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Die Situation der Klassik im Entertainment

Inas Nacht

Wenn ich bedenke, dass die Bach-Sonaten und -Partiten mit Leonidas Kavakos (wie so vieles anderes) bei Sony Entertainment herausgekommen sind, überlege ich, womit die „große Klassik“ eine solche Rubrizierung verdient hat. Ich weiß: Hofmusik, Tanzboden und was man da alles beschwören kann. Geschenkt.

Ich habe etwas übertrieben: das Label heißt Sony Classical, immerhin, und ist nur unter dem großen Dach von Sony Music Entertainment im weiten Sinne beheimatet, wie das Leben insgesamt ja nichts anderes ist als Unterhaltung, sagen wir,  im allerweitesten Sinne.

Wenn ich mich nun selbst selbst tief in der Nacht entertaine und das Fernsehen eingeschaltet habe, lande ich nicht ungern bei Inas Nacht und bin bereit, sowohl Ina Müller als auch Peter Heinrich Brix zur Kultur zu zählen, hoch oder tief, ich weiß es nicht. Speziell musikalisch sind sie durchaus, und besonders der Gast ist dazu noch für diese Sendung ein Idealfall an Witz und Verschmitztheit. Ich lache mindestens ebensoviel wie der mitwirkende Shantychor, der die entsprechenden Gags mit der Unisono-Strophe „What shall we do“ bedenkt, die wie der Tusch in der Büttenrede fungiert. Dankbar für diese Lach-Anlässe notiere ich quasi als Volkes Stimme, was die beiden Protagonisten einander und mir über Klassik mitteilen.

Inas Nacht mit Peter Heinrich Brix und Anja Kohl NDR 19.02.22, 00:30 Uhr, HIER ab 15:09

Müller: Lieber zum Heavy Metal oder zum Open-Air-Festival gehen?

Brix: Da geh ich mal zum Heavy Metal. Weil, ich muss zugeben, die Hochkultur ist für mich auch in weiten Teilen … nicht erschlossen. (Lachen im Hintergrund) Bildungsmangel! (Nee nee!) Aber manch einer, der (Händeklatschbewegung) da sitzt (klatscht + vielsagendes Lächeln).

Müller: … das ist einfach nicht Bildungsmangel, sondern es ist, finde ich, einfach Geschmacksache. Ich saß neulich in einem Liederzyklus-Abend und dachte, ich glaube der Liederzyklus wird mich nicht schaffen! (Lachen) also – das ist dann die Elbphilharmonie, die kennt man dann irgendwann und steht da einer mit dem Flügel und singt Musik, die du nicht kennst … Frühlingszyklen, ich weiß nicht was, alles hört sich „geht-so“ an, und es dauert zwei Stunden…

Jaja, ich sach ja,

… das kannst du heute nicht mehr machen!

Ja, aber es gibt auch Leute, die das — die damit durchaus was anfangen können, die da mehr drüber wissen, die das noch erreicht, wie soll ich das erzählen, äh, ich glaub, dass — du hast keinen Zugang!

Kuckst du dir denn mal so ne Mozart-Oper an (er hebt das frischgefüllte  Bierglas) in der Hamburger —

Nee! (beide prosten sich zu)

Lachen, Einwurf Shantychor „What shall we do with the drunken sailor“, bis etwa 16:32

Was mag es gewesen sein, was Ina Müller in die Elbphilharmonie getrieben hat? Vielleicht die Veranstaltung zum Internationalen Welt-Mädchen-Tag hier ? Oder gab es „Die schöne Müllerin“? Da könnte sie geschmackvollerweise eine Karte geschenkt bekommen haben.

Bei der Imagination der Szene in der Elbphilharmonie jedenfalls, ob großer oder kleiner Saal oder irgendwo noch viel kleiner, fiel mir ein Satz aus Thomas Manns Novelle „Tristan“ ein. Da wird in einer Gesellschaft Musik am Klavier dargeboten, Nocturnes von Chopin, es ist die klassische Salon-Situation, und dann endlich: Tristan, vermutlich Vorspiel und Liebestod.

Unterdessen hatte bei Rätin Spatz die Langeweile jenen Grad erreicht, wo sie des Menschen Antlitz entstellt, ihm die Augen aus dem Kopfe treibt und ihm einen leichenhaften und furchteinflößenden Ausdruck verleiht. Außerdem wirkte diese Art von Musik auf ihre Magennerven, sie versetzte diesen dyspeptischen Organismus in Angstzustände und machte, daß die Rätin einen Krampfanfall befürchtete.

Nein, der Liebestod erfolgt erst viel viel später, Hörnerklang, offenbar der ganze zweite Akt bis zu Brangänes Habet-Acht-Gesang. Ach Ina, wer das kennte! Es ist Geschmackssache, aber wer will schon so lange bei der Rätin Spatz sitzen…

Es hilft nichts, ich muss mehr von der Geschichte preisgeben, die ich mir damals, am 22. November 1963 für die Ewigkeit vorgemerkt habe, wohl auf einer Bahnreise, denn ich habe, vielleicht für den Fall, dass ich den voluminösen Band irgendwo liegen lasse, vorn die vollständige (studentische) Heimadresse eingetragen: 5 Köln-Niehl / Feldgärtenstrt. 154 bei Heinen.

Quelle Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 1963

Wo bleibt die musikalische Basis?

Mehr Bildung durch Ausbildung

Das wäre meine Formel, wenn ich gefragt würde. Eine Lehrformel, aber auch eine Leerformel. Denn sobald es in die Details gehen soll, beginnt die Diskussion. Und zwar auf der untersten Stufe: Die Musik kommt doch von selber. Mein Kind ist so musikalisch! Mag sein, – und wenn es sich fürs Fliegen interessiert, kaufen Sie ihm einen Segelflugschein, und los gehts… Viel Spaß dort oben!

Spaß beiseite. Jeder ahnungsvolle Laie müsste doch darauf kommen, vom Lernen zu sprechen, von einer Ausbildung, von einem komplizierten Prozess des Hineinwachsens und dergleichen. Und von der Methode. Es geht um Theorie und Praxis, auch in der Musik, – vielleicht hätte ich nie von einer Zeitschrift dieses Titels gehört und würde sie nicht bei der AWO (Arbeiterwohlfahrt) suchen. Daher auf diesem Wege. Dank des anregenden Interviews, das jemanden zum Reden brachte, der nun wirklich sein ganzes Leben der Musik widmete und nicht nur davon, sondern (frei nach Eisler) auch von vielen anderen Dingen was versteht.

Freiheit, Gleichheit, musische Bildung
Der versierte Musikkenner Berthold Seliger erklärt im TUP-Interview unter
anderem die Bedeutung von ernster Musik für die innere Freiheit des
Menschen und warum es ein massives Umdenken in der Bildungsarbeit
geben muss, damit Kinder und Jugendliche eine wirkliche musische
Bildung erfahren und nicht nur mit Blick auf wirtschaftliche Effizienz und
Nutzen für den Arbeitsmarkt ausgebildet werden.

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Weitere Informationen dort als PDF oder auch anschließend an dieser Stelle direkt. Das Interview mit Berthold Seliger erscheint in Heft 4-2018 der TUP Anfang Dezember 2018.

PDF HIER

ZITAT Berthold Seliger:

Wenn Helene Fischer an einem Samstagabend eine große Dreistundenshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat, dann finde ich das okay, das gehört ja auch, ob man das will oder nicht, zur kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft. Aber dann sollte am nächsten Samstag eine tolle Hip-Hop-Show gezeigt werden, am Samstag darauf eine tolle Klassiksendung mit einer wirklichen Bandbreite von verschiedensten Musikstilen, dann eine Rockshow und eine mit Weltmusik. Nur dann bildet sich eine kulturelle Vielfalt ab und kann auch hergestellt werden. Letztlich können die Leute dann ja immer noch sagen: Helene Fischer war mir aber am liebsten. Aber es wird andere geben, die sagen: Den Beethoven, den Mahler, den Bartok, den Henze oder die afrikanische Band da – das fand ich aber auch klasse!
Aber das ist ein weiter Weg. Da darf man sich keine Illusionen machen.

Unkorrektes Nachwort

Aus frischem Erleben muss ich etwas hinzufügen: Heute Nacht habe ich Helene Fischer im Fernsehen gehört und gesehen, ca. eine halbe Stunde, als Pflichtübung, aber was soll ich bloß sagen, wie soll ich Fairness zeigen? Ich kann es nur als eine Helene-Fischer-Parodie wahrnehmen. „O Tannenbaum“ zum Beispiel, da fehlen einem die Worte, soviel Gefühl am falschen Platz. Es kommt wie aus der Spraydose. Loriot sagte: „Früher war mehr Lametta!“ Auch das war Parodie. Nie war mehr Lametta als heute! Vielleicht nicht am Baum, aber in der Weihnachtsbäckerei, ach, und die lieben Kleinen auf der Bühnentreppe, das entzückende Mienenspiel, wer will sie schelten? Allerdings ist zu bedenken: schon der lange Abend vorher war erfüllt vom falschen Glanz André Rieus, „der Klassiker zum Klingen bringt“. Helene Fischer und Gäste „präsentieren Weihnachtsklassiker“. Wer hält das aus? Ich vermute, in der Fernsehstatistik läuft der ganze Abend unter Klassik, das wird ein guter Schnitt, zumal „schließlich noch einmal der tiefere Sinn des Festes spürbar“ wird. Wer will denn sowas kaputtmachen? Natürlich hat Aufklärung auch immer etwas Arrogantes, und zur Bildung gehört zuerst das Taktgefühl. Keinem lieben Menschen, der Helene Fischer wirklich verehrt, könnte ich ein böses Wort sagen. Und auch nicht den Besuch der H-moll-Messe empfehlen. Die Rede ist also von einem Projekt der Zukunft. Geschmacksbildung. Einerseits ein elitäres Wort, andererseits von bleibendem Wert.

Das Musterbeispiel eines festlichen Samstagabendprogramms:

H.F. ist übrigens ein recht deutsches Phänomen, das in der Perspektive von außen eher befremdlich oder auch leicht komisch wirkt, – wenn es nur nicht um so viel Geld ginge. Hier geht es zu einem amüsanten Artikel in „The Guardian“ 22 Nov 2018. Titel: