen, in flachem oder in hohem Schwung? Lebt er sich in allen Dimensionen des Raumes aus, in welcher Proportion und mit welcher Intensität? (Seite 169)

Das Buch ist unauslotbar. Nur zwei Beispiele seien noch herausgestellt, Beethovens Bagatelle op. 126,2 und Bartóks „Mikrokosmos“ Band I.

Modelle des Kontrastes von extremer vertikaler und horizontaler Gestik finden sich etwa in Beethovens Bagatelle op. 126,2. Aggressiv auffahrende Initialgesten werden von flachen, beschwichtigenden Gesten beantwortet, wobei sich die Extreme im Laufe des Stücks zum Äußersten polarisieren (…). So, fort und fort fragend, wird eine Geste zuletzt plastisch. Aber sie gelingt doch nur, sofern sie eine Einheit bildet, aus einem inneren Zentralimpuls entspringt. Gesten sind das Allerempfindlichste, wo ihre Einheit gestört ist, verfällt alsbald ihr Ausdruck. (S.169)

Es liegt auf der Hand, nur der Arbeiter am Klavier nimmt es kaum mehr wahr: In den grundlegenden pianistischen Spielbewegungen sind schon Gesten angelegt. Die Parallelführung der Hände, die kontrahierende und expandierende Gegenbewegung, das alternierende Ablösen von rechter und linker Hand, das Kreuzen, dann die Anschlagsarten, allesamt sind sie nicht nur technische, sondern elementare gestische Bewegungen. Bartók hat im Mikrokosmos gezeigt, wie sich Musik aus den spieltechnischen Gesten entwickeln kann. Die Quelle seiner Inspiration liegt im Elementaren, das heißt, sie kommt aus der schrittweisen Entdeckung der pianistischen Bewegung des Körperinstrumentes auf der einen und dem elementaren Hören auf der anderen Seite. (S.187)

(Fortsetzung folgt)

Quelle Renate Wieland / Jürgen Uhde: Forschendes Üben. Wege instrumentalen Lernens. Über den Interpreten und den Körper als Instrument der Musik. Bärenreiter Verlag Kassel Basel London New York Prag 2002 ISBN 3-7618-1493-3

Bloggen: meine Hausaufgaben?

Ich bin ja nicht mehr in der Schule, nicht einmal als Lehrer; als Redakteur und Produzent hatte ich immerhin eine Öffentlichkeit zu beachten, wobei ich immer gehofft habe, dass das, was mich wirklich interessierte, auch für einen großen Teil des möglichen Publikums interessant sein müsste, – Leute, für die ich auch sehr gerne zusätzliche Recherchen anstelle, die dann wiederum für mich selbst nützlich sind. Denn: etwas erklären zu müssen, oder auch nur mit Sinn und Verstand als Thema zu behandeln, heißt zunächst einmal: es selbst nicht beim intuitiven Umgang damit bewenden zu lassen. Es genügt einfach nicht, nur zu ahnen, wie der innere Zusammenhang ist. Wenn ich Geige spiele, könnte das vielleicht genügen; ich weiß ja (hoffentlich), wie die Begleitung geht und kenne auch Hunderte von ähnlichen Stücken. Aber wenn ich Geige unterrichte, muss ich vermitteln, was außer den physiologisch notwendigen Bewegungen und außer den sichtbaren Notenköpfen für den anderen eine Rolle spielen sollte. Wo die Betonungen liegen, wo die Linie hinführt, wo sie abflacht usw., das kann ich nicht dem Gefühl überlassen, vielleicht hört das Kind ja zuhaus nur James Last… Schuld der Eltern, genau! Natürlich bilden sich auch da musikalische Gefühle, aber doch wohl sehr atavistische. Ich habe einmal die Merkformel notiert, dass schlechte Musik in Wirklichkeit Musikersatz ist, so wie ein Schundroman nur Ersatz für wirkliche Literatur ist, die man nicht zu lesen gelernt hat. Noch pauschaler gesagt ist der Schund nicht Literaturersatz, sondern Lebensersatz.

Wobei zu erwähnen wäre, dass man aus Schund und Müll, wie jeder weiß, durchaus Kunst machen kann …

Kurz und gut: ich schreibe hier, um mir über manche Themen Klarheit zu verschaffen, indem ich sie objektiviere. (Öffentlich kontrollierbar, damit es für mich ein bisschen verbindlicher und für andere nützlicher wird. Also doch Lehrer?) Manchmal schreibe ich auch nur, um Anregungen festzuhalten, denen ich vielleicht erst später nachgehen mag. Z.B. diese hier. Möglicherweise führt der Hinweis auf das Schlangenritual zu nichts. (Im Grunde habe ich zwischendurch lange und vergeblich danach gesucht, auf welcher Seite bei Ernst Cassirer mitten im Text zur „Philosophie der symbolischen Formen“ eine handschriftlich geschwungene Linie zu finden ist, ein „Ur-Zeichen“, das mich am Ende einer langen Entwicklungslinie vielleicht zu Liechtensteins „Brushstroke“ führen kann.

Mit andern Worten, ich übe nur. Auch in dem gestrigen, noch unausgeführten Beitrag habe ich mir eine Übung vorgenommen. Ich habe die CD von Anfang bis Ende gehört und ein paar Ideen notiert. Aber dann lag noch eine andere CD bereit, zu der mir gesagt worden war: „du musst sie laut hören! sonst wirkt sie nicht wie sie sollte!“, ich antwortete pflichtschuldigst auf die pädagogische Tour: „na sicher, darum habt ihr Jugendlichen später auch alle so kaputte Ohren!“ Delta Machine von Depeche Mode! Mir fällt genug dazu ein, auch wenn ichs leise höre. Ich muss nicht erst Schiffbruch erleiden, um zu wissen, wie heftig das stürmische Meer mir zusetzen kann.

Wenn ich von Übung spreche, denke ich an Johann Sebastian Bach, seine Clavierübung enthält die großartigsten Werke des Abendlandes. Was nicht heißt, dass ich, ein kleines Licht, also gar nicht erst anfangen muss mit eigenen Übungen oder dem, was ich so nenne. Es bedeutet vielmehr, dass ich kein MEISTER bin, der es sich leisten kann, im Alter auf Übungen zu verzichten. Im Gegenteil: ich darf nicht weniger, sondern muss mehr üben als je zuvor. Einesteils ganz einfach: um nicht einzurosten, andererseits noch einfacher: weil die Themen sich vervielfachen. Z.B. James Last warf mich letztens zurück aufs alte Schulgelände der Harmonielehre. Auch wenn Sie, liebe Mitleser, es bereits mit bloßem Ohr erfasst haben, ich füge hier eine Notenseite von Dvorak bei, – nicht ohne ein großes dankbares Lob auf die Notentextvermittlung der großen Petrucci-Musikbibliothek -, und mache Sie aufmerksam auf die Basslinie, die wir im Prinzip (!) dort auch bei James Last erfasst haben, aber in Wahrheit schon lange vorher aus anderer Quelle kennen, ich sage nur wieder BACH, füge hinzu BUXTEHUDE oder PACHELBEL oder auch meinen kleinen Beitrag hier.

Dvorak Romantische Stücke

Nein, ich muss das in einem neuen Artikel ausführen. Ich sollte „Die Popformeln“ hineinnehmen, die mein ehemaliger Kollege Kramarz zwar nicht erfunden hat, aber ins Licht gesetzt hat. Man hat allerdings den Eindruck, als wolle er den alten Meistern eher zur versehentlichen Popnähe gratulieren, statt die Popmusik eines gigantischen Harmonielehre-Plagiats zu verdächtigen. Und dann gibt es da noch den hochintelligenten Pop-Forscher Peter Wicke. Später! Streng genommen müsste ich jetzt erstmal üben. Klavier, das läuft gewissermaßen von selbst (Doppeltriller gis-moll siehe hier ), dann Geige (Dont: „Vorübungen zu Kreutzer“, sehr empfehlenswert auch ohne Kreutzer), aber das ermüdet mörderisch. Vielleicht mein Fehler.

Nur Bloggen ermüdet nicht. Ich vermute ja auch immer, dass die unselige Daddelei der Kinder mit den Smartphones sie nicht ermüdet. Und obendrein nichts „übt„. Aber dazu fällt mir ein, dass der Hauptdaddler, den ich kenne, am echten Instrument gern wortreich erklärt, dass – was am Instrument nicht geht – gar nicht gehen kann. Und wenn ich sage: es geht nur, wenn man es langsam geübt hat, lautet die Antwort: Nein, das hat damit nichts zu tun. Wirklich!

Und darum schreibe ich es lieber noch einmal hier in den Blog: ÜBEN HILFT. Diese „Popformel“ gilt allerdings nur, wenn stillschweigend inbegriffen ist: ÜBEN ist WIEDERHOLUNG OHNE FEHLER. Die Langsamkeit ist also ebenfalls selbstverständlich. Beim Üben Fehler zuzulassen bedeutet Fehler zu üben. Keine Selbsttäuschung (die Fehler zurechthören, sie für Zufall halten). Mit dieser strengen Art des Übens hat Bloggen nichts zu tun. Es ist näher am Improvisieren, Korrigieren, Verwerten von Zufallsgedanken. Auch in der Musik bedeutete Improvisieren nicht nur die fehlerlose Anwendung von Formeln (das wäre allerdings möglich, ist teilweise sogar notwendig), sondern auch das Riskieren (und Umdeuten) von Fehlern. Der Unterschied ist einfach: BLOGGEN IST NICHT ÜBEN. Ein Blogbeitrag kann aber EINE ÜBUNG SEIN. Oder: man kann Übungen daran anschließen, es kann also Übungsergebnis sein oder Übungsanleitung. 

(Und diesen ganz ordentlichen Schlußsatz habe ich gestern, als ich anfing zu schreiben, nicht vorausgesehen. Im Grunde habe ich ihn aber auch schon mehrmals gesagt.)

***

“Der große Unterschied zwischen einer Koralle in einer Wunderkammer und einem Barthes-Zitat auf einem Blog besteht darin, dass mit Wunderkammern die Idee von Universalität und Ganzheit verbunden war, sie also ein Bild der gesamten Welt liefern sollten, während Blogs, der Verheißung von Kreativität verpflichtet, Unerschöpflichkeit suggerieren. Es gilt hier: ‘infinite scroll’ statt Totalität.”

Wolfgang Ullrich (Zitat aus seinem Blog https://ideenfreiheit.wordpress.com/ 6. Juni 2015)

Nachtrag 21. Juni 2015

„Was ist eine Probe? Nichts anderes als eine unendliche Anzahl von Neins: nicht so, nicht zu hoch, nicht zu tief, nicht zu laut, nicht schleppen, nicht eilen, nein, nein, nein, und nochmals nein.“ So hat Sergiu Celibidache den Charakter und den Sinn von Proben erklärt, bei denen alles darauf zielt, zuletzt „das eine Ja“ der richtigen, gelingenden Aufführung zu ermöglichen, also Bedingungen zu schaffen, damit „eventuell“ Musik entstehen kann. Darum geht es – um Lernen und Verstehen, nicht um billigen öffentlichen Voyeurismus. […bei seinen Proben vor Publikum]. Von einer solchen Einstellung könnte und sollte die Kultur auch in Zukunft viel gewinnen: vom freien Zugang zu dem Prozess von den tausend Neins zu dem einen Ja.

Quelle Süddeutsche Zeitung 20./21. Juni 2015 Seite 15 Kunst, Hand, Werk Schwellenangst vor der Hochkultur? Mit nichts lässt sie sich einfacher abbauen als mit dem Besuch einer Probe / Von Harald Eggebrecht

Heidelberg in Farbe

Wie ich es liebe abzuschweifen

(frei und fern nach Joseph Vogl)

Heidelberg Hortus_Palatinus_und_Heidelberger_Schloss_von_Jacques_Fouquiere A 1620

Heidelberger_Schloss_von_Carl_Rottmann_1815 B 1815

Heidelberg_corr neu C 2006

Joseph Vogl beschäftigt sich im dritten Kapitel seines Buches mit „einem recht sprunghaften Gespräch“ am französischen Hofe um 1650, und zwar eine geschlagene Seite lang, um letztlich eine „beiläufig erzählte Anekdote“ (die zudem nicht auf Wahrheit beruht) für eine bestimmte Argumentation einzusetzen, die das Verhältnis der steinreichen Augsburger Fugger-Familie zum kaiserlichen Souverän kennzeichnet. (Man kann die Fakten bei Wikipedia, das Jahr 1519 betreffend, nachlesen.) Ich hake mich fest, weil ein Maler namens Jacques Fouquières erwähnt wird, den ein Gesprächsteilnehmer offenbar für einen Verwandten der reichen deutschen Familie Fugger („Fouckers“) hält, während er in Wirklichkeit einer armen flämischen Familie entstammt. Dies und vieles andere auf der Seite 24 bei Vogel hat nicht viel mit seinem Anliegen zu tun, bringt mich allerdings auf Abwege, die ich hier ansatzweise ausmünzen möchte. Auf dem berühmtesten Bild des genannten Malers  ist das Heidelberger Schloss zu sehen, und vor allem die untergegangenen Renaissance-Gärten… Ist davon bei Bredekamp* die Rede? … und schon lege ich das eine Buch zugusten des anderen beiseite. Die Macht der Kunst!

Quellen

A Hortus Palatinus und Heidelberger Schloss von Jacques Fouquières (1590/1591–1659); Kurpfälzisches Mueseum Heidelberg / Eigenes Werk, Immanuel Giel über Wikimedia Commons

B Heidelberger Schloss von Carl Rottmann (1797-1850) 1815 / Immanuel Giel über Wikimedia Commons

C „Heidelberg corr“ von Christian Bienia. – Farbkorrektur von de:Bild:Heidelberg.jpg by Godewind 18:13, 1 January 2006 (UTC). Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

*Bredekamp … Weshalb mich das alte Heidelberger Bild besonders interessiert? Mit der Garten-Symmetrie, dem geschwungenen Lauf des Flusses, der alterslosen Brücke (assoziierend die Kassettendecke in Schloss Kirchheim, dem Fuggerschloss bei Mindelheim, und danach diejenige der Trostburg im Eisacktal bei Villanders/Südtirol oder diejenige in Jever, die ich noch nicht gesehen habe, aber sehen muss.)

Weil ich etwa 1956 dank Daniela die Herrenhäuser Gärten in Hannover kennengelernt habe, ohne besondere Begeisterung (zugleich mit Haydns Sinfonie Nr. 102, B-dur und einem Wand-Gobelin über die Jagd) und am 21. März 2013 das Buch von Hans Bredekamp: Leibniz und die Revolution der Gartenkunst. Herrenhausen, Versailles und die Philosophie der Blätter. Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2012. Und darin das Kapitel über „Die Natürlichkeit der Geometrie“. Und einen Abglanz immer wieder im nahen Schlosspark von Benrath suche.

Bredekamp Inhalt

Philosophie der Blätter?

„Da kein Blatt dem andern gleicht, erkannte [Leibniz] in der scheinbar unendlichen Formenvielfalt des barocken Gartens die zutiefst individuelle Gestalt der Natur und die Freiheit des Individuellen schlechthin. So wird der Garten zum Laboratorium des Erkenntnisgewinns, und der Mensch, der sich darin bewegt, erfährt über die sinnliche Wahrnehmung – man denke an die Muschelformen in Pflanzen, Bauplastik und Wasserspielen – immer neue Denkanstöße.“

Und Bredekamp „sieht den Gedanken der Freiheit nicht wie üblich in den sanft geschwungenen Wegen des Landschaftsgartens verwirklicht, sondern in den komplexen Geometrien des Barockgartens. Hier findet sich die eigentliche Revolution!“

Und der leise Zweifel, der produktiv macht, wenn er mich in der eigenen „gartenähnlichen“ Halbwildnis überkommt.

Wovon ich nichts verstehe (eine Schande)

Gewiss, ich verstehe nichts von Wirtschaft. Und von Politik nur das, was ich den Zeitungen entnehme. Ich weiß auch nicht, ob die Politik die Bedingungen der Wirtschaft lenkt oder ob wirklich, wie viele behaupten,  die Wirtschaftsbosse den Politikern die Richtlinien diktieren. Angenommen, ich wollte mir einen Weg zu einem besseren Verständnis des Verhältnisses zwischen Regierung und Ökonomie bzw. zwischen Macht und Wirtschaft erschließen und jemand gäbe mir den Tipp: versuche es doch mit den alten symbolischen Darstellungen, die sich dir einprägen und die sich dann irgendwie auf die gegenwärtigen Verhältnisse beziehen lassen, so müsste ich wohl mit den beiden Bildern beginnen, die gleich folgen. Jemand hat mich auf die Idee gebracht, und ich werde darüber auch Auskunft geben. (Bilder anklicken und zu deuten versuchen!)

Leviathan_by_Thomas_Hobbes + HOBBES 1651

Amthor Oeconomica + AMTHOR 1716

Die Arbeit kann beginnen. Ich habe mir das nicht gewünscht, aber es scheint unvermeidlich. Also: Worum handelt es sich?

Es geht zunächst um Thomas Hobbes, (Nach-) Shakespeare-Zeit, und seine staatstheoretischen Lehren. Zitat:

[Sie] sind Gegenstand seines Hauptwerks, des Leviathan von 1651. Dort beschäftigt er sich mit der Überwindung des von Furcht, Ruhmsucht und Unsicherheit geprägten gesellschaftlichen Naturzustands durch die Gründung des Staats, also der Übertragung der Macht auf einen Souverän.

Dies geschieht durch einen Gesellschaftsvertrag, in dem alle Menschen unwiderruflich und freiwillig ihr Selbstbestimmungs- und Selbstverteidigungsrecht auf den Souverän übertragen, der sie im Gegenzug voreinander schützt. Rechtlich gesehen wird er zu Gunsten des kommenden Souveräns geschlossen. Weil der gar kein Vertragspartner ist, gibt der Vertrag also den ihn Schließenden ihm gegenüber weder ein Kündigungs- noch ein Widerstandsrecht.

Will man den Souverän stürzen, ist es immer Hochverrat. Stürzt man ihn dennoch und ersetzt ihn, so schließen die kommenden Untertanen einen neuen entsprechenden „Vertrag zu Gunsten Dritter“. Hobbes wird oft wegen seines Leviathan angeführt, jedoch wird seine Theorie als Rechtfertigung absolutistischer Herrschaft auch kritisiert.

Quelle Wikipedia hier.

Zum Titelbild des Leviathan (s.o.):

Zu sehen ist der Souverän, der über Land, Städte und deren Bewohner herrscht. Sein Körper besteht aus den Menschen, die in den Gesellschaftsvertrag eingewilligt haben. In seinen Händen hält er Schwert und Hirtenstab, die Zeichen für weltliche und geistliche Macht. Überschrieben ist die Abbildung durch ein Zitat aus dem Buch Hiob: „keine Macht auf Erden ist mit der seinen vergleichbar“.

Quelle Wikipedia hier.

Des weiteren sollte ich mich über Christoph Heinrich Amthor informieren, (frühe) Bach-Zeit; als sein bedeutendstes Werk gilt das Project der Oeconomic in Form einer Wissenschaft (1716). Zitat:

[Eine] der ersten systematischen Darstellungen der Ökonomie im Verhältnis zu den anderen Wissenschaften […]. Amthor kennt bereits den Begriff der Politischen Ökonomie, die er einerseits als die der Privathaushalte definiert, andererseits als die von Städten und Ländern, die durch Polizeiordnung in gutem Stand gehalten werden soll. Amthors positiver Arbeitsbegriff wird bereits in Paragraph Eins des Werkes deutlich: Alle Menschen sind zur Arbeit geboren.

Quelle Wikipedia hier.

ZITAT zur zweiten der obigen Abbildungen (betr.: „schändliche Faulheit“):

Bei allen Analogien in der vertikalen und horizontalen Bildgestaltung werden geradezu Antithesen zur Hobbes’schen Begriffsallegorie formuliert. So liegen zu Füßen der Ökonomie eben nicht verschiedene Praxisfiguren, die dann von einer personifizierten Staatstheorie überwölbt und dominiert würden. Es ist ganz und gar umgekehrt: Am Boden und gleichsam funktionslos geworden lagern vielmehr diverse Gestalten des Müßiggangs, die sich unschwer – wie die Bild-Inskriptionen und Amthors Kommentar dazu klarstellen – als Variationen untätigen Philosophierens und Spekulierens ausweisen: von „Divinus Plato“ und „Summus Aristoteles“ über „Philosophus Plagiosus“ (einer Höflingsfigur) bis zum mönchischen „Eremita“. Von oben herab und aus dem Mund der ökonomischen
Allegorie wird das Verdikt gefällt: „Odi ignarum vulgus“, „Ich verabscheue das unwissende Volk“. Platonische Ideen, aristotelische Wissenschaft, höfisches Nichtstun und klösterliche Kontemplation werden, wie es auch in Amthors Widmungstext heißt, nicht nur als Exempel „Schändliche[r] Faulheit“ mit einem „belieben zum Müßiggange“ disqualifiziert, in ihnen können zudem regelrechte Feinde der ökonomischen Wissenschaft ausgemacht werden. Für sie ist die Verfassung des neuen Erfahrungswissens „allzu unrein und gefährlich“. Dies ist ganz im Sinne der neuzeitlichen Verwendung des Ökonomiebegriffs und der damit verbundenen „practicalischen Philosophie“ gesprochen, die die Techniken und Künste, die
„bürgerlichen Tätigkeiten“ insgesamt aus dem Schlaf im „Herzen der Kontemplation“ befreien will.

Quelle Joseph Vogl: Der Souveränitätseffekt / Verlag diaphanes Berlin Zürich 2015 (Seite 12)

Mit diesem letzten Zitat bin ich beim eigentlichen Anlass meiner aktuellen bürgerlichen Arbeit (Lektüre) angelangt. bzw. deren privater und äußerer Begründung.

ZITAT (zum Trost bei Lese-Stockung):

Seinem [Vogls] aufklärerischen Ansatz zum Trotz ist „Der Souveränitätseffekt“ leider ein ausgesprochen umständliches Buch, eine Melange aus den sprachlichen Zumutungen von Finanzmarktterminologie und Geisteswissenschaft. Auf seitenlange Zitate aus Gerichtsurteilen folgen noch längere Nacherzählungen aus historischen Journalen, die den Eindruck machen, Joseph Vogl wolle seine Leser allzu bereitwillig an den Mühen seiner Recherche teilhaben lassen. Das ist bedauerlich, denn stark wird „Der Souveränitätseffekt“ immer dann, wenn sein Autor sich in aktuelle politische Kontroversen stürzt. Joseph Vogl schreibt dann zum Beispiel von einer Pervertierung des politischen Souveränitätsbegriffs: „Souverän ist, wer eigene Risiken in Gefahren für andere zu verwandeln mag.“

Quelle Der Spiegel, 10.03.2015, Kontrolle der Finanzmärkte: Wie Politik sich dem Kapital beugt. / Von Oskar Piegsa / Link s.o. unter „Begründung“. Weiteres hier.

Joseph Vogl zu den beiden Bildtafeln:

Man könnte also sagen, dass beide Bildtafeln zusammen – und emblematisch – eine Art Doppelporträt neuzeitlicher Macht vorführen, in dem der rechtlich-philosophischen Konzeption souveräner Gewalt die ökonomisch-praktische Dimension des Regierens gegenübertritt.

Damit beende ich die Phase meiner Selbstermutigung, erst in der historischen Anbindung fühle ich mich einigermaßen wohl (Shakespeare, Bach!) und schreite voran zur geduldigen Lektüre des Vogl-Buches. Aber es steht in den Sternen, ob ich eines Tages einen Erfolgsbericht anschließen kann. Immerhin war es ja nicht der erste Versuch. (Siehe hier.)

Empfehlung (1. Juni 2015)

Man könnte es sich mit dem sehr wichtigen Buch von Joseph Vogl einfacher machen (eine alte Methode, die ich schon des öfteren angewendet habe): in Form eines Schnelldurchgangs. Alle Kapitelanfänge der Reihe nach durchgehen, verweilen, wo es historische Augenblicke zu erfassen gilt, – aber: weitergehen, immer weiter. Für mich war es hochinteressant, bei Genua innezuhalten (hatte ich nicht gedacht, das moderne Finanzsystem sei in Siena oder Florenz entstanden!?), später: bei den Niederlanden, Amsterdam als Zentrum, dann England usw. Das ist alles Geschichte. Hintergrundwissen.

Aber dann ganz gründlich die letzten Kapitel: „Universeller Gläubiger“ und Souveränitätseffekt“. Das sind vielleicht 2 Din-A-4-Seiten. Wahrscheinlich haben Sie dort alles, wonach Sie suchten. Von nun an kann man an jeden Punkt rückwärts springen und ein paar Seiten lesen… Man weiß dann überall, worum es auch geht, auch schon in den „historischsten“ Details: TUA RES AGITUR. Es geht um jeden von uns!

Tastentiefe

Durch eine Bemerkung am Ende des Artikels „Geläufigkeit“ ausgelöst, kamen mir Zweifel, ob die Idee vom bloßen Anrühren des Druckpunktes der Tasten in dieser Etüde verallgemeinerbar ist oder ob man nicht vielmehr vor der Verallgemeinerung warnen soll. Ich erinnere mich an eine Schülerin, die sich weigerte, forte oder gar fortissimo zu spielen. Offenbar hielt sie dies für unmusikalisch. Künstler sind für manche Menschen zartfühlende Wesen, was sie ja in bestimmten Grenzen wirklich sind. Sie sind aber zugleich auch kraftvolle Zusammenfasser und zuweilen sogar lebensfrohe Berserker. Es ist interessant, was Heinrich Neuhaus über sogenannte „Drescher“ schreibt, zu denen offenbar in jüngeren Jahren auch Emil Gilels gehört hatte. (Zitat?)

Ich will nicht vollständig zitieren, was Ceslaw Marek in seinem Mammutwerk von der „Lehre des Klavierspiels“ über den Anschlag der Finger schreibt, so dass man auch hier nicht verallgemeinern kann. Er analysiert 3 Phasen der Anschlagsbewegung (1 Heben 2 Fallenlassen 3 Niederdruck), und zwar ausführlich innerhalb einer Fingerübung (!), – ich beschränke mich auf die 1. Phase:

Der übende Finger wird so rasch und so hoch, als es ihm ohne forcierte Anstrengung möglich ist, gehoben und eine Zeit lang in der von ihm erreichten Hubhöhe unbeweglich gehalten. Beides erfordert kontrollierte Aktivität seiner Muskeln. Die Hub- und Halteenergie darf dabei keine synergetische Mitwirkung der Armmuskulatur zu Hilfe nehmen und auch keine Mitbewegung, kein Zucken des Armes bewirken. (Seite 259)

Für die 2. Phase betont er, dass es sich um ein passives Fallenlassen des Fingers handle, sowie um einen geräuschlosen Niederdruck des Taste, nicht um einen Schlag. Auf der nächsten Seite erläutert er, warum der Finger überhaupt so hoch, als es ihm möglich sei, gehoben werden soll, wenn der ‚Anschlag‘ doch aus einer niedrigeren Hubhöhe erfolgen soll. „Für den ‚Niederdruck‘ der Taste würde doch diese Hubhöhe genügen, welche der niederzudrückenden Tastenhöhe entspricht. Der übende Finger dürfte in diesem Fall den Kontakt mit der Taste, d.h. die Berührung ihrer Oberfläche, überhaupt nicht aufgeben.“

Antwort:

Die letzte Folgerung ist insofern durchaus berechtigt, als sie für vollendet durchtrainierte, in ihrer Kraft, Beweglichkeit, Treffsicherheit und in dynamischer Anschlagsdifferenzierung die höchste Stufe der Virtuosität beherrschende und auf alle Ausdrucksnuancen präzis reagierende Pianistenhände – aber nur für solche – absolut zutreffend ist. Von solcher Vollendung sind aber nicht nur Klavierstudierende, sondern auch die meisten Klavierlehrer weit entfernt.  (Seite 260)

Das soll genügen. Und wenn ich mich selbst zu dieser Species der „Von der Vollendung weit Entfernten“ zähle, ändert das doch nichts an der Tatsache, dass mir beim Üben des Terzentrillers in Chopins Etüde die niedrigste Hubhöhe der Finger angemessen erscheint.

Als Nächstes hätte ich vielleicht den Einwand zu gewärtigen: Was nützt ein solcher Blog-Eintrag dem Normalverbraucher? Antwort: 1. schreibe ich vielleicht gar nicht für (kunstfremde) Normalverbraucher, oder nur für solche, die mindestens die gleichen Ansprüche an sich selbst stellen wie ich. 2. gelten solche Methoden cum grano salis für jede andere Übung, ob man nun ein Handwerk betreibt oder eine diffizilere Sportart. Wir arbeiten im Vertrauen auf unsere Physis und auf die Naturgesetze, die für alle gelten, – selbst für die, die mit dem Kopf gegen die Wand rennen und sich möglichst effektiv Schaden zufügen wollen.

Kurz und gut: Ich übe auch das bewährte Material von Stoyanov an der Grenze des Hörbaren ebenso wie im Fortissimo.

Quelle Czesław Marek: Lehre des Klavierspiels / Zweite, revidierte und erweiterte Auflage, Atlantis_Musikbuchverlag Zürich und Freiburg i. Br. 1977)

Das Beispiel aus dem hervorragenden Übungsheft von Andrey Stoyanov ist so verblichen, dass ich es mit Tusche nachziehen musste; entsprechend sieht es aus, erfüllt aber wohl seinen Zweck:

Stoyanow

Zum Beispiel Griechenland

Was tun?

Gesetzt den Fall, ich habe keine Ahnung vom Geld „im großen Sinne“ (was richtig ist), besitze aber das Buch „Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel und sage mir immer wieder, dass es nicht genügt es zu besitzen und immer mal durchzublättern, um dann immer wieder zu sagen, dass ich es wirklich einmal – wie Goethe sagt – (im geistigen Sinne: das Buch, nicht das Geld:) erwerben müsste, um es zu besitzen. Schluss damit! Ich darf nicht mich und die Leser mit guten Worten und Vorsätzen hinhalten. Gesetzt den Fall also, ich brauchte einen anderen aktuellen Weg, dieser „Wirklichkeit“, die ich täglich andeutungsweise in der Zeitung finde, näher zu kommen, – was soll ich tun?

Einen Sprung wagen in die spezielle und hochgefährliche Wirklichkeit, in der z.B. jemand sagt:

Ich habe eben drei Punkte genannt, diese drei Punkte stellen sich in dem Fall – wir retten Griechenland vor dem Staatsbankrott oder nicht – diametral anders da. Also, es ist a) unheimlich kontrovers, die Diskussion um Griechenland-Hilfe; zweitens: Überaus harte Bedingungen werden gestellt; und drittens: Es wird sich auf Regelwerke berufen, die zum Teil extra geschaffen worden sind, aber von denen man sagt, sie müssen strikt eingehalten werden. Was sagt das über das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus einerseits und über Machtverhältnisse andererseits?

Ja, wenn ein Gespräch so beginnt, und ein vertrauenswürdiger Fachmann angesprochen ist, interessiert mich alles, was da gesagt wird. Ein Glücksfall, ich kann es hören und sogar nachlesen!

Der fragende Redakteur heißt Hermann Theissen, er stellt die Frage für den Deutschlandfunk an Joseph Vogl, der an der Humboldt-Universität zu Berlin Literatur- und Kulturwissenschaft lehrt und Professor ist am Department of German der Princeton University. 2015 veröffentlichte er sein Buch „Der Souveränitätseffekt“. Im gleichen Verlag erschien 2010 der Essay „Das Gespenst des Kapitals“.

ZITAT

Das Drehbuch der Lehman-Pleite hätte auch aus der Feder Heinrich von Kleists stammen können. Und der Finanz-Crash 2008 war eine wahrhaft revolutionäre Situation: Joseph Vogl betrachtet die Weltwirtschaft von der Warte der Kulturwissenschaft. Im Gespräch mit dem DLF weist er Wege aus dem „Gefängnis der Märkte“

Hermann Theißen: Joseph Vogl, in Ihrem jüngsten Buch führen Sie wunderbar vor, wie man jene Tage im September 2008, als die Investmentbank Lehman Brothers pleite ging und die Weltwirtschaft aus den Fugen geriet, als Novelle Kleistschen Zuschnitts interpretieren kann. Was macht diese Ereignisse im September 2008 zum Stoff einer solchen Novelle?

Wo geht’s weiter? HIER.

http://www.deutschlandfunk.de/krise-des-kapitalismus-natuerlich-gibt-es-auswege-aus-dem.1184.de.html?dram:article_id=315395

ZITATE (Joseph Vogl)

Eine völlig andere Situation betrifft nun Griechenland, weil man es hier mit zwei völlig unterschiedlichen Konsortien oder Gruppen oder, wenn man so will, auch Vertretern von Bevölkerungen zu tun hat, nämlich auf der einen Seite ein interessiertes Finanzpublikum, die internationalen Finanzmärkte, deren Vertreter, deren Investoren und natürlich die Gläubigerinstitutionen, und auf der anderen Seite plötzlich so etwas wie Bevölkerungen, die sich in demokratischen Regierungen repräsentiert glauben. Und an dieser Stelle gab es tatsächlich, wenn man so will, einen elementaren politischen Konflikt, der auch, wie spätestens nach den letzten Wahlen in Griechenland, nun auch heftig ausgebrochen ist.

(…)

Ein schwedischer Ökonom, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr renommiert war, hat es einmal in einer fast zynischen Formulierung definiert und er sagte: Es geht eigentlich darum, die Finanzökonomie gegen die Tyrannei der zufälligen Mehrheit von Volksvertretungen zu schützen. Ich glaube, diese Überschrift steht über sehr vielen dieser Verhandlungen.

(…)

Ich denke, es entspricht exakt der marktkonformen Demokratie, dass eben gerade unter demokratischen Prinzipien, unter demokratischen Regierungsformen, das heißt also unter dem Vorzeichen dessen, was wir repräsentative Demokratie nennen, bestimmte Institutionen – und das betrifft eben insbesondere Institutionen der Finanz – aus diesen demokratischen Kontrollprozeduren ausgenommen werden.

(…)

Dass es für alle nicht reicht, ist die Definition des Kapitalismus. Der Kapitalismus oder die Kapitalwirtschaft im weitesten Sinne, dieses ökonomische System funktioniert unter der Bedingung, dass die Güter knapp sind. Das heißt also, dass das Brot, das ich nicht esse, jemand anderem trotzdem fehlt, nur unter dieser Bedingung lässt sich das System erhalten. Das heißt, es funktioniert unter der Bedingung, dass zwangsläufig nicht alle satt werden, satt werden dürfen, ansonsten würde das System kollabieren.