Kategorie-Archiv: Philosophie

Bildung oder Ausbildung?

Warum denn „oder“? Vielleicht nur „Kompetenz“?

Ich komme darauf, nachdem ich mit viel Zustimmung das Buch von Peter Bieri gelesen hatte, wie üblich mit dem Buntstift, um beim erneuten Blättern die „eigenen“ Ansatzpunkte wiederzufinden. Am Ende schaute ich die Außenseite des Buches schärfer an und konnte mich nicht erinnern, den unterm Titel abgedruckten Satz irgendwo gesehen zu haben.

Ich kenne einiges von ihm, seit ich den Film „Nachtzug nach Lissabon“ gesehen habe und dann erfuhr, dass der Autor des gleichnamigen Buches – Pascal Mercier – niemand anders als Peter Bieri ist. Manches was ich im ZEIT-Archiv von ihm fand, erschien mir auch so wiederlesenswert, dass ich es auf der Bildleiste des Monitors verlinkt habe. (Z.B. „Fühlen, um zu erkennen“ hier.) Aber dieser eine Satz zur Kultur der Stille hat mich unangenehm berührt. Im Text habe ich dann allerdings einen Satz versehentlich mit Fragezeichen gekennzeichnet, der zwar daran erinnerte: hier ging es jedoch nur um hypothetische Bewertungen eigenen Erlebens, nicht um die Andeutung einer persönlichen Präferenz.

Natürlich habe ich nichts gegen die Stille eines Klostergartens, aber ich will kein Lobredner der Stille sein, ohne zugleich anzumerken, dass ich andererseits auch das Getümmel auf belebten Plätzen einer Großstadt genießen kann. Und so bin ich auch sehr interessiert an der Rolle, die die Anderen in diesem Buch spielen. Und Bieri spricht eindrucksvoll von dem komplexen Gewebe bedeutungsvoller, sinnstiftender Aktivitäten, das wir Kultur nennen:

Menschen schaffen sich ein solches Gewebe, um sich ihre Beziehung zur Natur, zu den anderen Menschen und zu sich selbst zurechtzulegen. Diese Orientierung betrifft sowohl unsere Gedanken als auch unsere Gefühle, und sie dient uns als Leitfaden des Wollens und Handelns. Das kulturelle Gewebe, in dem Menschen leben, ist weder einheitlich noch unveränderlich. Es kann von Gemeinschaft zu Gemeinschaft sehr unterschiedlich gewoben sein, und es verändert sich über die Zeit. Die kulturelle Identität eines Menschen ist sein Ort in einem solchen Gewebe zu einer bestimmten Zeit.

Bildung ist die wache, kenntnisreiche und kritische Aneignung von Kultur. Es ist dieser Prozeß der Aneignung, in dem sich jemand eine kulturelle Identität schafft.

Quelle Peter Bieri: Wie wollen wir leben? Residenz Verlag St.Pölten / Salzburg 2011 (S.61f)

Im Anhang mit Literaturhinweisen verweist der Autor auf seinen Essay Wie wäre es gebildet zu sein? In: H.-U. Lessing/V.Steenblock (Hg.), „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht“ etc. und sagt: „Ich zeige dort, daß Bildung etwas ganz anderes ist als Ausbildung.

Das verstehe ich, aber es fordert einen leisen Widerspruch heraus, der sich vielleicht während der Lektüre dieses Buches unterschwellig verschärft hat. Erkennbar (oder von mir heimlich unterstellt) die Neigung zur Isolierung des Eigenen (einer Beschränkung auf den engeren Umkreis, in den alles Äußere einbezogen werden soll, nobilitierbar durch einen berühmten Ausspruch von Alexander Humboldt). Die Gefahr habe ich frühzeitig an mir selbst beobachtet: ich glaube, seit meiner Kindheit. Aber das ist Gottseidank heute nicht mein Thema. Ich beobachte Andere. Noch einmal Peter Bieri in einem weiteren Abschnitt aus seinem Buch:

Und nach dem hier entwickelten Verständnis von Bildung genügt es nicht einmal, daß ich mit den Texten, den Bildern und der Musik ganz für mich allein lebe, so daß sich der Verdacht des Demonstrativen oder Angeberischen erübrigt. Die Topoi einer Kultur tragen erst dann zu echter Bildung bei, wenn sie in der Aneignung all der Dinge, von denen ich früher gesprochen habe, eine bestimmende Rolle spielen. Erst wenn meine eigene Sprache durch das Lesen von Literatur reicher, differenzierter und selbständiger wird, ist etwas im Sinne der Bildung mit mir geschehen. Erst wenn meine Beschäftigung mit Traktaten über Vernunft sich in der Organisation des eigenen Denkens und Tuns niederschlägt, war die Lektüre wirklich eine Bildungserfahrung. [a.a.O. Seite 82]

Ich bemerke, wie ein kleines rotes Warnlicht still zu leuchten beginnt, sobald ich in dem ersten Satz über die Wortkombination ganz für mich allein hinausgekommen bin und mich auf das Wort eigen kapriziere. Habe ich nicht Anfang der 60er Jahre mal gedacht, die ideale Situation, ein Solissimo-Werk von Bach  zu spielen, sei : in einer nicht zu großen Kirche, in höchster Konzentration und ohne Publikum? (Aber durchaus nicht „Soli Deo Gloria“,  jedenfalls bin ich mir dessen nicht ganz sicher: mein Gott war damals Mallarmé. Mein Sinn für barocke Rhetorik schwebte im luftleeren Raum.) 

Heute unterschreibe ich die Einsichten, die bei Karl Jaspers zu finden sind:

Die Vernunft wird zum grenzenlosen Kommunikationswillen.

Durch die sichere Geltung eines Gemeinsamen, das in jeden Alltag drang, war bis nah an die Gegenwart ein Zusammenhalt unter den Menschen, der die Kommunikation selten zu einem Problem werden ließ. Man konnte zufrieden sein mit dem Wort: wir können miteinander beten, nicht miteinander reden. Heute, wo wir nicht mehr einmal miteinander beten können, wird erst zu vollem Bewußtsein gebracht, daß das Menschsein an die Rückhaltlosigkeit der Kommunikation zwischen Menschen gebunden ist.

Quelle Karl Jaspers: Der philosophische Glaube / Piper München Zürich 1948, 1974 / Zitat Seite 133

Man sieht, dass es nicht unbedingt eine Frage des Jahrgangs oder des Glücks oder Unglücks der späten Geburt ist.

Die Anregung aber, das Problem der Differenz zwischen Bildung und Ausbildung etwas anders zu sehen als Peter Bieri, kommt aus einer anderen Ecke; dort wird das Wort Kompetenz bevorzugt, das auch von durchaus gebildeten Menschen respektiert wird.

Wer von der eigenen Kompetenz sprich, zeigt auf die Probleme, die er oder sie bearbeitet – nicht auf ein Wissen über die kulturelle Vergangenheit oder ein Potential, das sich möglicherweise in der Zukunft entfalten lässt. Die Rechtfertigung für das eigene Lernen ergibt sich aus dem vorliegenden Problem. Das heißt nicht, dass dieses Lernen nicht die Kulturgeschichte betrifft oder eine Bedeutung für die Zukunft hat – es kann aber darüber nicht legitimiert werden.

Aus diesem Gedankengang lässt sich eine fundamentale Kritik an Bieris Ansatz ableiten. Bieri spricht von einem Gebildeten, der liest, sich aufklärt, sich kennen lernt und so verhindert, dass er Opfer wird. Er wird aber nicht als Mitglied einer Gemeinschaft gedacht, nicht als Teilnehmerin in einem Gespräch, in dem Kritik und Differenzen gelebt werden.

Quelle Philippe Wampfler: „Wie wäre es, kompetent zu sein? – Peter Bieri revisited.“ Abzurufen im Blog des Schweizer Autors: Schule Social Medium und zwar HIER .

Das in diesem Artikel ehemals verlinkte pdf der von Peter Bieri vor rund 12 Jahren gehaltenen Festrede ist leider nicht mehr abzurufen. Aber die Argumentation lässt sich trotzdem nachvollziehen. Näheres über die von Philippe Wampfler genannten Gewährsleute Franz E. Weinert hier , Erpenbeck und Sauter hier , Christoph Schmitt hier , Hermann Giesecke hier .

(Inzwischen haben wir den 6. Dezember 2018, 16:18 Uhr. Ein Tag wie jeder andere.)

 Mittags in WipperaueBlick nach Nesselrath

Wo bleibt die musikalische Basis?

Mehr Bildung durch Ausbildung

Das wäre meine Formel, wenn ich gefragt würde. Eine Lehrformel, aber auch eine Leerformel. Denn sobald es in die Details gehen soll, beginnt die Diskussion. Und zwar auf der untersten Stufe: Die Musik kommt doch von selber. Mein Kind ist so musikalisch! Mag sein, – und wenn es sich fürs Fliegen interessiert, kaufen Sie ihm einen Segelflugschein, und los gehts… Viel Spaß dort oben!

Spaß beiseite. Jeder ahnungsvolle Laie müsste doch darauf kommen, vom Lernen zu sprechen, von einer Ausbildung, von einem komplizierten Prozess des Hineinwachsens und dergleichen. Und von der Methode. Es geht um Theorie und Praxis, auch in der Musik, – vielleicht hätte ich nie von einer Zeitschrift dieses Titels gehört und würde sie nicht bei der AWO (Arbeiterwohlfahrt) suchen. Daher auf diesem Wege. Dank des anregenden Interviews, das jemanden zum Reden brachte, der nun wirklich sein ganzes Leben der Musik widmete und nicht nur davon, sondern (frei nach Eisler) auch von vielen anderen Dingen was versteht.

Freiheit, Gleichheit, musische Bildung
Der versierte Musikkenner Berthold Seliger erklärt im TUP-Interview unter
anderem die Bedeutung von ernster Musik für die innere Freiheit des
Menschen und warum es ein massives Umdenken in der Bildungsarbeit
geben muss, damit Kinder und Jugendliche eine wirkliche musische
Bildung erfahren und nicht nur mit Blick auf wirtschaftliche Effizienz und
Nutzen für den Arbeitsmarkt ausgebildet werden.

Weiter HIER

Weitere Informationen dort als PDF oder auch anschließend an dieser Stelle direkt. Das Interview mit Berthold Seliger erscheint in Heft 4-2018 der TUP Anfang Dezember 2018.

PDF HIER

ZITAT Berthold Seliger:

Wenn Helene Fischer an einem Samstagabend eine große Dreistundenshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat, dann finde ich das okay, das gehört ja auch, ob man das will oder nicht, zur kulturellen Vielfalt unserer Gesellschaft. Aber dann sollte am nächsten Samstag eine tolle Hip-Hop-Show gezeigt werden, am Samstag darauf eine tolle Klassiksendung mit einer wirklichen Bandbreite von verschiedensten Musikstilen, dann eine Rockshow und eine mit Weltmusik. Nur dann bildet sich eine kulturelle Vielfalt ab und kann auch hergestellt werden. Letztlich können die Leute dann ja immer noch sagen: Helene Fischer war mir aber am liebsten. Aber es wird andere geben, die sagen: Den Beethoven, den Mahler, den Bartok, den Henze oder die afrikanische Band da – das fand ich aber auch klasse!
Aber das ist ein weiter Weg. Da darf man sich keine Illusionen machen.

Unkorrektes Nachwort

Aus frischem Erleben muss ich etwas hinzufügen: Heute Nacht habe ich Helene Fischer im Fernsehen gehört und gesehen, ca. eine halbe Stunde, als Pflichtübung, aber was soll ich bloß sagen, wie soll ich Fairness zeigen? Ich kann es nur als eine Helene-Fischer-Parodie wahrnehmen. „O Tannenbaum“ zum Beispiel, da fehlen einem die Worte, soviel Gefühl am falschen Platz. Es kommt wie aus der Spraydose. Loriot sagte: „Früher war mehr Lametta!“ Auch das war Parodie. Nie war mehr Lametta als heute! Vielleicht nicht am Baum, aber in der Weihnachtsbäckerei, ach, und die lieben Kleinen auf der Bühnentreppe, das entzückende Mienenspiel, wer will sie schelten? Allerdings ist zu bedenken: schon der lange Abend vorher war erfüllt vom falschen Glanz André Rieus, „der Klassiker zum Klingen bringt“. Helene Fischer und Gäste „präsentieren Weihnachtsklassiker“. Wer hält das aus? Ich vermute, in der Fernsehstatistik läuft der ganze Abend unter Klassik, das wird ein guter Schnitt, zumal „schließlich noch einmal der tiefere Sinn des Festes spürbar“ wird. Wer will denn sowas kaputtmachen? Natürlich hat Aufklärung auch immer etwas Arrogantes, und zur Bildung gehört zuerst das Taktgefühl. Keinem lieben Menschen, der Helene Fischer wirklich verehrt, könnte ich ein böses Wort sagen. Und auch nicht den Besuch der H-moll-Messe empfehlen. Die Rede ist also von einem Projekt der Zukunft. Geschmacksbildung. Einerseits ein elitäres Wort, andererseits von bleibendem Wert.

Das Musterbeispiel eines festlichen Samstagabendprogramms:

H.F. ist übrigens ein recht deutsches Phänomen, das in der Perspektive von außen eher befremdlich oder auch leicht komisch wirkt, – wenn es nur nicht um so viel Geld ginge. Hier geht es zu einem amüsanten Artikel in „The Guardian“ 22 Nov 2018. Titel:

I Loves You Porgy

Magie der Musik?

Wenn jemand eine (aus meiner Sicht) musikästhetische Bemerkung macht, wer auch immer bei welcher Gelegenheit auch immer, muss ich der Sache nachgehen. Unabhängig von meiner spontanen Einschätzung ihres Wertes. man könnte es mein Hobby nennen, es ist aber eine Art Zwang. Ganz besonders, wenn die Musik eine besondere Emotion ausgelöst hat (haben soll). Diesmal z.B. bei einer weltbekannten Sängerin, die mir zeitlebens unbekannt geblieben ist, obwohl sie schon 1987 – 14-jährig – einen Sommerhit gelandet hat: Vanessa Paradis in der britischen Musiksendung „The Roxy“. Ich weiß das durch das Interview im ZEIT-Magazin (Autor: Christoph Dallach) 29. November 2018 No.49. ZITAT aus dem letzten Abschnitt Seite 54:

Auf Ihren früheren Tourneen haben Sie „Joe le taxi“ immer wieder in sehr verschiedenen Versionen aufgeführt. Haben Sie das Gefühl, mit dem Song erwachsen geworden zu sein?

Joe le taxi ist für mich nicht irgendein Song, er ist das Symbol meiner ganzen Karriere. Ich hatte über die Jahrzehnte hinweg immer eine ganz besondere Freude daran, Joe le taxi bei jedem einzelnen Konzert aufzuführen. [Text hier] [Folgendes Video im externen Fenster hier]

Warum?

Weil dieses Lied eben so unfassbar wichtig für mich ist. Es steht für eine prägende Zeit in meinem Leben und für eine Geschichte, die mittlerweile 31 Jahre andauert. Sie sitzen mir auch nur deswegen gegenüber, weil es diesen Song gibt. Er hat den Kontakt zwischen mir und meinem Publikum hergestellt. Ohne dieses Lied wüsste die Öffentlichkeit überhaupt nicht, wer ich bin. Und ich weiß, dass es auch vielen Menschen da draußen etwas bedeutet. Es gibt diese Lieder, die für wichtige Momente in der Biografie eines Menschen stehen. Oft stellt sich diese Bedeutung erst viel später ein. Songs erinnern an besondere Menschen, an eine besondere Reise oder ein besonderes Ereignis. Das ist doch die Magie von Musik: Sie kriecht in das Leben von Menschen hinein. Mich bewegt Musik immer wieder sehr.

Welche Musik rührt Sie zu Tränen?

Sehr, sehr viele Songs von Sade. Die packen mich immer wieder.

Und der eine große Song, der Sie immer wieder elektrisiert?

Der ist von Nina Simone. Wenn sie I Loves You Porgy singt, ist es um mich geschehen. Da heule ich immer.

Kommentare unter dem Video beachten! Wikipedia über das Lied hier. Das Video im externen Fenster hier.

Quelle des wiedergegebenen Textausschnittes: „Mein Leben ist nicht hart, glauben Sie mir“ Popstar mit 14, die erste Hauptrolle in einem Kinofilm mit 16, turbulente Beziehungen mit Lenny Krawitz und Johnny Depp: Ein Gespräch mit Vanessa Paradis über die Songs ihres Lebens und ihren Fehlstart als Kinderstar / Von Christoph Dallach. ZEIT-Magazin 29. November 2018 No.49. ZITAT aus dem letzten Teil Seite 54.

Ein geheimnisvoller Weg nach innen?

Warum ich Novalis nicht zitieren mag

Es klingt ja einfach viel zu schön, um wahr zu sein. Früher hätte ich es mir gewiss notiert. Habe es sogar getan (synchron zur Yoga-Lektüre). Lesen Sie nur im Wikipedia-Artikel Blüthenstaub nach, was es damit auf sich hat. Und auch heute – sagen wir: ich stehe auf dem Bahnsteig, Gleis 1, und warte auf den Zug in Richtung Köln – denke ich gern über Innen und Außen nach, eigentlich bilden die Augen die plausible Grenze, gewissermaßen ein von innen gefühlter Wasserspiegel …, ich schweife ab und versuche, das Märchen von dem kleinen und großen Klaus zu memorieren, es führt zu nichts. (Außer zu Andersen.) Und es geht mir nicht anders, wenn ich zur Vergewisserung eigenhändig niedergeschriebene Artikel wie „Außenwelt und Innenwelt“ oder den über Beethoven und Kant in Erinnerung rufe. Im heutigen Artikel beziehe ich mich auf eine einzige Vorlage, die ich immer rekapitulieren kann, sobald ich bemerke, dass ich in ein zu einfaches Denken verfalle. Verstehe ich etwa allzu mühelos den folgenden Satz?

Was ich äußerlich und innerlich wahrnehme, alles gehört gleicherweise zur Welt des Gegenständlichen, auch die Denkvorgänge, sofern sie psychologisch beobachtbare Erscheinungen mit sich bringen.

Natürlich nicht, jeder könnte widersprechen und sich klug vorkommen, intuitiv und selbstgewiss, seiner selbst gewiss. Aber nur die Gewissheit, dass dieser Satz nicht ohne viele andere Sätze gilt, hindert mich an jeder Reaktion außer der einen: weiterzulesen und weiterzuschreiben. Und schon der nächste Abschnitt (von den vorhergehenden zu schweigen) rechtfertigt mein Zögern und lässt mich innerlich jubilieren: Ja, genau das hatte ich erhofft. (JR)

Es wäre falsch, das Dasein vollständig aufgeteilt zu sehen in die äußeren Dinge und in die innere (psychische) Subjektivität. Das ist richtig für alles, was ich beobachte, aber nicht für das, was Ursprung dieser Beobachtung ist, nicht für das „ich denke“ des Bewußtseins überhaupt, dieses alles übergreifenden, dem sowohl das Äußere wie das Innere Gegenstand wird, ohne selbst Gegenstand zu werden. Es ist als von uns gedacht ein konstruierter Punkt, der der Beobachtung sich schlechthin entzieht, aber im Selbstbewußtsein gewiß ist.

Man versteht es, – aber nicht ohne Zeit aufzuwenden. Seien Sie nicht zu schnell. Könnten Sie es mit eigenen Worten wiederholen? Die Stelle nach dem „Bewußtsein“, dem alles übergreifenden… Auch der Autor sagt es noch einmal und zwar ausführlicher.

In ihm als dem einen, allen gemeinsamen „ich denke“ entspringt das Bewußtsein des Allgemeingültigen, das ich im Urteil erfasse …

Kein kritisches Urteil, sondern einfach ein Satz, gesprochen oder geschrieben.

In ihm als dem einen, allen gemeinsamen „ich denke“ entspringt das Bewußtsein des Allgemeingültigen, das ich im Urteil erfasse, während die beobachtete Subjektivität in ihrer Besonderheit die Verfälschungen jenes Allgemeinen, bloße Meinungen bringt, in denen doch immer noch als Form ein Allgemeines die Struktur des Verkehrten gibt. Das Bewußtsein überhaupt zeigt uns, worin wir alle als denkende Wesen übereinstimmen.

Es wird deutlich schwieriger, ich muss es mehrfach lesen, bei jedem Satzteil innehaltend. Und weiter:

Das Bewußtsein überhaupt zeigt uns, worin wir alle als denkende Wesen übereinstimmen. Während in jeder Besonderheit der Subjektivität etwas Inkommunikables [also etwas nicht Kommunizierbares] bleibt, verstehen wir uns in dem Allgemeinen des Bewußtseins überhaupt, Identisches meinend, selber miteinander und mit uns selbst identisch. Es wäre falsch, mich selbst zu identifizieren mit dem, als was ich für psychologische Beobachtung durch mich oder andere zur Erscheinung komme. Ich bin darüber hinaus dieses „ich denke“ überhaupt, aus dem alle Helligkeit kommt, und dies in seinem Wesen so Geheimnisvolle.

A propos Helligkeit: Wie sagte doch Novalis? Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei, und der Schattenkörper hinweggerückt ist.

Vergessen wir Novalis! Es klingt zu schön um wahr zu sein. Der vorher zitierte Autor hat ein Einsehen mit uns, er sagt es nicht so verlockend, er sagt, was er meint, einfach noch einmal mit anderen Worten:

Noch einmal: ich weiß im Vollzug des Wissens durch Selbstbewußtsein noch nicht von mir als einem besonderen Gegenstand. Im gegenständlichen Wissen von mir habe ich mein Dasein in psychologischer Betrachtung zu einem Objekt gemacht. Ich überschreite diese Objektivierung und kehre zurück zum vollziehenden Wissen in meinem Selbstbewußtsein, das, je eigentlicher das Denken ist, desto entschiedener psychologischer Betrachtung sich entzieht. Indem ich denke, weiß ich, daß ich bin; zwar nur dies, daß ich bin, weder wie ich mir in der Fülle des Mir-Gegebenseins als dieses psychologische Individuum erscheine, noch was ich an mir selbst zugrundeliegend bin.

Dieses Bewußtsein des Seins in dem „ich denke“ ist ungemein merkwürdig. Das Bewußtsein meines empirischen Daseins in der Zeit ist ausdrücklich zu unterscheiden von dem Bewußtsein meines zeitlosen „ich denke“. Beide „sind“, aber auf radikal verschiedene Weise:

Ich unterbreche: … meines empirischen Daseins? Hier am Schreibtisch oder dort im Bahnhof am Gleis 1, ja? Ich dachte, schon dort wäre mein Bewusstsein relativ zeitlos. Abgesehen vom Blick auf die Uhr. Nicht witzig werden! Zurück! Noch einmal lesen! Das Wort „Fülle“ hatte mir schon gar zu theologisch geklungen.

Beide „sind“, aber auf radikal verschiedene Weise:

„Ich bin mir meines Daseins in der Zeit durch innere Erfahrung bewußt, und dieses ist einerlei mit dem empirischen Bewußtsein meines Daseins.“ [Auf dem Bahnsteig…] Hier bin ich mir „ebenso sicher bewußt, daß es Dinge außer mir gebe, als ich mir bewußt bin, daß ich selbst in der Zeit bestimmt existiere“.

Dagegen ist das intellektuelle Bewußtsein meines Daseins in der Vorstellung „ich bin“, welche als „ich denke“ alle meine Urteile begleitet, etwas, das sowohl der äußeren wie der inneren Anschauung vorangeht. Es wird selber nicht Gegenstand etwa einer „intellektuellen Anschauung“, sondern bleibt in bloßer Selbstgewißheit, weil ohne zeitlich anschauliches Dasein nicht faßlich, auch zeitlos. Alle innere Anschauung ist (wie alle äußere Anschauung) an die Zeitbedingung gebunden. Gäbe es intellektuelle Anschauung, so müßte sie das Zeitlose im „ich denke, ich bin“ erfassen. Das ist nicht möglich.

Wenn es uns ein Trost sein kann: auch der Autor weiß, dass er uns etwas zumutet. An anderer Stelle äußert er sich spürbar empathisch, was mich beruhigt; auch mein Ärger, wenn ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht, ist normal. Nur eins kommt nicht in Frage: dass ich aufgebe und den ganzen Text für weltfremden Unsinn oder gar Schikane halte. Er sagt (S.397f): Wer aber verstehen will, muß Geduld haben. er muß dasselbe in anderer Gestalt, bei Wiederholung, wiedererkennen. Irgendwann, plötzlich geht ihm ein Licht auf. Es handelt sich nicht um einen mathematischeen Gedanken, der mit komplizierten Operationen erzwungen werden kann, sondern es handelt sich um eine mit dem Denken selber zu vollziehende geistige Umwendung. Es handelt sich nicht darum,etwas als Gegenstand zu begreifen, sondern im Gegensätzlichen etwas Ungegenständliches zu vollziehen. Wohl ist dazu das Lernen einer philosophischen Sorache und das Begreifen partikularer Klarheiten notwendig. Aber diese haben nur Sinn, wenn eines Tages ein Ruck erfolgt: der Ruck einer Einsicht, die nicht mystisch, nicht moralisch, nicht von Offenbarungscharakter ist, aber im vernünftigen Denken das Denken selber transzendiert.

Und nun kommt der letzte Absatz, der eine Variante dessen ist, was wir oben gehört haben. Nebenbei erfahren wir, mit wessen Denken wir uns hier aufs neue vertraut machen, der Name Kant wird genannt. Und alles, was hier geschrieben war, rekurriert auf einen seiner berühmtesten Sätze. (Siehe auch hier.)

Wohl ist mit dem „ich denke“ das Bewußtsein des eigenen Daseins (Existenz) verknüpft. Alles, was für uns ist, wird durch die Verknüpfung mit dieser Existenz selber gegenwärtig und damit selbst Existenz. Daher sagt Kant, wenn er vom gestirnten Himmel über mir und dem moralischen Gesetz in mir spricht: „Ich verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz.“ Aber diese Verknüpfung mit meiner Existenz als denkendem Subjekt besagt nichts über mein individuelles Subjakt. Die Selbstgewißheit des Daseins im „ich denke“ erlaubt keine gültige Aussage über dieses Ich als Substanz, daher auch nicht über seine Unsterblichkeit, nicht über seine Einheit und Einzigkeit. Sie ist lediglich der Seinspunkt des „ich denke“.

Andererseits hat dieses „ich denke“ die allumfassendste Bedeutung. Was als Sein sich zeigt und mitteilbar wird, muß im „Bewußtsein überhaupt“ erscheinen. Ich erfasse die Grundmöglichkeiten des gültig wißbaren Seins, wie es für mich zugänglich wird, indem ich die Momente des Bewußtseins überhaupt erhelle.

Quelle Karl Jaspers: Drei Gründer des Philosophierens PLATO AUGUSTIN KANT piper paperback R.Piper & Co. Verlag, München 1957. / Zitate ab Seite 215.

[JR 6.XII.61] Die Unterstreichungen von damals besagen, dass ich im KANT (wieder einmal) stecken geblieben bin; 1964 ebenso in den „Prolegomena“, die einen Neuansatz bedeuten sollten. Usw. usw., von allem bleibt etwas hängen, sage ich mir. Damals hätte ich vom Schluss her, den Ermutigungen des Autors folgend, die wichtigsten Seiten immer wieder neubeginnen müssen, statt zu bedauern, dass ich ohne ein endgültiges Verstehen die Lektüre aufgeben müsse. Dies ist der neueste Neubeginn, der möglich wurde, nachdem ich letztens in Stuttgart volles Vertrauen zu Jaspers und seiner Methode des Denkens entwickelt habe. Nun könnte endlich Kant selbst folgen.

Wie damals, vor 15 Jahren, der Neubeginn in der Bretagne, mit dem Büchlein von Volker Gerhardt, das ich reaktivieren könnte. Und am Ende – Kant im Original – warum eigentlich nicht?!

…den Begriff des Lebens, um den der Vernunft verständlich zu machen.

Nachhilfe zur Selbsthilfe

Ich versuche das, was mich bei Jaspers beeindruckt hat (siehe oben), bei Gerhardt wiederzufinden, dessen Büchlein ich damals recht gründlich durchgearbeitet habe (jetzt schien mir alles vergessen). Hier die entsprechenden Seiten 170 bis 172 oben (nach Klick leicht lesbar):

  

Noch ein Nachwort als neues Vorwort

Bevor ich diesen Artikel von vorn beginne, wäre ein hier bereits vorausgesetztes Thema aufzugreifen, wo immer es sich bietet: die „Subjekt-Objekt-Spaltung“. Wenn man es – im „natürlichen Denken“ verharrend – ignoriert, kommt man philosophisch nie auf einen grünen Zweig.

Für Kant zeigte sich hier ein außerordentliches Rätsel: die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, dieses Rätsel, über das wir alle hinwegleben und über das Jahrtausende hinweggelebt haben. Das Ding, das ich erkenne, bin nicht ich; was ist es denn? Ich bin nicht, ohne Gegenstände vor mir zu haben, ohne Sinnlichkeit des Gegebenen; was bin ich denn ohne sie? Es gibt für mich keinen dritten Standpunkt außerhalb, von dem ich Subjekt und Objekt des Denkens vergleichen könnte. Ich vergleiche immer nur Objekte und zum Objekt gemachte Subjektivität. (Jaspers S.195f)

All diese Fragen und Antworten ließ Kant zurück, indem er nach dem Subjekt-Objekt-Verhältnis selber fragte. Die Voraussetzung des bisherigen [„natürlichen“] Denkens, das feste, bestehende, unüberschreitbare Verhältnis von Subjekt und Objekt, das als solches nicht zum Gegenstand der Frage, weil als solches gar nicht bewußt geworden war, machte Kant sich zur Frage. Das Subjekt-Objekt-Verhältnis ist nicht das absolute, allem vorhergehende Sein, nicht das Erste, sondern ein Zweites. Damit öffnete er einen Raum, den zu betreten in unabsehbare Möglichkeiten führt.Kant war sich wohl sogleich bewußt, daß er etwas schlechthin Neues tat. [Kant:] „Ich bemerkte, daß mir noch Wesentliches mangele (nämlich in der Dissertation), welches in der Tat der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis der Metaphysik“ ist. (Jaspers S.197)

Und im Kleingedruckten auf Seite 198 kommt er unverzüglich zu der [aus meiner Sicht nun einfach „falschen“ ] Beantwortung der Frage nach Subjekt und Objekt durch die Mystiker; am Ende wird speziell Indien genannt, das mir dank der Attraktion seiner Musik soviel zu schaffen gemacht hat. Die Mystiker überschritten das Problem der Subjekt-Objekt-Spaltung dadurch, dass sie es – wie sie meinten – hinter sich (unter sich) ließen.

Ihre Sprache ist voll von tiefsinnigen Wendungen über das, was weder Subjekt noch Objekt, sondern über beide hinaus ist. Aber diese Erfahrungen waren nur möglich durch Veränderungen des Bewußtseinszustandes dorthin, wo Ich und Gegenstand zugleich verschwinden. Darüber zu denken, bedeutete, von jener mystischen unio her auf sie hin zu denken.

Daß das Dasein im Subjekt-Objekt-Verhältnis nicht absolut, sondern ein Zweites ist, lehrte Plotin: Das Eine ist ungeteilt eines, mehr als Denken, über das Denken hinaus. Das Zweite ist das intelligible übersinnliche Reich des Denkens in der Spaltung von Denken und Gedachtem und des Gedachten unter sich. Aber das ist bei Plotin nur Konstruktion des Übersinnlichen. Die Lösung des Problems ist für ihn die Ekstase. Auch in Indien ist das Rätsel bedacht, aber nur im Transzendieren der Meditation zu anderen Bewußtseinszuständen gelöst.

Ganz anders Kant. Er blieb in unserem natürlichen Bewußtseinszustand der Subjekt-Objekt-Spaltung. Indem er in dieser Verfassung über sie hinausdenken wollte, um sie zu begreifen, mußte er mit jedem Satz, wie wir sehen werden, in eine anscheinend, aber nicht wirklich unüberwindbare Schwierigkeit geraten. er mußte, selbst in der Subjekt-Objekt-Spaltung stehend, gegenständlich reden von dem, was Bedingung des Gegenständlichen überhaupt ist. (Jaspers S.198, Hervorhebung von mir.)

Nach vorn, bitte!

Gestirnte Gedanken, banale Nähe

Höhe, Tiefe, Weite

Es nicht so ungewöhnlich, weit oben zu beginnen, geben Sie nur im Suchkästchen das Wort „gestirnt“ ein, und Sie sind im Thema. Das folgende Lied „Der Wanderer an den Mond“ von Schubert geht anders aus, als wir denken. Zuerst die Einsamkeit „im leeren Raum um Welt und ich“ (Benn), erschütternd die kindliche Frage „was mag der Unterschied wohl sein?“ und am Ende – wie wir heute meinen – der falsche Trost. Man kann es nicht ironisch nehmen.

Eine andere, ebenso ernste Frage: wie kann diese Frau beim Anblick des gestirnten Himmel so glücklich sein, da sie doch nicht einmal Poetin, sondern Wissenschaftlerin ist und immer wieder erwähnt, dass das menschliche Leben viel zu kurz ist? Nicht, wie ich sagen würde, 10 oder 20 Jahre, sondern – verstehe ich sie recht? – Milliarden Jahre. Mir fällt wieder ein, was Augustinus antwortete, als er geduldig über die Frage gegrübelt hatte, was Gott getan habe, bevor er die Welt erschuf. Er sagte: Nichts.

 Sehen oder nur zuhören HIER !

Sibylle Anderl ist keine Dichterin, aber mir erscheint das, was sie sagt (und wie sie es sagt) durchaus poetisch. Mit einer ungeheuren Perspektive. Insofern ist es nicht absurd, sich in diesem Zusammenhang mit Hölderlin zu befassen und das damals auch sehr neue Weltbild um 1800 in den Blick zu nehmen, die „Astronomie der exzentrischen Bahn“. Mit Alexander Honold. Nehmen Sie sich Zeit zum Lesen! Sehen Sie es doch einfach als meditative Übung. Es gibt keine bessere Meditation als Nachdenken. Hier. (Dank für den Hinweis an JMR !)

Fotonotiz Stuttgart 13.11.2018

 Alexander Honold s. Perlentaucher hier

Wie kommt es, dass mir die Erinnerung an die Hyperion-Lektüre meiner Jugend  unangenehm ist, trotz aller Unterstreichungen? Hat sich die Begeisterung mitgeteilt oder nicht? Heute sträubt sich alles, ihn wiederzulesen. Dieser allzuhohe Ton! Erst als ich die damalige Jahreszahl lese, kommt etwas zurück: war nicht mein Nonplusultra zu der Zeit „Klingsors letzter Sommer“ von Hermann Hesse, und: „Biegt sich in berauschter Nacht mir entgegen Nacht und Ferne“, habe ich Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ nicht damals auswendig gelernt, als ich noch unendlich weit entfernt von der Hälfte war? Auch das Gedicht, das auf Seite 158 des „Hyperion“ stand? Doch nicht wegen Brahms? Die Biographie von Heinrich Reimann (1911) kannte ich aus meines Vaters Bücherschrank, aber nicht diese Musik. Was hat mich so pathetisch bewegt? Und bringt mich heute auf Distanz?

 Das Klinger-Bild kann es nicht gewesen sein…

 

Heute ist mir der hohe Ton, die idealistische Sprache so fremd geworden, – wie leicht aber der neue Zugang: übers Internet. Wikipedia Hyperion einordnen hier. Und danach der Zugang über das Ohr, – einem glaubwürdigen Erzähler zu lauschen.

 HIER 

Damals schrieb ich mir – am Paderbornerweg 26, hoch über Bielefeld – die Gedichte mit blauer Tinte auf die Fensterscheiben und lernte sie, Goethe „Selige Sehnsucht“ und „Urworte. Orphisch“, darunter tat ich es nicht, bis ich Gottfried Benn entdeckte, „Statische Gedichte“, aber auch „Morgue“. Manchmal fühlte ich mich wie Nietzsche „6000 Fuß über dem Meere und viel höher über den menschlichen Dingen“. Es gab aber nur die Weiher in Olderdissen, auf denen wir im Winter Schlittschuh liefen. Einmal hat das Eis sogar nachgegeben. Nichts Heldisches von meiner Seite.

Und warum nun dieses Kontrastprogramm?

 Auf den Pfeil nur ein Mal klicken…

(genau das ist – mit einem Bild – der Inhalt des Films) und alsbald zurück … danach aber ohne Vorbehalt – HIER !

(„Entstanden ist die WDR-Eigenproduktion während des Bundesligaspiels Dortmund gegen Mainz am 20. April 2013“. Man sollte also die Eindrücke der gegenwärtigen BVB-Fan-Entgleisungen nicht hineinmischen. Oder?

 SZ 3./4.Nov.2018 Seite 37

Warum also? (Versuchen Sie es doch einmal mit dem Ansatz bei Helene Fischer hier)

Es steht ja auch in der letzten Strophe des Hölderlin-Liedes. Man muss es nur etwas anders lesen als Brahms. … die Angst, „jählings ins Ungewisse“ zu fallen.

In der Gemeinschaft schließen sich die vielen Mitglieder zu einem großen Wesen zusammen, das mehr, höher und mächtiger ist als die einzelnen Subjekte. Wer innerhalb der Grenzen der Gemeinschaft lebt, nimmt Platz in einer Über-Person ein, die er gemeinsam mit den anderen bildet. Dieses überpersönliche Gebilde ist die eine entscheidende Instanz des religiösen Lebens im Fußball und in der Pop-Kultur.

Quelle Gunter Gebauer: Poetik des Fussballs / Campus Verlag Frankfurt New York 2006 (Seite 107)

Nachholbedarf, optativ

Sokrates 1957/58 oder: was möglich gewesen wäre

Gebrauchsanweisung (Vorschlag): Man öffnet den Artikel doppelt, also in zwei Fenstern, vergrößert in dem einen durch Anklicken den griechischen Text, in dem andern den deutschen, so dass man durch Klicken leicht vom einen zum andern wechseln kann.

  Schullektüre 1957

Übersetzung: Friedrich Schleiermacher

 Privatlektüre 1958 .    .    .    . Privatlektüre Dez.1958

Auf den letzten Seiten finde ich einen Eintrag, der bedenkenswert ist (Kierkegaard begann ich 1961, mit wenig Ausdauer). „Predigen ist allerdings die schwierigste aller Künste und eigentlich die Kunst, die Sokrates preist: ein Gespräch führen zu können…

…Es versteht sich von selbst, daß deshalb keineswegs einer in der Gemeinde antworten muß oder daß es für immer helfen würde, einen Redenden einzuführen. Das, was Sokrates eigentlich an den Sophisten tadelte mit der Unterscheidung: daß sie wohl reden könnten, aber keine Zwiegespräche führen, war, daß sie über jedes Ding viel sagen konnten, daß aber das Moment der Aneignung fehlte. Die Aneignung ist gerade das Geheimnis des Zwiegesprächs.“ (Kierkegaard, Begriff Angst, S.19)

 Ja, es geht um Aneignung. „Erwirb es,… …um es zu besitzen.“

Und es gibt, in demselben Buch, letzte (Einband-)Seite, noch eine Notiz aus der frühen Zeit, die – frei nach Nietzsche – mein Vorurteil dieser 50er Jahre festhält, ein fast rassistisches: „der Asiate“ ohne Logik (ich meinte es nicht kritisch, – genau so schlimm).

 .    .    .    . Wie es (jeweils) begann…

Also: nicht nur eine Erinnerung, sondern eine Regelung des Nachholbedarfs. Ich war übrigens kein guter Schüler in Griechisch, – vielleicht ist auch deshalb der Durst unstillbar geblieben. Jedenfalls begann alles mit diesem frühen Band der Fischer-Bücherei, auch das Titelbild faszinierte mich. Da war ich gerade 15. Sehr wichtig war aber ein Jahr später der von Romano Guardini kommentierte Band. Die Lektüre des Originals in der Schule bedeutete Schneckentempo. Viel Lexikonarbeit, ohne gedankliches Neuland. Heute würde ich mich anders motivieren. Und würde es wohl  genauso anderen weitergeben können.

Wenn ich auch schon bald die Lehre von den Ideen und der Unsterblichkeit der Seele nicht mehr ohne Widerspruch hingenommen habe, – die Wendung der Rede zu Apoll und zu den Schwänen ist mir nie aus dem Sinn gegangen.

 

Deshalb dachte ich auch heute Mittag um 13.00 Uhr an Sokrates, als ich die Vogelschreie von hoch oben aus der Luft herabtönen hörte und sah, wie sich Tausende von Tieren im Schwarm hin- und herwendeten und zu formieren suchten. Es waren aber natürlich Kraniche und keine Schwäne. Ein erregendes Schauspiel.

 Foto E.Reichow 28.10.2018

Schön wär’s gewesen zu erfahren, dass sie sich auf den Weg nach Griechenland begeben. Aber sie hatten wohl ein anderes Ziel im Sinn. (Algarve? Marokko?)

Aus „Das große Buch vom Vogelzug“ von Kai Curry-Lindahl, Verlag Paul Parey Berlin und Hamburg 1982

Eine Frage der Perspektive

Ist es sinnvoll, das Fernrohr umzudrehen?

Ein nützlicher Ratschlag von Bruno Latour beschäftigte mich beim Anblick des offenen Meeres vor Texel. Er warnte davor, unsere Erde vom Sirius aus zu beurteilen, einem doch ziemlich imaginären fernen Standpunkt. (Ich glaube, er hat nicht an Stockhausen gedacht, der von dort kam und auch dorthin zurückkehrte, – wenn diese selbstbiographischen Angaben irgendeine Verbindlichkeit haben.) Aber ein durchaus ähnlicher Standpunkt gehört ja zur abendländischen Philosophie und ihrer theologischen Vorgeschichte. Zweifellos ist es verständlich, dass der nachdenkende Mensch Abstand gewinnen will, um nicht alltäglichen Kleinkram in jedes Problem einzumischen, vor allem, wenn er gerade Kopfschmerzen hat. Aber schon bei Liebeskummer hilft es nicht, sich damit zu trösten, dass in 50 Jahren sowieso alles vorbei sei. Man muss die Sachen also z.B. voneinander trennen, vor allem auch zwischen Gegenwart und Zukunft unterscheiden, Gegenwärtiges nicht einfach sub specie aeternitatis entwerten: warte ab, es wächst Gras drüber, – obwohl auch dieses Phänomen nicht geleugnet werden kann. Aber existenziellen Problemen kann man damit nicht beikommen. Und sie bewegen den Menschen seit Jahrtausenden. Ich zitiere wieder einmal Rüdiger Safranski:

Düstere ‚Wahrheiten‘ zirkulieren auch in der griechischen Antike. „Das Beste wäre, nicht geboren zu sein“, lautete der Spruch des Silen, eines Gefährten des Dionysos. Die griechische Metaphysik aber kam ja gerade deshalb auf, weil solchen dunklen Wahrheiten der Mythologie hellere entgegengesetzt werden sollten, Wahrheiten, die das Leben lebbar und den Tod als nicht tödlich erscheinen lassen sollten.

Aber am Ende ihrer zwei Jahrtausende währenden Geschichte ist die Metaphysik von der Verzweiflung, die sie überwinden wollte, selber überwältigt worden. Der Blick auf die monströse Gleichgültigkeit leerer Räume und auf eine Materie, in der ein blinder Wille tobt, wird, bei Schopenhauer etwa, eine ihrer letzten Pointen sein: „Im unendlichen Raum zahllose leuchtende Kugeln, um jede von welchen etwa ein Dutzend kleinerer beleuchteter sich wälzt, die, inwendig heiß, mit erstarrter Rinde überzogen sind, auf der ein Schimmelüberzug lebende und erkennende Wesen erzeugt hat – dies ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt.“ (Schopenhauer)

Schon wieder entsteht die Frage: ist dieser Blick aus dem unendlichen Raum eigentlich gestattet? Wie nun, wenn ich von ganz tief innen, aus dem Mikrobereich oder unserem eigenen Herzen umherschaue, ist es nicht ganz respektabel, was da um uns her aufgebaut ist, ein substantieller Körper und ein Geist, der ihm aus allen Poren quillt, wenn ich das so frech behaupten darf? (Besser nachzulesen unter „das moralische Gesetz in uns“ hier!) Doch weiter bei Safranski:

Aber diese Verzweiflung, in der antiken Metaphysik niedergerungen, hatte sich bereits in der frühen christlichen Metaphysik gerührt.

Die antike Metaphysik hatte über das in sich ruhende, abgeschlossene Sein nachgedacht. Die christliche Metaphysik, die von der biblischen Schöpfungsgeschichte ausging, begann bei Augustin damit, über das beängstigende Nichts zu meditieren. Gott hat die Welt aus dem Nichts geschaffen, und deshalb kann sie auch wieder nichtig werden.

Augustin stellt in seinen „Bekenntnissen“ die fast komische Frage: „Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf?“ und gibt am Ende einer ausführlichen Betrachtung die fast noch komischere Antwort: „Ehe Gott Himmel und Erde machte, machte er nichts.“ Der untätige Gott entschied sich „irgendwann“ einmal dazu, das Sein sein zu lassen; und er kann dieses Sein jederzeit in einem anderen Sinne „sein lassen“, nämlich verschwinden lassen.

Quelle Rüdiger Safranski: Wiewiel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare. Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 1993 (Zitat Seite 103)

Wir lachen wahrscheinlich, weil wir es ohnehin verschroben finden, die menschliche Philosophie unbedingt bei Gott ansetzen zu wollen (wie es noch Hegel tat). Aber wenig später erläutert Safranski:

Man sollte nicht vergessen, daß die christliche Metaphysik mit ihren Gottesspekulationen zugleich ins Zentrum der menschlichen Erfahrung vorstoßen wollte. Der Umweg über die Gottesspekulation bewahrte sie davor, zu niedrig vom Menschen zu denken.

An dieser Stelle wird es sehr interessant, zumal auch gleich die Liebe ins Spiel kommt, – und niemand ist heute gefeit vor der Gefahr, „zu niedrig“ von der Liebe zu denken, indem er sie mit der Assoziation Sex energetisch auflädt. Überraschenderweise kommt vielleicht ein Konsens auf, wenn wir vom „Zentrum der menschlichen Erfahrung“ sprechen. Da pocht heute jeder auf Unmittelbarkeit, was gern mit dem dürftigen Wort „Bauchgefühl“ angedeutet wird. Leider ist es nicht viel wert. Abgesehen davon, dass man sich plötzlich als Musiker wieder voll zuständig fühlen darf. Stichwort Thrill-Erlebnis. Mir ging es jedenfalls mit einem Aufsatz über Wagner so, den ich eigentlich bei Strandspaziergängen am Meer mit Bach verbinden wollte. Zusätzliche Motivierung kam durch den Essay von Martin Geck. Ja, sagte ich mir, es ist wohl diese unselige Arbeitsteilung: dass ein wesentlicher Teil der Inszenierung bestimmter Opern bei einer Person liegt, deren Lebensziel nicht in der Musik liegt, sondern in der Realisierung ganz eigener (auch abwegiger) Ideen. Mit der einzigen Beschränkung, dass die Musik selbst unangetastet bleibt. Ihre Wirkungen blieben im Dunkeln. Es ist aber nicht müßig, sich über die vielfachen Wurzeln des Gesamtkunstwerkes kundig zu machen, wenn es am Ende als solches gedacht war. Wobei niemand bezweifelt, dass Wagner lediglich als Musiker überlebt, nicht als Dramatiker, als Initiator überwältigender Bühnenbilder oder als Schöpfer unvergleichlicher Rahmenbedingungen. Z.B. Leute dazu zu bringen, stundenlang freiwillig, unter Schweigezwang, nahezu bewegungslos, in einem geschlossenen Raum zu sitzen. Es wäre ein unlösbares Rätsel, gäbe es nicht die Partituren des Tristan, der Götterdämmerung, des Parsifal. (Da musste erst ein Außenseiter kommen wie Navid Kermani, der den Vorschlag machte, endlich das Bayreuther Orchester auf die Bühne zu setzen, als unumstrittenen Hauptakteur.) Aber was ins Auge fällt: ist die primäre, gewaltige Außenwirkung, die religiösen Charakter hat.

Vor der großen realen Aktion (Foto Wiki)

Ich erinnere mich – wieder einmal – an eine Langspielplatte meiner Jugend: Lohengrin, Vorderseite: Vorspiel, Rückseite: 2.Szene „Elsas Traum“ . Damit fing unsere Begeisterung an, – im Vorspiel geduldig dem Höhepunkt mit den Becken- bzw. Paukenschlägen zugeführt zu werden, und in der Szene das Wechselspiel zwischen Sologesang und Chor der Männer zu erleben: wir merkten nicht, wie wir von ihnen die gläubige Haltung des Zuhörens übernahmen. Man beachte Elsas zunächst pantomimisches Verhalten, die Regieanweisungen, die wir nicht kannten – („Elsa neigt das Haupt bejahend“, „Elsas Mienen gehen von dem Ausdruck träumerischen Entrücktseins zu dem schwärmerischer Verklärung über“), die verbalen Reaktionen der Männer ringsumher (flüsternd): „Wie wunderbar! Welch seltsames Gebaren!“ DAS SIND WIR (mein Bruder und ich als LP-Hörer). Rührend und geheimnisvoll, speziell für uns, Elsas Worte: „Mein armer Bruder.“

Mir scheint heute, dass Elsa sich unschicklich verhält und dass ihr Verhalten, ihr „Wahnsinn“, zur wahren Natur umgedeutet werden soll, und zwar so, dass wir alle als Zuschauer umgewendet werden sollen, genau so, wie die zuschauenden Männer auf der Bühne. Ich komme darauf durch einen wahrhaft augenöffnenden Vortrag über Medien, Melodramen und ihr(en) Einfluß auf Richard Wagner von Mathias Spohr. (In den folgenden Zitaten werden Anmerkungen weggelassen oder in den fortlaufenden Text mit Kennzeichnung eingefügt.)

Obwohl sie etymologisch die Kunst des Nachahmens ist, wird die Pantomime zum Urmedium des Ausdruckshaften. Was an ihr allerdings naturhafter Ausdruck und was bloß naturnachahmende Affektdarstellung ist, bleibt unklar. Oft werden Gesten nur deshalb für ausdruckshaft gehalten, weil sie nicht schicklich sind (etwa bei den groteken Manierismen des Bühnenwahnsinns seit Ende des 18. Jahrhunderts) oder weil sie sportlich wirken. Ohne das Schickliche als Gegenmodell gibt es offenbar auch keinen Ausdruck, deshalb wandelt sich das Höfische zum Höflichen. Wo Schickliches und Natürliches übereinstimmen oder sich widersprechen, ist Ansichtssache, und die Neudefinition dieser Grenze stellt ein Mittel dar, sich von älteren Generationen zu unterscheiden, was sich in der Geschichte des Gesellschaftstanzes zeigt.

Die Theatererfahrung lehrt, daß auch bloße Technik natürlich und ausdrucksvoll wirken kann. Dieses von Denis Diderot erstmals formulierte Paradox [siehe auch in diesem Blog hier] ist meines Erachtens die Grundlage der sogenannten Mediengesellschaft: Seit dem Ausklang des Aufklärungszeitalters bildet sich die Überzeugung, daß Natur mit technischen Medien nicht bloß nachgeahmt, sondern hergestellt werde. Natürliches und Künstliches kann deshalb synonym sein, weil natürlich als Gegensatz zu schicklich gilt. Evident ist nur der ausgelöste Reflex, und seiner Wiederholbarkeit wegen kan man sich an ihm [sic] halten. Durch Drill, Dressur, Technik, also die willkürliche Vermehrung automatisierter Assoziationen nach dem Modell des Reflexes, wird Fiktion zu Natur, als funktionierende Gegenwelt zum schicklichen Alltag, wo nicht alles funktioniert. Physisch erlebte Reflexe scheinen den „lebendigen“ Ausdruck gegenüber der „toten“, distanziert begutachteten Naturnachahmung aufzuwerten.

In Wirklichkeit ist es umgekehrt; hier beginnt die traditionelle Verwechslung der automatisch vollzogenen Regel mit dem „Objektiven“, das wiederum für naturgesetzlich gehalten wird: Das durch schickliches Verhalten überforderte Bewußtsein hat ein Bedürfnis, bloß technisch zu funktionieren und schafft sich technische Medien, um sich mit ihnen zu identifizieren. Die Evidenz der eigenen Reflexe läßt das medial Vermittelte natürlich erscheinen, als sei es die Wirkung einer gleichermaßen physikalischen wie moralischen Kraft. Was nun als Schärfung der Sinne oder Vertiefung des Gefühls für dieses Natürliche verstanden wird, ist vielmehr eine verstärkte Identifikation mit den Medien, die diese Reflexe verfügbat machen, und erscheint der Außenwelt als Zwangsdenken oder Suchtverhalten.

Anm.: Überidentifikation mit Medien scheint mir die einzig plausible Erklärung für die Vielfalt zivilisatorischen Suchtverhaltens, vgl. Werner Gross, Sucht ohne Drogen. Arbeiten, Spielen, Essen, Lieben…, Frankfurt am Main 1990

Rückverweis vorher: Der unwillkürliche Reflex als Grundlage eines „natürlichen“ Erlebens und Verhaltens wird unter dem Motto der „sensibilité“ von den französischen Aufklärern diskutiert. Der Nimbus des Natürlichen, mit dem reflexartiges Verhalten seither umgeben wurde, führte im 19. Jahrhundert zu Versuchen, erlernte „Reflexe“ nicht nur als Technisierung des Handelns, sondern als rein physiologische Vorgänge zu erklären; der einflußreichste ist der von Iwan Petrowitsch Pawlow (ab 1903), von dem auch die Begriffe „bedingter“ und „unbedingter“ Reflex sowie „Konditionierung“ stammen (….).

Im Melodrama äußert sich das so: Die ausdruckvolle Gebärde wird oftmals ins Extrem geführt, um sie im Gegensatz zur schicklichen Gebärde als Übertragung überwältigender Energie zu kennzeichen, die das Publikum „in Schwung“ bringen soll. Dessen Bereitschaft, sich mit physischen Reaktionen „Resonanz“ vorzuspiegeln, wie mit kollektiven Automatismen, Klatschen, Stampfen, aber auch Weinen, erschrockenem Schreien oder „hysterischer“ Begeisterung, bestätigt das scheinbar. Diese physischen Reaktionen sind aber nicht wirklich spontan, sondern gehören zur Selbstinszenierung des Publikums, im Bewußtsein der Kausalität von Reiz und Reflex, die nicht angelernt, sondern naturgesetzlich erscheinen soll. Jene Verhaltensmuster haben sich seither auf Sportanlaß, Popkonzert oder Filmmelodram übertragen und sind bei politischen Veranstaltungen oder in religiösen Gemeinschaften geblieben, die sich des Melodrams bedienen. Die vormoderne Vorstellung einer Beseelung und Versittlichung durch Ausdrucksenergie wird hier weiterhin kultiviert, weil sie das Gefühl von Zusammengehörigkeit, also Identität in einer kollektiven Illusion, ermöglicht. Doch was sie als Energieübertgragung kundtut, ist nur die Faszination verfügbar gemachter Reflexe.

Etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts schafft sich das Publikum in ganz Europa mit „spontanem“ Weinen über rührende Situationen bei noch erleuchtetem [damals noch nicht verdunkeltem] Zuschauerraum ein Gemeinschaftserlebnis als Mensch unter Menschen. Kinderpantomimen ritualisieren, durch kollektive Rührung der Erwachsenen, ein Generationenverhalten jenseits von Standesunterschieden. Die Herkunft dieser Selbstinszenierungen vom höfischen Zusammenwirken gesellschaftlichen und theatralischen Rollenspiels ist hier am besten zu greifen.

Auf den folgenden Seiten wird exemplarisch an Jean-Jacques Rousseau und seiner melodramatischen Szene Pygmalion (1762) gezeigt, wie die Statue „vom pantomimischen Ausdrucksdrang des Künstlers in Resonanz versetzt“ wird. Die Übertragung „beseelender“ Energie lasse aus dem Zeichen das Bezeichnete werden. Rousseau reflektiere hier, „was er auf den Jahrmärkten gesehen hat, und macht es durch seine Autorität als berühmter Verfechter des Natürlichen salonfähig.“ Interessant, wie die neuen Geschlechterrollen definiert werden.

Der wirkliche Mann ist seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nicht mehr männlich im Sinne einer ständisch differenzierten „virtus“, sondern er ist ein Medium, das Ideen realisiert. Eine solche Idee ist die „Natürlichkeit“ der Frau; das Weibliche ist Wirkung der männlichen Energie. Die „holde Kunst“ ist nicht mehr als allegorische göttliche Macht selbst aktiv, sondern wird vom männlichen Gesang als das reflexhaft Liebende definiert. Als heilendes Medium macht der Magnetiseur, später der Psychiater, die hysterische Patientin natürlich. Allseitige Bereitschaft, auf das Pygmalion-Rollenspiel einzugehen, garantiert die (auf bewußtes Erleben scheinbarer Resonanz reduzierte) Katharsis.

Als typisches Beispiel fungiert der berühmte Kampf zwischen Armida und Rinaldo. Ein nach Tasso frey bearbeitetes Melo-Drama in vier Aufzügen mit Chören und Tänzen vermischt. Burgtheater Wien, 1793 (Text: Josef Marius Babo, Musik: Peter Winter).

Armida ist als rächende Königin der klassizistischen Tragödie nicht „weiblich“ im Sinne des modernen Rollenverhaltens. Ihre vorübergehende, einem filmischen Zwischenschnitt ähnliche Wandlung zur „liebenden Frau“, von ihr selbst als Sieg der „Natur“ verstanden, wird von melodramatischer Musik begleitet. Der Musikeinsatz trennt zwei aufeinanderfolgende Arten von Gestik: das Unnatürliche, Irreale, bloß Heroische der Rache (dargestellt durch das herkömmliche „noble“ Bewegungsrepertoire) vom Natürlichen, Realen, Ausdruckshaften der Liebe (dargestellt durch das moderne „schlichte“ Bewegungsrepertoire).

Hier läßt sich exakt beschreiben, wie der Kurzschluß zustandekommt, der dem Medium „Macht“ verleiht: Musik wird, rein technisch, als reflexauslösendes Signal eingesetzt. Das Publikum projiziert die Ursache der Wandlung zur „Natürlichkeit“ in das unsichtbare Medium, da es die natürliche Gestik als Wirkung einer moralischen Kraft verstehen will, die von dem betrachteten Mann ausgeht – umso mehr als „Ausdruck“ hier zur Abwehr gegen das Schickliche älterer Generationen instrumentalisiert ist. Die Selbsttäuschung hat zur Folge, daß das Medium im Medium Ursache für Wirkungen wird, die es nicht hat. Die Musik an sich, bloß weil sie Reflexe auslöst, scheint als Symbol jener moralischen Kraft die Figur natürlich und weiblich zu machen, bekommt also ein imaginiertes Eigenleben als unsichtbare, bewegende Seele.

Da der Autor diesen Mechanismus im Folgenden an Mozarts Bildnisarie nachzeichnet, sei der Text zur Erinnerung eingefügt:

Dies Bildnis ist bezaubernd schön
Wie noch kein Auge je geseh’n.
Ich fühl‘ es, wie dies Götterbild
Mein Herz mit neuer Regung füllt.
Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen,
Doch fühl‘ ich’s hier wie Feuer brennen;
Soll die Empfindung Liebe sein?
Ja, ja! Die Liebe ist’s allein.
O wenn ich sie nur finden könnte!
O wenn sie doch schon vor mir stünde
Ich würde – würde – warm und rein –
Was würde ich? –
Ich würde sie voll Entzücken
An diesen heissen Busen drücken,
Und ewig wäre sie dann mein!

Wie in der Bildnisarie der Zauberflöte stellt die Musik eine scheinbare Kausalität zwischen dem „Betrachteten“ und dem „natürlichen“ Verhalten her. Das überlagerte [übergelagerte? überlagernde?] Medium, die Musik, scheint vom darunterliegenden, dem Bildnis oder dem Schlafenden als lebendem Bild [Rinaldo], reproduziert zu werden, sein Reflex zu sein; hier wird besonders klar ersichtlich, daß technische Reproduktion ihr Vorbild im Reflex hat und dessen Verlängerung ist. Das überlagerte Medium wird nun automatisch als das „innerliche“ wahrgenommen. Demnach ist die Fiktion in der Fiktion das Innerliche des Innerlichen, wie in der Bildnisarie das Besingen der Abbildung auf dem Theater. Überlagerte Information wird scheinbar zu inniger Ausdrucksenergie, Ausdruck ist die „Kraft“ der technischen Objektivierung.

Das Medium Musik ist nun nicht mehr parallel zum Optischen, sondern scheint die innerste der Fiktionen zu sein. Das Publikum glaubt demzufolge, selbst ein „inneres“ Medium zu haben: Die scheinbar natürliche Kausalität zwischen innerer und äußerer Fiktionsebene führt zur Illusion des „Unterbewußtseins“.

Anm.: Etwa seit dem 17. Jh. erfolgte auf vielen Ebenen des gesellschaftlichen Verhaltens ein planmäßiger Aufbau eines „Unterbewußtseins“ (um es später zu „Natur“ zu verklären). In die systematische Pflege reflexhaften Handelns, wie sie in Pantomime und Rührstück, im „bürgerlichen Konzert“ und im Sport zum Ausdruck kam, fügt sich auch die von Norbert Elias beobachtete Entwicklung des Scham- und Peinlichkeitsverhaltens ein, das zunehmend vom Bewußten ins Unbewußte verlegt wurde. (Quelle Elias)

An dieser Stelle kommen ernste Zweifel auf, ob der Autor wirklich den gesicherten Stand der Forschung reflektiert, ebenso im folgenden Absatz (JR):

In diese allseitige Identifikation mit technischen Medien ist Sigmund Freud hineingeraten, der das seinerzeit Unschickliche für wahren Ausdruck hielt und von daher auf die Existenz eines Unterbewußtseins schloß – während seine Patientinnen bloß auf eine Art, die sie im Melodrama lernen konnten, gegen das Schickliche rebellieren.

Quelle Mathias Spohr: Medien, Melodramen und ihr Einfluß auf Richard Wagner. In: Richard Wagner und seine „Lehrmeister“ Hrsg.: Christoph-Hellmut Mahling und Kristina Pfarr. Are Edition Mainz 1999 (Seite 49-80)

Ich bin konsterniert und zugleich in meinem Element. Um in Bildern zu sprechen:

.     .     . .     .     . .     .     .

Das übliche Missverständnis: der eine spricht – wie so oft – von dem einsamen Pferd da hinten auf der Weide; der andere aber von dem Insekt auf der Scheibe. Die Optik der beiden Augenpaare ist unterschiedlich eingestellt, schwer verständlich wenn man die Fotos sieht. Im Reich der Ideen ist das an der Tagesordnung, und es bedarf einiger Worte, klarer zu sehen. Ist es innen oder außen, Imagination oder Projektion, Phantasie oder Fata Morgana? Gibt es denn ein Unterbewusstsein oder nicht? Ich wusste doch seit langem, dass Freud und C.G.Jung kaum mit alldem vereinbar war, was z.B. in Thomas Metzingers „Bewusstsein“ (1995) zu lesen ist. Aber es lief gewissermaßen parallel, sooft ich wieder Adorno las und etwa sein Wagner-Buch (1952) nach wie vor richtungweisend fand. Der Perpektivwechsel als zweite Natur!

Und dieses Wagner-Buch, das ich gerade lese, beruht auf einer Tagung von 1997 und rührt in meinem Fall an tiefgehende Musikerlebnisse, die etwa 1957 begannen und jetzt plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. So als habe mir jemand erklärt, dass ich das Opernglas damals falsch herum gehalten habe. Daher die Überwältigung durch das, was ich hörte und innerlich sah oder dank der LP mir lebhaft als Realität vorstellte. – Und jetzt überspringe ich alles, was es da an Wissenswertem über Pantomime, Melodramen usw. zu lernen war, um zu meinem Lohengrin-Wagner von 1957 zurückzukommen, auch wenn hier letztlich vom Tristan die Rede ist:

Wagner entfernt die Ensembles, die dem Publikum mit synchronen Aktionen Resonanz vorspiegeln, von der Bühne, macht gestikulierende Dirigenten und Instrumentalisten unsichtbar und verschleiert die Taktmetrik als Merkmal veräußerlichter Resonanz: Die naivste melodramatische Wirkung, den Ausdruck, der malend auf sich selber zeigt, soll es im Musikdrama nur innerhalb der Musik geben. Reflexe sollten nicht vorexerziert, sondern unauffällig konditioniert und dann direkt und differenziert ausgelöst werden, damit das Publikum glaubt, sie stammten aus dem eigenen Bewußtsein, das sich als verschlungenes, vielschichtiges und doch logisches Ganzes wie von außen betrachten läßt und damit den zivilisierten Glauben an eine Zerlegbarkeit der Welt in objektivierte Funktionselemente bestätigt. Wagner versucht, die Faszination der Objektivität, die von Medien wie Technik oder Photographie ausging, für sich zu nutzen. So wird der vom Melodrama beförderte Glaube an eine Kausalität moralischer Kräfte wieder glaubwürdig.

Mit der Hingabe an den Ausdruck, erlebt als physische Energie, verbindet sich lustvoll das Bewußtsein seiner technischen Beherrschtheit; diese gleichzeitige Distanz und Distanzlosigkeit gegenüber den erzeugten Emotionen, das genießerische Betrachten der verfügbar gemachten Reflexe, kennzeichnet die Katharsis im Melodrama. In derselben gesteigerten Ausdruckshaftigkeit, mit technisch virtuoser, aber nicht sichtbar veräußerlichter, sondern ins unsichtbar Musikalische verlagerter Gebärde, schafft das Musikdrama soziale Identitäten. Tristan und Isolde bekommen durch komplexes Ineinandergreifen chromatischer „Schmerzens“-Figuren (also einer melodramatischen Übersteigerung des barocken „Pathos“ zu modernem „Ausdruck“) ein „Unterbewußtsein“, als großartiges und von selbst ablaufendes Innenleben. So ein Unterbewußtsein möchte auch das Publikum gern haben, deshalb glaubt es naiv wie das Publikum der Melodramen an die Magie des Mediums. (…)

Quelle Mathias Spohr: Medien, Melodramen und ihr Einfluß auf Richard Wagner. In: Richard Wagner und seine „Lehrmeister“ Hrsg.: Christoph-Hellmut Mahling und Kristina Pfarr. Are Edition Mainz 1999 (Seite 49-80)

Fortsetzung hier

Kunst, die niederdrückt und inspiriert

Figuren in der Morgensonne: Engel oder Heuschrecken?

Lesen Sie Texte von H.G.Wells, Günther Anders, Shoshana Zuboff, Christian Schwägerl?

Dann hören Sie sie doch auch, sehenden Auges!

HIER  Bitte nach Öffnen auf das Wort Film klicken, Vollbildmodus einstellen und 5 Minuten Zeit haben! 

Neues aus der Buchhandlung meines Vertrauens: Bilder von Kanak Chandresa u.a.

Schauen Sie scharf hin, lassen Sie den Blick vom Kamel aus senkrecht wandern – eine der kleinen Figuren hat mich für immer verlassen! – und am Ende auch nach ganz links: das einsame Buch dort befindet sich bereits in meinem Besitz. Geschichte Indiens – Von der Induskultur bis heute. Hermann Kulke & Dietmar Rothermund.

In der Überschrift vergaß ich ein wichtiges Wort, ich vergaß die Wirkung der Kunst; es muss folgendermaßen heißen: Kunst, die niederdrückt, inspiriert und wieder aufrichtet.

Handyfotos: JR

Gigantische Fuge gis-moll

Zu BWV 887, in aller Kürze

Zugegeben: der Titel ist etwas reißerisch, und das was man hört, entspricht dem nicht im geringsten. Eine sehr lange Fuge, ja, aber ohne offensichtliche Höhepunkte, gerade auch in der Aufnahme mit Andras Schiff. Gleichmäßiger, unemotionaler kann man sie kaum spielen; es sei dahingestellt, ob das richtig ist, – schön ist es auf jeden Fall. Niemand kann sagen, es sei unmöglich, die drei Stimmen zu verfolgen, – und darauf kommt es doch an, nicht wahr? Ein gleichmäßig geflochtenes Band. Und es ist Sache des Zuhörers, des Lesers, – nicht des Interpreten -, Themen herauszulösen und formale „Blöcke“ zu erkennen. So könnte man sagen, und ich werde gern darauf eingehen. Erst später würde ich dafür sorgen, dass schon die Noten zu sprechen beginnen; danach würde ich vielleicht auch anfangen, die recht leidenschaftslose Tonaufnahme kritisieren. Aber vorläufig will ich mich einfach dem klingenden Text unterwerfen. Nicht meditieren, noch weniger träumen, – ganz Aufmerksamkeit, ganz Ohr.

Zum Mitlesen:

Aufnahme mit Andras Schiff im externen Fenster HIER aufrufen und sofort zurückgehen, um den Notentext zu verfolgen!

Zitat (Alfred Dürr verweist auf Wilhelm Keller):

Wie Keller (S.169) mit Recht bemerkt, verlangt diese Fuge „mit anderen Maßstäben gemessen zu werden als die meisten anderen Fugen Bachs“. Ursache hierfür ist ein gewisses Understatement; fast möchte ich behaupten, das Auffälligste an ihr sei ihre Unauffälligkeit. Denn schließlich handelt es sich um eine „gelehrte“ Doppelfuge, deren Nachvollzug an den Hörer besondere Ansprüche stellt. Ihre Folge 1. Thema – 2. Thema – Vereinigung beider Themen deutet auf eine natürliche Steigerung, die eine entsprechende Hörerwartung zur Folge hat – eine Erwartung, die Bach andernorts durchaus zu erfüllen versteht: (…).

Noch einmal: in Richtung auf ein Informierteres Mitlesen derselben Noten:

 

Hinweis zu den farbigen Einzeichnungen: sie betreffen ausschließlich die Orientierung im Formablauf. Rot (senkrechte Striche): die Abschnitte, römische Zahlen: die Durchführungen (jeweils vollständige Themendarstellung in jeder Stimme). Grün: Hinweis, welche Stimme das Thema vorträgt, S(opran), B(ass), A(lt). Umrahmende Schrägstriche am Buchstaben bezeichnen den „überzähligen“ Einsatz. Die scheinbare Unbestimmtheit in Takt 61 rührt daher, dass das neue Thema dieses Teils III auf dem dritten Achtel einsetzt, Teil II aber auf dem Niederschlag bzw. der Auflösung des Vorhalts auf dem zweiten Achtel endet (daher auch das +Zeichen).

Damit die äußere Form auch für Nicht-Notenleser klar vor dem inneren Auge steht, sollen hier die Zeitangaben für die obige Aufnahme folgen:

A I + II Verarbeitung des ersten Themas allein (T. 1 bis 61+) 0:00 bis 2:12

B III Verarbeitung des zweiten Themas allein (T. 61+ bis 96) 2:12 bis 3:34

C IV + V Kombination beider Themen (T. 97 bis 143) 3:34 bis 5:33 (Ende)

Trotz dieser plausiblen Dreiteiligkeit, die ich in Anlehnung an Alfred Dürr aufgelistet habe, kann man sich von Ludwig Czaczkes anhand detaillierter Kadenzanalysen überzeugen lassen (Bd.2 Seite 216) , dass eine große Zweiteiligkeit vorliegt, bzw. von Bach gedacht ist, nämlich A: I + II und B: III + IV + V . Damit will ich allerdings den eifrigen Hörer (und Leser) hier nicht aufhalten. Wir wissen nicht, wie Bach „gehört“ hat, und ob er die Form genau so „gehört“ hat, wie er sie beim Komponieren realisiert hat. Ob er die Durchführungen innerlich nummeriert hat…?  Sicherlich hat er ihre Verkettung miteinander nicht dem schöpferischen Moment überlassen. Und enger verkettet sind I + II auf der einen Seite, III, IV und V auf der anderen Seite. Es ist kein Sakrileg darüber nachzudenken – und auch die folgende Geschichte nicht überzubewerten:

Bey Anhörung einer starck besetzten u. vielstimmigen Fuge, wuste er bald, nach den ersten Eintritten der Thematum, vorherzusagen, was für contrapuncktische Künste möglich anzubringen wären u. was der Componist auch von Rechtswegen anbringen müste, u. bey solcher Gelegenheit, wenn ich bey ihm stand, u. er seine Vermuthungen gegen mich geäußert hatte, freute er sich u. stieß mich an, als seine Erwartungen eintrafen.

Quelle Carl Philipp Emanuel Bach über seinen Vater an J. N. Forkel in Göttingen , Hamburg Ende 1774 III/801

Die „contrapuncktischen Künste“ sind nicht das Entscheidende, und die beiden Themen, die in unserem Fall bei Durchführung IV „überraschenderweise“ so schön zusammenpassen, sind natürlich im Kopf des Komponisten gleichzeitig entstanden, aufeinander bezogen, komplementär, das eine mit Sprüngen versehen, das andere sich chromatisch hinab- und hinaufwindend. Und ähnlich ging es mit anderen Kontrapunkten. Der versierte Komponist weiß also auch, wenn Durchführung III mit dem neuen (chromatischen) Thema beginnt, dass dieses – nachdem es als Fuge ausgearbeitet wurde – auch mit dem Hauptthema der Durchführungen I und II eine Ehe eingehen wird.

Was ist dann „das Entscheidende“?

Das stellt sich erst in der kontinuierlichen Arbeit heraus. Die Fuge ist schwer zu lernen, zumal wenn man eine im Detail sinnvolle Phrasierung realisieren will. Man braucht einige Zeit, um die Fingersätze sicher einzuüben, so dass auch die Mittelstimme, die ja zum Teil wechselnd in der linken oder rechten Hand gestaltet wird, natürlich und kantabel verläuft.

Was macht eigentlich Andras Schiff? Spielt er ein durchgehendes Legato, nahe am Non-Legato? Am Schluss versucht er – eigentlich anders als von Bach angelegt – einen Höhepunkt über Marcatospiel und Stärkung der Basslinie zu erreichen. Eigentlich unnötig, andererseits auch wirkungsvoll. Ich will diesen großen Künstler nicht abwerten, bin aber sicher, dass man sich in Interpretationsfragen auch ganz anders entscheiden kann. Um es kurz zu begründen: meine Phrasierung stammt aus 1985, als ich in Bachs Geburtstagsjahr zum erstenmal einen Gesamtdurchgang durchs Wohltemperierte Klavier unternahm. Nach wie vor finde ich die damals gewählte Phrasierung in Ordnung. Der Charakter des Stückes ist für mich durchaus leicht, elfenhaft schwebend (nicht „gigantisch“!). Andere Assoziation: Schmetterling. Man sieht, dass kein Aufstieg ohne Abstieg ist, oder Ab und Auf,  ganz typisch auch im zweiten Thema mit dem chromatischen Quartgang abwärts und aufwärts zum Ausgangspunkt (mit Trillerbestätigung und dennoch wieder zurück). Oder schauen wir auf den Aufbau der Exposition (Durchführung I):

 Übe-Noten

Man könnte sagen: der ganze Aufbau führt eigentlich zu einer (durch Kontrapunkte angereicherten) Wiederkehr des Haupthemas in gleicher Lage wie am Anfang, allerdings in der Altstimme (überzähliger Einsatz Takt 19). Nachdem der Bass es bereits in gleicher Tonart präsentiert hatte (ab Takt 13). (Die abweichende Bindung der drei ersten Töne – statt der zwei wie sonst – bleibt unauffällig und ist durch die Zweierbindung im Sopran begründet, die nicht konterkariert werden soll.)

Ähnlich könnte man die Durchführung II beschreiben: Beginn Dominanttonart (wie Takt 5) im Bass, ebenfalls Takt 44 im Sopran; überzählig die Wiederkehr Takt 55 im Bass und zwar in der Grundtonart, plus zwei Takte zur phrygischen Kadenz, die das neue Fugenthema heraufbeschwört.

Quellen Alfred Dürr: Johann Sebastian Bach Das Wohltemperierte Klavier / Bärenreiter Kassel 1998 (Seite 386 u.a.)

Ludwig Czackes: Analyse des Wohltemperierten Klaviers Band II Form und Aufbau der Fuge bei Bach / Österreichischer Bundesverlag Wien 1982 ( Seite 216)

Nachwort

Die Assoziation „Schmetterling“ kam nicht ganz aus heiterem Himmel: Die „Pièces de Clavecin“ von Couperin waren Bach vertraut, aber man darf annehmen, dass ihn zuweilen auch der reale Anblick von Schmetterlingen bewegte. Und ich muss zugeben, dass ich zuerst an ein „Slip Jig“ von Tommy Potts gedacht habe (siehe hier), und schon deshalb stelle ich mir die Bach-Fuge etwas schneller vor als bei Andras Schiff. Das ist aber rein subjektiv. Da ich weiß, dass z.B. das Zwischenspielmotiv der Fuge in Fis-dur (BWV 882) von Rameau stammt, will ich mich selbstverständlich weniger auf meinen irischen Zeitgenossen berufen als auf einen französischen Joh. Seb. Bachs, nämlich Couperin. Aber wie gesagt: nur als Assoziation.

 Couperin

Wenn ich nochmal auf Dürrs Wort vom „Understatement“ verweisen darf, – er sagt am Ende seiner Analyse auch:

Offenbar zielte Bachs Absicht in dieser Fuge nicht auf solche Steigerungseffekte (denn gegen die Annahme eines unreifen Frühwerks spricht die planvolle Disposition). So könnte es sein, daß gerade die äußerliche Unscheinbarkeit eines architektonisch durchkonstruierten Werks sein Ziel war – und vielleicht folgt es nicht ganz zufällig auf die Prachtentfaltung des As-Dur-Satzpaares, gleichsam als Gegenstück. (Zitat Dürr a.a.O. Seite 390)

Ich finde es noch naheliegender zu vermuten, dass diese Fuge die Antwort ist auf das wild bewegte, exaltiert emotionale Praeludium, das unmittelbar vorangegangen ist. Eine Antwort im Sinne des weisen LAOTSE. Gigantisch wie der Gedanke vom Wasser.

Andere Interpretationen an Klavier und Cembalo HIER

„…’n gutes Gefühl, frei zu sein!“

Warum dann die „Angst vor der Freiheit“?

Eine sehr wichtige Erkenntnis, die sich nicht so spielerisch erschließen lässt, dass sie jedem Kind einleuchtet. Versuchen Sie doch erstmal dies. (Externes Fenster… aber kommen Sie bitte gleich zurück, Zuhören genügt.)

Kenne ich das nicht schon? Aus meinem „Brevier“? Vielleicht von demselben Autor, in Thomas Vašeks „philosophie! die 101 wichtigsten fragen“ (Theiss Hohe Luft 2017) – zum Thema Freiheit, auf der Seite 229 (daneben also, hier nicht im Bild) die Freiheitsstatue :

Also doch alles ohne Angst!? Ich zitiere, – und ich wette, dass zahllose Leserinnen und Leser (falls es sie gibt) die folgenden Zeilen lesen und den Kopf schütteln werden, weil sie es anders sehen. Sie glauben hier wieder einmal mit den üblichen Worthülsen überschüttet zu werden, einer Art Wort zum Sonntag:

Natürlich will jedermann „frei“ sein. Frei von Zwängen, die den Wünschen Grenzen setzen, den Bewegungsdrang hemmen, die Entscheidungsmöglichkeiten einschränken: jedermann will frei sein von den nicht selbstgewählten Reglementierungen des Lebens.

Aber Freiheit macht auch einsam. In der Freiheit erfährt man sich als eine selbständige, selbstverantwortliche, von den anderen getrennte Größe. Das kann ein Gefühl der Ohnmacht und der Angst erzeugen. Freiheit löst  aus selbstverständlichen, Geborgenheit gewährenden Bindungen und belastet einem mit der Aufgabe, solche Bindungen selbsttätig herzustellen. Freiheit unterhöhlt die Autorität vorgegebener Wahrheiten und zwingt einen, sich selbst Wahrheiten zu geben und wenigstens zu wählen, nach denen man sein Leben einrichten will. Das alles heißt Selbstbestimmung. Die Angst vor der Freiheit ist die Angst vor der Einsamkeit der freien, riskanten Selbstbestimmung und Selbstverantwortlichkeit. Die Angst vor der Freiheit ist Protest gegen die Zumutung, ein Ich sein zu sollen. Die Angst vor der Freiheit ist Protest gegen die Zumutung, das zufällige, vereinzelte Ich sein zu sollen, als welches man sich vorfindet. Angst vor der Freiheit ist Angst vor der eigenen Kontingenz, der Nicht-Notwendigkeit.

Ganz anders der Urlaub damals, den ich nicht vergesse, aber auch nie wieder erleben möchte, in Calpe, mit Blick auf den Peñón de Ifach, der zeichenhaft aus dem schimmernden Blau ragte, nach der unendlichen Nachtfahrt mit Beethoven, wie er sagt, dass er uns liebt, Adagio molto e mesto, „ein Akazienbaum aufs Grab meines Bruders“, später kaufe ich mir am Ort eine spanische Gitarre, damals war Udo Lindenberg relativ neu, kein Problem, ihn trivial zu finden und doch oft zu hören, selbstironisch, „Hoch im Norden“ 1974. Hier. Seitdem kehrt dieser eine Satz in penetrant melodischem Tonfall regelmäßig wieder, lebenslang, an den unpassendsten Stellen: „das ist’n gutes Gefühl, frei zu sein“. Aber zur Sache, es hat unweigerlich auch mit (der Suche nach) Wahrheit zu tun, und diese hat mit (dem Bedürfnis nach) Sicherheit zu tun. Und die Sicherheit nicht unbedingt mit Freiheit. Alles was ich eben zitiert habe und weiter zitieren werde, stammt von dem Philosophen Rüdiger Safranski. Und von ihm lernt man, dass man möglicherweise mit sich selbst, den „eigenen“ Gedanken und Überzeugungen niemals ganz zufrieden sein wird. Egal, wie frei man sich fühlt. Was fehlt, ist der archimedische Punkt außerhalb. Oder die Fähigkeit, ohne ihn zu leben. Er sagt es so:

Es ist die Angst vor der Freiheit, die an eine von einem selbst unabhängige Wahrheit glauben läßt. Man will mit seiner Wahrheit nicht alleine bleiben, und man will den Verdacht loswerden, daß man sie vielleicht nur erfunden hat. (S.195)

Es war die Angst vor der Freiheit, die ein reiches Repertoire an Denkformen hervorgebracht hat, die den Abgrund der Freiheit verdecken sollten.

Die antike Metaphysik ebenso wie die modernen Wissenschaften konstruieren gedanklich ein notwendiges Sein, in dem die Freiheit eigentlich keinen Platz hat: (…) Gerade in der Moderne, in der das Freiheitsverlangen so mächtig geworden ist, betreibt das herrschende Denken hintenherum eine Freiheitsberaubung im großen Stil. Das Bewußtsein, das Freiheit will, scheint so genau wie nie zuvor darüber Bescheid zu wissen, von welchen gesellschaftlichen, natürlichen, psychologischen Ursachen das vermeintlich freie, spontane Handeln bestimmt wird. (S.196)

Angst vor der Freiheit war es auch, die in den modernen pluralistischen Massengesellschaften die Anfälligkeit für die totalitäre Versuchung steigerte. Gerade die Pluralität konkurrierender Wahrheiten, die sich wechselseitig relativieren mußten, wirkte offenbar beängstigend. Deshalb kam es zu fundamentalistischen Zusammenrottungen um die jeweils eine Wahrheit, und deshalb wurde das europäische 20. Jahrhundert zum Zeitalter der Ideologien, des Totalitarismus, des Nationalismus und des Fundamentalismus. (S.198)

Quelle Rüdiger Safranski: Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? Über das Denkbare und das Lebbare / Fischer Frankfurt am Main 1993 / 2005 (Hanser 1990)

Eine Antwort also erspare ich mir. Da bleibt zunächst das Schlusswort vom Vakuum (Lindenberg), dann der vorsichtige Hinweis auf Beethovens Streichquartettsatz. Das alles ist 40 Jahre her, aber dem hätte ich auch heute nichts hinzuzufügen. Man brauchte nur noch 14 Minuten Zeit und Ruhe,  – schon wüsste man, was Freiheit bedeuten kann.

Ausblick: man muss die Augen offenhalten und schauen, wie einem das Wort Freiheit begegnet und ob es in dem Sinne, wie es Safranski auf Wahrheit bezieht, immer wieder etwas Erhellendes ergibt. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Perspektive. Privates Nahziel: Angenommen, wir realisieren den Besuch der Herrenhäuser Gärten. Ich denke nicht nur an Leibniz, sondern wie immer auch an Bach. (Doch darüber später.)

Nachtrag 30.08.18 (in Erinnerung an Belcea-TV-Erlebnis im Hotel Hansa Herford)

 „Was diese Musik antreibt, ist die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit sowie das unstillbare Verlangen, seine eigenen Grenzen zu erweitern und dabei die Wahrheit über sich selbst zu erfahren“, schreibt das Belcea Quartett in seinem Vorwort zur Aufzeichnung der Beethoven-Streichquartette.

Unbedingt vormerken: 9. September 12.20 Uhr HIER Sendung in 3sat.