Archiv der Kategorie: Politik

Was es noch nie gegeben hat

Zweisprachiger Aufruf in DIE ZEIT /  Gesang des US-Präsidenten

ZEIT Titelseite HELLAS

AMAZING GRACE

Noch einmal in voller Länge Hier / Zu erinnern auch in diesem Blog hier

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ZITAT 1

Es stimmt ja, dass Griechenland drei große Ungerechtigkeiten kennt: die Ungerechtigkeit zwischen Armen und Reichen. Zwischen denen, die Staatsjobs haben, und den Arbeitslosen. Zwischen dem griechischen Volk und der scheinbar übermächtigen Troika. Es stimmt auch, dass die Troika immense Fehler gemacht hat und bei Ihnen [den Griechen, JR] mit einer Arroganz aufgetreten ist, die ihrem Anliegen geschadet hat. Aber bei allem Respekt vor Ihrer Regierung: Aus unserer, zugegeben etwas entfernteren Sicht wirkte es so, als hätten Alexis Tsipras und Yanis Varoufakis versucht, mit einem Paukenschlag die gesamte wirtschaftspolitische Richtung Europas zu drehen. Dazu fehlte ihnen die Kraft – und die demokratische Legitimation.

Dabei hat sich während der langen Verhandlungen in Brüssel durchaus etwas getan. Es ist das Verdienst von Tsipras, dass auch die EU klüger geworden ist; dass viele Regierungschefs inzwischen bereit sind, die Krisenpolitik zu verändern. (…)

Quelle DIE ZEIT 2. Juli 2015 Seite 1 Bleibt bei uns! Liebe Griechen! Jetzt entscheiden Sie über die Zukunft Ihres Landes. Aber es geht um noch viel mehr / Ihr Marc Brost  (Brost)

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ZITAT 2

Der angeblich mächtigste Mann der Welt beginnt zu singen, nachdem er erklärt hat, nun habe es genug Worte über die Rassenfrage gegeben: Allein diese gewagte Umformung der Macht in ästhetische Erfahrung würde genügen, um zu erklären, warum die Öffentlichkeit durch diese Trauerfeier plötzlich zu beben schien. Die Hilflosigkeit der Politik, das Spiel mit der Menschenfischerei, die Überwältigung durch Musik, all das lag in der Luft: Wie könnte Gesang fehlenden Polizeischutz und die Üblichkeit rassistischer Gewalt übertönen?

Es war indes nicht irgendein christlicher Lobgesang, den Obama anstimmte, um Politik, Theologie und Kunst durch ein gefälliges Heilssonderangebot zu versöhnen. Es war vielmehr jenes Lied aus der Gründerzeit der Vereinigten Staaten, veröffentlicht 1779, [… man lese an Ort und Stelle nach… ich breche zugunsten eines anderen Zitates aus demselben Artikel ab:]

Aber wer zu singen beginnt, redet ja nicht auf andere Weise nur weiter, sondern er singt. Worte allein bringen Menschen nicht als leibseelische Wesen zum Klingen. Wer singt, wechselt die Sphäre. Mit diesem Lied, das die Tiefe der politischen Geschichte öffnet und das zugleich jeder kennt, das jedem offensteht, kann vernehmbar werden, was sonst nicht zu hören wäre: dass sich Schmerz in Klang umwandeln lässt, dass eine Gemeinschaft sich erst im Klang aller Stimmen wahrnehmen, vergewissern und fortan ihrer selbst erinnern kann. Die Sehnsucht, sich mit Liedern musikalisch aus der politischen Sphäre zu entfernen und sie erst so neu herbeizusingen, war in Charleston zu hören: als das uralte Lied der Hoffnung auf Anerkennung der Gleichheit.

Quelle DIE ZEIT 2. Juli 2015 Seite 42 Wie Hoffnung klingt / Jetzt hat es jeder gehört: Barack Obama ist durch ein Lied der Präsident aller Amerikaner geworden / Von Elisabeth von Thadden

Für mich ist die Frage, ob jemand das Wort „Kitsch“ auszusprechen wagt, mit dem man oft genug gute Musik zu Boden streckt. Die Autorin ist so mutig, – auf die Gefahr hin, dass sich die Trauerfeier in ein paar Wochen als Theater erweist – an die Kraft der Musik zu glauben und dies zu bekennen.

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Nachwort zu Griechenland

Wenn man nun schon die ZEIT hat: nicht nur den Leitartikel „Bleibt bei uns!“ lesen, sondern unbedingt auch – als Gegengift gewissermaßen – im Feuilleton Seite 41 Slavoj Žižek: Was ist jetzt noch links? In dieser Woche erleben wir einen Kampf um die demokratische Leitkultur. Es geht nicht um die Griechen. Es geht um uns alle! – (Zu Žižek siehe hier.)

ZITAT zu Schulden und Schuld

Die Schuldenanbieter und – verwalter beschuldigen die verschuldeten Länder, sich nicht schuldig genug zu fühlen – sie werfen ihnen vor, sich unschuldig zu fühlen. Ihr Drängen entspricht genau dem, was die Psychoanalyse als Über-Ich bezeichnet: Wie Freud klar gesehen hat, ist es das Paradox des Über-Ichs, dass wir uns umso schuldiger fühlen, je mehr wir uns seinen Forderungen beugen. Wie bei einem grausamen Lehrer, der seinen Schülern unmögliche Aufgaben stellt und dann sadistisch frohlockt, wenn er ihre Panik sieht. Wenn man einem Schuldner Geld leiht, besteht das wahre Ziel nicht darin, den Kredit mit Gewinn zurückgezahlt zu bekommen, sondern in der unbegrenzten Verstetigung der Schuld, die den Schuldner in permanenter Abhängigkeit und Unterordnung hält, jedenfalls die meisten Schuldner, denn es gibt Schuldner und Schuldner.

Nicht nur Griechenland, sondern auch die Vereinigten Staaten werden nicht einmal theoretisch in der Lage sein, ihre Schulden zu bezahlen, wie inzwischen öffentlich anerkannt wird. Es gibt mithin Schuldner, die ihre Gläubiger erpressen können, weil sie zu groß sind, als dass man sie scheitern lassen könnte (Großbanken), Schuldner, die die Bedingungen ihrer Schuldentilgung kontrollieren können (die US-Regierung), und schließlich Schuldner, die man herumschubsen und demütigen kann (Griechenland).

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Und in diesem Fall orientiere ich mich auch an dem, was die Partei DIE LINKE dazu sagt, da der Eindruck entstanden ist, dass die Medien uns einseitig im Sinne der politischen Machthaber und der sogenannten „Institutionen“ informieren: daher sei diese ergänzende Lektüre empfohlen – und sei es zum Aufregen: Hier

Zum Begriff der AUSTERITÄT (oder zum Sparen um jeden Preis): Hier.

Was passiert in Griechenland?

Und was ist mit uns? (Ein Versuch)

Es ist üblich geworden, über Griechenland zu spotten: Wer da noch alles per Rente fernversorgt wird, obwohl er in Deutschland längst ganz ordentlich verdient. Wie dort der aufgeblähte Beamtenapparat vor allem sich selbst bedient. Wie die Reichen ihren Besitz ins Ausland schaffen. Gewiss: das muss alles aufgedeckt und abgestellt werden, andere Strukturen müssen her. Aber jeder weiß: das dauert. Und man kann es nicht mit der Moral eines schwäbischen Häuslebauers angehen. Neue Sichtweisen müssen ernsthaft eine Rolle spielen. Und es ist der Blick von uns auf andere, der völlig unangemessen ist. Vom hohen Ross herab. Um so größer die Überraschung, wenn jemand tatsächlich genau damit beginnt:

Es sind verstörende Fotos, die derzeit aus Brüssel übermittelt werden. Immer wenn es bei den Verhandlungen mit Griechenland wichtig wird, sind die gleichen Granden abgebildet. Da sieht man dann EZB-Chef Mario Draghi – nicht demokratisch gewählt. Neben ihm steht IWF-Präsidentin Christine Lagarde – nicht demokratisch gewählt. Außerdem ist noch Rettungsschirm-Chef Klaus Regling anwesend – nicht demokratisch gewählt. Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker musste sich nie einem echten Votum der Bürger stellen.

Nur der Premier Alexis Tsipras wurde tatsächlich von den Griechen ins Amt gehoben. Ein einsamer Regierungschef begegnet vier Technokraten.

Diese Bilder aus Brüssel zeigen, dass die Eurokrise weit mehr ist als nur ein Schuldenproblem. Die Demokratie wird entmachtet und vermeintlichen Sachzwängen unterstellt.

Ein lesenswerter Kommentar, – haben wir solche Töne eigentlich je aus unseren „offiziellen“ Medien vernommen? Motto: „Verabschiedete Demokratie„!!! Die Demokratie ist verloren gegangen! Wie bitte? Geht es denn darum? Wer darf es wagen, uns umzudrehen, und probeweise statt der untragbaren griechischen Verhältnisse draußen vor der Tür die Schaubühne vor unserer Nase aufs Korn zu nehmen? Schauen Sie hier!

Wer steckt dahinter, natürlich: die taz, eine Autorin namens Ulrike Herrmann. Ist die überhaupt „vom Fach“? Ein kurzer Blick: hier.

Noch wichtiger zu fragen. Was ist IWF? Was für eine Institution hat hier das Sagen, welche Länder stehen da an oberster Stelle, welche demokratische Legitimierung lässt sich da feststellen. Versuchen wir’s hier.

War nicht früher viel von Troika die Rede? Warum ist sie ins Gerede gekommen? Es hieß, sie sei eine Macht ohne Kontrolle! Und welche Kompetenz hat dieser Harald Schumann? Immerhin.

Natürlich habe ICH keinerlei Kompetenz. Ich mache nur den Versuch, mich kundig zu machen. Weil ich mich unzureichend oder einseitig informiert finde. Weil ich wieder einen so schlechten Eindruck von Schäuble hatte bei seiner letzten Verlautbarung… (So spricht kein Mann, der den Durchblick hat.)

Hat er nicht früher auch auf die Troika gesetzt? Und tut er’s nicht noch immer, auch wenn das Wort nicht mehr verwendet wird?

Ich sehe mir einen alten Film an (24. Februar 2015), ebenfalls von Harald Schumann. Veraltet? HIER.

Pressetext arte

Was passiert mit Europa im Namen der Troika?

Beamte aus den drei Institutionen IWF, EZB und Europäischer Kommission – der Troika – agieren ohne parlamentarische Kontrolle. Sie zwingen Staaten zu Sparmaßnahmen, die das soziale Gefüge gefährden und tief in das Leben von Millionen Menschen eingreifen. Harald Schumann reist nach Irland, Griechenland, Portugal, Zypern, Brüssel und in die USA, und befragt Minister, Ökonomen, Anwälte, Bänker, Betroffene.

Veraltet? Für Information ist es nie zu spät, sage ich mir. Aber es geht weiter… (Es war nur ein Versuch.)

Nachtrag

Thomas Piketty, Professor an der Paris School of Economics, erklärt, dass das deutsche Wirschaftswunder der 50er Jahre auf Schuldenschnitten beruhte, die wir heute den Griechen verweigern:

Genau. Der deutsche Staat war nach Ende des Krieges 1945 mit über 200 Prozent seines Sozialproduktes verschuldet. Zehn Jahre später war davon wenig übrig, die Staatsverschuldung lag unter 20 Prozent des Sozialprodukts. Frankreich gelang in der Zeit ein ähnliches Kunststück. Diese ungeheuer schnelle Schuldenreduzierung aber hätten wir nie mit den haushaltspolitischen Mitteln erreicht, die wir heute Griechenland empfehlen. (…) Man erkannte damals richtig: nach großen Krisen, die eine hohe Schuldenlast zur Folge haben, kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man sich der Zukunft zuwenden muss. Man kann von neuen Generationen nicht verlangen, über Jahrzehnte für die Fehler ihrer Eltern zu bezahlen. Nun haben die Griechen zweifellos große Fehler gemacht. Bis 2009 haben die Regierungen in Athen ihre Haushalte gefälscht. Deshalb aber trägt die junge Generation der Griechen heute nicht mehr die Verantwortung für die Fehler ihrer Eltern als die junge Generation von Deutschen in den 1950er und 1960er Jahren. Wir müssen nach vorne schauen. Europa wurde auf dem Vergessen der Schulden und den Investitionen in die Zukunft gegründet. Und eben nicht auf der Idee der ewigen Buße. Daran müssen wir uns erinnern.

[Glauben Sie, dass wir Deutschen nicht großzügig genug sind?]

Was reden Sie da? Großzügig? Deuschland verdient bisher an Griechenland, indem es zu vergleichsweise hohen Zinsen Kredite an das Land vergibt.

Quelle DIE ZEIT 25. Juni 2015 Seite 24 „Deutschland hat nie bezahlt“ Der Starökonom Thomas Piketty fordert eine große Schuldenkonferenz. Gerade Deutschland dürfe den Griechen Hilfe nicht verweigern. (Gespräch: Georg Blume)

Unruhe (in Erwartung eines Buches)

Glücklicherweise ist der erwartete Lesestoff schon eingetroffen (vgl. hier). Zudem ist morgen Quartett-Probe, so ist mein Tag eigentlich mit Üben ausgefüllt, Schuberts letztes Streichquartett G-dur steht noch einmal an (den ersten Satz  könnten Sie hier in einer phantastischen Aufnahme hören, leider nur den ersten), und Schuberts ewiges Thema der Wanderschaft passt nicht schlecht zu dem Buch von Konersmann. Ich erinnere mich auch, dass mein Lehrer Franzjosef Maier, Konzertmeister des Collegium Aureum, bei der Einstudierung der großen G-moll-Sinfonie von Mozart auf das Wort wies, das er sich in Großbuchstaben über den ersten Satz geschrieben hatte: „UNRAST“. Das ist nicht nur eine flüchtige Stimmung, die sich mit dem langsamen Satz auflöst, im Gegenteil, – wohin geht denn die Reise im letzten Satz?

Neu wäre, dass man diese Haltung nicht als Ausnahme ansieht (Mozart in der Maske des Tragikers, schon die Krönung der Jupiter-Sinfonie ins Auge fassend), sondern durchaus als eigenes großes Paradigma des abendländischen Menschen.

Aber keine falschen Hoffnungen: das Register des neuen Buches zeigt keinen einzigen Eintrag zur Musik, geschweige denn zu Mozart oder Schubert. Diese Umdeutung bleibt uns selbst überlassen, – wenn es denn sein soll.

Konersmann Unruhe

(Fortsetzung folgt)

Achtung! Kein Missverständnis bitte! (Unruhe, Dynamik, Wechsel um jeden Preis? Im Gegenteil.)

ZITAT (Matthias Burchardt )

Aufschlussreich ist hier vor allem ein Dokument, das man als eine Art Leitfaden von offizieller Stelle entnehmen kann, wie man zögerliche oder widerspenstige Kollegien im Kanton Thurgau auf die Linie des „Lehrplan“ 21 bringen will.

Als erster Schritt der Auftau-Phase wird dabei angeraten, den Leidensdruck unter den Lehrern zu erhöhen – „Ziele so anspruchsvoll setzen, dass sie mit bisherigem Verhalten nicht erreicht werden können.“ – und „Das ‚Schön-Wetter-Gerede‘ (zu) unterbinden (Alles ist doch bestens …)“. Dann soll ein neues Führungsteam entwickelt und installiert werden, eine Koalition der Willigen, wenn man so will: „Zusammenstellen einer Koalition, die den Wandel verwirklichen kann. Die richtigen Leute auswählen, die richtigen Leute für die Zukunft (nicht der Vergangenheit).“ Und in dieser Dynamik aus Druck und Propaganda wird als Zielsetzung ausgegeben: „Lehrerinnen und Lehrer begeistern sich für den Lehrplan 21 und setzen ihn um“, wobei als Konfliktpotential ausgewiesen wird: „Die über 50-jährigen Lehrpersonen gewöhnen sich an nichts Neues.“ Als wäre die Transformation einer Schulkultur eine Sache von Gewöhnung und nicht des politischen Diskurses, der niemanden ausschließen darf.

Die skizzierten Strategien der Organisationsentwicklung durch Change Management dürften vielen Lehrern und Hochschulkollegen bekannt vorkommen. Insbesondere bei der Durchsetzung des Bologna-Prozesses sind auf diese Weise vielfältig Strukturen, Prozeduren und Personen verändert worden. Und viele der Kritiker sind bis heute kaltgestellt als Leute der Vergangenheit.

Quelle: Change, Reform und Wandel. Matthias Burchardt über das Alphabet der politischen Psychotechniken. (TELEPOLIS)

Wovon ich nichts verstehe (eine Schande)

Gewiss, ich verstehe nichts von Wirtschaft. Und von Politik nur das, was ich den Zeitungen entnehme. Ich weiß auch nicht, ob die Politik die Bedingungen der Wirtschaft lenkt oder ob wirklich, wie viele behaupten,  die Wirtschaftsbosse den Politikern die Richtlinien diktieren. Angenommen, ich wollte mir einen Weg zu einem besseren Verständnis des Verhältnisses zwischen Regierung und Ökonomie bzw. zwischen Macht und Wirtschaft erschließen und jemand gäbe mir den Tipp: versuche es doch mit den alten symbolischen Darstellungen, die sich dir einprägen und die sich dann irgendwie auf die gegenwärtigen Verhältnisse beziehen lassen, so müsste ich wohl mit den beiden Bildern beginnen, die gleich folgen. Jemand hat mich auf die Idee gebracht, und ich werde darüber auch Auskunft geben. (Bilder anklicken und zu deuten versuchen!)

Leviathan_by_Thomas_Hobbes + HOBBES 1651

Amthor Oeconomica + AMTHOR 1716

Die Arbeit kann beginnen. Ich habe mir das nicht gewünscht, aber es scheint unvermeidlich. Also: Worum handelt es sich?

Es geht zunächst um Thomas Hobbes, (Nach-) Shakespeare-Zeit, und seine staatstheoretischen Lehren. Zitat:

[Sie] sind Gegenstand seines Hauptwerks, des Leviathan von 1651. Dort beschäftigt er sich mit der Überwindung des von Furcht, Ruhmsucht und Unsicherheit geprägten gesellschaftlichen Naturzustands durch die Gründung des Staats, also der Übertragung der Macht auf einen Souverän.

Dies geschieht durch einen Gesellschaftsvertrag, in dem alle Menschen unwiderruflich und freiwillig ihr Selbstbestimmungs- und Selbstverteidigungsrecht auf den Souverän übertragen, der sie im Gegenzug voreinander schützt. Rechtlich gesehen wird er zu Gunsten des kommenden Souveräns geschlossen. Weil der gar kein Vertragspartner ist, gibt der Vertrag also den ihn Schließenden ihm gegenüber weder ein Kündigungs- noch ein Widerstandsrecht.

Will man den Souverän stürzen, ist es immer Hochverrat. Stürzt man ihn dennoch und ersetzt ihn, so schließen die kommenden Untertanen einen neuen entsprechenden „Vertrag zu Gunsten Dritter“. Hobbes wird oft wegen seines Leviathan angeführt, jedoch wird seine Theorie als Rechtfertigung absolutistischer Herrschaft auch kritisiert.

Quelle Wikipedia hier.

Zum Titelbild des Leviathan (s.o.):

Zu sehen ist der Souverän, der über Land, Städte und deren Bewohner herrscht. Sein Körper besteht aus den Menschen, die in den Gesellschaftsvertrag eingewilligt haben. In seinen Händen hält er Schwert und Hirtenstab, die Zeichen für weltliche und geistliche Macht. Überschrieben ist die Abbildung durch ein Zitat aus dem Buch Hiob: „keine Macht auf Erden ist mit der seinen vergleichbar“.

Quelle Wikipedia hier.

Des weiteren sollte ich mich über Christoph Heinrich Amthor informieren, (frühe) Bach-Zeit; als sein bedeutendstes Werk gilt das Project der Oeconomic in Form einer Wissenschaft (1716). Zitat:

[Eine] der ersten systematischen Darstellungen der Ökonomie im Verhältnis zu den anderen Wissenschaften […]. Amthor kennt bereits den Begriff der Politischen Ökonomie, die er einerseits als die der Privathaushalte definiert, andererseits als die von Städten und Ländern, die durch Polizeiordnung in gutem Stand gehalten werden soll. Amthors positiver Arbeitsbegriff wird bereits in Paragraph Eins des Werkes deutlich: Alle Menschen sind zur Arbeit geboren.

Quelle Wikipedia hier.

ZITAT zur zweiten der obigen Abbildungen (betr.: „schändliche Faulheit“):

Bei allen Analogien in der vertikalen und horizontalen Bildgestaltung werden geradezu Antithesen zur Hobbes’schen Begriffsallegorie formuliert. So liegen zu Füßen der Ökonomie eben nicht verschiedene Praxisfiguren, die dann von einer personifizierten Staatstheorie überwölbt und dominiert würden. Es ist ganz und gar umgekehrt: Am Boden und gleichsam funktionslos geworden lagern vielmehr diverse Gestalten des Müßiggangs, die sich unschwer – wie die Bild-Inskriptionen und Amthors Kommentar dazu klarstellen – als Variationen untätigen Philosophierens und Spekulierens ausweisen: von „Divinus Plato“ und „Summus Aristoteles“ über „Philosophus Plagiosus“ (einer Höflingsfigur) bis zum mönchischen „Eremita“. Von oben herab und aus dem Mund der ökonomischen
Allegorie wird das Verdikt gefällt: „Odi ignarum vulgus“, „Ich verabscheue das unwissende Volk“. Platonische Ideen, aristotelische Wissenschaft, höfisches Nichtstun und klösterliche Kontemplation werden, wie es auch in Amthors Widmungstext heißt, nicht nur als Exempel „Schändliche[r] Faulheit“ mit einem „belieben zum Müßiggange“ disqualifiziert, in ihnen können zudem regelrechte Feinde der ökonomischen Wissenschaft ausgemacht werden. Für sie ist die Verfassung des neuen Erfahrungswissens „allzu unrein und gefährlich“. Dies ist ganz im Sinne der neuzeitlichen Verwendung des Ökonomiebegriffs und der damit verbundenen „practicalischen Philosophie“ gesprochen, die die Techniken und Künste, die
„bürgerlichen Tätigkeiten“ insgesamt aus dem Schlaf im „Herzen der Kontemplation“ befreien will.

Quelle Joseph Vogl: Der Souveränitätseffekt / Verlag diaphanes Berlin Zürich 2015 (Seite 12)

Mit diesem letzten Zitat bin ich beim eigentlichen Anlass meiner aktuellen bürgerlichen Arbeit (Lektüre) angelangt. bzw. deren privater und äußerer Begründung.

ZITAT (zum Trost bei Lese-Stockung):

Seinem [Vogls] aufklärerischen Ansatz zum Trotz ist „Der Souveränitätseffekt“ leider ein ausgesprochen umständliches Buch, eine Melange aus den sprachlichen Zumutungen von Finanzmarktterminologie und Geisteswissenschaft. Auf seitenlange Zitate aus Gerichtsurteilen folgen noch längere Nacherzählungen aus historischen Journalen, die den Eindruck machen, Joseph Vogl wolle seine Leser allzu bereitwillig an den Mühen seiner Recherche teilhaben lassen. Das ist bedauerlich, denn stark wird „Der Souveränitätseffekt“ immer dann, wenn sein Autor sich in aktuelle politische Kontroversen stürzt. Joseph Vogl schreibt dann zum Beispiel von einer Pervertierung des politischen Souveränitätsbegriffs: „Souverän ist, wer eigene Risiken in Gefahren für andere zu verwandeln mag.“

Quelle Der Spiegel, 10.03.2015, Kontrolle der Finanzmärkte: Wie Politik sich dem Kapital beugt. / Von Oskar Piegsa / Link s.o. unter „Begründung“. Weiteres hier.

Joseph Vogl zu den beiden Bildtafeln:

Man könnte also sagen, dass beide Bildtafeln zusammen – und emblematisch – eine Art Doppelporträt neuzeitlicher Macht vorführen, in dem der rechtlich-philosophischen Konzeption souveräner Gewalt die ökonomisch-praktische Dimension des Regierens gegenübertritt.

Damit beende ich die Phase meiner Selbstermutigung, erst in der historischen Anbindung fühle ich mich einigermaßen wohl (Shakespeare, Bach!) und schreite voran zur geduldigen Lektüre des Vogl-Buches. Aber es steht in den Sternen, ob ich eines Tages einen Erfolgsbericht anschließen kann. Immerhin war es ja nicht der erste Versuch. (Siehe hier.)

Empfehlung (1. Juni 2015)

Man könnte es sich mit dem sehr wichtigen Buch von Joseph Vogl einfacher machen (eine alte Methode, die ich schon des öfteren angewendet habe): in Form eines Schnelldurchgangs. Alle Kapitelanfänge der Reihe nach durchgehen, verweilen, wo es historische Augenblicke zu erfassen gilt, – aber: weitergehen, immer weiter. Für mich war es hochinteressant, bei Genua innezuhalten (hatte ich nicht gedacht, das moderne Finanzsystem sei in Siena oder Florenz entstanden!?), später: bei den Niederlanden, Amsterdam als Zentrum, dann England usw. Das ist alles Geschichte. Hintergrundwissen.

Aber dann ganz gründlich die letzten Kapitel: „Universeller Gläubiger“ und Souveränitätseffekt“. Das sind vielleicht 2 Din-A-4-Seiten. Wahrscheinlich haben Sie dort alles, wonach Sie suchten. Von nun an kann man an jeden Punkt rückwärts springen und ein paar Seiten lesen… Man weiß dann überall, worum es auch geht, auch schon in den „historischsten“ Details: TUA RES AGITUR. Es geht um jeden von uns!

Zum Beispiel Griechenland

Was tun?

Gesetzt den Fall, ich habe keine Ahnung vom Geld „im großen Sinne“ (was richtig ist), besitze aber das Buch „Philosophie des Geldes“ von Georg Simmel und sage mir immer wieder, dass es nicht genügt es zu besitzen und immer mal durchzublättern, um dann immer wieder zu sagen, dass ich es wirklich einmal – wie Goethe sagt – (im geistigen Sinne: das Buch, nicht das Geld:) erwerben müsste, um es zu besitzen. Schluss damit! Ich darf nicht mich und die Leser mit guten Worten und Vorsätzen hinhalten. Gesetzt den Fall also, ich brauchte einen anderen aktuellen Weg, dieser „Wirklichkeit“, die ich täglich andeutungsweise in der Zeitung finde, näher zu kommen, – was soll ich tun?

Einen Sprung wagen in die spezielle und hochgefährliche Wirklichkeit, in der z.B. jemand sagt:

Ich habe eben drei Punkte genannt, diese drei Punkte stellen sich in dem Fall – wir retten Griechenland vor dem Staatsbankrott oder nicht – diametral anders da. Also, es ist a) unheimlich kontrovers, die Diskussion um Griechenland-Hilfe; zweitens: Überaus harte Bedingungen werden gestellt; und drittens: Es wird sich auf Regelwerke berufen, die zum Teil extra geschaffen worden sind, aber von denen man sagt, sie müssen strikt eingehalten werden. Was sagt das über das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus einerseits und über Machtverhältnisse andererseits?

Ja, wenn ein Gespräch so beginnt, und ein vertrauenswürdiger Fachmann angesprochen ist, interessiert mich alles, was da gesagt wird. Ein Glücksfall, ich kann es hören und sogar nachlesen!

Der fragende Redakteur heißt Hermann Theissen, er stellt die Frage für den Deutschlandfunk an Joseph Vogl, der an der Humboldt-Universität zu Berlin Literatur- und Kulturwissenschaft lehrt und Professor ist am Department of German der Princeton University. 2015 veröffentlichte er sein Buch „Der Souveränitätseffekt“. Im gleichen Verlag erschien 2010 der Essay „Das Gespenst des Kapitals“.

ZITAT

Das Drehbuch der Lehman-Pleite hätte auch aus der Feder Heinrich von Kleists stammen können. Und der Finanz-Crash 2008 war eine wahrhaft revolutionäre Situation: Joseph Vogl betrachtet die Weltwirtschaft von der Warte der Kulturwissenschaft. Im Gespräch mit dem DLF weist er Wege aus dem „Gefängnis der Märkte“

Hermann Theißen: Joseph Vogl, in Ihrem jüngsten Buch führen Sie wunderbar vor, wie man jene Tage im September 2008, als die Investmentbank Lehman Brothers pleite ging und die Weltwirtschaft aus den Fugen geriet, als Novelle Kleistschen Zuschnitts interpretieren kann. Was macht diese Ereignisse im September 2008 zum Stoff einer solchen Novelle?

Wo geht’s weiter? HIER.

http://www.deutschlandfunk.de/krise-des-kapitalismus-natuerlich-gibt-es-auswege-aus-dem.1184.de.html?dram:article_id=315395

ZITATE (Joseph Vogl)

Eine völlig andere Situation betrifft nun Griechenland, weil man es hier mit zwei völlig unterschiedlichen Konsortien oder Gruppen oder, wenn man so will, auch Vertretern von Bevölkerungen zu tun hat, nämlich auf der einen Seite ein interessiertes Finanzpublikum, die internationalen Finanzmärkte, deren Vertreter, deren Investoren und natürlich die Gläubigerinstitutionen, und auf der anderen Seite plötzlich so etwas wie Bevölkerungen, die sich in demokratischen Regierungen repräsentiert glauben. Und an dieser Stelle gab es tatsächlich, wenn man so will, einen elementaren politischen Konflikt, der auch, wie spätestens nach den letzten Wahlen in Griechenland, nun auch heftig ausgebrochen ist.

(…)

Ein schwedischer Ökonom, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr renommiert war, hat es einmal in einer fast zynischen Formulierung definiert und er sagte: Es geht eigentlich darum, die Finanzökonomie gegen die Tyrannei der zufälligen Mehrheit von Volksvertretungen zu schützen. Ich glaube, diese Überschrift steht über sehr vielen dieser Verhandlungen.

(…)

Ich denke, es entspricht exakt der marktkonformen Demokratie, dass eben gerade unter demokratischen Prinzipien, unter demokratischen Regierungsformen, das heißt also unter dem Vorzeichen dessen, was wir repräsentative Demokratie nennen, bestimmte Institutionen – und das betrifft eben insbesondere Institutionen der Finanz – aus diesen demokratischen Kontrollprozeduren ausgenommen werden.

(…)

Dass es für alle nicht reicht, ist die Definition des Kapitalismus. Der Kapitalismus oder die Kapitalwirtschaft im weitesten Sinne, dieses ökonomische System funktioniert unter der Bedingung, dass die Güter knapp sind. Das heißt also, dass das Brot, das ich nicht esse, jemand anderem trotzdem fehlt, nur unter dieser Bedingung lässt sich das System erhalten. Das heißt, es funktioniert unter der Bedingung, dass zwangsläufig nicht alle satt werden, satt werden dürfen, ansonsten würde das System kollabieren.

Intoleranz tolerieren?

Inzwischen kehrt sich die Meinung von dem besinnungslosen „Ich bin Charlie“-Bekenntnis, das auf einem spontanen Mitgefühl für die Opfer von Gewalt beruhte, zu einer differenzierteren Betrachtung der Machtverhältnisse. Derjenige, der partiell die Macht übernimmt, weil er im Besitz von Waffen ist, kann sich, aufs Ganze gesehen, in einer Position der Ohnmacht befinden. Seine Lage ist hoffnungslos, er weiß, dass seine Gegenmeinung keine Chance hat, und die Anderen, die diese Meinung mit Füßen treten oder der Lächerlichkeit preisgeben, wissen es auch. Sie sind in einer Position der Stärke.

Man fragt sich jedoch, „ob der höchste Gebrauch, den man von der Meinungsfreiheit machen kann, ausgerechnet in der absichtsvollen Beleidigung einer Religion und in der Kränkung einer Minderheit bestehen muss…“.

Dass beide Prinzipien, das der Toleranz und das der Meinungsfreiheit, derselben Quelle entstammen, verhindert allerdings nicht, dass sie in der Praxis heftig aneinanderstoßen. Man kann aber das eine nicht zurückdrängen, ohne das andere zu beschädigen. Der polnische, seinerzeit in Oxford lehrende Philosoph Leszek Kołakowski hat schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass hier eine echte Aporie vorliege. Toleranz gegenüber einer fremden Kultur wird zum Problem, wenn sich diese Kultur ihrerseits durch Intoleranz auszeichnet, wie beispielsweise der Islamismus unserer Tage. Vollendete Toleranz müsste eigentlich den Respekt vor der Intoleranz einschließen. Ist der Respekt vor der Intoleranz aber einmal gewährt, gibt es keinen Grund mehr, der eigenen Kultur nicht ebenfalls das recht auf Intoleranz zuzugestehen. Man könnte also sofort zurückschießen. Oder, anders gesagt: die vollständig tolerierte, einschließlich ihrer Feindseligkeit akzeptierte Minderheit wäre die, die man auch vollständig entrechten könnte. Respekt für einen radikalen Islamisten hieße dann – Guantánamo.

Quelle DIE ZEIT 7. Mai 2015 Seite 47  In den Sackgassen der Toleranz. Sind Mohammed-Karikaturen imperialistisch? Warum zweihundert Schriftsteller in New York gegen die posthume Ehrung der ermordeeten Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“ protestieren. Von Jens Jessen

Ein Nachruf auf Kołakowski  (18.07.2009 FAZ) endete mit dem schönen Satz:

Der Selbstvergötterung des Menschen, so Kołakowski, habe der Marxismus den gültigen philosophischen Ausdruck verliehen. Auch diese Idolatrie ende „wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung. Sie erweist sich als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit.“

Mit einem leider etwas komischen musikalischen Bild beginnt Jens Jessen die hörenswerte Coda seines Berichtes über den New Yorker Protest der Schriftsteller:

Den von Minderwertigkeitsgefühlen Gepeinigten sollte man die Melodie ihrer Minderwertigkeit nicht immer aufs Neue vorspielen. Es ist auch richtig, dass der Streit universaler Prinzipien nie im machtfreien Raum ausgetragen wird. Was sich in der philosophischen Logik nicht befriedigend auflösen lässt, könnte sehr wohl in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wenigstens ausbalanciert werden, durch Sinn für Fairness – und sei es, dass die Mehrheit ihre Macht einmal nicht dazu einsetzt, die Minderheit zu verspotten, sondern ihr zu neuem Selbstbewusstsein zu verhelfen.

Insofern haben die zweihundert Autoren, die sich dem Konsens der Karikaturenverehrung entzogen, in New York etwas Großes getan. Sie haben die von Kołakowski bezeichnete Aporie nicht aus dem Weg schaffen können, aber sie haben den Umweg gezeigt, den man auch gehen könnte – und den die politischen Pragmatiker sei Langem schon gehen, auch wenn sie dafür von den Intellektuellen bis vor Kurzem verachtet wurden.

Quelle s.o. DIE ZEIT „In den Sackgassen der Toleranz“ (Jens Jessen)

Noch einmal: Muss der Respekt vor der anderen Kultur – ob wir sie nun in der Ferne als Mehrheitskultur oder bei uns in der Nähe als Minderheitskultur erleben – soweit gehen, dass wir z.B. auch ihre Frauenverachtung respektieren?

Natürlich nicht. Genügt es – frei nach Diderot – den anderen die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung über die Stellung der Frau zu artikulieren?

Jens Jessen meint (a.a.O.):

Das Dilemma lässt sich nur lösen, wenn man das Prinzip der Toleranz an seiner Vollendung hindert. Daher die berühmte, schon von Voltaire und anderen im 18. Jahrhundert erdachte Formel: Die Toleranz müsse ihre Grenze an der Intoleranz finden. Mörderischer Fanatismus muss nicht toleriert werden. Für unsere Tage und unseren Konflikt mit der islamischen Welt könnte das aber auch heißen, das eigene Toleranzideal nicht auszureizen, bis es den intoleranten Kern der fremden Kultur erreicht. Wo aber sollte die Grenze sein? Erst bei offener Blasphemie? Oder schon beim Kopftuch oder der notorischen Unterdrückung der Frau?

Kein Überdruss an Klassik

Ja, es gibt einen Überdruss an Klassik. (Aber die Klassik, die zählt, befindet sich ganz woanders!)

Zu den unangenehmsten Medien-Musik-Erfahrungen befragt, würde ich – mit Blick auf die jüngste Zeit – ohne Zögern zwei nennen: den Film „Lernen von Lang Lang. Nachwuchspianist Matthias Hegemann“. Darf ich das als Irreführung eines Einzelnen und der Öffentlichkeit bezeichnen? Von Lang Lang ist nichts zu lernen.

Und die Doppelseite in der aktuellen ZEIT (29. April 2015 Seite 52f):

Das Maestro-Syndrom. Wenn die Berliner Philharmoniker am 11. Mai einen neuen Chefdirigenten wählen, werden die Grenzen zwischen Musik und Macht neu ausgelotet. Wer tritt in die Fußstapfen von Karajan, Abbado und Simon Rattle? Eine Reise zu den fünf wichtigsten Kandidaten / Von Christine Lemke-Matwey.

Ich möchte gar nicht alles abschreiben, was mich abschreckt, empfehle aber dringend, jede Zeile des langen langen Artikels nachzuschmecken, hier ein Appetizer:

Angeblich, sagen Studien, genügt Musik allein nicht mehr. Eine Musik, wie Jansons sie im Münchner Gasteig vor zwei Wochen gemacht hat, klug und ganz natürlich, indem er das Violinkonzert von Brahms (mit Frank Peter Zimmermann als Solisten) so interpretiert, als sei der alte Repertoire-Hase gerade frisch geschlachtet worden. Noch wenn die BR-Symphoniker sich in die unbelüfteten Nischen der Partitur zurückziehen, ins Räder- und Passagenwerk, bleibt man ihnen bebend auf der Spur. Diese Spannung, diese schwebenden Farben, diese Nuancen im Zwiegespräch mit der Solo-Stimme.

Vielleicht genügt genau das am Ende? In Amerika war Qualität allein noch nie das Argument. Boston, im Januar. Andris Nelsons, 36 Jahre alt und wie Jansons in Riga geboren, leitet eine Siebte Symphonie von Bruckner, vor der man auf die Knie sinken möchte: kein maskulines Quaderschieben à la Celibidache, sondern lichteste, hellste Prozessmusik …

Und wenn dann bei Gustavo Dudamel aus dem Gespräch mit der Weitgereisten statt der „avisierten 20 Minuten tête-à-tête 40 Minuten“ werden (toll!toll!toll!), „und erstaunlicherweise ist dann auch alles gesagt: zu Dvořáks Symphonie aus der Neuen Welt, die er gerade dirigiert, zu seinen Klangfantasien (‚Der Kern liegt im Espressivo‘) “ – nein danke, ich breche ab.

Ach, aber dies vielleicht noch:

Die Berliner Philharmoniker gelten als extrem selbstbewusst, ja notorisch arrogant. Die Arbeit mit ihnen, soll Rattle einmal gesagt haben, sei, als habe man Sex mit jemandem, den man partout nicht leiden könne.

Dafür hat er nun ab 2018 die britische Lady London Symphony Orchestra am Hals, womit er allerdings „von der ersten in die zweite Liga absteigt“.

Endlich beim Thema, darf ich verbal aussteigen aus dem Klassik-Karussell und auf den „Bad Blog of Musick“ verweisen, der zwei Tage vor der ZEIT schon mehr über die Nachfolge wusste. Schlagzeile: Absage! Franz Beckenbauer (113): “Ich bin zu alt für die Berliner Philharmoniker!” 

Mehr davon HIER.

Hoffnungsloses Ostern …

… jedenfalls beim Zeitunglesen

ST Wochenende

Als Osterwochenendlektüre winkt uns die Schlagzeile Der Herr der Hasen (na sowas: in dem Erholungsort Glonn entstehen die Kunststoffformen für Schokoladenhosen), Vorsicht am Ende der Klammer: ein Versprecher, – letztlich geht eben alles in Richtung O-Vokal, aber der Osterinselartikel hat mich doch etwas aufgeregt: abgesehen vom gewissermaßen naturgegebenen Unsinn ihres Namens geht aus dem Text selbst mit keiner Zeile hervor, dass die Inselgeschichte eher vom Wahnsinn der Menschen und der Irreleitung durch religiöse Ideen kündet als vom Heilsweg, den das Christentum mit Ostern verbindet. Allein die wohl beiden gemeinsame Aussicht auf „mystische Geschichten“ soll uns weiterlocken.

ST Wochenende mystisches

Gleich daneben findet man auch noch das Angebot einer Schiffsreise „ins mystische Island“!

Und in der Stadt erhielt ich heute morgen das mystische CDU-Ei, das ich zuhaus ganz spontan mit geistigen Dingen in Kontakt brachte. Um den Zauber zu bannen…

Osterei CDU

Ich habe nochmal nachgelesen, was bei Jared Diamond abschließend zur Osterinsel steht.

„Was sagte der Bewohner der Osterinsel, der gerade dabei war, die letzte Palme zu fällen?“ Schrie er wie moderne Holzfäller: „Wir brauchen keine Bäume, sondern Arbeitsplätze!“? Oder sagte er: „Die Technik wird unsere Probleme schon lösen, keine Angst, wir werden einen Ersatz für das Holz finden?“ Oder vielleicht: „Wir haben keinen Beweis, dass es nicht an anderen Stellen auf der Osterinsel noch Palmen gibt, wir brauchen mehr Forschung, der Vorschlag, das Abholzen zu verbieten, ist voreilig und reine Angstmacherei“? Ähnliche Fragen stellen sich in jeder Gesellschaft, die ihre Umwelt absichtlich geschädigt hat. Wenn wir in Kapitel 14 auf dieses Thema zurückkommen, werden wir sehen, dass es eine ganze Reihe von Gründen gibt, warum Gesellschaften dennoch solche Fehler begehen.

Quelle Jared Diamond: KOLLAPS Warum Gesellschaften überleben oder untergehen S.Fischer Verlag Frankfurt am Main 2005 (Seite 147)

Wenn ich recht sehe, bleibt nicht viel Platz für Mystik…

Anfang und Ende der Inhaltsangabe dieses Buches:

Diamond Inhalt Anfang a Diamond Inhalt Ende b

ZITAT

Die meisten der Rätsel sind inzwischen halbwegs befriedigend gelöst. Sprachforscher haben nachgewiesen, dass die Osterinsulaner von Westen her, aus Polynesien, eingewandert sind. Der Zeitpunkt ist umstritten. Vielleicht erst im 12. Jahrhundert. Pollenanalysen haben ergeben, dass auf der Insel einst die größten Palmen der Welt wuchsen. Der Wald wurde abgeholzt, um die Statuen zu transportieren, um Kanus zu bauen und um Leichen einzuäschern.

Dem Raubbau folgte die Erosion des Bodens, der immer weniger Feldfrüchte hergab. Mit den Bäumen verschwanden die Landvögel. Auf Delfinfleisch und Fisch mussten die Insulaner verzichten, weil das Holz für seetüchtige Boote fehlte. Ein Teufelskreis. Die ökologische Katastrophe führte zu Stammeskriegen und schließlich – gegen Ende des 17. Jahrhunderts – zum rapiden Rückgang der Bevölkerung. 1994 hat Hollywoodstar Kevin Costner aus dem Stoff einen viel diskutierten Film gemacht (Rapa Nui); und just tauchte die beispielhafte Geschichte in dem Buch Kollaps des amerikanischen Geografen Jared Diamond wieder auf, das weltweit auf den Bestsellerlisten steht.

Quelle ZEIT online 29.05.2009 „Das Eiland am Ende der Welt“ von Thomas Schmid  HIER

Wissenswertes aus anderer Quelle (ZDFneo TERRA X  03.01.2010)

Heiße Spur auf Rapa Nui / Verlorenes Paradies

Die Osterinsel gibt Generationen von Wissenschaftlern Rätsel auf. Einst war die Insel ein Palmenparadies – eine Oase inmitten des Südpazifiks. Dann passierte etwas Merkwürdiges: 16 Millionen Palmen verschwanden und die riesengroßen Statuen, für die das Eiland heute bekannt ist, wurden umgestürzt.

 HIER (http://www.zdf.de/terra-x/schliemanns-erben-heisse-spur-auf-rapa-nui-5319172.html) Ab 16:18 Haben etwa eingeschleppte Ratten den Untergang des Waldes verursacht?

Der Zeitungsbericht ganz oben, der hier zum Anlass wurde, – Westdeutsche Zeitung WZ Wochenende 4. April 2015 -, endete mit den Sätzen:

Wenn die Sonne hinter den Steinfiguren langsam im Ozean versinkt, ist das ein wunderschöner Moment zum Grübeln und Sinnieren. Mancher Betrachter bastelt sich eine eigene Theorie über die Herkunft der Moai zurecht. Und mancher ist froh, dass es nicht auf alles eine Antwort gibt.

Dabei muss man es wirklich nicht belassen…

What about India’s Daughter?

Es ist bekannt, dass die indische Öffentlichkeit und die Weltöffentlichkeit gehindert wird, diesen Film zu sehen. Es geht aber darum, weiterhin zur Kenntnis zu nehmen, was der Fall ist, – und wie die Kontrahenten argumentieren.

Ich möchte mich zumindest daran erinnern und auf dem Laufenden halten, was in dieser Hinsicht geschieht (zu NDTV siehe hier):

Siehe auch hier:

http://www.independent.co.uk/news/world/asia/indias-daughter-how-india-tried-to-suppress-the-bbc-delhi-gangrape-documentary-10088890.html

Lesenswert auch der folgende Beitrag, – schon wegen der zahlreichen Meinungsäußerungen:

http://urbanasian.com/whats-happenin/2015/03/bbc-releases-indias-daughter-on-youtube/

Nachtrag 29. Mai 2015

Man lese zu diesem Thema (und der aktuellen gesellschaftlichen Situation in Indien) das Gespräch, das die Autorin Clair Lüdenbach für www.faust-kultur.de mit dem Schriftsteller RANA DASGUPTA geführt hat: HIER.

Ausgehend von der Frage:

Die Vergewaltigungen in Delhi und anderswo in Indien kommen nun in die Medien und die Täter vor Gericht. Das ist eine neue Entwicklung. Man kritisiert auch die Verteidiger der Vergewaltiger, die sich auf die Seite der Täter stellen. Und man diskutiert über moralische Werte. Das ist doch eine Errungenschaft, da bisher alles unter den Tisch gekehrt wurde. Gibt es da Hoffnung?

Die sogenannte Realität

Ich interessiere mich neuerdings für die Cayman Islands. (Ich war noch nie in der Karibik.)

Die Gipfel eines unterseeischen Gebirges, des bis nach Kuba reichenden Kaimanrückens, bilden die Inselgruppe. Ihren Namen verdanken die Inseln den hier lebenden Echsenarten, den Kaimanen, die man zu Beginn mit Krokodilen verwechselt hatte.

1503 von Kolumbus entdeckt, nachdem er von der geplanten Route abgewichen war. Später britisches Überseegebiet. Hauptexportmittel waren über lange Zeit Schildkröten und Muscheln. So lese ich in Wikipedia.

Aber ehrlich gesagt, was mich aufmerksam gemacht hat, ist eine Notiz in der ZEIT (19. März 2015 Seite 54):

… auf den Cayman Islands [sind] 80 000 Unternehmen registriert, aber nur 53 000 Einwohner.

Einerseits muss ich zugeben – Wirtschaftsstrukturen interessieren mich weniger als musikalische, andererseits bin ich deshalb noch lange kein Traumtänzer. Was tun? Ich mache mir Notizen und warte, ob sie weiterwirken. Noch kaufe ich das entsprechende Buch nicht. Ich lese in Wikipedia den Abschnitt, der nach dem Satz über Schildkröten und Muscheln folgt. Überschrift: Wirtschaft. Nicht nachlassen, die paar Zeilen kannst du absinken lassen, bitte HierWas braut sich da zusammen?

Die Cayman Islands liegen weit vor unserer Küste, off shore, vor jeder Küste, es ist der freie Raum da draußen. Aber man ist nicht einsam dort: eine ganze Schicht ist hier zu Hause, eine „globale Schicht, die aus hochvermögenden Einzelpersonen und Familien, Eigentümern/Managern großer Konzerne und Dienstleistungsunternehmen besteht“ (John Urry), sie verwenden „eine bestimmte ökonomische Strategie, quasi Kampftechnik, (…)  um ihre Gewinne zu erhöhen.“ Man nutzt den freien Raum.

Die Cayman Islands sind nur ein Beispiel, es gibt unzählige andere Orte außerhalb der „verwalteten Welt“, deren Verherrlichung natürlich nicht das Ziel dieser Notiz ist. Zugleich gilt es die Orte außerhalb zu entromantisieren.

Man denke an Offshore-Bohrinseln, auf denen Offshore-Energie-Unternehmen Öl aus dem Meeresboden pumpen. Man kann es onshore gut verkaufen, und diese Regel gilt eben nicht nur für Öl. Ich zitiere aus der Buchbesprechung, die referiert,

wie sich Konzerne und ihre Eigentümer, man kann auch sagen, das Kapital, darauf besonnen haben, dass sie gegenüber Staaten und Arbeitern einen Startvorteil haben: Sie sind mobil. Sie können ihr Geld über die Landesgrenzen hinweg verschieben und die Welt nach den geringsten Löhnen, niedrigsten Steuersätzen und lockersten Umweltauflagen absuchen.

Es geht also nicht nur um den Öl-Verkauf oder um billige Herstellung und profitablen Verkauf sonstiger Güter, sondern auch um die „Entsorgung“ von Müll und giftigen Chemikalien – und auch um das Angebot anderswo verbotener oder verpönter Dienstleistungen und Praktiken wie etwa Drogenkonsum oder Sex mit Teenagern.

Und nun der entscheidende Text:

Es ist nicht so, dass sich diese Offshore-Welt nicht verändern ließe, dass man sie nicht in eine Onshore-Welt zurückverwandeln könnte. Nötig wären hierfür Bündnisse unter einzelnen Regierungen, eine Art zwischenstaatliche Solidarität, theoretisch ist das möglich. In der Praxis versprechen sich Regierungen mehr vom zwischenstaatlichen Wettbewerb um die Gunst der Konzerne, in der Hoffnung auf Wachstum und Arbeitsplätze.

Und Ähnliches gilt auch für das Freihandelsabkommen TTIP, das man nach Strich und Faden bekämpfen sollte. Doch darüber später.

Quelle der Zitate und Anregungen: DIE ZEIT 19. März 2015 Seite 54 In die Tiefe des Raumes Wie schafft es das Kapital eigentlich, alles auszulagern, was seine Interessen stört? John Urry und Thilo Bode benennen in ihren Büchern die Tricks des Systems. Von Wolfgang Uchatius.