Zurück zum Neuen Jahr

EE 2018 – eine Methode der Erinnerung

Ich ziehe keine strenge Bilanz, das wäre weder für mich noch für andere interessant. Kein Vorsatz darf so streng sein, dass die Nichterfüllung einen demütigt und lähmt. Die ungefähre Linie genügt. Und der gewöhnliche Fleiß muss dazukommen, das geht nur, wenn man einen Überschuss spürt. Wenn man keine Last mit Krankheiten hat, die sich zum Beispiel als Barriere vor die Quelle aller Ideen wälzen könnte, kann man jederzeit mit Motivierung rechnen: einfach indem man die Dinge länger anschaut. Sie bieten von selbst Fragen an, Aufgaben! Eine Bach-Fuge zum Beispiel. Samt Praeludium natürlich. Die gewohnte Beethoven-Aufgabe habe ich irgendwie aus den Augen verloren, der letzte Anstoß kam hier. Das Problem war wohl, dass unser eigenes (mehrjähriges Adhoc-) Quartett nicht mehr tagen konnte. Zuletzt wohl hier. Am Klavier wird es sich neu entwickeln. Aber neuerdings kam der Reiz dazu, die letzten Brahms-Stücke op. 117 bis 119 noch einmal systematischer vorzunehmen. Ein Nonplusultra anderer Art, übrigens auch was die Differenzierung (Minimalisierung, Ökonomisierung der Mittel) im Alter angeht. Von mir aus gesehen war Brahms allerdings – den Jahren nach – nicht „alt“.

Bei Bachs Wohltemperierten Klavier Bd. II bin ich in der Mitte angelangt, Fis, dem Gefühl nach jedenfalls, die Rückwärtsabfolge begann ja bei H, nicht bei C, dort wird es enden und über einige Fugen laufen, die ich von den 80er oder 90er Jahren her in den Fingern habe. Philosophie – gut, da gab es andere, zusätzliche Wege (Jaspers). Heute nur eine Stunde mit Bach, G-dur BWV 884 liegt hinter mir, die formale Analyse ist leicht gelöst, interessant bleibt die Frage, wie die leichtfüßige Fuge sich zur frühen Version, der Fughette (BWV 902,2) verhält. Ein Vergleich der beiden Praeludien liegt weniger auf der Hand, da die Substanz des einen nicht aus der anderen abgeleitet ist.

Der Übergang von Seite 1 auf Seite 2 ist in der folgenden Kopie der Fughetta BWV 902 durch einen Pfeil gekennzeichnet.

Wo bleibt die musikalische Basis?

Mehr Bildung durch Ausbildung

Das wäre meine Formel, wenn ich gefragt würde. Eine Lehrformel, aber auch eine Leerformel. Denn sobald es in die Details gehen soll, beginnt die Diskussion. Und zwar auf der untersten Stufe: Die Musik kommt doch von selber. Mein Kind ist so musikalisch! Mag sein, – und wenn es sich fürs Fliegen interessiert, kaufen Sie ihm einen Segelflugschein, und los gehts… Viel Spaß dort oben!

Spaß beiseite. Jeder ahnungsvolle Laie müsste doch darauf kommen, vom Lernen zu sprechen, von einer Ausbildung, von einem komplizierten Prozess des Hineinwachsens und dergleichen. Und von der Methode. Es geht um Theorie und Praxis, auch in der Musik, – vielleicht hätte ich nie von einer Zeitschrift dieses Titels gehört und würde sie nicht bei der AWO (Arbeiterwohlfahrt) suchen. Daher auf diesem Wege. Dank des anregenden Interviews, das jemanden zum Reden brachte, der nun wirklich sein ganzes Leben der Musik widmete und nicht nur davon, sondern (frei nach Eisler) auch von vielen anderen Dingen was versteht.

Freiheit, Gleichheit, musische Bildung
Der versierte Musikkenner Berthold Seliger erklärt im TUP-Interview unter
anderem die Bedeutung von ernster Musik für die innere Freiheit des
Menschen und warum es ein massives Umdenken in der Bildungsarbeit
geben muss, damit Kinder und Jugendliche eine wirkliche musische
Bildung erfahren und nicht nur mit Blick auf wirtschaftliche Effizienz und
Nutzen für den Arbeitsmarkt ausgebildet werden.

Weiter HIER

Weitere Informationen dort als PDF oder auch anschließend an dieser Stelle direkt. Das Interview mit Berthold Seliger erscheint in Heft 4-2018 der TUP Anfang Dezember 2018.

PDF HIER

ZITAT Berthold Seliger:

Wenn Helene Fischer an einem Samstagabend eine große Dreistundenshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat, dann finde ich das okay, das gehört ja auch, ob man das will oder nicht, zur kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft. Aber dann sollte am nächsten Samstag eine tolle Hip-Hop-Show gezeigt werden, am Samstag darauf eine tolle Klassiksendung mit einer wirklichen Bandbreite von verschiedensten Musikstilen, dann eine Rockshow und eine mit Weltmusik. Nur dann bildet sich eine kulturelle Vielfalt ab und kann auch hergestellt werden. Letztlich können die Leute dann ja immer noch sagen: Helene Fischer war mir aber am liebsten. Aber es wird andere geben, die sagen: Den Beethoven, den Mahler, den Bartok, den Henze oder die afrikanische Band da – das fand ich aber auch klasse!
Aber das ist ein weiter Weg. Da darf man sich keine Illusionen machen.

Unkorrektes Nachwort

Aus frischem Erleben muss ich etwas hinzufügen: Heute Nacht habe ich Helene Fischer im Fernsehen gehört und gesehen, ca. eine halbe Stunde, als Pflichtübung, aber was soll ich bloß sagen, wie soll ich Fairness zeigen? Ich kann es nur als eine Helene-Fischer-Parodie wahrnehmen. „O Tannenbaum“ zum Beispiel, da fehlen einem die Worte, soviel Gefühl am falschen Platz. Es kommt wie aus der Spraydose. Loriot sagte: „Früher war mehr Lametta!“ Auch das war Parodie. Nie war mehr Lametta als heute! Vielleicht nicht am Baum, aber in der Weihnachtsbäckerei, ach, und die lieben Kleinen auf der Bühnentreppe, das entzückende Mienenspiel, wer will sie schelten? Allerdings ist zu bedenken: schon der lange Abend vorher war erfüllt vom falschen Glanz André Rieus, „der Klassiker zum Klingen bringt“. Helene Fischer und Gäste „präsentieren Weihnachtsklassiker“. Wer hält das aus? Ich vermute, in der Fernsehstatistik läuft der ganze Abend unter Klassik, das wird ein guter Schnitt, zumal „schließlich noch einmal der tiefere Sinn des Festes spürbar“ wird. Wer will denn sowas kaputtmachen? Natürlich hat Aufklärung auch immer etwas Arrogantes, und zur Bildung gehört zuerst das Taktgefühl. Keinem lieben Menschen, der Helene Fischer wirklich verehrt, könnte ich ein böses Wort sagen. Und auch nicht den Besuch der H-moll-Messe empfehlen. Die Rede ist also von einem Projekt der Zukunft. Geschmacksbildung. Einerseits ein elitäres Wort, andererseits von bleibendem Wert.

Das Musterbeispiel eines festlichen Samstagabendprogramms:

H.F. ist übrigens ein recht deutsches Phänomen, das in der Perspektive von außen eher befremdlich oder auch leicht komisch wirkt, – wenn es nur nicht um so viel Geld ginge. Hier geht es zu einem amüsanten Artikel in „The Guardian“ 22 Nov 2018. Titel:

Ein wildes Wunderwerk in G-moll

Form-Erfassung mit dem bloßen Ohr

Ich brauche den Kontrast und habe die November-Abende mit BWV 884 und 885 verbracht, G in Dur und Moll, einem Dioskuren-Doppel-Paar sondergleichen, das erste mehr für die flinken Finger, das andere für die dunkle Seite der Phantasie. Soll ich sagen: prometheisch, frei nach Goethe?

Nein, für mich ist diese Fuge das ausgeflippt böse Gegenstück zu dem leichtfüßig geschäftigen Chor „Lasset uns ihn nicht zerteilen“ aus der Johannes-Passion. Der Text dafür, den ich nicht singen möchte, würde beginnen mit „Halt – die Schnauze!“, aber das sollte hier nicht einmal geschrieben stehen! Vielleicht lieber: „Bedecke deinen Himmel Zeus!“ – was aber nun überhaupt nicht im Sinne Bachs wäre. Denn wie könnte eine Schimpf-Kanonade zu diesen herrlichen Stampfausbrüchen und derart ekstatischen Terz-Parallelen führen wie in den Durchführungen III und IV?! Die leicht verrückte Begeisterung stellt sich auch nicht unbedingt bei Glenn Gould ein, – aber man kann sich ohne Mühe selbst hineinsteigern. (Sagen wir: ab 1:30!)

Durchführung I : ab Anfang //  II : ab 0:45 // III : ab 1:13 // IV : ab 1:35 Ende : 2:22 /// Auch beim Blick auf die mitlaufende Zeit ist das Thema jeweils bei Durchführungsbeginn nicht leicht zu erfassen, da der Kontrapunkt sich durch Prägnanz (und durch G.G.s Spiel) stark in den Vordergrund drängt.

Oder wählen Sie das Abspielen im externen Fenster, damit Sie die Noten mitlesen können hier. Dabei ist zu beachten, dass ich auf den ersten beiden Seiten auch das Ende der Durchführungen rot gekennzeichnet habe. Danach folgt – vor Beginn der nächsten – ein kurzes Zwischenspiel.

Übrigens finde ich die Interpretation gehetzt und gehämmert, aber immer noch besser als nett gesäuselt oder gar feinsinnig vorgetragen. Die Form-Abschnitte werden nicht hervorgehoben, und – wie erwähnt – nicht einmal die Themeneinsätze.

Meine Studien-Partitur stammt aus Ungarn Editio Musica Budapest, die roten Einzeichnungen zur Form entsprechen dem Buch von Ludwig Czaczkes: Analyse des Wohltemperierten Klaviers / Form und Aufbau der Fuge bei Bach Band II / Österreichischer Bundesverlag Wien 1982.

Römische Zahlen bezeichnen die Durchführungen (I-IV), Themeneinsätze werden durch Bezeichnung der Stimmlage hervorgehoben (Sopran, Alt, Tenor, Bass), der Buchstabe ü davor bedeutet „überzähliger“ Einsatz.

Durchführung I : ab Anfang T, S, B + überzähliger T-Einsatz 0:32 bis 0:39 / Zwischenspiel

Durchführg. II : ab 0:45 A, S, B / Zwischenspiel ab 1:05

Durchf. III : ab 1:13 A+T in Terzen, S+A in Sexten var. / Zw.spiel ab 1:29

Durchf. IV : ab 1:35 T+B in Terzen, S+T in Dezimen var./ überz. B ab 2:10 bis 2:18 / 2:22

Der Hinweis „var.“ soll andeuten, dass eins der beiden gekoppelten Themenzitate abweichend (variiert) endet. Der Ehrgeiz geht aber nicht in die Richtung, dass man jede Kleinigkeit bewusst erkennt, jeden Kontrapunkt wahrnimmt. Eine saubere Analyse wäre was ganz anderes. Einfach ein paar Orientierungspunkte. Je mehr ich reinschreibe, desto weniger weiß ich. Übrigens gibt es da ja auch fälschlich sogenannte „Scheineinsätze“, z.B. in Takt 67, wenn der eigentliche Themenbeginn erst in Takt 69 erfolgt. Der Spaß liegt aber nicht im Täuschungsmanöver, sondern im Überquellen des Thematischen, in der Vorankündigung. So, wie auch in den Takten, die auf das ebenfalls abgewandelte Themenzitat der Durchführung IV (nach Takt 63) reagieren, indem die absteigenden Sechzehntel und das ganze „Terzenwesen“ überhandnehmen, um in der Zwischenkadenz zu kulminieren. All das gehört zu den Steigerungsmitteln dieser Durchführung wie auch die dramatische Unterbrechung und die wuchtige Kadenzierung, bevor der letzte, „überzählige“ Bass-Einsatz (T.79) kommt, der sich wiederum auch nicht ohne weiteres als Themenbeginn zu erkennen gibt: in all dem ist nichts Schulmäßiges, kein Abarbeiten eines Formschemas. Es kann nicht darum gehen, eine Fuge als Fuge zu hören. Deren Technik kann man gern analysieren, aber vor allem handelt es sich um ein Drama mit sehr heftigem Narrativ.

Man sieht auch in der Zusammenfassung zweier Stimmen in Terzparallelen, dass die Vierstimmigkeit der Fuge nicht unbedingt dahin führt, dass an Höhepunkten mit vier verschiedenen Zungen eine gewaltige Vielfalt simuliert wird, im Gegenteil: sie wird auffälliger kanalisiert und in Blöcken gegeneinandergesetzt, daher der Eindruck des Überfließens.

Ernst Kurth hat dies am Ende seines großen Werkes über den linearen Kontrapunkt (siehe hier) eindrucksvoll hervorgekehrt:

 Die Technik eines steten Überfließens!

(Fortsetzung folgt)

I Loves You Porgy

Magie der Musik?

Wenn jemand eine (aus meiner Sicht) musikästhetische Bemerkung macht, wer auch immer bei welcher Gelegenheit auch immer, muss ich der Sache nachgehen. Unabhängig von meiner spontanen Einschätzung ihres Wertes. man könnte es mein Hobby nennen, es ist aber eine Art Zwang. Ganz besonders, wenn die Musik eine besondere Emotion ausgelöst hat (haben soll). Diesmal z.B. bei einer weltbekannten Sängerin, die mir zeitlebens unbekannt geblieben ist, obwohl sie schon 1987 – 14-jährig – einen Sommerhit gelandet hat: Vanessa Paradis in der britischen Musiksendung „The Roxy“. Ich weiß das durch das Interview im ZEIT-Magazin (Autor: Christoph Dallach) 29. November 2018 No.49. ZITAT aus dem letzten Abschnitt Seite 54:

Auf Ihren früheren Tourneen haben Sie „Joe le taxi“ immer wieder in sehr verschiedenen Versionen aufgeführt. Haben Sie das Gefühl, mit dem Song erwachsen geworden zu sein?

Joe le taxi ist für mich nicht irgendein Song, er ist das Symbol meiner ganzen Karriere. Ich hatte über die Jahrzehnte hinweg immer eine ganz besondere Freude daran, Joe le taxi bei jedem einzelnen Konzert aufzuführen. [Text hier] [Folgendes Video im externen Fenster hier]

Warum?

Weil dieses Lied eben so unfassbar wichtig für mich ist. Es steht für eine prägende Zeit in meinem Leben und für eine Geschichte, die mittlerweile 31 Jahre andauert. Sie sitzen mir auch nur deswegen gegenüber, weil es diesen Song gibt. Er hat den Kontakt zwischen mir und meinem Publikum hergestellt. Ohne dieses Lied wüsste die Öffentlichkeit überhaupt nicht, wer ich bin. Und ich weiß, dass es auch vielen Menschen da draußen etwas bedeutet. Es gibt diese Lieder, die für wichtige Momente in der Biografie eines Menschen stehen. Oft stellt sich diese Bedeutung erst viel später ein. Songs erinnern an besondere Menschen, an eine besondere Reise oder ein besonderes Ereignis. Das ist doch die Magie von Musik: Sie kriecht in das Leben von Menschen hinein. Mich bewegt Musik immer wieder sehr.

Welche Musik rührt Sie zu Tränen?

Sehr, sehr viele Songs von Sade. Die packen mich immer wieder.

Und der eine große Song, der Sie immer wieder elektrisiert?

Der ist von Nina Simone. Wenn sie I Loves You Porgy singt, ist es um mich geschehen. Da heule ich immer.

Kommentare unter dem Video beachten! Wikipedia über das Lied hier. Das Video im externen Fenster hier.

Quelle des wiedergegebenen Textausschnittes: „Mein Leben ist nicht hart, glauben Sie mir“ Popstar mit 14, die erste Hauptrolle in einem Kinofilm mit 16, turbulente Beziehungen mit Lenny Krawitz und Johnny Depp: Ein Gespräch mit Vanessa Paradis über die Songs ihres Lebens und ihren Fehlstart als Kinderstar / Von Christoph Dallach. ZEIT-Magazin 29. November 2018 No.49. ZITAT aus dem letzten Teil Seite 54.

Ein geheimnisvoller Weg nach innen?

Warum ich Novalis nicht zitieren mag

Es klingt ja einfach viel zu schön, um wahr zu sein. Früher hätte ich es mir gewiss notiert. Habe es sogar getan (synchron zur Yoga-Lektüre). Lesen Sie nur im Wikipedia-Artikel Blüthenstaub nach, was es damit auf sich hat. Und auch heute – sagen wir: ich stehe auf dem Bahnsteig, Gleis 1, und warte auf den Zug in Richtung Köln – denke ich gern über Innen und Außen nach, eigentlich bilden die Augen die plausible Grenze, gewissermaßen ein von innen gefühlter Wasserspiegel …, ich schweife ab und versuche, das Märchen von dem kleinen und großen Klaus zu memorieren, es führt zu nichts. (Außer zu Andersen.) Und es geht mir nicht anders, wenn ich zur Vergewisserung eigenhändig niedergeschriebene Artikel wie „Außenwelt und Innenwelt“ oder den über Beethoven und Kant in Erinnerung rufe. Im heutigen Artikel beziehe ich mich auf eine einzige Vorlage, die ich immer rekapitulieren kann, sobald ich bemerke, dass ich in ein zu einfaches Denken verfalle. Verstehe ich etwa allzu mühelos den folgenden Satz?

Was ich äußerlich und innerlich wahrnehme, alles gehört gleicherweise zur Welt des Gegenständlichen, auch die Denkvorgänge, sofern sie psychologisch beobachtbare Erscheinungen mit sich bringen.

Natürlich nicht, jeder könnte widersprechen und sich klug vorkommen, intuitiv und selbstgewiss, seiner selbst gewiss. Aber nur die Gewissheit, dass dieser Satz nicht ohne viele andere Sätze gilt, hindert mich an jeder Reaktion außer der einen: weiterzulesen und weiterzuschreiben. Und schon der nächste Abschnitt (von den vorhergehenden zu schweigen) rechtfertigt mein Zögern und lässt mich innerlich jubilieren: Ja, genau das hatte ich erhofft. (JR)

Es wäre falsch, das Dasein vollständig aufgeteilt zu sehen in die äußeren Dinge und in die innere (psychische) Subjektivität. Das ist richtig für alles, was ich beobachte, aber nicht für das, was Ursprung dieser Beobachtung ist, nicht für das „ich denke“ des Bewußtseins überhaupt, dieses alles übergreifenden, dem sowohl das Äußere wie das Innere Gegenstand wird, ohne selbst Gegenstand zu werden. Es ist als von uns gedacht ein konstruierter Punkt, der der Beobachtung sich schlechthin entzieht, aber im Selbstbewußtsein gewiß ist.

Man versteht es, – aber nicht ohne Zeit aufzuwenden. Seien Sie nicht zu schnell. Könnten Sie es mit eigenen Worten wiederholen? Die Stelle nach dem „Bewußtsein“, dem alles übergreifenden… Auch der Autor sagt es noch einmal und zwar ausführlicher.

In ihm als dem einen, allen gemeinsamen „ich denke“ entspringt das Bewußtsein des Allgemeingültigen, das ich im Urteil erfasse …

Kein kritisches Urteil, sondern einfach ein Satz, gesprochen oder geschrieben.

In ihm als dem einen, allen gemeinsamen „ich denke“ entspringt das Bewußtsein des Allgemeingültigen, das ich im Urteil erfasse, während die beobachtete Subjektivität in ihrer Besonderheit die Verfälschungen jenes Allgemeinen, bloße Meinungen bringt, in denen doch immer noch als Form ein Allgemeines die Struktur des Verkehrten gibt. Das Bewußtsein überhaupt zeigt uns, worin wir alle als denkende Wesen übereinstimmen.

Es wird deutlich schwieriger, ich muss es mehrfach lesen, bei jedem Satzteil innehaltend. Und weiter:

Das Bewußtsein überhaupt zeigt uns, worin wir alle als denkende Wesen übereinstimmen. Während in jeder Besonderheit der Subjektivität etwas Inkommunikables [also etwas nicht Kommunizierbares] bleibt, verstehen wir uns in dem Allgemeinen des Bewußtseins überhaupt, Identisches meinend, selber miteinander und mit uns selbst identisch. Es wäre falsch, mich selbst zu identifizieren mit dem, als was ich für psychologische Beobachtung durch mich oder andere zur Erscheinung komme. Ich bin darüber hinaus dieses „ich denke“ überhaupt, aus dem alle Helligkeit kommt, und dies in seinem Wesen so Geheimnisvolle.

A propos Helligkeit: Wie sagte doch Novalis? Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei, und der Schattenkörper hinweggerückt ist.

Vergessen wir Novalis! Es klingt zu schön um wahr zu sein. Der vorher zitierte Autor hat ein Einsehen mit uns, er sagt es nicht so verlockend, er sagt, was er meint, einfach noch einmal mit anderen Worten:

Noch einmal: ich weiß im Vollzug des Wissens durch Selbstbewußtsein noch nicht von mir als einem besonderen Gegenstand. Im gegenständlichen Wissen von mir habe ich mein Dasein in psychologischer Betrachtung zu einem Objekt gemacht. Ich überschreite diese Objektivierung und kehre zurück zum vollziehenden Wissen in meinem Selbstbewußtsein, das, je eigentlicher das Denken ist, desto entschiedener psychologischer Betrachtung sich entzieht. Indem ich denke, weiß ich, daß ich bin; zwar nur dies, daß ich bin, weder wie ich mir in der Fülle des Mir-Gegebenseins als dieses psychologische Individuum erscheine, noch was ich an mir selbst zugrundeliegend bin.

Dieses Bewußtsein des Seins in dem „ich denke“ ist ungemein merkwürdig. Das Bewußtsein meines empirischen Daseins in der Zeit ist ausdrücklich zu unterscheiden von dem Bewußtsein meines zeitlosen „ich denke“. Beide „sind“, aber auf radikal verschiedene Weise:

Ich unterbreche: … meines empirischen Daseins? Hier am Schreibtisch oder dort im Bahnhof am Gleis 1, ja? Ich dachte, schon dort wäre mein Bewusstsein relativ zeitlos. Abgesehen vom Blick auf die Uhr. Nicht witzig werden! Zurück! Noch einmal lesen! Das Wort „Fülle“ hatte mir schon gar zu theologisch geklungen.

Beide „sind“, aber auf radikal verschiedene Weise:

„Ich bin mir meines Daseins in der Zeit durch innere Erfahrung bewußt, und dieses ist einerlei mit dem empirischen Bewußtsein meines Daseins.“ [Auf dem Bahnsteig…] Hier bin ich mir „ebenso sicher bewußt, daß es Dinge außer mir gebe, als ich mir bewußt bin, daß ich selbst in der Zeit bestimmt existiere“.

Dagegen ist das intellektuelle Bewußtsein meines Daseins in der Vorstellung „ich bin“, welche als „ich denke“ alle meine Urteile begleitet, etwas, das sowohl der äußeren wie der inneren Anschauung vorangeht. Es wird selber nicht Gegenstand etwa einer „intellektuellen Anschauung“, sondern bleibt in bloßer Selbstgewißheit, weil ohne zeitlich anschauliches Dasein nicht faßlich, auch zeitlos. Alle innere Anschauung ist (wie alle äußere Anschauung) an die Zeitbedingung gebunden. Gäbe es intellektuelle Anschauung, so müßte sie das Zeitlose im „ich denke, ich bin“ erfassen. Das ist nicht möglich.

Wenn es uns ein Trost sein kann: auch der Autor weiß, dass er uns etwas zumutet. An anderer Stelle äußert er sich spürbar empathisch, was mich beruhigt; auch mein Ärger, wenn ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht, ist normal. Nur eins kommt nicht in Frage: dass ich aufgebe und den ganzen Text für weltfremden Unsinn oder gar Schikane halte. Er sagt (S.397f): Wer aber verstehen will, muß Geduld haben. er muß dasselbe in anderer Gestalt, bei Wiederholung, wiedererkennen. Irgendwann, plötzlich geht ihm ein Licht auf. Es handelt sich nicht um einen mathematischeen Gedanken, der mit komplizierten Operationen erzwungen werden kann, sondern es handelt sich um eine mit dem Denken selber zu vollziehende geistige Umwendung. Es handelt sich nicht darum,etwas als Gegenstand zu begreifen, sondern im Gegensätzlichen etwas Ungegenständliches zu vollziehen. Wohl ist dazu das Lernen einer philosophischen Sorache und das Begreifen partikularer Klarheiten notwendig. Aber diese haben nur Sinn, wenn eines Tages ein Ruck erfolgt: der Ruck einer Einsicht, die nicht mystisch, nicht moralisch, nicht von Offenbarungscharakter ist, aber im vernünftigen Denken das Denken selber transzendiert.

Und nun kommt der letzte Absatz, der eine Variante dessen ist, was wir oben gehört haben. Nebenbei erfahren wir, mit wessen Denken wir uns hier aufs neue vertraut machen, der Name Kant wird genannt. Und alles, was hier geschrieben war, rekurriert auf einen seiner berühmtesten Sätze. (Siehe auch hier.)

Wohl ist mit dem „ich denke“ das Bewußtsein des eigenen Daseins (Existenz) verknüpft. Alles, was für uns ist, wird durch die Verknüpfung mit dieser Existenz selber gegenwärtig und damit selbst Existenz. Daher sagt Kant, wenn er vom gestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir spricht: „Ich verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz.“ Aber diese Verknüpfung mit meiner Existenz als denkendem Subjekt besagt nichts über mein individuelles Subjakt. Die Selbstgewißheit des Daseins im „ich denke“ erlaubt keine gültige Aussage über dieses Ich als Substanz, daher auch nicht über seine Unsterblichkeit, nicht über seine Einheit und Einzigkeit. Sie ist lediglich der Seinspunkt des „ich denke“.

Andererseits hat dieses „ich denke“ die allumfassendste Bedeutung. Was als Sein sich zeigt und mitteilbar wird, muß im „Bewußtsein überhaupt“ erscheinen. Ich erfasse die Grundmöglichkeiten des gültig wißbaren Seins, wie es für mich zugänglich wird, indem ich die Momente des Bewußtseins überhaupt erhelle.

Quelle Karl Jaspers: Drei Gründer des Philosophierens PLATO AUGUSTIN KANT piper paperback R.Piper & Co. Verlag, München 1957. / Zitate ab Seite 215.

[JR 6.XII.61] Die Unterstreichungen von damals besagen, dass ich im KANT (wieder einmal) stecken geblieben bin; 1964 ebenso in den „Prolegomena“, die einen Neuansatz bedeuten sollten. Usw. usw., von allem bleibt etwas hängen, sage ich mir. Damals hätte ich vom Schluss her, den Ermutigungen des Autors folgend, die wichtigsten Seiten immer wieder neubeginnen müssen, statt zu bedauern, dass ich ohne ein endgültiges Verstehen die Lektüre aufgeben müsse. Dies ist der neueste Neubeginn, der möglich wurde, nachdem ich letztens in Stuttgart volles Vertrauen zu Jaspers und seiner Methode des Denkens entwickelt habe. Nun könnte endlich Kant selbst folgen.

Wie damals, vor 15 Jahren, der Neubeginn in der Bretagne, mit dem Büchlein von Volker Gerhardt, das ich reaktivieren könnte. Und am Ende – Kant im Original – warum eigentlich nicht?!

…den Begriff des Lebens, um den der Vernunft verständlich zu machen.

Nachhilfe zur Selbsthilfe

Ich versuche das, was mich bei Jaspers beeindruckt hat (siehe oben), bei Gerhardt wiederzufinden, dessen Büchlein ich damals recht gründlich durchgearbeitet habe (jetzt schien mir alles vergessen). Hier die entsprechenden Seiten 170 bis 172 oben (nach Klick leicht lesbar):

  

Noch ein Nachwort als neues Vorwort

Bevor ich diesen Artikel von vorn beginne, wäre ein hier bereits vorausgesetztes Thema aufzugreifen, wo immer es sich bietet: die „Subjekt-Objekt-Spaltung“. Wenn man es – im „natürlichen Denken“ verharrend – ignoriert, kommt man philosophisch nie auf einen grünen Zweig.

Für Kant zeigte sich hier ein außerordentliches Rätsel: die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, dieses Rätsel, über das wir alle hinwegleben und über das Jahrtausende hinweggelebt haben. Das Ding, das ich erkenne, bin nicht ich; was ist es denn? Ich bin nicht, ohne Gegenstände vor mir zu haben, ohne Sinnlichkeit des Gegebenen; was bin ich denn ohne sie? Es gibt für mich keinen dritten Standpunkt außerhalb, von dem ich Subjekt und Objekt des Denkens vergleichen könnte. Ich vergleiche immer nur Objekte und zum Objekt gemachte Subjektivität. (Jaspers S.195f)

All diese Fragen und Antworten ließ Kant zurück, indem er nach dem Subjekt-Objekt-Verhältnis selber fragte. Die Voraussetzung des bisherigen [„natürlichen“] Denkens, das feste, bestehende, unüberschreitbare Verhältnis von Subjekt und Objekt, das als solches nicht zum Gegenstand der Frage, weil als solches gar nicht bewußt geworden war, machte Kant sich zur Frage. Das Subjekt-Objekt-Verhältnis ist nicht das absolute, allem vorhergehende Sein, nicht das Erste, sondern ein Zweites. Damit öffnete er einen Raum, den zu betreten in unabsehbare Möglichkeiten führt.Kant war sich wohl sogleich bewußt, daß er etwas schlechthin Neues tat. [Kant:] „Ich bemerkte, daß mir noch Wesentliches mangele (nämlich in der Dissertation), welches in der Tat der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis der Metaphysik“ ist. (Jaspers S.197)

Und im Kleingedruckten auf Seite 198 kommt er unverzüglich zu der [aus meiner Sicht nun einfach „falschen“ ] Beantwortung der Frage nach Subjekt und Objekt durch die Mystiker; am Ende wird speziell Indien genannt, das mir dank der Attraktion seiner Musik soviel zu schaffen gemacht hat. Die Mystiker überschritten das Problem der Subjekt-Objekt-Spaltung dadurch, dass sie es – wie sie meinten – hinter sich (unter sich) ließen.

Ihre Sprache ist voll von tiefsinnigen Wendungen über das, was weder Subjekt noch Objekt, sondern über beide hinaus ist. Aber diese Erfahrungen waren nur möglich durch Veränderungen des Bewußtseinszustandes dorthin, wo Ich und Gegenstand zugleich verschwinden. Darüber zu denken, bedeutete, von jener mystischen unio her auf sie hin zu denken.

Daß das Dasein im Subjekt-Objekt-Verhältnis nicht absolut, sondern ein Zweites ist, lehrte Plotin: Das Eine ist ungeteilt eines, mehr als Denken, über das Denken hinaus. Das Zweite ist das intelligible übersinnliche Reich des Denkens in der Spaltung von Denken und Gedachtem und des Gedachten unter sich. Aber das ist bei Plotin nur Konstruktion des Übersinnlichen. Die Lösung des Problems ist für ihn die Ekstase. Auch in Indien ist das Rätsel bedacht, aber nur im Transzendieren der Meditation zu anderen Bewußtseinszuständen gelöst.

Ganz anders Kant. Er blieb in unserem natürlichen Bewußtseinszustand der Subjekt-Objekt-Spaltung. Indem er in dieser Verfassung über sie hinausdenken wollte, um sie zu begreifen, mußte er mit jedem Satz, wie wir sehen werden, in eine anscheinend, aber nicht wirklich unüberwindbare Schwierigkeit geraten. er mußte, selbst in der Subjekt-Objekt-Spaltung stehend, gegenständlich reden von dem, was Bedingung des Gegenständlichen überhaupt ist. (Jaspers S.198, Hervorhebung von mir.)

Nach vorn, bitte!

Ernst Kurth und die Fuge

Zur Wertschätzung

Der Wikipedia-Artikel ( hier) über diesen einst vielgenannten Musikwissenschaftler ist – verglichen mit anderen Größen der Musikwissenschaft – eher dürftig. Das MGG- Lexikon hätte seit 2003 einiges mehr an Stoff hergegeben. ZITAT:

Noch ehe Kurths Publikationen wegen seiner jüdischen Abstammung aus den deutschen Bibliotheken entfernt wurden, zog er sich gegen Ende der 1920er Jahre aus der öffentlichen Diskussion zurück und konzentrierte sich ausschließlich auf seine Lehrtätigkeit an der Universität [Bern] und im Bereich der Erwachsenenbildung.

 MGG (neu) 2003 (Luitgard Schader!)

Persönliche Vermutung: es hat auch mit der Einschätzung der Gestaltpsychologie nach dem Kriege zu tun, die von neueren Entwicklungen beiseitegedrängt oder überholt wurde. Zu berücksichtigen aber auch die Selbst-Disqualifizierung der Leipziger Schule in Gestalt des Psychologen Friedrich Sander. Mein Exemplar des Buches „Grundlagen des linearen Kontrapunktes“ stammt aus dem Jahr 1956 (5. unveränderte Auflage, erworben 20.Juli 1969). Darin Vorwort der dritten Auflage („Richtigstellung einiger Mißverständnisse“). ZITAT:

Daß sich in die große Beachtung, welche diesem Buche beschieden war, auch mancherlei Feindseligkeiten mischten, war schon bei der ungewohnten Auffassungsweise des Stoffes und vollends bei der gründlichen Abkehr von den hergebrachten Unterrichtsmethoden nicht weiter verwunderlich. (…)

Das meiste liegt wohl schon an schlagwortartiger Entstellung der Überschrift vom „linearen Kontrapunkt“. Das Wort wurde skrupellos zur Deckung einer harmoniefreien, in neuen Klangbereichen experimentierenden Zusammenflickens von Tonlinien mißbraucht und auf alle möglichen Versuche eines „absoluten“ oder rücksichtslosen, d.h. um alle Zusammenhänge unbekümmerten Kontrapunkts angewandt. Dieser Irrtum – sofern es nichts Schlimmeres ist – kann hier kurz abgetan werden. Von den Verfechtern der Atonalität scheint er ausgegangen zu sein; nun kamen einige Konservative und übernahmen allen Ernstes aus entgegengesetzter Tendenz diese Auffassung; mir flogen verschiedene Stimmen zu, die schlichtweg alles atonale Getöne als den „linearen Kontrapunkt“ erklären.

Die historische Ausgabe von 1917 und 1922 (ohne das zitierte Vorwort) ist vollständig im Internet-Archive zu finden: hier.

Ich zitiere einige Seiten (aus meinem leichter lesbaren Exemplar), und zwar genau die, die mich veranlassen, das Buch als Ganzes aufs neue vorzunehmen. (Denn ich gebe zu, dass das erste Viertel des 532-seitigen Bandes uns einige Geduld abverlangen, vor allem, wenn man so schnell wie möglich zur Nutzanwendung auf Bachs Solissimo-Werke kommen will). Wozu natürlich ein tieferes Verständnis der FUGE gehört (ab Seite 207).

                           

(Fortsetzung folgt)

Die große Erzählung

Was heute zählt

Habe ich nicht kürzlich vom aktuellen Narrativ erzählen wollen? (Siehe hier.) Vorsichtshalber hatte ich da hinzugefügt „nur für mich“, weil ich schon ahnte, dass von anderen anderes darunter verstanden wird. Das bestätigt sich in der aktuellen Ausgabe der ZEIT (22. November), die der Musik erfreulich viel Raum gibt (hatte ich mich nicht erst kürzlich beklagt? Siehe hier.) Auch dies „nur für mich“, ich fürchte, die Subjektivierung ist meine Marotte.

 DIE ZEIT 22.11.2018 Seite 46

Oder: der im ZEIT-Artikel erwähnte Film in ganzer Länge (10:12 HIER).

Levits Narrativ wirkt bescheiden im Vergleich zu dem Spektakel, das die Deutsche Grammophon mit Daniil Trifonow aufbietet. Trifonow, Jahrhunderttalent und Senkrechtstarter, wagte sich lange nicht an die Werke Rachmaninows, aus Angst, nicht reif genug dafür zu sein. Daraus baut das Label nun ein Musikmärchen, das man kitschig finden kann, in jedem Fall hat das Marketing eine ähnlich Virtuosität und Vehemenz, wie Trifonow sie am Flügel beweist.

So liest es sich in der ZEIT, ich bin anderer Meinung. Ich kann auch nicht glauben, dass Trifonow glaubt, dass man für Rachmaninows Musik besonders reif sein muss. Technisch gewiss. Aber zumindest zum Hören genügt doch die „Reife“ eines gefühlsseligen Studenten. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ein angehender Soziologe traktierte uns damals bei jedem Treffen mit Horowitz-Aufnahmen, kannte jeden Takt und konnte bei bestimmten Stellen sogar echt brillantes Klavierspiel mit hochgereckten Armen in die Luft zeichnen. Ich hielt dagegen mit Svjatoslav Richters Einspielung des Klavierkonzerts Nr. 2, das ich in bester Absicht sogar einer Freundin schenkte, um sie vom „Blockflötengeschmack“ zu lösen. Eigentlich eine Frechheit. Aber wenn ich mich nicht irre, bot das LP-Cover schon damals eine Mondnacht in Farbe als visuelles Narrativ .

Mit filmgerechten Narrativen hat Igor Levits Angebot (abgesehen vom CD-Titel „Life“) zum Glück nichts zu tun, sein intelligentes Programm spricht für sich. Andererseits, so der Rezensent:

Es ist ein andächtiges, stilles, dunkel gefärbtes Programm, in sich gekehrt statt vorwärtsdrängend, ohne rechte Höhepunkte – und das aus einem bestürzenden Grund: Levit hat es zusammengestellt nach dem plötzlichen Tod seines besten Freundes und will jetzt das Leben feiern. Ein trotziges Album mit großer Kraft, aber eines, das den Lebensmut noch nicht vollends zurückerobert hat. Wenn man dann erfährt, dass Levit die Werke in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin auf einem neuen Steinway eingespielt hat, tut einem das doch ein wenig leid. Weil es dem Programm viel mehr genutzt als geschadet hätte, mit einem Instrument konfrontiert zu sein, das selbst auch schon etwas mehr vom Leben gesehen hat.

Ach Gott, Maria, Jesu Christ! Wenn das kein Narrativum ist!!!

Ein Blick und einige Klicks führen tiefer in Igor Levits Programm, hier etwa, und fort von den journalistischen Einstiegen, die das mutmaßliche Seelenleben der Künstler flüssig in Erzählung verwandeln. Noch flüssiger im Fall der Pianistin, die für alles selber sorgt: Booklet, Cover, Werkzusammenstellung. Ihr Narrativ ist sie selbst. Das Foto zwar kann kein Selfie sein, alles andere schon, siehe hier. O-Ton Sophie Pacini in der ZEIT:

Ich hatte eine genaue Vorstellung von dem, was ich will, und ich konnte gut argumentieren. Gerade als junger Mensch hat man oft das Image, man sei noch auf der Suche und sozusagen formbares Material. Es sind jetzt 20 Jahre, die ich Klavier spiele, das heißt, ich beschäftige mich seit 15 Jahren damit, mit meinem Instrument etwas auszudrücken. Ich weiß ganz genau, wie ich wirken will. (…)

Ich bin Perfektionistin. Ich will die Musik zu 99 Prozent durchdringen. Ich beiße mich hinein in die Werke und zerlege sie, analysiere sie, bis ich das Gefühl habe, sie haben sich ganz in mir verteilt. Sie sind mit mir eins geworden. (…)

Ich habe jahrelang Cello gespielt, ein Instrument, bei dem man den Ton mit dem Finger [?] auf der Saite formt. Dieser Ton geht in dich über, du schwingst als Ganzes. Mit der richtigen Bogentechnik kann man Farben erzeugen und Spannungsbögen, die am Klavier extrem schwer nachzuzeichnen sind. Sitze ich am Klavier, stelle ich mir immer vor, ich spanne, was ich spiele, auf einen sehr langen Bogenstrich.

Quelle DIE ZEIT 20. November 2018 „Ich weiß ganz genau, wie ich wirken will“ Die 26-jährige Pianistin Sophie Pacini stürmte mit ihrer fünften CD „In Between“ die Charts. Ein Gespräch über die Zwickmühle des Erfolgs, das Problem Mendelssohn – und die Hammerköpfe des Klaviers. (Interview: Hannah Schmidt).

Motivsammler erinnern sich an die CD „Water“ von Helene Grimaud (siehe im Blog hier oder auch auf Youtube hier). Ich weiß gar nicht, ob sich das Booklet der CD „In Between“ mit dem Bade-Foto des Covers näher befasst. Meine Assoziation wäre Ophelia, – sicher nicht im Sinne der Pianistin, der ich ein langes Leben wünsche. Möglicherweise liefert aber das andere „Narramotiv“ der Eheleute bzw. Geschwister Schumann/Mendelssohn Stoff genug; es ist allerdings in der Literatur bereits hundertfach abgearbeitet. Das neue Problem Mendelssohn, das hier behauptet wird (und sich angeblich nur mit Hilfe der Schwester Fanny hat lösen lassen), habe ich beim besten Willen nicht verstanden.

Solche personenbezogenen CD-Besprechungen sind für mich eigentlich ohne Reiz, vor allem ohne Kauf-Anreiz. Zumal ein Booklet, das keine nennenswerten Informationen zu den Werken verspricht, sondern nur vage Einschätzungen durch die Interpreten, mir nicht begehrenswert erscheint.

Korrektur: Was ich mir besorgen werde, ist die Doppel-CD mit Igor Levit.

Gestern starb Imrat Khan

Unvergesslich sein Surbahar-Spiel

Die LP wurde 1975 veröffentlicht, die wunderbare Ton-Aufnahme (Ulrich Kraus) stammte aus der Münchner Musikhochschule, das Foto (Harro Wolter) aus dem Zedernsaal des Fugger-Schlosses in Kirchheim (bei Mindelheim). Der Kontakt zu Harmonia Mundi – auch zum WDR – wurde von Peter Michael Hamel vermittelt. Viele Konzerte in Deutschland, auch mit seinen Söhnen, folgten, das letzte für den WDR im Jahre 2004 in der Kölner Philharmonie. Ihm verdanke ich, dass ich lebenslang immer wieder zur indischen Musik zurückkehre. (Siehe zuletzt hier betr. „Vatapi Ganapatim“).

Wikipedia Artikel HIER Website HIER  Live auf Youtube mit Surbahar HIER

Andere Bilder der Erinnerung

(alle 1974 ©Harro Wolter, Hamburg; wiedergegeben mit freundlicher Erlaubnis):

 

Fotos: ©Harro Wolter

Unser letztes gemeinsames Konzert 30 Jahre später

NACHTRAG 1. Dezember 2018

Und heute erst entdecke ich im täglichen Angebot auf Youtube das Foto, das oben zu der Serie von Harro Wolter gehört, und zwar genau das, was sich auch auf der Vorderseite der Schallplatte von Harmonia Mundi befindet. Genau mit dem Titel im Raga Hamsdhvani, den ich oben im LP-Text näher beschrieben habe, „Vatapi ganapatim“. Seit damals kenne ich jeden Ton darin und auch jedes Wort, das Imrat Khan ab 2:57 zu seinem Münchner Publikum spricht. Und ich bin darüber heute so glücklich wie damals er, dass diese wunderschöne Aufnahme öffentlich zugänglich ist. (Über die rechtliche Frage zu schweigen…). Die Angabe „Surbahar Solo“ ist natürlich falsch, der Meister spielt hier Sitar. Auf dem Foto jedoch und nur im ersten (!) Teil des Konzertes (im „Alap“ des Ragas Yaman) Surbahar.

Nachtrag 4. Dezember 2018 (Wie der alte WDR in ihm fortlebt)

Wie man die Aufnahmen findet: HIER bzw. HIER. (Dank an Daniel Fuchs!)

Per Dante in die Hölle

Mein Beitrag zum Feiertag

 Volkskunst Villanders/Südtirol Fotos: JR, ein armer Sünder

Zum Mitlesen: HIER

ALTERNATIV mit Roberto Benigni (Dante-Text „Godi, Fiorenza“ ab 4:57) :

Aus meiner Dante-Sammlung:

Quelle: DANTE ALIGHIERI Die Göttliche Komödie übertragen von Wilhelm G. Hertz / Fischer Bücherei Der 100. Band Frankfurt/M Hamburg 1955 (Mein Einstieg: Juli 1956)

Quelle: Dante Alighieri La Commedia Die Göttliche Komödie I – Inferno Italienisch/Deutsch In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler / Philipp Reclam jun. Stuttgart 2011 ISBN 978-3-15-010750-8

Quelle: DANTE COMMEDIA IN DEUTSCHER PROSA VON KURT FLASCH / S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 2011 ISBN 978-3-10-015339-5

Über DANTE-Übersetzungen (incl. Hertz) ZEIT online hier. (1965!)