Signum – einzigartig

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Programmhefttext von Verena Großkreutz. Die schöne Kurz-Charakteristik des Schubertwerkes D 703 aus der Feder derselben Autorin sei hier noch zitiert:

(…) Schuberts einzeln gebliebener Quartettsatz c-Moll beginnt ausgesprochen rau. Geisterhaftes, kaltes, wildes Moll-Tremolo und auffahrende Gesten stehen auf der einen Seite, auf der anderen ein verträumtes, sehnendes Lied in Dur. Beide artikulieren sich nicht als festumrissene Themen, sondern eher als Klanggestalten, die zunächst relativ unvermittelt miteinander konfrontiert werden – ein interessantes Experiment mit der Sonatenform. Erst in der Durchführung durchdringen sich beide gegenseitig, mit dem Ergebnis, dass ihre Reihenfolge in der Reprise vertauscht wird. Weshalb der Satz mit dem wüsten Tremolo-Gedanken schließt.

Dies war das Quartett in der früheren Besetzung (über den Wechsel 2016 hier).

Das zu erwartende Programm hatte ursprünglich etwas (bzw. grundlegend) anders ausgesehen, mit dem großen G-dur-Quartett von Schubert im zweiten Teil, und genau dies war ausschlaggebend für mich, als mir mein Freund von heute auf morgen ermöglichte, das Konzert an seiner Stelle wahrzunehmen. Als zweites kam der Punkt Janáček, – dessen Quartett „Kreutzersonate“ ich auswendig zu kennen glaubte, seit der ersten LP mit dem Smetana-Quartett, dann mit dem Kreuzberger Quartett (in dem ein ehemaliger Solinger Spielfreund als Cellist mitwirkte), schließlich die Nonplusultra-Aufnahme mit dem Belcea-Quartett. Außerdem hatte ich in den 90er Jahren mit der Substanz dieses Streichquartetts viel Zeit verbracht, als ich den Booklettext für das Abeggtrio schrieb, das eine rekonstruierte Klaviertrio-Fassung des Werkes eingespielt hatte. Ach, und das Bonbon des Tolstoi-Walzers. Kurz: nachdem ich telefonisch erfuhr, dass es nicht möglich war, eine zweite Karte für das unter Corona-Bedingungen veränderte Konzert hinzuzukaufen (meine Frau hat im selben Semester wie York Höller Musik studiert, als ich sie 1964 kennenlernte), wollte ich den ganzen Plan fallen lassen. Die nagende Aussicht auf Janáček war letztlich ausschlaggebend, um 18 Uhr doch ins Auto zu steigen und allein nach Köln zu fahren. Zusätzliche Motive: der Quartettsatz in c-moll von Schubert, dem ich seit der Gymnasialzeit (im Laienquartett 1957) immer wieder begegnet bin, und Schulhoff ist immer interessant – und die Schubert-Lieder… der Streichquartettklang überhaupt … und und und …

Übrigens: die Realität von Kammermusik im Konzertsaal ist eine völlig andere Sache als in einer youtube-Aufnahme, die einer letzten Probe gleicht (s.u.). Der ferne Klang – real – aber völlig anders fern als auf dem nahen PC-Bildschirm, kaum zu beschreiben, wie man da in einem coronabedingt weit auseinandergezogenen Publikum sitzt, das sich mucksmäuschenstill verhält, – was für eine beklommene Intimität da zwischen Saal und Bühne entsteht, in der fahlen rosa-beigen Beleuchtung. Ein seltsamer, fast magischer Zauber. (Das vielfach bemühte Wort „magisch“ beruht meist auf Sprachnot; bitte: an dieser Stelle nicht.)

Tatsächlich glaubte ich, das Janáček-Quartett noch nie im Leben so gehört zu haben, das wilde Mosaik der Motive so disparat in den Raum gesplittet und doch so eng aneinander gekettet wahrzunehmen, eine hinreißende Polyphonie, so bohrend repetitiv sie sich auch gibt. Es ist eine Kombination der verschiedenen Ebenen, wie man sie von keinem andern Komponisten jener Zeit kennt. Adorno bezeichnete seine Kunst mit großem Respekt als exterritorial, und sie ist uns heute so nahe gerückt wie wenig anderes. Und dies gerade in einer solchen, wahrhaft kongenialen Interpretation, bei der mir auch die einzelnen Instrumente – ähnlich wie die Menschen im Publikum – weiter als sonst voneinander entfernt schienen, was den gelegentlichen Zusammenprall der Klänge um so kompakter wirken ließ.

Es waren diese Tugenden, die auch das neue Werk von York Höller zu so hervorragender Wirkung brachten. Es ist im Programmheft sehr treffend charakterisiert, frappierend, wie die Beethoven-Zitate, auch das schiere Dreiklangsthema der Zweiten, auftauchten und verschwanden, ohne den geistreichen, funkelnden Zusammenhang zu stören. Ich kenne kein einziges anderes Werk dieses Komponisten, würde mir jetzt aber für jedes andere Gelegenheit und Zeit nehmen. Aber schauen Sie hier, – ich glaube, ich schaffe das nicht mehr. Mehr zum Signum-Quartett HIER.

Bewegend, wie dieses kaum 200köpfige, im weiten Rund verteilte Publikum begeisterten Applaus spendete, buchstäblich nicht enden wollend, als das Quartett zuletzt noch einmal auf die Bühne zurückkam und die erhaltenen Blumen auf den Boden legte: jeder wusste, warum, und der Primgeiger Florian Donderer blieb vorne stehen, sichtlich gerührt, um seinen Dank auszusprechen: dass sie heute zum ersten Mal wieder nach drei Monaten ein Konzert geben dürfen, unter veränderten Umständen, so dass das große Werk, das ursprünglich am Ende des Programms stehen sollte, Schuberts letztes gewaltiges Streichquartett in G-dur, nicht in die vorgeschriebene Zeit von anderthalb Stunden passte. So hatten sie den Musikablauf grundlegend umgestaltet. Natürlich sei klar, dass sie die Wochen und Monate eisern geübt haben, ohne zu wissen, was folgen wird. Und viel nachgedacht, auch gezweifelt haben an der Rolle, die ihnen künftig noch offensteht. Dass sie rausmüssen, Musik ist alles, was sie haben und dazu gehören Menschen, die es miterleben wollen. Ich bin nicht sicher, ob ich alles akustisch korrekt verstanden habe, aber er schloss etwa folgendermaßen:

„…vielleicht ist auch die Musik, die wir machen und die Konzerte, die wir spielen, sehr in eine Routine eingebettet. Natürlich versuchen wir immer Besonderes herauszufiltern, aber dadurch, dass es nun ein so sonderbares und besonderes Konzert wurde, hat es mir, nein, ich glaube: uns allen besonders viel bedeutet. Und weil Sie so viel geklatscht haben, und weil Sie dies alles so durchhalten, – ich weiß, in welcher künstlichen Situation Sie hier sitzen und es so annehmen wie es ist -, deshalb spielen wir nach dem C-moll-Satz in diesem wunderschönen Raum, der – dieser Zugabe angemessen – so groß und schön klingt, ein letztes Schubert-Lied: „Du bist die Ruh“.

Und so geschah es. Dieses Streichquartett versteht es wirklich, und gewiss  in jedem Saal, ein Schubertlied, ohne jeden Espressivo-Druck, auf unvorstellbar eindringliche Art zu singen. So dass es keines Textes mehr bedarf.

Du bist die Ruh,
Der Friede mild,
Die Sehnsucht du,
Und was sie stillt.

Ich weihe dir
Voll Lust und Schmerz
Zur Wohnung hier
Mein Aug' und Herz.

Kehr' ein bei mir,
Und schließe du
Still hinter dir
Die Pforten zu.

Treib andern Schmerz
Aus dieser Brust.
Voll sey dies Herz
Von deiner Lust.

Dies Augenzelt
Von deinem Glanz
Allein erhellt,
O füll' es ganz.

Dank an den Kammermusik-Freund Hanns-Heinz für Überlassung der Abonnementskarte!!!

Ein Denkmal auch dem Singdrosselherrn, der mich von der Gartenseite her bei geöffnetem Fenster während der Schreibarbeit begleitet; hier sein Stellvertreter:

Fragen über Fragen

Die wichtigste: Warum singen wir?

Fangen wir doch ganz von vorn an, wenn wir Fragen haben. Bei den alten Griechen? Nein, oder vielmehr: Ja. Wo denn sonst? In der Schule! Wie bitte? Du hattest gar kein entsprechendes Fach? Schau mal ins Internet, Schulfach Philosophie. Was steht am Ende des Griechenkapitels? 2 Erkundige dich im Internet, wie Sokrates gestorben ist. Ansonsten Fragen über Fragen. Es ist nie zu spät. (Quelle: hier.)

The central idea of this book is very simple yet very complex at the
same time. The author suggests that human singing had a tremendously
important role in our evolutionary past. It was singing that provided
our ancestors with defence against predators, provided our ancestors
with food, gave rise to human intelligence, morality, religion, formed
the human body and facial morphology, gave birth to human arts and
the mystery of artistic transformation.

We will also discuss some very important questions connected to
our brain activities associated with singing or listening to music:
• Why does singing activate such deep structures in our brains,
structures that are connected to the critical factors of our physical
survival?
• Why is listening to rhythmic music one of the best known ways to
induce hypnoses and trance in humans?
• How can a person with brain damage, who does not remember
anything from his past, still remember musical compositions he
learned decades ago?
• How can a person with a horrible head injury, who can not even
clearly pronounce his own name, sing well and clearly pronounce
all the words of a song?
• Why do people whistle when they are afraid?
• Why do people hum when they feel good?
We will also discuss some questions that are barely, if at all, connected
to human singing:
• Why do birds stop singing when they sit on the ground?
• Why is it safer to sing if you live in trees or in the water?
• Why do soldiers in Iraq listen to loud rock music before going on
combat missions?
• Why do some humans like having a radio or TV on when they are
not paying attention to it?
• Why do some people like talking to themselves?
And finally, the reader will also find in this book, plenty of questions
that might seem totally unrelated to the topic of singing:
• Why do humans have long hair on their head?
• Why do humans have long legs?
• Why do humans have eyebrows?
• Why do humans walk on two legs?
• Why do humans sweat and smell?
• Why did human ancestors practice cannibalism?
• Why are the evolutionary histories of humans and lions so close
to each other?
• Why do humans stutter and have dyslexia?
• Why are there more stutterers among Africans than among American
Indians?
• Why are there no professional speech pathologists in China?
• What was the evolutionary function of human clothes?
• Why do humans like decorating their bodies and faces?
• Why do male lions have manes?
• Why does the peacock has such an amazingly beautiful tail?
• Why are humans the only species who can ask questions?
• How can someone be intelligent enough to answer complex questions,
and still be unable to ask questions?
• Why did Jacqueline Kennedy not remember climbing out of the
moving car following the fatal shooting of President J.F. Kennedy?
• Why did Sigmund Freud not like listening to music?
• Why are masks so universally popular in human cultures?
• Why do some humans have two identities?
• What is the evolutionary function of our unconscious mind?

Questions, questions, questions. Hundreds of questions.

Zusatzfrage: Woher könnten alle diese Fragen stammen? Wo kann ich sie gefunden haben? In einem Buch (gewiss, siehe oben: „central idea of this book“) oder im Internet?

(Mir genügt es für heute, sie gestellt bzw. weitergeleitet zu haben.)

Sinnenleben oder: Die Entdeckung des Spiegels

Wie wieder eins zum andern kam: das Buch, das Bild, der Film, die Musik, der Belting …

Aber wieso auch die Musik?

Noch einmal: die Musik? Wir werden es sehen und hören (Video extern hier) :

Und die Entdeckung des Spiegels? Siehe im folgenden Film ab 38:12 oder ab 47:05 „… durch Beobachtungen mit einer Spiegellinse … wie sollte das ohne optische Hilfsmittel gehen?“

Alhasen im Film schon ab 43:01: „im Bereich der Optik beschäftigte sich Jan van Eyck wissenschaftlich und technisch mit den Theorien Al-Hasins und allgemein mit den arabischen Lehren der Optik, die im 11. Jahrhundert in Kairo entstanden waren; im 15. Jahrhundert waren diese Texte vermutlich schon so weit verbreitet, dass Jan van Eyck sie kannte. Zugang zu ihnen hatte er möglicherweise in seiner Heimat Flandern oder auch auf seinen Reisen nach England, Portugal und Spanien erhalten.“ Das folgende Bild stammt aus dem Buch von Hans Belting:

 Wer ist Alhazen? Siehe Wikipedia HIER

DER FILM

Der Genter Altar

Dokumentation Frankreich / Belgien 2019 | arteMEDIATHEK

Nach achtjähriger Restaurierung hat die „Anbetung des Lammes“, ein Meisterwerk der Malereigeschichte, seinen ursprünglichen Glanz wiedergewonnen. Das 1432 eingeweihte Monumentalgemälde der Gebrüder Hubert und Jan van Eyck fesselt den Betrachter bis heute durch seinen erschütternden Realismus. Mit einer spektakulären Inszenierung, ergänzt durch Beiträge renommierter Kunsthistoriker und angesehener Maler wie David Hockney, deckt der Film die Hintergründe dieses revolutionären Werkes auf, das den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit markiert.

 Abrufbar Hier

Versuche folgendes zu verstehen:

ZITAT Coccia

Ein Bild kann seine Ausmaße vergrößern oder verkleinern, es wird sie aber niemals in Einzelteile aufteilen, zerteilen, scheiden lassen. Das Sinnliche ist das Unteilbare, ein Intensivum, das sich rein akzidentell an die Extension koppelt. Eben darum, weil die Bilder die Fähigkeit besitzen, sich nicht nach dem Modus der Extension niederzulassen, sind sie überall: in der Luft, auf dem Wasser, auf Glas, auf Holz. Sie leben an der Oberfläche der Körper, ohne sich mit ihnen zu vermischen. Eine Melodie verharrt in der Luft, deckt sich in gewisser Hinsicht mit einer ihrer Eigenschaften, mit einer ihrer Vibrationen, aber darauf reduzieren lässt sie sich nicht. Die Existenz des Sinnlichen wird nicht durch das Vermögen einer spezifischen Materie determiniert, sondern durch das Vermögen der Form, außerhalb ihres natürlichen Habitats existieren zu können.

Diese Eigentümlichkeit verleiht dem Bild-sein einen weiteren paradoxen Wesenszug: Auch wenn ein Bild ut in puncto in seinem Substrat verharrt (also auf nichtextensive Weise), das heißt im Spiegel existiert, als würde es nur einen einzigen Punkt darin einnehmen, behält es die Form oder Erscheinung der Ausmaße eines natürlichen Körpers bei. Es ist weder lang noch breit noch tief, aber es behält die Erscheinung dieser Ausmaße bei, es ist deren ratio cognoscendi  oder Erkenntnisgrund. Auch deswegen kann ein Spiegel die Gestalt von Dingen in sich fassen, die viel größer sind als er selbst.

Das Leben der Spiegelbilder, argumentieren schließlich die Scholastiker, determiniert eine vollkommen substanzlose Existenzform: Der Spiegel, der Bilder aufnimmt, verändert weder seine Identität noch seine Natur noch seine Substanz. Er verwandelt sich nicht. Das Sein des Spiegels bleibt unveränderlich, stabil, identisch. Die im Spiegel reflektierte Form hingegen ist immer noch etwas. Aber welchen Seinsmodus hat sie? (…)

Quelle Emanuele Coccia: Sinnenleben Eine Philosophie Edition Akzente Hanser München 2020 (Seite 36f)  ISBN 978-3-446-26572-1

Zum Spiegel-Motiv siehe auch hier !

16 Minuten Weg zwischen den Generationen

Coccia, Plessner, Gehlen, Adorno

Es war die aufgeschriebene Vision eines alten Mannes, die mich am vergangenen Donnerstag stark berührt hat, heute die eines jungen Mannes, dessen munteres Daherreden auf youtube genau meine Themen betraf. Zum Beispiel die Linie zwischen Außen und Innen, die mich schon oft beschäftigt hat.

Zwischen David Johann Lensing (*1989) und Edgar Reitz (*1932)

Private Höhle und öffentlicher Raum

 Direkt vom Papier ins Medium:

 Quelle: DIE ZEIT

DIE ZEIT 4. Juni 2020 No.24 Seite 50 Warum wir das Kino brauchen / Die Coronakrise zeigt, dass das Kino als Ort der Zuflucht und des Rückzuges umso wichtiger wird. Aber dafür muss es sich verwandeln. Von Edgar Reitz.

Das Innen und das Außen  13:13 / Anthropologie der Sinne

 Zum Nachlesen HIER

(Fortsetzung folgt)

Zuviel Zeit für die ZEIT?

Eine Berichtigung ohne Richtigstellung

Quelle: DIE ZEIT No.24 am 4. Juni 2020 Seite 8 STREIT

Quelle: DIE ZEIT No.23 am 28. Mai 2020 Seite 10 STREIT Darf man zum Impfen zwingen? Darüber streiten Menschen nicht erst seit Corona. Seit März verpflichtet ein Gesetz Eltern, ihre Kindern gegen Masern immunisieren zu lassen. Richtig so, sagt der Präsident des Kinderschutzbundes – eine Mutter widerspricht. [Heinz Hilgers, Angelika Müller, Moderation: Charlotte Parnack und Marc Widmann]

Was also hat die Berichtigung zu bedeuten? Ist es ein bloßer Scherz? (Thema zu ernst.) Durfte die Abwertung des Wahrheitsgehaltes durch Frau Müller einfach nicht unwidersprochen bleiben? Vielleicht hat Herr Hilgers darauf bestanden? Ich könnte im Paul-Ehrlich-Institut nachfragen, – aber dafür habe ich keine ZEIT. Soviel zur wissenschaftlichen (und journalistischen) Sorgfalt. Mein Vertrauen [zur ZEIT] ist zur Zeit ganz ungebrochen. Zudem gibt es gleich neben der Kurzkorrektur auf Seite 9 einen Riesenartikel, dem ich viel Zeit widmen möchte:

Und es lohnt sich wie immer, Thea Dorn zuzuhören. Man kann den Artikel nicht ohne weiteres digital abrufen. Ich zitiere einen kleinen Abschnitt:

Im Sommer 2019 erschien im Spiegel unter der zugespitzten Überschrift „Die Menschheit verliert die Kontrolle über den Zustand der Erde“ ein Essay des renommierten Klimaforschers Stefan Rahmstorf über das Korallensterben. Dort war zu lesen: „Den Kollaps dieses Ökosystems einfach zuzulassen, wäre nicht nur völlig inakzeptabel. Es wäre der Beginn eines Kontrollverlustes, das Fallen eines ersten Dominosteines in einem eng verflochtenen lebenden Erdsystem, in dem alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist.“

Der Vorteil dieses Taschenspielertricks: Die Furcht vor einem hyperkomplexen, unkontrollierbaren System – wie es etwa unser Erdklima ist – wird in die Furcht vor dem Menschen verwandelt, der dieses System ruiniert. Dank der selbstanklägerischen Furchtverschiebung darf Kontrolle in Aussicht gestellt werden – wenn sich der Mensch nur seinerseits brav als Dominostein in einem mechanistischen System begreift, der keinesfalls wackeln, wanken oder gar aus der Reihe tanzen darf. Menschliches Handeln wird als quasi-physikalischeGröße behandelt, dessen Folgen sich dann vermeintlich ebenso präzise berechnen und zuverlässig vorhersagen lassen wie die Umlaufbahnen von Planeten.

Natürlich hat Thea Dorn recht, aber als oberflächlicher Leser kommt man leicht zu dem Schluss, dass auch die wissenschaftlichen Analysen des Korallensterbens  auf Taschenspielertricks beruhen, also: legen wir die Sache doch ad acta, – was ganz falsch wäre. Auch die Auseinandersetzung des Virologen Christian Drosten mit der Bild-Zeitung über die Rolle der Kinder in der Pandemie ist nicht kurzschlüssig gegen ihn zu wenden, obwohl Thea Dorns Folgerung sicher berechtigt ist: „Für die Wissenschaft ist dieser Zwang zum Rechthabenmüssen eine Katastrophe.“ Die breite Öffentlichkeit allerdings kann mit jeglicher vorläufigen oder von vornherein ambivalenten Differenzierung schwer umgehen. Letztlich überlässt uns die Autorin einfach unserm „Schicksal“, bzw. der Metaphysik. Denn die Wissenschaft „kann keine Antwort geben, wie der Mensch mit seiner Angst vor dem Ungewissen, seiner Angst vor dem Tod umgehen soll, wie er seinen Frieden mit der Tatsache machen kann, dass er nicht nur Herr seines Schicksals, sondern durch seine Sterblichkeit letzten Endes ein radikal Unterworfener ist.“

Aber glücklich macht uns das nicht, – was ja auch niemand verlangt hat. Die Gefahr liegt in apathischen Reaktionen. (Wenn die Sicherheit durch Wissenschaft nicht möglich ist, dann hat eben alles keinen Zweck.)

Doch zurück zum Thema. Haben Sie es bemerkt? Oder ist es Ihnen wie mir ergangen? Ehrlich gesagt habe ich den Sinn der Richtigstellung erst spät erkannt. Unmittelbar vor dem rot gekennzeichneten Satz ist von Masernimpfung die Rede, nicht von Masernerkrankung, – auf die sich die Zahl des Risikos bezöge. Und dieses Risiko würde sich also infolge einer Masernimpfung minimieren. Ist es so richtig?

*    *    *

(Forts. Th.D. betr. Lit.Qu.)

Für die Dörfer, mit Beethoven, trotz Corona

Wandelkonzert in Keyenberg

Eine Schwarzdrossel singt betörend, aber wenig ist zu spüren vom Erwachen froher Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande, manchmal bleiben nur Fetzen von der Musik hinter dem Wind, der über die Mikrofone fährt, und doch gibt es eine unbeirrbare Kraft, die das Ganze (fast) synchron weitertreibt. Auf den gelben Schildern liest man die Namen der im Kohlentagebau untergegangenen Dörfer und derer, die noch auf der Liste stehen, maskierte Zuhörer wandern in kleinen Gruppen über Feldwege, beobachten ein Fagott wie ein seltenes Insekt, auf den Wiesen sitzen einzelne Streicher, deren Begleitfiguren für kurze Zeit wie Hauptmotive hervortreten, alles steht im Zeichen einer Vorläufigkeit, einer Brüchigkeit, die auch hinter Scheunentüren bei einem Symposion über die Zukunft der Kultur verhandelt werden könnte. Und niemand von den Repräsentanten städtischer Musikkultur, die sich hier zusammengefunden haben, fühlt sich erhaben und erhoben über die rurale Landschaft, den Duft des Dorfes, den sorglos blauen Himmel, es ist alles anders als das Idealbild, das Beethoven in seiner „Pastorale“ entworfen hat, man muss sie mühsam zusammenfügen, ein fragiles Räderwerk der Gedanken. Es wird mühsam vor dem Zerfall bewahrt, und sollten wir es eines Tages wieder im Konzertsaal erleben, wird man unweigerlich an diese Realisierung auf dem Lande zurückdenken, als sich seltsame Synapsen bildeten und manch einen das Hören neu entdecken ließ.

Zitat (Pressetext)

Am 1. Juni 2020 um 13 Uhr veranstaltet das Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ im bedrohten Dorf Keyenberg eines der ersten großen Klassikkonzerte nach den Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Mehr als 50 Musizierende spielen auf einem denkmalgeschützten Hof in einem Wandelkonzert aus Beethovens 5. und 6. Symphonie („Pastorale“). Die Musiker*innen stehen auf dem Gelände des Hofes verteilt und spielen die Werke synchron. Die Besucher können den Klangpfad entlang spazieren und so die Musik Beethovens ganz neu entdecken. Die Besucherzahl ist auf 100 Menschen begrenzt und alle Tickets sind vergeben. Erlebe das Livekonzert als virtueller Besucher. Wandle mit, gleite entlang der Musiker und erlebe den Klangteppich in Stereoton. Das beste Seh- und Hörerlebnis hast du vor einem Rechner mit Kopfhörern auf. Unter http://alle-doerfer-bleiben.de gibt es regelmäßige Berichte zu den Ereignissen in den bedrohten Dörfern. Livestream Produktion: http://fb.com/goove.de

Am Dienstag nach Pfingsten lese ich in meiner Tageszeitung von der Aktion der Orchestermitglieder, und zwar auf der Seite HIER UND HEUTE. Auf der Seite KULTUR dagegen von Igor Levits Klavier-Marathon. Müßig zu fragen, wo Beethoven sich selbst lieber gesehen hätte. Vielleicht auf der Seite POLITIK, wo über Sensationen aus Frankreich berichtet wurde, nicht neben den Kleingärten, aber hier und heute findet durch Corona eben eine neue Durchmischung aller Niveaus und Sphären statt. Und es darf hervorgehoben werden, dass die „revolutionäre“ Veranstaltung in Keyenberg nicht mit der „Pastorale“ begann, sondern mit der „Fünften“, deren hammerschlagendes Kopfthema, das jeder Depp beim Namen Beethoven anstimmt, sogar um einen halben Kopf verkürzt startete. Denn das Schicksal fackelt nicht lange.

    Solinger Tageblatt

Weshalb mir die Aktion in Keyenberg so gut gefällt: man erlebt viele einzelne Menschen, ja, die Aufsplittung einer Gesellschaft, die zeigt, dass diese sich nicht zerlegen lässt, nicht durch Corona und nicht durch RWE, sondern zu Gemeinschaftsaktionen fähig bleibt, hinter denen menschliche Individuen stehen. Nichts anderes hat Beethoven gewollt. Deshalb kann mich ein stellvertretend für alle inszenierter Einzel-Marathon nicht begeistern, auch nicht ein ehrgeiziger Tenor, der in hörbarer Selbstüberschätzung aus dem Weltendrama der Bachschen Johannes-Passion ein gedehntes Kammerstück schneidert, oder ein Streichquartett, das bereit ist, ein Jazzfestival mit Beethovens Heiligem Dankgesang zu garnieren, als gelte es, in all der aufgeblasenen Symphonic mal eben dem Untergang der Klassik ein gnädiges Ohr zu leihen.

3. Juni 2020

Mir ist bewusst, dass ich fortwährend assoziiere, was mit diesem Keyenberg-Event („Event“?) zusammenhängt, und zwar mehr die coronabedingte Seite reflektiere, als die primäre, den Einsatz des Musiker-Kollektivs für die Dörfer und gegen die Garzweiler-Brutalität. Denn dieses Empörungspotential ist bereits hochentwickelt (unsere Enkel haben sich von Anfang an – auch am Ort – mit den Baumbesetzern solidarisiert).

Ich will an dieser Stelle alles notieren, was mir in den Sinn kommt, ohne zu intendieren, Bruchstücke einer angemessenen (oder überflüssigen) Theorie zu sammeln. Nicht angemessen zum Beispiel: dass es eine ideale Voraussetzung wäre, die Pastorale auswendig zu kennen und überall im Gelände („Ende Gelände“!) ergänzen zu können, wie die in der Nähe gehörten Musiker*Innen mit den aus der Ferne vernommenen zusammengehören und hörend Wandlern ständig vervollständigt werden. Das wahre Kontinuum, Beethovens Sinfonie! Die große Musik, die nicht erst durch das neue Buch von Hinrichsen (zusammen mit anderen F-dur-Werken wie dem Streichquartett op. 132) eine Sonderstellung einnimmt, sondern (für mich) schon seit 1997, als ich zufällig das – ideenreiche, aber etwas unordentliche –  Buch von Schmenner las und die Pastorale (im Zuge ihrer repetitiven Momente) in einer WDR-Sendung kombinierte mit afrikanischen Improvisationen, die (zufällig?) auf demselben Grundton F basierten.

   

Und heute im Tageblatt der Beitrag über künstlichen Applaus, der sich auch in Moers auffällig in den Vordergrund spielte. Bei früheren Festivals mit Publikum aufgenommen und hier an den entsprechenden Stellen von der Technik eingespielt, aber nicht als Fake, sondern bewusst auch in der Moderation thematisiert, also mit einem melancholischen Beiklang versehen.

 03 Juni 2020 Seite 7

Marco Krefting, Jutta Toelle, Herbert Schwaab.

Ein entscheidender Punkt der Moderne, der plötzlich auf Corona bezogen wird, ist die durch das technische Medium erzeugte Illusion der Nähe, und damit könnte ja auch ernsthaft gespielt werden, visuell und auch akustisch: ich könnte als Beobachter beim Streichquartett sozusagen von Griffbrett zu Griffbrett springen, könnte größere Abschnitte oder ganze Sätze aus der Sicht der zweiten Geigerin erleben, unter Hervorhebung auch dieser Stimme, d.h. die Technik versucht nicht sich selbst zu verleugnen, sondern zu reflektieren, zu subjektivieren. So hat es vielleicht Jan Vogler nicht gemeint, aber genau diese Interview-Reihe der NMZ  sollte man sammeln und auf zukunftsfähige Ideen abklopfen.

↑ Oben zum Lesen, unten ↓ zum Hören anklicken:

https://www.nmz.de/media/video/corona-talk-mit-jan-vogler HIER

Nachtrag zu Keyenberg 

Frankfurter Rundschau nachzulesen hier !

Zur Analyse des Augenblicks

Ist dies nur eine Corona-Zeit?

Natürlich wehrt man bescheiden ab, wenn jemand behauptet: das was du da schreibst und vorzeigst, dient doch alles deiner persönlichen Profilierung. Nein, könnte ich sagen, zunächst einmal dient es meiner lebenslangen Lerntätigkeit, und jetzt, wo ich nicht mehr leugnen kann, dass ich älter werde, fürchte ich, dass ich Dinge vergesse, die mir früher wichtig waren, vielleicht ungelöst geblieben sind; memoriere auch Inhalte, die vielleicht mit gutem Grund ins Hintertreffen geraten waren. Und warum schriftlich? Und warum digital und öffentlich? Früher habe ich Radio-Sendungen gemacht und alles, was ich (musikalisch) erlebte, im Blick auf solche Weitervermittlung nach außen beobachtet, notiert, ausgearbeitet und in hörbare, also mit dem Ohr aufnehmbare gedankliche Zusammenhänge verwandelt. Und das wurde von einem entsprechenden Publikum draußen auch honoriert. Nicht mit Geld, sondern mit Aufmerksamkeit. Nachweisbar. Alles was mich wirklich interessiert – davon konnte ich ausgehen -, interessiert auch andere Menschen, wenn ich nur die richtige Darstellungsweise finde. Und letztlich bin ich selbst auch nur so interessant wie meine Stoffe. Vieles von dem, was ich damals gelernt habe und was mich mental aktivierte, kam von (freien) Mitarbeitern, Autor*Innen, kreativen Menschen um mich herum, und vor allem: aus Büchern, die mir wiederum von allen Seiten ans Herz gelegt wurden. Kurz: ich bin nicht einfach ich, sondern ebenso das Produkt unzähliger Kontakte. Ich bleibe es auch, wenn ich eine Reihe solcher Kontakte – vielleicht zu meiner persönlichen Profilierung mit Namen nenne. Vielleicht aber auch einfach aus Dankbarkeit. Jedenfalls muss nicht alles, was über das moderne Individuum zu sagen ist, in einer aktuellen Beschreibung dessen, was man heute Profil nennt, wiedererkennbar sein. Zumal wenn man das Bloggen nicht nach dem Muster von Facebook oder irgendwelcher „Influencer“ mit ihren „Followern“ versteht.

Ich zitiere:

Im Profil als einer Zusammenstellung von Text- und Bildelementen versucht das digitale Subjekt, seine Nichtaustauschbarkeit als besondere Persönlichkeit zu demonstrieren. (…) Sich via Profil zu singularisieren, wird zu einer Daueraufgabe des Subjekts; es vollzieht unablässig Singularisierungsarbeit in eigener Sache. (…)

Profile sind allerdings nicht statisch, sondern durch eine Permanenz der Performanz des Neuen gekennzeichnet. In die Logik des Weblogs und des Bloggens war von Anfang an eine Aktualitätsforderung eingebaut; und Facebook war von Anfang an eine Aktualitätsforderung eingebaut; und Facebook hat der Dynamisierung der Profile durch die Einführung der „Chronik“ einen zusätzlichen Schub gegeben. Das Profil-Subjekt muss seine Originalität und Vielseitigkeit so immer wieder unter Beweis stellen, durch beständige, immer neue Performanz. Es reicht nicht, einmal zu bekunden, dass man Kolumbien, Barockopern und seine Kinder liebt; man muss diese Leidenschaften und Interessen durch zeitnahe Aktivitäten sozusagen ständig aufs Neue öffentlich realisieren – dadurch dass man jetzt Kolumbien bereist und Kommentare und Fotos der Reise postet oder zumindest einen aktuellen Bericht über Kolumbien verlinkt oder jetzt ein Barockfestival besuche oder zumindest auf eines hinweist oder jetzt mit den Kindern etwas halbwegs Bemerkenswertes unternimmt und all dieses medial verbreitet. Die Permanenz der Performanz des Neuen überträgt die generelle Momentorientierung des Internets auf die Ebene der Fabrikation des Subjekts. Singularisierung bedeutet hier, dass in den vielseitigen Aktivitäten immer etwas Neues passiert und die Profileigenschaften im Hier und Jetzt lebendig gehalten werden.

Quelle Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp Berlin 2019 / Zitat Seite 249 f

Wenn ich in den vergangenen Tagen über eine lächerliche Kladde berichtet habe, mit der ich als Schüler der Wirklichkeit der 50er Jahre zu Leibe rücken wollte, so heißt das nicht, dass ich jene Zeit restituieren will (Schlimmeres könnte ich mir auch subjektiv gar nicht vorstellen), sondern dass ich mich damit eines wiederkehrenden Lebensgefühls vergewissern möchte, das über 50 Jahre hinweg alle Ungewissheiten zu ertragen geholfen hat. Die heutige Krisenzeit, die oft genug als ganz exzeptionell analysiert wird, kann nicht schlimmer sein als die Nazizeit, der Krieg und das sogenannte Wirtschaftswunder, die bleierne Zeit der 50er Jahre, das ganze Konglomerat, das damals auf uns einwirkte.

Was kann spannender sein, als kompetenten Leuten zuzuhören, die sich der neuen, gegenwärtigen Situation und einer aufs neue völlig ungewissen Zukunft bewusst zu werden suchen? Ich habe gestern Abend den Eindruck gehabt, dass genau so das richtige Problembewusstsein entsteht, nämlich mit dem Blick weit über die Corona-Krise hinaus.

 HIER 

(siehe ab 3:06 „Was ist Spätmoderne?“)

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Bruno Latour und die Frage “ Was bleibt von der Moderne?“

Siehe in diesem Blog hier. Und in Faust-Kultur hier.

Und im folgenden Text von Bruno Latour (Sonntag 29-03-2020),

Vielleicht ist es falsch, sich in die Zeit nach der Krise zu versetzen, während das Gesundheitspersonal, wie man sagt, “an der Front” steht, Millionen von Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und viele trauernde Familien ihre Toten nicht einmal begraben können. Und doch müssen wir gerade jetzt dafür kämpfen, dass die wirtschaftliche Erholung nach der Krise das alte Klimaregime nicht wieder herstellt, gegen das wir bisher vergeblich gekämpft haben. Die Gesundheitskrise ist in der Tat in etwas eingebettet, das keine Krise ist (sie ist immer vorübergehend), sondern eine nachhaltige und unumkehrbare ökologische Veränderung. Wenn wir das Glück haben, aus der ersten “herauszukommen”, so werden wir keine Chance haben, aus der zweiten “herauszukommen”. Die beiden Situationen haben zwar nicht das gleiche Ausmaß, es ist jedoch sehr aufschlussreich, sie miteinander zu verknüpfen. Auf jeden Fall wäre es schade, die Gesundheitskrise nicht zu nutzen, um andere Wege zu entdecken, um einen ökologischen Wandel anders einzuleiten als im Blindflug.

Tatsächlich hat sich gezeigt, dass es möglich ist, innerhalb weniger Wochen ein Wirtschaftssystem (überall auf der Welt und zur gleichen Zeit) auszusetzen, von dem uns bisher gesagt wurde, es sei unmöglich, es zu verlangsamen oder gar umzugestalten. Allen Argumenten, die von Ökologen zur Veränderung unserer Lebensweise vorgebracht wurden, wurde stets die unumkehrbare Kraft des “Fortschritts” entgegengesetzt, dass “wegen der Globalisierung” nichts aus den Gleisen geraten dürfe. Doch gerade ihr globalisierter Charakter macht diese Entwicklung so zerbrechlich, die sich nun wahrscheinlich verlangsamen und dann plötzlich zum Stillstand kommen wird.

Lesen Sie diesen Text weiter: hier.

Die Ausstellung Critical Zones in Karlsruhe

 HIER ⇐ ⇐⇐⇐⇐⇐⇐

Ranking mit Sibelius

Das Thema des Violinkonzertes

Ein Versuch / „Zensuren“ allein für die künstlerische Qualität, Nuanciertheit, tonliche Gestaltung zu geben, – alles ist (mindestens) gut, es geht nur um die Stufen (1-10) zwischen gut , angemessen etc. und überragend schön. Wird später eingetragen, die Liste ist noch nicht vollständig, und die Reihenfolge hier ist zufällig. Kein Zufall ist, dass ich meine eigenen Noten abbilde: ich habe das Werk im Mai 1962 bei Wolfgang Marschner in Köln studiert, nie konzertreif, meine gute Zeit bei ihm war vorbei (Winiawski Nr.2, Lalo „Symphonie espagnole“, Saint-Saëns „Havanaise“ u.ä., Ravel „Tzigane“), er verlor jedes Interesse, da ich nicht mit ihm nach Freiburg wechseln wollte. Ich liebte Sibelius (trotz Adorno), und Marschner hatte das irrsinnig schwere Schönberg-Konzert auf LP eingespielt, entsprechend sein Prestige, auch wenn man vor allem französische Leichtigkeit bei ihm lernen konnte. Christian Ferras war mein Idol seit dem 12. Lebensjahr (Mendelssohn in der Oetkerhalle Bielefeld) und noch im Studium mit „Tzigane“. Aber das heißt nicht viel: man kannte damals nur wenige Varianten; finanziell gesehen, reichte für den Studenten 1 LP pro Werk.

VORSICHT im folgenden bei jedem Einstieg: Reklameschock möglich !

Hier (ab 0:00) Christian Ferras (1:07) 

Hier ab 0:25 Hilary Hahn (1:52)

Hier ab 0:30 Maxim Vengerov (1:52)

Hier ab 0:45 Leonidas Kavakos (2:15) aufnahmetechnisch dürftig

Hier ab 0:00 Leonidas Kavakos (1:25)

Hier 0:18 Isaac Stern (1:23) aufn.techn. dürftig / nicht synchron

Hier 0:07 Anne Sophie Mutter (1:24) zu weit weg, Husten,

Hier 0:11 Anne Sophie Mutter (1:29)

Hier (1:30) Lisa Batiashvili (2:51)

Hier Gespräch über Sibelius Julia Fischer ab 1:36 über den Anfang / gespielt hier

Hier (0:00) Ida Haendel (1:28)

Hier (0:36) Joshua Bell (1:56)

Hier (1:07) Sarah Chang (2:25) Vorsicht, brutale Reklame vor Beginn

Hier (0:32) Janine Jansen (1:48)

Hier (0:26) Ray Chen (1:40)

Hier  (0:00) Frank Peter Zimmermann + FPZ Kommentar hier

Hier (0:00) David Grimal

Nein! ich ändere das ganze Vorhaben, ich beschreibe nur zwei extreme Auffassungen, alles andere überlasse ich den externen Betrachtern, den Rezipienten. Allenfalls greife ich noch Einzelheiten heraus, an denen sich etwas zeigen lässt.

Mein Urteil? Eine 1 für Anne Sophie Mutter, eine 10 für Frank Peter Zimmermann. Warum so wenig Punkte für die Ausnahmegeigerin, die zweifellos alles kann? Ich vergleiche nicht die Perfektion bei schwersten Stellen, sondern nur den Charakter der ersten vier Zeilen, bis zur Ziffer I.

Als Vortragsbezeichnung steht unter der Solostimme dolce ed espressivo, aber nicht: dass dies Thema frei rhapsodisch zu interpretieren sei. Erst viel später tauchen Hinweise auf wie a piacere oder veloce, Largamente und poco stringendo, was darauf hindeutet, dass der Komponist durchaus eine Vorstellung von Tempo- und Rhythmusdifferenzierungen hatte, die er nicht notieren mochte. Der Notentext scheint demnach relativ verbindlich gemeint zu sein, also auch die Längen und Kürzen, das heißt: am Ende der Zeile 1 steht eine Viertelnote und in Zeile 2 im 2. Takt steht ebenfalls eine Viertel und keine Achtel, am Ende der Zeile 2 stehen 2 Sechzehntel, am Ende der Zeile 3 stehen 2 Zweiunddreißigstel, nur hier, in Zeile 4 gibt es wieder ausschließlich Zweiergruppen von Sechzehnteln. Man sehe sich die Zeile genau an: dort ist in Takt 2 aus der Zweiergruppe von 2 Sechzehnteln gis-a eine Zweiergruppe von 2 Achteln gis-a  geworden. In Takt 4, 5 und 6 gibt es am Taktende Zweiergruppen, zweimal in normalen Achteln, beim dritten Mal sind diese Achtel Bestandteile einer Triole, sie sind also minimal schneller als vorher; vielleicht erfolgt – als furiose Steigerung dieser Tendenz – der Zweiunddreißigstelauftakt am Ende der Zeile 3. Aber ist das ein Grund, ihn verspätet zu liefern und diesen Takt um 1 volles Viertel zu verlängern?

Wollen wir so pedantisch am Notentext hängen? (Ja!!!) Halten wir uns trotzdem alternativ noch an den Ton, an das Vibrato, an den Bogendruck, die Zartheit, die Emphase, all das, was vom Herzen her kommt. O  wie so trügerisch, – dieses non-vibrato kenne ich doch von A.S.M.s Mozart, es klingt nach Masche, vielleicht aus der Alte-Musik-Praxis entwendet, wo es kein Ausdrucksmittel ist, sondern der Normalfall; dort wird es auch nur in seltenen Fällen derart substanzlos, wesenlos präsentiert, aus dem Nichts kommend, daher die Fragilität, das Diaphane, es ist „rein“ und „engelgleich“, es sagt: „ich bin zu zart für diese Welt“, und – man glaubt ihr nicht leisesten Hauch. Man spürt die Absicht: wie da stilistische Enthaltsamkeit zelebriert wird, eine planvolle Ärmlichkeit, auch wer keine Ohren hat, darf ketzerhaft vermuten:  gleich geht es zur Sache. Das ist die Religion der Streicher (Kolisch), der große Ton. Wofür ist eine Stradivari da? Es dauert keine Minute. Sul G, „auf der Sull“, das haben auch die wenigen Glissandi vorausschmecken lassen. Und der naturwüchsige, bärige Sibelius soll nicht umsonst bis Zeile 4 gewartet haben. Jetzt lassen wir die Sau raus. (So hieß es spätpubertär an der Hochschule.)

Ein anderes Ausdrucksmittel, das man in romantischer Musik gern anwendet, ist das Glissando, der gleitende Übergang von einem Ton zum anderen, oder auch nur das Anschleifen eines höher gelegenen Tones. In klassischer Musik ist es verpönt, muss jedenfalls mit größter Vorsicht eingesetzt werden, bei Mozart etwa. Beim Beaux Arts Trio liebte ich es bei bestimmten Akkordwechseln im langsamen Satz des Erzherzogtrios (Daniel Guilet) und fand mich dabei geschmacklich mutig. Vor Jahrzehnten hörte ich im Radio ein entsetzlich geschmalztes Dvorak-Cellokonzert, glissando fast bei jedem zweiten Lagenwechsel, den Namen habe ich mir negativ vorgemerkt: Mischa Maisky, um 1970, schon damals weltberühmt. Hinreißend bei Christian Ferras im Anfangsteil der „Tzigane“ von Ravel. (Die gnadenlose Enthemmung im Salon dank eines imaginierten Zigeunertums.) Um es kurz zu machen: bei Sibelius ist es zwar selbstverständlich, aber im hochsensiblen Anfangsthema zugleich ein Gradmesser des guten Geschmacks. Frühesten beim Ton gis, aber die Verlockung ist schon vorher da, beim hohen D (2.Zeile, 2.Takt), oder bei demselben Intervall zum Anfang der dritten Zeile, – oder spart man es auf für die Intensivierung im nächsten Takt mit dem erneuten Quart-Sprung zum hohen D?

Bei A.S.M. fällt als erstes das Abwärtsglissando in Zeile 2, 2. Takt, von c nach h, abwärts ist immer heikel (weil es nach abgewirtschafteten Sopranen im Kirchenchor klingt), aber hier natürlich absolut kalkuliert, darum nicht schöner: für mich klingt es nicht klagend, gequält – wie es vielleicht gemeint ist – sondern leicht „geschmiert“. Da weiß man, es kann noch schlimmer werden, aber wann? Beim Gis ist sie sparsam, tut jedoch noch eine Spur Vibrato hinein, Anfang der dritten Zeile beim hohen D moderater, dagegen nimmt sie Anfang des nächsten Taktes das C wieder leicht von oben, vom E her angeschliffen, und jetzt ist das hohe D fällig: nach einer enthaltsamen Phase im forte-legato muss wieder das B dran glauben, man fürchtet bereits, dass bei den 32stel-Auftaktnoten etwas  Besonderes blüht: in der Tat, sehr spät, zu spät und sehr heftig. Wer das Thema gut kennt, weiß, dass nun das tiefe G in Gestalt der leeren G-Saite bevorsteht, und die Takte, in denen man zeigt, dass eine leistungsstarke Geige nicht umsonst „Kanone“ genannt wird. Ich bin sicher, dass Leute, Männer, reihenweise ins Knie brechen, und ich weiß, wie ich einst bei Michael Rabin in „Zapateado“ auf den tonlichen Höhepunkt gewartet habe… Aber das ist virtuose Imponiermusik! Hier ist man froh, dass Sibelius das letzte crescendo von Zeile 4 zu 5 in ein subito piano umschlagen lässt. Mit neuen Steigerungen, das ist klar, aber wenn man bereits etwas überbeansprucht und irregeführt ist, fürchtet man sich vor weiteren Impulsen, die derart auf der flachen Hand liegen. Wenn kein tonlicher Effekt ausgelassen wird.

Ein paar Worte über andere Interpretationen:

Julia Fischer spielt vollkommen schön, zurückhaltend. Leider hört man am Anfang die kleinen, „nachschlagenden“ Notenwerte fast gar nicht, aber das könnte eine Schwäche der youtube-Kopie sein.

Sehr anrührend Frank Peter Zimmermann, wie unspektakulär er selbst das tiefe G in Zeile 4 ansetzt, jedoch in einer etwas plötzlichen Aufwallung die Akzente 1 Oktave höher, man erschrickt, man begreift, – was für ein Augenblick! Und er hat recht: Akzente gab es schon vorher, aber mit „poco “ , auf G und B, (nicht auf dem Cis), jetzt jedoch auf G – A – B mit più f und crescendo. Was für ein herrliches, erschütterndes Pathos! Und Frank Peter Zimmermann ist der einzige geigende Mensch, der diese Töne so erfasst, kaum zu glauben! Die Heftigkeit allein ist es nicht, die hat z.B. Janine Jansen auch, aber sie hat sich in diesem Thema viel zu früh tonlich verausgabt, ist von Anfang an schon irgendwie zu präsent, wobei winzige Rucks vorm Bogenwechsel noch für latente Unruhe sorgen.

In den älteren Aufnahmen (Christian Ferras, Isaac Stern) stört es heute auf Anhieb, dass sie das Sibelius-Thema in seinem völlig neuen Ansatz nicht erfassen, sondern es einfach intensiv spielen, stark vibriert, wie eben große Geiger einen Soloauftritt absolvieren. Sie werden im weiteren Verlauf gewiss auch große Momente inszenieren, aber den allerersten verpassen sie ganz und gar. Da ist alles beeindruckender, was von Lisa Batiashvili, Sarah Chang, Joshua Bell, Leonidas Kavakos gezeigt wird.

Aber die große, unglaubliche Geschichte, der man sich fasziniert überlässt, wird von Frank Peter Zimmermann erzählt, obwohl er kein gespenstisch-fahles Licht zu verbreiten sucht, er vibriert ein wenig, aber er schauspielert nicht, er beginnt sotto voce, wie der blinde Barde, der eine ganze Nacht des Erzählens vor sich weiß… hören Sie nur, beachten Sie gar nicht das wilde Ölbild mit dem Boot, man denkt vielleicht lieber ans „Waldweben“ im Siegfried, oder an die Stille bei Wagner,  wenn Isolde Tristan erwartet und in den Wald hinauslauscht, der Ton der Jagdhörner sich in der Ferne verliert und ein feines Blätterbeben übrigbleibt. „Nicht Hörnerklang tönet so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht so wonnig daher.“ Es könnte auch der frühe Morgen sein, was immer Sie wollen, der erste diffuse Lichtstrahl, der den Nebel durchdringt. Es ist dieses Lauschen, mit dem auch Sibelius anhebt.

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 Wagner Tristan 2. Akt

Man darf diese gewisperten Repetitionen der Orchestergeigen als „Naturlaut“ verstehen. D-moll-Dreiklang. Der Einstieg der Solovioline geschieht auf einem fremden Ton, mit besonderer Wirkung, eigentlich nicht dissonant, eher „unbekümmert“ zart, anfangend als habe man in Gedanken längst mitgewirkt und fahre nur fort, kaum Beachtung heischend. Man bekennt sich quasi nebenbei zum Grundton, der zum Ausgleich für dieses „nebenbei“ eine verschlungene Bestätigung bekommt, womit auch der Tonraum im Quintumfang angedeutet ist. Die Solovioline ergreift den oberen Ton a, den sie nur gestreift hatte, von dem aber die Orchesterviolinen seit Anbeginn wispern, jetzt als Basis, um das anfangs nur „gesetzte“ Thema zu entwickeln und zwar mit dem gleichen motivischen Potential.

Wenn die Solovioline die Tonalität durch den Ton H und den Leiteton Gis gesichert hat, erinnert die Klarinette an den Ausgangspunkt (die ersten drei Töne des Themas, linke Hand im Klavier), und die Violine fährt fort, die Sechzehnteltriole des Anfangs in eine Vierergruppe verwandelnd, um so den Sprung zum neuralgischen Punkt Gis des neu entwickelten Tonraums zu wagen. Ein Hauch von Glissando wäre menschlich.

(Fortsetzung folgt)

Radio Dezember 1959

Als ich das Medium entdeckte

Meine Bibel war damals die eben erschienene Auswahl aus Gottfried Benns Prosa. Sie wurde es seit der Teilnahme an einer Primaner-AG „Moderne Lyrik“ bei Ernst Nipkow, der – was ich nicht wusste – von Haus aus Theologe war und als solcher bekannt wurde (mehrere meiner Mitschüler studierten später dasselbe Fach, z.B. Reiner Preul).

 Ullstein Bücher West-Berlin 1959

Ein Radio-Abend am Mittwoch, 16. Dezember 1959, III. Programm des NDR, 20.00 Uhr Eine Umfrage: „Muß das künstlerische Material kalt gehalten werden?“ These: Kunst und Macht (1934) Ausdruckswelt (1944)

Notizen während der Sendung (JR). Seltsamerweise ist mir wohl der Name eines verantwortlichen Redakteurs entgangen. / Vorweg einiges aus meinem damaligen Benn-Brevier:

 

Antworten von A. Andersch, Heinrich Böll usw.  (Arno Schmidt, Walter Jens)

„Kalt und zynisch muß der Künstler die Welt betrachten, warm ist sie lange genug betrachtet worden.“ These Gottfried Benns.

Fast alle Autoren lehnen Benns These ab ↔ : „Das Material muß erhitzt werden!“

Aus Essay: Kunst und Macht: „Wirklichkeit, Form, Geist“ = 3 Themen / wird gewöhnl. Intellektualismus. Kunstträger ↔ Kulturträger

Kunst ist nicht Kultur.

Kunstträger ist statistisch asozial. ist uninteressiert an Kultur. er macht kalt, verleiht dem Weichen Härte. Ablehnung gegen den Kunstträger seit Plato. Fragwürdiggkeit der Kunst. Sie wächst auf paradoxem Boden. „Ausdruckswelt“

„Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt.“ Enge Zusammenfassung, knappe Thesen! Siehe „Prov. Leben“ Seite 177  // ! Sein existentieller Auftrag lautet nicht mehr nat. Natur, sondern Kunst.

A. Andersch (*1914) „Die Kirschen der Freiheit“ (Pazifistische Haltung) „Sansibar oder Der letzte Grund (1958)

Heinr. Böll (*1917) „Wo warst du, Adam“ „Und sagte kein einziges Wort“ „Billard um 1/2 10“ Nichts kann gehärtet werden, was nicht erhitzt wurde. Alles Geformte ist kalt. Thermometer /  Kunstträger – Kulturträger trifft nur im Norden zu. Im Süden ist Form selbstverständlich. Ein Abgrund trennt Künstler und Ästheten. (Man denke: Der blutende Van Gogh verlangt Einlaß in ein Museum seiner Werke!)

Hans Magnus Enzensberger (1928) Lyrik (Assoziativ, kulturkritisch) Polemik gegen den „Spiegel“. Zusammenhang der These. Benn arbeitet mit gezinkten Alternativen. Kunst ↔ Leben interessiert nicht. Kalt halten? E. will (↔ Benn) bei der Sache bleiben. (Pallas usw.) Bild des Schmiedes Was ist Material? Benn läßt im Zweifel, was auf dem Amboß liegt. Material: die Sprache! – Kalt oder heiß?? Gegenstand. Was tue ich mit der lauen Sprache? Ich halte sie an meine heißen Gegenstände. Die Sprache ist durch die ganze Temperaturskala zu jagen, am besten mehrmals. Was oft genug durchs Feuer gegangen ist, wird Härte besitzen.

Wolfgang Koeppen / „Der Tod in Rom“ 1954 Reiseberichte. „Benns Behauptung ist eine Binsenwahrheit“. Zustimmt: Kunstträger asozial. Dennoch existiert er nur in der Kultur. nat. Natur? Gretchen in der Stadt! Ischtar auf dem Parkplatz! „Der Geist macht nicht blind?“ Romanschriftsteller. Benn widerspricht s e i n e m Flaubert u. Heinrich Mann.

Arno Schmidt (1910) Scharfe Äußerung. Benn kannte im Theoretischen keine „Werkstattsprache“ klar und nüchtern. „Unendliches Gemetaphere.“ „Benn schwatzt“. Reduzierte Einmannwelt!! Monologe girren! Hitler!?!? Benn Lyrischer Kurzarbeiter. Voreingenommene Beschränktheit Benn’s. Kulturträger ↔ Lyrik bedarf wenig Geistes. Aber die Romanprosa wird dem tägl. Ablauf mehr gerecht.

Natürlich kalt sammeln. Aber das Zusammenschweißen – Anhitzen, glühend machen. Benn war konstitutionell zu künstlerischen Mikroäußerungen veranlagt. Benn sind ab u zu bemerkenswerte Gedichte gelungen. Gut: „Gehirne“.

Walter Jens (Literaturkritiker) „Nein – die Welt des Angeklagten“. Natur ↔ Kunst usw. in der Wirklichkeit abstrakt. Das Pendel schlägt mal hierhin mal dorthin. Plato: Enthusiasmus der Dichtung im Lichte der Vernunft zweifelhaft.“ Philosophie als höchste Kunst. Denken = Synthese von Nüchternheit und Ekstase. (Platon „Gastmahl“ usw.) „Der Dichter soll in allen Lagen seinen kühlen Kopf behalten“ (Novalis) Poe: „Philosophy of composition“ ! ! ! Baudelaires Bedenken. Ordnung u. Klarheit, Kalkül und math. Klarheit bestimmen die Dichtung unserer Zeit. Valéry’s „Krankheit der Präzision“. Poeta doctus. Kalte Kunst. Intellektualisierung. Romant.-platonische These der Wechselwirkung? Auf dem Höhepunkt der Zerebralisation ein Einbruch des Unbewußten, Überwindung des determin. Weltbildes usw. Eliot: Präzise Emotion. Valéry: Rausch der Nüchternheit. Je abstrakter das Denken, desto stärker der Umschlag ins Unbewußte.

21.00 Das imaginäre Konzert Versuch einer neuen Programmierung

Konzert von Klang überhaupt

Konzert der Kompositionen aller Zeiten

(als Autor der Sendung ist irgendwo im Text mit Rahmen markiert: Hans Otte)

Das Programm: Machaut – Bach (Vier Duette) – Anton Webern (Konzert für 9 Instrumente op. 24)

Bisher: Spezielle Aufführungsmöglichkeiten: Historisch noch nicht genügend erforscht. Jetzt: Technische Medien – Radio, Tonband usw. „Neue Möglichkeiten“.

Antike: Musik als Kult. Nur von Eingeweihten. Mit Aufkommen der Instr. auch nichtklerikale Musikerkreise. Mit Beginn der Aufklärung  jedermann zugängliche Konzerte. Heute: Musikgut der Vergangenheit fast lückenlos. Alte Instrumente nachgebaut, kultische, soziolog, Bezüge alter Musik aber verschlossen. Durch neue Mittel Musik aller Zeiten und aller Arten im gleichen Raum. Die Werke aller Zeiten rücken zusammen!! Der neue Stil: Der Stil der künstlerischen Mittel.

Bisher:

1.) Konzerte mit einheitl. Instrumentarium. „Musik mit …“

2.) Musik aus historischer Sicht „Musik um zu …“

3.) regional „Musik aus …“

4.) Inhaltl. Aspekt (Unterhaltung.., ernst..) „Musik für, aus, wegen … usw.“

Jetzt:

Programmierung musikalischer Kunst als Kunst. Verzicht auf obige Kategorien. „Musik aus Musik zu Musik“

Machaut – das Stück 1 für kirchliche Kreise.

Bach – das Stück 2 für höfische

Webern – das Stück 3 für keinen besonderen Zweck

erstmalig so gebracht Völlig Neuartige Programmgestaltung

Gemeinsam → Ein Mehrstimmiges, Polyphones.

  1. Ton als melodisch-modales Element
  2. Ton als harmonisch – metrisches Element
  3.  Ton als strukturelle Einheit von Zeit, Höhe und Dynamik.

Mannigfache Beziehungen. Vergleich der Kräfte. Vergleich der Werke, der Kunstwerke in ihrem autonomen Mitteln.
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1.) Machaut: (frz. Titel?)

2.) Bach: 4 Duette für Cembalo

3.) A.v. (sic!) Webern: Konzert für 9 Instrumente op. 24

4stimmige Gesänge

Zu 1.)  Zunächst a capella

a) Dann instrumentale Begleitung b) gezupfte Akkorde, dunkles Melodieinstrument c) a capella

Zu 3.) Bruchstückhaft, abwechselnd in den Instrumenten. Motivfetzen. Klavier am meisten, darunterliegend.

Dieser intensive Abend vorm Grundig-Radio – am Paderbornerweg 26: der Apparat stand im Erkerzimmer rechts an der Außenwand, daneben die Couch, darüber das Bild „Die roten Pferde“ von Franz Marc; sie hatten meinem Vater Kraft geben sollen, dessen Bett zur Erleichterung der Pflege zuletzt hier im Wohnzimmer gestanden hatte; er ist am 31. August des Jahres im Krankenhaus Gilead auf der anderen Seite der Promenade gestorben, ich war bei ihm, – aber auch die Inhalte des einen Radio-Abends blieben mir für viele Jahre im Gedächtnis. An die Musik-Sendung habe ich sozusagen ein Jahrzehnt später mit der eigenen Radio-Praxis angeknüpft, ohne mir darüber klar zu sein. Denn das große Buch von André Malraux wirkte als interkulturelle Vision bereits vorbildlich, bevor ich nach 6 Jahren klassischem Musik-Studium die Wende des Jahres 1967 zum Orient vollzog und ab 1969 regelmäßig beim WDR arbeiten konnte oder sollte. Die Festanstellung 1976 hatte ich mir – als Geiger – nicht gewünscht. Die Doppeltätigkeit war schwer zu kombinieren mit ehrgeiziger Programmarbeit. Aus späterer Sicht war mir  übrigens das Konzept des „imaginären Konzertes“ – als bloß abendländisch geprägt und rein historisch – völlig unzureichend. Auch der „Klang“ als wesentliche Orientierung schien mir eher dürftig. Meine eigenen Leitlinien für integrale Musiksendungen (1970 bis 2006) habe ich nie schriftlich dargelegt, aber strikt im Auge behalten. Sie sollten sich sinnlich direkt vermitteln.

 Das Inhaltsverzeichnis der Kladde.

Alles, was mir zu jener Zeit wichtig war. Ich las viel Dostojewski („Die Dämonen“, „Der Idiot“ „Die Brüder Karamasow“, „Schuld und Sühne“), das Sanskrit-Gedicht (?) „Schwarze Ringelblume“ stammte aus dem Buch „Die Straße der Ölsardinen“ von John Steinbeck. Die Seiten 65 bis 91 enthielten noch Abschriften aus Ludwig Klages „Der Geist als Widersacher der Seele“, Jaspers „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“, einiges über die Mystik der Südseevölker, über afrikanische Philosophie („Muntu“ von Janheinz Jahn), ein Langgedicht von Aimé Cesaire und ein paar Sentenzen zur Musikgeschichte. Die Bielefelder Stadtbücherei (Musik!) war ein wichtiger Zufluchtsort. Die Welt stand offen.

   

Oben: Privates Vorspiel in Hannover und Klassenfahrt nach Berlin um 1958/59 / aus dem bürgerlichen Wohnzimmer (meiner Tante, die Hände am Klavier sind die meines älteren Bruders) zum Studium nach Berlin. Unten: ein Sprung nach Afrika – das Buch Muntu (Berlin 7.11.1960) und die Abschrift daraus in die bewährte Kladde. Musica Antiqua Köln (Reinhard Goebel) beim dritten WDR-Festival „West-östliche Violine“ 1989 in der Kölner Musikhochschule. – Jugendlicher Überschwang: Die Idee TOTALEN ZUSAMMENHANGS.

 Afrika im Blick: Aimé Césaire

 Janheinz Jahn: MUNTU (Diederichs 1958) Musica Antiqua Köln (1989)